Fahndung am Rennsteig - Dietmar Beetz - E-Book

Fahndung am Rennsteig E-Book

Dietmar Beetz

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Beschreibung

Am 31. Januar 1933, einen Tag nach der Machtergreifung, lädt der Juniorchef der Glashütte in Altenroda die gesamte Belegschaft zu einer Siegesfeier in den Gläsernen Hirsch ein. Wenige Stunden später geht die Glashütte in Flammen auf, und Kommissar Kamp fährt mit seinem Kriminalsekretär Degner nach Altenroda am Rennsteig, um die Ermittlungen aufzunehmen. Doch noch bevor er alle Verdächtigen vernehmen kann, liest er in der Lokalpresse, dass die Brandstiftung einen politischen Hintergrund habe. Die Kommunisten wollten ein Zeichen setzen. Und wer deren Anführer ist, ist ohnehin bekannt: der etwas verschlossene Lehrer Bohm aus Weimar. Zudem ist auch Jus Fittich, der Mann von Bohms Geliebter, seit diesem Tag spurlos verschwunden. Dass der einzige Augenzeuge des Brandes, das Dorffaktotum Wurschtweck, seine Erinnerung mit dem Leben bezahlen muss, passt allerdings nicht in diese Theorie.

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

VORSPIEL

1

2

3

4

ERSTES KAPITEL

1

2

3

4

ZWEITES KAPITEL

1

2

3

4

DRITTES KAPITEL

1

2

3

4

VIERTES KAPITEL

1

2

3

4

FÜNFTES KAPITEL

1

2

3

4

SECHSTES KAPITEL

1

2

3

4

SIEBTES KAPITEL

1

2

3

4

ACHTES KAPITEL

1

2

3

4

NEUNTES KAPITEL

1

2

3

4

NACHSPIEL

AUSKLANG

Dietmar Beetz

E-Books von Dietmar Beetz

Impressum

Dietmar Beetz

Fahndung am Rennsteig

Kriminalroman

ISBN 978-3-95655-908-2 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 2000 im verlag der criminale

2018 EDITION digital

Pekrul & Sohn GbR

Godern

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Pinnow

Tel.: 03860 505788

E-Mail: [email protected]

http://www.edition-digital.de

Meinen Eltern und zum Gedenken an meine Großeltern.

VORSPIEL

1

Ende Januar 1933 hatte der Winter die Hohen des Thüringer Waldes bereits seit Monaten fest im Griff. Letzte Nacht und tagsüber war Schnee gefallen, Pulverschnee, und nun, am späten Nachmittag des dreißigsten, lag die Flur bei Altenroda am Rennsteig wie unberührt im sinkenden Licht.

Weiß der Unschuld, dachte Frieder Böhm nicht ohne Bitterkeit.

Er kam auf Skiern, die in dieser Gegend Schneeschuhe heißen, aus Langenbach, einem größeren Nachbarort, zurück und stieg, nach wie vor beunruhigt, verschneite Wiesen hinauf - heimwärts, wie es ihm dabei durch den Kopf ging; aber würde er hier nun heimisch werden?

Es dämmerte schon, und Böhm schritt zügig aus - in seiner Lage eine Art Flucht, zudem ein Trost: Mochten die meisten Einheimischen ihn, den Städter, den Lehrer aus Weimar, auch beargwohnen, sein Talent, auf Brettern zu stehn, mussten sie anerkennen. Er bewegte sich auf Skiern aus der Fabrik mindestens so geschickt wie Alteingesessene auf ihren Schneeschuhen vom Schreiner oder auf ihren selbsthergerichteten Fassdauben.

Trotzdem brach ihm jetzt der Schweiß aus, und das wohl nicht nur, weil der Hang, das letzte Stück kurz vor dem Höhenrücken, ziemlich steil war. Böhm empfand die alte Furcht, fühlte sich von ihr eingeholt, ja umstellt.

Nicht, dass er ängstlich gewesen wäre. Durch den Wald laufen, stundenlang und allein, oder zur Nachtzeit über den Friedhof gehn, auf dessen Rand er gerade zuhielt - so etwas hatte ihm nichts ausgemacht, geschweige ihm Schweiß auf die Haul getrieben. Dagegen das Dorf da vor ihm, Altenroda samt der Glashütte am oberen Ende, mit dem Gast- und Logierhaus Zum Gläsernen Hirsch, der Kirche, den verschneiten, meist einstockigen, idyllisch anmutenden Gehöften, dieses Nest hinter den Bergen ...

Böhm fuhr sich über die Stirn, räusperte sich und atmete tief durch. Er musste auf dem Weg zur Schule, wo er zwei Dachkammern bewohnte, an der Hütte vorbei, und dort, spätestens aber auf der Dorfstraße würde er Leuten begegnen, sie grüßen müssen, ein paar Worte mit ihnen wechseln ... Dabei wollte er locker wirken, unbekümmert, heute erst recht.

