Hilfe ohne Grenzen? - Marie Rössel-Cunovic - E-Book

Hilfe ohne Grenzen? E-Book

Marie Rössel-Čunović

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Beschreibung

Ehrenamtliche und Fachkräfte in der Flüchtlingshilfe sind zahlreichen Belastungen ausgesetzt. Der Hilfebedarf ist nach wie vor groß, die Rahmenbedingungen für eine wirksame Unterstützung oft alles andere als optimal. Für Geflüchtete kommt es in vielen Bereichen zu langen und zermürbenden Zeiten des Wartens, die auch ihre Helferinnen und Helfer Kraft kosten. Psychische Krisen und Traumafolgen, sehr existenzielle Erschütterungen im Leben der Geflüchteten sind in der Beziehung zu Ehrenamtlichen und Fachkräften präsent, auch ohne dass über sie gesprochen wird. Sich einzufühlen und sich nicht zu identifizieren oder übermäßig abzugrenzen, ist eine große Herausforderung und gleichzeitig Voraussetzung für die längerfristige Unterstützung und den Aufbau einer vertrauensvollen, hilfreichen Beziehung zu geflüchteten Menschen. Wie dieser Spagat besser gelingen kann, wie und wo haupt- und ehrenamtliche Fachkräfte sich Unterstützung holen und woraus sie Kraft ziehen können, erläutert Marie Rössel-Cunovic fundiert und praxisorientiert.

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Geflüchtete Menschen psychosozialunterstützen und begleiten

Herausgegeben von

Maximiliane Brandmaier

Barbara Bräutigam

Silke Birgitta Gahleitner

Dorothea Zimmermann

Marie Rössel-Čunović

Hilfe ohne Grenzen?

Gesundheitsressourcen erhalten in der psychosozialen Begleitung von Geflüchteten

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

© 2018, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Nadine Scherer

Satz und Layout: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2625-6436

ISBN 978-3-647-90127-5

Inhalt

Geleitwort der Reihenherausgeberinnen

Einleitung

1Neuere Entwicklungen bürgerlichen Engagements für Geflüchtete in Deutschland

1.1Qualitative Studien zum Engagement für Geflüchtete nach dem »Sommer der Solidarität«

1.2Die freiwillig Helfenden und ihr persönlicher Hintergrund

1.3Motive des Engagements für Geflüchtete

1.4Organisationsformen des freiwilligen Engagements

1.5Aufgabenfelder in der freiwilligen Hilfe für Geflüchtete

1.6Wichtige Unterschiede zwischen der Begleitung Geflüchteter durch freiwillig Engagierte und durch hauptamtliche Fachkräfte

1.7Veränderungen im Arbeitsfeld von Hauptamtlichen in der Beratung und Begleitung von Geflüchteten

2Spezifische Belastungen von Freiwilligen und Hauptamtlichen in der Hilfe für Geflüchtete

2.1Der Hilfebedarf auf vielen verschiedenen Ebenen: basale Orientierung und Hilfen im Alltag

2.2Behörden und ihre Reaktion auf Geflüchtete und ihre Helfenden: Veränderungen in der Haltung des sozialen Umfeldes freiwillig Engagierter

2.3Psychische Krisen und Traumafolgen bei Geflüchteten und wie professionell und freiwillig Helfende damit umgehen

3Nähe-und-Distanz-Balancierung als Herausforderung in der Beziehung mit Geflüchteten

3.1Häufige Dynamiken in der Beziehung zwischen Helfenden und traumatisierten oder psychisch sehr belasteten Geflüchteten: Phänomene der Übertragung im Kontext von Trauma

3.2Mitgefühlserschöpfung und sekundäre Traumatisierung als Risiko für die Gesundheit bei Helfenden

3.3Das Trauma in der eigenen Familie und das der Geflüchteten

4Erhalt der Gesundheitsressourcen für Helfende und Mitarbeitende in der Begleitung von Geflüchteten

4.1Regelmäßige Reflexion des Beziehungsgeschehens zwischen Helfenden und Geflüchteten in Intervision und Supervision

4.2Kooperationsmodelle und Organisationsstrukturen, die freiwillig Engagierte schützen

4.3Rahmenbedingungen und Teamstrukturen, die hauptamtliche Fachkräfte vor Mitgefühlserschöpfung schützen

4.4Prävention durch Netzwerke und Verbindungen zwischen verschiedenen Hilfesystemen

4.5Was können freiwillig Engagierte und hauptamtliche Fachkräfte individuell für sich tun, damit die Hilfe nicht grenzenlos wird?

