Die Tote vom Naschmarkt - Beate Maxian - E-Book
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Die Tote vom Naschmarkt E-Book

Beate Maxian

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Beschreibung

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ...

Von ihren Freunden wird die Journalistin Sarah Pauli gerne wegen ihres Aberglaubens gehänselt. Doch dann gehen in der Redaktionspost drei abgetrennte Finger ein, die zur Schwurhand einer Frauenleiche gehören, die am Wiener Naschmarkt gefunden wurde. Die Tote war Entlastungszeugin in einem Vergewaltigungsprozess, den der prominente Anwalt Harald Koban gewonnen hat. In der Nacht nach dem Prozess überfährt Koban eine Katze – tags darauf erhält Sarah wieder Post: das Bild einer schwarzen Katze und eine unheilverkündende Nachricht ...

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Buch

Die Journalistin Sarah Pauli betreut seit einiger Zeit eine eigene Kolumne zum Thema Aberglauben beim Wiener Boten. Eines Morgens findet sie in der Redaktionspost eine Postkarte mit einer schwarzen Katze und einem Spruch darauf: »Ob eine schwarze Katze Unglück bringt oder nicht, hängt davon ab, ob man ein Mensch ist oder eine Maus.« Es stellt sich heraus, dass dies der Auftakt zu einem mysteriösen und grausamen Rätsel ist. Denn schon bald erhält Sarah wieder Post, diesmal drei abgetrennte Finger, die zur Schwurhand einer Frauenleiche gehören, die am Wiener Naschmarkt gefunden wurde. Die Tote war Entlastungszeugin in einem Vergewaltigungsprozess, den der prominente Anwalt Karlheinz Koban gewonnen hat. Was Sarah nicht ahnen kann: In der Nacht nach dem Prozess hatte Koban eine Katze überfahren ...

Autorin

Beate Maxian lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Attersees und in Wien und zählt zu den erfolgreichsten Autorinnen Österreichs. Ihre Wien-Krimis um die Journalistin Sarah Pauli stehen dort regelmäßig an der Spitze der Bestsellerliste.

Beate Maxian im Goldmann Verlag:

Tödliches Rendezvous. Ein Wien-Krimi Die Tote vom Naschmarkt. Ein Wien-Krimi Tod hinter dem Stephansdom. Ein Wien-Krimi Der Tote vom Zentralfriedhof. Ein Wien-Krimi Tod in der Hofburg. Ein Wien-Krimi Mord in Schönbrunn. Ein Wien-Krimi Die Prater-Morde. Ein Wien-Krimi Tod in der Kaisergruft. Ein Wien-Krimi Mord im Hotel Sacher. Ein Wien-Krimi Der Tote im Fiaker. Ein Wien-Krimi Die Tote im Kaffeehaus. Ein Wien-Krimi Ein letzter Walzer. Ein Wien-Krimi

Beate Maxian

Die Tote vom Naschmarkt

Der zweite Fall für Sarah Pauli Ein Wien-Krimi

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe Januar 2012

Copyright © 2012 by Beate Maxian

Copyright © dieser Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: Getty Images/Taylor S. Kennedy; FinePic

Redaktion: Karin Ballauff

An · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-06754-0V006

www.goldmann-verlag.de

Der falsche Freund ist wie ein Schatten,

der uns folgt, so lange die Sonne scheint.

Italienisches Sprichwort

Prolog

Das Handy ertönte.

Summer of ’69

Nummer unterdrückt.

Das musste er sein. Ihr Herz pochte wild.

Endlich. Ihre Chance. Jetzt bloß nichts versauen.

Sie hob ab.

»Naschmarkt.«

Das Kennwort.

»Hat man Ihnen gesagt, worum es geht?«

Die Stimme klang seriös.

»Nicht genau, nur ungefähr, und dass ich viel Geld dafür bekomme, wenn ich die Sache gut mache und anschließend den Mund halte.«

Die Bezahlung war wichtig.

»Und machen Sie’s?«

»Was?«

»Den Mund halten?«

»Ja… ich muss doch nicht…« Sie lachte nervös auf. »…also, niemanden umbringen oder so?«

Er blieb ernst.

»Würden Sie so etwas tun?«

»Nein. Auf keinen Fall.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Sollte sie das hier beenden, bevor es begonnen hatte?

Schließlich: »Sie müssen niemanden umbringen.«

Sie atmete erleichtert auf. »Das hab ich auch nicht ernst gemeint. Ich rede zu viel, wenn ich nervös bin. Ist es gefährlich?«

»Kommt drauf an, wie Sie Gefahr definieren.«

»Ich meine… es erfährt sicher niemand?« Pause. »Niemals. Sie wissen…«

»Wenn Sie den Mund halten, nicht.«

»Treffen wir uns? Ich meine, weil ich ja wissen muss, worum es genau geht.«

Wieder Schweigen am anderen Ende. Überlegte er es sich anders? Hatte sie es verbockt? Verdammt! Warum musste sie auch so viele Fragen stellen?

Erste Regel: Diskretion.

»Morgen. Halten Sie sich den ganzen Tag frei. Ich rufe Sie an und nenne Treffpunkt und Uhrzeit. Wenn Sie nicht pünktlich sind, ist die Sache gestorben.«

»Ich bin pünktlich. Wie viel bekomme ich eigentlich?«

»5000 Euro.«

Sie schluckte trocken. Mehr als sie erwartet hatte.

»Muss ich etwas unterschreiben?«

»Nein.«

»Gibt’s Vorschuss?«

»Nein.«

»Was muss ich tun?«

»Erzählen Sie mir von einer besonderen Liebesnacht.«

Telefonsex? »Wie bitte?«

»Erzählen Sie mir von einer besonderen Liebesnacht.«

»Warum?«

»Wollen Sie die 5000 oder nicht?«

»Details?«

»Alles. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«

Versau es dir nicht.

»Ich will schon.«

»Dann erzählen Sie!«

Freitag, 21. Mai

1

Arschloch«, formten die Lippen der jungen Frau lautlos.

Strafverteidiger Karlheinz Koban lächelte mild. Verlierer beschimpften Gegner gerne einmal. Ein Zeichen von Schwäche. Darüber konnte er getrost hinwegsehen. Seine Leidenschaft für Auseinandersetzungen, Durchhaltevermögen und Konsequenz waren die Schlüssel seines Erfolgs, Gleichgültigkeit anderen gegenüber seine absolute Stärke.

»Im Namen der Republik Österreich… ergeht folgendes…«

Karlheinz Koban hörte den Ausführungen des Richters konzentriert zu.

»…keine ausreichenden Beweise für die Schuld des Angeklagten…«

Einen Mandanten aus einer ausweglosen Situation zu boxen, stellte für Karlheinz Koban kein Problem dar.

»Die schriftliche Ausfertigung des Urteils ergeht in den nächsten Tagen an Frau Doktor Jurit und Herrn Doktor Koban.«

Die Verhandlung wurde geschlossen. Die Anklage wegen Vergewaltigung gegen Norbert Weninger war damit vom Tisch gefegt. Koban schüttelte seinem Klienten die Hand: »Gratuliere!«

»Danke.«

Ihre Gegner hatten sich hartnäckig gegen eine Niederlage gewehrt, alle Register gezogen, dennoch verloren. Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht 100 Bilder über dasselbe Thema malen, zitierte Koban in Gedanken Pablo Picasso. Der Anwalt malte Bilder der Realität im Gerichtssaal.

