Der Nacht ergeben - Alexandra Ivy - E-Book
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Der Nacht ergeben E-Book

Alexandra Ivy

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Beschreibung

Düster, erotisch, unwiderstehlich

Die schüchterne Verkäuferin Abby kann ihre Augen kaum von dem mysteriösen Dante abwenden: Er ist einfach zu sexy, um wahr zu sein. Für sie interessiert er sich aber leider gar nicht. Als jedoch durch eine Verkettung seltsamer Umstände Abby zu einer Auserwählten wird, von der das Schicksal der Menschheit abhängt, ist ihr Leben plötzlich aufs Engste mit dem von Dante verknüpft. Denn er, ein Vampir, wurde schon vor Jahrhunderten auserkoren, die Auserwählte zu schützen …

Ein prickelnd-sinnlicher Liebesroman mit einer faszinierenden, übersinnlichen Dimension.

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Seitenzahl: 494

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Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel When Darkness Comes (Guardian of Eternity, Book I)bei ZEBRA Books, NewYorkHolmen Book Cream liefert Holmen Paper, Hallstavik, Schweden.
Copyright © 2006 by Debbie RaleighPublished by Arrangement with KENSINGTON PUBLISHING CORP., NewYork, NY, USACopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Diana Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion | Uta DahnkeHerstellung | Helga Schörnig
ISBN : 978-3-641-03156-5V003
www.diana-verlag.de
www.penguinrandomhouse.de
Inhaltsverzeichnis
 
Alexandra Ivy im Gespräch
Über die Autorin
PROLOG
 
KAPITEL 1 – Chicago, 2006
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
 
EPILOG
Copyright
Alexandra Ivy im Gespräch
Was gefällt Ihnen persönlich am besten an Ihrer »Guardians of Eternity«-Serie?
Der Humor! Ich mag diese Kombination aus hell und dunkel, aus spannend und witzig.
 
Was mögen Sie besonders an Ihren Helden, den Vampiren?
Dass jeder von ihnen einen dominierenden Charakterzug hat, der sein Wesen bestimmt: Loyalität, Integrität, Glaubensstärke etc. Jeder ist mit ganz unterschiedlichen Schwächen und Sehnsüchten ausgestattet.
 
Wie sind Sie auf die Vielzahl an paranormalen Figuren in »Der Nacht ergeben« gekommen?
Das hat sich während des Schreibens so ergeben. Den im Mittelpunkt stehenden Vampiren sollten viele verschiedene Kreaturen gegenüberstehen, sodass sie nicht nur gegen Menschen oder gegeneinander, sondern mit dunklen Zauberern, Hexen, Dämonen etc. kämpfen müssen. Diese Welt des Übernatürlichen zu zeichnen, war tatsächlich eine besondere Herausforderung, schließlich sollte sie zwar absolut einzigartig sein, aber nicht so bizarr, dass der Leser dadurch aus der Geschichte herausgerissen würde.
Über die Autorin
Alexandra Ivy ist das Pseudonym von Deborah Raleigh, unter dem die bekannte Regency-Liebesroman-Autorin ihre Vampirserie »Guardians of Eternity« veröffentlicht. Deborah Raleigh begann ihre Schreibkarriere als Autorin von Drehbüchern, wendete sich aber bald dem Liebesroman zu. Heute hat sie über dreißig erfolgreiche Romane publiziert. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Missouri.
PROLOG
England, 1665
 
 
Der Schrei durchschnitt die Nachtluft. An- und abschwellend, Zeugnis wilder Todesqualen, erfüllte er die riesige Kammer und hallte in den gewölbten Gängen wider. Die Bediensteten in den unteren Hallen des Schlosses zogen den Kopf ein und hielten sich die Ohren zu, um das durchdringende Kreischen abzuwehren. Selbst abgehärtete Soldaten in den Baracken machten das Zeichen des Mondes, des Beschützers der Nacht.
Im Südturm schritt der Herzog von Granville durch seine Privatbibliothek, die überschatteten Züge von Abscheu gezeichnet. Anders als seine Bediensteten bekreuzigte er sich nicht, um das Böse abzuwenden.Warum hätte er es auch tun sollen?
Das Böse hatte bereits zugeschlagen. Es war in seine Mauern eingedrungen und hatte es gewagt, ihn mit seinem Schmutz zu beflecken.
Ihm blieb nur eines: sich mit einem unbarmherzigen Schlag von der Verseuchung zu reinigen.
Er zog an der Kapuze seiner Robe, um sicherzustellen, dass sein verunstaltetes Antlitz vollständig verborgen war, und straffte grimmig die Schultern. Geduld, sagte er sich immer wieder. Sehr bald würde der Mond in das richtige Haus eintreten. Und dann würde das Ritual endlich sein Ende finden. Das Kind, das er den Hexen geopfert hatte, würde zu ihrem kostbaren Kelch werden, und sein Leiden würde beendet sein.
Er machte abrupt auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück zu dem schmalen Fenster, das ihm tagsüber eine gute Sicht auf die prächtige Landschaft bot. In der Ferne konnte er den schwachen Schein von Feuern ausmachen. Er erschauderte. London. Das schmutzige, bauernverseuchte London, das für seine fürchterlichen Sünden bestraft wurde.
Eine Bestrafung, die sich aus den verkommenen Dirnenhäusern ergossen und bis zu seinem Zufluchtsort ausgebreitet hatte.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Es war unerträglich. Er war ein rechtschaffener Mann. Ein frommer Mann, der immer reich für seine Reinheit belohnt worden war. Dass diese … abscheuliche Krankheit in seinen Leib eingedrungen war, war eine Pervertierung all dessen, was ihm gebührte.
Natürlich war dies der einzige Grund, warum er es den Heiden gestattet hatte, seinen Grund und Boden zu betreten. Und jene Kreatur des Bösen mitzubringen, die gegenwärtig in seinem Kerker in Ketten lag.
Sie versprachen ihm Heilung.
Ein Ende der Plage, welche sein Leben zerstörte.
Und alles, was es ihn kosten würde, war eine Tochter.
KAPITEL 1
Chicago, 2006
 
