Der Schmetterlingsjunge - Max Bentow - E-Book
SONDERANGEBOT

Der Schmetterlingsjunge E-Book

Max Bentow

4,6
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Berliner Kommissar Nils Trojan hat schon vieles gesehen, aber als er den Tatort in Kreuzberg betritt, traut er seinen Augen kaum: Die Frau, die ermordet wurde, liegt entkleidet auf dem Bett, ihren Rücken ziert das farbenprächtige Gemälde eines riesigen Schmetterlings. Nur zwei Tage später ereignet sich ein weiterer Mord, wieder hinterlässt der Täter sein bizarres Kunstwerk auf dem Körper des Opfers. Verzweifelt versucht Trojan, die verborgene Botschaft des Mörders zu entschlüsseln, doch sein Gegner hat ihn längst in ein perfides Verwirrspiel verstrickt. Und Trojan weiß – er muss die Obsession begreifen, die den Täter treibt, wenn er das grausame Töten beenden will …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 429

Bewertungen
4,6 (44 Bewertungen)
31
7
6
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Der Berliner Kommissar Nils Trojan erstarrt, als er den Tatort in Kreuzberg betritt: Die Frau, die ermordet wurde, liegt entkleidet auf dem Bett, ihren Rücken ziert das farbenprächtige Gemälde eines riesigen Schmetterlings. Nur zwei Tage später ereignet sich ein weiterer Mord, wieder hinterlässt der Täter sein bizarres Kunstwerk auf dem Körper des Opfers. Verzweifelt versucht Trojan, die verborgene Botschaft des Mörders zu entschlüsseln, doch sein Gegner hat ihn längst in ein perfides Verwirrspiel verstrickt. Und Trojan weiß – er muss die Obsession begreifen, die den Täter treibt, wenn er das grausame Töten beenden will …

MAX BENTOW

DERSCHMETTERLINGSJUNGE

PSYCHOTHRILLER

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © der Originalausgabe Juli 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt

durch die Literarische Agentur Michael Gaeb

Covergestaltung: Uno Werbeagentur, München

Covermotiv: Schmetterling: Ashraful Arefin / arcangel images

FinePic ®, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21974-1 V004 www.goldmann-verlag.de

Für Christina

Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?

GEORG BÜCHNER

Put on your red shoes and dance the blues.

DAVID BOWIE

ERSTER TEIL

Ich gestehe, mein Liebling, ich habe getötet. In knapp einer Woche habe ich drei Menschen umgebracht. Und es ist noch lange nicht vorbei. Erst am siebten Tag werde ich Ruhe geben. Bis dahin bleibt uns nicht mehr viel Zeit.

Ich fahre mit dir durch die Nacht. Du sitzt neben mir und rührst dich nicht. Noch bist du völlig ahnungslos. Immer wieder gleitet mein Blick von der Straße weg, um dich anzuschauen. Deine Augen sind geschlossen, dein langes Haar liegt auf deinen Schultern. Ich beobachte die Bewegungen deines Atems, wie sich deine Brust hebt und senkt. Ich stelle mir vor, wie sich mein Mund deinen geschlossenen Lippen nähert, und ich frage mich, ob du mir vergeben kannst.

Es ist wie ein langer, dunkler Rausch. Ich habe kaum geschlafen. Ich muss vorausplanen, Dinge besorgen. Wachsam sein. Sie jagen mich, meine Verfolger sind mir dicht auf den Fersen. Zugegeben, das spornt mich an. Ich hinterlasse absichtlich Spuren, ich lade sie ein zu einem wilden, wirbelnden Tanz, und doch bin ich ihnen immer einen Wimpernschlag voraus.

Noch nie habe ich mich so lebendig gefühlt wie in diesen Stunden. Noch nie so bedeutend und mächtig. Das Gefühl der Überlegenheit wächst von Minute zu Minute. Mittlerweile lasse ich sie bis auf wenige Meter an mich heran. Das ist wie Magie. Ich habe einen Bannkreis um mich herumgelegt. Sie kriegen mich nicht.

Glaub mir, für dich könnte ich dieses Spiel sofort beenden. Nur um dir meine Liebe zu beweisen. Aber was man einmal begonnen hat, sollte man auch zu Ende führen, nicht wahr?

Wir waren fast noch Kinder, als ich dich das erste Mal sah. Seitdem ahne ich, dass du die Einzige bist, die mich vielleicht einmal versteht. Ich beobachtete dich vor deinem Elternhaus, hinter Hecken versteckt, ein Junge mit hängenden Schultern, die Einsamkeit im Gesicht.

Du hieltst etwas in den Händen. Es war rot, schwarz und glänzend. Ein kostbares Geschenk, ich hatte es euch vor die Tür gestellt. Es war so edel und chic, dass dir die Hitze in die Wangen schoss.

Ein gestohlenes Geschenk, ich gebe es zu. Als Junge trieb ich mich gern in den Galeries Lafayette herum, diesem Luxustempel in der Friedrichstraße. Ich drückte mir die Nase an den Schaufensterscheiben platt. Alles, was glitzerte und teuer war, alles, was aus feinem Stoff bestand, faszinierte mich. Schmuck, Uhren, auf Hochglanz poliertes Silberbesteck, helles Porzellan, zerbrechliche Nippesfiguren, all die Schachteln und Schatullen, gefüllt mit Schnickschnack und Tand. Die erlesenen Parfums in ihren schimmernden Flakons, die feinen Strümpfe der Frauen mit ihren erregenden Nähten, die aufwendig gestalteten Röcke und Kleider. Aufreizende Lingerie, drapiert auf hellhäutigen Puppen.

Und wenn ich nicht gerade in der Papierabteilung war, um mir Skizzenbücher und Stifte zu klauen, schlich ich bevorzugt durch die Etagen, in denen die besonderen Objekte der Begierde ausgestellt wurden.

Kaum bezahlbare Schuhe für Frauen mit luxuriösem Geschmack. Extravagante Stiefel und Pumps, Stilettos mit schwindelerregend hohen Absätzen, zum Greifen nahe auf Podesten, die für mich wie die Throne von Kaiserinnen waren.

An einem Nachmittag war ich auf der Suche nach einem Geschenk für meine Mutter. Sie hatte bald Geburtstag. Und so entdeckte ich ein Paar High Heels von Christian Louboutin, rot, schwarz und glänzend. Ich stand staunend vor dem Sockel, auf dem sie aufgebaut waren, und konnte nicht mehr die Augen von ihnen lassen. Meine Mutter liebte Schuhe, aber sie hatte nicht viel Geld.

»Kann ich dir helfen?«, fragte mich die Verkäuferin.

»Wie teuer sind die?«, entgegnete ich.

»Zweitausendfünfhundert Euro.«

Ich stellte mir meine Mutter darin vor. »Packen Sie sie in eine schöne Schachtel, ja?«

»Du machst Witze.«

»Nein, ich will sie haben.«

»Kannst du denn bezahlen?«

»Hübsch einpacken, ja? Und binden Sie eine Schleife darum.«

Sie warf mir ein gequältes Lächeln zu. Danach wandte sie sich von mir ab, um den Kaufhausdetektiv zu alarmieren.

Doch ich war schneller. Kaum hatte sie mir den Rücken zugedreht, griff ich einfach zu. Ich schnappte mir die Schuhe und rannte los.

Meine Mutter war die schönste Frau der Welt, das kannst du mir glauben. Warum ich in der Vergangenheitsform von ihr rede? Keine Ahnung, vielleicht weil ich manchmal das Gefühl habe, sie sei längst tot. Dann wieder stelle ich sie mir an einer Straßenecke vor, ihre nackten Arme sind mit Einstichstellen übersät. In meinen schlimmsten Träumen sehe ich sie zusammen mit anderen Männern. Sie fallen über sie her, sie behandeln sie wie ein Stück Dreck. Aber ich sage dir, wenn sie sich zurechtmachte, die Augenränder mit Kajal, die Wimpern mit Tusche bemalte, ihre Wangen mit Rouge puderte, wenn sie ihr Haar öffnete und hübsche Sachen und Strümpfe und Schuhe trug, sind dir die Augen übergegangen.

Und sie konnte tanzen.

Ja, verdammt, das konnte sie. Und waren die Absätze ihrer Schuhe noch so hoch, sie konnte darauf schweben. Sie war ein Luftwesen, meine Mutter, musst du wissen.