»Vielen Frauen macht es Spaß, wenn sie von einem Mann richtig hergenommen werden.« Das versuchte jedenfalls sein junger Mandant ihm weiszumachen, aus Unsicherheit oder Dummheit, das vermochte Koban nicht zu sagen. Dieser Scheißkerl hatte wohl nie davon gehört, dass man, wenn man verwerfliche Dinge tat, niemals offen darüber sprach. »Weder teile ich diese Meinung, noch ist es eine gute Verteidigungsstrategie«, hatte Koban entgegnet. Er baute die Apologie auf der Unbescholtenheit des Mandanten, seiner Herkunft aus gutem Hause und schlussendlich auf der entlastenden Aussage einer Studentin auf. Diese konnte glaubhaft vermitteln, der Angeklagte sei ein romantischer Typ und zärtlicher Liebhaber. Außerdem habe sie zum fraglichen Tatzeitpunkt im Schlafzimmer des Gastgebers mit dem Angeklagten Geschlechtsverkehr gehabt.

Recht und Gerechtigkeit waren auf dem Schlachtfeld der Urteilsbegründung Gegenspieler.

Beim Hinausgehen nickte Karlheinz Koban mit ernster Miene Richtung Dagmar Jurit, der gegnerischen Anwältin und ihrer Mandantin Jutta Baumann. Baumann, diesen Namen würde er nicht so schnell vergessen wie den anderer Klägerinnen. Die junge Frau aus angesehener Familie litt laut medizinischem Gutachten an schleichenden Depressionen.

Koban ersparte es sich, seinen beiden Kontrahentinnen die Hand zu reichen. Sie würden diese Höflichkeitsgeste nicht erwidern und ihn damit um einen– wenngleich winzigen– Triumph bringen. Er vermied den Augenkontakt mit dem Vater der Klägerin. Er schaute auf die Armbanduhr. Halb zwölf Uhr mittags. Die Schlussverhandlung hatte fast vier Stunden gedauert.

»Das werden Sie bereuen.«

Die Stimme ließ ihn aufschauen. Viktor Baumanns Augen fixierten ihn voller Verachtung. Ein weiterer Feind im Leben.

That’s life. Seine Klienten liebten und seine Gegner hassten ihn, wünschten ihn zum Teufel. Den Gefallen, dorthin zu gehen, tat er niemandem. Dafür investierte er zu viel Zeit und Energie in seinen Ruf und die Kanzlei. Müsste er seinen Erfolg einem Gott zuordnen, würde er Zelos wählen, den Gott des Eifers.

Inzwischen sah man ihm deutlich an, dass er zur so genannten Oberschicht gehörte: maßgeschneiderte Anzüge, weiße Businesshemden, die Schuhe handgefertigt, die Finger immer perfekt manikürt und die kurzen dunkelblonden Haare perfekt geschnitten. An ihm strahlte alles Erfolg aus. Sogar im Joggingdress von Adidas sah man in Karlheinz Koban den Gewinner.

Seine Kanzlei befand sich in einem Penthouse in der Wiener Innenstadt, seine Villa in Neustift am Walde im Nobelbezirk Döbling, seine geheime Absteige im sechsten Wiener Gemeindebezirk mit Blick auf den Naschmarkt, in der Garage der Döblinger Villa stand ein Porsche. Koban pflegte das Klischee des betuchten Anwalts. Schon als Kind träumte er davon, so zu leben. Er, Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau aus der Schönbrunner Straße, legte schon als Kind den Südwiener Dialekt, das Meidlinger »L«, ab und damit seine Herkunft aus dem Arbeiterviertel.

Die Hochzeit mit Silvia, der Tochter eines einflussreichen Politikers, war ein genialer Schachzug. Sie verkörperte, was man von einer Tochter aus gehobenen Verhältnissen erwartete. Adrett, wohlerzogen und angepasst hatte sie Politikwissenschaft studiert und in der Zentrale der Partei ihres Vaters gearbeitet. Seit der Geburt von Fabian widmete sie sich ausschließlich Wohltätigkeitsveranstaltungen. Alles andere war nicht wert, erwähnt zu werden. Das Wort langweilig im Zusammenhang mit Silvia zu verwenden verbat er sich dennoch.

Am Anfang ihrer Beziehung spielte sogar ein bisschen Verliebtheit eine Rolle, um Liebe ging es ihm jedoch nie. Ihre Herkunft faszinierte ihn. Außerdem ignorierte sie die Warnungen, sich mit ihm, dem Habenichts einzulassen. Silvia begehrte den hübschen Studenten aus der Arbeiterklasse– und er begehrte sie, wenngleich die Motive ihres jeweiligen Begehrens unterschiedlicher Natur waren. Er genoss den Status, Schwiegersohn eines ehemaligen Politikers zu sein, dessen Einfluss ihm die eine oder andere Tür öffnete, um an jene Fälle zu kommen, die ihm Ansehen, Macht und Geld brachten.

Natürlich machte er seine Arbeit gut. Verdammt gut sogar.

Gerichtsgebäude wurden zu seinem Zuhause. Das Landesgericht für Strafsachen liebte er ganz besonders. Für Koban bildete der Gebäudekomplex im achten Bezirk das Zentrum der Macht. Hier existierten gleich mehrere Institutionen unter einem Dach: das Landesgericht für Strafsachen, die Staatsanwaltschaft, der Juristenverein und Österreichs größtes Gefangenenhaus. Hier konnte er seine Netzwerke optimal einsetzen, die Fäden des Erfolgs spinnen und Widersacher zertreten wie lästige Wanzen.

Auf dem Weg zum Ausgang schüttelte er etliche Hände, nickte hierhin und dorthin, in eine bestimmte Richtung lächelnd.

Kaum trat er durch das Tor ins Freie, rief er seine Sekretärin im Büro an und informierte sie darüber, dass er nicht mehr in die Kanzlei kommen würde. Nachdem er ohnehin davon ausgegangen war, den Fall Weninger zu gewinnen, hatte er keine weiteren Termine für diesen Tag vereinbaren lassen. Er wollte seinen Erfolg feiern, oder besser, sich feiern lassen. Eine oder mehrere Nummern mit seiner derzeitigen Geliebten würden dem Tag die Krone aufsetzen. Das kommende Pfingstwochenende wollte er seiner Familie widmen. Ein längst überfälliges Essen mit den Schwiegereltern stand an.

Sein Wagen parkte in der Otto-Wagnerplatz-Tiefgarage bei der Votivkirche. Er bezahlte die Parkgebühr, ließ sich zufrieden in den Fahrersitz fallen und fuhr mit dröhnendem Motor davon.

Die Wohnung lag im obersten Stockwerk eines Hauses, wenige Meter vom Theater an der Wien entfernt auf der Linken Wienzeile. Koban stellte seinen Wagen in der Millöckergasse ab und kaufte zur Feier des Tages im Piccini eine Flasche Asti Spumante und bei der Rosenkönigin am Naschmarkt einen Bund gelber Rosen um sieben Euro. Rote Rosen verschenkte er nie.