 
O Gott, Abby! Keine Panik. Bloß … keine … Panik.«
Abby Barlow atmete tief ein, presste die Hände auf ihren rebellierenden Magen und studierte die Keramikscherben, die auf dem Boden verstreut lagen.
Okay, sie hatte also eine Vase zerbrochen. Nun ja, vielleicht war es mehr als »zerbrochen«. Eigentlich hatte sie die Vase eher zerschmettert, zertrümmert und vernichtet, gestand sie sich widerwillig ein. Na und? Das war nicht das Ende der Welt. Eine Vase war eine Vase. Oder?
Unvermittelt schnitt sie eine Grimasse. Nein, eine Vase war nicht einfach nur eine Vase. Nicht, wenn es sich dabei um eine sehr seltene Vase handelte. Eine Vase von unschätzbarem Wert. Eine, die zweifellos in einem Museum hätte stehen sollen. Eine, die der Traum jedes Sammlers war und …
Verdammter Mist.
Erneut zeigte die Panik ihre hässliche Fratze.
Sie hatte eine unbezahlbare Mingvase zerstört.
Was, wenn sie ihren Job verlor? Zugegeben, es war kein besonders toller Job. Verdammt, sie fühlte sich jedes Mal, als ob sie in die Twilight Zone einträte, wenn sie die elegante Villa am Stadtrand von Chicago betrat. Aber ihre Tätigkeit als Gesellschafterin Selena LaSalles war nicht besonders anstrengend. Und die Bezahlung war deutlich besser, als wenn sie in irgendeiner Spelunke arbeiten würde.
Das Letzte, was sie brauchte, war, in die langen Schlangen beim Arbeitsamt zurückzukehren.
Oder noch schlimmer … lieber Gott, was, wenn sie für die verdammte Vase bezahlen musste?
Selbst wenn es so etwas wie einen Ausverkauf in der örtlichen Mingfabrik gäbe, würde sie zehn Leben lang arbeiten müssen, um eine solche Summe aufzubringen. Vorausgesetzt, die Vase wäre nicht die Einzige ihrer Art.
Die Panik zeigte inzwischen nicht mehr nur ihre Fratze. Sie lief in ihr zur Hochform auf.
Es gab nur eins, was sie tun konnte, nur eine einzige erwachsene, verantwortungsvolle Art, mit der Situation umzugehen.
Sie musste die Beweise verstecken.
Verstohlen sah sich Abby in der riesigen Eingangshalle um und vergewisserte sich, dass sie allein war, bevor sie sich auf die Knie niederließ und die zahlreichen Scherben einsammelte, mit denen der glatte Marmor übersät war.
Es würde niemandem auffallen, dass die Vase fehlte, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Selena war schon immer eine Einsiedlerin gewesen, und in den vergangenen beiden Wochen war sie fast ganz von der Bildfläche verschwunden. Ohne ihre gelegentlichen Kurzauftritte, bei denen sie verlangte, dass Abby dieses ekelhafte Kräutergebräu, das sie mit scheinbarem Vergnügen in sich hineinkippte, für sie bereitete, hätte Abby denken können, dass die Frau die Flatter gemacht hätte.
Ganz sicher streifte Selena nicht durchs Haus, um eine Bestandsliste ihrer diversen Kostbarkeiten aufzustellen.
Alles, was Abby tun musste, war sicherzustellen, dass sie keine Spur von ihrem Verbrechen hinterließ, und dann würde alles schon in Ordnung sein.
Niemand würde je davon erfahren.
Niemand.
»Na, so was, ich hätte nie gedacht, Sie irgendwann auf Händen und Knien zu sehen, Liebste. Eine höchst faszinierende Position, die zu einer Vielzahl köstlicher Möglichkeiten einlädt«, klang eine spöttische Stimme vom Eingang des Salons zu ihr herüber.
Abby schloss die Augen und holte tief Luft. Sie war verflucht. Das musste es sein.Wie sonst wäre ihre endlose Pechsträhne zu erklären?
Einen Moment lang drehte sie der Stimme noch den Rücken zu und hoffte sinnloserweise, Selenas Gast, der ausgesprochen nervtötende Dante, würde verschwinden. Es wäre immerhin möglich. Immerhin gab es spontane Selbstentzündung oder schwarze Löcher oder Erdbeben.
Leider tat sich nicht der Boden auf, um den Kerl zu verschlucken, und auch die Rauchmelder gaben kein Alarmsignal von sich. Und was noch schlimmer war: Sie konnte tatsächlich spüren, wie sein finsterer, belustigter Blick gemächlich über ihre steife Gestalt glitt.
Abby zwang sich, sich langsam umzudrehen. Sie hielt die Scherben der zerbrochenen Vase hinter ihrem Rücken versteckt, während sie den jüngsten Fluch ihrer Existenz betrachtete.
Er sah nicht wie ein Fluch aus. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Er wirkte wie ein appetitlicher, gefährlich verführerischer Pirat.
Abby, die immer noch auf dem Boden kniete, ließ es zu, dass ihr Blick über die schwarzen Bikerstiefel und die langen, kraftvollen Beine schweifte, die in ausgeblichene Jeans gehüllt waren. Immer höher glitt ihr Blick, über das schwarze Seidenhemd, das locker seinen Oberkörper bedeckte. Locker, aber nicht locker genug, musste sie mit einem verräterischen Schauder zugeben. Peinlicherweise hatte sie sich selbst dabei erwischt, in den letzten drei Monaten wiederholt verstohlene Blicke auf das Muskelspiel unter diesen Seidenhemden geworfen zu haben.
Okay, vielleicht hatte sie mehr als nur verstohlene Blicke geworfen. Vielleicht hatte sie gestarrt. Geglotzt. Gegafft. Und ab und zu gesabbert.
Aber welche Frau hätte das nicht?
Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie sich, ihren Blick auf das Alabastergesicht mit den perfekt gemeißelten Zügen zu lenken. Eine breite Stirn, eine schmale aristokratische Nase, ausgeprägte Wangenknochen und sinnliche Lippen.
Es war das Gesicht eines edlen Kriegers. Eines Häuptlings.
Bis einem diese hellen Silberaugen auffielen. Darin lag nichts Adeliges. Sie waren durchdringend und gefährlich, und in ihnen flackerte eine spöttische Belustigung über die Welt. Es waren Augen, die ihn ebenso als Schurken brandmarkten wie das lange rabenschwarze Haar, das ihm lässig über die Schultern fiel, und die großen goldenen Ohrringe. Er war Sex auf Beinen. Ein Raubtier. Einer von den Typen, die Frauen wie sie mit erbärmlicher Mühelosigkeit verschlangen und wieder ausspuckten.
Allerdings nur, wenn sie Frauen wie sie überhaupt erst bemerkten.Was nicht gerade besonders oft geschah.
»Dante. Müssen Sie unbedingt so herumschleichen?«, fragte sie und war sich des unbezahlbaren Durcheinanders, das sich direkt hinter ihr befand, verzweifelt bewusst.
Er tat so, als würde er über ihre Frage nachdenken, bevor er leicht mit den Achseln zuckte.
»Nein, ich nehme nicht an, dass ich herumschleichen muss«, murmelte er mit seiner rauchigen Schlafzimmerstimme. »Aber ich genieße es einfach, es zu tun.«
»Nun ja, es ist eine sehr vulgäre Angewohnheit.«
Seine Lippen zuckten belustigt, während er sich ihr weiter näherte. »Oh, ich verfüge über weitaus mehr vulgäre Angewohnheiten, süße Abby. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie einige davon sehr genießen würden, wenn Sie es mir erlaubten, sie Ihnen zu demonstrieren.«
O ja, darauf konnte sie wetten. Diese schlanken, teuflischen Hände würden eine Frau ohne Zweifel vor Lust schreien lassen. Und diese Lippen …
Rasch erstickte sie diese wilden Fantasien im Keim und rief den Ärger wach, den sie wohl eigentlich empfinden sollte.
»Igitt. Sie sind abstoßend.«
»Vulgär und abstoßend?« Sein Lächeln wurde breiter und enthüllte überraschend weiße Zähne. »Meine Süße, Sie befinden sich in einer zu prekären Lage, um mit solchen Beleidigungen um sich zu werfen.«
Prekär? Sie bezwang den Drang, einen Blick nach unten zu werfen, um festzustellen, ob irgendwelche Scherben sichtbar waren.
»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
Elegant kniete sich Dante mit einer fließenden Bewegung vor sie und hob diese beunruhigenden Finger, um leicht über ihre Wange zu streichen. Seine Berührung war kühl, fast kalt, aber sie sandte eine erschreckende Hitzewelle durch ihren Körper.
»Oh, ich glaube, doch. Ich glaube mich an eine recht kostbare Mingvase zu erinnern, die auf diesem Tisch zu stehen pflegte. Sagen Sie mir, Liebste, haben Sie sie verpfändet oder zerbrochen?«
Verdammt. Er wusste es. Verzweifelt versuchte sie sich irgendeine glaubhafte Lüge auszudenken, mit der sie die fehlende Vase erklären konnte. Oder irgendeine Lüge, ob nun glaubhaft oder nicht. Leider war sie im Hinblick auf Ausflüchte nie besonders talentiert gewesen. Und es war auch nicht gerade eine Hilfe, dass seine fortdauernde Berührung ihr Gehirn in Brei verwandelte.
»Nennen Sie mich nicht so«, murmelte sie schließlich lahm.
»Wie denn?« Er hob die Augenbrauen.
»Liebste.«
»Warum nicht?«
»Aus dem offensichtlichen Grund, dass ich nicht Ihre Liebste bin.«
»Noch nicht.«
»Niemals.«
Dante schnalzte mit der Zunge, während seine Finger sich kühn zu ihren Lippen bewegten, um deren Konturen nachzuzeichnen. »Hat Sie noch nie jemand darauf hingewiesen, dass es gefährlich ist, das Schicksal herauszufordern? Es hat die Tendenz zurückzukommen und zu beißen.« Sein Blick glitt über ihr blasses Gesicht und ihren sanft geschwungenen Hals. »Manchmal ganz buchstäblich.«
»Nicht in einer Million Jahren.«
»Ich kann warten«, sagte er mit rauer Stimme.
Sie biss die Zähne zusammen, als diese geschickten Finger über ihren Hals und über den Ausschnitt ihres einfachen Baumwollhemdes glitten. Er spielte nur mit ihr. Verdammt, der Mann würde mit jeder Frau flirten, die einen Puls besaß. Und vielleicht auch mit ein paar, die keinen besaßen.
»Wenn dieser Finger sich noch etwas tiefer bewegt, wird sich die Dauer Ihrer Existenz auf dieser Welt beträchtlich verkürzen.«
Er lachte leise, während er seine Hand widerstrebend fallen ließ. »Wissen Sie, Abby, eines Tages werden Sie vergessen, nein zu sagen. Und ich beabsichtige, Sie an diesem Tag vor Lust schreien zu lassen.«
»Mein Gott, wie schaffen Sie es nur, dieses Ego mit sich herumzuschleppen?«
Sein Lächeln war einfach nur verrucht. »Denken Sie, ich würde es nicht merken? All diese verstohlenen Blicke, wenn Sie glauben, ich würde nicht hinsehen? Die Art, wie Sie erbeben, wenn ich Sie im Vorbeigehen streife? Die Träume, die nachts in Ihrem Kopf herumgeistern?«
Eingebildetes, aufgeblasenes Ekel.
Eigentlich sollte sie lachen. Oder einfach über seine Worte hinweggehen. Oder ihn sogar in sein arrogantes Gesicht schlagen. Stattdessen versteifte sie sich, als hätte er einen Nerv getroffen, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn besaß.