Ich kam heim mit den Schuhen, ich hatte sie in einer Plastiktüte versteckt. Meine Mutter aber war nicht da. Ich fragte meinen Vater nach ihr.

Er sagte: »Sie wird schon wiederauftauchen.«

Ihre Klamotten waren weg, auch der Koffer lag nicht mehr auf dem Schrank. Ich wartete ihren Geburtstag ab, doch sie kam nicht.

Ihr Handy stellte sich tot. Unbezahlte Rechnungen auf ihren Namen häuften sich in unserem Briefkasten.

Wieder fragte ich meinen Vater nach ihr, und diesmal sagte er: »Sie hat uns nicht einmal einen Zettel hinterlassen.«

Ich habe die Schuhe behalten. Oftmals hole ich sie hervor und betrachte sie.

Wenn du sie berührst, wenn du mit den Fingern über die Absätze streichst, begreifst du, was du verloren hast.

Und was es bedeutet, wenn niemand dein Geschenk annehmen will.

Etwas hat sich in mir aufgestaut seit jener Zeit. Und schließlich platzte es in mir auf wie ein bösartiges Geschwür.

Darum musste ich losziehen, und nichts hielt mich auf. Ich habe einen Plan, eine Mission, und es gibt kein Zurück.

Sechs Tage sind vergangen, mein Liebling, nicht mehr als hundertvierundvierzig Stunden, da mein wilder Rausch begann.

EINS

MONTAG, 15. MAI. KURZ NACH MITTERNACHT

Sebastian fand keinen Schlaf. Das Wochenende war viel zu schnell vergangen. Morgen früh um acht begann die Schule, und bis zum nächsten Freitagabend war es noch lange hin.

Er dachte an seine Mutter, die im Nebenzimmer schlief, an den schönen Ausflug mit ihr. Zum Schwielowsee waren sie hinausgefahren. Milde Frühlingsluft, der Duft des nahenden Sommers. Er hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen, die Füße ins Wasser getaucht und dabei einen Schwarm Stichlinge aufgescheucht. Flache Steine hatte er über den See springen lassen, bis seine Mutter ihn rief. Sie legte einen Arm um ihn, und sie spazierten am Uferweg entlang. Sie lachte über seine Scherze, was Sebastian insgeheim freute, denn seit der Trennung von seinem Vater war sie nicht immer bester Laune.

Auf der Terrasse eines Restaurants nahmen sie ein spätes Mittagessen zu sich, Sebastian ein großes Schnitzel mit Pommes, seine Mutter einen Salat. Er probierte von dem Holundersaft, den sie sich bestellt hatte. Noch immer glaubte er den Geschmack auf der Zunge zu haben, so süß und unbeschwert, frühsommerlich und froh. Kastanienbäume im Garten des Lokals, weiß-rote Blüten, die auf ihre Teller herabwehten.

Nach dem Essen hatte sie ihn angestrahlt. »Was für eine herrliche Landpartie, mein Junge. Sollten wir öfter machen.«

Er hatte ihr zugestimmt. Wenn seine Mutter lächelte, bildeten sich Grübchen auf ihren Wangen, und das mochte er an ihr.

Doch auf dem Heimweg nach Berlin verdüsterte sich seine Stimmung. Das hatte mit dem drohenden Montag zu tun, der anstehenden Klassenarbeit und damit, dass auch seine Mutter immer schweigsamer wurde.

Warum konnte es nicht immer Wochenende sein? Und wieso schaffte er es nicht, seine Mutter häufiger zum Lächeln zu bringen?

Der Junge wollte sich festhalten an dem vergangenen Tag. Dachte an die braunen Augen seiner Mutter, ihr dunkelblondes Haar und die Reflexe des Sonnenlichts, die im Wald über ihr Gesicht getanzt waren.

Um endlich einzuschlafen, versuchte er es mit Schäfchenzählen, ließ die Tiere in seiner Vorstellung über ein Gatter springen.

Allmählich dämmerte er weg.

Ein Geräusch ließ ihn hochschrecken. Ein leises Klirren.

Sebastian verspürte einen kalten Lufthauch.

Er schlug die Augen auf, als eine Metallspitze gegen seinen Hals gedrückt wurde.

»Ganz ruhig«, sagte eine gedämpfte Stimme zu ihm.

Sebastian rang nach Luft. Jemand saß an seinem Bett.

»Liebst du deine Mutter?«, fragte die Stimme.

Er konnte nicht antworten.

»Ob du sie liebst?«

Sein Herz schlug so hoch, dass ihm schwindlig wurde.

»Sag schon.«

Er wollte schreien, aber er brachte keinen Ton hervor.

»Liebst du sie?«

»Ja.«

»Gut. Wenn du sie liebhast, sei still. Kein Mucks. Verstanden?«

Sebastian nickte. Seine Augen wanderten umher. Allerdings konnte er wenig erkennen von dem Mann, der in sein Zimmer gekommen war. Alles an ihm war weiß. Sein Gesicht. Der Körper. Auch die Hände. Plötzlich glitt die Metallspitze von seinem Hals, und er hörte das Ratschen eines Reißverschlusses. Offenbar wurde eine Tasche oder ein Rucksack geöffnet. Und mit einem Mal drückte der Mann einen Becher mit einer Flüssigkeit an seine Lippen.

»Trink das aus.«

Sebastian wollte sich wehren, doch schon war eine Hand an seinem Kinn, und zwei Finger pressten sich auf seinen Unterkiefer.

»Dir wird nichts passieren, wenn du gehorsam bist. Tu es für deine Mutter.« Das weiße Gesicht starrte auf ihn herab. »Tu es für sie.«

Sebastian trank. Widerwillig, aber er trank. Das Zeug schmeckte bitter, wie eklige Medizin.

Er wollte sich die Einzelheiten des Gesichts einprägen. Doch im Halbdunkel des Zimmers erkannte er nur die Augen. Alles andere war weiß.

Der Mann nahm den Becher weg. »Sag ›Mama‹.«

»Warum?«

»Sag es einfach. Ganz leise, damit sie nicht wach wird.«

Sebastian stöhnte kaum hörbar.

»Tu mir den Gefallen.«

»Mama«, murmelte er.

»Gut. Das ist gut. Nun hast du’s gleich geschafft. Zähl rückwärts von fünfzig runter auf null. Danach wirst du schlafen. Glaub mir, du wirst schlafen. Tief und fest.«

Sebastian begann zu zählen. Es war wie mit den Schafen. Nur dass ihm dabei übel wurde. Und sie sprangen rückwärts über das Gatter. Manche stolperten, manche brachen sich die Beine.

Der Mann blieb wortlos bei ihm sitzen. Seine Hand strich über Sebastians Stirn, sanft, wie bedauernd.

Das Weiß in seinem Gesicht verschwamm.

Dann wurde es heller. Grell.

Der Junge wollte sich aufrichten, doch schließlich sank er zurück, und alles erlosch.

Als er wieder zu sich kam, spürte er die Kälte. Der Vorhang vorm Fenster bewegte sich im Wind. Er war benommen, hatte einen säuerlichen Geschmack im Mund.

Er brauchte eine Weile, um aufzustehen. Der Boden unter seinen nackten Füßen schien zu schwanken. Ein jäher Brechreiz überfiel ihn. Gallensaft füllte seine Kehle, und er schluckte.

Schließlich zog er den Vorhang beiseite. Das Morgenlicht blendete ihn. Dann sah er das kreisrunde Loch in der Scheibe. Jemand hatte sie aus dem Glas herausgeschnitten, der Fensterriegel war geöffnet.

Seine Erinnerung war lückenhaft, doch mit einem Mal erschien die weiße Gestalt vor seinem inneren Auge.

Abermals würgte er den Brechreiz hinunter.

In diesem Moment dachte er an seine Mutter.

Er lief aus dem Zimmer, eilte durch den Flur. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer war geschlossen.

»Mama?«

Keine Antwort.

Er öffnete die Tür.

Die Außenjalousie war herabgelassen, der Raum abgedunkelt.

Sebastian knipste das Licht an, und sein Blick wanderte zu ihrem Bett.

Sie lag auf dem Bauch. Sie war unbekleidet. Warum schlief sie nackt? Und weshalb ohne Decke?

Und was war mit ihrem Rücken?

Etwas prangte darauf, groß, in schillernden Farben.

Was um alles in der Welt war das? Vorsichtig trat er näher.

