Leichenblass - Patricia Cornwell - E-Book

Leichenblass E-Book

Patricia Cornwell

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Beschreibung

Proteste vor dem Gerichtsgebäude, Live-Berichterstattung, Blitzlichtgewitter – der aufsehenerregende Mordprozess, in dem Dr. Kay Scarpetta als Hauptzeugin aussagen muss, ist nicht nur ein Medienspektakel, er gleicht einer Hexenjagd. Für die Öffentlichkeit und den Staatsanwalt steht das Urteil längst fest: Gilbert Hooke hat nach einem Streit seine Verlobte brutal ermordet, ihre Leiche geschändet und sie in den Atlantik geworfen. Doch die erfahrene Forensikerin Scarpetta kann beweisen, dass ihr inzwischen verstorbener Kollege, der die Autopsie durchgeführt hat, wichtige Beweise übersehen hat: das Fehlen von Totenflecken, welche die Leiche aufweisen müsste, wenn sie länger an der Luft gelegen hätte, und die Kieselalgen in der Lunge der jungen Frau, die auf den Tod durch Ertrinken hinweisen. Der Staatsanwalt zieht alle Register, um Scarpettas Glaubwürdigkeit zu demontieren. Und es kommt noch schlimmer: Die Schwester der Richterin, eine Mitarbeiterin der CIA, wird tot aufgefunden. Obwohl man es ihr von höchster Stelle untersagt, stellt Scarpetta Nachforschungen an, denn sie kennt die Familie persönlich …

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Seitenzahl: 513

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Patricia Cornwell

Leichenblass

Ein Fall für Kay Scarpetta

Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner

Kampa

Für Staci

Entwickle deine Sinne – insbesondere lerne, wie man sieht.

Erkenne, dass alles mit allem anderen zusammenhängt.

Leonardo da Vinci (1452–1519)

1

Nach drei Tagen im Atlantik, dazu noch während einer Hitzewelle, war April Tupelo nicht einmal für ihre eigene Familie wiederzuerkennen.

Die ehemalige Schönheitskönigin war »Treibgut«, wie einige abgebrühte Cops es nannten. Und zwar mit der Folge, dass ihre Leiche nun grünlich marmoriert und von Fäulnisgasen aufgebläht war. Die äußerste Hautschicht und das lange blonde Haar hatten sich vom Körper gelöst. Augen, Ohren, Lippen und andere Weichteile fehlten. Auf den im überfüllten Gerichtssaal gezeigten Aufnahmen erinnerte sie an etwas aus dem Spielfilm Der weiße Hai.

Als ihre sterblichen Überreste vor einundzwanzig Monaten am Strand von Wallops Island angespült worden waren, hatte ich noch nicht in Virginia gearbeitet. Deshalb habe ich weder den Tatort besucht noch die Autopsie durchgeführt. Der dafür zuständige Kollege weilt indes nicht mehr unter den Lebenden und kann darum nicht für seine ungeheuren Fehleinschätzungen zur Rechenschaft gezogen werden. Als ich den Fall auf den Tisch bekam, hatte man bereits April Tupelos Verlobten wegen Mordes aus niederen Beweggründen und Leichenschändung angeklagt.

Nun wartete er im Gefängnis auf seine Verhandlung, in Einzelhaft und ohne die Möglichkeit einer Kaution. Unterdessen machte der Mord international Schlagzeilen. Hinzu kam, dass der Staatsanwalt sich in den Fall verbissen hatte wie ein Hund in einen Knochen. Egal was ich sagte.

»Lassen Sie mich noch einmal betonen, wie sehr ich es bedauere, Sie mit diesen verstörenden Bildern konfrontieren zu müssen«, verkündet Bose Flagler, der Commonwealth Attorney von Alexandria, gerade in seinem melodiösen Südstaatenakzent. Wenn ich von Anfang an für diesen Fall zuständig gewesen wäre, säßen wir heute nicht hier. »Ein Anblick wie dieser kann einen Menschen bis tief in die Seele hinein verletzen, finden Sie nicht auch, Ma’am?«

»Ich habe die Frage nicht ganz verstanden«, erwidere ich.