4.6Blick auf die eigenen Ressourcen und auf die Ressourcen von Geflüchteten

4.7Ein Beispiel für gute Kooperation zwischen freiwillig Engagierten und hauptamtlichen Fachkräften in einem Mentorenprojekt: Die Idee des Mentor*innen-Projektes SOCIUS für Geflüchtete in Frankfurt am Main

5Ausblick

Literatur

Geleitwort der Reihenherausgeberinnen

Engagement, Empathie, Empörung, Erschöpfung – all dies sind Erfahrungen und Phänomene, die professionellen Fachkräften und ehrenamtlich Helfenden im Kontext von Flucht und Migration nicht fremd sind. Die langjährig praktizierende und versierte Pädagogin, Therapeutin und Supervisorin Marie Rössel-Čunović beschreibt in diesem Band sehr differenziert die komplexe und mitunter auch widersprüchliche Dynamik, mit der sich professionell und freiwillig Helfende in der Begegnung mit geflüchteten Menschen wiederfinden und die sich auch in der Konfrontation mit den oftmals sehr schwer zu durchschauenden organisationalen und institutionellen Strukturen und Arbeitsbedingungen widerspiegelt.

Die Autorin beginnt mit einem Aufriss der neueren Entwicklungen zivilgesellschaftlichen Engagements für Geflüchtete in Deutschland und schärft hierbei auch die bestehenden Unterschiede zu professionellen Hilfsangeboten. Hierbei berücksichtigt sie sowohl motivationale als auch strukturelle Aspekte. Im zweiten Kapitel thematisiert sie spezifische Belastungen von freiwillig und hauptamtlich tätigen Menschen in der Flüchtlingshilfe und fächert ein breites Spektrum von alltäglicher Unterstützung bis hin zur Begleitung von schwer traumatisierten Menschen auf. Das dritte Kapitel widmet sich der Balancehaltung zwischen Nähe und Distanz in der Beziehung zu geflüchteten Menschen. Marie Rössel-Čunović thematisiert in diesem Rahmen die Begriffe Mitgefühlserschöpfung und sekundäre Traumatisierung sowie die potenzielle Vermischung zwischen eigenen biografischen Belastungserfahrungen und den seelischen Verletzungen des Gegenübers. Im vierten Kapitel spannt die Autorin dann den Bogen zu praktischen Möglichkeiten zum Erhalt der Gesundheitsressourcen für die Helfenden. Dabei beschreibt sie u. a. sehr konkret aus der Praxis ein Mentor*innen-Projekt, das – begleitet durch psychosoziale Fachkräfte und eingebettet in ein intensives Fortbildungs- und Supervisionsangebot – alltägliche Unterstützung für geflüchtete Menschen durch freiwillig Helfende organisiert. Der Ausblick stellt ein sehr persönliches und nachdrückliches Plädoyer für das freiwillige und professionelle Engagement in diesem Bereich dar und macht deutlich, dass sich trotz des gesellschaftlichen »Klimawandels« im positiven Sinne viel getan hat und sich persönlicher Einsatz lohnt. Wir sind in dieser und in vieler anderer Hinsicht ganz bei der Autorin und wünschen allen Lesenden eine interessante und stärkende Lektüre!