Das scheußliche Wetter ließ die alltäglichen Menschenmassen auf dem bekanntesten Markt Wiens auf ein erträgliches Maß schrumpfen und verlangte Koban keine Wartezeit ab. Auf dem Rückweg blieb er vor dem einen oder anderen Stand stehen, nahm die Kostproben in Form von Oliven, Käse und exotischen Früchten an, die die Händler– über ihre Glasvitrinen hinweg auf Zahnstocher gespießt– anboten, und kaufte zwei Handvoll Pistazien.

Dagmar Jurit wartete bereits auf ihn vor der Wohnungstür. Sie lächelte.

»Na, Herr Doktor, da hast du deine Gegner heute mal wieder alt aussehen lassen! Hättest mich ruhig vorwarnen können und sagen, dass deine Entlastungszeugin gute Reden schwingt.« Sie trug noch immer die Kleidung aus dem Gerichtssaal: dunkelblaues Kostüm, weiße Bluse, hohe Pumps. Nur ihre am Morgen hochgesteckten dunkelblonden Haare fielen in großen Locken über die Schulter.

Er gab keine Antwort, sondern überreichte ihr stattdessen die Rosen und küsste sie.

»Champagner?«, fragte er, nachdem er sie wieder freigab, und hielt die Flasche hoch.

»Du weißt, dass er schuldig ist. Diese Zeugin wird sich in der Uhrzeit oder im Tag vertan haben.«

»Das hat sie nicht.«

»Ich kann das nicht akzeptieren, Karlheinz. Wir werden in Berufung gehen.«

Er öffnete die Tür. »Tu, was du nicht lassen kannst. Aber wenn du meine Meinung hören willst… spar deiner Mandantin das Geld.«

»Geld spielt keine Rolle.« Sie folgte ihm und schloss die Tür. »Diesmal hast du dir die falschen Gegner ausgesucht. Die stehen das bis zur letzten Instanz durch.«

»Mit einer depressiven Klägerin?«

Die Wohnung war hell und freundlich, der Wohnbereich nach allen Seiten hin offen, von der geräumigen Küche lediglich durch eine Bar getrennt. Koban öffnete den Champagner, füllte zwei Gläser, stellte die Flasche in den Sektkühler, der auf dem Barbereich stand. Er reichte Dagmar Jurit ein Glas.

»Weißt du, was ich mich allmählich frage?«, begann sie.

»Hm?«

»Hast du vielleicht den einen oder anderen Richter auf deiner Gehaltsliste? Oder hast du sonst irgendein Ass im Ärmel, das du ziehst, wenn’s eng wird?«

»Wofür hältst du mich? Ich bin gut in meinem Job.« Er hob das Glas. »Auf dich, meine Liebe. Du hast tapfer gekämpft und ebenso tapfer verloren.« Er nippte am Glas, lächelte. »Deine Mandantin hat mich Arschloch genannt. Ich konnte es von ihren Lippen ablesen.«

Dagmar Jurit nahm einen Schluck und stellte das Glas auf der Bar ab. »Und bist du das nicht?«

»Was ist deine Meinung?«

»Du bist ein Teufel in Engelsgestalt.« Sie streifte ihre Kostümjacke ab, warf sie auf den Boden und lächelte ihn herausfordernd an.

Koban strich seine Schuhe von den Füßen, ging in Socken zur Anlage und legte eine CD ein. Black Sabbath. Dagmar hasste diese Musik. Ihn turnte sie an. »So etwas Ähnliches hat man mir schon öfter gesagt. Ist es nicht genau das, was dich reizt? Wenn du einen Heiligen willst, bist du bei mir falsch.« Er wandte sich um, fixierte seine Geliebte. Sie wandte den Blick nicht ab.

»Ich mag Teufel. Sie sind aufregender als Engel.« Ihr Handy läutete. Sie warf einen Blick darauf. »Entschuldige. Meine Sekretärin.« Mit einem Handgriff stellte sie die Musik ab und meldete sich.

Koban ging auf sie zu, drehte sie herum, stand jetzt dicht hinter ihr und öffnete den Reißverschluss des Rockes, ließ ihn zu Boden gleiten. Zum Vorschein kam ein weißes Spitzenhöschen. Er strich mit beiden Händen über ihre Hüften, presste sie fest an seinen Unterleib, dann tasteten sich seine Finger weiter vor in ihren Schritt. Sie neigte den Kopf leicht nach hinten, stand breitbeinig da, schloss die Augen. »Selbstverständlich gehen wir in Berufung. Dieser Fall ist äußerst wichtig, als Motivation für andere Frauen, sich endlich an die Öffentlichkeit zu wagen. Herr Doktor Koban kann nicht immer gewinnen.«

Koban schob ihre Haare beiseite, berührte mit den Lippen ihren Nacken. Dann drückte er ihren Oberkörper nach vorne. Er würde sie von hinten nehmen. So hatte er es am liebsten.

»Ich bin in einem Meeting. Wenn Frau Baumann anruft, geben Sie ihr bitte gleich einen Termin. Am besten morgen, und wenn sie nicht kann, dann spätestens Anfang nächster Woche. Ja?… Danke.«

Dagmar Jurit beendete das Gespräch, ließ das Handy auf den Boden fallen, entzog sich seinem Griff, schubste ihn sanft zur Seite und stellte sich mit leicht gespreizten Beinen vor ihn hin. Die hochhackigen Schuhe hatte sie anbehalten. Sie legte den Kopf ein wenig zur Seite und begann langsam, ihre Bluse aufzuknöpfen, während sie ihn mit den Augen fixierte. Koban lehnte sich gegen die Bar, nahm einen Schluck Spumante nach dem anderen und genoss mit steigender Erregung das Schauspiel. Diese Frau war die Sünde in Person. Ihre Bluse fiel zu Boden. Dagmars schlanker Körper wurde nur von Dessous aus Spitze verhüllt.

»Du könntest mir in dem Fall etwas entgegenkommen, mein Lieber.«

Sie trat nahe an ihn heran, öffnete langsam den Gürtel und Reißverschluss seiner Hose. Hektik beim Sex konnte Dagmar nicht ertragen. Er stieg aus den Hosenbeinen.

»Warum sollte ich das tun?«

Sie lockerte die Krawatte, warf sie in hohem Bogen hinter sich und begann das Hemd aufzuknöpfen, ohne ihm zu antworten.

»Du weißt, dass ich dich für die Beste halte. Leider wirst du niemals so gut sein wie ich«, behauptete er.

Dagmar Jurit lächelte, nahm das Glas von der Bar, trank es aus, stellte es zurück und streifte ihm mit energischem Handgriff das Hemd von den Schultern.

»Unterschätze niemals eine Frau, mein Lieber.«

»Was hast du vor?«

»Hast du über eine mögliche Fusion unserer beiden Kanzleien nachgedacht, wie ich es dir vorgeschlagen habe?«, lenkte sie ab.

Er schüttelte den Kopf. »Keine Chance.«

»Wir wären dann keine Gegner mehr.«

Er grinste süffisant. »Ich weiß, dass deine Kanzlei nicht gut läuft. Wenn ich dich bei mir einsteigen lasse, würdest in erster Linie du deine Lage verbessern, denn meine ist sensationell gut.«

Dagmar Jurit zuckte mit den Schultern. »Wenn du meinst. Bedenke nur eines: Hochmut kommt immer vor dem Fall.«

Er fickte sie an diesem Nachmittag härter als gewöhnlich.