Zur Verwunderung des Lehrers sah die Hütte verlassen aus. Kein Mensch auf dem Gelände, weder am Ascheberg noch am Kokshügel, wo im Schnee ein frisches Loch klaffte, schwarz wie ein aufgerissenes Maul, aber auch hinter den Backsteinmauern unter dem qualmenden Schlot und selbst in der Bürobaracke schien sich niemand aufzuhalten.

Böhm lauschte. In der Luft hielt sich ein gleichförmiger Ton, das Brummen aus der Ofenhalle, das über diesem Teil des Dorfes hing, seit die Hütte wieder in Betrieb war. Kein Klirren von Metall auf Stein, wie es mitunter bis in die Dachkammern der Schule drang, doch aus der gleichen Richtung, sicher aus dem Gläsernen Hirsch, war jetzt trunkenes Grölen zu hören.

Sie feiern ihre Machtergreifung, sagte sich Böhm.  Es erklärte ihm, weshalb der Betrieb verlassen worden war, wobei er sich wunderte, nicht sofort daran gedacht zu haben, und es wirkte auf ihn nach den Nachrichten, den Enttäuschungen dieses Tages als besonders schnöder Verrat. - Sich vorzustellen, dass alle Hüttner, auch die Roten, im Hirsch saßen, sich von Bullert, dem Fabrikanten, freihalten ließen, dass sie auf Hitler und seine Nazis das Glas hoben, soffen ...

Erst jetzt fühlte sich Böhm abgeschrieben, endgültig und überall. Am liebsten hatte er sich verkrochen, vielleicht wie d’r Wurschtweck, der Dorftrottel und Säufer, der schon des Öfteren in irgendeinem Winkel der Hütte aufgestöbert worden war. Der Lehrer tat sogar ein paar Schritte zum Hof hin.

Unter dem vorspringenden Dach der dunklen, unbesetzten Pförtnerbude kehrte er um, wobei er im zertrampelten Schnee eine Skispur hinterließ, und fuhr weiter, letztlich im Unklaren, was ihn abgehalten hatte.

War da auch eine Ahnung gewesen, eine Warnung vor zusätzlicher Gefahr?

Mittlerweile hatte Schneefall eingesetzt. Flocken schwebten, groß und vereinzelt, aus dem dämmrigen Himmel, der über dem Unterend, dem etwas tiefer gelegenen östlichen Ausläufer des Dorfes, schon düster war.

Die letzten Minuten vor Anbruch der Nacht.

In Höhe der Gastwirtschaft standen ein paar wankende Männer, und eine Frau huschte von einem Hauseingang zum anderen.

Böhm dachte an Hanne Fittich, die ihn hin und wieder besuchte, überquerte dabei die Straße und bog ein auf den Pfad, der gegenüber der Abzweigung zur Hütte begann. Es war ein Umweg, aber der Lehrer wollte jetzt auf keinen Fall mehr am Hirsch vorbeikommen, auf keinen Fall von einem der Angetrunkenen angepöbelt oder auch nur bemerkt werden.

So erreichte er die Schule vom Hof her, schnallte die Skier ab, klopfte sie sauber und betrat das zweistöckige Gebäude durch den Seiteneingang.

Die Haustür war unverschlossen, worüber Böhm sich nicht weiter wunderte, doch als er auch die Tür zu seiner Wohnung offen fand, runzelte er die Stirn.

Sollle er ...? Oder waren Nazi...?

Im nächsten Moment fing er einen Duft auf, ein leichtes, unverkennbares Aroma, und spürte sein Herz hämmern. Taumelig stellte er die Skier ab, drückte die Tür zu und polterte durch den Handtuch schmalen Vorraum.

Sie empfing ihn auf halbem Weg zur Schlafkammer und knipste das Licht, das er angedreht hatte, wieder aus.

„Komm!“, sagte sie. „Du bist ja ganz kalt! Hab ich mir Sorgen um dich gemacht!“

2

Hanne Fittich hörte das Gepolter zuerst. Sie sprang auf und huschte nackt, wie sie war, zum Vorraum. Lautlos drehte sie den Schlüssel um und zog ihn ab.

Da befand sich Böhm bereits bei ihr. Im Dunkeln berührte er sie ungewollt, spürte ihre Haut, ihr Haar und legte die Arme um ihre Schultern. So standen sie beide und lauschten.

Draußen waren mehrere Männer, wenigstens zwei oder drei. Eben hatte einer geklopft, und nun wurde die Klinke bewegt.

D’r Jus? ging es Böhm durch den Kopf.

Er nannte selbst in Gedanken den Mann von Hanne, wie es Brauch war im Dorf: nicht Julius, auch nicht einfach Jus; dass aber d’r Jus jetzt tatsächlich da draußen von einem Fuß auf den anderen trat, um seine Hanne und den Lehrer, sekundiert von Zeugen, in flagranti zu ertappen - daran zweifelte Böhm.

Mittlerweile hatten die Männer vor der Tür zu reden begonnen, laut und deutlich genug, sie zu verstehen und an der Stimme zu erkennen.