»Mama?«

Sebastian rang seine Übelkeit hinunter und setzte noch einen Schritt vor.

Der linke Arm seiner Mutter hing halb von der Bettkante herab.

Flüchtig berührte er ihre Hand. Sie war kalt, eiskalt.

Fassungslos starrte er auf das farbige Gebilde auf ihrem Rücken. Dann schrie er auf.

ZWEI

Trojan stürmte in die fremde Wohnung. Die Waffe am Anschlag sicherte er die erste Tür und stieß sie dann mit dem Fuß auf. Er ging hinein, scannte das Zimmer mit Blicken. Niemand. Auf der anderen Seite des Flurs ein weiteres Zimmer. Auch hier war die Tür nur angelehnt. Ein Tritt dagegen, ein Schritt nach vorn, und er war drin. Die Waffe mit beiden Händen umklammert, die Arme ausgestreckt. Lage checken. Nichts.

Da vernahm er das leise Rauschen am Ende des Flurs. Langsam näherte er sich der verschlossenen Tür. Wasser plätscherte dahinter. Er atmete ein paarmal durch, dann drückte er die Klinke und machte einen Satz hinein.

»Kriminalpolizei! Keine Bewegung!«

Der alte Mann stand vor der Badewanne, bloß mit einem Handtuch bekleidet, das locker um seine Hüften geschlungen war. Er wandte sich langsam zu ihm um. Silbriges Brusthaar, hängende Haut. Ein dichtes Muster von Leberflecken.

Grimmig lächelnd sah er Trojan an.

»Schon mal was von Anklopfen gehört? Ich möchte ein Bad nehmen.«

Der Wasserhahn war aufgedreht, die Wanne zur Hälfte gefüllt. Die Hand des Alten glitt zur Seifenflasche hin.

»Ich sagte: keine Bewegung!«

Unbeirrt schnappte er sich die Flasche und schraubte sie auf. »Ist mit Rosmarinöl. Gut für meinen Rücken.«

»Beide Hände hinter den Kopf!«

Der Alte ließ ihn nicht aus dem Blick, während er die Seife in das Wasser laufen ließ.

»Was wird mir denn vorgeworfen, Kommissar?«

»Der Mord an einer jungen Frau. Sie war eine Nachbarin.«

»Diese alte Geschichte. Ist doch Jahre her.«

»Mord verjährt nicht.«

»Und wenn es nun ein Totschlag war?«

Trojans Mundwinkel zuckten.

Der Alte grinste. »Ich steig jetzt erst mal in die Wanne.«

»Keine Tricks!«

Langsam schraubte er die Flasche zu und stellte sie auf den Wannenrand. Danach nestelte er an seinem Handtuch.

»Vielleicht bin ich ja unschuldig.«

»Klären wir auf dem Revier.«

Er grinste nun so breit, dass seine Goldkronen aufblitzten. »Mir kommt da gerade eine bessere Idee.«

»Ach ja?«

»Erschieß mich, Bulle. Dann ist der Fall für dich erledigt.«

Trojan richtete den Lauf der Waffe erst auf seine Knie, dann auf seine Brust.

»Na los doch. Puste mir den Schädel weg.«

Trojan zielte auf den Kopf. Nur nicht provozieren lassen. Doch die Wut begann in ihm zu kochen. Der Zorn beschleunigte seinen Puls.

»Traust du dich nicht?«

»Hände hinter den Kopf!«

»Ach, komm schon. Drück einfach ab. Oder bist du ein Feigling? Na los, Bulle! Nur zu!«

Eine Schweißperle kroch über seine Wange. Sein Finger am Abzug war gekrümmt.

Das Wasser sprudelte in die Wanne. Wo der Strahl auf die Oberfläche traf, bildeten sich schillernde Blasen und zerplatzten.

»Worauf wartest du noch? Mach mich weg. Mach mich einfach weg.«

Sie sahen sich reglos an.

Da öffnete der Alte sein Handtuch.

»Hier. Ich zeig dir was.« Er ließ das Tuch auf den Boden gleiten und schob die Hüften vor. »So sieht ein Mann aus! Beeindruckt?« Er schnaufte verächtlich. »Du bringst es einfach nicht. Hast es nie gebracht.«

»Ein letztes Mal, und ich …«

Er streckte beide Arme zur Seite aus. »Komm schon! Drück ab.«

Ein Schmerz hämmerte hinter Trojans Schläfen. Bloß nicht provozieren lassen. Seine Kiefer malmten.

»Schwächling! Versager! Ich hab’s immer gewusst.«

»Sie kennen mich doch gar nicht!«

»Und wie ich dich kenne. Du bist ein verdammtes Weichei, Nils!«

Trojan sog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

Der alte Mann hob höhnisch das Kinn. »Kein Wunder, dass dir die Frau weggelaufen ist!«

Ein letztes Zögern. Trojan kniff die Augen zusammen. Lichtflecken explodierten hinter seinen geschlossenen Lidern.

Er riss die Augen auf und drückte ab. Einmal, zweimal, dreimal. Er zielte direkt auf die Stirn. Das Blut spritzte an die Kacheln. Er feuerte immer weiter. Viermal, fünfmal, sechsmal. Hirnmasse rann über die Fliesen. Der Alte krümmte sich auf dem Wannenrand zusammen. Ein letzter Blick zu ihm hin, voller Verachtung. Dann brachen seine Pupillen, und er klatschte ins Wasser.

Trojan trat näher heran und starrte auf den Leichnam im blutgetränkten Seifenschaum.

Mit entsetzlicher Verzögerung begriff er, wen er soeben erschossen hatte.

»Vater!«, schrie er.

Er schreckte hoch. Sein Bettzeug war zerwühlt.

War das wirklich sein Vater gewesen, dem er gerade mehrere Kugeln in den Kopf gejagt hatte?

Kein Zweifel, er war es.

Ruhig, ganz ruhig, dachte Trojan, nur ein Traum.

Atemlos fingerte er nach dem Handy auf seinem Nachttisch. Er sollte seinen Vater sofort anrufen.

Ihm war, als müsste er sich auf der Stelle für das entschuldigen, was er in seinem Albtraum angerichtet hatte.

In diesem Moment rief Emily von draußen.

»Paps, alles in Ordnung?«

»Ja, Em, ich bin gleich bei dir.«

In T-Shirt und Boxershorts schwang er sich aus dem Bett, öffnete die Tür und ging in die Küche, wo es nach frisch aufgebrühtem Kaffee duftete.

Er gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange. »Hast du gut geschlafen?«

»Ja. Und du?«

»Mäßig.«

Sein Dienstplan hatte es endlich wieder erlaubt, dass seine Tochter bei ihm übernachten konnte.

»Tut mir leid, Paps. Ich muss jetzt los.«

»Ist es schon so spät?

Sie nickte. »Viertel nach sieben.«

»Wir wollten doch zusammen frühstücken.«

»Hab schon vor einer Weile an deine Tür geklopft.«

»Verzeih. Nichts gehört.«

Er lächelte sie an. Das Haar trug sie wieder lang. Er bewunderte ihre blonden Locken, ihre strahlenden Augen.

»Gut siehst du aus.«

»Danke, Paps. Und ist bei dir wirklich alles okay?«

»Hab komisch geträumt. Von deinem Großvater.«

»Ach ja? Wie geht es ihm eigentlich?«

»Keine Ahnung.«

»Ruf ihn mal wieder an.«

»Das hatte ich gerade vor.«

»Also, ich muss mich beeilen. Grüß ihn von mir, wenn du mit ihm sprichst, ja?«

»Mach ich, Emily.«

Sie zog sich Schuhe und Jacke an, winkte ihm noch einmal zu und verschwand aus der Wohnung.

Trojan goss sich Kaffee ein und trank einen Schluck. Danach duschte er, zog sich an und griff erneut zum Telefon.

Sein Vater hob nach dem dritten Klingeln ab.

»Ich bin’s. Nils.«

»Welch seltene Überraschung. Und das am frühen Morgen.«

»Ich dachte, ich sollte mich mal wieder bei dir melden. Was machst du gerade?«

»Ich frühstücke. Danach lasse ich mir ein Bad ein.«

Trojan schluckte. Erneut sah er die Blutspritzer auf den Fliesen vor sich.

Woher nur der Hass in seinem Traum?

Die Vergangenheit war ungeklärt. Woche um Woche hatte er das Gespräch mit ihm aufgeschoben, Monat um Monat.