2

Durch die Straßen fegte ein kalter Wind. Für den Osten Österreichs galt Unwetterwarnung. Der Sturm mit Spitzen bis zu 80 km/h hatte in der vergangenen Nacht bereits begonnen, hatte morsche Äste von den Bäumen gerissen und diese überallhin verstreut. Seit den frühen Morgenstunden versuchten Männer der MA48 das Chaos zu beseitigen. In den Nachrichten folgte eine Hiobsbotschaft der nächsten. Straßenbahnen und Busse konnten Haltestellen nicht erreichen. Teile Wiens standen unter Wasser. Menschen wateten mit Gummistiefeln oder barfuß im kniehohen Wasser durch die Straßen. Manche Haushalte harrten stundenlang ohne Strom aus.

Das Chaos passte perfekt zu Sarah Paulis Grundstimmung.

Sie war durcheinander. Nachdenklich stand sie am Fenster ihres Büros und starrte auf die nahezu menschenleere Mariahilfer Straße.

Vor zwei Tagen hatte David überraschend eine außerterminliche große Redaktionssitzung einberufen, mit allen Ressortchefs und Redakteuren. Normalerweise fand diese montags statt.

David wollte der gesamten Mannschaft eine Neuerung verkünden, und diese drehte sich um Sarahs Kolumne. Seit acht Monaten veröffentlichte sie regelmäßig donnerstags eine Rubrik, die sich mit Aberglauben beschäftigte. Die Reaktion der Leser darauf übertraf sämtliche Erwartungen. Niemals zuvor bekamen sie im Wiener Boten derartig viele Leserbriefe zu einem Thema. Liebhaber der Kolumne überschütteten Sarah mit Materialien und Informationen. Wenn das so weiterging, konnte sie in absehbarer Zeit ein kleines Museum eröffnen. Ihr Büro glich schon jetzt einem solchen. Jede Menge Frösche, Katzen, Steine und esoterischer Firlefanz standen überall im Raum verteilt. Doch egal, wie viel sie zugeschickt bekam, die wichtigsten Plätze neben ihrem Computer nahmen nach wie vor ein Amethyst zur Beruhigung von Nerven und Herz und ein kleines rosa Schweinchen ein, ein Silvestergeschenk von Chris, ihrem jüngeren Bruder.

An diesem Morgen schafften es die meisten ihrer Kollegen trotz der widrigen Wetterverhältnisse pünktlich ins Büro. Ausgerechnet David Gruber fehlte beim Meeting. Niemand wusste, wo der Herausgeber steckte. Sarah machte sich Sorgen. Die Gruppe löste sich nach einiger Zeit des Wartens schließlich wieder auf.

Kurz danach erhielt Herbert Kunz, der Chef vom Dienst, einen Anruf, David habe einen Termin vergessen, Herbert solle die Sitzung abblasen. Diese Tatsache verstimmte Sarah gewaltig. Ihre Sorge verwandelte sich schlagartig in Zorn. Sie machte aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis, deshalb verriet ihr Herbert Kunz unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit, dass David beabsichtigte, ihr anstelle der bisher eher kleinen Rubrik eine ganze Seite in der Wochenendbeilage zu geben. Sarah sollte damit überrascht werden, ebenso wie alle anderen Mitarbeiter. Vielleicht, um etwaige Diskussionen im Vorfeld abzuwiegeln. Seit Wochen nämlich lag Sarah dem Chef vom Dienst damit in den Ohren, mehr Platz für die Kolumne zu brauchen. Ihr Anliegen direkt vor David auszubreiten, hatte sie vermieden. Denn Herbert Kunz, ihren unmittelbaren Vorgesetzten, zu umgehen, machte keine gute Stimmung. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte. Herbert hatte sich schließlich für sie eingesetzt und David überzeugt, dem Aberglauben mehr Raum zu geben.

Endlich konnte sie intensiver auf Inhalte eingehen. Außerdem erschienen dann ihre Kolumnen nicht mehr donnerstags, sondern samstags. Am Wochenende wurden mehr Zeitungen verkauft als wochentags. Die Leute hatten mehr Zeit zum Lesen. Die Wochenendbeilage Lesezeit wurde vierfarbig im Hochglanzformat produziert, sie ähnelte einem Modemagazin. Darin eine eigene Seite zu haben, kam einem Privileg gleich. Ein Vorrecht, das das Getuschel unter den Kollegen, was David und ihre angebliche Liebesbeziehung betraf, sicherlich anheizen würde.

Enttäuschend war für sie, dass sie nun auf die Seite in der Samstagsausgabe noch warten musste. Obwohl ihr der Artikel zum Thema Eid in der Kürze sehr gut gelungen war. Sie hatte die zentralen Aspekte in 1800 Zeichen zusammengefasst: Ursprung des Eides, Schwurfinger und Eidzeremonien.

Dennoch, eine ganze Seite in der Wochenendbeilage, es sollte eine große Sitzung mit allen Ressortchefs und Redakteuren werden, schwirrte Sarah ununterbrochen durch den Kopf.

Die Unzufriedenheit lag schwer auf ihrer Brust. Außerdem fror sie, was ihre Laune zusätzlich trübte. Sie wandte sich vom Fenster ab, schaltete die Elektroheizung an, die sie im Winter unter dem Schreibtisch platzierte und die aufgrund des trotz Mai unbeständigen Wetters noch immer dort stand. Sie stellte ihre Füße knapp davor. Die warme Luft tat gut. Dann griff sie zum Telefon auf dem Tisch und wählte die Durchwahl zu Gabis Büro. Die Sekretärin hob nach dem ersten Läuten ab.

»Sarah?«, meldete sich Gabi.

»Sag, ist David im Haus? Er war nicht bei der Sitzung.«

»Ich sag nur Anzug und Krawatte«, erwiderte Gabi. Die ganze Redaktion wusste, dass David Gruber legere Kleidung bevorzugte und Anzüge nur dann trug, wenn ein wichtiger Termin anstand.

»Du weißt nicht zufällig, wo er ist?«

»Nein. Wieso?«

»Ach. Nur so«, log Sarah.

»Was ist denn los? Du klingst so…« Sie brach ab. »Sag, sollte ich da vielleicht was wissen?«, fragte die Sekretärin misstrauisch.

»Was denn wissen?«, tat Sarah ahnungslos. Gabi etwas über die geplante Seite in der Wochenendbeilage zu erzählen, wäre falsch. Freundschaft hin oder her. Es bringt Unglück, über ungelegte Eier zu sprechen, dachte Sarah.

»Du weißt schon, dass die Quote inzwischen eins zu sechs steht.«

»Ich kenne mich mit Quoten nicht aus.«

»Das heißt, dass inzwischen mehr Leute im Haus glauben, dass du was mit David hast…« Gabi machte eine künstliche Pause und wartete auf Sarahs Reaktion. Sarah dachte nicht daran, etwas zu erwidern, weil sie sich sonst maßlos darüber aufregen musste, mit welchen Dingen sich ihre Kollegen beschäftigten. Dennoch schätzte sie es, von Gabi auf dem Laufenden gehalten zu werden. Zu wissen, was die anderen über einen sprachen oder dachten, brachte gewisse Vorteile.

»Und wenn’s dich jetzt nervös macht, dass er bei der Sitzung nicht aufgetaucht ist«, fuhr Gabi fort.

