Die Wittgensteins - Peter Eigner - E-Book

Die Wittgensteins E-Book

Peter Eigner

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Beschreibung

Sie zählten zu den reichsten Dynastien des Fin de Siècle: Die Wittgensteins. Karl, ein gefürchteter Stahl- und Eisenmagnat, hatte eines der größten Firmenkonglomerate der Habsburgermonarchie erschaffen und bildete als Mäzen der Künste das Zentrum der feinen Wiener Gesellschaft. Doch hinter der schillernden Fassade entfaltete sich die Geschichte einer zutiefst unglücklichen Familie, die exzentrische, tragische Persönlichkeiten und mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein gar ein Genie hervorbringen sollte. Facettenreich porträtiert Peter Eigner Glanz und Tragödie des Hauses Wittgenstein. Eine packende, erschütternde Wirtschaftsund Familiensaga zwischen Gründerzeit und Zweiter Republik.

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PETER EIGNER

DIE

WITTGEN STEINS

GESCHICHTE EINER UNGLAUBLICH REICHEN FAMILIE

Reminiszenz an das alte Wien: Gartenfest in der Neuwaldegger Villa Karl Wittgensteins. Links tanzend Margarete Wittgenstein. Foto von Ferdinand Schmutzer, 1903.

INHALT

AUF SPURENSUCHE

EINLEITUNG

Reich und glücklich?

Annäherungen an eine ferne Welt: Ein Abend bei Wittgensteins

KEINE SCHLECHTE PARTIE

HERMANN WITTGENSTEIN UND DIE FIGDORS

Von Herz Meyer zu Hermann Christian Wittgenstein

Die Geschäfte der Familie Figdor

Wittgensteins Wohlstand wächst

Hermann und Fannys Kinder: Stärkung der Wiener Evangelischen Gemeinde

Das Wien der Gründerzeit und der Ringstraßenära

VOM TELLERWÄSCHER ZUM STAHLBARON

KARL WITTGENSTEIN UND SEIN AUFSTIEG ZUM MULTIMILLIONÄR

On the road: Karl Wittgenstein in Amerika

Schritt für Schritt: Berufseinstieg und Familiengründung

Unterstützung auf Gegenseitigkeit: Die Familie Kupelwieser

Karl Wittgensteins Eroberungsfeldzüge

Der „Wittgenstein-Clan“: Ein Netzwerk von „Big Linkern“

Die Übernahme der Böhmischen Montangesellschaft und der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft

DAS DESASTER DES „ÜBERVATERS“

KARL WITTGENSTEINS ERZIEHUNGSMETHODEN

Das neue Domizil: Die Alleegasse

Musik im Hause Wittgenstein

DER „ALLGEWALTIGE DER ÖSTERREICHISCHEN EISENINDUSTRIE“

AM HÖHEPUNKT DER MACHT

Ein Rückzug auf Raten

Familientragödien und Schicksalsschläge

Der „Übervater“

UNFASSBAR REICH: ROTHSCHILD, GUTMANN UND KONSORTEN

DIE KONKURRENZ WITTGENSTEINS

KARL WITTGENSTEIN: EINE ART NACHRUF

ALLES „ERFUNDEN, ERDICHTET UND UNWAHR“

Der Industriemagnat Karl Wittgenstein

„PLÖTZLICHER RAUSCH DES PATRIOTISMUS“

DIE WITTGENSTEINS UND DER KRIEG

WENDEZEITEN – ZEITENWENDE

UMBRÜCHE UND NEUFINDUNGEN 1918–1938

Neuorientierungen: Die Wittgensteins im Nachkrieg

Volksschullehrer Ludwig Wittgenstein: Geschichte eines Scheiterns

Große Lieben, dicke Freunde und Subjekte des Kümmerns

Pauls „Eskapaden“

ERPRESSUNG, BERAUBUNG UND EIN FAMILIENZWIST

DIE NS-ZEIT

ABG(ES)ANG EINER GENERATION

DIE WITTGENSTEINS 1945–1961

EINE FAMILIE WIE EINE EIGENE WELT

NACHGEDANKEN

ANHANG

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweis,

Danksagung

Margaret Stonborough-Wittgenstein. Gemälde von Gustav Klimt, 1905. Neue Pinakothek München.

Margaret Stonborough-Wittgenstein mit ihren Söhnen John und Tommy im Schweizer Exil in Lausanne, um 1917/18.

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

LEO TOLSTOI, ANNA KARENINA

AUF SPURENSUCHE

EINLEITUNG

So viel habe ich jetzt gelesen über die Wittgensteins, etwa Hermine Wittgensteins „Familienerinnerungen“, und dabei spielt ihr Sommersitz Hochreith eine besondere Rolle. Also, nichts wie hin, das war ohnehin immer geplant, wie auch eine Reise nach Teplice und zu einigen böhmischen Standorten des Wittgenstein’schen Industrieimperiums. Ich weiß, dass die Hochreith, die auf guten Karten verzeichnet ist, ziemlich entlegen liegt. Ob das Anwesen mit dem Auto zu erreichen ist oder nur zu Fuß, man wird sehen. Eine Odyssee mit ungewissem Ausgang, vom Anwesen gibt es nur wenige Ansichten. Es gibt noch andere Ziele meiner Exkursion: Nicht weit von der Hochreith, auf der anderen Seite des Traisentals, hatte sich schon einige Jahre zuvor ein Bruder Karl Wittgensteins, Paul senior, ein Landhaus bei Hohenberg, die Bergerhöhe, errichten lassen, um- und ausgebaut von Josef Hoffmann, dem gewissermaßen Haus- und Hofarchitekten der Familie.1 Auch einige andere Hoffmann-Bauten warten, so die Forstamtsdirektion in Hohenberg, in der heute noch die Wittgenstein’sche Forstverwaltung untergebracht ist, und eine kleine evangelische Waldkirche in St. Aegyd.

Die Kirche ist unerwartet, es ist gegen 18 Uhr, geöffnet. Sie liegt sehr schön, entlegen, am Waldrand und ist ein schlichter Bau, innen wie außen, aber mit einigen Merkmalen der typischen Hoffmann-Architektur versehen. Wir bemerken bei der Besichtigung im kargen Inneren nichts von einem heftigen Wolkenbruch, erst als wir aus der Kirche heraustreten, ein gewaltiger Guss, aber bald vorbei, ein Regenbogen verkitscht diesen Moment, noch mehr aber ein Reh, das 30, 40 Meter von uns aus dem Wald kommend uns aufmerksam beäugt und dann wieder verschwindet. Fast magisch mutet dieser Augenblick an.

Als anstrengender sollen sich die Besuche der Hochreith und des ehemaligen Paul-Wittgenstein-Anwesens erweisen: Beide erfordern längere Fußmärsche, bergauf, auf privaten Schotterstraßen. Wir wissen trotz Navi nicht genau, wo die Hochreith liegt, wissen nicht, wie weit wir uns mit dem Auto nähern können. Man fühlt sich bald wie ein Eindringling. Als erste Verbotsschilder mit dem Hinweis auf eine Privatstraße, die nur für Anrainer geöffnet ist, auftauchen, suchen wir vorsichtshalber einen Parkplatz und finden ihn bei Bauern, die wir um Erlaubnis fragen. Ich bin im Hoffmann- und Wittgenstein-Fieber, selbst die bäuerliche Scheune, ein Fachwerkbau, erinnert mich an Hoffmann’sche Villenbauten. Der Aufstieg beginnt (ich übertreibe ein wenig, es sind rund vier Kilometer, die auf uns warten, leicht ansteigend), wir passieren einen Schranken (spätestens hier wäre die Autofahrt zu Ende gewesen), begegnen einem idyllische Anwesen mit Schwimmteich, immer wieder eröffnen sich herrliche Blicke auf die umliegende Berglandschaft, prächtige Natur in allen Grünschattierungen, Ochsenkraut am Wegesrand. Wir gehen durch einen in den Felsen gesprengten Tunnel, hier ein erster Hinweis auf Karl Wittgenstein in einer eingelassenen Tafel. Dann ein Marterl, besser eine kleine Kapelle, renoviert, am Wegrand – auch das glaube ich auf Fotos schon gesehen zu haben. Wir nähern uns, die Hochreith wird sichtbar. Ein großes, fast schlossartiges Gebäude, ein Holzhaus, einige kleine Nebengebäude. Von der Straße ist nur eine Seite des Gebäudes auszumachen. Die Zufahrt zum Haus ist zwar unversperrt, aber auch hier hängt eine Tafel, die uns den Zugang verwehrt. Viel ist leider nicht zu sehen, rundherum teils Weiden, alles eingezäunt, also auch keine Möglichkeit, das Haus aus anderen Perspektiven zu betrachten. Der Mut, uns zu nähern, fehlt, in die Privatsphäre anderer einzudringen ist nicht unsere Absicht. Eine wunderschöne Lage, aber weitab von jeder Zivilisation, isoliert, schwer zu erreichen, insbesondere wenn man an die damaligen Transport- und Verkehrsmöglichkeiten denkt. Ließ sich Karl Wittgenstein hier schon mit seinen Autos hinaufchauffieren oder noch im Pferdewagen? Ich bin an einem zentralen Schauplatz meiner Geschichte. Auf der Hochreith war häufig die ganze Familie Karl Wittgensteins versammelt, sie hat viele Gäste gesehen, weitere Verwandte, Freundinnen und Freunde, Bekannte, Geschäftsfreunde aus der Wittgenstein-Gruppe, hat Feiern und Feste, Streits und Tragödien, Schmerz und Freude erlebt.

Ähnlich versteckt das für Paul Wittgenstein errichtete Anwesen, die Bergerhöhe, auf der anderen Talseite. Auch hierhin führt eine geschotterte, nur für Anrainer zu befahrende Privatstraße, die aber auch als Wanderroute markiert ist. Diesmal ist der Fußweg steiler und schlängelt sich in Serpentinen durch einen wunderschönen Mischwald rund zweieinhalb Kilometer, bis man zum Anwesen gelangt. Das Haus ist kleiner als die Hochreith und ist bereits von außen als Hoffmann-Architektur auszumachen: der Eingang, die Fenster, das Dach. Über dem Eingang die Inschrift (bei der viele an einen Schreibfehler denken): „Das Haus des Friedes in Stille. Luther.“ Auch hier fühlen wir uns als Eindringlinge, sind es auch. Zwar ist das Tor offen, ein Schild weist allerdings warnend auf einen Hund hin, ein anderes, offizielles des Landes Niederösterreich, auf einen Naturgarten. Das Anwesen besteht aus mehreren Gebäuden, einige davon neu, größtenteils in Holzbauweise, errichtet. Wir nähern uns vorsichtig, ein Hund beginnt zu bellen, wir entscheiden, zu gehen.