Maximiliane Brandmaier

Barbara Bräutigam

Dorothea Zimmermann

Silke Birgitta Gahleitner

Einleitung

»Wir waren … ein Haufen nervöser Vögel, die entweder auf ihre Anhörung vor Gericht oder das Ergebnis des Asylantrages warteten und nicht wussten, was mit ihnen geschehen würde. Wir verharrten in einer Schockstarre und fühlten uns wie die Statuen an Markgrafenbrunnen im Zentrum, die langsam Moos ansetzten. Langeweile, unterbrochen von grundlosen Streitereien und allerlei seltsamen Konflikten, bestimmten unseren Alltag.«(Khider, 2016, S. 117)

»Die Arbeit war schon extrem hart. Vor allem im Rückblick wird mir das richtig klar … das war so ein extremer Leidensdruck bei den Leuten. So kompliziert und so extreme Geschichten, und die Ebenen waren auch gar nicht so leicht auseinanderzuhalten. War das jetzt einfach ein psychisches Problem oder war das den Umständen geschuldet, also der Migrationssituation? … Dann gab es die ganzen Konflikte innerhalb des Hauses.«(Philippe Keller, Sozialarbeiter in einer Unterkunft für Geflüchtete, zit. nach Krueger, 2013, S. 222)

Frau K. war die erste freiwillig Engagierte, die ich kennenlernte. Eine Respekt einflößende und gleichzeitig sehr gefühlvolle Frau mit Migrationsbiografie, die ich aus ihrer Betonung beim Sprechen heraushören konnte und diesen melodischen Klang ihrer Rede dabei sehr sympathisch fand. Sie begleitete damals – das war Ende der 1990er Jahre – einen Klienten und eine Klientin aus dem Kosovo in das »Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Verfolgte« des Frankfurter Arbeitskreises Trauma und Exil (FATRA e. V.), in dem ich als Familientherapeutin arbeitete. Beide wären ohne Frau K.s Kenntnis der Einrichtung und ohne ihre Fahrdienste wahrscheinlich niemals aus der Kleinstadt, in der sie untergebracht waren, nach Frankfurt gekommen und schon gar nicht in ein Behandlungszentrum für traumatisierte Geflüchtete. Darüber wusste sie zu Beginn der Beratung nur, dass man ihnen dort vielleicht helfen könnte, aber nicht auf welche Art und Weise. Frau K. hatte die Fähigkeit, bei Geflüchteten Notlagen wahrzunehmen und Verbindungen herzustellen, sich dann aber auch wieder in ihrem Tun zu beschränken. Sie gab manchmal eine kurze Erklärung, was sich zwischen zwei Terminen ereignet hatte und von dem sie dachte, es sei für mich wichtig zu wissen. Sie sprach aber nie anstelle der Klient*innen und identifizierte sich auch nicht so intensiv mit deren Themen und Problemlagen, dass sie davon ausgegangen wäre, als Dritte in den Beratungsprozess einbezogen zu sein.

Damals bekam ich eine erste Idee davon, dass diese Aufgabe eine schwierige Balance verlangt, einerseits mitzufühlen und andererseits immer wieder zu trennen zwischen den Themen und Gefühlen einer Person, die sich für eine bestimmte Problemlage Unterstützung und Begleitung wünscht, und den eigenen Themen und Gefühlen als Helfer*in. Dass diese Unterscheidung immer wieder verloren gehen kann und es ehrenamtlich und auch professionell Helfenden in manchen Situationen so schwerfällt, gute Grenzen in der Begleitung oder Unterstützung von Geflüchteten einzuhalten, hängt sehr stark mit dem zusammen, was seelisch belastete oder verletzte Menschen in uns und anderen auslösen und auf wie viel gesellschaftlich institutionalisierte Abwehr sie hier stoßen. Diese hat sich in den vergangenen Jahren seit 2015, seit dem »Sommer der Solidarität«, sehr stark verändert, zu Beginn zunächst in Richtung einer »Willkommenskultur« und aktuell wieder in die entgegengesetzte Richtung.

