Der Graf von Saint Germain - Alchemist oder Hochstapler? - Thomas Freller - E-Book

Der Graf von Saint Germain - Alchemist oder Hochstapler? E-Book

Thomas Freller

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Beschreibung

Man muss den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen - so sprachen die Zeitgenossen über den Grafen von Saint Germain, der von sich behauptete, im Besitz zahlreicher Geheimnisse zu sein: Es hieß, er könne Edelsteine schaffen, das Leben verlängern, Krankheiten heilen ... Sein Charme und sein Auftreten verschafften ihm Zugang zu allerhöchsten Kreisen: Er bezauberte Madame Pompadour, verblüffte Casanova und brachte Ludwig XIV. nicht nur dazu, ihm ein Labor für seine alchemistischen Experimente einzurichten, sondern wurde auch sein Botschafter bei Geheimverhandlungen mit England. Adelige und reiche Bürger investierten große Summen in seine alchemistischen Projekte, die nie zum Abschluss kamen, aber dem Grafen ein Leben auf großem Fuß ermöglichten. Schon zu Lebzeiten wurde er zur Legende, nach seinem Tod wurden immer wieder Gerüchte laut, er sei noch lebend gesichtet worden. Wie schaffte es dieser Mann eine solche Karriere aus dem Nichts heraus hinzulegen? Was ist sein persönlicher Beitrag, was liegt in den geheimen Wünschen seiner Zeit begründet, was ist nachträgliche Legendenbildung? Thomas Freller entrollt das Bild einer glänzenden und neugierigen, aber zugleich zutiefst verunsicherten Epoche, die gierig nach neuen Heilsbringern und selbsternannten Weisen und Wissenden ist, sie in den Himmel hebt und als Scharlatane verfolgt.

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Inhalt

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Verlagshinweise

Thomas Freller

Der Graf von Saint-Germain Alchemist oder Hochstapler?

Eine Biographie

Jan Thorbecke Verlag

INHALT

Ein Mysterium und seine Zeit

»Mundus vult decipi.«

Die Magier und die Wissenschaften

Die Magier in Politik und Gesellschaft

Die Magier und die geheimen Gesellschaften

Die Welt als Bühne

Die Kreation neuer Götter – das Geschäft der Magier

Die zeitlose Faszination der Magier, Fälscher und Abenteurer

Der Graf von Saint-German – Spurensuche und Widersprüche

Eine Annäherung

Eine Spur

Am französischen Hof

Die Diamanten und der große Reichtum

Der Meister der Alchemie und das ewige Leben

Die Herkunft

Der Mann hinter der Maske

Diplomat von eigenen Gnaden

Auf der Flucht

Der Unternehmer

Der Graf verschwindet – Metamorphosen

Saint-Germain in der Provinz

Im Umkreis des Philosophenkönigs

Prinz Karls von Hessen-Kassel »Meister« – ein Oberer der Freimaurerei?

Der letzte Vorhang – und das Nachleben eines Unsterblichen

Anmerkungen

Ein Mysterium und seine Zeit

»Mundus vult decipi.«

Mundus vult decipi (Die Welt will betrogen sein),1 schreibt kopfschüttelnd Joseph Maximilian Graf von Lamberg, ein guter Bekannter des Grafen von Saint-Germain und Beobachter der Karriere Cagliostros. Der böhmische Aristokrat und Schriftsteller Lamberg ist einer der Zeugen, wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Moden der Spiritisten, des Okkulten und der geheimen Gesellschaften und ihre führenden Protagonisten in immer rascheren Zyklen auftauchen und wieder verschwinden. Ein anderer Zeitzeuge, der weitgereiste Freimaurer und Altphilologe Friedrich Münter notiert 1785 in sein Tagebuch: Es treten (…) jeden Augenblick sehr sonderbare Menschen auf, die alle Kräfte der Natur kennen, und mit ihnen wirken. (…) Überall (…) ist ein unsäglicher Durst nach geheimer Weisheit, nach geheimen Verbindungen, und zugleich mit ihnen der äusserste Verfall der Sitten. (…) Selbst die vernünftigsten Leute werden, wenn die Furie sie anwandelt, Vieh (…). 2 Die Regierenden und Herrscher sind gegen diese Tendenzen keineswegs immun. Anhand der schillernden Karriere Saint-Germains werden wir sehen, wie Madame de Pompadour, Ludwig XV., der österreichische Minister in den habsburgischen Niederlanden Cobenzl, der mächtige Günstling Katharinas II. Graf Orlow und die deutschen Duodezfürsten Karl Alexander von Ansbach-Bayreuth und Karl von Hessen-Kassel einen Narren an dem geheimnisvollen Grafen und seinen Künsten finden. In Frankreich stürzt Kardinal Rohan über seine Beziehungen zu Cagliostro und zu der berüchtigten Abenteurerin und falschen Gräfin Jeanne de la Motte.