Hohenberg, St. Aegyd, dazu noch Furthof waren „Wittgenstein-Land“,2 waren bedeutende Industriestandorte (und sind es heute noch in verkleinertem Maßstab). Die St. Egydyer Eisen- und Stahlindustriegesellschaft befand sich eine Zeit lang im Besitz der Wittgensteins, ehe Karl Wittgenstein das Werk an die Gebrüder Böhler verkaufte und im Gegenzug 5.500 Hektar Wald von den Böhlers erwarb. Die Gemeinden sind weiterhin Industriestandorte, die frühere Bedeutung dieser Industrieregion entlang des Traisentals lässt sich aber nur mehr erahnen. Ein erster Niedergang traf die Kleineisenindustrie der Eisenwurzen im Laufe des 19. Jahrhunderts. Nur einige wenige Unternehmen konnten sich ins Industriezeitalter retten, vermochten großbetriebliche Organisationsformen anzunehmen. Nicht unmaßgeblich vorangetrieben wurde dieser Modernisierungsprozess von Karl Wittgenstein. Prächtige, heute teils herausgeputzte, frisch renovierte, häufiger aber ein wenig bis stark verwahrlost scheinende Häuser, Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende entlang der Hauptstraßen, zeugen vom einstigen Reichtum dieser Gemeinden, zahlreiche Gasthäuser ebenso, wie es scheint, sind sie seit Jahren geschlossen. Was es gibt, ist Fahrrad- und Motorradtourismus, es befinden sich beliebte Motorradstrecken, Annaberg und Gscheid, hier ganz in der Nähe, ein Radweg führt entlang der meist pittoresken Traisen. Der wichtigste Tourismus ist allerdings der Pilgertourismus, hier führt die Via Sacra nach Mariazell.

Mein Pilgertourismus galt Karl Wittgenstein. Ich wollte wissen, wo die Wittgensteins viele Monate verbracht haben. Vor allem die Hochreith bildete immer wieder ein Zentrum und einen Rückzugsort der Familie. Ich wollte wissen, welche Spuren sie hinterlassen haben, und letztlich hat mir mein „Wittgenstein-Tourismus“ trotz aller Widrigkeiten und trotz der eingeschränkten Blicke das Leben der Familie nähergebracht.

REICH UND GLÜCKLICH?

Auf der Suche nach einem Titel bzw. Leitmotiv für dieses Buch stieß ich auf Hermine Wittgensteins Zitat „Kein Stein wird auf dem andern bleiben“3 aus dem Jahr 1938, das, zugegebenermaßen ein wenig aus dem zeitlichen Zusammenhang gelöst, sehr zutreffend das Schicksal der Familie charakterisiert. Brüche und Vermögenseinbußen, herausgebrochene Steine, um im Bild zu bleiben, gab es schon vorher, etwa 1918. Am Ende, nach dem Zweiten Weltkrieg, wird dann tatsächlich kein Stein auf dem anderen geblieben sein, mehr als nur symbolisch dafür steht der Abriss der Anwesen in der Alleegasse und der Neuwaldegger Straße. Der Fast-Abriss des Hauses Stonborough-Wittgenstein in der Kundmanngasse hätte die baulichen Spuren der Familie Wittgenstein in Wien ganz verschwinden lassen. Das Zitat findet sich jetzt als Leitmotiv der hier erzählten Geschichte. Auch Licht und Schatten, Aufstieg und Niedergang und ähnliche Bilder schienen naheliegend. Licht und Schatten fallen zwar wohl auf jede Familie, doch es scheint besonders viel Licht, aber auch besonders viel Schatten auf diese Familie(n) gefallen zu sein. Die Familiengeschichte der Wittgensteins verlief teils wie ein Märchen, strahlend, mit Glanz und Gloria, und dann wieder dramatisch, ja äußerst tragisch, katastrophal. Es ist die Geschichte einer unglaublich reichen Familie, aber eben auch eines Reichtums mit Schrecken.

„Kein Stein wird auf dem andern bleiben.“

HERMINE WITTGENSTEIN, 1938

Einerseits unermesslicher Reichtum, Reisen, Soireen, teure Hobbys, Hingabe an die Kunst. Das Palais Wittgenstein in der Alleegasse ist ein gutes Beispiel für Letzteres. Es ist voller Kunstgegenstände, viele von Künstlern, die der Familie persönlich bekannt sind, und in diesem Haus gibt man sich der Kunst, insbesondere der Musik, wirklich hin. Doch die Familiengeschichte der Wittgensteins birgt andererseits viele tragische Momente. Das Schicksal hat es mit dieser Familie nicht gut gemeint, ist man schnell geneigt zu urteilen. Das Schicksal oder waren es nicht vielmehr die eigenen hohen Erwartungen bzw. die hohen Erwartungen erst Hermann, dann – noch einmal zugespitzt – Karl Wittgensteins, an denen einige Wittgensteins, vor allem etliche ihrer direkten Nachkommen – wie es scheint – zerbrochen sind. An den Erwartungen der Väter, teils, aber weniger, der Mütter, sind viele Kinder gescheitert und im großbürgerlichen Milieu dürfte dieser Druck besonders stark gewesen sein, so stark, dass ihm viele nicht standhielten. Die Häufung von Suiziden junger, vorwiegend Männer im Wiener Großbürgertum ist auffällig.

Die Wittgensteins waren reich, schwerreich. Sie hätten ein unbeschwertes Leben führen können, sich der Kunst widmen, auf Reisen begeben, sich auf ihren Gütern dem Müßiggang hingeben, ohne lästige tägliche Arbeit, doch so waren sie nicht „gestrickt“, auch die Frauen nicht, denen zu dieser Zeit in ihrem Milieu noch keine berufliche Existenz zugestanden wurde – viele empfanden ein solches Leben ohne Herausforderung als sinnlos. Und einige, die sich tatsächlich ihre künstlerischen Träume verwirklichen wollten, wurden daran gehindert. Dem Leben durch Arbeit einen Sinn zu geben, scheint wichtiger gewesen zu sein als der Reichtum, auch wenn nur Ludwig Wittgenstein so weit ging, ganz darauf zu verzichten – des Rückhalts der Familie konnte auch er sich sicher sein. Das, was als Abstieg gewertet wurde, als großer Vermögensverlust, darüber hätten andere nur den Kopf geschüttelt und sich gewundert. Selbst das verbleibende Kapital hätte, aufgeteilt auf zigtausende arme Haushalte, wohl vielen zu ein wenig Glück verholfen. Auf die Perspektive kommt es an, zweifellos. Alle Kinder Karl Wittgensteins kamen bereits reich zur Welt und profitierten schon in jungen Jahren von ihrem Reichtum. Der Reichtum allein übt eine große Faszination aus, er öffnet Türen, eröffnet Möglichkeiten, und wer träumt nicht (zumindest gelegentlich) davon, reich zu sein. Doch was nützt all der Reichtum, könnte man angesichts der Schicksale einiger Familienmitglieder der Wittgensteins fragen? Reichtum allein macht oft nicht zwangsläufig glücklich, auch das lehrt die Geschichte dieser Familie, wenn es auch aufs Erste nach einer Binsenweisheit klingt – und ohne zynisch sein zu wollen angesichts der existenziellen Not großer Teile der Bevölkerung. Andererseits war es das der Familie verbliebene Vermögen, das ihnen 1938 und danach vielleicht (noch) Ärgeres ersparte.

Es ist die Geschichte eines sich rasch vermehrenden Vermögens in den ersten Generationen, angewachsen unter Hermann Christian Wittgenstein und beträchtlich erweitert von seinem Sohn Karl Wittgenstein. Spätestens seit den 1890er Jahren kann man von einer unglaublich reichen Familie sprechen. Danach ist es die Geschichte eines in mehreren Etappen zumindest kleiner werdenden Vermögens und Reichtums. Vom Industrieimperium bleibt der Familie nichts, keiner möchte in die beruflichen Fußstapfen des übermächtigen Vaters treten (wenn auch niemand so weit ging wie Ludwig mit seinem Erbverzicht). Der Niedergang, der nach 1918 einsetzte, war dann wohl auf einige Fehlinvestitionen zurückzuführen, doch blieb ein Teil des Vermögens gut verwahrt in der Schweiz und ein weiterer Vermögenseinbruch erfolgte durch die Erpressung seitens der Nationalsozialisten und führte zur Aufgabe vieler Besitzungen nach 1945. Das Vermögen Karl Wittgensteins rettet seine Nachkommen über die Zeiten.

Es ist in vielem eine ganz „gewöhnliche“ Geschichte, in vielem aber eine einzigartige und mit Sicherheit eine außergewöhnliche Story, ein „gefundenes Fressen“ sozusagen – mit allen Ingredienzien eines Hollywood-Films: Ausreißversuche, Abenteurerleben in den USA, Krebs, Krieg, Invalidität und strahlende Klavierkarriere, ein Genie in der Familie, Homosexualität, Suizid, Vater-Sohn-Konflikte, Verzicht aufs Erbe, ein Salon als musikalisches Zentrum im Wien der Jahrhundertwende, unermesslicher Reichtum, dazu Klimt, Hoffmann, Brahms und jede Menge weitere Prominenz, versteckte Geliebte und Kinder, alles Elemente einer teils unglaublich anmutenden Familiengeschichte, jener der Wittgensteins. Allein Karl Wittgensteins Biografie zeigt filmreife Züge, endgültig zur Tragödie wird die Familiengeschichte in der nächstfolgenden Generation. Insgesamt neun Kinder setzt Leopoldine Wittgenstein, Karls Ehefrau, in die Welt, ein Mädchen stirbt bei der Geburt. Auf den fünf Söhnen Karl Wittgensteins dürfte mehr Erwartungshaltung konzentriert gewesen sein, da ging es auch um die geschäftliche Nachfolge, als auf den Töchtern, die mehr Freiheiten genossen. Wirkliche Liebe und Zuneigung dürften aber auch sie nicht erfahren haben. Hermine als Erstgeborene scheint hier zumindest väterlicherseits mehr Glück gehabt zu haben. Der Vater autoritär, geschäftig und umtriebig, die Mutter zwar nach außen liebevoll, aber demütig, wichtig zunächst das autoritäre Kindermädchen. Die schulische Erziehung wird anfangs privaten Hauslehrern überlassen, die so einen großen Einfluss auf die Kinder erlangen.4 Die Kinder werden abgeschottet von der „normalen“ Welt draußen. Es ist an dieser Stelle zwar verfrüht, etwa bei Ludwig oder auch Paul Wittgenstein, auf jeweils spezifische Weise, eine gewisse Weltfremdheit zu konstatieren, eine Schwierigkeit, sich zu arrangieren, und man ist rasch geneigt, dies auf die jahrelange Isolation von einer Alltagswelt zurückzuführen. Doch oft sind die naheliegenden, sich aufdrängenden Schlüsse nicht die richtigen, unsere Interpretationen daher falsch. Dass diese beiden jüngsten Kinder Karl Wittgensteins, beide auf ihre Art sehr speziell, „innerhalb der Familie als keineswegs außergewöhnlich angesehen wurden, dokumentiert [jedoch] die Außergewöhnlichkeit der Maßstäbe, die hier galten“,5 wobei ich das im Fall Ludwigs nicht unterstreichen würde, den seine Schwestern, vor allem Hermine, als Genie betrachteten.