„Und er muss da sein“, sagte Paul Widder, ein Glasmacher Mitte Dreißig. „Ich hab doch vorhin erst, vor keiner halben Stunde, das Licht bei ihm angehen gesehn.“

„Vielleicht ist er noch mal weg“, vermutete Max Schmidt, gleichfalls Hüttner und nur wenig alter als Paul, „oder er hat sich hingelegt.“

„Jetzt, drei Viertel sieben?“

„Natürlich nicht allein“, ließ sich Konstant Christ, der Schreiner, vernehmen - eine Bemerkung, bei der Hanne Fittich zu zittern anfing. Böhm drückte sie fester an sich. Er wagte, nicht anders als sie, kaum zu atmen, obwohl nun klar war, wer Einlass begehrte.

Einer der drei - offenbar Widder, der zur Anspielung des Schreiners unwillig gebrummt hatte - versuchte es gerade ein weiteres Mal: pochte mit der Faust an die Tür.

„Nicht so laut!“, fuhr Christ ihn an.

Widder stieß einen Fluch aus und rief gepresst: „Frieder, mach auf! Wir sind’s. Wir wollen bloß die Nachrichten hören.“

Hanne war einen Schritt zurückgewichen, Böhm, nun gleichfalls fröstelnd, genauso.

Stille, doch unten, wo Bischof, der Schuldirektor, wohnte, wurde das Radio auf volle Lautstärke gestellt.

Marschmusik, das Horst-Wessel-Lied ...

Da versetzte Widder der Tür einen letzten Schlag.

Böhm hatte von Hanne abgelassen, und sie war zögernd gefolgt. Während er ans Fenster trat, um hinabzuspähen, blieb sie beim Kanonenofen, der kaum noch wärmte, stehn.

„Sie gehn“, sagte sie. „Da steckt nichts dahinter. Ist doch klar, dass deine Leute an so einem Tag ...“

Er bedeutete ihr zu schweigen, und winkte sie gleich darauf zu sich hin. „Dort!“, flüsterte er. „Bei den Büschen!“

Die Frau musste sich recken. Zudem verschwand die Gestalt gerade hinter Gesträuch.

„Wer war das?“, fragte Hanne.

Der Lehrer zuckte die Schultern.

„Glaubst du, er ...?“

„Nein, bestimmt nicht.“

Wie zur Bekräftigung legte er wieder die Arme um ihre Schultern. So standen sie und sahen, wie Christ, Schmidt und Widder die Schule verließen und vor zur Straße stapften. Eine Laterne dort ließ erkennen, dass es noch immer leicht schneite. Bei jenem Gebüsch, an dem die Männer vorbeikamen, bewegte sich nichts.

„Ich muss gehn“, sagte die Frau.

Böhm widersprach nicht, nahm aber auch nicht die Arme von ihr, und so blieb sie und starrte weiter wie er durch die Gardine, die sie heimlich genäht und kurz vor Weihnachten angebracht hatte. - Du sollst dich wohlfühlen, und ich will, dass du immer an mich denkst. „Frieder, ich muss wirklich ...“

„Da! Bei den Büschen!“

Es war nur ein Schemen, der sich vom verschwimmenden Umriss der Buschgruppe gelöst hatte und nun, tapsig und flink zugleich, über den nachthellen Schnee lief.

„Das ist doch d’r Wurschtweck!“, entfuhr es Hanne.

„Stimmt“, sagte Böhm, der die Gestalt jetzt gleichfalls erkannte. Der Trinker und Dorfnarr trabte, die überlangen Arme schlenkernd, vor zur Straße, wo Christ, Schmidt und Widder gerade verschwunden waren.

„Ob er ihnen nachspioniert?“ fragte Hanne.

„Das siehst du doch!“, sagte Böhm.

„Du glaubst also nicht, dass es mit uns zu tun hat?“

„Wieso denn mit uns?“, erwiderte er leicht gereizt. „Als ob’s auf der Welt nichts anderes gab!“

Statt etwas zu entgegnen, raffte sie ihre Sachen zusammen, und auch er wandte sich ab, schweigsam wie sie. Dabei bereute er bereits seine Äußerung, und als sich die Frau dann vor der Waschkommode mit dem Kamm durch’s Haar fuhr, trat er zu ihr und zog sie an sich.

„So war das doch nicht gemeint! Ein Glück, dass alle ihre eigenen Sorgen haben, dass sich niemand um uns kümmern kann!“

„Niemand?“, fragte sie voller Zweifel, voller Abwehr.

„Na, jedenfalls nicht ernsthaft“, sagte er. „Oder hast du etwa einen Verdacht?“

Sie schwieg, blieb reglos in seinen Armen, stumm.

„He, Hanne, ist dir was aufgefallen, irgendwas Verdächtiges?“

Sie schüttelte den Kopf und seufzte.