Die Brüder Goncourt berichten in ihrem unterhaltsamen Klassiker über Madame de Pompadour, wie die Mätresse Ludwigs XV. im Geheimen die Wahrsagerin Madame Bontemps aufsucht. Die heimliche Königin Frankreichs brennt darauf, aus Madame Bontemps Kaffeesatz Nachrichten über die Zukunft zu erfahren.3 Sie weiß sich dabei in bester Gesellschaft. Auch der Kardinal Bernis und der Herzog von Choiseul – zwei der aufgeklärtesten und mächtigsten Herren der französischen Politik – teilen Madame Pompadours Faszination für die Künste der Madame Bontemps. Ihr Zeitgenosse, der Großmeister des Malteserordens, Manoel Pinto de Fonseca, finanziert – als Oberhaupt eines katholischen Ordens! – Alchemisten, die ihm das Geheimnis der Gold- und Silberherstellung verraten sollen. Der Portugiese Pinto de Fonseca ist nicht der einzige Fürst, der noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts Magier, Okkultisten und Parawissenschaftler in seine Residenz zieht. Auch andere zwielichtige Gestalten sammeln sich im Zeitalter der Aufklärung an den europäischen Höfen. Nicht selten hören wir noch im 18. Jahrhundert von obskuren Kronprätendenten und falschen Königssöhnen und -töchtern. 4 Am Ende des Jahrhunderts steht die desillusionierte Erkenntnis Napoleons, man könne den Leuten leichter durch Blödsinn als durch Vernunft imponieren. 5 Der von dem Pragmatiker Napoleon gebrauchte Begriff »Blödsinn« ist dabei relativ. Bereits 1713 warnt der Rektor der Universität von Göttingen Christoph August Heumann in einem in Richard Menckens damals populärem Werk »De Charlataneria Eruditorum« (»Von der Scharlatanerie der Gelehrten«) abgedruckten offenen Brief: Der Scharlatan ist keinesfalls ein Simpel und gewöhnlich überdurchschnittlich intelligent. 6 Saint-Germain hätte dem nicht widersprochen.

Die Vita der hier behandelten Persönlichkeit liest sich wie ein Abenteuerroman aus der Feder von Alexandre Dumas oder Sir Walter Scott. Die reale Person hinter diesem Lebenslauf ist ein vielleicht noch größerer Geschichtenerzähler als die Meister des Romans. Abgestoßen von der Trivialität der Umwelt und gleichsam entfremdet in einem »entzauberten«, aufgeklärten Europa, sind es nur die privilegierten Eingeweihten – ihre Anhänger, Schüler und Jünger –, die Einblicke in sein Wesen und Wollen haben. Das Leben wird zum Mysterium und Roman. Selbst wenn der Vorhang der Phantasie und Verklärung beiseite gezogen wird, die Fakten allein besitzen das Potential zu einer Verfilmung.

Paradoxerweise ist kein Zeitalter so reich an erfolgreichen Spiritisten, Scharlatanen, Wunderheilern, Meistern der Esoterik, Kabbala und Hypnose, Zauberern und Abenteurern, an einflussreichen Geheimgesellschaften, geheimen Orden, an jungen Parawissenschaften, mysteriösen Riten und Verschwörungstheorien wie jenes, das gemeinhin mit dem Etikett der Aufklärung und Vernunft versehen wird. Gotthilf Heinrich Schubert prägt 1808 in seiner Studie über Parawissenschaften, Hypnose, Magnetismus und elektrische Phänomene den Begriff der »Nachtseiten« der Vernunft. Wenngleich nicht im deckungsgleichen Sinn, thematisiert der Zeitgenosse Goya mit seinem bekannten Stich »El sueño de la razon produce monstruos« (»Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster«) ebenfalls die bis dahin so gern geleugnete Existenz einer anderen Kraft hinter der Fassade der Ratio. Nolens volens kommt die Erkenntnis, dass die Faszination der »Nachtseiten« der Aufklärung und des Positivismus – vor allem der Esoterik, Geheimwissenschaften und Verschwörungstheorien – für den Menschen des bürgerlichen Zeitalters zum gleichsam unabdingbaren Pendant zur vernunftbetonten, unmittelbaren Umgebung zu gehören scheint. Nicht umsonst werden um 1800 in Literatur und Kunst Doppelgängerfiguren zu beliebten Motiven. Fast unnötig darauf hinzuweisen: Wir befinden uns in der Periode der »Gothic Novels« und der Romantik. Das Okkulte, Visionäre, Magische und Abenteuerliche tritt uns in verschiedenen berühmten Gestalten des 18. Jahrhunderts gegenüber.

Viele dieser Figuren – gleichsam die Protagonisten der »Nachtseiten« des bürgerlichen Zeitalters – scheinen über eine zeitlose Faszination zu verfügen. Seit nunmehr zwei Jahrhunderten polarisieren die Persönlichkeiten eines Saint-Germain, Mesmer, Swedenborg, Cagliostro, Saint-Martin, Gaßner oder Schrepfer die Massen. Wie kein anderes Phänomen entlarven die Karrieren Cagliostros und Saint-Germains die latente Verwundbarkeit der sogenannten »Göttin der Vernunft« gegenüber metaphysischen und spiritistischen Strömungen. Die Bilder ihrer in einen nahezu undurchdringlichen Mantel von Fiktion, Legende und Wahrheit eingehüllten Leben könnten nicht farbiger sein. Interessanterweise sind die Methoden, mit denen diese Charaktere Bürger, Adelige, Intellektuelle, Herrscher und Künstler in ihren Bann ziehen, ebenso zeittypisch wie zeitlos. Dies beweist die ungebrochene Faszination ihrer bis in die heutige Zeit mit Legenden und Anekdoten weiter ausgeschmückten Viten. Wir werden später noch einmal auf diesen Aspekt zurückkommen.

Als Erscheinungen einzigartig, existierten Figuren wie Saint-Germain dennoch nicht in einem Vakuum. Als mit Bedacht kreierte und sukzessive durch neue Facetten erweiterte Kunstfiguren stehen sie natürlich im engen Kontakt zu den zeitgenössischen geistigen Strömungen. Schon seit längerem wird im kollektiven Erfolg dieser Figuren ein innerer, tieferer Zusammenhang vermutet. Heinrich Conrad ist daher nicht der einzige Biograph Cagliostros, der den Magier als typisches »Produkt seiner Zeit« bezeichnet.7 Tatsächlich hat sich die Forschung immer wieder mit den Abenteurergestalten, Fälschern, Magiern, Visionären und Scharlatanen des 18. Jahrhunderts beschäftigt. 8 Bei näherem Hinsehen können verschiedene repräsentative »Typen« von Abenteurern, Visionären, Scharlatanen und Fälschern unterschieden werden.