Inzwischen habe ich eine größere Zahl von freiwillig Engagierten kennengelernt und ebenso zahlreiche Teams, die als Pädagog*innen oder Sozialarbeiter*innen mit der Frage von Nähe und Distanz in helfenden Beziehungen immer wieder intensiv befasst sind und die versuchen, beide Seiten in eine Balance zu bringen. In Bezug auf geflüchtete Klient*innen wird dies oft als große Herausforderung erlebt, weil sowohl Mitarbeiter*innen von Unterkünften, Betreuungseinrichtungen, Beratende und freiwillig Engagierte immer wieder miterleben, wie schwer es für viele Geflüchtete ist, ihre ganz persönliche Verfolgungs- und Fluchtgeschichte und die damit verbundenen Verluste emotional zu verarbeiten. Dabei kommen oft noch weitere Belastungen und Verletzungen hinzu, etwa durch das Asylverfahren mit seiner oft willkürlich erscheinenden Anhörungs- und Anerkennungspraxis. Anhaltende Unsicherheiten auf verschiedenen Ebenen – nicht nur des Aufenthaltes, sondern auch der Zukunftsperspektiven für sich selbst, aber auch der Überlebensmöglichkeit von Familienangehörigen im eventuell noch umkämpften Heimatland – stellen eine erhebliche Belastung dar. Sie erzeugen auch bei ehrenamtlich Begleitenden und bei Fachkräften oft Gefühle von Hilflosigkeit und manchmal schwer aushaltbare Zustände des Mitleidens.

In einer 2013 unter dem Titel »Flucht-Räume« veröffentlichten Forschungsarbeit (Krueger, 2013), die sich mit einem ethnopsychoanalytischen Betreuungsansatz von Geflüchteten unter prekären Lebensbedingungen in der Schweiz beschäftigt hat, wurde sowohl den Bewohner*innen der Unterkunft als auch den Mitarbeiter*innen die Gelegenheit gegeben, über ihre psychischen Belastungen im Gespräch mit der Interviewerin zu reflektieren. Was deutlich wurde, ist der Zusammenhang zwischen den Belastungen der Bewohner*innen durch extreme Erfahrungen von Zerstörung und deren Niederschlag als psychische Belastung der Mitarbeiter*innen, die sich aufgrund einer »versagenden« Umwelt umso stärker darum bemühten, eine zugewandte und verstehende Haltung gegenüber den Geflüchteten einzunehmen. Sie erlebten »eine Kombination aus den unverarbeiteten Belastungen der Klient*innen und dem stetigen Konfrontiertsein mit den Grenzen eigener Handlungsspielräume«, die bei vielen zu starken Erschöpfungsgefühlen führten und sich nicht mehr »abschalten« ließen (Krueger, 2013, S. 220 f.). Die Grenzen der Handlungsspielräume können dabei als Ergebnis von einer gesellschaftlichen Umwelt gesehen werden, die mehr Grenzen als Möglichkeiten aufzeigt, wobei die Aufgabe von Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen ja genau darin besteht, Möglichkeitsräume zu eröffnen, ebenso wie dies auch freiwillig Engagierte versuchen. Hier entstehen oft erhebliche Dissonanzen.

Sowohl die Mitarbeiter*innen von pädagogischen oder beratenden Einrichtungen als auch ehrenamtliche Begleiter*innen von Geflüchteten versuchen eine vertrauensvolle und hilfreiche Beziehung zu Menschen aufzubauen, die aufgrund dieser existenziellen Erschütterungen und prekären Lebensbedingungen zumindest zeitweilig Unterstützung benötigen und deren Vertrauen in andere Menschen durch die erlebte Gewalt oftmals tiefe Einbrüche erfahren hat. Professionell und freiwillig Helfende sind beide mit den noch unverarbeiteten traumatischen Belastungen der Verfolgung und Flucht wie auch mit den aktuellen Belastungen der Geflüchteten befasst, haben dabei aber sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen in ihrer Tätigkeit.

Das Herstellen einer empathischen Beziehung zu geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mag sich für Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen zunächst gar nicht so grundlegend unterscheiden von ihrer gewohnten pädagogischen oder beratenden Haltung. Aus der supervisorischen Erfahrung mit sehr unterschiedlichen pädagogischen und beratenden Teams lässt sich jedoch sagen, dass die Arbeit mit Geflüchteten mit sehr spezifischen Belastungen für die Mitarbeitenden verbunden ist. Diese werden oft erst längerfristig in ihren Auswirkungen auf die eigene seelische Verfasstheit wahrgenommen. Oftmals äußern die Helfenden, dass sie sich auch abseits der Arbeit innerlich mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beschäftigen. Dies und das Mitfühlen nehmen zeitlich viel Raum ein, ebenso wie die Beschäftigung mit auffälligem Verhalten vor dem Hintergrund der (Flucht-) Biografie, von der oft nur einzelne Sequenzen, aber selten die ganze Geschichte bekannt ist.