Flagler nimmt vor dem Zeugenstand eine neue Pose ein, wobei er sein Bestes tut, um mir die Sicht auf die Geschworenen zu versperren. Er ist ein Meister der Choreographie. Jede Bewegung sitzt, und außerdem entfernt er sich nie weit aus dem Blickfeld der fest installierten Kameras von Court TV.

»Doch ganz gleich, wie schwer es uns auch fallen mag, hinzuschauen, ohne den Blick abzuwenden, Ma’am, stimmen Sie mir nicht darin zu, dass wir es April Tupelo schuldig sind, uns bewusst zu machen, was ihr am Ende ihres viel zu kurzen Lebens angetan wurde?« Flagler tigert vor mir auf und ab. »Ist es nicht unsere moralische Pflicht, Ma’am?«

Dass er mich ständig mit Ma’am anspricht, ist das genaue Gegenteil von höflich. Vielmehr dient es dem Zweck, mich als nicht weiter ernst zu nehmende Hobbydetektivin abzutun, die sich von ihren Hormonen und weiblicher Intuition leiten lässt. Seit ich im letzten Jahr zum Chief Medical Examiner ernannt wurde, sind wir einander schon öfter vor Gericht begegnet. Bis jetzt war er stets kriecherisch höflich und hat manchmal sogar mit mir geflirtet. Bis zu diesem Fall war ich ja nicht der Feind.

»Ich verstehe immer noch nicht, was Sie mich fragen wollen«, wende ich wieder ein. Ich merke den Geschworenen an, dass sie an seinen Lippen hängen.

Das passiert jedes Mal. Flagler ist vierunddreißig, charismatisch, intelligent und darüber hinaus Junggeselle. Außerdem erinnert er an den David oder den Giuliano de Medici von Michelangelo, nur im Anzug. Einem teuren Anzug. Nun steckt er die Hand in die Tasche und fördert das kleine Tablet zutage, mit dem er seine grausige Diashow steuert.

»Es tut mir wirklich leid, dass es nötig ist, die Anwesenden diesen drastischen Bildern auszusetzen«, lügt Flagler unverfroren, als die schockierenden Fotos auf den Monitoren überall im Gerichtssaal erscheinen.

Er klickt sich durch einige Fotos, die den auf dem Bauch liegenden Leichnam des Opfers in der Rechtsmedizin von Norfolk zeigen. Auf den Nahaufnahmen des mit Striemen bedeckten Rückens und Gesäßes sind vier lange, tiefe, dicht an dicht gesetzte Hautrisse zu sehen. Sie klaffen weit offen und sind schwärzlich rot verfärbt.

»Sie kennen diese Fotos bereits, richtig?«, wendet Flagler sich an mich.

»Diese und viele andere.«

»Und was wir hier sehen, sind die verwesenden Überreste des Opfers, genauer gesagt die gewaltsamen Einschnitte in ihrem Rücken, als der Angeklagte versuchte, sie in Fischköder …«

»Einspruch!«

»Was ist es denn diesmal, Mr. Gallo?«, fragt Richterin Annie Chilton. Sie thront in einem schwarzen Ledersessel, flankiert von den Flaggen der Vereinigten Staaten und des Bundesstaates. Hinter ihr prangt das bronzene Siegel von Virginia.

»Die Fotos sind emotionalisierend und vorverurteilend. Der Herr Staatsanwalt befragt nicht die Zeugin, sondern macht selbst eine Aussage, Euer Ehren! Schon wieder!«

»Abgelehnt. Schon wieder. Bitte formulieren Sie Ihren Antrag um. Und dann machen wir weiter.«

Annie ist Anfang fünfzig, hat ein lebendiges Gesicht und kurzes Haar. Sie ist schlank und hochgewachsen, und man würde sie eher apart als hübsch nennen. Aus ihrem Verhalten heute Nachmittag hier im Gerichtssaal würde niemand schließen, dass wir einander noch aus dem Jurastudium in Georgetown kennen. Auch nicht, dass wir damals zusammengewohnt haben und dass sie es war, die mich im letzten Jahr ermutigt hat, nach Virginia zurückzukehren.

Genau genommen war sie es auch, die die Gouverneurin Roxane Dare überzeugt hat, mich zu ernennen. Alles zwischen uns war in bester Ordnung, bis letzten Monat, denn seitdem geht Annie mir ohne nachvollziehbaren Grund aus dem Weg.

