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Der Tote im Fleet E-Book

Boris Meyn

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Beschreibung

Hamburg 1847: Eines Nachts wird zwischen Rödingsmarkt und Nikolaikirche ein unbekannter toter Mann aus dem Fleet gezogen. Die einzige Spur: zwei Ziegelsteine im Gehrock des Toten. Bei seinen Recherchen stößt der Commissarius Bischop auf höchst verdächtige Machenschaften in der Hamburger Politik nach dem großen Brand 1842.

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Boris Meyn

Der Tote im Fleet

Ein historischer Kriminalroman

Informationen zum Buch

Hamburg 1847: Eines Nachts wird zwischen Rödingsmarkt und Nikolaikirche ein unbekannter toter Mann aus dem Fleet gezogen. Die einzige Spur: zwei Ziegelsteine im Gehrock des Toten. Bei seinen Recherchen stößt der Commissarius Bischop auf höchst verdächtige Machenschaften in der Hamburger Politik nach dem großen Brand 1842.

Informationen zum Autor

Boris Meyn, Jahrgang 1961, kennt sich als promovierter Kunst- und Bauhistoriker bestens in der Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg aus. Sein erster historischer Roman, «Der Tote im Fleet», avancierte in kurzer Zeit zum Bestseller. Mit seiner Familie lebt der Autor im ländlichen Ost-Holstein.

Weitere Veröffentlichungen

Die historischen Hamburg-Krimis

Der eiserne Wal

Die rote Stadt

Der blaue Tod

Die Schattenflotte

Die Lauenburg Krimis

Tod im Labyrinth

Der falsche Tod

Das Haus der Stille

sowie

Die Bilderjäger

Vorwort 

HAMBURG IM JAHRE 1847 – fünf Jahre nach dem großen Brand, dem ein Großteil der historischen Innenstadt zum Opfer fällt. Es ist die größte Katastrophe, welche die Stadt bis dahin erlebt hatte. Um einen raschen Wiederaufbau zu gewährleisten, wird eine Rat- und Bürgerdeputation sowie eine Technische Kommission eingesetzt, die bereits nach vier Monaten einen endgültigen Aufbauplan ausgearbeitet hat. Eine Voraussetzung für die Umsetzung dieses Wiederaufbauplans ist die Expropriation, die Enteignung der Bauflächen im Brandgebiet, weil die alte, teils mittelalterliche Parzellierung der innerstädtischen Grundstücke einer modernen Neustrukturierung im Wege steht. Ein großzügiges Straßennetz wird angelegt, Gasbeleuchtung und Kanalisation, Wasserversorgung und Feuerschutz halten Einzug in die Stadt. Die technische Modernisierung wird nach Plänen des englischen Ingenieurs William Lindley umgesetzt. 1845 werden Deputation und Kommission wieder aufgelöst; der Wiederaufbau aber ist erst 1848 so gut wie abgeschlossen.

HAMBURG 1847 – ein Jahr vor den März-Unruhen der bürgerlichen Revolution. Überall in Deutschland fordern aufgeklärte Bürger politische Mitbestimmung. In Hamburg steht diesem Mitspracherecht ein völlig veraltetes Regierungssystem im Weg, denn die Verfassung der Hansestadt stammt in ihren Grundzügen aus dem Jahre 1712.Seither wird die Staatsgewalt gemeinsam durch einen Rat (ab 1860 auch offiziell Senat genannt) und eine Erbgesessene Bürgerschaft getragen. An der Spitze steht der Rat als Kollegialorgan. Er wird aber (noch) nicht von der Bürgerschaft gewählt, sondern rekrutiert sich aus ratsfähigen, das heißt angesehenen Bürgerfamilien, meist Großkaufleuten, und ist mit einem lebenslänglichen Selbstergänzungsrecht ausgestattet. Die 32Mitglieder stellen die 4Bürgermeister, 24Ratsherren (Senatoren) und 4Syndici – der Großteil davon Juristen. Politische Mitbestimmung hat allein die Erbgesessene Bürgerschaft. Sie setzt sich aus den Gremien der 15Oberalten, der 45Diakone und 120Bürgern zusammen. Als erbgesessener Bürger gilt, wer einen Grundbesitz vorweisen kann, der sich, nach Abzug aller Schulden, auf einen Wert von mehr als 3000Mark beläuft. Diese Bedingung erfüllen ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung. In den Mauern der Stadt leben schätzungsweise 100000 erwachsene Menschen – sechzig Prozent davon am Rande des Existenzminimums.

Die Grundzüge der Verfassung von 1712 behalten auch für die verfassunggebenden Versammlungen zwischen 1848 und 1850 ihre Gültigkeit. Erst 1859/​60 wird eine neue Verfassung verabschiedet, die ihrerseits bis 1918 in Kraft bleibt. Ebenfalls festgehalten wird an der bis 1860/​61 geltenden Torsperre der Stadt – ein anachronistisches Überbleibsel, mit dem die handwerklichen Ämter und kaufmännischen Interessenverbände ihre Privilegien gegenüber dem Umland verteidigen. Einige Modernisierungen erfährt der Hamburger Staatsapparat nach der französischen Besatzung, die 1814 endet. Das betrifft etwa die Deputationen – sinngemäß Vorläufer heutiger Behörden. So löst etwa die Hafen- und Schifffahrt-Deputation die historische Hamburger Institution der Admiralität ab, der Polizeiapparat wird nach französischem Vorbild neu strukturiert und unter eine gemeinsame Verwaltung gestellt, wie auch andere Bereiche in übergeordneten Deputationen zusammengefasst werden. Es entstehen ein Gesundheitsrat und eine Baudeputation. In den Deputationen können Vorschläge ausgearbeitet werden, die dann dem Rat vorgelegt werden, der nach Zustimmung der Bürgerschaft das letzte Wort hat. Häufig sind die Vorsitzenden der Deputationen gleichzeitig Mitglieder des Rates oder der Bürgerschaft, so etwa in der Baudeputation, wo Senator Jenisch als Präses fungiert.