Freiwillig Helfende in der Begleitung von Geflüchteten sind – das zeigen ebenfalls die Themen in Seminaren und in der Supervision – mit sehr ähnlichen Phänomenen beschäftigt, wie diejenigen, die hauptamtlich Beziehungsund Beratungsarbeit leisten. Eines der präsentesten Themen ist fast immer die unzureichend empfundene Hilfe und oft auch die institutionelle Ablehnung und nahezu Verweigerung von Hilfe für Menschen, die eigentlich in essenziellen Bereichen ihres Lebens Unterstützung benötigen würden, sich diese aber in einer für sie noch fremden Sprache nicht ausreichend organisieren können. Gleichzeitig nehmen freiwillig Helfende und Fachkräfte auch wahr, dass es nicht nur äußere Barrieren sind, mit denen Geflüchtete es hier zu tun haben, sondern dass auch innere Hemmnisse hinzukommen, etwa durch traumatische Erfahrungen ihres Gegenübers.

Gerade mit Geflüchteten, die unter Traumafolgen leiden, entstehen manchmal überraschende Beziehungsdynamiken mit heftigen, positiven und negativen Gefühlsreaktionen auf beiden Seiten, deren Ursachen nur zum Teil der aktuellen Situation geschuldet sind, sondern weit mehr mit den in der traumatischen Situation durchlebten Gefühlen von Überwältigung und Hilflosigkeit zu tun haben. Der institutionelle Rahmen, den die Einrichtung ihren Mitarbeiter*innen bietet, um mit den Herausforderungen dieser Arbeit gut umgehen zu können, um nicht auf Dauer wichtige psychische Gesundheitsressourcen zu verlieren, spielt eine bedeutende Rolle und ist ein wichtiges Thema dieser Veröffentlichung.

Es ist bekannt, dass die traumatische Erfahrung eine überwältigende Grenzverletzung für die davon Betroffenen darstellt und dass diese Erfahrung in weiteren Beziehungen reinszeniert werden kann. Das Einhalten von Grenzen in der ehrenamtlichen Arbeit stellt eine besondere Schwierigkeit dar, die in diesem Bereich drei Ursachen hat: Freiwillig Engagierte sind erstens weniger auf das Einhalten von Grenzen in der Tätigkeit vorbereitet, wie dies bei Professionellen der pädagogischen oder sozialen Arbeit durch die mehrjährige Ausbildung der Fall ist. Sie verfügen zweitens häufig nicht über institutionelle Rahmenbedingungen, die ausreichend schützend und fürsorglich für sie selbst wären. Sie haben als Drittes mit einer Personengruppe zu tun, die aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse in ihrem Gegenüber Gefühle entstehen lassen, die als Reaktion auf die wahrgenommene Hilflosigkeit »grenzenlose Hilfe« oft als einzige Handlungsmöglichkeit erscheinen lässt. Dass solche Beziehungsdynamiken unbewusst bleiben und dann dazu führen, dass freiwillig Engagierte sich in ihren Aufgaben erschöpfen und auch aus der Hilfe wieder aussteigen, stellt ein hohes Risiko in der ehrenamtlichen Hilfe dar.

Dieses Buch möchte den Blick dafür schärfen, was Ehrenamtliche im Unterschied zu hauptamtlichen Mitarbeiter*innen in der Flüchtlingshilfe belastet und was sie vor Mitgefühlserschöpfung bzw. vor der Entwicklung sekundärer Traumafolgen schützen kann. Wobei persönliche oder familiäre Erfahrungen mit psychischem Trauma einerseits ein starkes Motiv für das Engagement zugunsten Geflüchteter sein kann, wie ich in Seminaren oft hören konnte, andererseits das Risiko für Mitgefühlserschöpfung erhöhen können, wenn diese Erfahrungen unbearbeitet bleiben.

