David - Walter Dietrich - E-Book

David E-Book

Walter Dietrich

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Beschreibung

Seit 3000 Jahren unvergessen: David – Hirte und Musiker, Krieger und Herrscher, Liebhaber und Liederdichter, Kämpfer und Beter, der Siegende, Leidende, Sterbende und Wiederkehrende. Der neue Band aus der Reihe 'Biblische Gestalten' handelt von den Quellen, die über David berichten, von der Zeit, in der er lebte und die er mitgestaltete, und von den Wirkungen, die er in Literatur, Musik, und darstellender Kunst auslöste. So entsteht ein facetten- und farbenreiches Bild des David, der in der europäischen Religions-, Kultur- und Geistesgeschichte in ganz außerordentlicher Weise präsent und wirksam ist.

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Seitenzahl: 448

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Biblische Gestalten

Herausgegeben von Christfried Böttrich und Rüdiger Lux

Band14

Walter Dietrich

David

Der Herrscher mit der Harfe

Der hochwürdigen Theologischen Fakultät der Universität Helsinki in Dankbarkeit und dem Freund Timo Veijola († 1.8.2005) in bleibender Verbundenheit

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

2., durchgesehene und aktualisierte Auflage 2016

© 2006 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Umschlaggestaltung: behnelux gestaltung, Halle/​Saale

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04929-5

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

A. Einführung Die Vita Davids im Spiegel der Kunst

B. Darstellung

I. Die Quellen über David aus biblischer Zeit

1. Davids Haus in der Stele von Tel Dan

2. David in den Samuelbüchern

2.1 Das »Höfische Erzählwerk«

2.2 Die älteren Traditionen

2.3 Die späteren Weiterungen

3. David in der übrigen Hebräischen Bibel

3.1 Die Propheten

3.2 Die Chronik

3.3 Die Psalmen

4. David in spätbiblischen Zeugnissen

4.1 Das »Lob der Väter« des Jesus Sirach

4.2 Das Neue Testament

II. Die Geschichte Davids im 10. Jahrhundert v. Chr

1. Davids Zeit im Fokus der Quellen

1.1 Der archäologische Befund

1.1.1 Siedlungsarchäologie

1.1.2 Flächenarchäologie

1.2 Der literarische Befund

1.2.1 Geschichten und Geschichte

1.2.2 Die Samuelbücher und die Geschichte Davids

2. Davids Aufstieg

2.1 Der Söldner

2.2 Der Freibeuter

2.3 Der Philister-Vasall

3. Davids Herrschaft

3.1 Die Doppelmonarchie

3.2 Die Staatsorganisation

3.3 Die Außenbeziehungen

4. Davids Nachfolge

4.1 Die Söhne und die Erbfolge

4.2 Das Ausscheiden Amnons und Abschaloms

4.3 Das Ringen zwischen Adonija und Salomo und Davids Ableben

III. Die Gestalt Davids in Bibel und Kunst

1. David und die Macht

1.1 Der legitime Usurpator

1.2 Der gewaltlose Kämpfer

1.2.1 David und Goliat

1.2.2 David und Abigajil

2. David der Mann

2.1 Der rücksichtslos Liebende

2.1.1 David und die Familie Sauls

2.1.2 David und Batscheba

2.2 Der leidende Starke

3. David der Künstler und Dichter

3.1 Der hebräische Orpheus

3.1.1 David als musizierender Hirte

3.1.2 David als Musiktherapeut

3.2 Der Psalmist ohne Psalmen

3.2.1 Davids Poesie

3.2.2 Davids Psalmenmusik

4. David als Mensch vor Gott

4.1 Der eigensinnige Fromme

4.2 Der vorbildliche Sünder

C. Ausweitung Der David redivivus im Spiegel der Wirkungsgeschichte

D. Verzeichnisse

1 Literatur

2. Abbildungsnachweis

Weitere Bücher

Anmerkungen

VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

König David – oft beschrieben, oft besungen, oft gemalt. Gibt es über ihn noch Neues mitzuteilen? Schon das wäre etwas: gut Gesagtes, schön Gesungenes, treffend Gemaltes in Erinnerung zu rufen. Es gibt indes auch Neues: neue Überlegungen zu den biblischen Quellen, neue Informationen zur Geschichte der Zeit, neue Wahrnehmungen der unvergänglichen Gestalt Davids. Der Versuch, alt und neu zu mischen, die Zusammenschau der Ebenen, gleichsam die Schaffung einer neuen Skulptur Davids aus teils vertrauten, teils noch unverbrauchten Materialien, ist der Zweck dieses Buches.

Ein solcher Versuch konnte nur nach längeren Vorarbeiten und mit Hilfe unverdrossener Unterstützer gewagt werden. Vorausgegangen sind mehrere Seminarien, Symposien und Buchveröffentlichungen zur Forschungs-, Literatur-, Zeit- und Wirkungsgeschichte der David-Gestalt, deren Einsichten und Ergebnisse im vorliegenden Band fruchtbar gemacht werden. Seit einigen Jahren unterstützt der »Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung« das von mir verantwortete Projekt »Erforschung der Samuelbücher«. In diesem Rahmen konnte ich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anstellen, die mir zur Hand gingen – so auch bei diesem Buch: Marie-Gabrielle Mouthon und Simon Hofstetter beim Korrekturlesen, Sara Kipfer bei der Suche und Aufbereitung von Bildmaterial, Stefan Münger bei der Aufnahme oder Herstellung von Kartenskizzen. Viele Gespräche und Diskussionen im Kollegen-, Doktoranden- und Studierendenkreis haben mich belehrt und bereichert. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag, insbesondere Frau Dr.Annette Weidhas, und den Reihenherausgebern, namentlich Herrn Prof.Rüdiger Lux, war konstruktiv. So lege ich diesen Band in Dankbarkeit vor – und in der Hoffnung, er werde denen, die ihn (oder in ihm) lesen, mancherlei Gewinn und auch Freude bringen.

Bern, im Frühjahr 2006

Walter Dietrich

ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Ich bin dankbar, anlässlich der Neuauflage einige (glücklicherweise nur wenige) Korrekturen am Text der Erstauflage anbringen, vor allem aber: eine Reihe von Aktualisierungen vornehmen zu können, die sich aus der in den letzten zehn Jahren weiter fortgeschrittenen Forschungsdiskussion ergeben. Eigens genannt sei hier die Erweiterung der Literaturliste am Ende des Bandes: Die Einträge reichen jetzt über die Angaben in der Erstauflage hinaus bis ins Jahr 2016. Bei dieser Gelegenheit habe ich einen »Systemwechsel« gegenüber der ursprünglichen Bibliographie vorgenommen: Seinerzeit war sie untergliedert nach den Hauptkapiteln des Buches; das sollte leserfreundlich sein, konnte aber auch zu erhöhtem Aufwand bei der Auffindung eines Titels führen und verlangte immer wieder Querverweise zwischen den verschiedenen Abschnitten der Bibliographie. Jetzt sind die Literaturangaben zum gesamten Buch von A bis Z durchgeordnet, was (zumal auch dank der Aufdatierung) eine größere zusammenhängende Datenmenge ergibt, letztlich aber, so hoffe ich, doch der besseren Verwendbarkeit dient.

Erneut sei dem Verlag, insbesondere Frau Dr.Annette Weidhas, für die konstruktive Zusammenarbeit gedankt.

Bern, im Frühjahr 2016

Walter Dietrich

A. EINFÜHRUNG Die Vita Davids im Spiegel der Kunst

König David lebte vor rund 3000 Jahren. Er ist über diese drei Jahrtausende erstaunlich lebendig geblieben. Zweifellos ist er eine der Gestalten, welche die europäische Kultur- und Geistesgeschichte am nachhaltigsten beeinflusst haben. In den biblischen Schriften, in der frühjüdischen wie der frühchristlichen und dann auch der islamischen Literatur, in der Bildkunst mittelalterlicher wie moderner Kirchen, in Moldauklöstern wie in österreichischen Barockschlössern, in der Herrscherideologie byzantinischer, fränkischer und deutscher Kaiser, in der Kühle staatsrechtlicher Argumentation wie in der heißen Erwartung chiliastischer Bewegungen, in der Bildhauerei eines Michelangelo wie in Gemälden Marc Chagalls, in Oratorien und Opern vom Barock bis zur Moderne, in Elegien, Gedichten und Romanen vom Mittelalter bis in die Gegenwart: überall trifft man auf David.1

Die wichtigsten Stationen der Vita Davids, wie sie uns die Bibel schildert, sollen anhand einer mittelalterlichen Buchillustration in Erinnerung gerufen werden. Es handelt sich um eine Bilderserie, die dem »Bamberger Psalmenkommentar des Petrus Lombardus« (12. Jh.) vorgeschaltet war.2 Mit ihr sollte der Leserschaft die Lebensgeschichte des Mannes vor Augen geführt werden, der damals selbstverständlich als der Autor der Psalmen galt. Was er geleistet und erlebt, getan und erlitten hatte, sollte man sich beim Lesen und Hören, beim Rezitieren und Meditieren »seiner« Gebete vergegenwärtigen. Die Bildreihe folgt der Davidbiographie der Samuelbücher erstaunlich genau. Freilich versieht der Künstler die Texte unbefangen mit dem höfisch-ritterlichen Kolorit, das der Adressatenschaft offenbar vertraut war. Zur Sicherung eines korrekten Verständnisses gibt er den Figuren gelegentlich Spruchbänder (mit lateinischen Texten) in die Hand und lässt über den Bildern Textleisten mitlaufen, die (in gereimten lateinischen Hexametern) den Gang der Handlung gerafft wiedergeben. Nicht weniger interessant ist es zu sehen, wie er hier und da doch von der biblischen Vorlage abweicht, sie ergänzt oder kürzt (die entsprechenden Hinweise sind im Folgenden kursiv gesetzt).