IM HAMBURG DES JAHRES 1847 gibt es ein demokratisches Mitspracherecht in der Bevölkerung also nicht. Die Bürger dürfen sich politisch nicht formieren oder Versammlungen abhalten. Parteien existieren ebenso wenig wie öffentliche Gremien. Die Presse unterliegt einer scharfen Zensur. Die einzige Möglichkeit, Reformansätze zu diskutieren und die politischen Interessen aller Bevölkerungsschichten zu kanalisieren, bietet die Mitgliedschaft in einem der zahllosen Vereine, die dadurch zu einem entscheidenden politischen Faktor und zur Keimzelle gesellschaftlicher Reformen werden. Reformbestreben geht auch von der Patriotischen Gesellschaft aus. 1765 wird sie von Hamburger Kaufleuten, Juristen und Wissenschaftlern als Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und des nützlichen Gewerbes gegründet. Bereits 1843 legt sie einen Bericht der von ihr eingesetzten Kommission zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Schulreform vor. Die darin aufgestellten Forderungen werden vom Senat als «Anmaßung» abgelehnt. In der Satzung der «Gesellschaft» wird verankert, «das Gemeinwohl zu fördern und Industrie und Gewerbe der Vaterstadt zu heben». So gehen unter anderem die erste Gewerbeschule, die erste Lebensversicherung und die erste Sparkasse in Europa auf Initiative und Bestreben der «Gesellschaft» zurück. Auch hinsichtlich funktionaler Gestaltungsabsichten will man Zeichen setzen. So wird der 1847 eingeweihte Neubau der «Gesellschaft», in dem 1848 auch die verfassunggebende Versammlung der Bürgerschaft stattfindet, aus echtem, handwerklichem Material gebaut: Backstein. Bereits 1843, ein Jahr nach dem großen Brand, schreibt die Gesellschaft einen Wettbewerb zur Fabrizierung und Lieferung von Ziegelsteinen vorzüglicher Güte und Schönheit aus. Backstein gilt – zumindest einer Gruppe von Patrioten – als zeitgemäßer Baustoff.

HAMBURG 1847 – Im nächtlichen Schatten der Patriotischen Gesellschaft, deren Neubau an der Trostbrücke kurz vor der Einweihung steht, geschieht ein Verbrechen…

Der Tote im Fleet

Hendrik Bischop ging zügigen Schrittes über die alte Graskellerbrücke, bog links zum Rödingsmarkt ein und überquerte das enge Fleet der Görttwiete im nächtlichen Schatten der Kirchenbaustelle von St.Nicolai. Jenseits der Fleetbebauung zog es ihn hinab zu den steilen Ufertreppen, deren moderige Holzdalben an manchen Stellen nur knapp über dem Wasserspiegel lagen. Überspülungen zwangen ihn immer wieder hinauf zu den Deichwegen. Nur wenige Handbreit neben ihm neigten sich die hohen Giebel der alten Fachwerkhäuser wie gespenstische Riesen zur gegenüberliegenden Fleetseite. Ihre Fassaden wirkten noch unheimlicher, seit die Fensterhöhlen nur noch als schwarze Löcher im rissigen Mauerwerk klafften. Auch das Mondlicht, das im Brackwasser der Fleete tanzte, konnte sich darin nicht mehr spiegeln. Stattdessen gewährten sie nun Einblicke in die tote Kulisse der Fachwerkgerüste, die sich vor dem nächtlichen Himmel abzeichnete. Der Anblick dieser Gemäuer, die den Straßenzügen einst den Charakter bürgerlicher Selbstgewissheit verliehen hatten, erschien dem Commissarius wie ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Noch nie war er sich dessen so bewusst gewesen wie an diesem Abend. Fröstelnd zog er seinen Mantel enger um die Schultern. Ein eisiger Wind kündigte den nahen Winter an.

Ein Bote hatte ihn zu fast nächtlicher Stunde über den Fund informiert, und augenblicklich war er aufgebrochen. Nun zog es ihn auf kürzestem Wege zum Fundort, vorbei an den Rudimenten des städtischen Bürgerstolzes, den verkohlten Resten der Speicher und Kaufmannshäuser zwischen Spital und Holzhafen. Der erdige Brandgeruch war immer noch gegenwärtig. Hendrik Bischop hatte sich schon so daran gewöhnt, dass seine Nase die morastartigen Ausdünstungen des brachliegenden und mit Kot und Abfällen vermengten Fleetschlicks und jenen süßlichen Geruch verbrannter Kultur nicht mehr auseinander halten konnte. Tagsüber fiel es dagegen leicht, die verbliebenen Reste städtischer Tradition von den Wahrzeichen des Wiederaufbaus zu unterscheiden; der Glanz des Neuen verbot, über die Lethargie der letzten Jahre zu berichten. Es sollte nichts bleiben, wie es gewesen war. Man hatte einen Engländer geholt, der die Stadt quasi aus ihrem Inneren heraus umkrempeln sollte. Als der Commissarius die Trostbrücke erreichte, hatte der nächste Tag bereits begonnen.

Man hatte dem Toten einen Strick um das Fußgelenk gebunden und versucht, ihn über die Brüstung hinaufzuziehen. Nun hing er kopfüber zwischen Brückenbogen und Fleet. Der herabgerutschte Gehrock verdeckte Kopf und Schultern, und die Aufschläge berührten die Wasseroberfläche, sodass die menschliche Silhouette zur Hälfte verborgen blieb. Gut ein Dutzend Schaulustiger hatte sich im Licht der Laternen versammelt und beobachtete die Szene in stummem Entsetzen. Erst die schaukelnden Boote der Fleetenkieker, die sich zwischen den ausgestellten Staken aneinander rieben, brachte wieder Leben in die Menge. Ruhig und konzentriert arbeiteten die Männer, bis der leblose Körper auf das Straßenpflaster der Brücke fiel. Im flackernden Licht der Fackeln und Laternen schien er sich noch zu bewegen.

«Ertrunken?», fragte der Commissarius und beendete das neugierige Schweigen der Umherstehenden.

Man befreite den leblosen Körper von seinem nun vollends verknoteten Gehrock und reinigte sein Gesicht vom klebrigen Dreck der städtischen Abfallstraße, um zumindest einen flüchtigen Blick auf den Unglücklichen werfen zu können.

«Wohl mehr ein bisschen ertränkt», präzisierte Conrad Roever, zerrte zwei große Mauersteine aus den Taschen des Toten und sah Hendrik bedeutungsvoll an. Amtsmedicus Roever war als Erster am Tatort zugegen gewesen. «Oder erschlagen», korrigierte er.

Dunkles Blut quoll zwischen den verklebten Haaren des Toten hervor, als er von kräftig zupackenden Händen auf den Leiterwagen gezogen wurde.

«Fahrt den Karren in die Leichenhalle; bei Tage werden wir sehen.» Medicus Roever vermied es, seinem Freund Hendrik Bischop im Rahmen dieser Amtshandlung die Hand zu reichen. «Der Dritte diese Woche. Aber er sieht anders aus, kein Vagabund. Die Kleidung ist vornehm.»

«Hat er irgendwelche Papiere bei sich?», fragte Bischop.