Und nun platzte es aus ihm heraus: »Wir müssen über Susanna Halm reden.«

Es entstand eine Pause.

»Du weißt schon. Unsere Nachbarin vor vielen Jahren. Als ich noch ein kleiner Junge war. Ihre Ermordung. Wir müssen das endlich klären.«

»Ja.«

»Wann kann ich zu dir kommen?«

Er schwieg.

»Geht es vielleicht noch heute?«

»Warum hast du es mit einem Mal so eilig?«

»Es duldet keinen Aufschub mehr. Ich brauche von dir eine Aussage. Du musst mir alles genau erzählen, von Anfang bis Ende. Und wenn ich weiterhin Zweifel an deiner Unschuld habe …«

»Ich weiß, Nils. Ich weiß, was du vorhast. Du willst deinem eigenen Vater an den Kragen.«

»Bedenke mal, welchen Beruf ich habe.«

»Du bist ein Bulle geworden. Das konnte ich dir leider nicht ausreden.«

»Mag ja sein, aber es würde auf deine Verhaftung hinauslaufen. Ich selbst müsste das veranlassen.«

»Ich bin weit über siebzig.«

»Mord verjährt nicht.«

»Das ist mir vollkommen klar.«

Nach einer Pause sagte Nils leise: »Du hast Susanna Halm erschlagen, nicht wahr? Damals. Ich hab es doch beobachtet. Ich war fünf Jahre alt. Ich hockte auf dem Baugerüst. Ich sah zum Fenster herein. Und du hast sie erschlagen.«

Richard Trojan schwieg. Danach sagte er knapp: »Du erledigst also nur deinen Job, ja? Was du dabei für mich empfindest, spielt wohl keine Rolle.«

»Vater, hör mal … Es fällt mir ganz und gar nicht leicht. Natürlich bin ich in der Angelegenheit befangen. Aber sollte es wahr sein, bin ich zumindest verpflichtet, es meinem Vorgesetzten zu melden. Andererseits trifft mich eine Mitschuld. Und ich riskiere … ja, ich riskiere meinen Job.«

Die Stimme seines Vaters war schneidend. »Ich habe verstanden.«

»Vater, ich …«

Ein Signalton gab an, dass jemand in der Leitung wartete. Trojan sah aufs Display. »Ich rufe gleich zurück. Es ist was Dienstliches.«

»Natürlich. Lass dir Zeit, mein Junge. Lass dir einfach Zeit.«

»Nur eine Sekunde. Okay?«

»Ich lege jetzt auf.«

»Vater, bitte …«

Es klickte. Richard Trojan hatte das Gespräch beendet.

Mit einem Seufzer tippte Nils auf das Display und empfing den anderen Anruf.

Es war Steffie.

»Nils? Du musst kommen. Es ist dringend.«

Sie nannte ihm die Adresse des Tatorts.

DREI

Mittenwalder Straße im Bergmannkiez von Kreuzberg, in der Nähe der Markthallen. Ein Haus mit hell getünchter Fassade. Die Wohnung war im Hochparterre. Trojan bahnte sich einen Weg durch einen Pulk weiß gekleideter Kollegen von der Spurensicherung. Steffie begrüßte ihn und führte ihn vom Flur in das Schlafzimmer. Auch hier waren etliche Kriminaltechniker versammelt, weiße Overalls, Mundschutz, Plastiküberzieher auf den Schuhen.

Gerber, Holbrecht, Krach und Kolpert nickten ihm zu. Landsberg stand breitbeinig da, die Arme vor der Brust verschränkt. Eine Haltung, die Trojan an seinem Chef nur zu gut kannte. Wenn ihn der Anblick einer Leiche besonders irritierte, nahm er diese Pose ein, um sich den Anschein von Überlegenheit zu geben, gerade wenn sie ihm kurzzeitig abhandengekommen war.

Die Tote lag bäuchlings auf dem Bett.

Trojan nahm es für einen Moment den Atem.

Ungläubig starrte er auf ihren nackten Rücken.

Das Bild, das sich ihm bot, war schockierend. Verstörend. Aber in dem Sinne, dass es von beinahe gespenstischer Schönheit war.

Die Haut der Toten war auf nahezu groteske Weise verziert.

»Was zum Teufel … was hat das zu bedeuten?«

»Das, wonach es aussieht, Nils«, murmelte Hilmar Landsberg. Und mit kaum verhohlenem Sarkasmus fügte er hinzu: »Ist doch ganz hübsch geworden, oder?«

Trojans Blick wurde von den Farben auf dem leblosen Körper förmlich aufgesogen. War das ein Gemälde? Hatte jemand das Schlafzimmer dieser Frau in einen bizarren Ausstellungsraum verwandelt? Aber nein, es war der Schauplatz eines Verbrechens. Offenbar hatte sich hier ein besonders kranker Geist ausgetobt.

»Ihr Name ist Beatrice Weiler«, sagte Steffie, »neununddreißig Jahre alt. Sie ist alleinerziehend. Ihr zwölfjähriger Sohn hat sie heute Morgen gefunden.«

Trojan beugte sich über das Bett. Der Geruch von geronnenem Blut, Unheil und Tod vermischte sich mit einem erschreckenden Hauch frischer Farbe.

»Bodypainting«, murmelte einer aus dem Team. »Oder eher: Dead-Bodypainting.«

Trojan wandte sich um. Die Bemerkung stammte von Albert Krach, ihrem stets etwas blässlichen Tatortmann.

»Sprich weiter, Albert. Was fällt dir dazu ein?«

»Nichts. Nur, dass ich es äußerst abstoßend finde.«

»Trotz allem ist das Bild ziemlich gelungen«, mischte sich Landsberg ein.

»Allein das macht es so pervers«, sagte Krach.

»Da gebe ich dir recht«, erwiderte der Chef.

Trojan richtete den Blick wieder auf den farbigen Rücken der Toten.

Von den Schultern bis hinunter zum Gesäß war ein großer Schmetterling auf die Haut aufgemalt, die beiden Vorderflügel auf den Schulterblättern, die zwei Hinterflügel auf den Hüften. Rumpf, Kopf und Fühler des Falters befanden sich auf einer Linie entlang der Wirbelsäule. Die Farben schillerten in verschiedenen Orange- und Gelbtönen, mit weiß leuchtenden Flecken abgesetzt. Die einzelnen Segmente der Flügel waren akkurat mit schwarzen Pinselstrichen ausgeführt.

Ein Gemälde, dachte Trojan erneut. Ein Totenkunstwerk. Der Rücken der Frau war ein Schmetterling.

Die Farben waren so verblüffend sorgfältig und kunstvoll aufgetragen worden, dass der Mörder viel Zeit mit seinem wehrlosen oder bereits toten Opfer verbracht haben musste.

Das beeindruckende Bild eines Schmetterlings. Der Leib der Frau war zur Leinwand für ihren Mörder geworden.

»Es ist der Monarchfalter«, sagte Ronnie Gerber. Sein kariertes Hemd spannte über seinem stämmigen Oberkörper.

»Bist du dir sicher?«

»Ja. Hab ich gerade auf dem Smartphone gegoogelt. Das Foto aus dem Internet stimmt mit der Körpermalerei überein. Der Monarchfalter stammt aus der Familie der Edelfalter. Ist in Amerika weit verbreitet.«

»Hmm. Verdammt, ich … ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.«

»Bleiben wir doch bei den Fakten«, sagte Landsberg.

»Klar«, murmelte Trojan. »Wie ist der Täter hier eingedrungen?«

»Er kam durchs Fenster«, sagte Stefanie Dachs. »Und zwar im Zimmer des Jungen. Er hat einen Glasschneider benutzt. Hier sind die Außenjalousien heruntergelassen, bei dem Jungen aber nicht. Sein Zimmer geht zum Hof raus, direkt darunter steht eine Mülltonne. Die hat der Mörder sich wohl so zurechtgerückt, damit sie ihm den Einstieg erleichterte.«

»Ist dem Jungen was zugestoßen?«

»Er ist so weit okay. Macht nur einen leicht verwirrten Eindruck. Auswirkungen des Schocks, nehme ich an. Er sagt, er habe tief und fest geschlafen. Gestern schien alles in bester Ordnung gewesen zu sein. Er hat mit seiner Mutter zu Abend gegessen, und danach ist er zu Bett gegangen.«

»Ich rede gleich mit ihm.« Trojan holte tief Luft. »Wie ist die Frau getötet worden? Warum ist niemand von der Rechtsmedizin hier?«

»Dr. Semmler wurde benachrichtigt, er müsste jeden Moment eintreffen. Aber so viel wissen wir bereits: Sie ist erstochen worden. Wir haben sie schon mal ein Stück auf die Seite gedreht.«

Trojan sah auf die nackten Füße der Toten. Stefanie schien seinen Blick bemerkt zu haben. »Sieht ziemlich übel aus, nicht?«

Er stimmte ihr zu. Die linke Fußsohle war in einer Art Zickzackmuster aufgeschlitzt. Darunter befanden sich Blutspritzer auf dem Boden.