Abb.1:

Der junge David kämpft mit Raubtieren (1Sam 17,34f.) und übt sich im Gesang zur Harfe, womit er die Tiere verzaubert.

König Saul rast und bedroht sein Gefolge. Ein Diener geht und sucht Abhilfe (1Sam 16,14–19).

David besänftigt mit der Harfe Saul (1Sam 16,23) und befreundet sich mit Sauls Ältestem, Jonatan (1Sam 18,1–4, auch 20,1–42).

Abb.2:

Samuel soll mit einem Horn (hier: einem Krug) voll Salböl nach Betlehem gehen. Dort salbt er David inmitten seiner Brüder zum König (1Sam 16,1–13).

Die Truppen Israels und der Philister stehen sich gegenüber. David wagt mit seiner Schleuder den Zweikampf gegen den riesigen Goliat (1Sam 17,1–41).

Der Philister ist gefällt; David schlägt ihm mit dessen eigenem Schwert den Kopf ab, den er anschliessend zu Saul bringt (1Sam 17,42–58). Auffälligweise sind für diese Geschichte zwei Bilder verwendet.

Abb.3:

Saul gibt seine Tochter Michal David zur Frau (1Sam 18,20–27). Der Brautpreis von 200 Philister-Vorhäuten bleibt unerwähnt.

Die Hochzeitstafel. Davon verlautet in der Bibel nichts. Umso anschaulicher tritt hier das mittelalterlich-höfische Milieu vor Augen.

David übt sich in Minne zu Michal, muss sie dann aber verlassen (1Sam 19,11–17). Dass er vor Mordanschlägen Sauls flieht, wird diskret übergangen.

Abb.4:

Der Philisterkönig Achisch von Gat nimmt David auf (1Sam 27,1–7). Davids zwielichtiges Leben als Milizführer und die Verfolgung durch Saul (1Sam 21–26) bleiben beiseite.

Vor der Entscheidungsschlacht gegen die Philister lässt Saul den verstorbenen Samuel von einer Totenbeschwörerin heraufrufen und erhält ein unheilvolles Orakel (1Sam 28).

Die Heere Israels und der Philister prallen aufeinander, Saul stirbt (1Sam 31). Davids Beiseitestehen und sein gleichzeitiger Kampf gegen die Amalekiter (1Sam 29–30) bleiben weg.

Abb.5:

David verflucht aus der Ferne das Gebirge Gilboa, auf dem Saul und Jonatan gefallen sind (2Sam 1,17–27). Den Todesboten lässt er töten (2Sam 1,1–16).

David wird zum König von Juda gekrönt (2Sam 2,1–7). Vermutlich ist auch die Einsetzung zum König von Israel (2Sam 5,1–5) mitgemeint. Im Hintergrund die neue Residenz Jerusalem (2Sam 5,6–12).

Blutige Stellvertreterkämpfe zwischen Kriegern aus dem davidischen Juda und dem saulidischen Israel (2Sam 2,8–17). Die Morde an Sauls Erben, General Abner und König Eschbaal (2Sam 3f.), bleiben beiseite.

Abb.6:

David überführt in feierlicher Prozession die heilige Lade nach Jerusalem. Dass er dabei tanzt (nach der Bibel fast nackt!), erweckt Michals Zorn (2Sam 6).

Abschalom hat sich gegen seinen Vater David erhoben und lässt sich über das weitere Vorgehen beraten. Er folgt dem Rat des David-Spitzels Huschai, während dessen Gegenspieler Ahitofel sich erhängt (2Sam 17).

Davids Flucht vor Abschalom und Beschimpfung durch den Sauliden Schimi (2Sam 16). Die vorangehenden Erzählungen von Ehebruch, Vergewaltigung, Mord und Intrigen am Königshof (2Sam 10–14) fehlen.

Abb.7:

Abschalom stirbt von General Joabs Hand, nachdem sich beim Ritt durch den Wald sein Haar (nach der Bibel war es sein Hals) im Geäst verfangen hat (2Sam 18,1–16).

Joabs Mannen – allesamt Ritter in Kettenhemden – erringen den Sieg. Der Bericht über die Schwierigkeit, David über den Tod seines Sohnes zu informieren (2Sam 18,19–32), wird übergangen.

David klagt und weint um Abschalom, seine Umgebung ist betrübt (2Sam 19,1–9). Die anschließenden Wirren (2Sam 19,10–

B. DARSTELLUNG

So anregend und unterhaltsam die Geschichte Davids in der gezeigten mittelalterlichen Bildserie dargestellt ist, und so schön und eindrucksvoll die Gestalt Davids noch ungezählte weitere Male in der europäischen Kunstgeschichte in Szene gesetzt worden ist (wovon im Teil B. III wenigstens ein bescheidener Eindruck geboten werden soll): Kritisches Denken verlangt nach Auskunft darüber, welcher Art und welchen Alters die Quellen sind, aus denen all diese Davidbilder gewonnen wurden.

I. Die Quellen über David aus biblischer Zeit

Das älteste und für die Folgezeit bestimmende Bild von König David hat die Bibel gemalt.3 Es ist freilich nicht von einer Hand entworfen, sondern gleicht einem von verschiedenen Künstlern zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Stilrichtungen gestalteten Mosaik. Wir wollen im Folgenden die von ihnen geschaffenen Teilbilder je für sich betrachten.4 Dabei wird sich zeigen, dass sie einerseits sehr spezifische Farben und Formen aufweisen, dass in ihnen aber andererseits oft traditionelle Motive und Materialien verwendet sind, die sich mit denen anderer Teilbilder berühren. So ergibt sich, aufs Ganze gesehen, ein seltsam bewegtes, spannungsreiches und doch auch wieder harmonisches Gesamtbild.

Gleichsam zur Einstimmung nehmen wir eine Erwähnung Davids in den Blick, die erst neuerdings in einer außerbiblischen Quelle aufgetaucht ist und die sich dem großen biblischen Davidbild als eine kleine Sonderfacette zuordnen lässt.

1. DAVIDS HAUS IN DER STELE VON TEL DAN

Am 21. Juli 1993 wurde bei einer archäologischen Ausgrabung auf Tel Dan, dem Ruinenhügel einer altisraelitischen Stadt nahe der Grenze zum nördlichen Nachbarn Aram (heute: Syrien), ein Aufsehen erregender Fund gemacht. In einer antiken Mauer entdeckte man einen ganz besonderen Stein: das Fragment einer Stele, eines monumentalen Gedenksteins, der auf einer Seite geglättet und mit einer in altaramäischer Sprache und Schrift abgefassten Inschrift versehen worden war. Irgendwann musste die Stele zerschlagen und in ihren einzelnen Bruchstücken sekundären Verwendungszwecken zugeführt worden sein, z.B. dem Bau jener Mauer. Diese war ihrerseits wieder gewaltsam zerstört worden, und zwar offenbar im Jahr 733/​32v.Chr. im Verlauf eines Feldzugs des Assyrerkönigs TiglatpileserIII. Damit war der terminus ad quem des in ihr verbauten Stelen-Fragments gegeben. Aus philologischen und paläographischen Gründen war man sich bald einig, dass die Inschrift aus der Mitte des 9. Jahrhundert v. Chr. stammen musste.