«Nein, Geldstücke, nicht sehr viele, und ein Messer. Aber schaut die Hände», erwiderte der Mediziner und deutete auf die prankengroßen und mit kräftiger Hornhaut überzogenen Handflächen, die in augenfälligem Kontrast zu dem feinen Tuch der nun schlammgetränkten Kleidung standen.

Bischop beugte sich auffordernd über die Brüstung und rief nach unten: «Wer hat ihn gefunden?»

«Ich habe ihn mit einer Stake getroffen! Er steckte im Schlick», rief ein junger Fleetenkieker zurück und zuckte mit den Schultern, als wenn ihn der Vorfall gänzlich unberührt ließe.

«Irgendwelche Schweinereien finden sie immer», murmelte der Nachtwächter, der gespannt zugeschaut hatte. «Manchmal fällt es schwer, Tier und Mensch auseinander zu halten.»

«Können wir weiter?», rief einer der Fleetenkieker. «Die Kähne sitzen sonst fest! Das Niedrigwasser setzt schon ein.»

Der Commissarius nickte. «Aber findet euch mittags auf der Station ein!», rief er. «Wegen dem Protokoll!» Dann sah er auf die entfernt aufragende Turmuhr von St.Catharinen, notierte die Uhrzeit und steckte den Zettel in sein Notizbuch. «Und stellen Sie bitte fest, ob die Wunde an seinem Kopf von der Stake stammt», bat er Roever, wobei seine Amtsmiene augenblicklich einem freundschaftlichen Ausdruck wich.

Conrad Roever nickte knapp. Ihrer beider Arbeitstag hatte früh begonnen.

Die eisenbeschlagenen Holzräder des schmalen Karrens, auf dem die Leiche lag, setzten sich in Bewegung, und mit dem schmirgelnden Geräusch aufgeriebener Pflastersteine löste sich auch die Menschenmenge im Schein ihrer Laternen auf.

Hendrik Bischop hätte sich auf den Heimweg machen sollen, doch die Stimmung der nun einsetzenden Morgendämmerung hatte ihn schon immer magisch angezogen. Er hasste die Nacht, denn er kannte alle ihre Nuancen nur zu gut. Wenn er gerufen wurde, war es stets Nacht. Nachdenklich stützte er sich auf das Brückengeländer. Gerade an diesem Ort war der Wechsel von Alt und Neu wie an keiner anderen Stelle erfahrbar. Er blickte auf das fast fertig gestellte Haus der «Gesellschaft», dessen Mauern dicht neben ihm in den morgendlichen Himmel ragten. Es fehlte der Glanz des Neuen, und doch mochte er die düstere Form, die ihn an das in weiten Bereichen noch nachvollziehbare mittelalterliche Stadtgefüge erinnerte. Seine Hand zeichnete die burgartigen Formen der hohen Mauerflächen nach. Gleichsam trat er in einen stillen Dialog mit einem steinernen Zeugen.

Die ganze Stadt erneuerte sich. Überall lagen zwischen den spärlichen Resten der alten Gebäude jetzt große brachliegende Flächen– Bauland, in das neue, gerade Straßenzüge eingezeichnet waren. Allenortes entstanden strahlende Neubauten, die das düstere, natürlich gewachsene Viertel der Gänge und Gassen nach und nach verdrängten. Ebenso Reinheit, Sauberkeit und Glanz. Trotzdem wünschte sich Hendrik Bischop seine alte Stadt zurück, seine ihm bekannten Wege und Abkürzungen, die Pinten und Spelunken, vor deren Türen und Fenstern er stets versucht hatte, das aufgebrachte Kauderwelsch fremder Handelsfahrer den Nationalitäten der im Hafenbecken verweilenden Schiffe zuzuordnen. Alles sollte sich ändern. Er blickte noch einmal zum Gebäude der «Gesellschaft» auf; es hatte etwas, nach dem er sich sehnte.

Als die ersten schwachen Sonnenstrahlen den verbliebenen Rest des verkohlten Turmschaftes von St.Petri erreichten, schwenkte der Commissarius um das kleine Alsterbecken in Richtung Arkaden. Sein Blick fiel auf den gewaltigen Neubau der Stadtpost. Noch standen sie still, die Zeiger des Telegrafen hoch oben an der vermeintlichen Turmuhr, aber bald würden sie dem gemächlichen Treiben auf den Straßen ein Ende bereiten; die neue Zeit erfasste auch den Rhythmus des täglichen Lebens. Hendrik Bischop flüchtete in den Tag und ging raschen Schrittes nach Hause.

Seine Schwester Amalie hatte ihm Kaffee und Milch aufgesetzt. Ihre Garderobe verriet ihm, dass sie auf ihn gewartet hatte – wie eine besorgte Mutter auf ihren Sohn. Ihr Gesichtsausdruck ließ auf den ersten Blick keine Sorgen erkennen, dennoch wusste Hendrik, dass sie nach seinem nächtlichen Aufbruch keinen Augenblick Schlaf gefunden hatte. Die Wohnung war bis in den letzten Winkel aufgeräumt. Sein achtlos beiseite gelegter Nachtrock war liebevoll zusammengefaltet und über das frisch bezogene Bett in seiner Schlafkammer drapiert. Selbst die Fransen des Teppichs in der Diele waren gekämmt, als stünde ein sonntäglicher Empfang bevor. Natürlich war ihm der pedantische Ordnungssinn seiner um drei Jahre älteren Schwester durch das gemeinsame Zusammenleben bestens vertraut, aber wenn sie begann, zu nächtlicher Stunde bei Kerzenschein die Wohnung zu putzen, empfand er ihn doch als zwanghaft.

Amalie hatte ihm eine Schüssel und einen Krug mit heißem Wasser ins Zimmer gestellt. Im Spiegel beobachtete er, wie seine markanten Gesichtszüge langsam bis auf die spitze Nase und die stets wachen hellgrauen Augen unter dem weißen Schaum der Seife verschwanden. Aber so sehr er auch versuchte, sich zu entspannen, die tiefen Falten auf seiner Stirn wollten nicht verschwinden. Es waren nicht nur Zeugen einer langen Nacht, sondern die Spuren von 25Jahren Polizeidienst. Mit jedem Messerzug näherte Hendrik sich der Erkenntnis, es müsse sich etwas ändern, aber eine rechte Perspektive wollte sich ihm nicht auftun. Seit fünf Jahren war Helena tot. Fünf Jahre schon lebte er nun mit seiner Schwester zusammen, die ihn bemutterte wie ein unselbständiges Kind; dabei hatte er vor einem Monat seinen 45.Geburtstag gefeiert.