Trojan ging in die Hocke und besah sich die Wunde genauer. Sie hatte tatsächlich eine eigentümliche Form.

»Die Einstiche sind nur links. Den rechten Fuß ließ der Mörder unversehrt.«

»Ganz genau«, sagte Steff.

Trojan wandte sich an einen der Männer von der Spurensicherung. »Macht bitte unbedingt ein Foto davon. Ich brauche eine Großaufnahme.«

»Ist schon geschehen.«

»Okay.« Trojan richtete sich auf. »Drehen wir die Leiche um.« Er streifte sich Latexhandschuhe über. »Steffie? Bist du bereit? Chef, haben wir dein Einverständnis?«

»Sollten wir nicht lieber warten, bis Semmler kommt?«, fragte Landsberg. »Du weißt doch, wie penibel der ist. Wenn wir irgendwas verändert haben, flippt er gleich aus.«

»Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Der Täter kann noch nicht weit sein. Spuren und Farbe sind frisch.«

Der Chef wiegte den Kopf. »In Ordnung. Also los.«

Steffie nickte Trojan zu und zog sich ebenfalls ein paar Latexhandschuhe über.

Gemeinsam drehten sie die Tote um. Der Anblick war verheerend, stand im grotesken Gegensatz zu der bizarr anmutenden Schönheit des Monarchfalters auf ihrem Rücken. Die Augen der Frau waren weit aufgerissen. Das dunkelblonde Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Ihr Mund war zu einem letzten stummen Schrei geöffnet.

Trojan erkannte mindestens fünfzehn Einstiche auf ihrem Brustkorb. Sie gingen tief. Entweder waren sie mit einem Messer oder einem anderen spitzen Gegenstand ausgeführt worden.

Die Kamera des Kollegen von der Kriminaltechnik klickte. Unerbittlich schoss er Aufnahmen von der Vorderseite der Toten.

Trojan stieß die Luft aus.

Er wandte das Gesicht von der ermordeten Beatrice Weiler ab, als ihm etwas auf dem Parkettboden auffiel. Da waren winzige Dellen, etwa in der Größe eines Cent-Stücks, sie führten bis zum Fenster und wieder zurück.

»Schau dir das an«, sagte er zu Steffie und wies auf die Eindrücke. »Woran erinnert dich das?«

Sie antwortete prompt: »Hohe Absätze. Wenn der Boden nicht ausreichend versiegelt ist, wird er mit Pumps ganz schön ruiniert.« Sie lächelte schwach. »Kann ich mit Sicherheit sagen, auch wenn ich mehr der Turnschuhtyp bin.«

Trojan blickte auf die Spuren im Parkett und wieder auf die nackten Füße der Toten. Besonders die linke Fußsohle und die eigenartige Form der Wunde, wo die Haut aufgeritzt war, fesselten seine Aufmerksamkeit. Er blickte sich um. Im gesamten Zimmer waren keine Schuhe zu sehen.

»Wie ist der Name des Jungen?«, fragte er unvermittelt.

»Sebastian.«

»Wo kann ich ihn sprechen?«

»Eine Nachbarin kümmert sich um ihn. Sie wohnt im dritten Stockwerk links.«

Sebastian Weiler saß reglos am Küchentisch in der Wohnung der Nachbarin. Sie hatte ihm in einer rührenden, aber auch hilflosen Anwandlung von Mitgefühl einen Teller mit Keksen und einen heißen Kakao serviert, doch der Junge rührte nichts davon an. Trojan bat die patent wirkende Frau in den Vierzigern, sie einen Moment allein zu lassen.

Sie nickte ihm wortlos zu und verließ die Küche.

Er nahm gegenüber von dem Jungen Platz.

»Mein Name ist Nils Trojan. Ich bin von der Kriminalpolizei. Es tut mir unendlich leid, was mit deiner Mutter passiert ist.«

Der Junge zeigte keinerlei Reaktion.

»Bist du in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Hat man dich medizinisch untersucht?«

Er schüttelte den Kopf.

»Bist du einigermaßen okay? Möchtest du mit mir reden?«

Abermals zuckte er mit den Schultern.

»Erzähl mir bitte, was heute Nacht vorgefallen ist. Hast du wirklich die ganze Zeit geschlafen?«

Der Junge sah schweigend auf die Tischplatte.

»Hast du irgendetwas gehört? Einen Schrei vielleicht?«

Wieder schüttelte er den Kopf.

»Wirkte deine Mutter gestern Abend irgendwie verändert?«

Ein kaum hörbarer Laut der Verneinung.

Trojan atmete durch. Die Augen des Jungen waren fortwährend auf einen Punkt auf dem Küchentisch gerichtet. Er hatte auffallend lange Wimpern. Sein Haar war von dem gleichen Farbton wie das seiner Mutter.

Trojan wagte es nicht, sich auszumalen, was in dem Jungen vorging, seitdem er seine Mutter leblos und zu einem riesigen orangegelben Schmetterling mutiert in ihrem Schlafzimmer entdeckt hatte.

Nach einer längeren Pause fragte er: »Hast du gehört, wie das Fenster in deinem Zimmer geöffnet wurde? Das Glas wurde aufgeschnitten. Mit modernem Werkzeug funktioniert das relativ lautlos. Und doch könnte dir vielleicht etwas aufgefallen sein?«

Auf einmal hob der Junge den Blick. »Es war kalt im Zimmer. Eisig. Der Vorhang hat sich bewegt.«

Trojan ließ ihm Zeit. Prüfend sah er ihn an. Wie groß war der Schock, den er erlitten hatte?

Plötzlich schaute der Junge ihm direkt in die Augen: »Ich hab den Tod gesehen. Er war weiß im Gesicht. Schneeweiß.«

Er stand so abrupt auf, dass er dabei den Stuhl umwarf. »Bringen Sie mich zu meiner Mutter! Bitte! Ich will endlich zu ihr!«

Ehe Trojan etwas antworten konnte, sackte der Junge in sich zusammen.

VIER

Der Notarzt wurde alarmiert. Sebastian bekam eine Infusion, danach wurde er auf einer Trage aus der Wohnung gebracht.

Trojan folgte den Sanitätern durchs Treppenhaus. Bewohner und Schaulustige hatten sich versammelt, aufgescheucht durch den Lärm und die sich in Windeseile verbreitende Nachricht, in ihrer unmittelbaren Umgebung habe sich ein Mord ereignet.

Nils strich dem Zwölfjährigen bedauernd über den Arm und ließ sich von den Rettungsleuten darüber informieren, in welche Klinik sie ihn fahren würden. Schon waren sie am nächsten Treppenabsatz verschwunden.

Trojan hielt kurz inne. Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht früher erkannt hatte, wie dringend der Junge ärztliche Hilfe benötigte.

Schließlich klingelte er an der Tür einer Wohnung im ersten Stockwerk.

Ein Mann in einem schlecht sitzenden Sakko, das lichte Haar seitlich über die hohe Stirn gelegt, öffnete ihm. Trojan zeigte ihm seine Dienstmarke.

»Kriminalpolizei. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«

»Tut mir leid, ich hab keine Zeit. Ich muss schleunigst zur Arbeit.«

»Das muss jetzt warten.«

»Was ist denn los?«

Trojan schob sich an ihm vorbei in den Flur. Er orientierte sich für einen Moment, dann betrat er das Zimmer, das sich direkt über dem Tatort im Hochparterre befand. Es war ebenfalls das Schlafzimmer.