Drei Söhne Karls (zwei davon gesichert) nehmen sich das Leben. Sie dürfen bzw. können und trauen sich nicht das Leben zu leben, das sie sich vorstellen, etwa ausschließlich ihren künstlerischen Ambitionen nachzugehen. Karl Wittgenstein, der sich mit seinem Vater und dessen Wünschen und Erwartungen schwertat, wie seine Biografie, vor allem sein Ausreißen (in Form einer Flucht nach Amerika), deutlich macht, hat nichts gelernt aus seinen eigenen Erfahrungen und seiner eigenen Widerspenstigkeit, möchte seinen Söhnen derartige Eskapaden, ausgefallene, widersetzliche Verhaltensweisen austreiben, diese erst gar nicht aufkommen lassen, obwohl oder weil er selbst ein derartiges Verhalten als junger Mann gezeigt hatte. Sich einem übermächtigen autoritären, fordernden Vater zu entziehen, das hatten schon die Nachkommen Hermann Wittgensteins erfahren, war schwierig, noch schwieriger war es dann für die Kinder Karls, sich dessen Einfluss zu entziehen. Ohne jeden Zweifel war Karl Wittgenstein eine erdrückende Vaterfigur, ein „Übervater“.

In dieser höchst individuellen Familiengeschichte spiegelt sich aber auch allgemeine „Gesellschaftsgeschichte“. Die Wittgensteins gehörten zweifellos seit ihrer Ansiedlung in der Kaiserstadt dem Wiener Großbürgertum an. Sie waren in vielen Belangen typische, repräsentative Vertreter des österreichischen bzw. Wiener Großbürgertums, zutreffender wäre wohl eines Teils davon, in der zweiten Hälfte des 19. bzw. der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Familiengeschichte finden wir zahlreiche Facetten des großbürgerlichen Lebens vor, dieses Milieu und der damit verbundene Habitus bilden gewissermaßen die Folie, vor der sich diese Geschichte entfaltet.

ANNÄHERUNGEN AN EINE FERNE WELT: EIN ABEND BEI WITTGENSTEINS

Ich sitze in einem bequemen Fauteuil, einem Ohrensessel, passen würde auch eine Chaiselongue. Ich höre Brahms. Ich blättere in einem Katalog, einem Kunstbuch zum Wiener Fin de Siècle, schließe die Augen, konzentriere mich auf die Musik, die Geigenklänge, und viele Bilder dieses Wiens der Jahrhundertwende um 1900 tauchen vor mir auf. Eines davon ist ein Salon in einem Gründerzeit-Palais. Ein Salon, ausgestattet mit Kunstwerken unterschiedlicher Gattungen, Tapisserien, Gemälden, Skulpturen, aus heutiger Sicht ein wenig überladen. Ein Salon, in dem mehrere Konzertflügel stehen und sich ein elegantes, größtenteils musikkundiges Publikum versammelt hat und andächtig Johannes Brahms höchstpersönlich lauscht. Danach wird zu Tisch gebeten, die Jungen getrennt von den Ehrengästen. Tischreden werden gehalten, einer beginnt, ernst oder humorvoll, der nächste erwidert.

Wir sind im Salon des Großindustriellen Karl Wittgenstein und seiner Frau Leopoldine in der Alleegasse. Leopoldine, selbst eine begabte Pianistin, führt das Haus Wittgenstein als musikalisches Zentrum. Sie setzt damit bereits eine Tradition fort, die ihre Schwiegereltern, Hermann und Franziska Wittgenstein, begründet haben.

Nicht nur die ganze Familie musizierte, alle spielten mehrere Instrumente, teils ausgezeichnet, es wurden bedeutende Musikerinnen und Musiker eingeladen, um hier eigene oder fremde Kompositionen darzubieten. Eine Welt wohl, die schwer nachempfunden werden kann, wenn man nicht selbst diesem erlauchten Kreis und jener Gesellschaftsschicht angehörte. Der Zugang in die Salons und zu den Soireen war ein exklusiver, vor allem, wenn auch nicht unbedingt ausschließlich, an Reichtum, Ruf, gesellschaftlichen Status oder künstlerisches Können geknüpft. Ein paar Originale, Außenseiter, „verarmte Genies“ vertrug so ein Salon, schmückte diesen bisweilen sogar und unterschied ihn von anderen, aber auch diese wenigen waren auserwählt, mussten was können, für etwas herhalten, eine Rolle in diesem großbürgerlichen Schauspiel einnehmen.

In die Musik vertieft, die Augen geschlossen, tauchen viele Bilder vor mir auf, nach nunmehr jahrelanger, meine Frau würde sagen fanatischer Beschäftigung mit der Familie: Weihnachtsfeste mit alljährlich gleichem Ritual, Karl Wittgensteins Töchter stolzierend im Laxenburger Schlosspark, seine legendären Zusammenkünfte mit seinen Freunden auf seinem Landsitz Hochreith, Streitszenen im Hause Wittgenstein, Begegnungen mit herausragenden Persönlichkeiten jener Zeit, Musikern, Malern, Wirtschaftsbossen.

Vergessen wir aber andererseits nicht: Rauchende Schlote, Fabrikslandschaften, Kohlehalden und -flöze, stolze, streikende Arbeiter, nicht nur unermesslicher Reichtum, sondern viel häufiger Elend, Arbeitstage von zwölf Stunden täglich, sechsmal die Woche, wenn man Arbeit hatte, wenn nicht, tägliches Anstellen um Arbeit, enorm hohe Mieten für die Zimmer-Küche-Wohnungen ohne Wasser und Klosett in den Wiener Zinskasernen, zusammengepfercht auf engstem Raum, nicht anders in den Fabriksiedlungen der böhmischen Kohlenreviere und Stahlwerke. Die Kehrseite des Reichtums.

Wie viele Personen bzw. Familien dieses Wiener Großbürgertum umfasste, ist schwer abzuschätzen. Einige sprechen von etwa 200 Familien, deren Mitglieder, dem Adel gleich, vor allem untereinander heirateten,6 andere Schätzungen belaufen sich auf bis zu 1.000 Familien. Doch wer zählte zur Familie, wie weit reicht Familie? Vermutet werden kann im Großbürgertum ein sehr weiter Familienbegriff, es handelt sich meist um richtige Großfamilien, die schon einmal 100 Personen umfassen konnten. Es war ein sich stark überschneidender, überlappender Kreis von Personen. Man kannte sich in diesen Kreisen, traf und sah sich in der Oper, im Theater, bei Konzerten oder sonstigen kulturellen Veranstaltungen, man lud in die Salons zu Soireen und geselligen Zusammenkünften. Bei den Männern kamen noch Geschäftstreffen und -termine hinzu. Man speiste in denselben Lokalen und kaufte in denselben Geschäften ein (oder häufig ließ einkaufen). Man scharte sich um dieselben Musiker (Brahms), Maler (Klimt) oder Architekten (Hoffmann oder Loos), wohnte oft in unmittelbarer Nähe zueinander,7 verbrachte den Sommer in denselben Orten, in den Sommerfrischen im Salzkammergut oder an den Kärntner Seen, in den Kurorten, den Grand Hotels großer Städte. Man besuchte London, Paris und Rom, fuhr nach Ägypten und ging auf Weltreise. Die Kinder – anfangs nur die Buben – schickte man in dieselben Schulen, in Wien in das Akademische Gymnasium, die Stubenbastei, das Schottengymnasium, Theresianum oder nach Kalksburg. Man heiratete oft untereinander. Man sprach eine Sprache, diese allerdings in unterschiedlichen Varianten, „Schönbrunner Deutsch“, oft aber jüdisch, seltener böhmisch oder ungarisch eingefärbt. Man vernimmt diese Idiome, diese ganz eigene Sprachfärbung heute leider nur mehr selten. Zum Lebensstil gehörte ein Heer von Bediensteten, ein Fuhrpark mit Kutschen bzw. Pferden, bald auch mit Automobilen.8 Weit oben im Sozialprestige stand die Jagd, nach Möglichkeit eine Eigenjagd. Sportliche Betätigung stieß ebenfalls auf großes Interesse der Wohlhabenden: Reiten, Tennis, Fechten, Polo, Golf, Eislaufen, anfangs auch Radfahren und Bergsteigen.

Aus heutiger Sicht scheint – vor allem für das Großbürgertum – der Zeitraum vor 1914/18 in vielerlei Hinsicht eine untergegangene, verlorene Welt gewesen zu sein. Ganz im Sinne Stefan Zweigs eine gute Welt, die für die Mehrheit der Bevölkerung wohl gar nicht so gut war, trotz leichter „Wohlstands“ gewinne bis zum Krieg. Die Welt vieler Wittgensteins ging zweimal unter. Die Jahre 1918 mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und 1938 mit dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland markieren einschneidende Zäsuren, für die Familie und für große Teile des österreichischen Großbürgertums. Gleichwohl finden sich noch Spuren und Reste dieses gesellschaftlichen Segments. Es gibt sie noch, die Geschäfte, die das Flair des 19. Jahrhunderts ausstrahlen, durch ihr Interieur, die verkauften Waren, oft auch ihre Geschäftsinhaberinnen und -inhaber bzw. das Verkaufspersonal. Es gibt sie noch, die Privatkonzerte und Soireen, die Salons und Clubs, die Nobelschulen und Hausangestellten. Es gibt sie noch, die Reste eines (Alt-) Wiener Großbürgertums. Frappierend sind heute trotz aller Brüche noch Namensgleichheiten, oft an die 150 Jahre zurückreichend, wenn man sich Führungspositionen österreichischer Kulturinstitutionen in der Gegenwart vor Augen führt. Auch hier lebt sie noch fort, die Welt des alten Wiener Großbürgertums.

Mit diesem Buch möchte ich Sie in diese andere Welt entführen. Lehnen Sie sich gelegentlich zu Lesepausen zurück, genießen Sie die Musik, von der häufig die Rede sein wird, Brahms würde natürlich perfekt passen, als Interpret Joseph Joachim, einer der größten Geiger seiner Zeit, auch von Paul Wittgenstein gibt es Tonaufnahmen. Nützen Sie das Buch für vielleicht Entdeckungen oder zur Begegnung mit vertrauten Namen, Sie werden auf bekannte Namen stoßen, Klimt, Loos, Hoffmann, aber auch heute weitgehend vergessene wie Josef Labor. Schauen Sie sich Werke, Gemälde, Skulpturen, Häuser, Möbel, Interieurs der angesprochenen Berühmtheiten an. Dringen Sie ein, begeben Sie sich auf eine Reise in diese für die meisten doch wohl fremde Welt, in Welt und Leben der Familie Wittgenstein.