Wortlos verbrachte er die wenigen Stunden ohne Schlaf, bis er sich eine frische Dienstuniform anzog und das Haus verließ. Seine Schwester wusste, dass es wenig Sinn hatte, ihn nach den Geschehnissen der Nacht auszufragen. Er ordne seine Gedanken, war seine immer währende Antwort. Sie ertrug es und hatte aufgehört zu fragen, wiewohl sie wusste, dass jeder seiner nächtlichen Gänge durch die Reste der verbrannten Stadt die Wunden stets von neuem aufriss und den Schmerz über Helenas Tod neu belebte. Erst wenn die Überreste der alten Stadt abgetragen waren, glaubte sie, würde er die Geschehnisse jener Nacht akzeptieren und zu sich zurückfinden.

Es war weniger das dienstliche Pflichtbewusstsein des Polizisten als vielmehr die Suche nach dem Warum, was ihn trieb. Als die Flammen sich gelegt hatten, war er tagelang durch die Trümmer geirrt und hatte seine Frau gesucht. Bis zum heutigen Tag hatte er nicht herausfinden können, was mit Helena geschehen war. Das Feuer war in der Nacht vom 5.Mai 1842 irgendwo in der Deichstraße ausgebrochen und hatte sich, angefacht von starkem Wind, durch die Hamburger Altstadt gefressen, dann entlang der Alster und immer weiter bis zum östlichen Wallring. Insgesamt war ein Viertel der Stadt den Flammen zum Opfer gefallen. Über 2000Häuser und Buden, Sähle und Speicher, zudem die alten Kirchspiele St.Petri, St.Nikolai und die St.-Gertruden-Kapelle wurden vernichtet. Das alte Zentrum der Stadt, rund um die Trostbrücke, existierte nicht mehr. Mehr als 20000Menschen waren obdachlos geworden. Es war die schlimmste Katastrophe, welche die Stadt jemals heimgesucht hatte.

«Habt ihr schon etwas herausgefunden?», war die erste Frage des Commissarius an die ihm zugeteilten Inspektoren, noch bevor er sein Dienstzimmer in der Polizeistation betrat. Flur und Vorzimmer waren, wie jeden Morgen, von einer bunten Menschenansammlung blockiert. Alles redete durcheinander. Hier und dort versuchte ein Amtmann, mit autoritärer Miene für Ruhe zu sorgen, was aufgrund der vielfältigen Anliegen und ihrer vermeintlichen Dringlichkeit aber immer nur für kurze Momente gelang. Dabei hatte die Polizei so schon genug zu tun. Vor wenigen Tagen erst waren zwei Vagabunden erschlagen worden, und die beiden Inspektoren hatten mit der Untersuchung der Todesumstände alle Hände voll zu tun, denn Commissarius Bischop hatte sich beharrlich geweigert, die Abschlussprotokolle zu unterschreiben.

Hartnäckig war er. Sein resolutes Auftreten und die erfolgreiche Bilanz der letzten Jahre sicherten ihm den Respekt seiner Vorgesetzten. Ausdauer und Erfolg waren ihm eigen. Er weigerte sich, einen Fall unaufgeklärt zu den Akten zu legen, auch wenn ihm, wie bei den offensichtlich ermordeten Vagabunden, nahe gelegt wurde, den Fall mangels öffentlichen Interesses möglichst rasch abzuschließen.

«Sie möchten bitte Medicus Roever aufsuchen», entgegnete ihm Johannes Schütz.

Schütz war einer von Bischops Zöglingen. Bereits als Anwärter hatte er ihn unter seine Fittiche genommen und ihm zu einer raschen Karriere innerhalb des Commissariats verholfen. Umso mehr freute es Bischop, dass ihm Schütz nun als Inspektor zur Seite gestellt worden war. Johannes Schütz war weniger ein rein «geistiger Arbeiter», wie der Commissarius unter seinen Kollegen genannt wurde. Sein Vorzug lag vielmehr darin, dass seine Erscheinung ein effizientes Arbeiten vor Ort ermöglichte. Allein schon seine körperlichen Ausmaße erleichterten ihm das Recherchieren im Milieu. Dabei mangelte es ihm keineswegs an geistigen Qualitäten. Auf die ihm eigene Art ermittelte er ganz im Sinne Bischops, ohne dass dieser ihn in besonderer Weise dazu anhalten musste.

Im Vorzimmer saßen die für das Protokoll vorgeladenen Fleetenkieker. Sie hatten versucht, ihre Kleidung der offiziellen Vorladung anzupassen. Hier auf der Polizeistation wirkten sie nun inmitten der bunten Mischung aus Dirnen, Tagelöhnern, Seeleuten und all denen, die während der letzten Nacht auf die eine oder andere Weise mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, wie sonntägliche Kirchgänger. Hendrik Bischop sah nicht die geringste Notwendigkeit, Personalien und Aussagen dieser armseligen, im Angesicht der staatlichen Obrigkeit verängstigten Gestalten aufzunehmen. Er blickte auf die Wartenden, die wie versteinert auf der hölzernen Bank saßen. Ihre Silhouette zeichnete eine exakte Schattenlinie auf die unverputzte Wand des Vorzimmers.

Noch einmal kamen dem Commissarius für Sekunden die Bilder der letzten Nacht vor Augen, als ihm die Fleetenkieker in ihrer sicheren Distanz zum Geschehen wie anteilnahmslose Zeugen vorgekommen waren, und plötzlich verfinsterte sich seine Miene, denn eines hätte ihm bereits nachts auffallen müssen. Die Mauersteine im Gehrock des Toten waren nicht rußgeschwärzt. Sie hatten noch die scharfen Kanten unverbauter Ziegel. Als Medicus Roever die Steine herausgezogen hatte, war der Rock sogar eingerissen. Wo waren die Steine jetzt?

Mit einer abrupten Bewegung kehrte der Commissarius wieder in die Gegenwart zurück und beauftragte Polizeiinspektor Voss mit der Vernehmung der Zeugen.

Ganz im Gegensatz zu Bischop empfand Henning Voss die tägliche Schreibarbeit nicht als notwendiges Übel des Polizeidienstes. Mit amtlicher Miene streifte er die Ärmelschoner über, schnitt eine Kielfeder an und war während der Protokollarbeit ganz Secretarius, wie er es von seinem Vater, einem Buchhalter in der städtischen Finanzdeputation, gelernt hatte. Mit jedem Eintauchen der Feder in das Tintenfass erhob er wie beiläufig den Kopf, und mit einem herablassenden «So, so» versuchte er, sich mehr als den nötigen Respekt zu verschaffen.