»Danke, Euer Ehren, lassen Sie es mich anders versuchen«, erwidert Flagler in seinem warmen Bariton, begleitet vom zornigen Raunen und Schluchzen vieler Anwesender. »Was wir hier sehen, sind schwere Verletzungen, die dem Opfer postmortal zugefügt wurden. In anderen Worten, nach dem Tode, richtig, Ma’am?«

»Richtig«, bestätige ich.

»So sah April Tupelo also am Morgen des 17. Oktober 2020, eines Samstags, aus, nachdem sie drei Tage lang im Meer gelegen hatte?«, hakt er nach, worauf die aufgebrachten Stimmen ringsherum lauter werden.

»Wie Sie sehen können, wurde die Leiche gereinigt, bevor diese Fotos entstanden«, erwidere ich. »Außerdem schreitet die Verwesung rasch voran. Also sieht sie nicht mehr so aus wie kurz nach ihrem Auffinden …«

»Ma’am, würden Sie mir darin zustimmen, dass die meisten Dinge, die für Sie beruflicher Alltag sind, auf den Durchschnittsmenschen traumatisierend wirken können?«

»Ich verstehe noch immer nicht ganz, was …«

»Ich will darauf hinaus, dass Sie an einen Albtraum wie diesen gewöhnt sind. Die grausigen Bilder, die wir betrachten, seit Sie in den Zeugenstand getreten sind, sind für Sie Ihr täglich Brot. Dafür werden Sie bezahlt, richtig?«

»Ich glaube nicht, dass man sich je daran gewöhnt …«

»Eine Leiche nach der anderen. Wieder ein Toter auf dem Tisch. Tag für Tag, es hört niemals auf. Wir wollen ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen. Der Tod ist hässlich. Es ist nichts Hübsches daran. Wie heißt es noch mal? The worms crawl in, the worms crawl out …«

»Einspruch!« Sal Gallo springt auf.

»… they play pinochle on your snout …« Flagler zitiert weiter den morbiden »Hearse Song« der Horror-Folk-Band Harley Poe. Er ist in Fahrt und hat sich darauf eingeschossen, mich als verschrobenen Psychofall hinzustellen. Eine seiner Taktiken ist, dass er mich nicht zu Wort kommen lässt. »Mir ist klar, dass Empathie nicht zu Ihrer Stellenbeschreibung gehört …«

»Euer Ehren, ich erhebe Einspruch. Der Herr Staatsanwalt setzt die Zeugin unter Druck!« Gallo ist puterrot im Gesicht. Er trägt einen zerknitterten blauen Anzug aus Seersucker, und seine Fliege sitzt schief. »Seine Tiraden und Unterstellungen verfolgen nur den Zweck, die Geschworenen zu beeinflussen.«

»Abgelehnt.«

»Ich beantrage, meine Einsprüche ins Protokoll aufzunehmen.«

»Ihr Antrag wurde zur Kenntnis genommen.«

»Ich verlange noch einmal eine Einstellung des Verfahrens wegen schwerer Verfahrensfehler.« Zornig nimmt Gallo wieder Platz.

»Abgelehnt.«

 

Es ist offensichtlich, was Bose Flagler im Schilde führt. Seine Strategie ist schlau und vom Anfang bis zum Ende durchgeplant. Er will, dass ich einen möglichst schlechten Eindruck bei den Geschworenen hinterlasse. Deshalb hat er sich mich auch als letzte Zeugin vor Ende der Beweisaufnahme aufgespart.

Einzig und allein deshalb hat er mich in den Zeugenstand gerufen. Um mich zu demontieren. Um meine Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit infrage zu stellen, damit ich den Geschworenen als feindselige Akteurin im Gedächtnis bleibe. Flagler kann nur gewinnen, wenn er vernünftige Zweifel an meiner Aussage weckt.

»Euer Ehren«, meint er nun höflich und ungerührt. »Meiner Ansicht nach ist es nur fair, wenn die Geschworenen erfahren, für welche Tätigkeit die Zeugin als Chief Medical Examiner unseres schönen Bundesstaates bezahlt wird. Was genau in ihrer Stellenbeschreibung steht, das ein sechsstelliges Gehalt, finanziert von unseren Steuergeldern, rechtfertigt.«

»Einspruch. Jetzt geht es schon wieder los, Euer Ehren!«, unterbricht Gallo. »Außerdem ist anzunehmen, dass Mr. Flagler von besagtem Steuerzahler ebenso großzügig entlohnt wird!«

»So großzügig nun auch wieder nicht«, entgegnet er, worauf einige Zuschauer lachen.