»Müssen Sie nicht irgendwohin?«, fauchte sie. »In die Küche? In die Kanalisation? Ins Höllenfeuer?«
Überraschenderweise verhärteten sich die Piratengesichtszüge, während sich Dantes Lippen zu einem sardonischen Lächeln kräuselten.
»Netter Versuch, meine Süße, aber Sie müssen mich nicht ins Höllenfeuer verdammen. Das hat schon vor langer Zeit jemand erledigt.Warum sollte ich sonst hier sein?«
Abby zog die Augenbrauen in die Höhe, unwillkürlich fasziniert von diesem Anflug von Bitterkeit, den er erkennen ließ. Was um alles in der Welt konnte er denn noch mehr wollen? Er lebte das Luxusleben, von dem die meisten Playboys nur träumen konnten. Ein glamouröses Haus.Teure Kleidung. Ein silberner Porsche. Und eine superreiche Frau, die ihn aushielt, die nicht nur jung, sondern auch schön genug war, um jeden Mann scharfzumachen. Sein Leben ging wohl kaum den Bach runter.
Im Gegensatz zu ihrem eigenen.
»O ja, Sie müssen wirklich leiden«, gab sie zurück, wobei ihr Blick über das Seidenhemd glitt, das mehr als ihre gesamte Garderobe gekostet haben musste. »Es bricht mir das Herz.«
In den Silberaugen blitzte eine überraschende Hitze auf.
»Seien Sie nicht so anmaßend, von Dingen zu sprechen, von denen Sie keine Ahnung haben, Liebste«, warnte er sie.
Lass es einfach, Abby, ermahnte sie sich streng selbst.Wie groß sein ungezwungener Charme auch sein mochte, der Mann war gefährlich. Nur Dummköpfe spielten absichtlich mit dem Feuer.
Aber natürlich hätte man ihr genauso gut das Wort Idiotin auf die Stirn tätowieren können, wenn es um Männer ging.
»Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, warum verschwinden Sie dann nicht einfach?«
Es war enervierend, wie er sie schweigend beobachtete, bevor sich seine Augen langsam verengten. »Und warum tun Sie es nicht?«
»Wie bitte?«
»Ich bin nicht der Einzige, der hier leidet, oder? Jeden Tag scheinen Sie ein bisschen mehr zu verblassen. Als ob Ihre Frustration und Traurigkeit Ihnen noch ein Stück mehr von Ihrer Seele genommen hätten.«
Bei diesem Beweis seiner scharfen Beobachtungsgabe wäre Abby fast umgekippt. Sie hätte sich nie träumen lassen, irgendjemand könnte ihre Verzweiflung über ihre langweilige Existenz bemerkt haben oder die aufkeimende Angst, bald zu alt und zu müde zu sein, um sich noch Gedanken darüber zu machen, dass sie auf der Stelle trat.
Und ganz sicher nicht dieser Mann.
»Sie wissen überhaupt nichts.«
»Ich erkenne ein Gefängnis, wenn ich eins sehe«, murmelte er. »Warum bleiben Sie hinter Schloss und Riegel, wenn Sie so einfach verschwinden könnten?«
Sie lachte kurz und humorlos auf. Einfach? Offensichtlich war er doch bei Weitem nicht so aufmerksam, wie sie es ihm zugetraut hatte.
»Weil ich diesen Job brauche. Im Unterschied zu Ihnen verfüge ich nicht über eine großzügige Geliebte, die meine Rechnungen bezahlt und es mir ermöglicht, auf großem Fuß zu leben. Einige von uns müssen sich ihren Lebensunterhalt mit richtiger Arbeit verdienen.«
Wenn sie angenommen hatte, ihn damit zu beleidigen, hatte sie sich gewaltig geirrt.Tatsächlich führten ihre scharfen Worte bloß dazu, dass sein spöttischer Humor zurückkehrte, den sie so verdammt lästig fand.
»Halten Sie mich für Selenas Lustknaben?«
»Sind Sie das etwa nicht?«
Er zuckte mit seiner breiten Schulter. »Unsere... Beziehung ist etwas komplexer als das.«
»O ja, ohne Zweifel ist es eine erstaunlich komplexe Angelegenheit, der Gespiele einer reichen, glamourösen Frau zu sein.«
»Ist das der Grund, warum Sie versuchen, mich auf Distanz zu halten? Weil Sie glauben, dass ich das Bett mit Selena teile?«
»Ich wahre Distanz, weil ich Sie nicht leiden kann.«
Er beugte sich vor, bis seine Lippen fast ihre berührten. »Sie mögen mich vielleicht nicht, meine Süße, aber das hält Sie nicht davon ab, mich zu begehren.«
Ihr Herz vergaß weiterzuschlagen, während sie mit sich rang, diese kleine Entfernung nicht zu überbrücken, um sich von ihrem Leiden zu erlösen. Ein Kuss. Nur ein Kuss. Das kribbelnde Verlangen war fast unerträglich.
Nein, nein, nein. Wollte sie wirklich eine Lückenbüßerin sein, mit der er sich seine Langeweile vertrieb? Hatte sie dieses demütigende Spiel nicht schon vorher gespielt?
»Wissen Sie, Dante, ich habe zu meiner Zeit bereits meinen Teil an Idioten abbekommen, aber Sie …«
Sie konnte ihre ziemlich nette Beleidigung nicht zu Ende bringen. In der Luft bildete sich plötzlich eine knisternde Hitze, die so elektrisierend war wie ein Blitzschlag.
Nervös durch das prickelnde Gefühl drehte Abby ihren Kopf zur Treppe, genau in dem Moment, als eine donnernde Erschütterung das Haus zum Beben brachte. Davon überrascht taumelte sie und fiel nach hinten, während ihr die Luft aus den Lungen getrieben wurde.
Einen Moment lang lag sie vollkommen still da. Fast erwartete sie, dass die Decke auf sie herunterstürzte. Oder dass der Boden sich auftat und sie verschlang.
Was zum Teufel war passiert? Ein Erdbeben? Eine Gasexplosion? Das Ende der Welt?
Was auch immer es war, es hatte ausgereicht, um die Bilder von den Wänden fallen zu lassen und Tische umzuwerfen. Plötzlich passte die Mingvase, die sie zerbrochen hatte, zu jedem der anderen unbezahlbaren Gegenstände.
Abby schüttelte den Kopf, um sich von dem Klingeln in ihren Ohren zu befreien, und holte tief Luft. Nun ja, wenigstens schien sie noch zu leben, sagte sie sich selbst. Zwar war sie sich sicher, dass sie einige blaue Flecken abbekommen hatte, aber sie glaubte nicht, dass sie tatsächlich verletzt war oder ihr irgendetwas Lebensnotwendiges fehlte.
Flach auf dem Rücken liegend, hörte sie das leise, wilde Knurren kaum, aber trotzdem reichte es, um ihr die Nackenhaare zu Berge stehen zu lassen. Lieber Gott, was jetzt noch?
Mit einiger Anstrengung gelang es ihr aufzustehen. Sie ließ ihren Blick durch die mit Trümmern übersäte Eingangshalle schweifen. Erstaunlicherweise war sie leer. Kein wildes Tier. Kein Verrückter, der sich ihr näherte.
Und kein Dante.
Stirnrunzelnd ignorierte Abby ihre wackligen Knie und zwang sich, zur nahe gelegenen Treppe zu gehen. Wohin war Dante verschwunden? War er von der Explosion getroffen oder aus der Eingangshalle geschleudert worden? War er einfach in einer Rauchwolke verschwunden?
Nein, nein, natürlich nicht. Sie presste eine Hand gegen ihren schmerzenden Kopf. Ihre Gedanken spielten verrückt. Sie war wohl für einen Moment ohnmächtig geworden. Das war die Erklärung dafür. Zweifellos hatte er sich auf den Weg gemacht, um sich die Schäden anzusehen. Oder um Hilfe zu rufen.
Ihre Aufgabe war es dagegen sicherzustellen, dass Selena nicht verletzt war.
Abby konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, was eine erschreckend schwierige Aufgabe war. Dennoch gelang es ihr, die geschwungene Marmortreppe zu erklimmen und ungeschickt den Flur zu durchqueren. Am Ende des langen Ostflügels stand die Tür zu Selenas Räumlichkeiten bereits offen. Abby trat über die Schwelle.
Weiter kam sie nicht.
Ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle, als ihr Blick aus weit aufgerissenen Augen durch den zerstörten Raum glitt. Wie unten waren auch hier die Bilder und diverse Gegenstände auf den Boden gefallen. Die meisten von ihnen waren so zerstört, dass sie nicht mehr zu erkennen waren. Aber hier waren zudem die Wände geschwärzt und stellenweise zu Staub zerfallen. Selbst die Fenster waren aus ihren Rahmen gesprengt worden.
Abbys Blick glitt zu dem großen Bett, das auf die Seite gestürzt war, und schließlich zur Mitte des Zimmers, wo Dante neben einer schlaff daliegenden, böse zugerichteten Gestalt kniete.
»O mein Gott.« Abby schlug sich die Hände vor den Mund und stolperte mit einem Kloß im Hals vorwärts. »Selena.«
Dante, der ihre Anwesenheit jetzt erst bemerkte, riss den Kopf hoch, um sie mit einem Stirnrunzeln anzusehen. Fast geistesabwesend bemerkte Abby die nun noch stärkere Blässe seiner Haut und das seltsame hektische Glitzern in seinen silbernen Augen.
Offenbar war er genauso erschüttert wie sie selbst.
»Raus hier«, knurrte er.
Sie ignorierte seine Aufforderung und fiel neben dem verbrannten Körper auf die Knie.Wie groß ihre geheime Abneigung gegen die wunderschöne, kaltherzige Frau auch immer gewesen sein mochte, sie war nun vergessen, als Abby Tränen über die Wangen liefen.
»Ist sie … tot?«, krächzte sie.
»Abby, ich sagte, Sie sollen gehen. Jetzt. Verschwinden Sie aus diesem Raum. Aus diesem Haus …«
Es folgten weitere grimmige, wütende Worte, aber Abby hörte nicht länger zu. Stattdessen beobachtete sie mit fasziniertem Entsetzen, wie eine der verkohlten Hände auf dem Teppich zuckte. Konnte die arme Frau tatsächlich noch am Leben sein? Oder war das irgendein schrecklicher Trick ihrer Fantasie?
Wie erstarrt vor Schreck schaute Abby auf die Finger, die weiterhin zuckten und sich verkrampften, während sie immer näher kamen. Es wirkte wie etwas aus einem Albtraum. Ein Gefühl, das sich noch vertiefte, als die Hand nach oben schnellte und ihr Handgelenk mit schmerzhaftem Griff umklammerte.
Abby öffnete den Mund, um zu schreien, und bemerkte, dass ihr die Luft längst aus den Lungen getrieben war. Aus den Fingern, die sich in ihr Fleisch gruben, strömte eine Kälte und breitete sich aus. Eine Kälte, die mit einem brennenden, unbarmherzigen Schmerz durch ihr Blut kroch. Mit einem Stöhnen versuchte Abby verzweifelt, sich aus dem brutalen Griff zu befreien.
Sie würde sterben, erkannte sie fassungslos. Der Schmerz schlug seine Krallen in ihr Herz und verlangsamte dessen Schlag, bis es zum Stillstand verdammt war. Sie würde sterben, und dabei hatte sie doch noch nicht einmal begonnen zu leben.
Was für eine Idiotin sie doch war.
Sie hob den Kopf und begegnete Dantes schimmerndem, metallischem Blick. Seine schönen, verführerischen Gesichtszüge wirkten im matten Licht grimmig. Grimmig und durchsetzt von etwas, was vielleicht Wut sein konnte oder Bedauern oder … Verzweiflung.
Sie versuchte zu sprechen, aber ein heller Lichtschein loderte in ihrem Kopf auf, und mit einem erstickten Schrei tauchte sie kopfüber in die willkommene Dunkelheit ein.
KAPITEL 2
 