Hendrik Bischop wusste nicht viel mit Voss anzufangen, aber zumindest hielt Voss die lästige Verwaltungsarbeit von ihm fern. Für das Protokoll hatte ihm Bischop, bevor er das Commissariat verließ, den entsprechenden Ordner überreicht. Voss ließ die Fleetenkieker in seine Amtsstube hereinbitten und schlug, ohne den Blick auf die Zeugen zu richten, den Ordner auf. Darin befand sich zu seiner Verwunderung nur ein kleiner Zettel mit der Notiz: 28.Oktober 1847, St.Catharinen, vier Uhr in der Früh.

Als Hendrik Bischop die städtische Leichenhalle erreichte, war es bereits später Mittag. Im Keller hatte Conrad Roever seine Untersuchungsräume: zwei weiß gekalkte, im unteren Viertel gekachelte Zimmer von der Größe eines bürgerlichen Speiseraumes, «meine Kannibalenküche», wie der Amtsmedicus sie scherzhaft nannte. In der Mitte stand der große Untersuchungstisch, eisenbeschlagen mit einer Ablaufrinne; ringsherum Regale mit martialischen Werkzeugen unterschiedlichster Art, dazu unzählige Flaschen und Behältnisse mit geheimnisvollem Inhalt hinter lateinisch beschrifteten Etiketten: Kostproben menschlicher Überreste, mit denen der Arzt die Ursachen des Ablebens näher zu ergründen versuchte.

Commissarius Bischop hatte aufgrund eines zwei Jahre zurückliegenden Giftmordes für die versuchsweise Einrichtung einer solchen Institution gekämpft, nachdem ihn der Freund von der Notwendigkeit kriminalmedizinischer Aufklärung überzeugt hatte. Mit einem kleinen Pulverfläschchen war Bischop damals zu ihm gekommen und hatte ihn um Amtshilfe gebeten. Über die Jahre der Zusammenarbeit verfestigte sich ihre Freundschaft ebenso wie das kriminalistische Gespür, welches den beiden eigen war. Dabei ergänzten sich Rationalismus des einen und Humanismus des anderen als konstruktive Antipoden im Dienste der Aufklärung.

«Guten Tag, Conrad!» Hendrik Bischop ließ die Kellertür ins Schloss fallen und ging zügigen Schrittes und ganz außer Atem auf Roever zu.

Jener stand mit einer schweren, grauen Schürze bekleidet inmitten des Raumes. Unter einer Gaslaterne bildete sich ein kreisrunder Lichtkegel, in dessen Aura sich die Gestalt des Arztes Ehrfurcht gebietend abzeichnete.

«Guten Tag, Hendrik. Hast du schlafen können? Du siehst müde aus.»

Der Blick des Commissarius wanderte suchend durch die Regale und Ablagen. «Nein, geschlafen habe ich nicht. Die Steine gingen mir nicht aus dem Kopf. Was hast du herausgefunden?»

«Die Wunde im Nacken stammt nicht von der Stake», stellte der Arzt fest.

«Und die Steine?»

«Sie liegen dort in der Kiste. Falls jemand die Absicht hatte, die Leiche damit zu beschweren, muss er ein ziemlicher Dummkopf gewesen sein, denn sie reichen natürlich nicht aus, um einen schweren Körper unter Wasser zu halten.»

Hendrik Bischop griff zu den Ziegeln. Es waren schwere, gepresste Steine mit scharfen Gratresten.

«Die Verletzung ist sehr untypisch. Wie von einem stumpfen Messer; aber es ist nicht bis zum Halswirbel eingedrungen. Daneben ist ein spitzer Einstich auszumachen, der…»

«Conrad, hör mir bitte zu! Die Steine weisen keinerlei Putz- oder Mörtelreste auf. Schau sie dir an! Sie sind wie neu. Und sie dienten nicht zum Beschweren der Leiche. Aber warum trägt jemand zwei Ziegelsteine in seinem Rock?» Er reichte dem Freund die Steine.

«Ach Hendrik, wie viele Ziegelsteine hast du in den letzten Jahren in der Stadt gefunden, sie umgedreht und nach Hinweisen abgesucht? Die ganze Stadt ist doch voll mit Ziegeln!»

«Trotzdem! Diese Steine sind neu. Schau dir die Farbe an!»

Conrad Roever nahm die Ziegelsteine und betrachtete sie unter der Laterne. Dann löschte er die Gaslaterne und trat an das Kellerfenster, durch das ein dünner Strahl vom Tageslicht hereindrang. Er drehte die Steine. Sie leuchteten in einem dunklen Rostbraun.

«Wo kommen die her? Ich habe Derartiges noch nicht gesehen. An einigen Stellen glänzt die Oberfläche wie Eisenerz.»

«Auch das Format ist anders als das in Hamburg übliche», fügte Hendrik der Feststellung des Freundes hinzu.

«Ich habe mich nie eingehend mit Mineralien beschäftigt, Hendrik. Wenn du willst, kann ich Clara die Steine zur Untersuchung in die Apotheke mitgeben. Sie freut sich sicher, wenn sie helfen kann. Aber was versprichst du dir davon?»

«Weiß ich noch nicht. Grundsätzlich kann jeder das in seinen Taschen haben, was er will», sagte Hendrik. «Wenn es ihm gehört», ergänzte er nach einer kurzen Pause. «Aber wenn er tot ist, sehe ich die Sache mit anderen Augen. Ich finde es einfach sonderbar, dass jemand Ziegelsteine in seinem Rock herumträgt.»

Conrad Roever musterte den Freund – und schwieg. Er wusste, dass es wenig Sinn hatte, Hendriks Gedankengänge erforschen zu wollen, wenn er an einem Fall arbeitete. Insbesondere dann nicht, wenn dieser Fall noch keinen Tag alt war. «Wie geht es deiner Schwester?», fragte er schließlich.

Hendrik streifte seine Dienstjacke ab, legte sie zusammengefaltet über den einzigen Stuhl im Raum und lehnte sich an eines der hohen Regale.

«Sie macht viel für mich. Aber ich werde den Eindruck nicht los, sie tut es nur aus Mitgefühl. Wir reden nicht viel.»

Conrad legte die Schürze ab und stellte sich mit verschränkten Armen vor den Freund.

«Hör auf, dich zu bemitleiden, Hendrik! Du kannst die Zeit nicht aufhalten. Helena ist seit fünf Jahren tot, und seit fünf Jahren entsteht ein neues Hamburg. Finde dich endlich damit ab, dass es ‹deine Stadt›, wie du sie immer genannt hast, nicht mehr gibt. Akzeptiere das Neue, es ist so schlecht nicht.»

In der Dunkelheit konnte Hendrik Conrads Gesicht nicht erkennen, aber er ahnte, dass der Blick des Freundes auf ihn gerichtet war. Langsam drehte er den Kopf zur Seite.