»Mr. Gallo, Ihr Einspruch ist abgelehnt.«

Das Raunen und Tuscheln im Gerichtssaal wird immer lauter, als Flagler weiter mit unhaltbaren Anschuldigungen um sich wirft, um meinen Ruf zu beschädigen. Annie lässt ihn gewähren. Ich war schon öfter in ihrem Gerichtssaal und erwarte keine Extrawürste, nur weil wir befreundet sind. Nun aber weicht sie sogar meinem Blick aus und verhält sich beinahe respektlos. Irgendetwas ist da im Busch, und zwar schon seit einigen Wochen.

»Was ich damit sagen will?«, kommt Flagler endlich auf den Punkt. »Für uns ist es wichtig zu erfahren, welche Anforderungen der höchst ungewöhnliche Beruf, für den sich die Zeugin entschieden hat, an sie stellt. Ein Beruf, von dem die meisten Menschen kaum etwas wissen. Und, wie ich hinzufügen möchte, vermutlich auch gar nichts wissen wollen.«

»Euer Ehren!« Gallo wird allmählich heiser. »Der Herr Staatsanwalt bemüht sich nach Kräften, die Glaubwürdigkeit von Dr. Scarpetta in Zweifel zu ziehen. Nur deshalb hat er sie überhaupt als Zeugin aufgerufen. Er legt es darauf an, dass die Geschworenen ihr misstrauen, weil er sonst nichts in der Hand hat. Ihm ist voll und ganz bewusst, dass er hier eine Hexenjagd inszeniert.«

»Es reicht«, verkündet Annie. »Ich fordere die Geschworenen auf, die Bemerkung des Herrn Verteidigers, dieses Verfahren erinnere an eine Hexenjagd, nicht zu beachten. Wir wollen auf weitere Anspielungen verzichten.« Mit strenger Miene späht sie aus den luftigen Höhen der Richterbank auf uns hinunter. »Wie lautet Ihr Einspruch, Mr. Gallo?«

»Die Anklage hält Vorträge und macht Aussagen«, erwidert er. Flagler straft ihn mit Nichtachtung, blättert lautstark in seinen Akten und liest darin. »Ganz zu schweigen davon, dass er Dr. Scarpetta pausenlos angreift und beleidigt.« Vor Wut zittert Gallos Stimme. »Er lässt sie nicht einmal ausreden.«

Der bekannte Strafverteidiger springt nur deshalb so ritterlich für mich in die Bresche, weil ihm meine Aussage ausnahmsweise nützt. Falls ihm meine Untersuchungsergebnisse im nächsten Prozess nicht passen sollten, wird sich das schlagartig ändern.

»Ihr Einspruch wurde zur Kenntnis genommen, Mr. Gallo«, lässt Annie ihn wieder abblitzen. »Mr. Flagler, fahren Sie fort.«

»Ich bin sofort so weit, Euer Ehren.« Ein reumütiges Lächeln. »Im Gegensatz zur Zeugin besitze ich nicht das Gedächtnis eines Computers und muss tatsächlich hin und wieder einen Blick in meine Unterlagen werfen, um mich zu vergewissern, dass ich nichts Falsches sage.«

An den Zeugenstand gelehnt blättert er weiter in seinen Papieren. In seinem vanillefarbenen Anzug und den blauen Wildlederschuhen wirkt er stilsicher. Außerdem steht er so dicht bei mir, dass ich sein Herrenparfüm mit Verbenaduft riechen kann. Er lässt es eigens in einer Pariser Parfümerie in den Champs-Élysées anmischen. Auf seinem gewaltigen goldenen Siegelring prangt ein Wappen.