„Na, siehst du!“

„Ich muss jetzt gehn“, wiederholte sie, entglitt ihm und griff nach ihrem Tuch. „Die Kinder warten, und er ...“

Sie brach ab, und Böhm versuchte, beim Schein, der hereindrang, ihr Gesicht zu erkennen. Es gelang ihm nicht; er sah nur, wie sie das wollene Tuch um die Schultern warf und tief in die Stirn zog.

„Er ...?“, fragte er alarmiert. „Was ist mit ihm?“

„Nichts“, behauptete sie. „Nichts ist.“

Da packte er sie noch einmal, schob ihr das Tuch aus der Stirn und sah ihr angestrengt in die Augen. „Hanne, was verheimlichst du vor mir? Hat er was mitgekriegt?“

Sie wich dem Blick aus. „Ja. Scheint so.“

„Und nun?“

„Und nun?“, fuhr sie auf, so heftig, dass er sie unwillkürlich losließ. Im nächsten Moment warf sie die Arme um seinen Hals, drängte, presste sich an ihn. „Frieder, lass nur, Frieder, ich mach das schon, brauchst keine Angst zu haben und dir keine Sorgen zu machen!“

„Was hast du vor?“, fragte er, und als sie nicht darauf einging und ihn statt dessen weiter beschwor, mit immer den gleichen Worten, schüttelte er sie und wiederholte die Frage: „Was hast du vor?!“

Sie sah ihn an, in den Mundwinkeln ein Lächeln, das erlosch, und plötzlich war ihm, als sei alles nur Theater gewesen, eine Szene in einem Stück wie dem von der gefallsüchtigen Försterstochter, das sie am Zweiten Weihnachtsfeiertag mit aufgeführt und für das sie den ganzen Herbst geprobt hatten. Verwirrt ließ der Lehrer die Hände sinken.

Auf der Bühne, in jenem Spiel unter der Obhut von Freiwilliger Feuerwehr und Gesangverein, hatte er den adligen Verführer darzustellen gehabt, und Hanne Fittich war die kokette ältere Schwester der Verführten gewesen.

So hatte es angefangen.

War das nun das Ende?

Die Frau berührte mit den Fingerspitzen seine Lippen, seine Stirn. Er schloss die Augen, dachte: Jetzt mit ihr in ein Lokal gehn, oder wenigstens noch ein Stück durch den Winter!

Sie gab ihm einen Klaps. „So, und nun lass mich raus!“

Ein Abschied wie immer, seit sie sich vor Wochen, an einem Nachmittag im November, zum ersten Mal hier getroffen hatten. Wahrend Böhm voranschlich, bemerkte er, dass bei Bischof das Radio nur mit gedämpfter Lautstarke spielte, und dann prallte der Lehrer zurück.

Vor ihm auf dem Treppenabsatz, im Dämmer durchaus erkennbar, stand ein Mann - ohne Zweifel d’r Jus.

3

Als Hanne Fittich an diesem Abend heimkam, musste sie sich zwingen, nicht zum Platz an der Stirnseite des Tisches zu starren. Wie gehetzt blickte sie zu den Kindern und zu Mathilde, der Schwiegermutter und Oma, die neben dem Herd auf der Holzkiste bockte.

Mathilde, im Dorf d’e Tilde genannt.

Die Kinder aßen Gebrannte Kartoffeln, auf der Herdplatte geröstet - und tranken Kaffee dazu, Malzkaffee mit einem Schuss Ziegenmilch. Es schien ihnen zu schmecken, denn sie schwatzten mit vollem Mund.

„Wohl bei der Elsbeth gewesen?“, erkundigte sich Mathilde. Hanne nickte. - „Warum fragst du?“

„Nur so.“

Sie hatte damit gerechnet, und sie hoffte, sich auf Elsbeth, die alte Schulfreundin, verlassen zu können, aber völlig sicher war sie sich nicht, schon gar nicht nach dem, was sich heute Abend ereignet hatte. Wieder ging ihr Blick zur Stirnseite des Tisches, zum Platz von Jus, der leer war; Hanne wusste es, hatte es sofort erfasst, noch vor ihrem Gruß, der von Mathilde stumm und von den Kindern achtlos erwidert worden war. Ihre Unruhe wuchs.

Während Hanne ihr Tuch auf die Stangen über dem Herd hängte, auf das Trockengestell, wo schon Sachen der Kinder hingen - währenddessen erhob sich Mathilde ächzend. „Da werd ich mal gehn“, erklärte sie, ohne die Schwiegertochter aus den Augen zu lassen.

„Meinetwegen kannst du bleiben“, versetzte Hanne, und Effi, das Mädchen, die Vierjährige, rief: „Ja, Oma, bleib und erzähl mir ein Märchen!“

„Das kann deine Mutter besser: Märchen erzählen. Es ist außerdem schon zu spät. Ich muss in mein Bett.“

„Nein, bleib noch!“, quengelte Effi, doch Pitt, der Älteste, der Vierzehnjährige, bestimmte: „Für dich ist Schluss. Gleich drei Viertel neun!“

„Ja, ja, es ist spät geworden“, stichelte Mathilde, „später als sonst ...“ Die Kinder schienen den Unterton nicht zu bemerken, zumindest Effi und Pitt nicht; die beiden lieferten sich einen Streit, ein Geplänkel, wie es Hanne, die Mutter, bislang immer belustigt hatte, zumal sie der Meinung war, in der kleinen Effi, dem Nachkömmling, ihr Ebenbild zu erblicken.