 
 
 
 
 
Umgeben von einem Silbernebel aus Schmerz schwebte Abby in einer Welt, die nicht ganz real war.
War sie tot?
Ganz sicher nicht. Dann würde sie in Frieden ruhen, oder? Und dann hätte sie nicht das Gefühl, dass ihre Knochen langsam zermalmt würden und ihr Kopf kurz vor der Explosion stünde.
Wenn sie tot war, dann war diese ganze Sache mit dem Leben nach dem Tod ein großer, fetter Schwindel.
Nein. Sie träumte wohl, versicherte sie sich schließlich selbst. Das würde bestimmt auch erklären, warum der Silbernebel sich zu teilen begann.
Neugierig trotz des vagen Geruchs von Angst in der Luft spähte sie durch das schimmernde Licht. Nur wenige Augenblicke später erkannte sie eine düstere Kammer, die von einer flackernden Fackel nur schwach erleuchtet wurde. Mitten auf dem Steinboden lag eine junge Frau in weißen Gewändern. Ihr blasses Gesicht erschien Abby auffallend vertraut, auch wenn es schwer war, die genauen Gesichtszüge zu erkennen, da die Frau, die offensichtlich Todesqualen litt, sich wand und schrie.
Um ihre ausgestreckte Gestalt herum saßen Frauen in grauen Umhängen im Kreis. Sie hielten sich an den Händen und sangen mit leiser Stimme. Abby konnte die Worte nicht verstehen, aber es kam ihr vor, als ob sie irgendein Ritual durchführten. Vielleicht einen Exorzismus. Oder eine Verzauberung.
Langsam stand eine grauhaarige Frau auf und streckte ihre Hände zur dunklen Decke.
»Auferstehe, Phönix, und entfalte deine Macht!«, rief sie mit dröhnender Stimme. »Das Opfer wurde gebracht, das Bündnis besiegelt. Segne unseren edlen Kelch. Segne ihn mit deiner Herrlichkeit. Biete ihm die Macht deines Schwertes, um das drohende Böse zu bekämpfen. Wir rufen dich. Komme hervor!«
Purpurrote Flammen flackerten durch die Kammer, während die Frauen weiterhin sangen, und schwebten in der verrauchten Luft, bevor sie die schreiende Frau auf dem Boden einkreisten. Und dann verschmolzen die Flammen so jäh, wie sie aufgetaucht waren, mit dem Fleisch der Frau.
Plötzlich wandte die grauhaarige Frau ihr Gesicht einer dunklen Ecke zu.
»Die Prophezeiung wurde erfüllt. Holt die Bestie.«
In der Erwartung, irgendein scheußliches fünfköpfiges Ungeheuer zu sehen, das sehr gut in diesen bizarren Albtraum gepasst hätte, hielt Abby den Atem an.Aber es wurde ein Mann, der mit einem weißen Rüschenhemd und einer Satinkniebundhose bekleidet war, herbeigebracht. Ein schweres Halsband aus Metall an einer Kette hing ihm um den Hals. Sein Kopf war gesenkt, so dass sein langes, rabenschwarzes Haar sein Gesicht verdeckte. Dennoch jagte eine ungute Vorahnung Abby einen kalten Schauder über den Rücken.
»Kreatur des Bösen, du wurdest unter allen ausgewählt«, intonierte die Frau. »Bösartig ist dein Herz, und doch bist du gesegnet. Im Schatten des Todes binden wir dich. In alle Ewigkeit und darüber hinaus binden wir dich.«
Mit einem Mal flackerte die Fackel auf, und der Mann hob mit einem entsetzlichen Knurren den Kopf.
Nein. Das war nicht möglich. Nicht einmal in der merkwürdigen und absurden Welt der Träume. Und insbesondere nicht in einer, die sich so entsetzlich real anfühlte.
Aber man konnte seine beängstigende Schönheit einfach nicht verkennen. Oder die glühenden silbernen Augen.
Dante.
Abby erschauderte vor Entsetzen. Das hier war Wahnsinn. Warum sollten diese Frauen ihn in Ketten gelegt haben? Warum sollten sie ihn ein Monster nennen? Eine Kreatur des Bösen?
Wirklich Wahnsinn. Ein Traum. Und nicht mehr, wie sie sich selbst zu überzeugen versuchte.
Und dann, ohne Vorwarnung, verwandelte sich das Unbehagen in eine schreckliche, unbändige Angst. Voller Wut warf Dante den Kopf in den Nacken, so dass die perfekten Alabasterzüge in flackerndes Licht getaucht wurden. In dasselbe flackernde Licht, das seine langen, tödlichen Fangzähne enthüllte.
 