Der Nachbar beschwerte sich lautstark bei ihm. Trojan unterbrach seinen Wortschwall. »Wie ist Ihr Name?«

»Gintner.«

»Herr Gintner, der Tumult draußen vor Ihrer Tür wundert Sie überhaupt nicht?«

»Ich interessiere mich wenig für das, was hier im Haus passiert.«

»Kennen Sie eine Beatrice Weiler?«

»Flüchtig, ja. Da ist doch die Frau mit dem Kind aus der Etage unter mir.«

»Sie ist ermordet worden. Deshalb bin ich hier.«

Schlagartig änderte sich das Auftreten von Gintner. Er krümmte die Schultern. Die Farbe wich aus seinem Gesicht. »Das ist ja furchtbar.«

Trojan musterte ihn. »Wo waren Sie heute Nacht?«

»Im Bett. Ich hab geschlafen.«

»Ist Ihnen irgendwas Verdächtiges aufgefallen? Gestern Abend zum Beispiel? Oder sind Sie mal wach geworden?«

Gintner blickte ihn wortlos an.

»Bitte, versuchen Sie sich zu erinnern. Vernahmen Sie Geräusche eines Kampfes? Einen Hilfeschrei womöglich?«

Seine Antwort erfolgte mit Verzögerung. »Jetzt, wo Sie mich das fragen … da war tatsächlich etwas.«

Trojan wartete gespannt ab.

»Mitten in der Nacht. Ich vernahm ein leises, aber auch ziemlich nervendes Tocken aus der Wohnung unten.«

Trojan runzelte die Stirn. »Das Tocken von Absätzen vielleicht?«

»Ja. Darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Aber es hörte sich wirklich so an, als würde die Frau mitten in der Nacht neue Schuhe eintragen. Sie schien immerzu darin auf und ab zu gehen.«

»Wann war das genau?«

»Weiß nicht. Nach Mitternacht vielleicht.«

»Wie lang hat es gedauert?«

»Ziemlich lange. Ich bin sogar einmal aufgestanden und hab mit der Faust auf den Boden geschlagen.«

»War es danach still?«

»Nein. Das Tocken hörte einfach nicht auf. Wer läuft denn nachts in hochhackigen Schuhen herum?«

»War es in der ganzen Wohnung oder nur im Zimmer unter Ihnen?«

»Nur im Schlafzimmer, glaube ich.«

»Ansonsten haben Sie nichts gehört? Keine Schreie?«

»Nein.« Gintner blickte ihn an. Er wirkte sichtlich mitgenommen. »Und die Frau ist wirklich ermordet worden?«

»Ja.«

»Was ist mit dem Jungen?«

»Man kümmert sich gerade um ihn.« Trojan machte eine Pause. »Weiter. Was ist Ihnen noch aufgefallen?«

»Nichts. Ich muss wohl wieder eingeschlafen sein.«

»Die knallenden Absätze haben Sie also geweckt?«

»Ja.«

»Sie standen auf, hämmerten mit der Faust auf den Boden, aber es folgte keine Reaktion?«

»So ist es.«

Abermals entstand eine Pause.

»Leben Sie eigentlich allein?«

Gintner nickte schwach.

Trojan beäugte ihn. Komischer Kauz, dachte er, schätzungsweise Mitte fünfzig. Der Mann wirkte sonderbar, regelrecht verdruckst auf ihn. Er beschloss, ihn später ausführlicher zu vernehmen, und gab ihm seine Karte.

»Halten Sie sich zu weiteren Befragungen bereit. Und rufen Sie mich sofort an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.«

Danach verließ er die Wohnung.

Zurück im Schlafzimmer von Beatrice Weiler, betrachtete er nachdenklich die Absatzspuren auf dem Parkettboden. Daraufhin fiel sein Blick erneut auf die Tote, auf die Einstichstellen in der Brust und ihre aufgeschlitzte linke Fußsohle.

Er zückte sein Notizbuch und einen Stift und skizzierte die merkwürdige Form, in der die Haut der Sohle vom Täter aufgeritzt worden war.

Stefanie kam zu ihm und erkundigte sich nach seinem Gespräch mit Sebastian Weiler. Trojan berichtete ihr von seinen Worten und dem plötzlichen Zusammenbruch.

Sie rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Der Junge hat Entsetzliches durchgemacht.«

»Ja. Wir müssen abwarten, bis sich sein Zustand stabilisiert hat.«

Stefanie schaute auf die aufgeschlagene Seite seines Notizbuchs.

Nils tippte mit der Spitze seines Kugelschreibers darauf. »Was meinst du? Diese Schnitte. Wurden sie vom Täter impulsiv ausgeführt, oder folgte er einem bestimmten Muster? Haben sie eine besondere Bedeutung für ihn?«

Stefanie verglich seine Skizze mit der Wunde auf dem Fuß.

»Du meinst, es könnte ein Zeichen sein?«

Trojan nickte. »Auf mich wirkt die Anordnung der Schnitte planvoll. Als beabsichtige er etwas damit. Ähnlich wie das Bild des Schmetterlings.«

»Wir sollten deine Skizze mit der Datenbank abgleichen. Vielleicht ist das Zeichen ja schon mal irgendwo aufgetaucht.«

»Das war auch meine Idee.«

Trojan inspizierte noch einmal gründlich die Einschnitte in der linken Fußsohle.

In seiner Wahrnehmung ergaben sie ein Z, darunter, leicht links versetzt, ein Kreuz. Am Fuße des Kreuzes ein spiegelverkehrtes E sowie ein gespiegeltes und auf dem Kopf stehendes L.

Schließlich klappte er sein Notizbuch zu und erzählte Stefanie, was der Nachbar im ersten Obergeschoss ausgesagt hatte.

Mein Vater hat sich schnell über das Verschwinden meiner Mutter hinweggetröstet. Es kamen andere Frauen zu ihm. Sie waren sogar jünger als sie. Keine Ahnung, wie er es schaffte, sie in unsere Souterrainwohnung zu locken. Ich denke, seine Masche war der marode Charme eines Trinkers, die Eloquenz des Möchtegern-Bohemiens – er lief in ausgebeulten dunklen Anzügen herum, den Schlips locker am Kragen, und zitierte Gedichte von Baudelaire, die niemand verstand. Der Rest bestand wohl aus einer gehörigen Portion Glück und dem von zu vielen Drinks benebelten Verstand langbeiniger Tresenkräfte aus zwielichtigen Bars, die er zu uns nach Hause schleppte.

Ich hörte spitze Schreie, wenn er sich mit einer seiner neuen Bekanntschaften im halb verwaisten Ehebett verkroch. Ich war nur ein paar Meter von ihrem obskuren Treiben entfernt. Bloß eine dünne Falttür trennte mein Zimmer vom Elternschlafzimmer, wir mussten mit wenigen Quadratmetern auskommen. So wurde ich Ohrenzeuge seiner nie versiegenden Gier.

Die Falttür war das Tor zu einer mir noch fremden Welt. Ich ahnte lediglich, dass dahinter die Praktiken aus seiner umfangreichen DVD-Sammlung wiederholt wurden. Die Internet-Pornografie war zu meinem Vater noch nicht vorgedrungen, in diesem Sinne war er ein altmodischer Sammler. Er ließ die Hüllen seiner Lieblingsfilme gerne offen herumliegen, so dass ich die Coverbilder studieren konnte. Er war zwar geizig und in seinem Trinkerzorn unberechenbar, aber was die Filme betraf, hatte er eine großzügige Ader, und so durfte ich mir alles ansehen, was er im Laufe seines Lebens angehäuft hatte.

Zu seiner Entschuldigung muss ich sagen, dass sein Filminteresse nicht einseitig war. Neben Low-Budget-Produktionen mit verstörendem und zum Teil indiziertem Inhalt fand ich wahre Klassiker von Truffaut und Godard, Scorsese und Cassavetes. Auch ein paar Filme mit Marilyn Monroe aus den Fünfzigerjahren waren dabei, darunter Niagara. Das waren die Filme, die mich wirklich interessierten, nicht der Schund aus der Sammlung, sondern die Perlen. Zwei Seiten meines Vaters, die ich in meinem Kopf nie zusammenbringen konnte.

Niagara habe ich mir in dem zerknautschten Sessel meines Jugendzimmers an die hundert Mal angesehen. Es ist ein Thriller. Film noir. Dazu Monroes erotische Ausstrahlung als Femme fatale vor der grandiosen Kulisse der Niagarafälle. Zugegeben, ihr Aussehen entspricht nicht mehr dem Ideal von heute, aber es gibt eine Szene in dem Film, die ich immer und immer wieder in Zeitlupe ablaufen ließ: Marilyns betörender Hüftschwung beim Gehen auf hohen Absätzen, ein kurzer Gang, vielleicht gerade mal fünfunddreißig Meter, ihr Weg über die Straße hin zu den rauschenden Niagarafällen. »Wie macht sie das nur?«, fragte ich mich, stoppte den Film und ließ ihn gleich darauf weiterlaufen; ich spulte nervös vor und wieder zurück.