Die Magier und die Wissenschaften

Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der naturwissenschaftlichen Experimente, empirischen Untersuchungen und neuen erkenntnistheoretischen Ansätze. Die Erforschung elektrischer Spannungen, Böttgers (Neu-)Entdeckung der Prozellanherstellung und die allmähliche Entzifferung alter orientalischer Sprachen sind unterschiedliche, aber signifikante Phänomene dieses Zeitgeists. Wir werden sehen, wie Saint-Germain diesen Forschergeist, dieses Interesse am Neuen, Unbekannten und nicht mehr Greifbaren, geschickt für seine Zwecke ausnützte. Vor allem am Beispiel der Karriere als Alchemist zeigt sich das für den Merkantilismus zeittypische Interesse privater Investoren und Regierungen daran, mit neuen, streng geheimen Erfindungen und Methoden Konkurrenten und Nachbarstaaten zu überflügeln. Die »sensationellen« Erfindungen des geheimnisvollen Grafen zur billigen Färberei von Stoffen und Farbenherstellung passen genau in das Konzept der autarken Gebrauchsgüterindustrie vieler Landesfürsten. Tatsächlich kommt es in diesem Zusammenhang – wenn auch nicht durch Saint-Germain – zu vielen nützlichen und rentablen Erfindungen, nicht zuletzt zur Entwicklung der Farbe Preußisch-Blau – um bei einem Beispiel aus dem Bereich der Forschungen des Grafen von Saint-Germain zu bleiben. Nicht nur die Naturwissenschaften, auch die Geisteswissenschaften sind in der Epoche der Aufklärung von einem optimistischen Vertrauen in die absolute Erkenntnismöglichkeit geprägt. Der im 18. Jahrhundert erreichte wissenschaftliche Fortschritt und fruchtbare Diskurs bezüglich der Erziehungswissenschaften ist in der Tat äußerst beachtlich. Und dennoch; am Ende des Jahrhunderts zeigen Figuren wie Saint-Germain und Cagliostro noch einmal gnadenlos die Schwachstellen der vernunftbesessenen Aufklärung auf.

Ungeachtet der Einbindung der Wissenschaften in ein utilitaristisches Gesellschaftssystem besteht allerdings auch noch am Ende des Jahrhunderts ein Spannungsfeld zwischen rationaler, empirischer und metaphysischer Interpretation. Strikte Empirie und Positivismus schließen interessanterweise die parallele Weiterexistenz und das Neuaufkommen der sogenannten Parawissenschaften nicht aus. In einigen Aspekten haben sich diese Parawissenschaften und die Form der im 18. Jahrhundert betriebenen Alchemie nicht allzu sehr von ihren mittelalterlichen Wurzeln entfernt. Bekanntlich wurde ein großer Teil der alchemistischen Vorstellungen mit den Arabern über Spanien und Sizilien nach Europa getragen. Der Graf von Saint-Germain gilt als einer der letzten großen Vertreter der sogenannten »Adepten«, wie die Meister dieser Geheimnisse der Alchemie genannt wurden. In der Beschäftigung mit den Schicksalen Saint-Germains, Cagliostros, Schrepfers und auch Mesmers begegnet uns immer wieder die Suche nach der »materia prima«, dem Urstoff für die Gewinnung des »Steins der Weisen«. Nach wie vor findet sich im Zeitalter der Aufklärung der konkrete Glaube, bald sowohl die künstliche Herstellung von Gold und die Metallverwandlung realisieren wie auch das Geheimnis der Universalmedizin und der Unsterblichkeit lösen zu können.

Mit den sich immer weiter verzweigenden, spezialisierenden und vertiefenden Wissenschaftszweigen gestalten sich auch die sogenannten Geheimwissenschaften immer elitärer. Im sich allmählich etablierenden bürgerlichen Zeitalter vollzieht sich gleichzeitig hinter der Fassade der Aufklärung – gleichsam komplementär – eine außergewöhnliche Popularisierung und Kommerzialisierung der einstmals so exklusiven Geheimlehren der Alchemie und Kabbala. Mit dieser Popularisierung geht zweifelsohne ein Prozess der geistigen Verflachung einher. Alchemie, Kabbala und die sogenannten okkulten Riten werden zur Mode der Aristokratie wie auch des mittlerweile erstarkten Großbürgertums. Lise Andries nennt diesen Vorgang treffend la vulgarisation de l`occultisme.9 Nicht nur Saint-Germain und Cagliostro profitieren davon. Die Verbindung von Magie, Parawissenschaft und Religion verleiht einer großen Zahl weiterer, heute wieder vergessener Magier einen außergewöhnlichen Erfolg. In den Zusammenhang der »Vulgarisation« des Okkulten passen wenige Gestalten besser als der ehemalige preußische Husar und Leipziger Kaffeehauswirt Johann Georg Schrepfer mit seinen Séancen und Geisterbeschwörungen. 10 Wir werden im Zusammenhang mit der Diskussion des Kontakts der Magier zur Freimaurerei und den Geheimgesellschaften auf seine Schmierenkomödien eingehender zu sprechen kommen.