Als Abby schließlich wieder erwachte, waren der Silbernebel und der schlimmste Schmerz verschwunden.
Trotzdem zwang sie sich mit ungewöhnlicher Vorsicht, vollkommen bewegungslos liegen zu bleiben. Nach dem Tag, den sie bereits hinter sich hatte, schien es ihr in diesem Moment nicht ratsam, auf ihre übliche Weise vorwärtszustürmen und in Schwierigkeiten zu geraten. Stattdessen versuchte sie, sich einen Überblick über ihre Umgebung zu verschaffen.
Zu guter Letzt kam sie zu der Schlussfolgerung, dass sie auf einem Bett lag. Allerdings war es nicht ihr eigenes Bett. Diese Matratze hier war hart und klumpig und verströmte einen muffigen Geruch, über den sie nicht einmal nachdenken wollte. In der Ferne konnte sie die Geräusche von vorbeiströmendem Verkehr hören, und etwas näher ertönte der leise Klang von Stimmen oder vielleicht einem Fernsehgerät.
Sie befand sich also nicht in Selenas halb verkohltem Haus. Sie war nicht länger in einem klammen Kerker, zusammen mit schreienden Frauen und Dämonen. Und sie war nicht tot.
Das bedeutete doch sicher einen Fortschritt, oder?
Abby nahm all ihren Mut zusammen. Langsam hob sie den Kopf von dem Kissen und blickte sich in dem dunklen Zimmer um. Es gab nicht viel zu sehen. Das Bett, auf dem sie lag, nahm den größten Teil des engen Raumes ein. Um sie herum waren kahle Wände und die hässlichsten geblümten Vorhänge zu erkennen, die je hergestellt worden waren. Vor dem Bett befand sich eine kaputte Kommode, auf der ein uralter Fernseher stand, und in der Ecke war ein schäbiger Stuhl zu sehen.
Ein Stuhl, auf dem derzeit ein großer Mann mit rabenschwarzem Haar saß.
Oder war er überhaupt kein Mann?
Abbys Herz zog sich angstvoll zusammen, als ihr Blick über den schlummernden Dante glitt. Du meine Güte. Sie musste wohl wahnsinnig sein, um das zu denken, was sie gerade dachte.
Vampire? Die in Chicago lebten … oder was auch immer Vampire taten. Das war verrückt. Vollkommen durchgedreht. Wahnsinn.
Aber der Traum – er war so lebendig gewesen. So realistisch. Sogar jetzt noch konnte sie die faulig stinkende, feuchtkalte Luft und die beißende Flamme der Fackel riechen. Sie konnte immer noch die Schreie und den Gesang hören. Sie konnte noch immer das Gerassel schwerer Ketten wahrnehmen. Sie konnte sehen, wie Dante vorwärts gezerrt wurde, und sie konnte die Fangzähne sehen, die ihn als Bestie kennzeichneten.
Ob es nun wirklich war oder nicht, es hatte sie so nervös gemacht, dass sie sich etwas Raum zwischen sich und Dante wünschte. Und vielleicht mehrere Kreuze, ein paar Holzpflöcke und eine Flasche mit Weihwasser.
Abby getraute sich kaum zu atmen. Leise setzte sie sich auf und schwang die Beine über den Rand der Matratze. Ihr Kopf drohte zu explodieren, aber sie biss die Zähne zusammen und stand mühsam auf. Sie wollte hier raus.
Sie wollte in ihr vertrautes Zuhause, zu ihren vertrauten Sachen.
Sie wollte diesem Albtraum entkommen.
Einen Fuß unsicher vor den anderen setzend, bewegte sich Abby durch den Raum. Sie war kurz davor, nach dem Türknauf zu greifen, als sie hinter sich ein sehr leises Rascheln hörte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und dann umschlagen sie zwei stahlharte Arme.
»Nicht so schnell, Liebste«, murmelte eine dunkle Stimme direkt in ihr Ohr.
Einen Augenblick lang setzte ihr Gehirn aus, und sie war wie gelähmt. Und dann gewann die nackte Angst die Oberhand.
Abby drückte den Rücken durch und versuchte verzweifelt, nach Dantes Beinen zu treten. »Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich gehen!«
»Gehen?« Sein Griff wurde bei ihren Bemühungen nur noch fester. »Sage mir, Süße, wohin beabsichtigst du denn zu gehen?«
»Das geht Sie überhaupt nichts an.«
Überraschenderweise lachte er kurz und humorlos auf. »Meine Güte, Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir wünsche, das sei wahr.Wir wurden beide befreit, ist dir das klar? Wir waren frei. Die Ketten waren zerbrochen.«
Abby hielt bei seinen harten, anklagenden Worten inne. »Was meinen Sie damit?«
Er streifte auf eine seltsam vertrauliche Art mit seinem Gesicht über ihren Scheitel, bevor er Abby energisch umdrehte, damit sie ihn ansah.
»Ich meine: Hättest du deine wunderschöne Nase aus Angelegenheiten herausgehalten, die dich nichts angingen, dann hätten wir beide fröhlich unserer Wege gehen können. Jetzt betrifft es mich allerdings wegen deiner Florence-Nightingale-Aktion sehr wohl, wohin du gehst, was du tust, und auch, was du verdammt noch mal denkst.«
Worüber redete er da, zum Teufel? Das Letzte, was sie brauchte, waren noch mehr Schwierigkeiten.
»Sie sind verrückt. Lassen Sie mich gehen, sonst...«
»Sonst was?«, fragte er mit seidenweicher Stimme.
Gute Frage. Zu schade, dass sie keine brillante Antwort darauf hatte.
»Sonst … schreie ich.«
Er sah sie mit einem süffisanten Ausdruck an. »Und du willst wirklich herausfinden, was für eine Art Held an diesem Ort zu deiner Rettung eilen wird? Was glaubst du wohl, wer es sein wird? Die Kokser der Gegend? Die Huren, die in der Eingangshalle auf Kunden warten? Ich würde mein Geld auf den Betrunkenen nebenan setzen. Es lag definitiv ein Hauch von Vergewaltigung in der Luft, als ich dich an ihm vorbeigetragen habe.«
Schlagartig begriff Abby, was es mit dem beengten Zimmer, dem Gestank und dem Widerhall von Verzweiflung auf sich hatte. Dante hatte sie in eins der unzähligen zwielichtigen Hotels gebracht, die auf die Armen und Verzweifelten ausgerichtet waren.
Wahrscheinlich hätte sie sich vor Ekel geschüttelt, wenn das nicht die geringste ihrer Sorgen gewesen wäre.
»Die könnten auch nicht schlimmer sein als Sie.«
Er versteifte sich bei ihren anklagenden Worten, und sein Gesichtsausdruck wurde vorsichtig. »Das sind ja ziemlich harsche Worte für den Mann, der dir durchaus das Leben gerettet haben könnte.«
»Ein Mann? Das sind Sie?«
»Was hast du gesagt?«
Seine Finger gruben sich in ihre Schultern, und mit einiger Verspätung wurde Abby bewusst, dass es vielleicht nicht unbedingt die klügste Entscheidung gewesen war, Dante direkt mit dieser Sache zu konfrontieren.
Trotzdem musste sie es wissen. Die Unwissenden mochten ja selig sein, aber unwissend zu sein war auch verdammt gefährlich.
»Sie … Ich habe Sie gesehen. Im Traum.« Sie erzitterte, als die Erinnerungen klar und deutlich vor ihrem geistigen Auge erschienen. »Sie lagen in Ketten, und die haben gesungen, und Ihre … Ihre Fangzähne …«
»Abby.« Er sah ihr tief in die Augen. »Setz dich, dann erkläre ich es dir.«
»Nein.« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Was werden Sie mir antun?«
Seine Lippen verzogen sich bei ihrem scharfen Tonfall. »Obwohl mir bei verschiedenen Gelegenheiten mehrere verlockende Ideen durch den Kopf gegangen sind, habe ich im Augenblick nichts anderes vor, als mit dir zu reden. Beruhigst du dich lange genug, um mir zuzuhören?«
Allein die Tatsache, dass er nicht gelacht und ihr erzählt hatte, dass sie den Verstand verloren hätte, intensivierte Abbys Angst noch. Er wusste von dem Traum. Er erkannte ihn.
Abby ließ es zu, dass ihr Instinkt die Oberhand gewann, und zwang sich, eine Resignation vorzutäuschen, die sie bei Weitem nicht empfand.
»Habe ich denn eine andere Wahl?«
Er zuckte mit den Achseln. »Eigentlich nicht.«
»Also gut.«
Schwach folgte Abby Dante zum Bett und wartete, bis Dante von seinem Sieg überzeugt war. Dann stieß sie ihn heftig mit beiden Händen weg. Da er darauf nicht gefasst gewesen war, taumelte er, und eilig rannte sie auf die Tür zu.
Sie war schnell. Dadurch, dass sie mit fünf älteren Brüdern aufgewachsen war, war sie sehr geübt darin, vor einer möglichen Prügelei wegzulaufen. Aber zu ihrem großen Schrecken umschlangen Dantes Arme sie und hoben sie hoch.
Mit einem erstickten Schrei packte sie zwei Handvoll seiner seidigen Haare. Er knurrte leise, als sie heftig daran riss. Dann grub sie die Nägel einer Hand in sein Gesicht.
»Verdammt noch mal, Abby«, fluchte er, und sein Griff lockerte sich, als er versuchte, ihren Angriff abzuwehren.
Abby hielt keine Sekunde inne, sondern wand sich aus seiner Umklammerung. Sie drehte sich um und platzierte einen Tritt, der sich im Laufe der Jahre als dazu geeignet erwiesen hatte, selbst den größten Mann zum Schreien zu bringen und außer Gefecht zu setzen. Dante keuchte auf, während er sich vor Schmerzen krümmte. Ohne eine Pause einzulegen, um ihr Werk zu bewundern, stürzte Abby zur Tür.
Dieses Mal gelang es ihr tatsächlich, den Türknauf zu berühren, bevor sie grob hochgezogen, über seine breite Schulter geworfen und zum Bett zurückgetragen wurde. Sie schrie wieder auf, als Dante sie mit Leichtigkeit auf die stinkende Matratze warf, um ihren sich wehrenden Körper mit einem viel größeren und härteren zu bedecken.