Wie der aufgefundene Stein, so war auch der in ihn eingemeißelte Text nur äußerst bruchstückhaft erhalten. Immerhin war soviel zu entnehmen, dass es in der Vergangenheit eine Phase der Demütigung Arams durch Israel gegeben hatte, dass nun aber dem Verfasser bzw. dem Auftraggeber der Stele ein großer Sieg über Israel gelungen war, bei dem Tausende von Streitwagen und Pferden vernichtet worden waren. Im Zusammenhang dieser Ausführungen nun begegnen die Wörter, die die wissenschaftliche Gemeinschaft (und nicht nur sie) elektrisierten: »König Israels« sowie »bytdwd«.5

Dass auf einer aramäischen Inschrift im Grenzland zu Israel ein »König Israels« erwähnt wurde, war nicht weiter verwunderlich; auch nicht, dass dieses aramäische Siegesmonument den Besiegten ein Dorn im Auge war und baldmöglichst wieder zerstört wurde. Doch sollte die Konsonantenfolge bytdwd wirklich, wie die Erstveröffentlicher ohne Zögern vorschlugen, als bêt dāwīd (»Haus Davids«) gelesen werden? Und durfte man mit ihnen das vorangehende, auf -k endende Wort zu mlk (mælæk, »König«) ergänzen und den so gewonnenen »König des Hauses David« mit dem eine Zeile weiter oben vorkommenden »König Israels« in Parallele setzen? War die Genitivverbindung »König des Davidhauses« sprachlich überhaupt möglich, und konnten ein Staat und eine Dynastie parallelisiert werden?6 Wie überhaupt sollte in so früher Zeit so hoch im Norden und gar bei den Aramäern der Name Davids bekannt sein?

Alsbald erhob sich eine erregte wissenschaftliche Debatte. Während die einen frohlockten, nun habe man endlich einen sehr frühen außerbiblischen Beleg für die Existenz Davids bzw. seines Hauses,7 konterten andere, dieses Haus sei auf Sand gebaut,8 die Inschrift beweise zu David wenig bis nichts. Wie das? Nun, die Buchstabenfolge bytdwd müsse (und dürfe) gar nicht als bêt dawid vokalisiert werden, sondern als bêt dôd: ein zunächst ebenso verblüffender wie erwägenswerter Vorschlag: Das hebräische Wort dôd (das aus den gleichen Konsonanten gebildet ist wie dawid) hat eine Bedeutungsbreite von »Onkel« bis »Liebling«. Es könnte hier als gewissermaßen zärtliches Attribut einer Gottheit gebraucht sein, so dass man bêt dôd zu verstehen hätte als »Haus des Lieblings(gottes)«. Nicht um die Daviddynastie ginge es demnach in der Inschrift, sondern um ein Heiligtum9 – und ein solches oder deren mehrere habe es in Dan gewiss gegeben. (Nur freilich dürfte man dann das vorangehende Wort nicht zu mælæk »König« ergänzen.)

Als der Kampf der Positionen hin und her wogte, wurden auf Tel Dan zwei weitere, kleinere Bruchstücke jener Siegesstele gefunden und umgehend der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt gemacht.10 Fortan hieß das zuerst entdeckte Fragment »A«, die beiden anderen »B1« und »B2«. Die beiden letzteren ließen sich zweifelsfrei zusammenfügen und brachten in die aufgeregte Debatte einige Klarheit.

Abgesehen von einigen klaren Aramaismen, welche die aramäische Herkunft des Textes bestätigen, ist das Aufregendste an den Bruchstücken B1 und B2 die Nennung zweier Personennamen in den Zeilen 6 und 7. Von vornherein ist klar, dass auf einer Monumentalinschrift nicht irgendwelche Leute, sondern nur hochrangige, am ehesten Könige, erwähnt werden. Die beiden Namen sind nicht vollständig erhalten, zu erkennen sind jeweils nur die letzten Konsonanten, gefolgt jeweils von br (aramäisch: »Sohn des …«), worauf ursprünglich der Vatersname gefolgt sein muss. Die betreffenden Passagen lauten: … -rm br … und … -jhw br … Beim ersten Namen hat man wohl »-ram«, beim zweiten sicher »-jahu« zu vokalisieren. Mindestens einer der beiden Namen enthält also den Gottesnamen Jhwh, und das weist eindeutig nach Israel bzw. Juda. Wenn nun in Fragment A ein »König von Israel« und ein »König(?) von Davidhaus« erwähnt werden, dann drängt sich die Vermutung geradezu auf, die beiden Eigennamen auf den B-Fragmenten seien die Namen jenes israelitischen und jenes judäischen Königs.

Ausweislich der Bibel hat nur einmal ein israelitischer König, dessen Name auf -ram endet, gleichzeitig mit einem König von Juda regiert, dessen Name auf -jahu endet: J(eh)oram von Israel (850–845v.Chr.) und Ahasja(hu) von Juda (845v.Chr.). Der Bibel zufolge (2Kön 9f.) kamen beide beim gleichen Anlass ums Leben: bei einem Putsch, den der israelitische Streitwagenoberst Jehu ben Nimschi während eines Grenzkrieges zwischen Israel und Aram anzettelte. Von den gleichen Vorgängen scheint auch die Stele von Tel Dan zu handeln. Ihr Verfasser bzw. Auftraggeber – aller Wahrscheinlichkeit nach der Aramäerkönig Hasaël von Damaskus, dessen Name in der Bibel einen Schreckensklang hat11 – rühmt sich, Israel besiegt und den König von Israel wie den König von Juda getötet zu haben; und allem Anschein nach nennt er diese beiden auch beim Namen und Vatersnamen: »Joram, Sohn des Ahab« und »Ahasjahu, Sohn des Jehoram«.

Abb.8: Stelen-Fragmente von Tel Dan

Damit werden die biblischen Nachrichten von einem Umsturz im Jahr 845 nun auch außerbiblisch bestätigt – auch wenn beide Quellen sich nicht einig sind, wer dafür die Hauptverantwortung trägt: der aramäische König oder der israelitische Usurpator. Oder soll man annehmen, die beiden hätten Hand in Hand gearbeitet und dann eine Art Propagandastreit ausgetragen, wem der Ruhm gebühre? In unserem Zusammenhang ist indes etwas scheinbar Nebensächliches von höchstem Interesse: In einer aramäischen Inschrift aus der Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. wird das Königreich Juda »Haus Davids« genannt.12 Das heißt, über die dort regierende Dynastie hatte der Dynastiegründer dem Land seinen Namen gegeben, und den kannten selbst die Aramäer. Darin deutet sich nicht nur eine gewisse zeitliche Erstreckung an – solche Vorgänge brauchen ihre Zeit, David muss also erheblich viel früher gelebt haben –, sondern auch eine hohe und unvergessene persönliche Bedeutung des Namensgebers. So erweist der Aramäerkönig Hasaël, der sich rühmt, Israel und »Davidhaus« besiegt zu haben, indirekt dem König David seine Reverenz.

2. DAVID IN DEN SAMUELBÜCHERN

2.1 Das »Höfische Erzählwerk«

Die Samuelbücher sind die älteste biblische Quelle zu König David. Auch wenn sie nicht in einem Zuge entstanden sind und höchstens zu kleinen Teilen in die unmittelbare zeitliche Nähe Davids führen, stammt der Großteil ihres Textbestandes doch sicher aus der mittleren – einige sagen auch: aus der späteren – judäischen Königszeit.

Das Königreich Juda, als dessen Gründer David firmiert, existierte vom 10. Jh. bis ins Jahr 586v.Chr., als ihm die Babylonier ein Ende machten. Bis 722 hatte es zum nördlichen Nachbarn das Königreich (Nord-)Israel, ehe dieses dem assyrischen Imperium zum Opfer fiel. Die assyrische Expansion bedrohte auch Juda aufs heftigste. 701v.Chr. stand eine assyrische Heeresmacht vor Jerusalem, das nur knapp um schweren Tribut freigekauft werden konnte. Schon davor und erst recht danach waren die judäischen Könige assyrische Vasallen. Um 640v.Chr. änderte sich die politische Großwetterlage; das neuassyrische Reich brach zusammen, das neubabylonische wurde sein Erbe.

Allem Anschein nach hat während der Zeitspanne zwischen dem Untergang Israels und Judas – eher an deren Anfang als an deren Ende – in Jerusalem ein großer Schriftsteller und Geschichtsschreiber die Samuelbücher im Wesentlichen in die Form gebracht, in der sie heute vorliegen. Er schuf ein – heute freilich nur mehr zu postulierendes – Höfisches Erzählwerk über die frühe Königszeit in Israel, das von 1Sam 1 bis 1Kön 2 (evtl. bis 1Kön 12) reichte.13 Diesem Geschichtswerk eignen zugleich Züge der Erbauung und Unterhaltung, es handelt sich um eine Art Geschichtsroman, um schöngeistige historische Literatur hohen Ranges, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht.