Die Schwäche der Menschen im 18. Jahrhundert für die sogenannten Geheimwissenschaften, für Freimaurerei, neue religiös-mystische Sekten bis hin zu politischem Radikalismus ist keine neue Erkenntnis. Sie ist bereits vielen Zeitgenossen sehr wohl bewusst.11 Die Intellektuellen des 18. Jahrhunderts erkennen durchaus, auf welche Weise die Scharlatane die neuen Theorien und Erkenntnisse der Wissenschaften für ihre sinistren Zwecke instrumentalisieren. Bereits viele Zeitgenossen sehen zum Beispiel Parallelen zwischen Saint-Germain und Cagliostro und vermuten in dem jüngeren Cagliostro einen Schüler Saint-Germains. 12 Der bereits oben zitierte Maximilian Joseph Graf von Lamberg schreibt in seinen gern gelesenen »Lettres critiques, morales et politiques« (1786): Cagliostro ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankt seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem Ränkespiel. 13 Dokumentierte Beweise für eine derartige Verbindung gibt es nicht. Im Gegenteil erweisen sich diese Andeutungen bei näherer Betrachtung als falsch, dennoch stürzen sich auch die modernen Autoren immer wieder auf dieses vielversprechende Thema. 14 Richtig ist, dass Saint-Germain bereits zu seinen Lebzeiten viele Nachahmer findet. Einer der bekannteren ist Nicolas Philippe Ledru, genannt Comus. Wie sein Meister wirkt er im Zwischenbereich von Physik, Magie, Medizin und Taschenspielerei. 1783 veröffentlicht er sein an Franz Anton Mesmers Forschungen angelehntes Werk »Aperçu des Idées (…) sur le Fluide universel, connu sous la dénomination Electrique (…).«

Franz Anton Messmer

Mesmer (1734–1815) gibt das Stichwort für drei zentrale Bereiche der Parawissenschaften, die im Mittelpunkt der Aktivitäten von Magiern, Spiritisten und Okkultisten vom Schlag eines Cagliostro, Saint-Germain oder Schrepfer stehen: Die Vorläufer der Hypnose, die Arbeit mit dem sogenannten »Fluidum« und der animale Magnetismus. Anhand dieser Phänomene soll der Umgang der Magier mit den Ergebnissen von Medizin und Forschung etwas näher beleuchtet werden. Obwohl von verschiedenen seiner kritischen Zeitgenossen in einem Atemzug mit Cagliostro und Saint-Germain genannt, haben Mesmers auf einer soliden naturwissenschaftlichen Ausbildung aufbauenden parawissenschaftlichen Forschungen eindeutig einen höheren Anspruch als bloße Selbstdarstellung oder Gelderwerb.15 Nicht umsonst wird seine sogenannte Magneto-Therapie heute als Ursprung der Hypnosetherapie angesehen. Mesmer auf eine Stufe mit Cagliostro und den Grafen Saint-Germain zu stellen wäre also ungerecht. Bereits seine anerkannten akademischen Würden – er war Doktor der Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin – setzen ihn von den beiden oben Genannten ab. Und doch stehen die Erfolge des Wissenschaftlers vom Bodensee in engem Zusammenhang mit den zeitgenössischen Okkultisten und Abenteurern. Wie sie benutzt er Symbole der Freimaurerei und entwickelt für seine Heilmethoden und Theorien hochtrabende und leere Begriffe. Mit Fug und Recht haben nachfolgende Generationen Aspekte seiner Forschungen und Aktivitäten als Pseudowissenschaft bezeichnet. Das Schicksal Mesmers zeigt damit einen weiteren Aspekt des Spektrums der Parawissenschaften, der Bruchstellen der Aufklärung, Schwachstellen des Rationalismus und der Fortschrittsgläubigkeit seines Zeitalters auf. Obwohl er Freund und Bekannter zahlreicher Größen seiner Zeit – unter ihnen Mozart, Haydn, Gluck, Franklin, La Fayette, Brissot und Madame Du Barry – ist, lassen ihn seine persönlichen Eigenheiten und Charakterzüge dennoch immer wieder mit den staatlichen Autoritäten in Konflikt geraten. Gerade die sich um seine Person rankenden Halbwahrheiten und Legenden schaden seiner Karriere. Aus der Mode geriet der geheimnisumwitterte und unbequeme Mediziner und Unternehmer in eigener Sache bis heute nicht. Seine stete Aktualität steht im engen Zusammenhang mit der Entwicklung der Hypnose, Psychoanalyse und Psychotherapie. Spricht man über die anerkannten großen Wegbereiter dieser Zünfte, Freud, Charcot, Bernheim oder Breuer, fällt im Allgemeinen auch der Name Mesmer. Viele begreifen ihn mit Recht als einen der wichtigsten Vorläufer von deren Forschungen.

Zum besseren Verständnis des Zeitgeists und auch der parallelen Karrieren Saint-Germains und Cagliostros sei etwas näher auf Mesmers Forschungen eingegangen. Ganz im Gegensatz zu Cagliostro oder Saint-Germain verläuft das Leben des 1734 in Iznang am Bodensee geborenen Mesmer relativ unspektakulär. Mesmers Jugend scheint zunächst nicht auf die spätere Karriere hinzudeuten. Er studiert zuerst Theologie, dann Jura und wechselt schließlich zur Medizin. 1764 präsentiert er in Wien seine Dissertation über das Thema des »Einflusses der Planeten auf den menschlichen Körper«. Kern seiner Theorie ist, dass die Weltkörper, wie etwa Sonne und Mond, nicht nur Flut und Ebbe bestimmen, sondern auch auf die Prozesse des menschlichen Nervensystems Einfluss nehmen. Transporteur dieses Einflusses sei ein sich wellenartig verbreitendes Fluidum. Zunächst geht Mesmer davon aus, dass dieses »Fluidum« elektrischer Natur sei. Schließlich revidiert er seine Meinung und bezeichnet es als magnetisches Phänomen. Seine Forschungen bringen ihn zur Überzeugung, dass es sich bei dem Magneten nur um den Leiter einer von ihm – Mesmer – selbst ausgehenden Kraft handelt. Je mehr er seine Forschungen weitertreibt, desto mehr fühlt sich Mesmer mit besonderen Kräften begnadet. Er ist gleichsam berufen, zum Wohl der Menschheit weiterzuarbeiten. Schließlich glaubt er, die Kraft des »Fludiums« ließe sich auch erreichen, wenn er das nach Polen wechselnde Berühren oder Bestreichen statt mit dem Magneten mit bloßen Händen durchführen würde. Der sogenannte »animale Magnetismus« war geboren. 1775 publiziert er seine Erkenntnisse in einem »Sendschreiben über die Magnetkur«. Im Zentrum seines Interesses steht die angebliche Heilwirkung dieser Kräfte. Mesmers »Sendschreiben« erregt umgehend großes Aufsehen.