Heute ging ihr selbst das auf die Nerven, und erst Pole, der Zweitgeborene, ganze elf Monate jünger als Pitt! Jus, dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten, hockte er schweigend am Tisch und registrierte alles mit groben, traurigen Augen.

Sie riss sich los von ihren Gedanken, ihren Empfindungen, bemüht, sie fernzuhalten. „Die Oma hat recht“, sagte sie. „Es ist tatsächlich schon spät.“

Dabei legte sie Effi die Hand auf den Kopf, streichelte die Kleine, und sofort verstummte das Kind, rutschte vom Stuhl und umfing die Mutter.

„Komm, Mädchen!“, drängte die Großmutter. „Ich helf dir beim Waschen, oben bei mir.“

„Und erzählst mir ein Märchen, gell, Oma?“

„Ja, aber nur, wenn du nicht wieder märst.“

Inzwischen hatte Pole angefangen, den Tisch abzuräumen - stumm, hilfreich, bedrückt.

Die Mutter versuchte, ihn zu strubbeln; da zuckte er zusammen, erstarrte vor ihrer Hand, lächelte gequält.

Betroffen, im Hals einen Kloß, wandte Hanne sich ab.

Wussten schon die eigenen Kinder davon? Verachteten die Jungen ihre Mutter?

Pitt, rundgesichtig und sommersprossig, hatte sich ein Küchenmesser und ein Holzscheit geholt. Nun schnitzte er, die Zungenspitze zwischen den Zähnen, Stäbchen, vermutlich Pfeile für die Jagd auf Krähen. - Pitt, der semmelblonde Apache, der Waldläufer, oder was er gerade war.

„Aber die Späne machst du dann weg, nicht d’r Pole! Verstanden?“ Unwilliges Brummeln, sonst nichts. Was ringsum vor sich ging, worunter sein Bruder litt, hatte er offenbar nicht mitgekriegt, oder es interessierte ihn nicht.

War dabei nicht Pitt, er allein unter seinen Geschwistern, was in Romanen ein Kind der Liebe hieß?

Hanne seufzte. Was wussten die Bücher, selbst die, aus denen die Namen ihrer Kinder stammten, schon von Liebe und Leidenschaft? Oder war sie es, die noch keine Ahnung gehabt hatte, damals, als sie die Namen bestimmte?

Sie lehnte sich an die Tür zur Schlafkammer, presste die Hände an das Holz, und ihr Blick schweifte von den zerlesenen Heften auf dem Küchenschrank zur Uhr und weiter, zur Nacht hinter den frisch gewaschenen Gardinen.

Gleich neun, und er ...

„Er wollte zur Elsbeth“, sagte Pole.

„Wer? Dein Vater? - Wann wollte er ...?“

„Vorhin, um sechs rum, als es dunkel geworden ist.“

„Und war er danach noch mal da?“

Der Junge schüttelte stumm den Kopf.

„Ich muss ihn suchen!“ Sie riss ihr Tuch vom Trockengestell. „Darf ich mit, Mutter? Bitte!“

Sie zögerte. „Lieb von dir, Pole, aber ...“

„Wir kommen mit!“, rief Pitt, wobei er das Messer hinwarf und aufsprang.

„Ihr bleibt“, entschied sie. „Ich gehe besser allein. Und wehe, wenn ich zurück komm, und ihr seid noch nicht im Bett!“

4

Beim Verlassen des Hauses, das Hanne manchmal a Hütt nannte, schlug ihr Kälte entgegen. Zu schneien hatte es aufgehört. Vom Himmel, zwischen ziehenden Wolken, schien frostig der Mond.

Die Frau hüllte sich fester in ihr Schultertuch und hob die Füße in den derben, selbstgeschneiderten Dumpen. Unter den Sohlen knirschte der Schnee, und hinter ihr blieb eine Spur.

Auch auf der Straße, im Schein des Mondes und einzelner Laternen, fanden sich Tapfen. Die wenigsten stammten von Ladenschuhen oder von Stiefeln, und die meisten führten wohl zum Gläsernen Hirsch oder von dort her zum Unterend.

Hanne Fittich stapfte dorfaufwärts und bog nach zwei-, dreihundert Metern in eine der Abzweigungen ein, die vom Kammweg, der Hauptstraße, abgingen. Hier verlief im Neuschnee nur eine einzige Spur, und die endete bereits an der zweiten Haustür, also vor dem Gehöft, wo Elsbeth Schmidt, die Schulfreundin, wohnte.