Freilich hat der postulierte Verfasser sein Werk nicht einfach frei gestalten können oder wollen, sondern auf vielerlei ältere Quellen und Informationen zurückgegriffen. Wie viele andere Textbereiche der Bibel, so ist auch dieses Erzählwerk Traditionsliteratur in dem Sinne, dass in ihm ältere Tradition aufgenommen ist – und es übrigens selbst auch wieder Glied in der Kette der Traditionsbildung wurde; denn die Samuelbücher wuchsen später noch weiter, und es traten ihnen andere literarische Werke zur Seite. So gesehen ist der Verfasser nicht nur Autor, sondern zugleich Traditor und Redaktor (keinesfalls aber bloßer Repetitor!). Er war ein eigenständig denkender und eigenwillig handelnder Schriftsteller und Historiker – und doch war er nicht nur seinem eigenen Kunst- und Wahrheitssinn verpflichtet, sondern auch dem seiner Gewährsleute. Mit ihnen zusammen arbeitete er an einem Teil des kulturellen Vermächtnisses und Gedächtnisses Altisraels. Er ordnet sich ein in einen großen Traditionsstrom, der lange vor ihm eingesetzt hatte und mit ihm nicht enden sollte. Nicht von ungefähr ist sein Name nicht bekannt, ist sogar sein geistiges Profil weitgehend in den Texten aufgegangen, die er bearbeitet und erschaffen hat. Im Folgenden soll zunächst den Spuren nachgegangen werden, die seine Arbeit in den Daviderzählungen der Samuelbücher hinterlassen hat;14 danach ist zu fragen, auf welche Quellen er dabei zurückgreifen konnte.

Es ist auffällig, dass und wie in die Geschichte Davids diejenige Sauls und seiner Familie verwoben ist. Saul ist in den Samuelbüchern schon lange vor David präsent, wohl schon im ersten Kapitel15, jedenfalls ab 1Sam 9. In 1Sam 14,49–51 wird seine gesamte Familie vorgestellt, mit deren Mitgliedern es David dann zu tun bekommt. Sauls Schatten liegt über einem langen Abschnitt seines Lebenswegs (1Sam 16–2Sam 1). Als Saul schließlich im Kampf gegen die Philister gefallen ist, werden sein Sohn und Nachfolger Eschbaal und sein Cousin Abner zu Davids Gegenspielern (2Sam 2–4). Zuvor war Sauls ältester Sohn Jonatan Davids bester Freund gewesen (1Sam 18,4; 20; 23,16–18; 2Sam 1,17–27), weshalb dann Jonatans Sohn Meribaal seine besondere Aufmerksamkeit fand (2Sam 9,2–13; 16,1–4; 19,25–31). Mit Sauls Tochter Michal führte David eine Ehe nicht ohne tragische Momente (1Sam 18,20–28; 19,11–17; 25,44; 2Sam 3,12–21; 6,20–23). Der Saul-Nachkomme Schimi machte ihm und gar noch seinem Nachfolger schwer zu schaffen (2Sam 16,5–14; 19,17–24; 1Kön 2,8f.36–46). So kann man den Eindruck gewinnen, die Samuelbücher wollten fast ebenso die Geschichte Sauls wie diejenige Davids darstellen. Dabei ist doch unverkennbar, dass die Sympathien viel mehr bei David als bei Saul liegen.

Warum erhält Saul neben David eine so prominente Rolle in den Samuelbüchern? Kaum nur aus historischen Gründen (der eine beerbte eben den anderen), auch nicht nur aus literarischen Gründen (zwei Antipoden ermöglichen eine lebensvolle, spannende Darstellung). Vielmehr scheinen David und Saul für zwei politisch-ethnische Größen zu stehen, die für die Geschichte der gesamten Königszeit (und noch darüber hinaus) bestimmend waren. Saul war von Herkunft Benjaminit, sein Herrschaftsgebiet war das Kernland des späteren Staates Nordisrael.16 David war Judäer, seine Hausmacht war Juda, er begründete das dortige Königtum; Israel war mit Juda nur zeitweilig in Personalunion verbunden, ab 926v.Chr. erlangte es (wieder) Selbstständigkeit. Diese beiden Größen verkörpern sich in Saul und David. Das Schicksal Sauls und der Sauliden, wie es die Samuelbücher zeichnen, ist transparent auf das Schicksal des (vermutlich vor kurzem untergegangenen) Nordreichs; darin, dass David über Saul die Oberhand behielt, spiegelt sich die Tatsache, dass das Königreich Juda das Königreich Israel überlebte. Die Totengräber des Nordreichs Israel waren die Assyrer, gewiss – doch waren die Judäer nicht gänzlich unbeteiligt.17 Analog waren die Philister hauptverantwortlich für den Untergang des saulidischen Königtums – doch auch David war nicht gänzlich unschuldig daran: War er nicht Vasall der Philister? Waren nicht er und seine Leute immer verdächtig nah, wenn Sauliden ums Leben kamen (vgl. z.B. 2Sam 3f.; 21)? War nicht er es, der zwei Aufstände, die ihre Basis vor allem in Norden hatten, blutig niederschlug (2Sam 15–20), und verhalf nicht er Salomo auf den Thron, der den Norden rücksichtslos ausbeutete (1Kön 4,7–19; 12,4)?

Anscheinend arbeitet der Höfische Erzähler am historischen Stoff eine Grundproblematik auf, die zu seiner Zeit besonders brennend geworden war: Wie war das Verhältnis von Juda und Israel zu bestimmen? War der Norden nicht von Anfang an vom Süden immer wieder übervorteilt und am Ende sogar in den Abgrund gestoßen worden? Die Antwort des Höfischen Erzählwerks lautet: Es ist wahr, es hat schon in der frühen Königszeit Spannungen zwischen Nord und Süd gegeben, und Saul hat gegen David den Kürzeren gezogen. Doch dabei ging nichts mit unrechten Dingen zu. David hat die Macht nicht unrechtmäßig an sich gerissen, sie war ihm von Gott zugedacht; mit Gottes Hilfe konnte er sie erhalten und ausbauen und sie schließlich, nach mancherlei Wirren, geordnet an Salomo übergeben. Niemals hat David gegenüber Sauliden und dem Norden persönliche Schuld oder gar Blutschuld auf sich geladen. Dies ist ein Aspekt, auf den das Erzählwerk allergrößten Wert legt. Immer wieder schildert es Situationen, in denen David Gelegenheit hatte, seinen Widersachern im Norden Schaden zuzufügen, doch er hat es nie getan. Die Aufstände dort waren von zweifelhaften Subjekten angezettelt, und David blieb gar keine andere Wahl, als sich mit gewaltsamen Mitteln zur Wehr zu setzen. Mitgliedern der Saul-Familie, die ihm mit Aggression begegneten – Saul selbst, Meribaal, Schimi –, antwortete er mit Großmut; solche, die fremder (nie eigener!) Aggression zum Opfer fielen – Jonatan, Abner, Eschbaal –, beklagte oder rächte er.18

Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang den Blick auf ein Detail zu richten. Das hebräische Wort für »Hand« trägt auch die symbolische Bedeutung »Kraft, Gewalt«. Schaut man den beiden Kontrahenten David und Saul auf die Hände, zeigt sich ein großer Unterschied: Davids Hand hält die Leier (1Sam 16,16.23; 18,10); er erhebt sie nie gegen seine Widersacher (24,7.13.14; 25,26.33; 26,9.11.23), selbst wenn Gott ihm diese in die Hand gibt (24,5.11.19; 26,8.23). Saul hingegen hat den Spieß in der Hand (18,10; 19,9; 22,6); er will zwar möglichst seine Hand nicht selbst an David anlegen, dies aber den Philistern überlassen (18,17.21.25). Gott indes verhindert, dass ihm David je in die Hand fällt (23,7.14.17.20; 24,14). An einem solchen Beispiel ist zu sehen, mit welch feinen literarischen Mitteln unser Autor arbeitet; alle genannten Stellen dürften auf ihn selber zurückgehen.