Mit mehr Angst, als sie in ihrem ganzen Leben je gehabt hatte, blickte Abby in Dantes Gesicht. Sie war sich deutlich seiner geschmeidigen Muskeln bewusst, die sich gegen sie pressten. Und des Wissens, dass sie ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.
Unsicher, was jetzt geschehen würde, war sie überrascht, als er allmählich zu lächeln begann.
»Du verfügst über mächtige Waffen für so ein winziges Geschöpf, meine Liebste«, meinte er. »Hast du diese recht gemeinen Tricks schon oft ausprobiert?«
Irgendwie schaffte es seine Stichelei, ihr einen Teil ihrer ungeheuren Angst zu nehmen. Sicherlich würde er nicht so ausführlich mit ihr sprechen, wenn er nur vorhatte, sie auszusaugen. Es sei denn, natürlich, Vampire mochten ein wenig Unterhaltung vor dem Essen …
»Ich habe fünf ältere Brüder«, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Oh, das erklärt alles. Das Überleben des Stärkeren oder, in diesem Fall, das Überleben derjenigen mit den niederträchtigsten Tricks.«
»Gehen Sie von mir runter.«
Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Und riskieren, ein Eunuch zu werden? Nein danke.Wir beenden unser Gespräch ohne weiteres Kratzen, Haareziehen oder neue Tiefschläge.«
Sie starrte ihn wütend an. »Wir haben nichts zu besprechen.«
»O nein«, erwiderte er gedehnt, »nichts bis auf die Tatsache, dass deine Arbeitgeberin vor Kurzem gegrillt wurde, die Tatsache, dass ich ein Vampir bin, und die Tatsache, dass es dank deiner Dummheit jetzt jeder Dämon in der Umgebung auf dich abgesehen hat. Ansonsten gibt es überhaupt nichts zu besprechen.«
Gegrillte Arbeitgeberinnen, Vampire und jetzt auch noch Dämonen? Das war zu viel. Viel, viel zu viel.
Abby schloss die Augen, als sich ihr Herz vor Entsetzen zusammenkrampfte.
»Das hier ist ein Albtraum. Lieber Gott, bitte lass Freddy Krueger durch die Tür marschieren.«
»Es ist kein Albtraum, Abby.«
»Das ist nicht möglich.« Widerstrebend öffnete sie die Augen, um Dantes Blick zu begegnen. »Du bist ein Vampir?«
Er verzog das Gesicht. »Mein Erbe ist im Moment die kleinste deiner Sorgen.«
Erbe? Abby schluckte das hysterische Bedürfnis zu lachen herunter.
»Wusste Selena das?«
»Dass ich ein Vampir bin? O ja, das wusste sie.« Sein Ton war trocken. »Tatsächlich könnte man sagen, dass das eine Grundvoraussetzung für meine Einstellung war.«
Abby runzelte die Stirn. »Dann war sie auch ein Vampir?«
»Nein.« Dante schwieg einen Moment, als ob er seine Worte sorgfältig überdenken würde. Das war lächerlich, denn selbst wenn er sie darüber informiert hätte, dass Selena der leibhaftige Teufel gewesen sei, hätte sie nicht einmal mit einem Muskel zucken können, da er sie gnadenlos festhielt. »Sie war … ein Kelch.«
»Kelch?« Sie erbebte. Die Frau, die vor Schmerzen schrie. Die purpurroten Flammen. »Der Phönix«, keuchte sie.
Er war überrascht. »Woher weißt du das?«
»Der Traum. Ich war in einem Kerker, und da lag eine Frau auf dem Boden. Ich glaube, die anderen Frauen haben irgendein Ritual mit ihr durchgeführt.«
»Selena«, flüsterte er. »Sie muss einen Teil ihrer Erinnerungen an dich weitergegeben haben. Das ist die einzige Erklärung.«
»Erinnerungen weitergegeben? Aber das ist …« Ihre Worte verklangen, als er spöttisch zu lächeln begann.
»Unmöglich? Meinst du nicht, dass wir schon etwas weiter sind?«
Doch, schon, natürlich. Sie war in irgendeine bizarre Welt gestolpert, in der alles möglich war.Wie bei Alice im Wunderland.
Nur dass es hier statt verschwindender Katzen und weißer Kaninchen Vampire und mysteriöse Kelche gab und wer weiß, was noch alles.
»Was haben die ihr angetan?«
»Sie haben sie zu einem Kelch gemacht. Zu einem menschlichen Gefäß für ein mächtiges Wesen.«
»Also waren diese Frauen Hexen?«
»Es gibt wohl keinen besseren Begriff dafür.«
Na toll. Einfach ganz wundervoll. »Und sie haben Selena mit einem Bann belegt?«
»Es war viel mehr als ein Bann. Sie riefen den Geist des Phönix herbei, damit er in ihrem Körper leben kann.«
Abby konnte beinahe die purpurroten Flammen spüren, die das Fleisch der Frau verbrannt hatten. »Kein Wunder, dass sie geschrien hat.Was tut dieser Phönix?«
»Er ist eine … Barriere.«
Abby beäugte Dante misstrauisch. »Eine Barriere wogegen?«
»Gegen die Dunkelheit.«
Oh, das machte alles ja so klar wie Kloßbrühe. Ungeduldig wand sich Abby unter dem Mann, der sie auf das Bett presste.
Ein schlechter, sehr schlechter Schachzug.
Als sei sie unvermutet von einem Blitz getroffen worden, wurde sie sich lebhaft seines stahlharten Körpers bewusst, der sich gegen ihren eigenen drückte. Ein Körper, der sie mehr als nur ein paar Nächte im Traum verfolgt hatte.
Dante biss bei ihren unabsichtlich provokativen Bewegungen die Zähne zusammen, während seine Hüften instinktiv reagierten.
»Denkst du, du könntest vielleicht noch etwas ungenauer sein?«, stieß Abby hervor.
»Was soll ich denn sagen?«, fragte er krächzend.
Sie bemühte sich, sich zu konzentrieren. Großer Gott. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um … um an so etwas zu denken.
»Etwas Klareres als ›die Dunkelheit‹.«
Es folgte ein Moment des Schweigens, als ob er mit sich selbst kämpfte. Aber schließlich blickte er ihr direkt in die Augen.
»Also gut. Die Dämonenwelt spricht vom Fürsten der Finsternis, aber in Wahrheit handelt es sich dabei nicht um ein echtes Lebewesen. Es ist eher ein … Geist, so wie der Phönix ein Geist ist. Eine Essenz der Macht, die von den Dämonen beschworen wird, wenn diese ihre dunklen Fähigkeiten verbessern wollen.«
»Und der Phönix tut diesem Fürsten etwas an?«
»Die Anwesenheit des Phönix unter den Sterblichen hat den Fürsten aus dieser Welt verbannt. Sie sind zwei Gegensätze. Beide können sich nicht zur gleichen Zeit auf derselben Ebene befinden. Nicht, ohne dass beide vernichtet werden.«
Nun ja, das schien etwas Gutes zu sein. Der erste Hoffnungsschimmer an einem sehr düsteren Tag.
»Also keine Dämonen mehr?«
Er zuckte mit einer Schulter. »Sie leben noch, aber ohne die spürbare Präsenz des Fürsten sind sie geschwächt und chaotisch. Sie finden sich nicht länger zusammen, um in Scharen anzugreifen, und sie jagen nur selten Menschen. Sie wurden in den Schatten gezwungen.«
»Das ist gut, nehme ich an«, meinte Abby langsam. »Und Selena war diese Barriere?«
»Ja.«
»Warum?«
Er blinzelte angesichts der abrupten Frage. »Warum?«
»Warum wurde sie ausgewählt?«, stellte Abby klar. Sie war sich nicht sicher, warum sie das überhaupt kümmerte. Sie wusste nur, dass ihr das im Moment wichtig zu sein schien. »War sie eine Hexe?«
Merkwürdigerweise schwieg Dante einen Augenblick lang, fast so, als ob er darüber nachdachte, ihre Frage nicht zu beantworten. Das war lachhaft, nach allem, was er ihr bereits verraten hatte.Was konnte denn schon schlimmer sein als die Tatsache, dass sie von einem Vampir gefangen gehalten wurde? Oder dass die Person, die alle unheimlichen, schlimmen Dinge in der Nacht ferngehalten hatte, jetzt tot war?
»Sie wurde eigentlich nicht ausgewählt, sondern von ihrem Vater geopfert«, gestand Dante schließlich widerwillig.
»Sie wurde von ihrem Vater geopfert?« Abby blinzelte überrascht. Zum Teufel, sie hatte immer gedacht, ihr Vater sei der Favorit für den Scheißkerl des Jahres. Er war ein brutales Arschloch gewesen, dessen einzige Leistung es gewesen war, seine Familie für eine Flasche Whisky fallen zu lassen. Allerdings hatte er Abby nicht einer Horde wahnsinniger Hexen zum Fraß vorgeworfen. »Wie konnte er sowas tun?«
Dantes elegante Gesichtszüge versteinerten sich vor uralter Wut. »Ganz einfach. Er war mächtig, reich und daran gewöhnt, in allen Dingen seinen Willen zu bekommen. Oder zumindest war es so, bevor ihn die Krankheit befiel. Im Gegenzug für seine Heilung gab er den Hexen seine einzige Tochter.«
»Meine Güte, wie furchtbar!«
»Ich nehme an, er dachte, es sei ein gerechter Handel. Er wurde geheilt, und seine Tochter wurde unsterblich.«
»Unsterblich?« Abby hielt den Atem an. Plötzlich schöpfte sie wieder Hoffnung. »Dann lebt Selena noch?«
Dantes Gesicht nahm einen noch härteren Ausdruck an. »Nein, sie ist definitiv tot.«
»Aber wie …?«
»Ich weiß es nicht.« Seine Stimme klang rau und ließ seine unterdrückten Gefühle erahnen. »Zumindest noch nicht.«
Abby biss sich auf die Unterlippe und versuchte, ihren schmerzenden Kopf dazu zu bringen, sich die Folgen eines solchen Todes vorzustellen.
»Dann ist der Phönix verschwunden?«
»Nein, er ist nicht verschwunden. Er ist …« Ohne Vorwarnung sprang Dante mit einer fließenden Bewegung auf und drehte den Kopf in Richtung der geschlossenen Tür. Ein angespanntes Schweigen erfüllte den Raum, bevor er schließlich den Blick wieder auf Abbys erschrockenes Gesicht richtete. »Abby, wir müssen gehen. Jetzt sofort.«
KAPITEL 3
 