«Die neue Ordnung ist nur eine äußere. Im Herzen der Stadt und seiner Bürger hat sich nur wenig verändert.»

«Das Elend wird abnehmen.»

«Nein, es wird verdrängt!»

«So willst du es sehen.»

Hendrik drehte dem Medicus den Rücken zu und stützte sich auf das Regal.

«Du gehst durch die Straßen mit einer Perspektive des Gestrigen; so siehst du nur, was fehlt, nicht was entstanden ist», sagte Conrad.

«Ich sehe nicht, was fehlt», entgegnete Hendrik. «Ich frage mich, wo es geblieben ist, wohin es verdrängt wird. Die Menschen und Schicksale werden ja nicht neu gebaut. Es sind bloß Fassaden, die entstehen.»

Conrad zückte ein Streichholz und hielt es an den Docht einer kleinen Petroleumlampe. Der kurz auflodernden Flamme folgten dunkle Rußpartikel, die im flackernden Schein der Lampe zur Decke emporstiegen, dort ihre Richtung änderten und sich im Raum verteilten, um nach einer Weile als hauchdünner, ölig-klebriger Film an den Oberflächen aller Gegenstände im Raum haften zu bleiben.

«Und hinter den Fassaden», betonte Conrad, der das Flackern mit dem Aufstecken des Glaskolbens beruhigte, «entsteht ein bisschen mehr Lebensqualität.»

Hendrik kannte Conrads Gabe, gedankliche Zusammenhänge mit Hilfe anscheinend nebensächlicher Demonstrationen zu veranschaulichen. Nun aber war er sich nicht im Klaren, worauf Conrad es anlegte. Natürlich zog mit dem Neubau des abgebrannten Stadtteils ein Großteil moderner Errungenschaften zur Erleichterung des täglichen Lebens in die Häuser und Wohnungen ein: fließend Wasser, Abwasserentsorgung, Toiletten auf den Etagen, und eben auch Gasbeleuchtung, deren Vorzüge Conrad mit dem Entzünden einer alten Petroleumlampe soeben demonstriert hatte.

‹Und wer wird in dem Stadtteil wohnen›?, hätte Hendrik fragen können, aber er hatte seiner Skepsis schon deutlich genug Ausdruck verliehen. Vielmehr beschäftigte ihn, wie Conrad der lodernden Flamme mit dem Überstülpen des Kolbens eine Richtung gegeben hatte, sie kontrollieren und nach Bedarf regulieren konnte.

«Wann wirst du die Steine deiner Tochter mitgeben?», fragte Hendrik, griff nach seiner Jacke und wendete sich der Tür zu.

«Brauchst du einen Bericht? Sonst mach ich mich gleich auf den Weg», entgegnete der Mediziner.

«Voss wird darauf bestehen, du kennst ihn ja, ‹der Ordnung halber›.»

«Dann geh übermorgen zu ihr. Sie wird sich freuen, wenn du sie in der Apotheke besuchst. Grüße deine liebe Schwester von mir.»

Der Commissarius schloss die schwere Kellertür und entstieg dem Gewölbe. Das Tageslicht blendete ihn.

Seltsame Steine

Zwei Tage darauf machte sich Hendrik Bischop auf den Weg zur Apotheke, in der Conrads Tochter arbeitete. Hendrik kannte Clara Roever seit fast zwanzig Jahren. Inzwischen befand sich die einzige Tochter seines Freundes in den besten Frauenjahren, hatte sich ihren jugendlichen Teint und ihr kindliches Lachen aber über die Jahre bewahrt. Hingebungsvoll hatte ihr Vater sie allein großgezogen, da ihre Mutter bei der Geburt gestorben war. Sein bescheidenes Familienvermögen und sein Berufsstand ermöglichten es ihm, die nötige Zeit für die Erziehung des Kindes aufzubringen. Anfangs hatte ihm seine viel jüngere Cousine, eine Schwester von Hendriks Frau, geholfen, aber nach und nach hatte er die Erziehung des Kindes in seine eigenen Hände genommen, mit der Folge, dass sich Clara ganz entgegen der üblichen gesellschaftlichen Konventionen zu einer selbstbewussten Frau entwickelte. Ihre durch den Vater ermöglichte Bildung hatte bei ihr nicht allein ein Interesse an Literatur, Theater und Musik geweckt – nein, in erster Linie interessierte sie sich für die Naturwissenschaften. Aufgrund ihrer Fähigkeiten war sie für den mit ihrem Vater bekannten Apotheker Heinrich Semper mehr als eine angestellte Hilfskraft. Nachdem Semper die talentierte junge Frau in die Lehre genommen hatte, entwickelte sie sich mehr und mehr zu einer qualifizierten Assistentin und fungierte in der Apotheke durchaus nicht nur als ‹Verkaufsdame›, wie ihre Stellung offiziell bezeichnet wurde.

Hendrik hatte bei seinen Besuchen im Hause Roever wohl gemerkt, dass Clara ihn stets mit ehrfürchtigen und bewundernden Blicken anschaute. Doch obwohl diese Blicke durchaus etwas Verlangendes enthielten, so hielt Clara doch keuschen Abstand gegenüber dem väterlichen Freund und respektierte die Trauer, die Hendrik niemals abgelegt hatte. Er sprach stets von ‹wir›, und Clara wusste, dass es nicht seine Schwester war, die Hendrik in diesen intimen Plural mit einbezog. So bewahrte sie ihre Wünsche in abwartender Stille. Dennoch war Hendrik froh, dass sein Besuch unter dem Vorzeichen eines dienstlichen Anliegens stand.

Die Apotheke lag in der Großen Bäckerstraße; der Commissarius erreichte sie um die Mittagszeit. Auch hier hatte der Neubau der Stadt fast einen ganzen Straßenzug erfasst. Große Bögen spannten sich über den Schaufenstern der Geschäfte; wie Sockel leiteten sie zu den oberen Etagen über. Meistens waren es drei, manchmal auch vier Geschosse, die sich in regelmäßiger Flucht übereinander auftürmten. Ganz im Gegensatz zum alten Hamburger Stadtbild, in dem kunstvoll arrangierte Fachwerkgiebel oder solche aus fein stuckiertem Putz mit geschwungenen Voluten dominierten, standen die Häuser nun mit der Traufseite zur Straße hin ausgerichtet. Die einzelnen Geschosse wurden durch feine Gesimsbänder voneinander getrennt. Bei vielen Häusern lag noch ein Halbgeschoss am oberen Ende der Fassade, das für gewöhnlich die Räume des Personals, die der Dienstmädchen, Köchinnen oder anderer Hausangestellten beherbergte. Von der Straße aus waren die zumeist flach geneigten Dächer der Häuser nicht zu sehen. So boten die in strenger Symmetrie oder auch spiegelbildlich angeordneten Fassaden in ihrer scheinbaren Einheitlichkeit einen befremdlichen Eindruck, der die Vermutung hätte nahe legen können, ihre Besitzer hätten sie, einer stillschweigenden Übereinkunft gleich, in Absprache gestalten lassen.