Eine ganze Reihe von Erzählfäden dieser Art zieht sich durch das gesamte Werk und weist es als ein durchgeformtes Ganzes aus. Am anschaulichsten wird dies in den vielen Lebensschicksalen, die der Autor die gesamte Zeit über verfolgt. Von Saul und seinen Familienangehörigen war schon die Rede. Ein Gegenbild zur Prinzessin Michal, die sich mit David überwarf und von ihm keine Kinder bekam (2Sam 6,20–23), ist Batscheba, die gleichsam an Michals Stelle tritt und dem König einen Sohn und gar den späteren Thronfolger schenkt (2Sam 11f.; 1Kön 1). Wir erfahren indes noch von weiteren Gemahlinnen Davids, von denen er insgesamt mindestens 17 Söhne hatte (2Sam 3,2–5; 5,13–15). Die ältesten dieser Söhne spielen dann Hauptrollen in der großen Familiengeschichte, die zeigt, wie und warum am Ende Salomo, der Zehnte in der Reihe, die Oberhand behält (2Sam 13–19; 1Kön 1f.). Mit Salomos unmittelbarem Gegenspieler, Adonija, ist der General Joab verbündet, der ebenso getreue wie unheimliche Paladin Davids während dessen gesamter Zeit als König (2Sam 2,18; 3,27; 8,16; 14,1.19; 18,5.14.20; 20,7–22.23; 1Kön 1,7.19; 2,5f.28–35). Auch den Priester Abjatar, der David schon von dessen Zeit als Freibeuter an bis an sein Lebensende begleitet hat, schaltet Salomo aus (1Sam 22,20–23; 23,6.9; 2Sam 8,17; 15,24.27–36; 17,15; 20,25; 1Kön 1,7.19.25.42; 2,22.26 f.35).

Neben der Geschichte der Könige läuft in den Samuelbüchern eine Geschichte der Priester mit: angefangen von Eli und seinen Söhnen (1Sam 1–4) über Samuel (1Sam 3; 7) und die Priesterschaft zu Nob (1Sam 21f.) bis hin zu dem eben erwähnten Abjatar und dessen Kompagnon und Konkurrenten Zadok, der das bessere Ende für sich hat (2Sam 8,17; 15,24f.; 17,15; 20,25; 1Kön 1,8.34; 2,35). Abjatar und Zadok wiederum werden mit der heiligen Lade in Verbindung gebracht (2Sam 15,25f.), deren Geschicke sich ebenfalls durch das gesamte Höfische Erzählwerk hindurch verfolgen lassen: von ihrer ersten Erwähnung in 1Sam 3,3 an (einem kleinen, gezielten Einschub unseres Erzählers) über ihre abenteuerlichen Reisen durch das Philisterland (1Sam 4–6), ihre Überführung nach Jerusalem (2Sam 6), ihren Einsatz in politischen Krisensituationen (2Sam 11,11; 15,24)19 bis hin zu ihrer Deponierung im Allerheiligsten des Tempels Salomos (1Kön 8,1–13).

Der Schriftsteller, der diese und noch viele weitere Erzählfäden in den Händen hielt, sie miteinander verschlang, ohne dass sie sich verhedderten, der einmal den einen ruhen ließ, um den anderen aufzunehmen und dann wieder einen dritten einzufädeln und mit einem vierten zu verbinden, ehe er den ersten wieder zu Wort kommen ließ: dieser geniale Schriftsteller zeigt in vielem die Arbeitsweise eines Romanciers. Ein Roman schildert das Leben einer bestimmten Epoche in einer möglichst umfassenden, facettenreichen und fesselnden Weise. Genau dies geschieht im Höfischen Erzählwerk mit der frühen Königszeit in Israel. Und die Kunstfertigkeit, mit der dies geschieht, hat dem Autor immer wieder die rühmendsten Zeugnisse eingebracht. Vielleicht das Faszinierendste ist, dass er seine Beweggründe und Zielsetzungen oft nicht klar zu erkennen gibt.20 Was oben über das Juda-Israel-Problem als leitenden Gesichtspunkt gesagt wurde, ist nur eine These zu einem bestimmten Themenstrang in seinem Werk. Keineswegs dürfte man daraufhin sagen, er habe eine politische Abhandlung oder gar eine Propagandaschrift schreiben wollen. Dagegen spricht schon die Verkleidung der Thematik in einen geschichtlichen Stoff, dagegen spricht auch die Differenziertheit, ja Ambivalenz, mit der er dieses wie andere Themen ins Bild setzt.

Der Verfasser des Höfischen Erzählwerks ist ein Meister des ambivalenten Erzählens. Schon die Hauptfiguren Saul und David sind durchaus nicht einseitig schwarz oder weiß gezeichnet. Die Gestalt Sauls zeigt außer zerstörerischen und abstoßenden auch gewinnende und tragische Züge.21 Und der David der Samuelbücher ist keineswegs nur der unschuldig-strahlende Held, sondern auch der brutal-egoistische und gewissenlos-opportunistische Gewaltmensch. In Abwandlung gilt Ähnliches für wohl alle Figuren dieses antiken Romans: Kaum eine ist nur gut oder nur schlecht. Nehmen wir zum Beispiel einige Frauengestalten: Was ist davon zu halten, dass Michal ihren Vater anlügt (freilich aus Not: 1Sam 19,17) und David für sein Verhalten bei der Ladeprozession rügt (vermutlich mit gutem Grund: 2Sam 6,16.20–23)? Wie ist zu beurteilen, dass Abigajil zwar David klug und richtig berät, sich ihm aber doch mehr oder weniger deutlich anbietet und ihren Gatten vor ihm desavouiert (1Sam 25,20–31)? Dass eine »weise« Frau den Monarchen dazu bringt, seinen rebellischen Sohn zu rehabilitieren (2Sam 14), und eine andere »weise« Frau die Leute ihrer Stadt dazu bringt, einen antimonarchischen Rebellen zu köpfen (2Sam 20)? Wie sollen wir uns die Rolle Batschebas zurechtlegen: zuerst bei der Affäre mit David (2Sam 11,2–4), dann bei der Thronerhebung ihres Sohnes und der Liquidierung seines Konkurrenten (1Kön 1,11–21; 2,13–25)? Wie haben wir uns Abischag von Schunem vorzustellen – außer dass sie schön war (1Kön 1,1–4)?22

Wie bei den Frauen-, so ist es bei den Männergestalten: nicht nur bei Saul und David, sondern etwa auch bei Jonatan: Ist es recht, dass er seiner Liebe zu David den Vorrang gibt vor seinen Sohnespflichten (1Sam 20; 23,16–18)? Hat der Priester Ahimelech wirklich völlig ahnungslos den vor Saul flüchtenden David unterstützt (1Sam 21)? Trägt der Philisterfürst Achisch nicht auch rührende Züge (1Sam 27; 29)? Ist Sauls und Eschbaals Heerführer Abner loyal oder ein Verräter (2Sam 2f.)? Ist sein judäisches Pendant Joab nur ein skupelloser Gewalttäter oder nicht auch ein treuer Gefolgsmann und kluger Berater Davids? Geht Urija, als David ihm Fronturlaub gewährt, wirklich nur aus Ehrbarkeit nicht zu seiner Frau Batscheba – oder aus Misstrauen und Trotz (2Sam 11)? Ist Abschaloms Rebellion gegen David nur aus eitlem Machtstreben geboren oder auch aus berechtigter Unzufriedenheit mit dem Monarchen? Setzte sich der Ratgeber Ahitofel, indem er sich für Abschalom entschied, ins Unrecht – oder hatte er nicht vielmehr Recht (2Sam 17)? War Salomos Machtergreifung rechtens oder ein Putsch, waren seine Säuberungsmaßnahmen begründet oder reine Willkür (1Kön 1f.)?

So ließe sich fortfahren. Das Aufregende an dem biblischen Davidroman ist, dass er keine flachen Charaktere zeichnet und keine platten Lehren erteilt. Er bringt viele Details – und verschweigt doch andere, die man zu gern erführe. Er malt das pralle Leben – und lässt doch ganz gezielt Leerstellen. Er eröffnet immer wieder konträre Perspektiven und divergente Deutungsmöglichkeiten. Durch all dies versetzt er die Leserinnen und Leser in Unruhe, zieht sie, ob sie wollen oder nicht, in das Geschehen hinein, verlangt von ihnen, selbst weiterzudenken und Position zu beziehen – statt sie von ferne und von oben zuschauen und sich langweilen zu lassen.

Eine besondere Wirkung der scharf und doch nicht einseitig profilierten, der lebensvoll und doch nicht vollständig ausgemalten Charaktere ist es, dass sich Leserinnen und Leser mit ihnen zumindest teilweise identifizieren, sich aber auch wieder von ihnen distanzieren können. Irgendwie versteht man(n) sogar den wegen der schönen Tamar liebeskranken Amnon – um dann über seine (und vielleicht ja auch die eigene) Begehrlichkeit zu erschrecken; Tamar ist des Mitleids und der Achtung nicht nur aller Frauen gewiss – und doch ist sie auch ein warnendes Beispiel für gar zu viel Arglosigkeit (2Sam 13). Oder das Ringen zwischen David und Abschalom: Welcher Vater könnte nicht begreifen, wie David seinem stürmischen Sohn immer wieder mit Nachsicht begegnet? Und ist nicht auch Abschalom zu begreifen in seinem Ungestüm und seinen hochfliegenden Gefühlen, als es ihm gelingt, das Volk hinter sich zu sammeln und den alternden Monarchen aus der Hauptstadt zu vertreiben? Wer zuckte nicht zusammen, wenn er Joab den wehrlos am Baum Hängenden kaltblütig ermorden sieht? Und wer fühlte nicht mit dem Vater, der auf die Nachricht vom Tod des Sohnes in rettungslose Trauer verfällt? Oder ist etwa Joab im Recht mit seiner Aufforderung an den König, sich zusammenzunehmen und nicht die Soldaten vor den Kopf zu stoßen, die für ihn gesiegt haben?