 
 
 
 
 
Dante verfluchte heftig seine Dummheit.
341 Jahre lang hatte er als Hüter für den Phönix fungiert. Nicht freiwillig und nicht ohne brodelnden Zorn über sein Los, aber mit absoluter Hingabe. Diese Hexen hatten dafür gesorgt.
Aber nun, da die Gefahr auf ihrem Höhepunkt war, entdeckte er, dass er kaum in der Lage war, sich auf die Bedrohung zu konzentrieren, die sehr nahe war.
Ungeduldig strich er sein zerzaustes Haar zurück. Verflucht, es war wirklich kein Wunder, dass er abgelenkt war. In den vergangenen Stunden hatte er mehr Schocks erlebt als in ganzen Jahrhunderten zuvor. Den Tod der unsterblichen Selena. Die wilde, berauschende Freude, als er spürte, wie die Ketten sich lösten. Und das Entsetzen, als er beobachten musste, wie der Phönix auf Abby übertragen wurde.
Abby.
Doppelt verflucht. Er starrte auf ihre schlanke Gestalt hinunter. Diese Frau war eine Plage und ein Ärgernis gewesen, seit sie auf Selenas Anwesen eingetroffen war. Mit ihrer Haut, die so weich war wie Satin. Mit ihren honigfarbenen Locken, die ihr knabenhaftes Gesicht umrahmten. Mit ihren verletzlichen Augen. Und ihrer heißen Leidenschaft, die direkt unter ihrer Scheißegal-Haltung brodelte. All das rief nach ihm wie der Gesang einer Sirene. Abby war ein schmackhafter Leckerbissen, den er in aller Ruhe hatte verzehren wollen.
Aber nun hatte sich alles verändert. Nun war sie nicht länger eine reizende Zerstreuung. Es war nicht länger ein Spiel. Sie stand nun unter seinem Schutz. Und er würde sie bis zu seinem eigenen Tode beschützen.
»Komm«, befahl er in sanftem Tonfall, seine uralten Instinkte beschwörend. »Da kommt etwas.«
Sie rappelte sich auf und musterte ihn misstrauisch. »Und was?«
Er packte ihren Arm mit festem Griff. »Dämonen.« Er suchte mit seinen Sinnen und berührte die sich nähernde Dunkelheit. »Mehr als einer.«
Ihr Gesicht wurde blass, aber aufgrund der inneren Stärke, die er immer an ihr bewundert hatte, wurde sie weder ohnmächtig, noch schrie sie oder tat sonst etwas von den vielen anderen lästigen Dingen, zu denen Sterbliche so sehr neigten, wenn sie mit dem Mystischen konfrontiert wurden.
»Aber sie werden uns doch sicher keine Schwierigkeiten bereiten.Wir haben nichts, was sie wollen könnten.«
Seine Lippen kräuselten sich. »Du hast unrecht, Liebste. Wir besitzen einen Schatz, der selbst über die wildesten Träume hinausgeht.«
»Was …«
»Ich fürchte, die Fragen müssen bis später warten, Abby.«
Er zog sie eng an sich und durchquerte leise mit ihr den Raum in Richtung der kaum wahrnehmbaren Tür neben dem Bett. Dann griff er nach dem Türknauf, drehte ihn und öffnete die Tür mit Gewalt. Holz splitterte, als der Riegel aus seiner Verankerung gerissen wurde. Dante zog Abby, die er noch immer fest im Arm hielt, durch die Schatten des angrenzenden Zimmers, wobei er den Betrunkenen, der im Wodkarausch auf seinem Bett schnarchte, kaum eines Blickes würdigte.
Dante bewegte sich direkt auf das schmale Fenster zu, öffnete es und drehte sich um, um sich zu Abbys Ohr herunterzubeugen. »Bleibe dicht bei mir, und sei ganz still«, flüsterte er. »Wenn wir angegriffen werden, möchte ich, dass du hinter mir bleibst und nicht wegrennst. Sie werden versuchen, dich so zu erschrecken, dass du ihnen in die Falle gehst.«
»Aber ich will wissen, warum...«
»Nicht jetzt, Abby«, knurrte er ungeduldig. »Wenn wir hier lebendig rauskommen wollen, musst du mir vertrauen. Kannst du das?«
Es folgte ein Moment des Schweigens. In der Dunkelheit konnte Dante Abbys hauchdünne Selbstbeherrschung spüren. Sie stand kurz vor einem Zusammenbruch, und er konnte nur hoffen, dass sich der drohende Kollaps so lange abwehren ließ, bis sie sich in Sicherheit befanden.
Schließlich schluckte sie schwer und nickte widerwillig. »Ja.«
Er sah ihr in die Augen und war überrascht von dem Anflug von etwas, was möglicherweise Wärme sein konnte.
»In Ordnung, dann gehen wir.«
Dante nahm Abbys Hand und half ihr dabei, durch das schmale Fenster zu klettern. Er wartete, bis sie auf der metallenen Plattform stand, die zu der Feuerleiter führte, bevor er ihr in die Dunkelheit folgte. Dabei hielt er nur einen kleinen Augenblick inne und spähte in die müllübersäte Gasse hinunter. Seine Instinkte warnten ihn, dass Dämonen in der Nähe lauerten. Unglücklicherweise würde hierzubleiben bedeuten, dass sie in der Falle säßen und eingekreist würden. Sie hatten keine andere Wahl, als sich vorwärts zu bewegen.
Oder in diesem Fall nach unten.
Grimmig nickte Dante in Richtung der Leiter. Mit zögernden Schritten überquerte Abby die Plattform und zwang sich, die Sprossen hinunterzuklettern. Dante wartete, bis sie den Boden erreicht hatte, bevor er heruntersprang und neben ihr landete.
Als sie ihre Lippen öffnete, um zu sprechen, streckte er einen Finger aus und legte ihn fest auf ihren Mund, wobei er heftig den Kopf schüttelte. Seine Haut prickelte wegen der drohenden Gefahr. Etwas war in der Nähe. Sehr nahe. Dante wandte sich einem großen Container zu und machte langsam einen Schritt nach vorn.
»Zeige dich«, befahl er.
In den Schatten raschelte etwas, gefolgt von dem scharfen Kratzen von Krallen auf dem Asphalt, bevor langsam eine große, massige Gestalt auftauchte. Es wäre einfach gewesen, den Störenfried auf den ersten Blick als unbeholfene, hirnlose Bestie abzutun. Mit einer dicken, lederartigen Haut, nässenden Furunkeln und einem missgestalteten Kopf, der drei Augen aufwies, handelte es sich um ein Bilderbuchexemplar des Monsters unter dem Bett. Aber Dante war mit diesem speziellen Dämon nur zu vertraut und wusste, dass unter dem hässlichen Äußeren eine raffinierte Intelligenz zu finden war, die tödlicher war als jeder Muskel.
»Halford.« Dante machte eine spöttische Verbeugung.
»Ah, Dante.« Die tiefe, knurrende Stimme verfügte über einen geschliffenen eleganten Akzent, der perfekt zu einem vornehmen Internat gepasst hätte. Ein grotesker Kontrast zu seinem brutalen Aussehen. »Ich wusste, dass du vorbeikommen würdest, wenn du erst Wind von diesen Höllenhunden bekommen hast. Ich habe jahrhundertelang versucht, sie zu ein bisschen mehr Zurückhaltung zu erziehen, aber sie müssen wohl immer blinden Eifer an den Tag legen, wenn eigentlich Heimlichkeit angesagt wäre.«
Dante vergewisserte sich, dass er direkt zwischen Abby und dem Dämon stand, und zuckte leicht mit den Schultern.
»Höllenhunde waren noch nie für ihre Intelligenz bekannt.«
»Nein. Das ist wirklich schade. Trotzdem sind sie manchmal nützlich. Wenn sie beispielsweise Beute aufscheuchen, so dass ich nicht in einem solchen Dreck herumlaufen muss.« Halford streifte das verfallene Hotel mit einem geringschätzigen Blick. »Ich muss schon sagen, Dante, ich hatte immer geglaubt, du besäßest einen besseren Geschmack.«
»Was für einen besseren Ort könnte es geben, um sich vor dem Abschaum zu verstecken, als direkt vor seiner Nase?«
Halford ließ ein grollendes Lachen ertönen, das in der Gasse auf unheimliche Weise widerhallte. »Ein schlauer Plan, abgesehen von der Tatsache, dass jeder Bruder in der Stadt deine Schönheit aus einem Kilometer Entfernung riechen kann. Ich fürchte, ihr könnt euch nicht verstecken.«
Dante fluchte leise. Obwohl Abby den Phönix in sich trug, hatte sie sich seine Kräfte und das Wissen um die Herrschaft über diese Kräfte noch nicht völlig angeeignet. Und bis es so weit war, würde sie für jeden Dämon in der Umgebung das reinste Leuchtfeuer darstellen.
»Du unterschätzt meine Fähigkeiten«, erwiderte Dante mit seidenweicher Stimme.
»O nein, ich wäre nie so dumm, dich zu unterschätzen, Dante.« Der Dämon machte einen Schritt nach vorn, wobei seine Krallen den Asphalt zu Staub zermalmten. »Im Unterschied zu vielen anderen aus der Bruderschaft bin ich leicht imstande, die Macht zu spüren, die zu zügeln du in all diesen langen Jahren gezwungen warst. Und das ist auch der Grund, warum ich durchaus bereit bin, dir zu gestatten zu gehen. Ich hege nicht den Wunsch, dich zu töten.«
Dante hob eine Augenbraue. »Du wirst mir gestatten zu gehen?«
»Natürlich. Ich habe nie Gefallen daran gefunden, meine Mitdämonen zu töten.« Halford ließ etwas aufblitzen, was entfernt als Lächeln hätte durchgehen können, wenn man seine drei Reihen von Zähnen in Betracht zog. »Lass das Mädchen hier, dann kann ich dir versprechen, dass du nie wieder belästigt werden wirst.«
Oh. Ganz plötzlich erfasste Dante die Wahrheit. Halford war allein. Und es war alles andere als sicher, dass er imstande war, einen Vampir zu besiegen. Zumindest nicht, bevor die anderen Dämonen, die sich versammelten, eintrafen und die Angelegenheit verkomplizierten.
»Ein ziemlich großzügiges Angebot«, gab Dante zurück.