Der Durchbruch zur universellen Popularität vollzieht sich aber erst mit seiner Übersiedelung nach Paris. Hochrangige Vertreter aus der Politik, den Fürstenhäusern, der Kirche und illustre Intellektuelle gehören ebenso zu seinen Kunden wie der »einfache« Bürger. Proportional zu seinem Ruhm steigt der Neid der Ärzteschaft. Mesmer ist nicht nur ein glänzender Kommunikator, sondern auch ein Experte für die Vermarktung der eigenen Person. Die in seiner Praxis in Paris abgehaltenen Séancen werden zum Tagesgespräch der Weltstadt. Ebenso großen Widerhall findet Mesmer bei der Gründung von Sozietäten, die sich der magnetischen Heilung und Hypnose widmen sollen. Insgesamt gründen er und seine Schüler in Frankreich mehr als 30 sogenannte »magnetische Klubs«. Wie Cagliostro scheidet Mesmer die Geister. Für viele ist er ein Erleuchteter, für andere ein Scharlatan. Wie nicht anders zu erwarten, entfachen seine Theorien und Heilungen bald hitzige intellektuelle Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft und Paramedizin. Sowohl seine unmittelbaren Zeitgenossen Lavater, Goethe, Heinse, Moritz und Schiller als auch die nachfolgende Generation der Dramatiker wie Kleist und Romantiker um Tieck, Fouqué und E. T. A. Hoffmann sind von den Implikationen von Mesmers Magnetismus fasziniert.16 In Heinrich von Kleists »Käthchen von Heilbronn« steht die Titelheldin offensichtlich im magnetischen Rapport mit dem Ritter von Strahl. Etwa gleichzeitig verfasst E. T. A. Hoffmann seine Erzählung »Der Magnetiseur«, die er allerdings vorerst noch »Träume sind Schäume« nennt. Das Thema taucht auch in seinen späteren Erzählungen »Der unheimliche Gast« und »Der Elementargeist« auf. Diese Faszination der Umwelt und die fieberhafte Tätigkeit von Mesmers Schülern und Epigonen finden ihr Echo in immer neuen Ansichten zu Somnambulismus, Hellseherei, Suggestion und innerer Erleuchtung. Mittlerweile hat die französische Revolution Mesmers »große« Karriere längst beendet. Die »Terreur« zwingt ihn 1793 Frankreich zu verlassen. Die letzten zwei Dekaden seines Lebens lebt er am Bodensee in relativer Abgeschiedenheit. Bis zu seinem Tod wird er von den Behörden abwechselnd als Jakobiner, französischer Spion, Demokrat und Spiritist verdächtigt und misstrauisch überwacht. Beschäftigen wir uns im Folgenden etwas genauer mit einigen gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Folgen von Mesmers Forschungen.

Obwohl er es nicht zugibt, verdankt Mesmer seinen Erfolg nicht unwesentlich erheblich älteren Erkenntnissen. Seit Newton hatte man sich daran gewöhnt, dass die Sichtbarkeit nicht mehr als Kriterium der Wahrheit postuliert werden kann. Gleichzeitig gelang es einem verfeinerten Sensorium der Wissenschaft auch die Existenz des Unsichtbaren aus Erfahrungsgesetzen nachzuweisen. Newtons Abhandlungen über den »Äther«, der ungreifbar und unsichtbar den leeren Raum und die Körper durchdringt, und die Forschungen über die Elektrizität in der Mitte des 18. Jahrhunderts bilden wesentliche Voraussetzungen für Mesmers Studien. Laut Mesmer besteht zwischen belebten Körpern eine besondere Art des »Rapports«. Psychische Ereignisse seien in Wirklichkeit physische Entwicklungen, die durch ein sogenanntes »Fluidum« auf andere Lebewesen einwirken würden. Mesmer beschäftigt sich eingehend mit der schon von dem schottischen Arzt Brown diskutierten spezifischen Sensibilität der Nervenpartien, die auf die zwischen den Körpern entstehende Kraft einwirkt.