Seine wohlhabende Familie reicht zurück bis zu den normannischen Eroberern. Und zur Mayflower oder zu Ellis Island. Abhängig davon, um wessen Wählerstimmen er wirbt, zaubert er den gerade opportunen Stammbaum aus dem Hut. Er wurde mit einem goldenen Löffel im Mund geboren, und alle Türen standen ihm offen. Als er jetzt im Raum hin und her geht, steigt mir wieder sein Zitrusgeruch in die Nase. Er zieht die Dinge in die Länge und sorgt dafür, dass alle Blicke auf ihm ruhen, eine Kunst, die er perfekt beherrscht.

»Ma’am?« Wieder zückt Flagler sein Tablet. »Könnten Sie Ihre Aufmerksamkeit bitte den Monitoren zuwenden? Kennen Sie diese Bilder?«

»Ja«, antworte ich.

»Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um Ihr Gedächtnis aufzufrischen.« Das, was diese Fotos zeigen, erinnert kaum noch an einen Menschen.

Auf sämtlichen Monitoren im Raum sind Bilder von April Tupelos verwesender Leiche zu sehen, bedeckt von Seesternen und Krabben. Ich kann mir den Gestank und das Surren der Fliegen lebhaft vorstellen. Solche Grausamkeiten sind nicht Teil der behüteten Welt, in die sie und der Angeklagte hineingeboren wurden. Die beiden sind etwa dreihundert Kilometer von hier auf einer von Wasser umgebenen Landzunge aufgewachsen.

Die fünfzehneinhalb Quadratkilometer große Barriereinsel hat kaum fünfhundert Bewohner. Nur eine einzige Straße verbindet sie mit dem Festland von Virginia. Ansonsten bleiben einem nur Flugzeug oder Boot. Die Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt am Wasser, fangen und verkaufen Meeresfrüchte und betreiben kleine Hotels und Restaurants. Wegen seiner Abgeschiedenheit eignet sich Wallops Island zudem ausgezeichnet als Weltraumbahnhof.

Die Anlage der NASA verfügt über vier Startrampen, weitere sind im Bau. Die Anwohner haben sich an das ohrenbetäubende Dröhnen der startenden Raketen gewöhnt. Wie riesige Römische Lichter erhellen die Flugkörper den Himmel über dem Atlantik. Es finden so viele Starts statt, dass es den Einheimischen inzwischen kaum noch auffällt.

Für gewöhnlich sind diese Raketen mit Raumsonden und anderem wissenschaftlichen Gerät der NASA und privater Raumfahrtunternehmen bestückt, die für Forschungsprojekte benötigt werden, auch befördern sie Vorräte für die Internationale Raumstation ISS.

 

Auf den Fotos von April Tupelos am steinigen Strand angeschwemmter Leiche sind im Hintergrund die Startrampen auszumachen. Vom Horizont heben sich schwarz Blitzableitermasten sowie Wassertürme und Betonbunker ab.

Auf einer Abschussrampe ragt eine Rakete empor, die an ein gewaltiges Stück weißer Kreide mit angespitztem Ende erinnert. In ihrer Nase verbirgt sich ein Satellit. Schon bevor ich den Tupelo-Fall übernahm, hatte ich eine ziemlich gute Vorstellung davon, was auf NASA-Wallops vor sich geht. Allerdings habe ich in den letzten Monaten mehr erfahren, darunter überraschende Details. Nie hätte ich gedacht, dass im Wasser gelandete Versuchsanordnungen oft von den Anwohnern geborgen werden.

Es kann alles Mögliche dabei sein. Der Prototyp einer Crew-Kapsel, bemannt mit Crashtest-Dummys. Ein fliegendes Auto mit ausfahrbaren Schwimmern. Eine Amphibiendrohne, die aussieht wie ein Delfin. Ein Robotervogel, der im Flug die Welt ausspioniert. Die Skipper, die auf Kuriositäten wie diese stoßen, ahnen nur selten, was sie da an Land bringen. Die meisten interessiert es auch nicht. Es ist ihnen gleichgültig. Der Angeklagte wurde regelmäßig für solche Bergungsaufträge angeheuert.

Als April Tupelo starb, war der fünfundzwanzigjährige Gilbert Hooke Besitzer und Skipper eines zwölf Meter langen Charterboots, das wenig überraschend den Namen Captain Hooke trug. Er und April verdienten ihr Geld nicht nur mit Ausflugsfahrten und Angelexpeditionen, sondern auch mit offiziellen Rückholaktionen im Auftrag der amerikanischen Regierung. An Aprils Todestag hatten sie gerade einen Wetterballon gesichert, der auf eine Höhe von gut fünfunddreißigtausend Metern bis zum Rand des Weltraums geschossen worden war.