»Blödsinn.«

»Ich will’s nur nicht nach den anderen erfahren, Sarah. Versprochen?«

»Da gibt’s nichts zu erfahren.«

»Hallo! Ich bin’s! Deine Freundin. Versprich es einfach, dann geb ich Ruhe.«

»Also gut. Versprochen.«

»Gut. Soll ich dir Bescheid geben, wenn er kommt?«

»Nein. Ist nicht so dringend. Ciao, meine Liebe.«

»Sarah?«

»Ja?«

»Ich habe heute eine ganz eigenartige Wetterstimmung vor meinem Fenster bemerkt. Was hat das deiner Meinung nach zu bedeuten?«

»Ein Sturm zog über Wien«, antwortete Sarah mit verstellter Stimme.

»Mach dich nicht lustig. Das meine ich nicht. Du weißt schon, so ein… ein…« Gabi suchte nach den richtigen Worten. »Ich kann dir gar nicht genau sagen, wie’s aussah. Ganz eigen.«

»Eigen«, wiederholte Sarah.

Es verblüffte sie immer wieder, welche Auskünfte ihr Kollegen und Freunde abverlangten. Früher war ihr Aberglaube ein offenes Geheimnis gewesen, man zog sie damit auf und ließ sie wieder in Ruhe. Seit sie sich beruflich damit auseinandersetzte, mutierte sie zu einem lebenden Orakel. Die Hexe vom Wiener Boten.

»Waren die Wolken hell oder dunkel?«

»Dunkel.«

»Oje, dunkle Wolken am Horizont weisen auf Schwierigkeiten hin«, erklärte sie mit der Stimme einer Magierin, die über eine Kristallkugel gebeugt die Zukunft voraussagt.

»Dachte ich mir’s doch«, murmelte Gabi.

»Ich glaube nicht, dass das etwas zu bedeuten hat«, lenkte Sarah in normalem Tonfall ein.

»Warum? Du hast doch eben…«

»Ich hab dich auf den Arm genommen, Gabi. Ich bin weder eine Wetterprophetin noch eine Hellseherin.«

»Ich glaub nicht, dass es nichts zu bedeuten hat. Niemand weiß das besser als du«, gab Gabi etwas beleidigt zurück. »Und mir ist es egal, was du sagst. Ich werde trotzdem drüber nachdenken.«

»Mach das!«

Sarah legte auf, drehte am Lautstärkenregler ihres Radios und hörte den Schluss des Wetterberichtes. »Eine Kaltfront, die über Österreich zieht, bringt schwere Unwetter mit sich. Die Tageshöchsttemperaturen erreichen nur um die zehn Grad. Es werden ab dem späten Nachmittag weitere Stürme mit Windspitzen zwischen 70 und 100 Kilometern pro Stunde in Kombination mit Gewittern erwartet«, meldete der Meteorologe.

Dann fragte der Moderator seinen Kollegen vom Wetter, ob dies nicht die Schafskälte sein könne. Dieser legte sich nicht fest, weil die Schafskälte normalerweise erst Anfang Juni hereinbreche.

Auch das noch!

In solchen Momenten sehnte sie sich in die Geburtsstadt ihrer Großmutter. Wenn sie noch lebte, dachte Sarah, dann würde sie die Ereignisse der letzten Stunden sofort als Zeichen deuten. Die gute Frau hatte die halbe Familie mit Naturgeistern, Dämonen und Mystizismus verrückt gemacht. Betrachtete man die Hintergründe, leuchtete ein, warum. Sie blieb, obwohl sie in Österreich lebte, immer Neapolitanerin, und nirgendwo sonst in Italien trieb der Aberglaube fantasievollere Blüten als in Neapel.

Sarah legte eine CD ein: Pino Daniele, Napule è.

Auch wenn sie noch nie in Neapel gewesen war und nichts über das Leben dort wusste, war sie sich sicher, dass es um einige Grade wärmer war als in Wien. Das allein zählte im Moment.

Die große Zuneigung zum Heimatland ihrer Großmutter verspürte sie erst seit dem Tod ihrer Eltern. Sarah wertete es als Suche nach den Wurzeln mütterlicherseits. Die Wurzeln ihres Vaters kannte sie: Sie lagen in Wien. In den Adern ihrer Mutter floss italienisches Blut, obwohl sie in Wien geboren worden war. Die Kultur und Tradition Neapels hatte sie Sarah und Chris niemals aufgedrängt, genauso wenig die Sprache. Was Sarah bedauerte.

Jedoch lebten in Sarah die Traditionen, die Volksweisheiten weiter.

Nachdem sie ein Jahr zuvor bei Recherchen um den Tod einer Kollegin von einem Wahnsinnigen fast umgebracht worden war, hatte sie David Gruber vorübergehend um einen ruhigen Schreibtischjob gebeten. Die Nachfolge der bekannten Enthüllungsjournalistin Hilde Jahn wollte sie auf keinen Fall antreten. Investigativer Journalismus war nichts für Sarah, das wusste sie schon, bevor sie damals Hilde Jahn als Assistentin zugeteilt worden war. Vielleicht war sie zu empfindsam, vielleicht zu ängstlich für diese Form der Berichterstattung.

»Napule è…« Sie stoppte die CD. Genug der sentimentalen Klänge. Wien war lebenswert, Neapels Müllberge auf den Straßen hingegen stanken laut Berichterstattung inzwischen zum Himmel.

Die Tür öffnete sich, und vor ihr stand eine junge Frau mit einem Stapel Briefe in der Hand. Die neue Praktikantin. Sarah glaubte sich zu erinnern, dass sie Publizistik und Kommunikationswissenschaften studierte. Die Studentin arbeitete seit drei Monaten stundenweise beim Wiener Boten. Sie rief Sarah ihre eigenen Anfänge ins Gedächtnis.

»Entschuldige, dass ich so spät komme. Es sind wieder jede Menge Briefe für dich dabei«, erklärte sie und legte Sarah den Stapel auf den Tisch.

Sarah lächelte sie an und bedankte sich freundlich. In ihrer Zeit als Praktikantin hatten sich selten Kollegen bedankt.

Die junge Frau nickte ebenfalls lächelnd und verschwand wieder. Freundlichkeit hebt die Stimmung, dachte Sarah und machte sich wieder an die Arbeit. Das Lächeln war noch nicht aus ihrem Gesicht verschwunden, als Conny Soe im Türrahmen auftauchte. Die Society-Reporterin, die aufgrund ihrer kupferroten Lockenmähne die Löwin genannt wurde, stakste wie immer in High Heels durchs Zimmer. Nicht nur Sarah fragte sich, wie man es den ganzen Tag in derartigen Folterinstrumenten aushalten konnte. Da Conny bereits ohne Schuhe 1,78 groß war, überragte sie mit hochhackigen Pumps viele ihrer männlichen Kollegen.

Conny wirkte heute anders, irgendetwas kam Sarah außergewöhnlich an ihr vor, noch mehr als sonst. Sie trug ein eng anliegendes lila Kleid, dazu einen passenden Hut und glitzernde Swarovski-Ohrringe. Dicht hinter der Löwin tippelte Sissi, ihr kleiner Mops, in den Raum, begrüßte Sarah aufgeregt, legte sich auf den Rücken: eine Aufforderung, ihr den Bauch zu kraulen.

»Stell dir vor, wen ich heute gesehen habe!«

Warum gehört Conny nicht zur regelmäßig abgelichteten Promispezies, fragte sich Sarah stumm. Ihre Auftritte verdienten Applaus.