Für Mesmer ist diese Kraft immer noch eine stoffliche Substanz. Das ausgehende 18. Jahrhundert hat zwar aufgehört, den Stein der Weisen in der Alchemie zu suchen, glaubt aber dennoch an die Entdeckung von Panazeen, den berühmten Alheilmitteln. Der Mediziner Mesmer glaubt, in diesem »Fluidum«, beziehungsweise in der Kunst des Magnetismus, diese universale Kraft zu Heilzwecken gefunden zu haben. Er ist überzeugt, dass sich diese Kraft in bestimmten Körpern sammeln und konzentrieren kann und durch ein System von Berührungsakten auf andere Körper übergehen kann. Mesmer entwickelt vor allem die sogenannten magnetischen Striche. Er erklärt: Um sich in Harmonie mit dem Kranken zu versetzen, muß man zuerst die Hände auf die Schultern legen und längs der Arme bis zur Spitze der Finger fahren, indem man den Daumen des Kranken einen Augenblick hält; dies muß man zwei- oder dreimal wiederholen und nachher vom Kopf bis zu den Füßen herunter Ströme errichten.17 Es gibt jedoch Einschränkungen. Nur zwischen Körpern einer besonderen geistigen und körperlichen Konstitution kann durch solche Praktiken ein »Rapport« hergestellt werden. Der Überträger der Ströme muss aktiv und stark sein, derjenige, auf dem sie übertragen werden, muss schwach und passiv sein. Je mehr Mesmer forscht, desto mehr gelangt er zur Gewissheit; nur besonders Begünstigte haben die Kraft der Ströme. In dieser Beziehung ergeben sich weitere Bezugspunkte zu Cagliostro. Der Magnetiseur und Hypnotiseur ist also ein Auserwählter, ein Charismatiker. Verschiedene Aspekte von Mesmers Vorführungen, Heilungen und Séancen entbehren nicht gewisser Parallelen zu den Schauspielen der Scharlatane. Im grandiosen Gestus gelingt es Mesmer angeblich sogar, mit seinen Kräften die mit Wasserflaschen und Eisensplittern gefüllten Fässer, die sogenannten »Baquets«, die von Erleuchtung und Heilung suchenden Patienten umlagert werden, zu magnetisieren. Diese Anmaßungen veranlassen auch Freimaurer und progressive Intellektuelle wie Friedrich Münter, die ansonsten den Neuerungen der Wissenschaft durchaus aufgeschlossen sind, sich kritisch mit den Auswüchsen des Magnetismus auseinanderzusetzen. Während seiner Italienreise 1785 diskutiert Münter mit einem britischen Arzt – einem gewissen Dr. Ingenhous – die neuesten Nachrichten: Nach Tisch erzälte Ingenhous mir (…) von Mesmers Wunderkuren. Er wollte ihm den Magnetismus durch Berührung und Formensprechen mitgetheilt haben. Ein Mädchen, die das merkte, und eine Betrügerin war, bekam auch gleich Convulsionen. Mesmers Frau hingegen, die auch dabey war, und es nicht wußte, bekam keine, so sehr sie auch gegen Magnetismus empfindlich zu seyn glaubte, wenn man sie anrührte. Ingenhous berührte sie oft, und gleichsam aus Versehen, und sie wußte nicht, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgegangen sey, daher bekam sie keine. Mesmer selbst war ein Schwärmer und liess sich von den Weibern täuschen. 18

Es kann insofern nicht verwundern, dass wir viele der Anhänger Saint-Germains und Cagliostros kurze Zeit nach der Abreise des Meisters aus Paris auch im Umfeld Mesmers wiederfinden. Wie Saint-Germain bedient sich also auch Mesmer des publikumswirksamen Instrumentariums seiner Epoche. In den nach 1770 besonders florierenden Phänomenen der Geheimbünde und Logen begreifen die Magier die Zeichen der Zeit. Cagliostro gründet seine Loge der »ägyptischen« Freimaurerei, Mesmer etabliert seinen »Orden der Harmonie«. In diesem Orden bemühen sich seine Schüler und Anhänger darum, eine aus der allgemeinen Physik der Welt strömende Moral (Nicolas Bergasse, 1750-1832) zu entwickeln. Damit betritt der Mediziner und Wissenschaftler Mesmer die Felder der Politik und Gesellschaftsordnung. Die Ziele des ungestörten, vollen Wirkens des »Fluidums« werden nicht mehr auf körperliche Heilungen beschränkt, sie sollen auch gesellschaftliche Schäden und Unzulänglichkeiten beseitigen. Mesmers Lehren entwickeln sich zu einem Politikum. Im Zweifelsfall sollen gesellschaftliche Institutionen verändert werden, damit die Lebenskraft, das »Fluidum«, ungestört strömen kann. Aus manchen dieser Clubs rekrutieren sich am Ende der 1780er Jahre Jakobinerzirkel.

Nicht zuletzt deshalb wird Mesmer nach seiner Rückkehr nach Wien als jakobinerverdächtig zeitweilig eingekerkert. Die internationale Weiterentwicklung seiner Ideen und Theorien können die Autoritäten jedoch nicht kontrollieren und regulieren. Verschiedene Denker und Forscher, unter ihnen Barbarini und Puységur, treiben die Spiritualisierung von Mesmers »belebter Schwerkraft« und die Wirkung seines »Fluidums« weiter. Sie erscheint nun als immaterielle, aber im Materiellen wirkende Lebenskraft. Schelling weist ihr in seinem System der romantischen Naturphilosophie einen festen Platz zu. Die Theorie, dass ein psychisches Prinzip ohne mechanische und materielle Hilfe direkt auf physische Körper wirken könne, wird für Forschung und Literatur gleichermaßen faszinierend. Dies bedeutet, dass bloße Willenskraft und Charisma ein »Fluidum« erzeugen können, welches fremde Körper zu bestimmten Reaktionen veranlasst. Wissenschaft und Kunst bauen die Idee des »magnetischen Rapports« in zahlreichen weiteren abenteuerlichen Theorien und Szenarien weiter aus. Besonders intensiv wird diskutiert, wie sich dieses »psychische Prinzip« nicht nur auf fremde Körper, sondern auch auf fremde Psychen auswirken könne. Man malt sich gleichzeitig mit Schauern und Neugierde aus, wie der Charismatiker und Magnetiseur in seinem Medium das eigene Ich einpflanzt. Das Medium – also der Patient – wird zum Opfer und Instrument des Bösen. Figuren wie Cagliostro, Saint-Germain und Schrepfer gewinnen dadurch noch einmal eine zusätzliche Faszination.