Eine Weile verharrte Hanne in den Tapfen, in die sie getreten war. Aus dem Tal, zu dem hin die Seitenstraße abfiel, zog es eisig, und das, obwohl die Luft ringsum stillzustehen schien.

Bei Elsbeth Schmidt brannte Licht orangefarben und fremd. Fröstelnd kehrte Hanne um. Sie dachte an Jus, den Mann, den eigenen, wünschte sich, jetzt bei ihm zu sein, sich neben ihm ausstrecken zu können, ihn in den Armen zu halten; sogar seine hilflosen Tiraden, sein ohnmächtiges, selbstquälerisches Gestammel würde sie gern ertragen, wenn er nur wieder da war.

Die Angst, die den ganzen Abend geschwelt hatte - plötzlich flammte sie auf. Hanne sprang das letzte Stück zur Straße. Schnee geriet ihr in die Dumpen, schmolz und durchnässte die Strümpfe; sie achtete nicht darauf.

Erst kurz vor dem Gläsernen Hirsch fing sie sich wieder halbwegs, noch immer getrieben von jener Angst, zugleich aber von einer anderen Bedrohung gestoppt. - Weiter vorn auf der kalkig erhellten Straße bewegte sich vom Oberend her eine Gestalt, der Haltung und dem Gang nach Frieder Böhm.

Wo links die Abzweigung zur Glashütte abging, wandte sich jetzt der Lehrer nach rechts, verschwand auf dem Pfad, dem Umweg, den er schon Stunden vorher benutzt hatte, und Hanne Fittich atmete auf. Sie war unwillkürlich stehengeblieben und ging nun hinüber zum Hirsch. Bei den Schneewällen vor dem Eingang standen Männer wankend und schlugen ihr Wasser ab.

Jus war nicht dabei.

Betrunkene auch im Flur und im Gang zu den Toiletten, Betrunkene im Saal, dessen Türflügel offenstanden, und Betrunkene im Gastraum, aus dem schwallweise Lärm und Qualm drangen, sobald die Tür aufgestoßen wurde.

Wo Jus hier finden?

Hanne wandte sich zuerst dem Saal zu. Dort hingen noch an der Decke und von den Stützpfeilern die verstaubten, ausgeblichenen Papiergirlanden, die für die Kirmes und für das Theaterspiel am Zweiten Weihnachtstag, die Jahresfeier von Gesangverein und Freiwilliger Feuerwehr, angebracht worden waren, ja, nicht einmal die Tische mitsamt den Stühlen hatte man in den Wochen seither anders verteilt.

Um so befremdender der Eindruck auf Hanne. Da hockten an den Tischen rings um die Tanzfläche Hüttner in Arbeitsklamotten, und bei den Bänken rechts an der Wand, in der sogenannten Drachenloge, wo sonst die Mütter heiratsfähiger Töchter Wache hielten, drängten sich Arbeitslose. Da wie dort kaum Frauen, auf den Tischen meist geleerte Gläser ... Einige der Männer schliefen oder dösten, den Kopf auf die Arme gelegt.

„Was ist denn hier los?“, fragte Hanne einen der Zaungäste.

Das sehe sie doch! erwiderte der Mann. „Sie warte, dass ihr Schicht üm is.“

Die Hüttner schlugen also die Zeit tot, und die Arbeitslosen leisteten ihnen Gesellschaft - ausgestoßen, an den Rand gedrängt, neidisch und froh zugleich, wenigstens so dabei zu sein.

„An Liter hot ‘r jedem spendiert“, erzählte der Mann, der im Forst als sogenannter Holzmacher beschäftigt gewesen war. Einen lumpigen Liter für den ganzen Abend! Freilich sei das besser als gar nichts, und was die richtigen Schluckspechte wären, die hätten natürlich noch auf eigene Rechnung gepichelt; leisten könnten sie sich’s jetzt ja.

Hanne Fittich mochte den Holzmacher, verstand auch seinen Neid, seinen Verdruss, aber jetzt fehlte ihr für das bittere Räsonieren der Sinn.

„’n Jus hast du nicht gesehn?“, fragte sie, während sie noch unter den Arbeitslosen suchte.

„Doch“, sagte der Holzmacher, aber das sei bestimmt schon vor gut einer Stunde gewesen.

„Und wo war er, wo? Hier im Saal?“

Der Mann, bislang halb abgewandt, sah sie voll an, und Hanne meinte, in seinem Gesicht List und Neugier wahrzunehmen. „Do’e hot ’r gestanne, do, wu du itz stähst.“ Er selber habe ihn erst gar nicht bemerkt, und als er sich ein wenig später noch mal umgedreht habe, sei er verschwunden gewesen.

„Und gesagt ...?“ Hanne schluckte.

„Hot ’r nis“, gab der Holzmacher zur Antwort. Sie kenne ihren Jus doch, kenne ihn besser als alle anderen und wisse, wie er manchmal dastehe oder dasitze und gucke. Außerdem, was solle seinesgleichen schon zu so was sagen?