Ihre Bewegungen auf den hochhackigen Schuhen lassen sie einerseits mädchenhaft fragil erscheinen, andererseits rotiert sie mit den Hüften, so lasziv und bezaubernd, dass es dir den Atem nimmt. Eine Sequenz von erhabener Schönheit. Ich war von dem Anblick gerührt, verspürte aber auch eine Melancholie, die ich mir kaum eingestehen wollte. Vermutlich hatte sie mit dem Verschwinden meiner Mutter zu tun.

Einmal platzte mein Vater herein, als ich mir die Szene anschaute.

Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu mir, was mir nicht recht war. Gemeinsam betrachteten wir, wie die Monroe über die Straße stöckelte.

Plötzlich streckte er die Hand aus und tippte auf den Bildschirm: »Der linke Absatz ist kürzer als der rechte.«

Ich sah ihn verblüfft an.

»Kannst du mir glauben, Sohn, sie hat ihn sich kürzen lassen. Ist ihr verdammter Schauspielerin-Trick. Das macht ihren Gang unsicher, so kriegt sie aber auch den gewissen Schwung ihres Beckens hin.«

Es war mir peinlich, mit ihm zusammen auf Marilyn Monroes Hintern zu starren, doch wahrscheinlich hatte er recht. Das Geheimnis ihrer Show lag in dem gekürzten Absatz.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als ich eines Nachmittags die Feile aus seinem Werkzeugkasten nahm. Ich zog den Gummipfropfen vom linken Absatz der gestohlenen High Heels und bearbeitete die Spitze damit. Natürlich dachte ich dabei an Marilyn Monroe und ein klein wenig auch an meine Mutter. Letztlich aber war es eine Tätigkeit, um mir die Langeweile an einem verregneten Nachmittag zu vertreiben, während mein Vater hinter der Falttür mit einer neuen Bekanntschaft zugange war.

Überhaupt beschäftigte ich mich oft mit den Schuhen aus meiner geheimen Plastiktüte. Ich saß in meinem Sessel unter dem Fenster im Souterrain und bewunderte sie. Manchmal gingen draußen Frauen vorbei, dann blickte ich auf und betrachtete ihre Beine. Mein verschmähtes Geburtstagsgeschenk in den Händen, vernahm ich von oben auf der Straße das sehnsüchtige Knallen der Absätze.

Kla-klack, klock, klock-kla, klack-klack.

Das war die Musik meiner Jugend.

Anfangs glaubte ich noch, meine Mutter würde zu uns zurückkehren, und es wären ihre Schritte, die sich von draußen näherten, doch irgendwann gab ich die Hoffnung auf. Und wenn ich nicht gerade zeichnete, meine Skizzenbücher mit neuen Bildern füllte – Zeichnen war etwas, das ich schon immer gut gekonnt hatte, meine Finger und die Farbstifte ergaben eine Einheit –, feilte ich an der linken Absatzspitze der Stilettos, den Gummipfropfen und die abgeriebenen Metallspäne im Schoß, und geriet ins Tagträumen.

»Was machst du da, Kleiner?«

Sie stand plötzlich neben mir. Die Falttür war geöffnet. Ich hatte sie nicht kommen hören.

Sie war die Neue meines Vaters, und sie hatte kaum was an. Bloß ein Shirt, das ihr halb über die Hüften reichte.

Ich wusste keine Antwort, brachte nur ein schiefes Lächeln zustande. Ich sah an ihren Beinen hoch, und sie grinste. Sie nahm mir die Schuhe aus der Hand und ließ prüfend die Finger darüber wandern.

»Todschick«, sagte sie und gab sie mir zurück.

Sie verschwand in der Küche, um die Gläser aufzufüllen, weißer Rum mit Cola, das bevorzugte Getränk meines Vaters.

»Willst du sie mal anziehen?«, fragte ich leise, als sie wieder in meinem Zimmer war.

Da kam es zum ersten Kontakt. Sie strich, die Gläser in der linken, mit der rechten Hand über meinen Kopf, ein elektrischer Impuls.

»Vielleicht ein andermal, Süßer.«

Sie ging zurück zu meinem Vater. Die Falttür schloss sich hinter ihr.

Mein Zeigefinger befühlte die Spitze des Absatzes. Sie war scharf wie ein Messer.

FÜNF

Daniela lag auf dem Bauch. Sie konnte sich nicht bewegen. Etwas strich über ihre nackten Füße. Und das war ihr unangenehm.

Reflexartig zuckten ihre Zehen. Sie wollte sich umdrehen, doch es gelang ihr nicht. Sie hatte das Gefühl, als würde ein zentnerschweres Gewicht auf ihr lasten.

Wieder diese Berührung an ihren Füßen.

Weg, dachte sie, weg, weg, weg.

Erneut durchzuckte es sie, und ihre Zehen krümmten sich, während ihr Oberkörper und ihre Arme sich immer mehr versteiften. Sie vernahm ihre eigenen Atemgeräusche. Und den stampfenden Herzschlag.

Sie versuchte, alle Muskeln anzuspannen. Sich hochzustemmen. Doch die Last auf ihren Schultern war zu schwer.

Da riss sie die Augen auf. Sie sah den Boden, Umrisse ihres Bettes. Auf den Dielen leuchtete etwas. Hell, gleißend hell.

Daniela gab ein leises Stöhnen von sich. Ihre Lider flackerten.

Dunkle Wolken türmten sich vor ihr auf. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte sie ein Bild aus schillernden Farben, das sie nicht deuten konnte.

Das Licht blendete sie.

Sie hörte eine Abfolge von drei Tönen und erwachte.

Sie wälzte sich herum. Rang nach Luft. Schließlich realisierte sie, dass sie zu Hause war, in Sicherheit. Durch die Ritzen der Vorhänge brach das Morgenlicht herein.

Das Display ihres Smartphones leuchtete auf. Sie hatte eine SMS bekommen. Davon also war sie wach geworden.

Sie las die Nachricht.

Guten Morgen, du Schöne. Hast du gut geschlafen?C.

Christopher. Daniela war zwar noch ein wenig benommen von dem Albdruck ihres Traums, doch unwillkürlich musste sie lächeln.

Wie es wohl wäre, neben ihm aufzuwachen? Endlich nicht mehr allein zu sein? Wieder einen Freund zu haben, einen Gefährten? Vielleicht würde er in diesem Moment aufstehen, um ihr den Kaffee ans Bett zu bringen.

Sie könnte ihm erzählen, weshalb sie so unruhig geschlafen hatte. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, so viel hatte sie schon herausgefunden.

Wenn sie jemanden wie ihn an ihrer Seite hätte, würden die Angstträume vielleicht gar nicht mehr auftauchen.

Zumindest könnte sie sich einmal alles von der Seele reden.

»Christopher«, würde sie sagen, »seit einiger Zeit träume ich immer davon, dass …« Ja, wovon eigentlich?

Ich kann mich nicht rühren. Etwas ist an meinen Füßen. Ich weiß nicht, was. Und dann entdecke ich dieses Zeichen. Es ist gleißend hell.

Er würde sie tröstend in den Arm nehmen.

Christopher hatte schöne Hände. Wohlgeformt und feingliedrig. Manchmal, wenn er sprach, sah sie nur auf seine langen Finger und die gepflegten Nägel mit den weißen Halbmonden darauf. Dazu der Klang seiner warmen, sanften Stimme. Zuweilen war ihr, als legte sich eine leise Musik unter seine Worte, die er mit den Händen dirigierte und die etwas in ihr zum Schwingen brachte.

Ja, er würde sie trösten, und die Angst würde sich verflüchtigen. Für immer.

Es war an der Zeit, sich wieder auf jemanden einzulassen. Ihre letzte feste Beziehung lag nun schon mehr als ein Jahr zurück.

Daniela erhob sich, zog die Vorhänge auf, öffnete das Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Das Laub der Bäume war von einem zarten, hellen Frühlingsgrün. Spatzen und Meisen lärmten im Geäst. Sie sog die Luft ein. Allmählich begann die Lindenblüte und versorgte die Stadt mit ihrem seifigen Duft.