Das Haus des Apothekers fiel allein dadurch aus dem Rahmen, dass seine oberen Wandflächen über und über mit feinstem Putz in Form italienisch anmutender Sgraffiti überzogen waren. Hendrik hatte derartige Fassaden bislang nur während seiner Hochzeitsreise in Venedig gesehen. Seine Frau war damals von diesem Wandschmuck so sehr angetan gewesen, dass sie eigens einen Stuckateur auf einer nahe ihrer Unterkunft gelegenen Baustelle besucht hatten, der ihnen detaillierten Einblick in seine Handwerkskunst gewährte. Für einen kurzen Moment sah er die sich wandelnde Stadtgestalt in einem anderen Licht. Dann stieg er die kleine Steintreppe empor und öffnete die gläserne Tür, die den Besucher mit kleinen Glockenschlägen ankündigte.

Clara empfing den Commissarius mit der ihr eigenen Zurückhaltung, verlieh ihrer Freude über Hendriks Besuch an ihrem Arbeitsplatz aber mit einem charmanten Lächeln Ausdruck. Sie trug einen spitzenumsäumten weißen Kittel, der ihre feingliedrige Gestalt dezent umhüllte. Ihr eigentlich schulterlanges, weißblondes Haar wurde von einer aufgestellten Haube bedeckt. In ihrer «Uniform», wie Clara ihre Arbeitskleidung nannte, wirkte sie auf Hendrik immer noch wie ein kleines Mädchen, das sie mit ihren 28Jahren jedoch längst nicht mehr war. Aber vor seinen Augen hatte sie nach wie vor diesen tänzelnden und unbeschwert-sorglosen Gang, der für gewöhnlich die Jugend vom reifen Alter unterschied. Fast schwebend bewegte sie sich auf ihn zu. Für einen kurzen Moment ertappte sich Hendrik dabei, wie er in Gedanken Claras zierlichen Körper unter ihrer unfreiwilligen Kostümierung nachzeichnete.

«Lieber Hendrik, wie schön! Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten?» Da sie allein im Raum standen, nutzte sie die Gelegenheit, ihn mit Vornamen anzureden, was ihn fast ein wenig verlegen machte. Bevor er antworten konnte, korrigierte sie die Anrede, da der Apotheker aus einem der hinteren Zimmer den Verkaufsraum betrat. «Darf ich dem Polizei-Commissarius den Herrn Apotheker Semper vorstellen? Herr Semper… Herr Bischop.»

Hendrik Bischop trat einen Schritt zurück und rückte seine Dienstuniform zurecht. «Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen.»

«Bitte, bitte, Fräulein Roever, nicht so förmlich, Sie sind doch befreundet!»

«Durch meinen Herrn Vater», korrigierte Clara betont distanziert.

«Aber bitte, setzen wir uns doch nach hinten!» Mit einer freundlichen Geste wies Semper Clara und dem Gast den Weg.

Die raumhohen Schränke und Regale, mit denen die Wände an den Gängen voll gestellt waren, ließen nur einen schmalen Gang frei, der wie in einem Labyrinth zu den rückwärtigen Zimmern des Hauses führte. Im Vorbeigehen versuchte der Commissarius, eines von den kleinen emaillierten Schildern auf den Schränkchen und Hunderten von Schubladen zu entziffern, was ihm in Anbetracht der schummrigen Beleuchtung nicht gelingen wollte. «Bei dieser Gelegenheit», begann er, «möchte ich mich für die Hilfe bedanken, die Sie mir und Herrn Medicus Roever zuteil werden ließen. Darf ich mir erlauben…»

«…eine Tasse Tee zu trinken», vervollständigte der Apotheker den Satz.

Der väterliche Habitus des Apothekers, der etwa im gleichen Alter wie er selbst zu sein schien, und der überaus freundliche Empfang machten Hendrik Bischop – wie so oft – unsicher. Aus Angst, gesellschaftliche Grenzen versehentlich zu überschreiten, vermied er daher jegliche persönliche Konversation.

Als habe Semper die Zurückhaltung des Commissarius gespürt, sagte er: «Die Steine sind in der Tat erstaunlich. Das wollten Sie doch von mir hören?»

Hendrik Bischop hatte nicht erwartet, so schnell zum Kern der Sache zu kommen. «Erwartet weniger…»

«Aber erhofft? Was Sie mir zur Untersuchung zukommen ließen, hilft Ihnen doch bei der Aufklärung eines Verbrechens, nicht wahr? Fräulein Roever hat mir von Ihrer Arbeit erzählt, von der hilfreichen Hand des Medicus, von Ihrem Anliegen… Zu dieser Aufklärung einen Teil beizutragen, bin ich nur allzu gerne bereit, lieber Commissarius. Eine außergewöhnliche Methode der Verbrechensaufklärung, die Sie eingeschlagen haben. Findet sie Anerkennung bei den zuständigen Deputationen, wenn ich fragen darf?»

«Nun, die medizinische Untersuchung von Toten ist seit dem Mittelalter bekannt. Sie hilft uns ein wenig weiter, und mir wurden mehrere Inspektoren für die Arbeit in meiner Abteilung zugeteilt.»

«Seien Sie nicht so bescheiden Herr Commissarius! Sie wollen die wissenschaftliche Analyse doch sicherlich nicht mit mittelalterlicher Scharlatanerie gleichgestellt wissen! Außerdem wurde das Mittelalter, zumindest hier in Hamburg, gerade zu Grabe getragen. Schauen Sie sich um in dieser Stadt! Sie erneuert sich von Grund auf. Und Ihre Arbeit entspricht genau dieser Modernisierung, sie ist gewissermaßen ein Bestandteil der Kräfte, die diese Veränderungen erst ermöglichen.»

Hendrik Bischop schwieg. Nicht dass er sich unverstanden fühlte, aber als Pioniertat hatte er seine Arbeit bislang nicht verstanden.