Das stärkste Angebot zu Identifizierung und Distanzierung bietet natürlich David selbst, die Hauptfigur des Romans. Man kann die Samuelbücher geradezu als einen Entwicklungsroman lesen,23 der zeigt, wie ein junger namenloser Mann über Nacht zum gefeierten Helden wird, und dies dadurch, dass er schlauer und erfolgreicher zu kämpfen versteht als der stärkste Vorkämpfer der Philister; wie er die Herzen aller im Sturm nimmt: des Königs und der Königsfamilie, der Soldaten und der Frauen; wie er urplötzlich vom hohen Ross gestürzt wird und lernen muss, nicht mehr verehrt und verwöhnt zu werden, sondern sich durchzuschlagen, zu sich selbst und zu einem angemessen Verhältnis zu anderen zu finden, vor allem zur ambivalenten Vatergestalt eines Saul; wie er nach und nach Gefühle wie Trauer und Gerechtigkeitsempfinden in sich zulässt; wie er namentlich durch Frauen dazu angeleitet wird, seine Unbeherrschtheit zu zähmen und seine Beziehungsfähigkeit zu entfalten; wie er üben muss, mit Missgriffen, Misshelligkeiten und Misserfolgen fertig zu werden, wie er mitleidsfähig und selber leidensfähig wird – und schließlich nach langem, erfülltem Leben stark und ruhig von der Bühne dieser Welt abtreten kann. Diese David-Biografie der Samuelbücher, die weit davon entfernt ist, ein hochglänzendes Propagandabild zu sein, führt uns das Kämpfen, Wachsen, Lernen, Reifen, Weisewerden nicht so sehr eines Königs, sondern eines Mannes, eines Menschen vor Augen, von dem sich unendlich viel lernen lässt.

Darüber hinaus ist die David-Geschichte der Samuelbücher auch durch und durch religiös gefärbt. Gott spielt in ihr eine starke, ja die entscheidende Rolle: nicht vorn auf der Bühne – darin ist die Weltsicht des Autors gewissermaßen aufgeklärt –, aber hinter den Kulissen. Gott lenkt die Geschicke nicht nur Davids, sondern aller Figuren, die auf der Bühne mit ihm und gegen ihn wirken. Er fördert ab einem gewissen Zeitpunkt Saul nicht mehr, dafür aber ganz und rückhaltlos David. Er »ist mit ihm«, wie wohl ein dutzend Mal ausdrücklich festgestellt wird, und darum sinken wohl links und rechts von ihm viele Menschen nieder, nicht aber er. Er zieht, wie an einem magischen Faden entlang, unbeirrt seine Bahn: durch alle möglichen Tiefen und Untiefen, über alle möglichen Umwege, gegen alle nur möglichen Widerstände. Wer sich David auf diesem Weg entgegenstellt, muss über kurz oder lang weichen. Auf lange Strecken wird dabei von Gott gar nicht oder höchstens in Figurenrede gesprochen. Das politische und zwischenmenschliche und innerpsychische Geschehen läuft ab nach innerweltlichen Gesetzen. Gott greift nicht von außen in die Ereignisfolge ein, sondern lenkt sie gleichsam von innen heraus.24

2.2Die älteren Traditionen

Der Höfische Erzähler hat nicht frei fabuliert und formuliert, er hat, wie es jeder gute Romancier tut, sorgfältig recherchiert und das, was er dabei in Erfahrung brachte, behutsam tradiert, so dass die Spuren mancher von ihm aufgenommener Information in seinem Werk noch deutlich zu erkennen sind.25 Es lassen sich mit einiger Wahrscheinlichkeit drei Textformen unterscheiden.26

a) Einzelüberlieferungen

Anscheinend fand der Höfische Erzähler gewisse Texte einzeln oder in Sammlungen vor und platzierte sie in seinem Werk an der Stelle, die sich bei dem von ihm gewählten chronologischen Aufriss her nahe legte. Zu dieser Kategorie gehört etwa das Trauerlied auf Saul und Jonatan (2Sam 1,19–27), als dessen Verfasser ausdrücklich David angegeben wird. Wahrscheinlich war es in einer Art Liederbuch aufgezeichnet, dem »Buch des Aufrechten« (vgl. 1,17f.), in dem eine Reihe von Gesängen gesammelt war, die man berühmten Ahnen Israels zuschrieb: z.B. Josua (Jos 10,12f.) oder Salomo (1Kön 8,12f, LXX t.e.). Offenbar war dieses Buch so bekannt, dass mehrere biblische Geschichtserzähler Texte aus ihm aufnahmen – so eben auch unser Höfischer Erzähler. Sprichwörtlich geworden und im Volksgedächtnis haften geblieben war vielleicht ein anderes, kürzeres Lied: »Saul hat seine Tausende geschlagen, David seine Zehntausende«, das der Höfische Erzähler mehrfach aufgreift (1Sam 18,7; 21,12; 29,5) – eine übrigens für ihn bezeichnende Technik. Auf einer ähnlichen Ebene liegt der nordisraelitsche Separationsruf: »Wir haben keinen Anteil an David, und wir haben kein Erbe am Sohn Isais! Jeder zu seinem Zelt, Israel!«, der ebenfalls zweimal zitiert bzw. variiert wird (2Sam 20,1; 1Kön 12,16).

Einige Listen dürften dem königlichen Archiv in Jerusalem entnommen sein:

die Liste der von David mit Geschenken bedachten Orte in Juda, 1Sam 30,27

31;

die Listen der David-Söhne, 2Sam 3,2

5 und 5,13

16;

die Liste der Spitzenbeamten Davids, 2Sam 8,16

18 (vgl. 2Sam 20,23

26).

Diese Texte fallen dadurch aus ihrer Umgebung heraus, dass sie in keiner Weise erzählerisch ausgestaltet sind. Es werden schlicht Namen von Orten und Personen aufgelistet. Aus dem Alten Orient wie auch aus Ostraka-Funden in Altisrael kennt man als vergleichbares Genre die sog. Wirtschaftsurkunden, in denen Güter und/​oder Empfänger aufgezählt sind.

In 2Sam 8 findet sich eine Aufzählung der von David geführten Kriege.27 Jedes der besiegten Nachbarvölker wird mit wenigen Sätzen bedacht, immer werden einige Besonderheiten des jeweiligen Feldzugs festgehalten: die Hinrichtung von Gefangenen, die Lähmung von Pferden, die Versklavung der Bevölkerung. Auch dies dürfte ein Text aus dem Jerusalemer Palastarchiv sein.

Auf eine Aufzählung anderer Art stößt man in 1Sam 22,1–5. Dort ist eine Reihe von Kurzmitteilungen ohne jede erzählerische Ausgestaltung und teilweise auch ohne feste Einbindung in den erzählerischen Kontext zusammengestellt: David zieht sich in die Höhle Adullam zurück, sammelt um sich eine 400 Mann starke Miliz aus sozial randständigem Milieu, bringt seine Eltern vorsorglich nach Moab, wird durch das Orakel eines (wie aus dem Nichts auftauchenden) Propheten namens Gad dazu bewogen, sich mit seiner Truppe nach Jaar-Heret zu begeben. Diese Nachrichten klingen wie Aufzeichnungen aus einer Art Tagebuch oder ein Ereignisprotokoll, das jemand in der Umgebung Davids bzw. des späteren Jerusalemer Hofs geführt haben könnte. In den davidischen Beamtenlisten wird jedenfalls ein »Schreiber« geführt, dem möglicherweise derartige Aufgaben oblagen (2Sam 8,17; 20,25).

b) Ausgestaltete Einzelerzählungen

Es gibt in den Samuelbüchern mehrere, in sich gerundete Erzählungen, von denen man sich vorstellen kann, dass sie je für sich in Umlauf waren, ehe sie in den jetzigen literarischen Kontext eingegliedert wurden. Als Beispiel kann die Goliat-Erzählung 1Sam 17 dienen. Über ihren Entstehungsgrund werden wir mehr oder weniger zufällig durch die Notiz 2Sam 21,19 orientiert, wonach ein gewisser Elhanan aus Betlehem den hünenhaften Goliat aus Gat erschlagen hat. Offenbar zog die große Königsgestalt die Heldentat eines einfachen Soldaten an sich; es bildeten sich verschiedene Ausformungen – eine mehr soldatischer, eine mehr volkstümlicher Prägung –, die der Höfische Erzähler zu einer Großerzählung vereinte und einigermaßen provisorisch in sein Werk einflocht.28

Sehr viele Daviderzählungen können in dieser Weise auf bestimmte Einzelerinnerungen oder -informationen zurückgehen. So erzählte man sich offenbar in Juda eine Geschichte, die am (seinerzeit sicher wohlbekannten) ›Fels des Entschlüpfens‹ haftete (1Sam 23,24–28). Eine andere war mit dem Städtchen Keïla verbunden (1Sam 23,1–13), eine mit einer Höhle bei der Oase Engedi (1Sam 24), eine mit dem Hügel Hachila (1Sam 26). Freilich sind all diese Erzählungen wohl nicht erst vom Höfischen Erzähler, sondern von früheren Sammlern zusammengebunden worden (s. im Folgenden).