Wegen eines Defekts war er durch die Atmosphäre zurück zur Erde gerast und an besagtem Vormittag vor der Küste Virginias ins Meer gefallen. Möglicherweise hatte dieses Ereignis Einfluss auf die Geschehnisse jener Nacht. Auf dem Monitor direkt gegenüber vom Zeugenstand ist ein uniformierter Special Agent des NASA Protective Service zu sehen. Er ist jung und extrem gut aussehend.

Er und Hooke angeln mit einem Haken nach einem luftleeren silbernen, fast hundert Meter langen Ballon, dessen geheimnisvolle Gondel an einen schimmernden Satelliten aus Metall erinnert. Mithilfe von aufblasbaren Kufen tanzt er auf dem Wasser. Der Monitor daneben zeigt April Tupelos verwesende Leiche, in Seetang und verrottete Netze verheddert und auf einem steinigen Strand zwischen Plastikflaschen, einem ausgebleichten Fender und anderem maritimem Müll liegend.

Hooke gibt zu, dass er sich über April geärgert hatte. Sie hätten sich kurz vor ihrem Tod gestritten. In seinem schriftlichen Bericht für die Polizei heißt es, der Special Agent habe nur Augen für sie gehabt, und sie fand das toll. Sie hat ihn sogar ermutigt. Im Laufe des Abends schaukelte sich die Auseinandersetzung zwischen den beiden dann weiter hoch. Laut psychologischer Gutachten und weiterer vertraulicher Unterlagen, die ich studiert habe, war die Beziehung alles andere als harmonisch.

Das heißt, es gab immer wieder heftigen Streit. Offenbar hatte April die Angewohnheit, mit anderen Männern zu flirten, und außerdem einen Hang zur Dramatik. Deshalb ist Bose Flagler überzeugt, dass Hooke in der Todesnacht rasend vor Eifersucht gewesen ist. Er und April hätten an Bord in der Hitze gesessen, Bier getrunken und sich gestritten. Währenddessen habe er die ganze Zeit den perfekten Mord geplant.

Die wichtigste Frage habe gelautet, wie er die Leiche beseitigen solle, verkündet Flagler im Tonfall eines Predigers. Der Angeklagte habe dafür sorgen müssen, dass sie niemals gefunden werden würde.

2

»Kennen Sie diese Fotos?«, übertönt Flagler das aufgebrachte Raunen im Saal. Mit einer großartigen Geste wie ein Showmaster präsentiert er die grausigen Bilder auf den zahlreichen im Raum verteilten Flachbildschirmen.

»Ja«, erwidere ich.

»Stellen sie den Zustand von April Tupelos Leiche, als sie am Strand angespült wurde, akkurat dar?«

»Meines Wissens nach, ja«, antworte ich. »Ich war zwar nicht dabei, doch ich habe die Fotos und Videoaufnahmen der Polizei und der Tatortermittler gesichtet.«

»Und Sie finden nicht, dass die Tote aussieht wie das Opfer eines Gewaltverbrechens, Ma’am?«

»Sie sieht aus wie eine Leiche, die aus dem Wasser geborgen wurde, für gewöhnlich …«

»Gewöhnlich? Ist das, was wir hier sehen, also gewöhnlich?«

»Einspruch! Der Herr Staatsanwalt kommentiert die Aussage.«

»Stattgegeben.«

»Fahren Sie fort, Ma’am«, wendet sich Flagler an mich. »Sie sprachen gerade darüber, wie gewöhnlich April Tupelos Tod war.«

»Ich sagte, dass eine Leiche in den meisten Fällen bäuchlings und zum Teil untergetaucht im Wasser treibt. Extremitäten und Kopf befinden sich unterhalb des Torsos«, wende ich mich an die Geschworenen. Nicht an Flagler. »Es kommt häufig vor, dass sie von Schiffen oder Motorbooten überfahren wird.«

Die Menschen an Bord bemerkten normalerweise nichts davon, schildere ich weiter das Grauen. Und wenn doch, wollten sie nicht in die Sache hineingezogen werden und führen weiter. Da sie die Last ihrer Entdeckung auf Dritte abwälzten, könnten wir häufig nicht genau feststellen, welche Verletzungen erst nach dem Tode entstanden seien.