»Das ist wohl wahr.«
»Trotzdem denke ich, dass die Aushändigung eines so unbezahlbaren Schatzes erheblich mehr wert sein sollte. Schließlich ist es ja so, dass du, wenn du gezwungen bist, mit mir um die Maid zu kämpfen, entdecken könntest, dass du dir den Ruhm mit sämtlichen Dämonen teilen musst, die eilig auf dem Weg hierher sind.«
Ein plötzlicher Schlag gegen seinen Rücken zeigte Dante, dass Abby seine spottenden Worte gehört hatte. Und natürlich vorschnell zu dem vorhersehbaren Schluss gekommen war. Schließlich war er ein bösartiger Vampir.
Er griff nach hinten und packte ihr schlankes Handgelenk mit festem Griff. Er konnte es nicht riskieren, dass sie losrannte.
Halfords Augen verengten sich. Alle drei. »Was könnte denn mehr wert sein als dein Leben?«
Dante zuckte mit den Achseln. »Es liegt wenig Sinn darin, eine Ewigkeit lang zu leben, wenn man gezwungen ist, sich in der Gosse zu suhlen.Wie du schon sagtest, bin ich an einen deutlich luxuriöseren Lebensstil gewöhnt, der ohne Selena enden wird.«
Abby wehrte sich verzweifelt gegen Dantes Umklammerung und versetzte ihm so heftige Tritte, dass sie einen Menschen hätten in die Knie gehen lassen.
»Sei still, Liebste«, befahl er, ohne auch nur den Kopf zu drehen. »Halford und ich sind gerade dabei, mit den Verhandlungen zu beginnen.«
»Schwein! Monster! Bestie!«
Dante ignorierte die Tritte, die jedes Wort unterstrichen, indem er Halfords amüsiertem Blick begegnete.
»Ein temperamentvolles kleines Ding«, schnarrte der Dämon.
»Ein Charakterfehler, der leicht korrigiert werden könnte.«
Halford spannte seine hervortretenden Muskeln an. »Sehr leicht. Jetzt lass uns die Sache hinter uns bringen. Wie lautet dein Preis?«
Dante tat so, als dächte er nach. »Natürlich ein sofort verfügbarer Nachschub an Blut. Heutzutage ist es wirklich viel zu gefährlich, draußen zwischen dem Gesindel zu jagen.«
»Nichts leichter als das.«
»Und vielleicht ein paar Shantong, um mein Versteck nachts warm zu halten«, fügte Dante hinzu. Er wählte absichtlich Dämoninnen, die für ihren unstillbaren sexuellen Appetit berüchtigt waren.
»Ah, ein Vampir mit einem exquisiten Geschmack. Ist das alles?«
Dante erkannte den Triumph, der in Halfords Augen glitzerte, und hielt den richtigen Moment endlich für gekommen. Der Dämon gab sich dem Gedanken an den Ruhm hin, der ihn ereilen würde, wenn er seinem Fürsten der Finsternis den Phönix anbot.
»Eigentlich nicht. Ich werde auch das hier brauchen.« Dante lockerte seinen Griff um Abbys Handgelenk und ergriff mit einer fließenden Bewegung die Dolche, die in seinen Stiefeln verborgen waren, rollte sich nach vorn ab, und die Dolche verließen seine Hände bereits, als er wieder auf den Füßen aufkam.
Einen Moment lang stand Halford nur schweigend in der Dunkelheit. Es war beinahe so, als hätte er den Dolch, der tief in seinem mittleren Auge versenkt worden war, oder den anderen, der in seinem unteren Magen steckte, noch nicht bemerkt. Aber ob er sich nun in einem Schockzustand befand oder der Gefahr gleichgültig gegenüberstand, die tödlichen Wurfgeschosse hatten ihre Aufgabe erfüllt. Stöhnend brach er auf dem widerwärtigen Müll zusammen, mit dem die Gasse übersät war.
Dante zögerte keine Sekunde, sondern trat eilig vor. Geschickt schlitzte er Halford den Hals auf und schnitt dann sein Herz heraus. Er war nie dumm genug gewesen anzunehmen, dass ein Dämon tot war, solange er nicht sein Herz in der Hand hielt. Als er schließlich zufriedengestellt war, nahm er seine Dolche und bahnte sich seinen Weg zurück zu Abby. Sie wich hastig zurück, als er sich ihr näherte.
»Abby.«
»Nein.« Sie streckte abwehrend die Hände aus. »Bleiben Sie mir vom Leib.«
Dante unterdrückte seine aufflammende Ungeduld und zwang sich, die blutigen Dolche in seine Stiefel zu rückzustecken und sein wirres Haar zu glätten, bevor er wieder einen Schritt in Abbys Richtung machte. Sie war kurz davor loszurennen. Ein falscher Schritt, und er würde sie durch das Labyrinth aus Gassen verfolgen müssen.
Unter normalen Umständen ein äußerst köstlicher Gedanke, wie er zugeben musste. Allerdings war die heutige Nacht alles andere als normal.
»Abby, der Dämon ist tot«, sagte er beruhigend. »Er wird dir nichts mehr tun.«
»Und was ist mit Ihnen?«, fragte sie mit unsicherer Stimme. »Sie wollten mich an dieses … Ding verkaufen. Für Blut.«
»Sei doch keine Idiotin. Natürlich wollte ich dich nicht verkaufen.« Er umfasste ihr Kinn und zwang sie, seinem festen Blick zu begegnen. »Ich wollte Halford nur so lange ablenken, bis ich zuschlagen konnte. Für den Fall, dass du es nicht gemerkt hast, er war etwas größer als ich. Es schien mir das Beste zu sein, eine hässliche Schlägerei zu vermeiden.«
Ihre Zunge glitt heraus, um ihre Lippen zu befeuchten. Es war eine winzige, unabsichtliche Geste, aber dennoch führte sie dazu, dass sich Dantes Finger fester um Abbys zarte Haut schlossen. Egal, wie groß die Gefahr auch sein mochte, in der sie schwebten – sie so nahe zu fühlen erweckte einen wilden, schmerzenden Hunger in ihm. Einen Hunger, der in nächster Zeit nicht gestillt werden würde, wie er befürchtete.
»Warum sollte ich Ihnen trauen?«, fragte Abby heiser.
Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, während er ihr seine Hand hinstreckte. »Weil du im Augenblick keine andere Wahl hast, Liebste.«
Einige Momente vergingen, in denen sie gegen ihre inneren Dämonen ankämpfen musste, bevor sie schließlich akzeptierte, dass die Dämonen, die momentan auf der Jagd nach ihnen waren, weitaus gefährlicher waren als er.
Trotzdem war Abby ihr Widerstreben anzusehen, als sie schließlich ihre Hand in seine legte.
Dante ließ ihr keine Zeit, es sich anders zu überlegen. Er ergriff ihre Finger, und nach einem kurzen Ruck glitten sie durch die Dunkelheit. Er war verblüfft über die Enttäuschung, die in ihm darüber aufflackerte, dass Abby sich noch immer vor ihm fürchtete. Was hatte er von einer Sterblichen denn anderes erwartet?
Leider hinterließ das Wissen, dass sie ihn als etwas betrachtete, was nur eine Stufe – oder nicht einmal eine Stufe – über den bösartigen Kreaturen stand, die sie verfolgten, ein Gefühl der Leere in ihm.
Dante bog in eine Seitengasse ein und grübelte weiterhin über die Frau nach, die sich sehr anstrengen musste, um mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Er grübelte und brannte vor Verlangen nach ihrem warmen Fleisch, das sein eigenes berührte. Das war ohne Zweifel die Erklärung dafür, dass er nicht vorbereitet war, als der Höllenhund ganz plötzlich von dem Gebäude über ihnen sprang und ihn zu Boden warf.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte der tödliche Höllenhund ihn überwältigt und drückte ihn zu Boden. Die Säure von seinen Zähnen tropfte auf Dantes Fleisch und verursachte ihm brennende Schmerzen.
»Verflucht«, murmelte er. »Du stinkendes, schleimiges Stück Dreck.«
Dante versuchte den Dämon an der Kehle zu erwischen und sie aufzuschlitzen, als es plötzlich in der Luft zischte, gefolgt von dem abscheulichen Geräusch von Knochen, die zermalmt wurden. Dann fiel der Höllenhund auf die Seite. Offenbar war er tot.
»Bist du verletzt?«
Wie in einem Traum beugte sich Abby über Dante. Ihr Gesicht war mit Dreck verschmiert, und ihr Haar hing wirr und schlaff herunter, aber der Ausdruck in ihren Augen verriet Besorgnis. Dante gönnte sich einen Moment, um den hinreißenden Anblick zu genießen, ehe er sich zögernd auf den Ellbogen aufstützte. Er drehte den Kopf und betrachtete den zuckenden Dämon, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Abby zuwandte.
»Kein schlechter Schlag, Liebste«, meinte er mit einem Blick auf das rostige Rohr, das sie mit der Hand umklammerte. »Dämonentöterin der Sonderklasse, in der Tat. Fast so gut wie …«
»Wenn du den Namen Buffy aussprichst, pfähle ich dich«, warnte sie ihn und hob drohend das Rohr.
Er lachte leise. »Sehr furchterregend, Süße, aber wenn du diese Aufgabe wirklich erledigen willst, muss der Pfahl aus Holz sein.«
»Das dürfte kein Problem sein.«
»Ohne Zweifel.« Dante kam auf die Beine und streifte den Dreck ab, der an ihm klebte. »Leider wird das bis später warten müssen. Erst einmal müssen wir uns auf den Weg machen.«
Er ergriff Abby am Arm und lief weiter die Gasse entlang. Dabei blieb er wachsam. Äußerst wachsam.
Verdammt noch mal. Er war von einem Höllenhund niedergeworfen worden.Vor einer wunderschönen Frau. Er würde sich bestimmt nicht noch einmal demütigen lassen.
Vielleicht würde er getötet werden. Gepfählt, niedergemetzelt oder vielleicht auch enthauptet. Aber nicht gedemütigt. Es gab weitaus bessere Alternativen für einen stolzen Vampir.