Besonders gespenstisch sind in diesem Zusammenhang die angeblichen Künste von Scharlatanen und Okkultisten, mittels lebendiger Medien wieder mit lange Verstorbenen in Kontakt treten zu können. Häufig wird von Zeitgenossen behauptet, Magier wie Cagliostro und Schrepfer würden magische, magnetische und electrische Instrumente benutzen.19 Die neue Wissenschaft wird gleichsam pervertiert. In paradoxer Umkehrung der neuen Forschungen und Theorien zu den »unsichtbaren« Kräften, kann es nun geschehen, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift,20 wie es Karl Graf von Cobenzl, eines der Opfer der physikalischen und chemischen Experimente des Grafen von Saint-Germain formuliert. In dem Maß, in dem der Mensch der späten Aufklärung an die Existenz des Unsichtbaren glauben muss, kann er auch seinen eigenen Augen und Sinnen nicht mehr trauen – so könnte das neue Credo lauten. Diese Überforderung der menschlichen Sinne in den neuen wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen kommt Zauberern von der Qualität eines Grafen von Saint-Germain und Cagliostro nur zu Gute.

Doch auch die Medizin entwickelt das Einsatzmodell des Magnetismus weiter. Der Magnetiseur glaubt, in seinem Medium bzw. Patienten die Psyche derart aktivieren zu können, dass er schließlich dessen Krankheitsherde und deren Ursachen selbst wahrzunehmen vermag. Gleichzeitig kann er den Patienten in einen Zustand versetzen, in dem dessen vegetatives Nervensystem trotz ruhender Sinnesorgane sehen, riechen, hören und empfinden kann. In der zeitgenössischen Literatur heißt dies »Träumen in den tieferen Nervenzügen« und »Sinnenversetzen«. Der »tierische Magnetismus« wird dadurch mit dem Somnambulismus und der Hypnose verknüpft. Die direkten Linien derartiger Forschungen und Theorien zu den modernen psychoanalytischen und psychotherapeutischen Modellen liegen auf der Hand. Die Erforschung bisher unbekannter Kräfte verläuft in die verschiedensten – nicht selten immer unheimlicheren – Richtungen. Nach 1770 entwickeln sich die Experimente mit elektrischer Spannung so erfolgreich, dass sich manche Forscher zu der Hoffnung verleitet sehen, bald tote Materie beleben zu können. Mary Shelleys Roman »Frankenstein oder der moderne Prometheus« aus dem Jahr 1818, mit der Beschreibung eines aus Leichenteilen zusammengeflickten, durch elektrische Funken belebten Monsters, ist eine verspätete literarische Reaktion auf diese Entwicklung. Mit Hilfe der neuen Wissenschaft scheint »Pygmalions bildender Traum« auf einmal realisierbar.

Sämtlichen der neuen Heiler – unabhängig davon ob sie wie Mesmer ernsthafte oder wie James Graham oder Cagliostro scharlatanesque Ziele verfolgen – schlägt die erbitterte Feindschaft der Ärzte und Schulmedizin entgegen. Dennoch blicken auch viele der Ärzte insgeheim auf die neuen Ideen. Die kultivierte Madame Roland schreibt im April 1784: Im Augenblick beschäftigt man sich viel mit Mesmer. Fast alle Ärzte, die ihn übrigens als Scharlatan abtun, stellen neue Theorien über die Atmosphäre der verschiedenen Körper auf. Unter einem merkwürdigen Schleier scheinen sie alle Mesmers Gedanken nachzulaufen, um das Recht zu haben, falls jener alles veröffentlicht [zu sagen]: »Das wissen wir doch schon alles ….«21 Der Kommissionsbericht vom August 1784, in dem Mesmers Therapiemethoden als »unnütz« und sogar »gefährlich« verurteilt werden, kann den Siegeszug seiner Ideen dennoch nicht stoppen.

Der Exorzist Johann Joseph Gaßner

Haben der Mesmerismus und die Hypnose um 1780 den Reiz der Avantgarde, gibt es dennoch auch noch Relikte vergangener Zeiten katholischer Metaphysik, die nach wie vor große Erfolge feiern. Ohne sich dieser »Relikte« bewusst zu werden, können auch die Karrieren Saint-Germains und Cagliostros nicht verstanden werden. Vielleicht bestes Beispiel dafür sind die Aktivitäten des Exorzisten Johann Joseph Gaßner (1727–1779).22 Auch der Pfarrer Gaßner benutzt mit den Mitteln der Suggestion und Autosuggestion »moderne« Heilmethoden, das geistig-theologische Fundament seiner Heilungen steht jedoch noch auf mittelalterlichen Fundamenten. Gaßner ist überzeugt, dass manche Krankheiten von dämonischen Mächten und dem Teufel verursacht werden. Der böse Einfluss des Antichristen würde sich schließlich auch im menschlichen Organismus festsetzen und so zu einem vermeintlich natürlichen Leiden werden. Gaßner argumentiert nun scheinbar logisch: Da diese Art der Krankheiten nicht auf natürlichem Weg entstanden sei, könne man sie auch nur mit geistlichen Mitteln, mit Beschwörungen und Gebeten bekämpfen. Die gemeine »physische« Medizin könne hier nicht helfen. Nur ein mit besonderen Gaben ausgerüsteter Priester ist befähigt diese »geistlichen« Heilungen durchzuführen. Bereits während seines Wirkens als Pfarrer im Dorf Klösterle am Arlberg erfreuen sich die Heilmethoden Gaßners großer Popularität. Der Regensburger Bischof, Graf von Fugger, beruft ihn 1774 auf seine Propstei Ellwangen in Württemberg. Auch nach seiner Übersiedelung nach Regensburg 1775 reißt das große Interesse an Gaßner nicht ab. 23 Die meisten Intellektuellen der Aufklärung sind dagegen über die mit Gaßner anscheinend wieder auflebenden Phänomene lang vergangener blutiger Zeiten entsetzt. Doch der Exorzist hat auch innerhalb der katholischen Kirche seine Gegner. Vor allem der Münchner Theatiner Ferdinand Sterzinger wettert in zahlreichen Pamphleten und Vorträgen gegen die Teufelsaustreibungen Gaßners. 24 In seinen Attacken zeigt sich Sterzinger auf der Höhe seiner Zeit, erklärt er doch einen Teil von Gaßners Heilerfolge durch therapeutische Wirkungen der Elektrizität und des Magnetismus, andere Heilungen wären durch persönliche Imagination und Einbildungskraft der Kranken erfolgt. Mit übernatürlichen Phänomenen oder einer besonderen Begabung des Heilers hätten Gaßners Kuren nichts zu tun.