Der Mann wies zu den Tischen, und Hanne nickte zerstreut. Wieder getrieben von jener Angst, murmelte sie einen Dank und ging, verließ den Saal, wich einem Betrunkenen aus und riss die Tür zur Gaststube auf.

Hier saßen die Handwerksmeister und die Händler, die sich trotz der Weltwirtschaftskrise einen Platz am Stammtisch leisten konnten, und nebenan im Vereinszimmer hielt offenbar Fritz Bullert Hof.

Fritz, im Dorf d’r verdorb’ne Dokter genannt - jüngster Spross von Armin Bullert, dem Thüringer Glaskönig, Sitz: Langenbach, dem auch die hiesige Hütte gehörte.

Zu sehen war der Junior von der Tür zur Gaststube aus nicht, wohl aber zu hören, obgleich er heute nicht einmal sonderlich viel getrunken zu haben schien. Um so besoffener wirkten auf Hanne die Kumpane seiner Leibstandarte, Nazis aus dem Dorf und aus Langenbach, mit denen er sich neuerdings umgab.

Während draußen Lärm aufkam, wandte Hanne sich ab.

Sinnlos, Jus hier, unter solchen Leuten, zu suchen.

Wo aber, Gott, lieber Gott, wo kann er sein?

Jetzt war Geschrei im Flur, und Hanne warf - sie wusste später nicht recht, weshalb - einen Blick zur Uhr über dem Tresen.

Fünf vor zehn.

Im selben Moment flog die Tür auf, und zwei Männer stürzten herein. „Es brennt!“, schrien sie. „D’e Hütt brünnt lichterloh!“

ERSTES KAPITEL

1

Tags darauf, am Morgen des 31. Januar 1933, wurde Kommissar Erwin Kämp in Henneberg, der Kreisstadt am Nordrand des Thüringer Waldes, zu Kriminalrat Oehme, seinem Vorgesetzten, befohlen.

Der Kommissar hatte es sich in den Jahren seiner Zugehörigkeit zur Polizei zur Regel gemacht, zwei, drei Minuten vor Dienstbeginn in der Behörde zu sein, und auch der alternde Kriminalrat war offenbar überpünktlich gewesen. So hatte Kämp bereits Hut, Schal und Mantel an den Garderoberechen gehängt, als er Punkt sieben, nach einem Blick in den Taschenspiegel, einer Inspektion seines gefurchten, angespannten Gesichts, zur Tür ging.

An der Schwelle begegnete er Kriminalsekretär Horst Degner, seinem Untergebenen, mit dem er das Zimmer teilte.

Der Sekretär - flüchtig oder gar nicht gekämmt, ohne Krawatte, in einer Joppe, die er Windjacke nannte ... Und natürlich wieder mal auf den letzten Pfiff.

„Zum Alten?“, erkundigte er sich.

„Ja, zum Kriminalrat.“

„Wegen der Keilerei im Felsenkeller?“

„Möglich“, gab Kämp, sich abwendend, zur Antwort. Es widerstrebte ihm, zwischen Tür und Angel Dienstliches zu erörtern, und außerdem bezweifelte er, dass Oehme ihn wegen einer Saalschlacht zu sich beordert hatte. Solche Zusammenstöße gehörten eher in das Ressort von Heyder, einem anderen Kommissar der Behörde. Zumindest war es bislang so gewesen.

Kämp hatte den Korridor überquert. Nun zögerte er.

Waren seit gestern auch die Kompetenzen anders als bisher, und konnte Heyder, unterstützt von zwei Sekretären, überhaupt all die politischen Schlachten mitsamt ihren Folgen im ganzen Kreisgebiet länger allein bearbeiten?

Vielleicht also doch wegen irgendeiner Keilerei?

Der Kommissar klopfte an und wartete auf ein „Herein!“, bevor er eintrat und salutierte. Er trug zwar Zivil, bekannte sich aber zum preußischen Schliff, der ihm in einer Erfurter Kaserne kurz vor dem Weltkrieg, also noch in der Kaiserzeit, andressiert worden war. Kriminalrat Oehme, gleichfalls Beamter der alten Schule, hatte sich hinter seinem Schreibtisch erhoben. Mit der hohen Stirn und den schlaffen Wangen erinnerte er entfernt an Friedrich Ebert, den ersten Präsidenten der Republik, die vor vierzehn Jahren, im Januar 1919, in Weimar aus der Taufe gehoben worden war und, wie die Kommunisten erklärten, mit der Machtergreifung Hitlers gestern den Todesstoß erhalten hatte.

Jetzt reichte der Kriminalrat Kämp ein Blatt Papier. „Bitte, lesen Sie!“ Es war eine der Meldungen, wie sie vom Nachtdienst, meist auf Grund eines Telefonanrufes, notiert wurden. Links oben die Uhrzeit, rechts daneben Name, Tätigkeit und Adresse der Person, von der die Mitteilung stammte.