»Wen?«

»Sekt und Rosen hat er gekauft.«

»Wer?«

»Der ist dann aber nicht in sein Auto gestiegen. Der ist damit in einem Haus auf der Wienzeile verschwunden. Ich vermut ja schon lange, dass der wieder ein Gspusi hat. Ist ja viel zu lange gut gegangen. Also ich möchte nicht mit dem liiert sein. Fragt sich nur, mit wem er was hat.«

»Darf ich endlich wissen, wen du meinst, oder wird das hier ein Frage-Antwort-Spiel?« Sarah hoffte, jetzt nicht David Grubers Namen zu hören.

»Karlheinz Koban«, sprach Conny betont langsam. So, als müsste Sarah längst ahnen, von wem sie sprach.

»Karlheinz Koban?«, wiederholte Sarah den Namen ebenfalls betont langsam. »Wer ist das?«

Conny fuchtelte wild mit den Armen herum, als müsste sie sich nach dieser ungeheuerlichen Frage Luft zufächeln. »Du weißt nicht, wer Doktor Karlheinz Koban ist?«

Sarah schüttelte den Kopf.

»Ich mein, dass du keine Societyseiten liest, hab ich gewusst. Aber lässt du auch den Chronikteil aus? Karlheinz Koban ist der… ich wiederhole… DER Promi-Anwalt schlechthin. Wenn du ein Problem und genug Kohle hast, dann lässt du dich von ihm vertreten. Der hat bis jetzt jeden aus der Scheiße gezogen, egal wie tief er drinsteckte. Verstehst du? Jetzt erst wieder diesen Weninger. Das hast du sicher gelesen. Der Promi-Sohn«, sie verdrehte die Augen, »des ach so bekannten Architekten Klaus Weninger. Der Junior hatte eine Anklage wegen Vergewaltigung am Hals. Und die Klägerin war keine Geringere als Jutta Baumann, die Tochter des Großunternehmers Viktor Baumann.« Sie machte eine dramaturgische Pause, um die Worte auf Sarah wirken zu lassen, bevor sie weitersprach. »War dann wohl falscher Alarm. Die reiche Tochter hat leider übersehen, dass der Gute zum angeblichen Tatzeitpunkt eine andere gevögelt hat. Blöd gelaufen. Sicher eine typische Eifersuchtsnummer.«

»Reden wir hier von DEM Baumann?«

Conny nickte. »Genau der! Seine Tochter ist regelmäßig in Behandlung, leidet an Depressionen oder so.« Sie sprach das Wort Depressionen aus, als handle es sich dabei um eine Kinderkrankheit, die man mit ein paar Tabletten heilen konnte.

»Jetzt, wo du’s sagst. Ich erinnere mich, am Samstag etwas im Wiener Boten über den Ausgang des Prozesses gelesen zu haben, habe es allerdings gleich wieder vergessen. Den Chronikteil hab ich nur überflogen.«

»Den Chronikteil überflogen«, schnaubte Conny empört. »Was interessiert dich eigentlich?«

Sarah zuckte die Achseln. »Genug. Kultur, Sachberichte, Politik… Sport… hab mir kürzlich die French Open mit Jürgen Melzer angesehen…«

Conny unterbrach Sarah mit einer abfälligen Handbewegung. »Ach, was red ich eigentlich mit dir über Promis?«

Darüber wunderte sich Sarah auch. Sie war die letzte Anlaufstelle, wenn’s um Klatsch und Tratsch ging.

»Ich dachte, du kennst den Koban.«

»Warum sollte ich ihn kennen?«

»Weil den jeder kennt, Sarah. Der Typ ist der absolute Wahnsinn… sieht gut aus, gewinnt eine Verhandlung nach der anderen, ist auf fast allen wichtigen Veranstaltungen zu sehen. Seine Frau ist die Tochter eines ehemaligen Außenministers… ist schon eine halbe Ewigkeit her, dass der das war… mir fällt sein Name gar nicht mehr ein. Da sieht man wieder, wie schnell einer vergessen wird. Weißt eh, wie das ist. Wenn man einmal an der Macht war, hat man seine Haberer überall und bringt gegebenenfalls die eigenen Leute ganz nach oben. Auch den Herrn Schwiegersohn.« Wieder machte sie eine Kunstpause, diesmal, um die Behauptung der Vetternwirtschaft auf Sarah wirken zu lassen. »Nur wenn du aus welchem Grund auch immer in Ungnade fällst, liefern sie dich ans Messer«, zitierte Conny schließlich allgemeines Stammtischgeschwafel.

Sarah fragte sich, wie lange sie sich das Gerede anhören musste. Sie machte gute Miene zum bösen Spiel, denn eigentlich mochte sie Conny Soe. »Dann kommen deine Politikerhände-auf-fremdem-Arsch-Fotos ins Spiel? Hab ich recht?«

Connys böses Lächeln war Antwort genug. Die Löwin hatte Sarah die Fotos gezeigt. Sie lagen ausgedruckt und in Form einer CD in ihrer Schreibtischlade. Conny witterte Affären wie ein Jagdhund die Fährte von Wild. Manchmal wurden ihr pikante Details zugetragen. Informanten waren im Laufe der Jahre zu Freunden geworden, und Politik war ein dreckiges Geschäft.

»Trotzdem kenn ich diesen Koban nicht. Tut mir leid«, offenbarte Sarah noch einmal. »Sag, wo warst du eigentlich heute? Bei der Sitzung jedenfalls nicht, und wenn ich mir dein Outfit anseh…« Sarah deutete mit der Hand von Connys Kopf bis zu den Schuhen. »Eine Gala am Vormittag?«

»Ich war mit David im Rathaus. Erwin Steinhauer hat das Goldene Verdienstzeichen Wiens bekommen. Simon hat Fotos geschossen und lädt die gleich für die Online-Redaktion hoch. Wenn du schauen willst?«

Sarah fragte sich, warum Gabi nicht gewusst hatte, dass David mit Conny im Rathaus gewesen war. Sie würde sie später danach fragen. »Erzähl Gabi die Geschichte, dass du Karlheinz Koban am Naschmarkt gesehen hast. Die kennt den bestimmt.« Gabi kannte alle A-, B- und C-Promis, die regelmäßig in den Klatschspalten auftauchten. »Und du weißt, sie liebt solche Storys.«

Conny zog ein A5-Kuvert aus der Handtasche. »Eigentlich wollte ich dir das hier geben.«

Sarah griff danach. »Was ist das?«

»Eine Einladung zur Benefizveranstaltung im Rathaus. Ich brauche nämlich keine, bin ja als Presse akkreditiert. Vielleicht hast Lust, dann lernst ein bisschen die Szene kennen. Wird sicher nett.«

Sarah hätte gern geantwortet, dass ihr die Szene herzlich gestohlen bleiben konnte. »Danke.«

»Und zieh dir was Fesches an!« Conny machte keinen Hehl daraus, dass sie Sarahs Outfits unmöglich fand. Jeans, T-Shirt oder Pulli, je nach Jahreszeit, und flache Schuhe, meistens Sportschuhe; für die Society-Löwin eine modische Katastrophennummer, zumal Sarah nur 1,67 groß war.

Conny verließ mit wehenden Fahnen das Büro.