Die Geschichte von David, Nabal und Abigajil in 1Sam 25 hat deutlich einen älteren Handlungskern (David als Freibeuter, der Schutzgeld eintreibt, dabei auf den Widerstand eines reichen Viehzüchters trifft und durch dessen Gattin knapp davon abgehalten wird, ein Blutbad anzurichten), den der Höfische Erzähler durch Reden Davids und vor allem Abigajils breit ausgestaltet hat. Gleiches tat er übrigens auch mit den beiden Erzählungen über Sauls Verschonung durch David (1Sam 24 und 26) und schuf so eine narrative Trilogie über David und die Gewaltlosigkeit.29

Über Sauls Tod in der Schlacht von Gilboa waren offenbar zwei Erzählversionen in Umlauf: eine, die nordisraelitischen Geist atmet und mit Anteilnahme vom Tod Sauls und seiner Söhne berichtet (1Sam 31), und eine zweite, die deutlich judäisches bzw. prodavidisches Kolorit zeigt und David einerseits mit den traurigen Vorgängen bekannt werden, ihn andererseits aber möglichst weit davon entfernt sein lässt (2Sam 1, verbunden mit 1Sam 29f.). Jede dieser Erzählungen war wohl schon Bestandteil eines größeren Erzählkranzes, ehe sie der Höfische Erzähler zusammenführte.

Auch dürften die Erzählungen vom David-Batscheba-Urija-Skandal (2Sam 11) und von Tamars Vergewaltigung durch Amnon (2Sam 13) lange Zeit für sich umgelaufen sein. Der Höfische Erzähler platzierte sie sicher mit Absicht so nebeneinander, dass die eine auf die andere abfärbt; Vater und Sohn erscheinen auf diese Weise als Männer, die ihre Sexualität nicht zügeln können und damit großes Unheil über das Königshaus bringen, wovon dann im Fortgang der Großerzählung (2Sam 14–20) berichtet wird.

c) Erzählkränze und Novellen

Die Davidüberlieferungen der Samuelbücher werden kaum jahrhundertelang einzeln tradiert worden sein, ehe sie in einen umfassenden literarischen Kontext gelangten. Schon relativ früh wurden sie zu größeren Erzählkränzen verbunden oder zu Novellen ausgestaltet, in denen bestimmte Teilthemen der Davidgeschichte abgehandelt wurden. Als der Höfische Erzähler sie aufnahm, verband er sie nicht nur miteinander und stimmte sie aufeinander ab, sondern überformte sie auch sprachlich und sachlich so, dass sie sich in seine Gesamtintention einfügten. (Wäre es anders, wäre er ein schlechter Romancier gewesen.)30

Eine lange Reihe von Texten, die nicht eigentlich David, sondern Saul und sein Haus zum Gegenstand haben, könnte den Namen Vom Aufstieg und Niedergang der Sauliden tragen. Ihren Auftakt bilden die beiden großen Erzählungen 1Sam 9,1–10,16 und 1Sam *13f. von Sauls unvermuteter Kür zum König und seinem unvermuteten ersten Sieg über die Philister.31 Erkennbar ist Saul hier mit Sympathie gezeichnet. Das gilt ebenso für die noch folgenden Erzählungen, auch wenn diese hauptsächlich den Niedergang seines Hauses schildern (und in diesem Zusammenhang sehr wohl auch von David handeln). Nirgendwo wird mit Häme auf die Sauliden geschaut (so wie auch David nicht verherrlicht wird). Es zeichnet sich eine Intention ab, die der Höfische Erzähler aufgenommen und verstärkt hat: den Machtverlust des Hauses Sauls und den Übergang der Macht zum Hause Davids als unvermeidbar und letztlich dem Wohl Israels dienend hinzustellen. In diesen Erzählzusammenhang dürften – oft allerdings nur in einem Grundbestand – die folgenden Texte gehören: Wie in einem weiteren Philisterkrieg David den Goliat besiegt und Zugang zum Haus Sauls findet (1Sam *17,1–18,4); wie Saul David vertreibt und Jonatan ihn in Schutz nimmt (*20,1–21,1); wie Saul sich am Priestergeschlecht von Nob für die Unterstützung Davids rächt (21,2–10; *22,6–23); wie Saul David vergeblich in Juda jagt (*23 und *26 – abzüglich vor allem der Redeanteile, die vom Höfischen Erzähler stammen); wie Saul vor der Entscheidungsschlacht gegen die Philister ein negatives Totenorakel bekommt (28,4–25); wie Saul und seine Söhne auf den Bergen von Gilboa fallen und die Jabeschiten ihm die letzte Ehre erweisen (31,1–13); wie Eschbaal Sauls Nachfolger wird und sich mit David auseinanderzusetzen hat (2Sam 2,8–32); wie sein General Abner mit David in Verhandlungen tritt und getötet wird (3,6–16.20–37); wie Eschbaal ums Leben kommt (4,1–8a.12) und David sein Nachfolger wird (5,3); wie David sieben noch lebende Sauliden hinrichten lässt und diese dann im Familiengrab bestattet werden (2Sam 21,1–14);32 wie David mit dem Jonatan-Sohn Meribaal33 (9,2–13; 16,1–4; 19,25–31) und dem Sauliden Schimi (16,5–13; 19,17–24) umgeht; wie der Benjaminit Scheba im Norden zum Aufruhr gegen David ruft und scheitert (20,1f.14–22). Die hier umrissene Sammlung ist sichtlich recht divergent. Es gibt in ihr ausgesprochene Einzelerzählungen, aber auch schon fortlaufende Erzählzusammenhänge, manche Teilstücke sind beim Einbau ins Höfische Erzählwerk zerteilt worden. Gleichwohl wird erkennbar, dass diese Traditionen wohl benjaminitischen Ursprungs sind, aber bereits im Umfeld Davids tradiert wurden. David verhält sich gegenüber den Sauliden korrekt, diese erleiden ein mehr oder minder unverschuldetes, tragisches Schicksal. Den (offenbar nord-israelitischen) Adressaten wird signalisiert: Euer Königshaus hatte keine Zukunft, es musste der Davidsherrschaft weichen. Wenn man bedenkt, dass im späteren Gang der Überlieferung Saul immer weiter marginalisiert und sein Bild immer weiter eingeschwärzt wurde, gelangt man mit der skizzierten Erzählsammlung in eine relativ frühe Zeit: vielleicht in die der Auseinandersetzungen zwischen Nord und Süd nach dem Zerbrechen der davidisch-salomonischen Personalunion (vgl. 1Kön 12; 14,30; 15,7.16–22.32)