Daniela liebte diese Jahreszeit. Alles war so frisch und neu und aufregend.

Guten Morgen, du Schöne.

Es war lange her, dass ihr jemand eine so charmante SMS geschickt hatte.

Sie ging zum Nachttisch, nahm das Smartphone in die Hand, legte es aber gleich wieder weg. Nicht zu schnell antworten, dachte sie. Ihn ein bisschen zappeln lassen.

Unter der Dusche hörte sie sich leise summen. Verliebt im Mai, dachte sie, was für eine perfekte Kombination.

Zumal sie ein schwieriges Jahr hinter sich hatte. Die Trennung von ihrem letzten Freund war äußerst schmerzhaft verlaufen. Tränen, Zornesausbrüche, Versöhnungen, mehrere Versuche einer Wiederannäherung und schließlich das endgültige Aus, gefolgt von Verbitterung, Trauer und Wut.

Finn war ein Typ, der zwar überaus leidenschaftlich und mitreißend sein konnte, aber ein Leben mit ihm hieß auch, immerzu auf der Überholspur zu sein. Und letztlich hatte sie es mit einem großen Kind zu tun gehabt.

Christopher war anders. Viel reifer, besonnener. Ruhig und vertrauensvoll. Ja, mit ihm konnte man sich Zeit lassen.

Und doch sollte endlich mehr passieren. Das größte Ereignis bisher war ein flüchtiger Kuss an einer Tramhaltestelle gewesen, irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain, zwischen vier und fünf Uhr morgens nach einer munter durchzechten Nacht.

Ein einziger Kuss. Aber heute eine vielversprechende SMS. Und der Frühling war noch jung.

Daniela zog sich an und kochte Kaffee.

Sie strich sich Marmelade auf ihr getoastetes Vollkornbrot, aß und trank, während das Handy griffbereit auf dem Küchentisch lag.

Doch erst nachdem sie ihren Teller und ihre Tasse abgespült hatte, tippte sie eine Antwort ein.

Danke, bin ausgeschlafen. Sehen wir uns heute Abend?

Sie drückte auf Senden. Wenig später, sie war schon in Jacke und Schuhen, um zur Uni zu fahren, kündigte eine Abfolge von drei Tönen seine Erwiderung an.

Gerne. Treffen wir uns um acht an der Oberbaumbrücke?

Daniela sendete ihm lächelnd ein »Okay« mit Smiley und verließ die Wohnung.

Sie nahm zwei Treppenstufen auf einmal und summte wieder die Melodie, die ihr schon unter der Dusche in den Sinn gekommen war. Sie überlegte kurz, zu welchem Song sie gehörte, bis es ihr einfiel. »Don’t Be So Shy« von der französischen Sängerin Imany, ein Track im Tropical-House-Style.

Sei nicht so schüchtern. Könnte mein persönlicher Frühjahrshit werden, dachte sie fröhlich.

Da der Postbote in ihrer Gegend schon recht früh kam, öffnete sie gewohnheitsgemäß ihren Briefkasten. Keine Post, nur ein zusammengefalteter Zettel lag darin. Sie zuckte mit den Schultern, vermutlich nur Werbung.

Doch als sie das Papier auffaltete und die in herkömmlicher Computerschrift in Großbuchstaben aufgedruckten Zeilen las, stutzte sie:

AMSIEBTENTAGWIRSTDUDASZEICHENLESENKÖNNEN.AMSIEBTENTAGWERDENDEINEAUGENENDLICHGEÖFFNETSEIN.

Kein Name darunter. Bloß diese zwei Sätze.

Am siebten Tag. Was hatte das zu bedeuten? Wer steckte ihr so etwas zu?

Sie knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in den Papierkorb, der sich unter den Briefkästen befand.

Draußen, auf dem Weg zur Bushaltestelle, hielt sie plötzlich inne.

Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie blickte zu Boden. Vor ihr auf dem Gehweg befanden sich kleine Zweige, sie waren zu einer eigentümlichen Form zusammengelegt.

Daniela stockte der Atem.

Diese Zweige ergaben exakt das Zeichen, das sie in ihrem Albtraum gesehen hatte, leuchtend hell vor ihrem Bett.

Das Zeichen, das sie in letzter Zeit so häufig in ihren unruhigen Nächten heimsuchte.

Ein Z, in der Mitte ein Kreuz, darunter ein spiegelverkehrtes E oder eine Drei. Und ein Buchstabe, der an ein auf dem Kopf stehendes L erinnerte, ebenfalls spiegelverkehrt.

Das konnte doch kein Zufall sein. Undenkbar, dass ein Windstoß die herabgewehten Zweige eines Baums ausgerechnet auf diese Weise verwirbelt hatte.

Nein. Jemand musste sie auf den Boden gelegt haben.

Nur für sie.

Aber wem hatte sie von ihren Träumen erzählt? Niemandem, soweit sie sich entsann.

Erschrocken blickte sie sich um.

SECHS

Es war Dienstag am frühen Morgen, als Trojan am Steuer seines Dienstwagens bei Rot über eine Kreuzung jagte. Er hatte das Blaulicht aufs Dach gesetzt und die Sirene eingeschaltet. Im halsbrecherischen Tempo manövrierte er sich durch den dichten Morgenverkehr.

Er war müde, seine Nerven waren überreizt, der Rücken schmerzte. Die Nacht hatte er im Kommissariat verbracht, davon gerade mal drei Stunden schlafend auf der Klappliege im Büro, im Anschluss an die letzte Sitzung mit Landsberg und dem Team, bei dem sie ihre bisher spärlichen Ermittlungsergebnisse zusammengetragen hatten. Der Chef war äußerst ungehalten gewesen. Die Reporter von der Boulevardpresse saßen ihnen im Nacken. Sie gierten nach Einzelheiten im Mordfall Beatrice Weiler. Angeblich belagerten sie bereits das Urbankrankenhaus, in das man ihren zwölfjährigen Jungen eingeliefert hatte.

Trojan war auf dem Weg zu ihm.

Während der Fahrt hatte er kurz versucht, seinen Vater anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass ihr wichtiges Gespräch lediglich aufgeschoben war, doch Richard Trojan hatte gar nicht erst abgehoben.

Er bog auf den Parkplatz der Klinik ein und sprang aus dem schwarzen BMW. Er machte einen Übertragungswagen vom Regionalfernsehen aus, wandte das Gesicht ab und eilte im Laufschritt in das Gebäude.

Die Stationsärztin, die er vorab über sein Kommen informiert hatte, erwartete ihn in einem Sprechzimmer im fünften Stockwerk. Sie stellte sich als Dr. Karlinger vor.

»Wie geht es dem Jungen?«, fragte Trojan.

»Besser. Ich denke, er kann heute im Laufe des Tages entlassen werden.«

»Wodurch wurde denn nun sein Zusammenbruch ausgelöst? War es allein der Schock?«

Dr. Karlinger wiegte den Kopf. »Nein. Im Blut und im Urin des Jungen fanden wir Spuren des Wirkstoffs Flunitrazepam. Es gehört zur Gruppe der Benzodiazepine.«

Trojan war das Betäubungsmittel bekannt. »Rohypnol also.«

»Ja. Im Volksmund auch K.-o.-Tropfen genannt.«

»Wurde der Junge etwa …?«

Dr. Karlinger fiel ihm sogleich ins Wort. »… zum Glück nicht. Keine Spuren sexuellen Missbrauchs. Und keinerlei Anzeichen von Gewaltanwendung.«

Trojan blickte sie nachdenklich an. Nach Semmlers vorläufigem Obduktionsbericht gab es auch bei der Mutter keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Sie war an den zahlreichen Stichverletzungen gestorben. Und das schätzungsweise um zwei Uhr morgens.

»Kann ihm das Rohypnol eigentlich auch durch eine Injektion verabreicht worden sein?«

»Denkbar ist es. Aber wir fanden keine Einstichstellen an seinem Körper, also können wir das eher ausschließen. Er muss es getrunken haben. Jedenfalls ist der Kreislauf des Jungen wieder stabil.«

»War sein Vater schon hier?«

Die Ärztin nickte. »Ja, er hat ihn in den frühen Morgenstunden besucht. Er muss noch ein paar berufliche Dinge klären, dann will er den Jungen gegen Mittag abholen. Von unserer Seite bestehen keine Bedenken.«