Sarah sah beiläufig über die Post auf ihrem Schreibtisch. Ihr Blick heftete sich auf eine weinrote Postkarte mit der Silhouette einer schwarzen Katze darauf. Auf dem Katzenkörper stand geschrieben:

»Ob eine schwarze Katze Unglück bringt oder nicht, hängt davon ab, ob man ein Mensch ist oder eine Maus.« Max O’ Rell

Sarah lächelte. Diese Karte würde sie rahmen lassen und über Maries Fressnapf hängen. Auf der Rückseite war ein Stempel mit dem Datum: Freitag, 21. Mai. Sollte sie die Karte als Zeichen verstehen? Oh Gott, jetzt fing sie auch damit an, Alltäglichkeiten zu deuten. Doch dann hatte sie eine Idee: Sie würde in der nächsten Kolumne über Katzen und deren Bedeutung im Volksglauben schreiben, darüber, dass diese edlen Wesen, denen in einigen Kulturen Dämonisches und Unheimliches nachgesagt wird, woanders Glück bringen.

Sarah holte eines ihrer Nachschlagewerke über Aberglauben aus dem Regal. Inzwischen besaß sie eine ganz beachtliche Reihe Lexika zu diesem Thema, und auch das Internet war voll davon. Bereits Bastet, die in der ägyptischen Mythologie als Katzengöttin dargestellte Tochter des Sonnengottes Ra, wurde als Göttin der Fruchtbarkeit verehrt. Wollten Gläubige der Göttin besonders gefallen, kauften sie gleich mehrere Katzen auf einmal. Diese Zeit war längst vorbei, lediglich in dem kleinen Südseestaat Osttimor in Südostasien galten Katzen heute noch als heilig. Wer eine Katze tötete, war selbst sowie seine Nachfahren bis in die siebte Generation verflucht.

Sarah klappte das Lexikon wieder zu, kehrte an ihren Schreibtisch zurück, öffnete ein neues Dokument und gab den Kolumnentitel ein: »Wer eine Katze tötet, hat Unglück.«

3

In dieser Nacht überfuhr Koban auf dem Heimweg zum ersten Mal in seinem Leben eine Katze.

Das Biest tauchte plötzlich aus der Dunkelheit vor seinem Wagen auf wie ein schwarzer Dämon mit gelb leuchtenden Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde nahm er das Tier wahr.

Bremste mit quietschenden Reifen.

Zu spät.

Es rumpelte. Dann war absolute Stille.

Der Tod war lautlos gekommen.

»Scheißviecher!«

Er fuhr rechts an den Straßenrand und sah in den Rückspiegel. Das Tier bewegte sich nicht. Es war tot. Da gab es nichts mehr zu tun. Insgeheim gratulierte er sich, seinem Sohn kein Haustier erlaubt zu haben. So ein Viech hieß nur Arbeit, Dreck und Kosten. Wenn es starb, weinte die ganze Familie und schrie nach Ersatz. Das ganze Theater konnte ihm gestohlen bleiben.

Schließlich fuhr er weiter und ließ das Tier hinter sich liegen. Juristisch gesehen sein gutes Recht. Eine Katze war kein Wild, sondern ein Haustier. Streng genommen konnte er den Besitzer ausfindig machen und ihn den Schaden am Auto zahlen lassen. Aber er wollte kein Unmensch sein.

Als er den Wagen durchs Gartentor zur Villa lenkte und in seine Garage vorfuhr, hatte er den Vorfall mit der Katze schon vergessen. Vor der Haustür blieb er kurz stehen, atmete drei Mal tief ein und aus. Sein Sohn schlief sicher schon. Er musste morgen früh zur Schule. Fabian war acht Jahre alt und ging auf die American International School in der Salmansdorfer Straße. Seine Frau Silvia saß entweder vor dem Fernseher oder plante die nächste Benefizparty. Sie würden einige Belanglosigkeiten austauschen, ein Glas Rotwein trinken und dann, hoffte er, würde sie für alles andere viel zu müde sein wie meistens, denn er verspürte absolut kein Verlangen nach mehr. Dagmar leistete ganze Arbeit.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss und betrat das Haus. Es duftete verführerisch nach gutem Essen.

»Ich hab etwas Feines vorbereitet«, begrüßte ihn Silvia.

Er küsste sie auf die Wange. »Das hättest du nicht tun müssen. Ich hab mit einem Klienten in der Stadt gegessen.«

Sie schien nicht enttäuscht zu sein. »Hab ich mir schon gedacht, weil ich dich nicht erreichen konnte, und deine Sekretärin meinte, dass du gleich nach dem Gericht zu einem anderen Klienten müsstest und nicht mehr in die Kanzlei kommen würdest.«

Die gute Frau Schmid. Sie hatte wieder einmal für ihn gelogen. Ob sie wusste, mit wem er sich traf?

»Ist eh nur eine Kleinigkeit. Zum Feiern«, redete Silvia munter weiter. So aufgekratzt und feierlich hatte er sie lange nicht mehr erlebt. Ihre dunklen Augen blitzten förmlich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Silvia sich richtig schön gemacht hatte. Ein rot-schwarzes Kleid, dazu schwarze Pumps. Sie sah gut aus, hielt eine Flasche Champagner in der Hand. Ein Bild, das man sonst nur aus Liebesfilmen kannte, kurz bevor eine zumeist sehr attraktive Frau einem ebenso attraktiven Mann in die Arme flog.

Wenn Silvia das tat, wurde ihm schlagartig bewusst, dass er sie nicht mehr begehrte. Seit einem halben Jahr übernachteten sie in getrennten Schlafzimmern. Seither hatten sie zwei Mal miteinander geschlafen. Nicht aus einem Gefühl der Zuneigung oder des Begehrens heraus. Vielmehr aus Pflichterfüllung. Dieser Pflichterfüllung musste er demnächst wieder nachkommen. Irgendwann. Nicht heute.

»Was feiern wir denn?«, fragte er, weil sie das sicher erwartete.

»Stell dir vor, wer heute zugesagt hat, zu meiner Benefizveranstaltung zu kommen!«

Fast hätte er die Veranstaltung im Rathaus vergessen, obwohl ihn Silvia und seine Sekretärin regelmäßig daran erinnerten. Irgendwas mit Kindern, so weit konnte er sich erinnern. Seit Fabians Geburt drehten sich all ihre Aktivitäten um Kinder. In Wahrheit interessierten ihn die Partys schon lange nicht mehr. Dennoch versuchte er neugierig dreinzublicken.

»Das errätst du nie!«

»Mach’s nicht so spannend.«

»Viktor Baumann«, posaunte Silvia den Namen stolz heraus.

»Viktor Baumann«, wiederholte Koban ungläubig. Die Nachricht entlockte ihm ein Stirnrunzeln. »Wie das? Es ist warm hier herinnen.« Er zog sein Sakko aus und hängte es über die Stuhllehne. »Du hast in unseren Gesprächen nie erwähnt, dass du Viktor Baumann kennst. Oder hast du ihm ins Blaue hinein eine Einladung geschickt?«

»Ich kenne ihn nicht. Er ist ein Bekannter meines Vaters.«

»Aha.« Warum hatte dann nicht er, Koban, Baumanns Tochter vertreten? Dann hätte das heute im Gerichtssaal anders ausgesehen, schoss es ihm durch den Kopf. »Und dein Vater hat ihn eingeladen? Wann?« Er war sicher, dass Silvia von der Zusage seit Tagen wusste und es ihm nur aus Zeitmangel nicht hatte erzählen können. Denn einer der erfolgreichsten Unternehmer Österreichs nahm nach einer Niederlage vor Gericht garantiert keine Einladung zu einer Benefizparty an, die die Ehefrau des Anwalts der Gegenpartei organisierte. »Wann hat er zugesagt?«

»Wann mein Vater mit ihm telefoniert hat, kann ich dir nicht sagen. Es zählt doch nur, dass Baumann mich heute Nachmittag angerufen und zugesagt hat. Ich habe länger mit ihm geplaudert. Ein sympathischer Mann. Glaubt man nicht, dass ein so erfolgreicher Unternehmer sich die Zeit nimmt, persönlich anzurufen«, zeigte sich Silvia restlos begeistert von Baumann.