Die hier war null Uhr zwölf aus Altenroda, einem Ort im oberen Kreisgebiet, eingegangen, und erstattet hatte sie ein gewisser Thiel, Oberassistent der Polizei, zuständig für dieses Dorf am Rennsteig. - Die Nachricht von einem Brand der Glashütte dort, wie der Kommissar fand: eine recht alltägliche Meldung.

Um so merkwürdiger - die Art, wie der Kriminalrat ihm beim Lesen zusah.

„Na?“, fragte der, als Kämp den Blick hob.

Der Kommissar zuckte die Schultern. „Ein Hüttenbrand oben am Rennsteig, das dritte oder vierte Mal allein im letzten Monat, dass der rote Hahn auf ein Dach geflogen ist.“

Der Kriminalrat nickte. „Stimmt. Nur dass es diesmal um Millionen geht.“

Auch die Höhe des Schadens, meinte Kämp, war nicht derart ungewöhnlich, dass Oehme ihn extra, noch dazu in aller Frühe, vor dem eigentlichen Dienstbeginn, hätte herbeordern müssen, und dass offenbar der Verdacht auf Brandstiftung bestand, der Verdacht auf versuchten Versicherungsbetrug, wenngleich zum Beispiel ein Unfall, eine Havarie, prinzipiell ausgeschlossen werden musste - das war angesichts der Wirtschaftslage erst recht nichts Besonderes.

Der Kriminalrat hatte sich abgewandt, war ans Fenster getreten. Während er durch die Gardine starrte, hinaus in den grauen dämmernden Tag, hielt er die Hände auf dem Rücken - die eine Hand, zur Faust geballt, von der anderen fest umschlossen.

Wie gefesselt, ging es dem Kommissar durch den Kopf.

„Hat sich etwa schon die Versicherung gemeldet?“, erkundigte er sich.

Oehme rührte sich nicht, und Kämp wollte die Frage bereits wiederholen, da gab sich der Kriminalrat einen Ruck, kehrte um und sagte: „Nein, noch nicht, und das können wir auch nicht abwarten. Gehn Sie, Kämp, nehmen Sie Ihren Adlatus, den Degner, mit, fahren Sie hoch nach Altenroda und klären Sie die Sache! Die übrigen Ermittlungen erlauben das doch?“

Kämp bestätigte es, wobei er sich straffte, und dann fragte er mit einem Blick zu dem Blatt Papier, das er auf den Schreibtisch gelegt hatte: „Gibt’s vielleicht noch irgendwelche Anhaltspunkte oder Hinweise, etwas außer dieser Nachricht?“

Der Kriminalrat nahm das Blatt, faltete es umständlich zusammen und drückte es dem Kommissar in die Hand. „Nein“, sagte er, ohne ihn anzusehen, „keine. Wenigstens nicht offiziell.“

„Und - inoffiziell?“

Jetzt huschte ein Lächeln über die schlaffen Züge des Kriminalrats. „Kämp, wir kennen einander doch lange genug und wissen beide, dass keiner unserer Fälle ohne besonderen Hintergrund ist. Natürlich habe ich auch bei diesem Hüttenbrand gewisse Gedanken und einen bestimmten Verdacht, zumal mir die Verhältnisse dort oben nicht gänzlich fremd sind, aber wie Sie mich kennen, werden Sie verstehn, dass ich mir lieber die Zunge abbeißen würde, als mit meiner Vermutung, meiner persönlichen Befürchtung den Gang Ihrer Ermittlungen zu beeinflussen, und das heutigentags entschiedener denn je.“

„Verstehe, Herr Kriminalrat.“ Der Kommissar steckte das Blatt ein und salutierte. „Wir werden umgehend aufbrechen.“

„Eins noch, Kämp, das Sie wissen sollten ...“ Oehme sah den Kommissar fest und melancholisch an. „Solange ich in unserem Kreis für Recht und Ordnung zu sorgen vermag, bin ich zu jeder Tages- und Nachtzeit für Sie zu sprechen.“

2

Degner saß, als Kämp zurückkam, vor dem Schreibtisch am Schreibmaschinentisch, der ihm zugleich als Arbeitsplatz diente.

Die beiden Tische standen im rechten Winkel beieinander und waren so in den Raum gestellt, dass der Kommissar und der Kriminalsekretär von links beziehungsweise von vorn Tageslicht erhielten. Dabei kehrte Degner der Tür und somit allem auf dem Flur und in den Räumen gegenüber den Rücken - ein Umstand, der ihn, aber auch Kämp und andere schon des Öfteren zu Witzeleien veranlasst hatte.

Jetzt blickte er über die Schulter und erkundigte sich stirnrunzelnd: „Na, war’s wegen der Keilerei?“

Er hatte ein Protokoll und Notizen zur Ergänzung dieses Schriftstücks vor sich liegen, Ergebnisse der Ermittlung in einem Fall von Brandstiftung in Tateinheit mit versuchtem Versicherungsbetrug, begangen in Untersorge, einem Dorf der näheren Umgehung, und etwas weniger Langatmig-Langweiliges wäre ihm durchaus gelegen gekommen.