JÜDISCHE AUFSTEIGERFAMILIEN

Moses Mayer und seine Frau Bernardine, geborene Simon, die Großeltern Karl Wittgensteins väterlicherseits aus Laasphe im Wittgensteiner Land (links). Mutter Franziska „Fanny“ Wittgenstein, geborene Figdor, mit den ältesten Kindern Anna, Marie und Paul. Aquarell von Leopold Fischer, 1845.

DIE ALTE HEIMAT GAB DEN NAMEN

Ab 1808 nannte sich Moses Mayer „Wittgenstein“ und zog nach Korbach im Fürstentum Waldeck (oben). Schloss Wittgenstein bei Laasphe auf einer Ansichtskarte (links oben) und einem Stich von Matthäus Merian in der „Topographia Hassiae“ (1655).

Ein Geschäftsmann voll „Ernst und Energie“ (Hermine Wittgenstein): Hermann Christian Wittgenstein war ursprünglich Wollgroßhändler und übersiedelte 1839 nach Gohlis bei Leipzig.

KEINE SCHLECHTE PARTIE

HERMANN WITTGENSTEIN UND DIE FIGDORS

Hintergrund und Schauplatz des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs der Familie Wittgenstein ist das Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei wird zumeist zuallererst an die Gründerzeit im engeren Sinn gedacht, die Jahre 1867 bis 1873. „[…] die Zeit der industriellen Expansion, als große Vermögen gewonnen und verloren wurden, von Spekulanten, Industrieunternehmern oder Leuten mit neuen Produktionsverfahren – die Gründerzeit, welche die materiellen Vermögen schuf, die der nächsten Generation Mittel und Muße für künstlerische und kulturelle Entwicklungen gewährleisteten.“9 Im Fall der Wittgensteins scheinen es jedoch nicht oder weniger die Gründerjahre gewesen zu sein, die für den Aufbau des Familienvermögens maßgeblich waren, es waren die Jahrzehnte zuvor, und die ersten Schritte dazu erfolgten nicht in Wien. Der Ausbau unter Karl Wittgenstein fällt wiederum in die Periode danach, die oft als Jahre der „Großen Depression“ bezeichnet wurden. Dehnt man allerdings die Gründerzeit aus, wie etwa in der Architektur- und Kunstgeschichte auf die Jahre 1840 bis 1918 (auch wenn vom gründerzeitlichen Wien die Rede ist, wird auf diese Periodisierung zurückgegriffen), fällt der Aufbau des Wittgenstein’schen Vermögens in deren Beginn, in die 1840er und 50er Jahre, und verdankte sich Karl Wittgensteins Vater, Hermann (ursprünglich Herz) Wittgenstein. Auch ihm, in vielen Wittgenstein-Darstellungen nur eine Nebenfigur, soll in dieser Geschichte der gebührende Platz eingeräumt werden. Wer war dieser Herz Wittgenstein, was wissen wir über seine Herkunft, seine Familie, seine Tätigkeit?

VON HERZ MEYER ZU HERMANN CHRISTIAN WITTGENSTEIN

Herz, nach dem Übertritt zum evangelischen Glauben Hermann Christian Wittgenstein, wurde am 15. September 180210 in Korbach geboren und starb am 19. Mai 1878 in Wien, begraben ist er im Familiengrab am Friedhof Mauer. Er entstammt der deutsch-jüdischen Familie Meyer-Wittgenstein, deren Wurzeln in der Kleinstadt Laasphe im Wittgensteiner Land liegen. Das Wittgensteiner Land ist eine Region im heutigen Kreis Siegen-Wittgenstein (bzw. im Hochsauerlandkreis) im Süden Nordrhein-Westfalens. Noch vor dem Ende des Alten Reiches 1806 und vor dem Hintergrund der Koalitionskriege und dem Aufstieg Napoleons wurden die kaisertreuen Grafen Christian Heinrich zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1792) und Friedrich Karl zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein (1801) von Kaiser Franz II. in den Reichsfürstenstand erhoben. Beide Fürstentümer wurden 1806 aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses zunächst dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt angeschlossen, 1815 aber laut Beschluss des Wiener Kongresses an Preußen abgegeben. Wiedervereinigt bildeten sie ab 1817 den Kreis Wittgenstein im südöstlichen Teil der Provinz Westfalen. Laasphe verlor 1806 den Status als Residenzstadt der südlichen Grafschaft.

Im Familiengedächtnis wird auf eine bescheidene Herkunft der Familie verwiesen, von dem (wenigen), was wir wissen, nicht ganz korrekt, hier sollte wohl der Gegensatz zur „Wiener Kultiviertheit“ und dem in Wien erworbenen Wohlstand betont werden.11 Nach Georg Gaugusch muss Ahron Meier Moses aus Laasphe als Urahne der Wittgensteins bezeichnet werden, sein Sohn war Meyer (Meier) Moses († 1804), verheiratet mit Sarah († 1821).12 Deren Sohn war Moses Meyer, später Wittgenstein (1761–1822), Karls Großvater und Hermanns Vater, der Gutsverwalter gewesen war, für den 1804 zum Reichsfürsten erhobenen und in preußischen Diensten stehenden Wilhelm zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein als Hoffaktor gearbeitet hatte und sich als Händler etablierte.13 Moses Meyer tat sich mit Spenden hervor, auf seinem Grabstein wird er als „redlicher Mann“, der „in gutem Ruf“ verstorben sei, bezeichnet.14 Moses Meyer war mit Bernhardine (Breindel oder Brendel) Simon (1768–1829) verheiratet. Der Ehe entsprangen fünf Kinder, Herz Meyer-Wittgenstein (1802–1878) war das jüngste. Oft werden nur drei Geschwister von Herz angeführt: Simson (1788–1853), Richard Simon (1796–1862) und Julie (geb. um 1800/02)15, Abraham Wittgenstein (geb. um etwa 1791) findet keine Erwähnung16 bzw. findet sich der Hinweis auf eine unsichere Abstammung17. Alleine Moses und Bernhardine hatten 21 Enkelkinder, elf entstammten allein der Ehe ihres Sohnes Herz/Hermann, daraus kann ermessen werden, wie groß diese Familie im Laufe der Zeit wurde. Unsere Konzentration gilt dem „Wiener Zweig“ der Wittgensteins.

Seit (höchstwahrscheinlich) 1808, Herz war sechs Jahre alt, nannte sich Moses Meyer, ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde und wohl auch nicht ganz unvermögend, Meyer-Wittgenstein, unklar ist, ob nach seiner Geburtsgegend oder nach seinem Arbeitgeber. Im März 1808 hatte Napoleon das sogenannte Décret infâme erlassen, das Juden untersagte, ein Gewerbe auszuüben, sofern sie über kein Leumundszeugnis verfügten. Ferner waren als Konsequenz von Napoleons Forderung nach Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz alle Juden von Jérôme Bonaparte, Napoleons Bruder und König des Königreichs Westphalen, im Juli 1808 angewiesen worden, binnen drei Monaten einen Nachnamen anzunehmen. Um 1808 war Moses Meyer-Wittgenstein wegen eines Konflikts mit dem Grafen,18 dem die Namenswahl missfiel und der ihn, so eine der vielen „Ursprungs“-Legenden, deswegen verprügelt haben soll,19 in die Hansestadt Korbach im nahe gelegenen Fürstentum Waldeck in Hessen übersiedelt.20 Er baute das Geschäft seines Vaters aus und betrieb in Korbach einen Wollgroßhandel, der sich als Fernhandel weit in und über den ostdeutschen Raum hinaus erstreckte. Die Großhandelsfirma M. M. Wittgenstein entwickelte sich zum größten Unternehmen Korbachs, einer Stadt mit rund 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, ehe die Geschäfte zurückgingen. Moses Wittgenstein bemühte sich um das Korbacher Bürgerrecht, das ihm jedoch verwehrt und erst seinem Sohn Simson verliehen wurde.

Wir wissen wenig über die Zeit nach Moses Wittgensteins Tod 1822 bis zum Wegzug der Söhne im Jahr 1839. Sohn Herz führte den „bedeutenden Wollhandel“ mit seiner Mutter und seinem Bruder Richard Simon weiter.21 Eine längere Zeit dürfte er auch in Augsburg verbracht haben. Worauf der Rückgang der Geschäfte zurückzuführen war, ob auf einen Abstieg der Bedeutung Korbachs oder Hinweis auf einen Bedeutungsverlust der Wollindustrie, die sich zunehmender und letztlich übermächtiger Konkurrenz der Baumwollindustrie und englischer Erzeugnisse stellen musste, erschließt sich nicht. Der Bereich der Baumwollspinnerei war der erste, der mechanisiert wurde, und Baumwolltextilien waren der traditionellen Wolle aufgrund ihrer leichteren Waschbarkeit und Pflege weit überlegen. Dieser Prozess der Verdrängung und Ersetzung spielte sich regional zeitlich zu verschiedenen Zeitpunkten ab und könnte für Geschäftseinbußen verantwortlich gewesen sein. Herz (eventuell bereits zu Hermann „eingedeutscht“, was vielleicht auf eine erste Distanzierung von der jüdischen Herkunft verweisen könnte) Wittgenstein verließ jedenfalls 1839 zusammen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Richard Simon Korbach und verlegte das Geschäft nach Gohlis bei Leipzig (heute Teil der Stadt), um in der Messestadt Leipzig, einem wichtigen Handelszentrum, den Wollhandel aufzunehmen bzw. auszuweiten.22 So schlecht scheinen also die Geschäftsaussichten im schon bislang betriebenen Metier nicht gewesen zu sein. Herz Wittgenstein dürfte sich durch den Ortswechsel in die sächsische Metropole einen geschäftlichen Auftrieb erhofft haben. Zugleich deutet er in seinem letzten Willen, auf den ich noch zurückkommen werde, eine gewisse Entfremdung von seiner Familie an, die vielleicht auch zum Umzug beigetragen haben könnte.23