«Um nun zu den Steinen zu kommen», fuhr der Apotheker fort, «sie haben erstaunliche Eigenschaften. Die genaue Zusammensetzung kann ich Ihnen noch nicht verraten, aber sie besitzen eine sehr hohe Festigkeit. Die Oberflächen sind wenig porös. Es muss also ein kalkarmer Ton verwendet worden sein. Dadurch nimmt der Stein sehr wenig Feuchtigkeit auf. Bislang konnte ich nur feststellen, dass die Anteile von Quarzsand bei dem einen sowie der Eisengehalt bei dem anderen Stein sehr hoch ist. Daher rührt das Farbspiel.»

«Sie meinen, die einzelnen Steine sind von unterschiedlicher Zusammensetzung?»

«Nein, die Grundsubstanz der tonigen Massen ist identisch, nur die Zusätze unterscheiden sich. Außerdem scheinen die Steine bei unterschiedlichen Temperaturen gebrannt worden zu sein.»

«Die Steine sind also unterschiedlicher Herkunft?», fragte Hendrik Bischop erstaunt.

«Zumindest kommen sie nicht aus der Elbniederung, so viel steht fest. Aber fragen wir doch meinen Bruder, er kennt sich ja bestens mit Baumaterialien aus. Kennen Sie ihn?»

«Nicht persönlich», entgegnete Hendrik Bischop. «Aber seit seinen Bemühungen für den Wiederaufbau der Nikolaikirche ist sein Name wohl jedem Hamburger bekannt. Schließlich gab es genug Zeitungsberichte über ihn und seine Profession. Wenn es Ihnen keine Umstände bereitet?»

«Bestimmt nicht. Er kommt in vier Tagen aus Dresden und wird Ihnen sicherlich hilfreiche Hinweise geben können.»

Der Commissarius war erstaunt über die Hilfsbereitschaft des Apothekers, dessen freundliches Zuvorkommen und fast familiäre Anteilnahme er vorerst nicht einzuordnen vermochte. Nachdem er sich verabschiedet hatte, brachte er den verbleibenden Rest des Tages damit zu, über sich selbst und sein Wirken in dieser Stadt nachzudenken – eine Stadt, die ihm in den letzten Jahren so fremd geworden war. Er dachte nach über Sinn und Notwendigkeit, einem Toten, den niemand kannte, eine Identität zu geben, über sein ihm eigenes Verlangen nach Aufklärung und den gleichzeitigen Wunsch nach Ruhe und Ordnung – eine Ordnung, die er sich als schlafende Stadt vorstellen wollte, was ihm jedoch nicht gelang.

Er wollte das Werk, oder doch zumindest die Ideen seines Vaters fortsetzen. Dr.Jan Bischop war ein angesehener Hamburger Advokat gewesen, und er hatte zeit seines Lebens für eine Neuordnung der bis dahin militärisch strukturierten Polizeigewalten gekämpft. Als Grundlage der Verbrechensbekämpfung sollte ein ziviler Polizeiapparat aufgebaut werden. Aber sein früher Tod ließ ihn das Resultat seiner Bemühungen nicht mehr erleben. Vielleicht war es auch besser so, dachte Hendrik, seit der in Hamburg schon lange so mächtige Amandus Augustus Abendroth die Polizeibehörde 1821 ganz nach französischem Vorbild und daher viel zu zentralistisch strukturiert hatte.

Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters war auch die Mutter gestorben, und Hendrik war in den Polizeidienst gegangen, um dem Anliegen seines Vaters weiter nachzugehen. Er war ein hartnäckiger Eigenbrötler. Die Einrichtung einer criminalen Abteilung war allein sein Verdienst, denn nicht einmal ein ziviles Commissariat, für das sein Vater plädiert hatte, war Bestandteil der neuen Abendrothschen Polizeiverwaltung gewesen. Trotz seiner Erfolge hatte man Hendrik aber zu verstehen gegeben, dass es weder einen weiteren Ausbau der Abteilung noch eine dem gewöhnlichen Polizeidienst übergeordnete Einrichtung geben werde. Auch Schütz und Voss wussten das, was ihrem Arbeitseifer jedoch keinen Abbruch tat. Über die Jahre hatte Hendrik der Resignation getrotzt. Die wichtigste Stütze war ihm dabei Helena gewesen. Stets hatte sie ein offenes Ohr für seine dienstlichen Sorgen gehabt, hatte alle Entbehrungen in Kauf genommen, die sein Beruf mit sich brachte. Selbst wenn er spät in der Nacht oder erst frühmorgens heimgekommen war, hatte sie keine Miene verzogen und war wie selbstverständlich für ihn da gewesen. Belastet hatte sie all die Jahre nur, dass sie keine Kinder bekommen konnten.

Henrik blickte an sich herab. Er hatte sich während der letzten Jahre nur noch um seine Arbeit gekümmert. Allen weiteren Interessen hatte er entsagt. Die häuslichen und organisatorischen Dinge nahm ihm seine Schwester ab. Niemals wäre Amalie auf die Idee gekommen, ihm zu sagen, dass er sich gehen ließe. Seine Hand strich langsam über sein Kinn. Zu Helenas Zeiten wäre es nicht vorgekommen, dass er unzureichend rasiert war. Und grau wurden diese Barthaare langsam auch schon. Aber wenigstens seinen Backenbart hatte er sich schon vor längerer Zeit abnehmen lassen. Trotzdem war er sich sicher, dass er die Eleganz der Jugend mit Helenas Tod abgelegt hatte, auch wenn sein Haar noch voll war und der Bauch sich nicht unter der Uniform abzeichnete. Nein, noch war es nicht so weit, dass seine Kräfte nachließen. Er war voller Tatendrang, auch wenn es ihm seit einiger Zeit so vorkam, als bestimme er die Richtung nicht mehr selbst. Aufklärung war für ihn Wissen, Wissen und Erkenntnis. Aber es war ihm nicht oft möglich, einmal gewonnene Erkennisse erneut einzusetzen, wie er mit zunehmendem Bedauern feststellte. Seine Arbeit schien ihm ein ewiger, endloser Prozess. Stets begann er von neuem, nachdem er einen Fall aufgeklärt und damit die Früchte seiner Arbeit präsentiert hatte. Stets schlug er ein neues Kapitel auf, ohne die bisherige Handlung zu kennen. Er arbeitete sozusagen rückwärts. Manchmal kam er sich vor wie ein immer erst beim 3.Akt anwesender Zuschauer im Theater. Wenn er mit einem neuen Fall konfrontiert wurde, sah er es als seine Aufgabe, den bisherigen Handlungsverlauf akribisch nachzuzeichnen, bis er wusste, welches Stück gerade gespielt wurde. Aber in der Regel, das hatte Hendrik feststellen müssen, waren es Uraufführungen, denen er beiwohnte. In diesem Fall waren es nun Steine, deren Herkunft er ergründen musste – wieder eine Premiere.