Obwohl scheinbar ein Relikt des Mittelalters, stehen Gaßners Aktivitäten und Vorstellungen dem als Prometheus moderner Forschung stilisierten Franz Anton Mesmer dennoch näher, als man es zunächst glaubt. Ernst Benz weist mit Recht auf die häufig falschen, weil pauschalen, Klassifizierungen Gaßners und Mesmers hin: Man hat immer wieder versucht, Gaßner, (…) den Dr. Mesmer als Repräsentanten der modernen wissenschaftlichen Forschung gegenüberzustellen. Dies trifft so nicht zu. (…) Beide waren offensichtlich Persönlichkeiten mit einer starken charismatischen Heilbegabung, aber während Gaßner seine Heilungen dem Glauben an Jesus Christus und an dessen Sieg über die Mächte des Teufels und der Dämonen zuschrieb, begründete Mesmer seine Methode der Heilung auf seine Theorie des Magnetismus, d. h. auf eine Naturphilosophie, die nur insofern moderner war, als sie auf die konventionellen dogmatischen Schulbegriffe des dämonologischen Weltbildes verzichtete, aber in ihrem Glauben an die geheime Lebenskraft der Natur von einem nicht minder starken mystischen Element erfüllt war und bei ihm der Kampf zwischen Christus und dem Satan auf die Spannung zwischen dem postiven und dem negativen Pol der vis magnetica, des geheimen Lebensfeuers, reduziert war. Die Heilsysteme Gaßners und Mesmers haben also beachtliche Gemeinsamkeiten. Sie zielten auf Heilung von »Mißverhältnissen«, die in den Kranken entstanden waren – nur nannte Gaßner das Mißverhältnis »Sünde«, Mesmer sprach von »Disharmonie«. So spielten die beiden Systeme auf sehr verschiedenen Ebenen. Gaßner hat theologische Aspekte beibehalten; für ihn galt ausschließlich die Relation Gott-Mensch, daher sprach er von Sünde. So entstand in etwa das Bezugsfeld: Gott-Patient (Sünder)-Arzt (Priester). Mesmer dagegen gab eine »physikalische« Erklärung. An der Stelle Gottes wirkte eine heilende Kraft der Natur, eine »göttliche« Naturkraft. Nicht mehr der Priester mit seinem Exorzismus – der helfende Arzt leitete aus der Natur jene Kräfte zu, deren Mangel die Krankheit verursacht hatte.25 Gleichsam fokusiert sich hier noch einmal die für das 18. Jahrhunderte so typische enge Verwobenheit von Versatzstücken des Alten und des Neuen.

Für viele Zeitgenossen ist Gaßner ein Erleuchteter, der die Ursache der Leiden erkennt und über die Kraft verfügt, sie wieder zu verbannen. Cagliostro und Saint-Germain sind damit »profane« Gegenbilder zu dem Priester Gaßner. Letztlich sind alle Heilsbringer auf die Gläubigkeit ihres Publikums angewiesen. Dennoch gibt es zwischen Gaßner auf der einen und Cagliostro und Saint-Germain auf der anderen Seite natürlich in verschiedenen Punkten grundlegende Unterschiede. Der Vorarlberger Priester ist ein Fanatiker. Er glaubt bedingungslos an seinen göttlichen Heilauftrag. Soweit bekannt, zieht er keine finanziellen Vorteile aus seinen Aktivitäten. Letzteres trifft auf die sich geschickt den Zeitströmungen anpassenden Cagliostro und Saint-Germain sicherlich nicht zu. Obwohl sie es zeitweise behaupten: An eine göttliche oder humane Mission ihrer medizinischen Tätigkeiten glauben die kühlen Materialisten Saint-Germains und Cagliostro sicherlich nicht.

Die Magier in Politik und Gesellschaft

Bereits 1781 hat Schiller in den »Nachrichten zum Nutzen und Vergnügen« den ironischen Essay »Calliostro (sic) – viel Lärmens um nichts« publiziert.26 Doch handelt es sich bei der damals immer steiler aufstrebenden Karriere Cagliostros wirklich nur um »viel Lärmens um nichts«? Bereits viele Zeitgenossen sind sich der von den Erfolgen der Magier und Spiritisten aufgeworfenen tiefer greifenden Problematik bewusst. Der schwedische Naturwissenschaftler Johann Jakob Ferber, mit dem Cagliostro im Frühjahr 1779 in Mitau zusammentrifft, stellt den Fall des Magiers in einen größeren Zusammenhang: (…) . Auch der aufmerksame Beobachter Goethe deutet 1781 in einem Schreiben an seinen Freund Lavater die weiteren Dimensionen des Phänomens an: (…) . Lassen die Erfolge Saint-Germains und Cagliostros wirklich konkrete Rückschlüsse auf den Zustand der Gesellschaften, in denen sie sich bewegen, zu?

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