»Wenn menschliche Überreste von Meeresgetier angefressen und von Schiffsschrauben aufgeschlitzt wurden, könnte man deshalb leicht auf den Gedanken kommen, dass es sich um einen Tod durch Gewalteinwirkung handelt«, fasse ich meine Ausführungen für die Geschworenen zusammen. Flagler strafe ich weiter mit Nichtachtung. »Jemand, dem das Fachwissen fehlt oder der emotional aufgewühlt ist, könnte derartige erst portmortal entstandene Verletzungen deshalb mit Spuren von Folter und Verstümmelung verwechseln und von einem Mord ausgehen.«

»Ist es denn nicht auch möglich, Ma’am, dass ein Mordopfer genau so aussieht wie auf diesen Fotos und Videoaufnahmen?« Wieder zeigt er auf die abstoßenden, grellbunten Fotos auf den gewaltigen Flachbildschirmen.

»Ja, das ist möglich, aber …«

»Sie können also nicht diese Fotos betrachten und uns allein auf dieser Grundlage bestätigen, dass April Tupelo nicht ermordet wurde, richtig, Ma’am?«

»Nein, nicht auf den ersten Blick«, antworte ich, während er sich weiter strategisch choreographiert durch den Gerichtssaal bewegt.

Im Moment habe ich seinen dunkelblauen Gürtel aus Krokodilleder mit dem üblichen silbernen Adler als Gürtelschließe vor mir, der Augen aus Diamanten hat. Die Knöpfe von Flaglers blassblauem Baumwollhemd sind aus Perlmutt. Das Hemd selbst hat graue Flecken auf Höhe seines flachen Bauches. Offenbar schwitzt er.

»Natürlich waren Sie nicht am Fundort auf Wallops Island. Das haben Sie ja bereits klargestellt, richtig? Sie … waren … nicht … dort«, verkündet er langsam und gedehnt und tigert dabei vor mir auf und ab. »Ich halte es für wichtig, dass die Geschworenen diesen Punkt nicht vergessen. Sie wohnten damals in Massachusetts und waren mit Ihrem eigenen Leben beschäftigt. Sie waren nicht in Virginia und haben April Tupelos Leiche nie selbst gesehen, korrekt?«

»Korrekt.« Inzwischen befürchte ich fast, dass ich hier nicht mehr lebendig herauskomme.

Die Abtrennung aus Kirschholz mit ihrer taillenhohen Tür verhindert eine rasche Flucht, und ich weiß, dass es kein Entrinnen gibt. Unterdessen heizt Flagler den Zuschauern weiter ein. Ich erhasche einen Blick auf Pete Marino. Er sitzt ganz vorne am Mittelgang, sodass er mich schnell erreichen könnte. Sein breites, wettergegerbtes Gesicht ist wie versteinert, und er lässt das alles auf sich wirken, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

»Was ist mit dem Angeklagten Gilbert Hooke?«, versucht Flagler es mit einer neuen Taktik. Das Gemurmel im Saal wird feindseliger. »Wie oft haben Sie sich mit ihm getroffen, Ma’am?«

»Überhaupt nicht«, entgegne ich.

»Sie sind einander nie persönlich begegnet?«

»Nein.«

»Sie haben Mr. Hooke nie während seiner Haft in Norfolk vor der Überstellung nach Alexandria besucht?«

»Nein.«

»Dann haben Sie vielleicht mit ihm telefoniert?«, bohrt Flagler weiter. Das, was er hier andeuten will, ist absurd.

»Das habe ich nicht, und es entspräche auch nicht der üblichen Vorgehensweise. Weder in diesem Fall noch in einem anderen.«

»Und warum das?« Er bleibt stehen, blickt mich an und zuckt die Achseln. »Warum entspräche das nicht der üblichen Vorgehensweise?«

»Es ist nicht Aufgabe der Rechtsmedizin, die Schuld oder Unschuld eines Angeklagten festzustellen«, erwidere ich.

»Also stehen Sie heute Nachmittag in diesem Gerichtssaal dem Angeklagten zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber? Ist es das, was Sie uns hier sagen wollen?«

»Korrekt.« Ich bin klug genug, nicht zum Tisch der Verteidigung hinüberzuschauen.