Ebenfalls 1839, am 27. November, heiratete Hermann Wittgenstein, bezeichnet als Kaufmann aus Korbach im Fürstentum Waldeck, zeitlich toleriert, Franziska Figdor (*7. April 1814 in Kittsee, † 21. Oktober 1890 in Wien-Hietzing). Franziska, von allen immer Fanny genannt, stammte aus einer bedeutenden österreichisch-jüdischen Großhändlerfamilie, der hier im Folgenden noch größere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Sie war die Tochter von Wilhelm Wolf Figdor (1793–1873), einem Wiener Großhändler mit Zweigstellen in London und Paris, eine der Enkelinnen des Großhändlers Isaak Figdor (1769–1850) und ältere Schwester von Gustav Figdor (1816–1879), der in die väterlichen Fußstapfen trat und in Wien einen Holz- und Kohlenhandel (Jakob Figdor & Söhne) betrieb und ein Bankhaus gründete. Fannys Mutter war Amalia Figdor, geb. Veith (c.1792–1863). Herz und Franziska schlossen den Ehebund zunächst nach israelitischem Ritus in Wien,24 Herz trat dann mit seiner Gattin in Leipzig im Dezember zum evangelischen Glauben A. B. über und sie heirateten erneut am 19. Dezember 1839 in Leipzig.25 Er nahm den Taufnamen Hermann Christian an, mit der Wahl des Namens Hermann legte er ein Bekenntnis zum Germanen- bzw. Deutschtum ab, mit Christian ein deutlich religiöses. Auch seine Frau nahm symbolisch für die neuen Konfession den zweiten Vornamen Christiane an. Hermann wechselte später, überzeugt durch den Superintendenten Gottfried Franz, den Schwiegervater seiner Kinder Anna und Louis, zur Evangelischen Kirche Helvetisches Bekenntnis, einer rigiden Ausrichtung des Protestantismus, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass er sein neues Religionsbekenntnis sehr ernst nahm.26

Der Beginn der Beziehung zwischen Hermann und Franziska ist die Geschichte einer allmählichen Annäherung. Franziska lernte ihren zukünftigen Ehemann über ihren Bruder Gustav kennen.27 Franziskas erster Eindruck, er wurde ihr bei einem Abendessen – Hermann war als selbstständiger Wollhändler oft im Ausland unterwegs, weilte auf Geschäftsreise in Wien und war von Gustav eingeladen worden – als Tischherr präsentiert, war nicht der beste: „Sein Äusseres machte auf mich gar keinen angenehmen Eindruck, da er einen strengen, kalten, ja sogar schroffen Ausdruck im Gesicht hatte.“28

Er wirkte unnahbar, steif und ungelenk. Doch seine Gespräche über „die ernsthaftesten Gegenstände“ beeindruckten Fanny, bei weiteren Besuchen wurde Wittgenstein „viel liebenswürdiger und zuvorkommender und mir zusagender“. Zwar „durchaus nicht hübsch“, aber Fanny schreibt ihm „viel savoir vivre“ und „viel Verstand“ zu. Hermanns Gefühle für Fanny dürften sich schneller entwickelt haben. Denn kurze Zeit später erfährt Fanny, dass Wittgenstein bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten hatte. Fanny fühlte „zum ersten Mal kein positives Widerstreben“. Bei einer gemeinsamen Landpartie, natürlich in Begleitung anderer, wird dann auch Fanny gefragt: „… ich fühlte mich in der Stimmung, nicht Nein zu sagen, wenn auch nicht geradezu Ja, da der Papa keine Silbe zu mir gesprochen hat.“ Sie hatte auch mitbekommen (und schien es als ganz normal zu empfinden), dass Erkundungen über die finanziellen Verhältnisse wie die Persönlichkeit Wittgensteins gemacht worden waren, die positiv ausgefallen wären – die sprichwörtliche Katze im Sack wollte man sich nicht einhandeln. Hermann Wittgensteins Geschäfte waren allerdings nicht so ertragreich wie die der Figdors, die sich eine hohe gesellschaftliche Stellung in Wien erkämpft hatten und deren Firma sich zu einem der bekanntesten Großhandelsunternehmen entwickelt hatte.

„Ich fühlte mich in der Stimmung nicht Nein zu sagen, wenn auch nicht geradezu Ja.“

FANNY FIGDOR

Also von Widerwillen Fannys, wie es gelegentlich heißt, kann nicht die Rede sein, wenn auch nicht von Liebe auf den ersten Blick. Letztlich gingen aus der Ehe elf Kinder hervor, acht Kinder wurden in Leipzig-Gohlis geboren, drei in Wien. Man sollte meinen, ein gutes Zeichen (ob die stets Gebärende so dachte, bleibt dahingestellt), doch damals war eine große Kinderzahl in großbürgerlichen Kreisen fast verpflichtend und Verhütung wohl undenkbar – und für die Frauen bedeuteten die nahezu ständigen Schwangerschaften und Stillzeiten, sofern gestillt wurde, eine schwere, physische wie psychische Belastung, oft permanente Überforderung. Dies dürfte auch auf Fanny Wittgenstein zugetroffen haben. Elf unterschiedliche, rasch hintereinander geborene Kinder zu bändigen, überstieg ihre Fähigkeiten. Hermann wiederum, im Umgang steif und ernst, „nicht eigentlich behaglich“, liebte (vor allem) seine Töchter, von denen er sich schweren Herzens bei Heiraten trennte, und später seine Enkelkinder,29 doch muss davon ausgegangen werden, dass auch die Vaterrolle in einem großbürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts Zärtlichkeit und Zuneigung enge Grenzen setzte.

Die Übersiedlung nach Gohlis scheint Franziska, die aus Kittsee stammte, aber in Wien lebte, nicht leichtgefallen zu sein. Ihr Geburtsort Kittsee/Köpcsény, damals in Ungarn gelegen, heute im Burgenland, zählte zu den Siebengemeinden (Scheva Kehillot), jenen ehemals jüdischen Gemeinden im heutigen Nord- und Mittelburgenland, die unter der Esterházy’schen Herrschaft in Ungarn entstanden waren und in denen sich Juden und Jüdinnen unter fürstlichem Schutz seit 1670 niederlassen durften.30 Kittsee gehörte seit 1716 zu diesen Gemeinden, doch hatte Paul Esterházy bereits 1690 ein Privileg erlassen, wonach er in seinem Herrschaftsbereich lebenden Juden weitgehende Rechte verlieh. Sie durften Handel betreiben, verschiedene Gewerbe ausüben und über eine eigene Gemeindeverwaltung verfügen. Im Gegenzug mussten die „Schutzjuden“ Gebühren an Esterházy bezahlen. Im Mittelalter war Kittsee durch die Lage an der Donau, zwischen Wien und Pressburg, ein wichtiger Ort für den Ost-West-Handel, verlor aber später, nicht zuletzt durch häufige kriegerische Auseinandersetzungen, an Bedeutung. Kittsees Bevölkerung war multiethnisch, bestand aus Deutschen, Ungarn, Slowaken, Kroaten, Juden. Der neue Wohnort der Wittgensteins, Gohlis, war ein Dorf mit damals rund 600 Einwohner*innen, wurde aber immer mehr ein Teil Leipzigs. Kittsee, mag man einwenden, war mit Gohlis vergleichbar. Doch Franziska war in Wien aufgewachsen, das war ihr Vergleich. In der Familie wird überliefert, dass Franziska, als sie in ihrem neuen Heim in Gohlis ankam, angesichts der blank gescheuerten mit Sand bestreuten Fußböden die Tränen gekommen seien, mit dem Hinweis, dass kein Familienmitglied sie jemals weinend gesehen hatte.31 Sie stieß hier zudem auf ein ernstes, vom Protestantismus geprägtes Temperament der Bevölkerung und wohl auch auf einen für sie fremd anmutenden sächsischen Dialekt, was ihr die Anpassung nicht leichter machte.32

Doch zumindest dürfte rasch ein gesellschaftlicher Aufstieg vollzogen worden sein. Hermann und Franziska Wittgenstein wurden 1840 Bürger Leipzigs und verkehrten dort in den vermögenden Kreisen. In Leipzig wuchs die Familie eines, man ist verleitet zu sagen, „typisch protestantischen“, deutschen Kaufmanns heran, geleitet von strengen bürgerlichen Tugenden, sparsamer, als es hätte sein müssen. Hermann nahm mit seinem Wegzug gewissermaßen dreifachen Abschied, von seiner Familie, seiner nordhessischen Heimat und von seiner jüdischen Abstammung bzw. Religion. Von Letzterer scheinbar dezidiert, eine Familienüberlieferung besagt, dass Hermann seinen Kindern eine Heirat mit Juden verbot. Über die Gründe der Konversion, die der Hochzeit der beiden vorausgegangen war, wissen wir nichts Genaues. War die Hochzeit der Anlass oder der Übertritt seitens Hermann schon lange geplant? War er Voraussetzung für die Erlangung des Leipziger Bürgerrechtes, Folge der Konfrontation mit Antisemitismus, daraus resultierender geschäftlicher Schwierigkeiten, war es religiöse Überzeugung, wofür es später einige Indizien gibt ebenso wie für den verständlichen Wunsch nach einem schnelleren gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg oder eine Mischung aus allem?

Jüdinnen und Juden waren über Jahrhunderte mit zahlreichen Einschränkungen und Diskriminierungen konfrontiert, ihr Zuzug über Niederlassungsbeschränkungen streng geregelt und an Geldzahlungen gebunden. Es war ihnen verboten, ein Handwerk auszuüben und eine Landwirtschaft zu betreiben, zugelassen waren hingegen alle Handelstätigkeiten. Vor allem auf dem Land kam ihnen aufgrund der schlechten Verkehrs- und Straßenverhältnisse eine wichtige Handelsfunktion zu und sie verliehen Geld bzw. schossen es vor, angesichts fehlender Kreditmöglichkeiten auf dem Land war dies von großer Bedeutung. Juden hatten neben den allgemein geltenden Abgaben noch immer beträchtliche Sonderausgaben zu tätigen, mussten Schutzgeld, Leibmaut, Nahrungs- und Einzugsgeld aufbringen und sich an die Kleiderordnung halten. Jüdischen Händlern wurde die Zugehörigkeit zur Kaufmannschaft verwehrt. Die Bestimmungen differierten in den unterschiedlichen Herrschaftsbereichen, oft aber nur geringfügig. In der Habsburgermonarchie beschränkte das Toleranzpatent Josephs II. von 1782 zwar die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden weiterhin, doch jene, die bereits hier lebten, sollten nach Bezahlung einer Toleranzgebühr integriert werden und insbesondere zur Aufnahme handwerklicher oder landwirtschaftlicher Beschäftigung, Gründung von Manufakturen etc. ermuntert werden. Sondersteuern wurden abgeschafft, erniedrigende Gesetze wie die Leibmaut, die diskriminierenden Kleidervorschriften, Beschränkungen bei der Wahl des Wohnorts sowie Ausgehverbote aufgehoben. Die Bildung einer eigenen Gemeinde hingegen blieb verboten und Juden durften weder Haus- noch Grundbesitz erwerben. Ein wirklicher Akt der Gleichstellung war das Toleranzpatent nicht. Erst 1867 wurde die bürgerliche Gleichberechtigung der Jüdinnen und Juden ins Staatsgrundgesetz aufgenommen. In den Rheinbundstaaten im napoleonisch besetzten Deutschland wurden Juden zuerst gleichgestellt, wenn auch unter Einschränkungen, doch das erwähnte „schändliche Dekret“ Napoleons hob 1808 ihre Freizügigkeit auf und ließ eine Gewerbetätigkeit nur mit einem speziellen Patent zu. Es war ein Auf und Ab, 1812 wurde ihnen erlaubt, ihren Wohnsitz frei zu wählen, zu heiraten und eine Familie zu gründen.33 Sie durften öffentliche Schulen und Universitäten besuchen, aber bei ansonsten freier Berufswahl weder im öffentlichen Dienst arbeiten, noch beim preußischen Militär einen Offiziersrang anstreben. Die antijüdischen Hep-Hep-Krawalle von 1819, bei denen es in 80 Städten zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung kam, und immer wieder aufkommende antijüdische Unruhen danach bedeuteten einen großen Rückschritt in der Judenemanzipation. Mit dem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg der jüdischen Bevölkerung wuchs der Neid. Und Nordhessen, wo sich Korbach, der ursprüngliche Wohnort von Hermann Wittgenstein, befand, galt als judenfeindlich.