Als Praxisbeispiel dient mir in diesem Text ein Projekt, das seit 2012 besteht und immer weiterentwickelt wurde. Es handelt sich um die Qualifizierung von Mentor*innen, die geflüchtete Mentees über längere Zeiträume im Alltag begleiten und ihnen in wichtigen Fragen zur Seite stehen. Die Konzeption des Projektes SOCIUS, das vom Evangelischen Regionalverband Frankfurt FB1, durchgeführt wird, beinhaltet sowohl umfangreiche Fortbildungen für die künftigen Mentor*innen als auch eine weitere Begleitung in der Praxis durch regelmäßige Supervision und Studientage zu relevanten und von den Mentor*innen gewünschten Themen. Da ich seit Beginn des Projektes als externe Studienleitung beteiligt bin, ist es mir leichtgefallen, das Projekt mit seinen verschiedenen Facetten hier als Praxisbeispiel zu beschreiben.

Die Lesenden sollen durch das Buch angeregt werden, über die Rahmenbedingungen und Veränderungsmöglichkeiten ihrer Arbeit nachzudenken, eigene Grenzen wahrzunehmen und ein Gespür für die Grenzen freiwilligen Engagements sowie Möglichkeiten der Selbstfürsorge zu entwickeln. Es soll aber auch eine Hilfe sein, die dahinterliegenden psychischen Prozesse zu verstehen, die dazu führen, dass Hilfe »grenzenlos« werden kann. Es ist ein Buch für die Praxis, das sich auf theoretische Grundlagen und Konzepte der Traumaforschung stützt. Hierbei steht jedoch nicht die Konzeptualisierung und kritische Diskussion des Traumabegriffs im Vordergrund, sondern vielmehr theoretische Erkenntnisse, die für den Bereich Selbstfürsorge und Erhalt von Gesundheitsressourcen freiwillig Engagierter und für Fachkräfte in der Arbeit mit Geflüchteten zentral sind. Leser*innen, die zum Thema Traumaforschung und zu Konzepten zum Verständnis von menschengemachter politischer und sozialer Gewalt weiterlesen möchten, sei der Band von Karin Mlodoch (2017) »Gewalt, Flucht – Trauma? Grundlagen und Kontroversen der psychologischen Traumaforschung«, erschienen ebenfalls in der Reihe »Fluchtaspekte«, empfohlen.

Ich möchte diese Einleitung nicht beenden, ohne zu sagen, wie groß mein Respekt und meine Bewunderung für diejenigen ist, die sich in den letzten Jahren der Begleitung von geflüchteten Menschen auf eine oft so beeindruckende Weise angenommen haben und noch annehmen. Es sind freiwillig Engagierte, die häufig selbst durch ihren Beruf sehr beansprucht sind und die trotzdem viele Stunden und viel positive Energie für die Begleitung von Geflüchteten bereitstellen. Die Engagierten kommen dabei aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und Berufen, nicht wenige haben auch noch kleinere Kinder oder werden in der Zeit Eltern, manche sind neben ihrem Beruf mit der Pflege von Angehörigen beschäftigt und jüngere freiwillig Engagierte pausieren manchmal für Prüfungsphasen, sind dann aber wieder mit dabei. Ebenso erlebe ich die Teams, die mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten, in ihrer Arbeit professionell und sehr empathisch. Sie bringen dafür viel persönliches Engagement mit und erleben nicht immer das, was man ihnen als Gratifikation wünschen würde, nämlich ausreichende gesellschaftliche und institutionelle Anerkennung. Von den Fachteams und den Gruppen der freiwillig Helfenden freut es mich, oft zu hören, dass ihnen die Arbeit trotzdem am Herzen liegt, sie darin einen wichtigen Sinn sehen und auch Freude daran haben, neben allem, was ihnen belastend erscheint.

1Neuere Entwicklungen bürgerlichen Engagements für Geflüchtete in Deutschland

1.1Qualitative Studien zum Engagement für Geflüchtete nach dem »Sommer der Solidarität«