Ein weiterer, in seinen Umrissen noch erkennbarer Erzählkranz handelte Vom Freibeuter David. Er umfasste eine Reihe von Erzählungen zwischen 1Sam 19 und 2Sam 5. Darin geht es um das Schicksal Davids, der von Saul verfolgt wird, sich darum durch Juda und den Negev zu den Philistern durchschlagen muss, von ihren Gnaden Stadtkönig von Ziklag wird und sich langsam wieder nach Juda zurückkämpft, bis er schließlich König in Hebron wird.34 Im Einzelnen war hier Folgendes erzählt: Wie David zu Saul kam (1Sam 16,14–23), Goliat besiegte (17,1–9.48–54), Sauls Schwiegersohn und Michals Gatte wurde (*18,20–27), Sauls Mordanschläge überstand (19,9–17), einen ersten Anlauf machte, bei den Philistern unterzukommen (21,11–12a.13–16), sich dann aber in Juda als Milizführer etablierte (22,1–5), den wütenden Nachstellungen Sauls entkam (23,24b–28; *24), als Freibeuter für sein und seiner Truppe Auskommen sorgte (*25 – ohne die vom Höfischen Erzähler eingebrachten Rede-Anteile), schließlich doch Vasall der Philister wurde und in deren Auftrag den Negev kontrollierte (27,*2–7), dabei die Amalekiter vernichtend schlug (30,1–25), sich als König von Juda in Hebron festsetzte (2Sam 2,1–4a), König auch von Israel wurde und Jerusalem zu seiner Residenz erhob (5,1–9). Es ist kein Zufall, dass diese gesamte Aufzählung durchgehend mit David als grammatischem Subjekt formuliert werden konnte. In der Tat ist er der alleinige Mittelpunkt der gesamten Erzählreihe. Diese schildert den Aufstieg eines nobody zum ersten König Judas. Dabei zeichnet sie einen geografisch gut nachvollziehbaren Weg von Betlehem (in Juda) über das Gibea Sauls (in Benjamin) und dann kreuz und quer durch Südpalästina bis nach Gat (im Philisterland) und dann zurück über den Negev nach Hebron (in Juda) und schließlich nach Jerusalem, einer bis dahin offenbar unabhängigen Stadt (zwischen Juda und Benjamin). Dieses Itinerar veranschaulicht, wie zwischen den etablieren Königtümern der Israeliten und der Philister im judäischen Bergland eine dritte Macht aufkam und sich gegen Angriffe von beiden Seiten (1Sam 23f.; 2Sam 5,17–25) zu halten vermochte – eine historisch recht plausible Sicht der Dinge. Unverkennbar ist der Erzählkranz aus sehr verschiedenartigen Einzelüberlieferungen zusammengeflochten: Namensätiologien (z.B. 1Sam 23,28; 25,25), Soldatenschwänken (z.B. 1Sam *24), knappen Lokalüberlieferungen (z.B. 1Sam 23,1–13; 27,1–7; 2Sam 5,6–11) und dramatischen Einzelerzählungen (z.B. 1Sam 19,11–17; 21,2–10 + 22,6–19). Die ordnende und gestaltende Hand des Sammlers lässt sich am ehesten in ständig wiederkehrenden Formulierungen erkennen, wie David »floh und entrann«, »flüchtete« oder »sich versteckte«. Die Darstellung bekommt dadurch etwas Atemloses, man ist förmlich mit David auf der Flucht. Doch wird man nicht darüber im Zweifel gelassen, dass über dem aufregenden Geschehen ein Gott wacht, der David schützt und für ihn jederzeit ansprechbar ist (vgl. die vielen priesterlichen und prophetischen Orakel).

Mit der Batscheba-Salomo-Novelle hat der Höfische Erzähler ein kleines, feines Stück Literatur aufgenommen, das er, um es in sein Werk einzupassen, in zwei Stücke unterteilen und an zwei relativ weit voneinander entfernt liegenden Stellen unterbringen musste: In 2Sam *11f. wird erzählt, wie Salomo zur Welt, in 1Kön *1f., wie er auf den Thron kam.35 Die Novelle zeigt ein hohes literarisches Niveau. Alle Handlungspersonen werden sorgfältig eingeführt; immer nur zwei von ihnen betreten die Bühne; die von ihnen geführten Dialoge sind fein geschliffen; der Erzähler gibt seine Haltung zu dem Geschehen nur verdeckt zu erkennen. David wird als Ehebrecher und Mörder vorgeführt, aber nicht plump verurteilt; er hat Macht über Batscheba und Urija, und doch sind diese nicht einfach hilflose Opfer. Im zweiten Teil sind alle wichtigen Handlungsträger tief in den Kampf um die Macht verwickelt: die beiden Thronprätendenten Adonija und Salomo, der alte König, seine Gattin Batscheba, der Prophet Natan, die Generäle Joab und Benaja; niemand handelt ausschließlich edel, niemand aber auch ganz und gar verwerflich. Am Ende weiß man nicht recht, ob man über den Ausgang der Sache – die Konsolidierung der Macht in Salomos Händen – erleichtert oder erschrocken sein soll. Offenbar will der Verfasser seine Adressaten mit Ereignissen konfrontieren, die ihn selber zutiefst aufwühlen – und die noch nicht gar zu weit zurückliegen können. Der zeitliche Horizont der Erzählung begrenzt sich auf die Zeit Davids und Salomos, der räumliche Horizont reicht kaum über Jerusalem hinaus. Es begegnen historische Details, die in der späteren Königsgeschichte keine Rolle mehr spielten: etwa die »Kreti und Pleti« und die »Helden Davids«, zwei Elite-Einheiten, die anscheinend schon unter Salomo aufgelöst wurden; oder die Lade als noch transportables Heiligtum, untergebracht in einem Zelt, während sie ja ab Salomo im Tempel ihren festen Platz hatte. Obwohl also die Novelle nahe bei der dargestellten Zeit anzusiedeln sein wird, ist sie doch nicht einfach Tatsachenreportage. Der Verfasser weiß mehr, als ein normaler Mensch wissen kann; so gibt er Gespräche im Wortlaut wieder, die unter vier Augen geführt wurden. Er hat intime Kenntnis von Vorgängen bei Hof, treibt aber keineswegs Hofberichterstattung, im Gegenteil, seine Geschichte ist randvoll von Intrigen und Ehebruch, von Blut und Mord. Das musste in königstreuen Ohren äußerst ungemütlich klingen. Der Höfische Erzähler hielt es denn auch für angebracht, hier gewisse Missverständnisse auszuschließen. Er fügte einige deutende und wertende Passagen ein,36 die klar machten, dass bei aller Ambivalenz des Geschehens, dass durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch am Ende doch ein positives Ergebnis erreicht war: Mit Salomo saß der Richtige, nämlich der von Gott Ausersehene, auf Davids Thron. Hatte der Verfasser der Novelle zwar Erzählfiguren von Gott reden lassen, jedoch niemals selbst versucht, Gottes Haltung zu dem Berichteten festzulegen, so hat der Höfische Erzähler keine Scheu vor theologischen Bewertungen (2Sam 11,27b; 12,1–25; 1Kön 1,30.37.48; 2,15b.24.33). Wie in seinem gesamten Lebensbild Davids, so sieht er auch in der Regelung seiner Nachfolge Gottes Hand am Werk. Diese Überzeugung hindert ihn freilich nicht, mit der alten Novelle die Rolle, die dabei die Menschen – gerade auch die führenden Kreise bei Hofe – spielten, äußerst kritisch zu beleuchten.

Schließlich ist noch der Erzählkranz über Die Geschicke der heiligen Lade zu erwähnen, den der Höfische Erzähler ebenfalls aufgeteilt und an den jeweils passenden Stellen in sein Werk eingestellt hat. Zu dieser Quelle gehörten ursprünglich wohl die Erzählungen über den Verlust der Lade an die Philister und ihre Rückkehr auf israelitischen bzw. judäischen Boden (1Sam 4–6), über ihre feierliche Überführung aus dem Grenzland in Davids Residenz Jerusalem (2Sam 6,1–15.17–19) und schließlich über ihre Deponierung im Allerheiligsten des Salomonischen Tempels (1Kön 8,1–11). In die Davidgeschichte hat der Höfische Erzähler – sinnvoller Weise nach dem Bericht von Davids Übersiedlung nach Jerusalem und der Demütigung der Philister (2Sam 5) – denjenigen Abschnitt eingefügt, der von der Verbringung der Lade in die neue Hauptstadt handelte (2Sam 6). Dabei bot sich ihm die Gelegenheit, von einem Zerwürfnis zwischen David und Michal zu berichten (6,16.20–

2.3 Die späteren Weiterungen

Die David-Geschichte des Höfischen Erzählwerks war derart kunstvoll und dicht gestaltet, dass spätere Redaktoren und Bearbeiter in sie nicht mehr allzu viel einzugreifen wagten (und dies wohl auch nicht nötig fanden). Es sind jedoch – abgesehen von kleineren Bemerkungen und Glossen – vier größere Ausnahmen zu vermerken.

a) Die Natanweissagung (2Sam 7)

Das berühmte Kapitel 2Sam 7 ist offenbar über mehrere Traditions- und Redaktionsstufen hinweg angewachsen. Es gliedert sich grob in drei Abschnitte: einen über den von David geplanten Tempelbau (7,1–11a), einen über den dauerhaften Bestand seiner Dynastie (7,11b–17) und einen mit einem langen, von ihm gesprochenen Gebet (7,18–29).

Relativ deutlich ist die Sachlage beim dritten Abschnitt. Das gesamte, ausführliche Gebet verdankt sich deuteronomistischen Bearbeitern.37