Koban verzog das Gesicht zu einem gekünstelten Lächeln. »Freut mich.«

Das werden Sie bereuen.»Woher hat er deine Telefonnummer?«

»Hat mein Vater ihm gegeben.«

»Aha«, versuchte Koban gleichgültig zu klingen. Er schaute über ihre Schulter hinweg. »Und was gibt’s jetzt zu essen?« Er hatte es sich anders überlegt, wollte sich stärken und etwas Zeit gewinnen, bevor er mit Silvia ins Bett steigen würde, um seinen Besitz zu markieren.

»Ach ja, mein Vater lässt dir ausrichten, er würde es sehr begrüßen, wenn du in nächster Zeit keine derart gelagerten Fälle mehr annehmen würdest.«

»Derart gelagert? Was meint er damit?«

»Na, du weißt schon. Die Sache mit Jutta Baumann.«

»Und aus welchem Grund?«

»Er meint, das schade unserem Ansehen, wenn du Leute wie diesen Weninger vertrittst.«

»Er ist unschuldig.«

Silvia hob die Augenbrauen. »Vater wünscht es. Vorübergehend.«

»Wie lange ist vorübergehend?«

»Bis sich die Wogen geglättet haben. Baumann ist halt ein alter Freund, das musst du verstehen. Es war nicht schön und gar nicht im Sinne der Familie, gegen seine Tochter vorzugehen.«

»Ich bin Anwalt, Silvia. Ich verbringe meine Zeit mit derart gelagerten Fällen vor Gericht und nicht bei einem Kaffeekränzchen.« Sollte er sie an den Schultern packen und schütteln, damit sie zur Besinnung kam? »Muss ich jetzt jedes Mal deinen Vater fragen, ob ich einen Fall annehmen darf oder nicht?«

»Sei nicht albern. Komm jetzt! Das Essen ist fertig.«

Koban seufzte. Es war wieder einmal so weit. Sein Schwiegervater mischte sich in ihr Leben ein, und Silvia unterstützte ihn dabei.

*

Birgit Pohn starrte auf die Uhr in der Küche. Viertel nach acht.

Wo blieb Monika? Nervös und ein wenig verstimmt arrangierte sie das Gedeck neu, drehte die Sektgläser hin und her, richtete zum wiederholten Mal die Servietten. Alles war fertig. Nur Monika fehlte. Sie las zum wer-weiß-wievielten Mal die SMS ihrer Freundin, die gegen Mittag gekommen war: »Stell Prosecco kalt, ich bring was vom Japaner mit, bin um sieben bei dir, dann feiern wir. Wenn’s dir recht ist, schlaf ich bei dir. Muss dir viel erzählen!«

Natürlich war Birgit das recht. Ihre Freundin schlief oft bei ihr, meistens dann, wenn sie zusammen kochten, es sich in Jogginghose und Schlabbershirt bequem machten und die halbe Nacht über alles Mögliche quatschten. Vor ein paar Tagen hatte Monika etwas von einem lukrativen Job erzählt, den sie heute erledigen wollte. »Damit bin ich meinem Traum um drei Schritte näher.« Monikas Worte. Ihr Traum: eine Reise nach Australien.

Seit einer Stunde versuchte Birgit ihre Freundin zu erreichen, doch sie kam nur auf die Sprachbox. Ungewöhnlich. Sogar für Monikas Verhältnisse. Eine halbe Stunde Verspätung war im Bereich der Normalität. Eine Stunde beunruhigend.

Birgit schenkte sich ein Glas Wein ein, nur zur Beruhigung. Sie begann, mit dem Glas in der Hand in der Wohnung umherzugehen. Ihre Wohnung war nicht besonders groß. Es gab ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Bad und ein WC auf 60 Quadratmetern. Die Wände waren weiß gestrichen und mit unzähligen Fotos hinter Glas verziert. Auf den meisten Fotos waren die gleichen Motive zu sehen: Monika und Birgit in allen möglichen Posen und Situationen. Hatte Birgit eine Beziehung mit jemandem, kamen diese Bilder dazu und wurden wieder weggenommen, sobald die Beziehung beendet war.

Halb neun.

Ihr Magen knurrte.

Ihr Körper signalisierte leise Panik.

Ihre Kehle war trocken.

Sie holte sich ein zweites Glas Wein aus der Küche, drückte zum x-ten Mal die Wahlwiederholung. »Hallo, hier ist Monika…«

Scheiße. Wieder die Sprachbox.

»Monika! Ruf endlich an!«

Der Uhrzeiger der Küchenuhr rückte erbarmungslos Minute für Minute weiter. Die fortschreitende Zeit kannte kein Erbarmen, nahm keine Rücksicht darauf, dass jetzt nackte Angst Birgits Rücken hinaufkroch.

Fünf vor neun.

Ihr Handy läutete. Ein Gefühl der Erleichterung stieg in ihr auf, gleichzeitig schoss ein heftiger Adrenalinstoß durch ihren Körper. Auf dem Display leuchtete Monikas Nummer. Sie drückte den grünen Knopf. »Na endlich! Wo steckst du, Monika? Ich warte hier auf dich!«

Niemand meldete sich. Sie hielt das Handy vor die Augen, kontrollierte die Signalstriche auf dem Display. War die Leitung tot?

»Monika?«

Sie glaubte, ein Stöhnen zu hören.

»Alles in Ordnung?«

Ihre Hand zitterte. Verdammte Scheiße. Was war da los?

»Ist dir was passiert? Red mit mir! Monika!« Birgits Stimme überschlug sich. Sie war mit den Nerven am Ende. Erst die Warterei, ohne Monika erreichen zu können, und jetzt das. Irgendetwas war passiert, sonst wäre Monika nicht so eigenartig. Birgit begann zu weinen. Sie wollten doch feiern. Anstoßen auf die 5000 Euro. Doch jetzt sah sie vor ihrem inneren Auge ihre Freundin verletzt auf einer einsamen Straße liegen, angefahren von einem Autofahrer, der die Flucht ergriffen hatte. »Wo bist du, um Himmels willen?«

»Hilf mir, Birgit!«

Die Verbindung wurde unterbrochen. Das war das Letzte, was sie von ihrer Freundin hören sollte.

Dienstag, 25. Mai

4

Verdammt!

Sekundenlang starrte Sarah Pauli auf das Ziffernblatt ihres Weckers. Die Uhrzeit ließ sich nicht ändern. Sie hatte vergessen, die Weckfunktion einzuschalten, und prompt verschlafen. Hastig sprang sie aus dem Bett und spürte auf der Stelle einen stechenden Schmerz. »