Eine Konversion in Leipzig (bzw. Sachsen) zum dort vorherrschenden Protestantismus um 1840 bedeutete aber etwas ganz anderes, als ein Jahrzehnt später Protestant in Wien in der Habsburgermonarchie zu sein. Im katholischen Österreich war es oft ein politisches Zeichen, ein Protest gegen „Rom“ und den „ultramontanen“ Habsburgerstaat und eine Hinwendung zur „Konfession der Deutschen“, zum protestantischen Preußen, ein prononciertes Bekenntnis zum Deutschtum überhaupt, wie es häufig auch in der Vornamenwahl zum Ausdruck kam.34 Konvertierte man in der Habsburgermonarchie vom Judentum zum Protestantismus, dürften wohl nicht Karriereüberlegungen dafür ausschlaggebend gewesen sein, da wäre ein Übertritt zum Katholizismus förderlicher gewesen.35 Einen ersten Schritt zur Emanzipation der Protestanten, für die Einrichtung evangelischer Kirchengemeinden und Bethäuser in der Habsburgermonarchie – mit der Einschränkung, dass der Eingang zu einer Kirche nicht an einer öffentlichen Straße liegen und die Kirche keinen Turm aufweisen dürfe – hatte fast zeitgleich mit den Bestimmungen für Juden das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 gesetzt. 1849 fielen die Beschränkungen für den Kirchenbau und die Konversion wurde völlig freigegeben. 1861 gewährte das Protestantenpatent weitgehende Freiheit der Religionsausübung, der Staat zog sich bis auf Aufsichtspflichten zurück.36 Der Protestantismus blieb allerdings in Wien das Bekenntnis einer Minderheit.

Jüdische Konvertiten blieben für viele Juden, das Judentum war für viele eine Sache der „Rasse“ und nicht der Religion. Konversion befreite die Juden zwar nicht von Antisemitismus, erlaubte ihnen aber zumindest, Positionen einzunehmen, die ihnen bislang verschlossen geblieben waren. Das wohl bekannteste Beispiel um 1900 ist Gustav Mahler. Da als Direktoren der Wiener Hofoper nur getaufte Kandidaten akzeptiert wurden, wurde Mahler 1897 Katholik und kurz darauf stellvertretender Direktor und schließlich Direktor.37 Viele sprachen abfällig von „Karrieretaufen“, um die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aussichten zu verbessern, die eigenen wie die der Familie insgesamt. Oft traf das wahrscheinlich auch zu, doch wer könnte das einem in vielerlei Hinsicht diskriminierten Juden zum Vorwurf machen? Andere konvertierten zweifellos aus tiefer Überzeugung und waren vom Christentum tief berührt.

DIE GESCHÄFTE DER FAMILIE FIGDOR

Die Eheschließung des 37-jährigen Hermann Wittgenstein mit der als hübsch beschriebenen zwölf Jahre jüngeren Franziska Figdor war mit einer beträchtlichen Mitgift (u. a. wertvolle Biedermeier-Möbel) verbunden, wichtiger aber waren die neuen Geschäftsbeziehungen mit den Figdors, die Hermanns sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg beschleunigten und ihm letztlich auch die „Eintrittskarte ins Wiener Bürgertum“ sicherten.38 Die Figdors wiederum waren im Gegenzug nunmehr an der Leipziger Firma beteiligt. Da es sich auch bei Figdors um Wollgroßhändler handelte, darf angenommen werden, dass hinter der Heirat strategisches Kalkül steckte, es ging auch um Geschäftsinteressen. Dass er eine „gute Partie“ machte, war Hermann natürlich bewusst. Seine Verbindung zu den Figdors erwies sich für ihn (später vielleicht auch für die Figdors) als Glücksfall.

Die Familie Figdor hatte sich zunächst mit dem Landwarenhandel, insbesondere dem Handel von Schafwolle in Kittsee befasst.39 1791 war Jakob Figdor (1742–1808), Franziskas Urgroßvater, durch Erreichen der Toleranz nach Zahlung eines Schutzgeldes als Wollhändler in Wien zugelassen worden. Nach dem Eintritt seiner Söhne Isaak (auch Isak) (1769–1850) und Nathan (1772–1847) in das Familienunternehmen firmierte es unter Jakob Figdor & Söhne unter der Geschäftsführung Isaaks. Isaak Figdor baute das Geschäft mit Verbindungen nach England international aus und wurde einer der reichsten Großhändler Wiens (Wollhandels-Firma Figdor & Söhne, später Gebrüder Figdor). Er selbst erlangte nach dem Tod seiner Mutter 1818 die Toleranz für Wien, ebenfalls auf den Wollhandel. 1836 erwarb er das Privileg eines k. k. priv. Großhändlers. Mit Geschäftsbeziehungen nach Paris und London eroberten sich die Figdors ihren Platz, wirtschaftlich wie gesellschaftlich, und gehörten zur kleinen Wiener jüdischen Oberschicht, verkehrten in höchsten Kreisen und hatten mit Künstlern und Intellektuellen wie Franz Grillparzer, Ludwig August Frankl, Ignaz Franz Castelli oder Eduard Bauernfeld Kontakt. „Sie waren Juden, fühlten sich aber, wie man das damals konnte, als Österreicher und wurden auch von Anderen als solche betrachtet.“40 Selbstverständlich war das scheinbar nicht.

Isaak Figdor hatte aus der Ehe mit der Pressburger Großhändlerstochter Anna Schlesinger zehn Kinder. Franziskas Vater, Wilhelm Figdor (1793–1873), war der älteste Sohn. Wilhelm heiratete, was für einen Mann seiner Stellung höchst ungewöhnlich war, die aus der preußischen Provinz Posen stammende Amalie „Maly“ Veit (1791/92–1863), die seit Mai 1809 auf der Familienliste des Joseph Strim in Wien als Stubenmädchen aufschien. 1819 suchte Isaak um Aufnahme seines Sohnes Wilhelm, dessen Frau und dessen zwei Kindern, der fünfjährigen Fanny und dem dreijährigen Gustav, in Wien an. Wilhelm erhielt später das Bürgerrecht der Stadt Wien, wurde einer der Finanzberater der Gemeinde und gehörte ab 1861 dem Gemeinderat an. Er starb 1873 durch Suizid.41 Wilhelm, der mit seinem Bruder Nathan 1836 an der Firma beteiligt wurde, und danach Fannys jüngerer Bruder Gustav (Wolf Adolf) Figdor (1816–1879), der das ursprüngliche Wollhandelsgeschäft unter dem Namen J. Figdor & Söhne um einen Holz- und Kohlenhandel sowie ein Bankhaus erweiterte, vermarkteten in der Folge die landwirtschaftlichen Produkte der von Hermann Wittgenstein verwalteten Güter, zu denen auch Besitzungen der Fürsten von Esterházy gehörten. Kontakte der Figdors zu den Esterházy bestanden seit zumindest 1811.42 Fannys Bruder Gustav, der zum Christentum konvertierte, war ein Freund Franz Grillparzers. Grillparzer lernte auch Fanny kennen und bezeichnete sie als „höchst liebeswürdiges Frauenzimmer“, generell kommt die Familie, die Grillparzer 1836 in London besuchte (Gustav leitete die Londoner Filiale des Figdor’schen Großhandels), in seinem Tagebuch gut weg, worauf Hermine Wittgenstein stolz am Beginn ihrer Familienerinnerungen verweist.43 Gustav Figdor war wie sein Vater auch als Gemeinderat tätig und wurde 1876 Direktor der Oesterreichisch-ungarischen Bank. Er war mit Barbara Elizabeth „Betty“ geb. Zeitler verheiratet und hatte sechs Kinder. Nach dem nahezu zeitgleichen Tod von Gustav Figdor und Hermann Wittgenstein (1879 bzw. 1878) dürften sich die gemeinsamen Geschäftsbeziehungen gelockert haben. Der Firmenwortlaut war um den Namen Wittgenstein ergänzt worden, Hermann und seine ihm nachfolgenden Söhne Ludwig und Paul dürften das Ruder übernommen haben. Familiäre Bande blieben – geschäftlich wie privat – aufrecht, auch wenn die Familie Figdor in den schriftlichen Familienüberlieferungen kaum vorkommt. Mit Gustav Figdor (jun.) war ein Figdor in einigen Verwaltungsräten Wittgenstein’- scher Unternehmen vertreten. Albert Figdor, einen Cousin von Fanny, finden wir als Kurator der leicht behinderten Clothilde Wittgenstein, einer Tochter Hermanns.

Eine Zeit lang war die Jägerzeile (ab 1862 Praterstraße) nicht nur eine der Prachtstraßen Wiens – hier fuhren sonntags Hunderte, teils prachtvolle Kutschen Richtung Prater –, sondern auch die Straße der Familie Figdor. Wilhelm und Gustav wohnten hier, zahlreiche weitere Familienmitglieder hatten hier ihre Wohnungen, Geschäfte und Lager.44 1875 bezog die Familie Figdor das vom Architekten Viktor Rumpelmayer errichtete Dietrichstein’sche Mietshaus in der Löwelstraße 8 am Volksgarten innerhalb des Rings, Zeichen eines gesellschaftlichen und ökonomischen Aufstiegs.45 Der Börsencrash zwei Jahre zuvor, der viele Existenzen vernichtet hatte, dürfte also wenig Auswirkungen auf den Reichtum der Figdors gehabt haben. Dazu besaß die Familie bereits im Vormärz in Baden bei Wien einen Sommersitz. Auch Gut und Schloss Heiligenkreuz-Gutenbrunn bei Herzogenburg in Niederösterreich waren Eigentum der Familie. Und der Reichtum konnte bewahrt werden: 1910 zählten zehn Familienmitglieder der Figdors zu den 929 reichsten Personen Wiens.46 Das fünfgeschossige Stadtpalais erbte nach dem Tod Gustav Figdors dessen Cousin und Nachfolger im Bankgeschäft, Albert Figdor (1843–1927)47. Dieser legte die ererbten Millionen in wertvollen Kunstgegenständen an, denen seine Leidenschaft deutlich mehr galt als der Bank. Albert Figdors Kunst- bzw. Judaicasammlung wurde eine der größten Privatsammlungen Europas, aufbauend auf der ebenfalls geerbten Bilder- und Kupferstichsammlung seines Vaters Ferdinand. Albert Figdor starb 1927, die Kunstsammlung hatte er seiner Nichte Margarethe Becker-Walz vermacht. Sie ließ diese gegen die Interessen der Republik Österreich 1930 versteigern, auch das Palais wurde verkauft.48

Die weitverzweigte Familie der Figdors brachte eine Anzahl bedeutender Kaufleute, Bankiers, Musiker, Kunstsammler und Wissenschaftler hervor, von denen die meisten im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Christentum übertraten (eine große Ähnlichkeit zu Wittgensteins, Figdors wurden allerdings katholisch). Wir wissen nicht, ob aus religiöser Überzeugung oder, verständlich und nachvollziehbar, um in der Wiener Gesellschaft rascher einen sozialen Aufstieg vollziehen zu können. Bekannt aus der Familie ist Emilie (Emmy) Auguste Hainisch, Tochter von Gustav Figdor und Nichte von Albert, eine engagierte Frauenrechtlerin. Sie heiratete Ende der 1880er Jahre den Juristen Michael Hainisch, Sohn der Gründerin der österreichischen Frauenbewegung, Marianne Hainisch, und später der erste Bundespräsident der Republik Österreich (1920–1928). Emilie schenkte ihrem Mann Michael ein Landgut bei Spital am Semmering, das beide in den 1890er Jahren zu einem Musterbetrieb entwickelten. Emilies Bruder Wilhelm Figdor machte sich einen Namen als Professor für Pflanzenphysiologie an der Universität Wien. 1903 gründete er mit Leopold von Portheim und Hans Leo Przibram die Biologische Versuchsanstalt im Prater, das sogenannte Vivarium, an dem bedeutende wissenschaftliche Arbeiten zur experimentellen Biologie entstanden.49

WITTGENSTEINS WOHLSTAND WÄCHST

Die Übersiedlung nach Gohlis bzw. Leipzig empfand die junge Ehefrau Fanny als Absturz. Sie war entsetzt über die Stadt im Vergleich zu Wien, über ihr Aussehen und ihr Kulturleben, obwohl sich Leipzig nicht nur als Handelszentrum, sondern als deutsche Kulturmetropole und angehende Industriestadt herausstellen sollte. Leipzig hatte um 1830 rund 41.000 Einwohner*innen und war nach Dresden die zweitgrößte Stadt Sachsens. Die Vorreiterrolle in der sächsischen Industrie kam der Textilindustrie zu, die Kammgarnspinnerei zu Leipzig nahm 1830 ihren Betrieb auf, fast zeitgleich entstanden die ersten Verlags- und Druckereigebäude. Zwischen Leipzig und Dresden wurde 1839 die erste Eisenbahnfernverbindung in Deutschland errichtet, es erfolgte der Ausbau der Stadt zum Verkehrsknotenpunkt. Leipzig konnte somit seine Rolle als Handelszentrum mit internationaler Bedeutung sichern, auch für die Produkte der sächsischen Textilindustrie. Leipzig war aber vor allem die Stadt der Messen, so etwa traditionell die Stadt des Buchhandels und des Buchdrucks mit der alljährlich stattfindenden Buchmesse. 1840 gab es bereits über 110 buchhändlerische Firmen in Leipzig. Renommierte Verlage wie Brockhaus, Reclam oder der berühmte Musikverlag Breitkopf & Härtel hatten hier ihren Sitz.

Über das scheinbar karge häusliche Ambiente tröstete Franziska die Musik hinweg, eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Mann Hermann verband. Franziska selbst war eine passionierte Pianistin. Das musikalische Interesse von Hermann und Fanny Wittgenstein zeigte sich aber auch in der Förderung des jungen Geigers und späteren Dirigenten und Komponisten Joseph Joachim (1831–1907), einem Cousin Fannys.50 Nicht alle Figdors waren gleich reich. Joseph war das siebente Kind des Wollhändlers Julius Joachim, der eine Tante Fannys geheiratet hatte und dessen Geschäfte nicht so gut gelaufen sein dürften. Doch Joseph konnte sich auf Unterstützung durch wohlhabendere Familienmitglieder, die sein enormes musikalisches Talent erkannten, verlassen. Bereits in Pest, wohin die Familie 1833 gezogen war, wurde er dem Konzertmeister der Pester Oper anvertraut und galt als Wunderkind. Ab 1838, mit sieben Jahren, besuchte Joseph das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bei Joseph Böhm, einem der bedeutendsten Violinpädagogen des 19. Jahrhunderts. Fanny Wittgenstein holte den Jungen schließlich 1843 nach Leipzig an das von Felix Mendelssohn-Bartholdy neu gegründete Leipziger Konservatorium.51 Joseph war zwölf. Die Wittgensteins nahmen ihn de facto als weiteres Kind in ihre Obhut und vermittelten ihn an Mendelssohn. 1844 trat Joseph Joachim 13-jährig erstmals in London mit dem als undankbar geltenden Beethoven-Violinkonzert auf, der Abend wurde ein Riesenerfolg und Beginn einer großen Weltkarriere. Joachim wurde „einer der einflussreichsten Musiker seiner Zeit, der das Musikleben im Zweiten Deutschen Kaiserreich maßgeblich bestimmte“52, und er verdankte das unzweifelhaft Wittgensteins.

Der Ruf der Wittgensteins als eine der bedeutendsten musikalischen und musikfördernden Familien in der Habsburgermonarchie geht also bereits auf Hermann Wittgenstein und seine Frau Franziska zurück. Ihre Leidenschaft für Musik fand schon in Leipzig in einem musikalischen Salon Ausdruck. Großer Wert wurde auf die musikalische Ausbildung aller Kinder gelegt, hier wurde nicht gespart. Hermanns älteste Tochter Anna studierte Klavier bei Friedrich Wieck, dem Vater Clara Schumanns, und bei Johannes Brahms, mit dem sie und viele weitere Familienmitglieder eine lebenslange Freundschaft verband. Robert und Clara Schumann zählten ebenso zu ihren Bekannten. Josefine „Fine“ Witttgenstein war eine Liedersängerin, die bei Größen ihrer Zeit wie Josef Gänsbacher studiert hatte, Brahms oder der große Sänger und Gesangspädagoge Julius Stockhausen waren von ihren Sangeskünsten angetan. Clara Wittgenstein war eine Schülerin des ungarischen Komponisten und Geigers Karl Goldmark. Karl selbst spielte Geige, die er, so die Überlieferung, später auf Reisen immer bei sich hatte, um zur Entspannung oder vor dem Schlafengehen noch ein wenig zu musizieren.53 Lydia wiederum besaß andere Talente: Sie malte, besuchte die Akademie und war Schülerin von Ferdinand Laufberger.

1848/49 entwickelte sich Leipzig neben Dresden zu einer Hochburg des deutschen Revolutionsgeschehens. Ob dies zur Übersiedlung nach Österreich beigetragen hat, ist nicht bekannt. Waren es geschäftliche Überlegungen, lockte eine engere Verbindung zu den Figdors, war es Fanny, die näher bzw. zurück zu ihrer Familie wollte? Waren es die baulichen und wirtschaftlichen Veränderungen in Gohlis bzw. Leipzig? Nach 1850 entwickelten sich immer mehr stadtnahe Dörfer Leipzigs, so auch Gohlis, zu Industriestandorten und der Maschinenbau wurde nach der Textilindustrie zum neuen Leitsektor.

185154 übersiedelten Wittgensteins, Hermann, Fanny und mittlerweile acht Kinder, in das Kaisertum Österreich. Die Familie bezog Schloss Vösendorf nahe Wien, das zu einem von Hermann Wittgenstein 1850 gepachteten Gut gehörte.55 Hermann wechselte jedenfalls die Profession und verwaltete nunmehr heruntergekommene Adelsgüter, sanierte sie und investierte die Gewinne zumeist in Immobilien. Die Gutsverwaltung war ja bereits ein Tätigkeitsfeld früherer Wittgensteins gewesen. Die Figdors wiederum halfen bei Finanzierung, Verkauf und Vertrieb der Produkte dieser Anwesen, Kohle, Getreide, Wolle oder Holz, eine erfolgreiche Arbeitsteilung. 1856 erwarb die Familie Wittgenstein das Gut Mauer bei Wien aus der Konkursmasse der Familie Mack, damit ging auch das Haus am Maurer Hauptplatz 10 in den Besitz der Familie über.56 1859/60 zogen die Wittgensteins nach Wien und Hermann Christian Wittgenstein weitete das Immobiliengeschäft aus. 1859 in der Walfischgasse gemeldet, wird 1863 die Adresse Heugasse 2 (spätere Prinz-Eugen-Straße) angeführt. Hermann wurde in der Folge Generalpächter der Esterházy’schen Güter und Partner der Figdor’schen Handels- und bald Bankfirma, die zeitweise als H. Wittgenstein und J. Figdor und Söhne firmierte, was die enge Zusammenarbeit unterstreicht. Seinen Sitz hatte das Unternehmen Anfang der 1870er Jahre auf der Stubenbastei 1.57 1875 wohnt „Gutsbesitzer“ und „Generalpächter“ Hermann Wittgenstein mit Familie in der Salesianergasse 2, wohin auch die Firmenniederlassung nach seinem Tod 1878 übersiedelt, die noch 1891 unter dem Namen Paul und Ludwig Wittgenstein & J. Figdor u. Söhne, Generalpächter fürstl. Esterházyscher Herrschaften geführt wird.58 Die Geschäftsbeziehung zwischen Esterházys und Wittgensteins währte also Jahrzehnte. Die Verbindung Wittgensteins zu Figdors und über diese zu Esterházys dürfte wohl die Grundlage für eine rasche Expansion des Wittgenstein’schen Familienvermögens geschaffen haben. Die Sanierung heruntergewirtschafteter Güter erwies sich als Goldgrube. Dazu vergrößerte sich das Vermögen 1873 durch eine Erbschaft, Fanny erbte mit ihrem Bruder Gustav Adolf nach dem Selbstmord Wilhelm Figdors Anteile an der Firma J. Figdor & Söhne.59 Hermine verweist in ihren Familienerinnerungen auf eine weitere Wurzel des Wittgenstein’schen Reichtums: die anfangs große Sparsamkeit.60 Den „Zug ins Große“, den dann fast alle nachfolgenden Wittgensteins hatten, führt sie auf „das Leben auf den großen Gütern“ zurück,61 er könnte aber auch als Gegenreaktion zur übertriebenen Sparsamkeit von Hermann und Fanny zu erklären sein.

Franziska „Fanny“ Wittgenstein führte einen strengen Haushalt und wird als resolut und scharfzüngig, schlagfertig und nervös-tatkräftig, als ungeduldig und vorschnell urteilend beschrieben, mit einer Neigung zu schnellen, sprunghaften Entscheidungen.62 Eines aber war sie mit Sicherheit nicht, durchsetzungskräftig.63 Es war klar, wer in der Ehe das Sagen hatte. Hermann bestimmte, sie willigte ein oder gab nach. Der Wittgenstein’sche Haushalt war der eines Patriarchen. Als Fanny Autoritätsprobleme mit ihrem Zögling Joseph Joachim, den Wittgensteins bei sich aufgenommen hatten, beklagte, riet ihr Hermann, Joachim ziehen zu lassen, ihn auszuquartieren. Er solle, auf sich gestellt, erfahren können, „dass der Mensch oft vom Schicksal wie aus Laune von den Armen des Wohllebens auf das Pflaster der härtesten Entbehrungen geworfen wird, wogegen nichts schützt als der Stoicismus, nämlich Abhärtung.“64 Spricht Hermann Wittgenstein hier aus eigener Erfahrung? Dass seine Frau diesen Vorschlag ausführte, darauf konnte er sich verlassen. Joachim nahm es ihnen nicht übel, der Violinvirtuose war es, der später seinen Protegé, den jungen Komponisten Brahms bei ihnen einführte, der bis in die nächste Generation ein Freund der Familie blieb.65

Über Hermann Wittgensteins Arbeitsalltag wissen wir wenig. Er profitierte von einem Strukturwandel. Wie in Böhmen und Mähren überließen auch in Ungarn Fideikommissherren wie die Esterházys oder Batthyánys ihre Güter kapitalkräftigen Pächtern wie eben Wittgenstein, die rationeller wirtschafteten, modernisierten und ertragssteigernde Meierhöfe errichteten.66 Bei Pachtzinsen von durchschnittlich vier Prozent lagen ihre Gewinne weit höher, weil sie die landwirtschaftlichen Produkte industriell verwerteten. Im Rahmen der Sanierung des Fideikommisses mussten von den Esterházys, obwohl sie zehn Millionen Gulden Grundentlastungsoptionen erhielten, nach 1865 zehn Güter mit 154.000 Hektar (von insgesamt 364.000 ha) verkauft und viele Besitzungen in Pachtwirtschaften umgewandelt werden.67 Die neuen Pächter waren meist an der zumeist bislang betriebenen Schafzucht wenig interessiert, die Wollpreise sanken, der Anbau von Zuckerrüben war lukrativer. 1861 schlossen die Fürsten Paul und Nicolaus Esterházy68 mit Hermann Wittgenstein und der Firma J. Figdor & Söhne einen Pachtvertrag auf die Dauer von 30 Jahren über sechs Herrschaften des Fürstentums. Dieser Vertrag ging nach Hermanns Ableben auf dessen Söhne Paul und Ludwig über und wurde nach 1890 auch mit ihnen verlängert. Gleichzeitig pachtete Wittgenstein gemeinsam mit Figdor & Söhne den Braunkohlebergbau Neufeld-Zillingtal-Pöttsching,69 ein erstes industrielles Engagement. Die Firma sicherte sich bald eine marktbeherrschende Stellung in der ungarischen Braunkohleförderung. 1864 erlangte Wittgenstein mit anderen die Konzession für den Bau der Bahnstrecke Wiener Neustadt–Gramatneusiedl, verwirklicht wurde das Projekt nicht.70 Insgesamt orientierte sich Hermann Wittgenstein aber gesellschaftlich an den „Wertvorstellungen des großgrundbesitzenden Adels seiner Zeit“, er war für Janik und Veigl Beispiel eines „Beauftragten-Unternehmers“, ganz im Gegenteil zu seinem Sohn Karl, der sich vom Beauftragten-Unternehmer zum „Hauptaktionär und selbständigen Industrieunternehmer emporarbeiten“ sollte.71

Hermann Wittgensteins Sanierungstätigkeit in heruntergekommenen Adelsgütern bedeutete wohl Sparen, Rationalisieren, Effektivieren, um die Produktivität der Betriebe zu steigern, Fertigkeiten, wie sich noch eindrucksvoll herausstellen sollte, die Karl Wittgenstein von seinem Vater erbte. Dass Hermann seine Gewinne meist in Immobilien investierte, war im gründerzeitlich stets wachsenden Wien ein einträgliches und zukunftsträchtiges Geschäft. Doch nicht alle Geschäfte erwiesen sich als glücklich. 1863 verkaufte Hermann Wittgenstein sein vom Schwiegervater Wilhelm Figdor übernommenes Gut Koritschan (Koryčany) in Mähren und tauschte es gegen das Gut Klenownig (Klenovnik) in Kroatien (heute im Komitat Varaždin), das sich als „arger Missgriff“ herausstellen sollte.72 1866 zogen die älteren Töchter Hermann Wittgensteins in Begleitung ihres Bruders Paul für eine Zeit nach Klenownig, eine Vorsichtsmaßnahme. Hintergrund war der Preußisch-Österreichische Krieg, der für das Kaisertum Österreich mit der verheerenden Niederlage von Königgrätz (Hradec Králové) und letztlich der Verdrängung aus der gesamtdeutschen Politik enden sollte. Im damaligen Wohnsitz der Familie in Laxenburg nahe der Frühlingsresidenz der Habsburger, dem ehemaligen Schloss von Maria Theresias Staatskanzler Kaunitz, das Hermann Wittgenstein vom Fürsten Esterházy übernommen hatte (und das die Familie später erwerben sollte), hatte sich 1866 in einem Flügel ein sächsisches Regiment (das Königreich Sachsen war als Mitglied des Deutschen Bundes mit Österreich verbündet) einquartiert. Der militärfeindliche Hermann Wittgenstein traute den Offizieren alles zu, also besser Vorsorge treffen und die Töchter in Sicherheit, nach Klenownig, bringen. Die Zustände auf dem Gut und im Haus, die die Wittgensteins dort vorfanden, waren entsetzlich. Hermann Wittgenstein dürfte dieser Fehler sein Leben lang geärgert haben, im Testament findet sich die Bestimmung, dass das Gut nicht verkauft werden dürfe, solange es nicht ein bestimmtes Erträgnis abwerfe. Die Söhne hielten sich allerdings nicht daran und verkauften das Gut, dessen Bewirtschaftung sich als unrentabel erwies.

Es ranken sich einige Familienlegenden um Hermann Wittgenstein, so soll er derjenige gewesen sein, der dem jungen Michael Thonet in Koritschan das Geld für dessen Erfindung der Bugholzmöbel vorstreckte, womit dessen Karriere beginnen konnte.73 Hermann Wittgenstein war ein kultivierter Mann, er schrieb seine eigene Sammlung deutscher Gedichte nieder und gab seinen Kindern alle Möglichkeiten, ihren künstlerischen Neigungen nachzugehen.74 Er galt als nicht gesellig, schätzte aber ernste Unterhaltungen und gehörte dem Freundeskreis um Friedrich Hebbel an, der sich 1845/46 in Wien niedergelassen hatte, wo er bis zu seinem Tod 1863 lebte. Bald verband Wittgenstein mit Wissenschaftlern wie dem Physiologen Ernst von Brücke, dem Astronomen Karl Ludwig Johann Littrow75 oder dem Philologen und Reorganisator der österreichischen Mittelschulen Hermann Bonitz eine Freundschaft. Mit Brücke waren es letztlich sogar verwandtschaftliche Bande, da Wittgensteins Tochter Emilie, genannt „Milly“, Brückes Sohn, den Richter Theodor von Brücke, heiratete.76 Allesamt Protestanten77 und fast allesamt „Auslandsdeutsche“ waren in diesem Kreis versammelt, Ausdruck einer sentimentalen Affinität Hermann Wittgensteins oder einer Art „Hassliebe“, einer Opposition zu Preußen und daher bewussten Emigration. Bismarck wurde jedoch verehrt, damit gingen sie konform mit vielen deutschsprachigen Angehörigen der Monarchie.78 Als Protestanten und in Wittgensteins Fall Unternehmer repräsentierten diese Männer etwas Neues, waren Eindringlinge in das Gefüge des Habsburgerreichs. Zugleich wissen wir über die genaue Positionierung dieses Freundeskreises, ob groß- oder kleindeutsch, pro- oder antipreußisch bzw. -österreichisch, aber wenig. Hebbel selbst verdeutlicht diesen Zwiespalt: Aus einfachen Verhältnissen stammend, war er sozial und politisch engagiert und begrüßte die Märzrevolution, nahm aber eine grundsätzlich loyale Haltung zur Monarchie ein.

Ein Bild zeigt Hermann Wittgenstein als etwa 50- bis 60-Jährigen, weißgraues Haar und Backenbart nach Biedermeier-Manier ins Gesicht mit der hohen Stirn gekämmt, ernst und unnahbar, „steif und würdevoll“, in den Worten Hermines. Schwaner erscheint sein Blick „nachdenklich“, „fast eine Spur trotzig“, „Haltung und Miene“ zeigen sowohl „Verantwortungsbewusstsein und Entschiedenheit“ als auch einen „Hang zu Ungeduld und aufbrausendem Temperament, jedoch nicht ohne melancholischen Aspekt“,79 McGuinness sieht in dem Porträt einen „Mann von strotzendem, entschlossenem und ziemlich jähzornigem Aussehen“80. Natürlich verleitet die Betrachtung von Porträts der Familienmitglieder zu diversen Überlegungen über deren Persönlichkeit und Charakter. Doch wären die Genannten zu denselben Schlüssen gekommen, hätten sie das Bild vorgelegt bekommen, ohne zu wissen, um wen es sich handelt, ist es nicht vielmehr das bereits erworbene Wissen um die Person, das zu solchen Interpretationen verleitet? Derartige Porträts setzten zudem Ernsthaftigkeit voraus, ein freundlicher Gesichtsausdruck, gar ein Lächeln wäre nicht angebracht gewesen.

HERMANN UND FANNYS KINDER: STÄRKUNG DER WIENER EVANGELISCHEN GEMEINDE

Aus der Ehe von Hermann Christian und Franziska „Fanny“ Wittgenstein gingen wie bereits erwähnt elf Kinder hervor: Anna Friederike (1840–1896), Marie Eugenie (1841–1931), Paul Josef Gustav (1842–1928), (Hermine Fanny) Josephine „Fine“ (1844–1933), Ludwig „Louis“ (Franz) (1845–1925) Karl Otto Clemens (1847–1913), Ottilie Ida Bertha (1848–1908), Clara (1850–1935), (Franziska) Lydia (1851–1920), Emilie (Anna) (1853–1939) und zuletzt (Emma) Clothilde (1854–1937).81 Es war dies die erste Generation der Familie, die von Geburt an Wittgenstein hieß. Alle elf kamen zwischen 1840 und 1854 zur Welt