Denn es bedeutet nicht, dass ich Gilbert Hooke, der dort mit seinen Anwälten sitzt, nicht zur Kenntnis nehme. Er beobachtet mich aufmerksam, allerdings ohne sich etwas anmerken zu lassen. Der Notizblock und der Stift vor ihm bleiben unberührt.

»Und da Sie, Ma’am«, schlachtet Flagler das Thema weiter aus, »den Angeklagten weder getroffen noch ein Wort mit ihm gewechselt haben, haben Sie sich auch keine Meinung darüber gebildet, was für ein Mensch er in Wahrheit sein könnte, oder?«

»Nein, habe ich nicht.«

»Sie besitzen also keine Kenntnisse dahingehend, ob ihm Grausamkeiten zuzutrauen wären, also auch Mord und Verstümmelung? Sie können unmöglich sagen, ob er der kaltblütige Killer ist, für den die Menschen ihn halten, richtig?«

»Ich habe keine direkten Kenntnisse …«

»Einspruch!«

»Sie wissen also nicht aus erster Hand, ob Gilbert Hooke krankhaft eifersüchtig ist? Oder ob er sich April gegenüber schon bei früheren Gelegenheiten gewalttätig und psychisch grausam verhalten hat?«

»Einspruch!«

»Sie wissen nicht aus erster Hand, ob er rasch die Beherrschung verliert und sich rächt, wenn er seinen Willen nicht bekommt oder nicht im Rampenlicht steht? Insbesondere, wenn er getrunken hat? Richtig?«

»Einspruch! Die Frage wurde gestellt und beantwortet!«

»Ich will darauf hinaus, dass Sie nicht die geringste Ahnung haben, was für ein Mensch der Angeklagte in Wahrheit ist, oder, Ma’am?«, bearbeitet Flagler mich weiter, während Annie ihn zu meinem Entsetzen schweigend gewähren lässt.

»Nein«, erwidere ich. »Ich weiß es nicht aus erster Hand.«

»Und Sie wüssten auch nicht, ob uns allen hier nicht Gefahr für Leib und Leben droht, falls die Geschworenen auf nicht schuldig erkennen würden und Gilbert Hooke wieder ein freier Mann wäre? Das können Sie auch nicht mit Gewissheit sagen, oder?«

»Richtig.«

»Nun, das Gericht scheint der Auffassung zu sein, dass von dem Angeklagten eine große Gefahr ausgeht, sodass man ihn sogar mit Hannibal Lecter …«

»Einspruch!«, donnert Gallo. Noch nie habe ich ihn so außer sich erlebt. »Euer Ehren, um Himmels willen!«

»Es ist kein Zufall, dass Gilbert Hooke seit seiner Festnahme vor knapp zwei Jahren ohne die Möglichkeit einer Kaution in Einzelhaft sitzt«, fährt Flagler fort, ohne dass ihm jemand in den Arm fallen würde. »Und es ist klar, warum ein hasserfüllter und gemeingefährlicher Mensch wie er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen sollte.«

 

Alle Blicke ruhen auf Gilbert Hooke. Er ist blass und hat kurzes, aschblondes Haar. Sein trister billiger Anzug ist ihm einige Nummern zu groß. Wenn die orangefarbenen Gefängnisturnschuhe und die Fesseln an Händen und Füßen nicht wären, könnte man ihn für einen jungen Anwalt halten.

Ein himmelweiter Unterschied zu seinem Aussehen zum Zeitpunkt von April Tupelos Tod vor zwei Jahren, denn damals war er muskulös und braun gebrannt. Auf jedem Foto von ihm, das ich bis jetzt im Gerichtssaal zu Gesicht bekommen habe, trägt er ein Kampfmesser und eine großkalibrige Pistole im Gürtel.

Sein Oberkörper ist nackt, er grinst breit, und auf den meisten Bildern hat er ein Bier in der Hand. Wir sehen ihn beim Bestücken von Angeln und beim Ausnehmen von Fisch, inmitten von Blut und Eingeweiden. Oder er schießt mit seinem Gewehr auf einen Hai, den er mit einem Landungshaken aufgespießt hat. Dabei lacht er manisch. Ausgeworfene Patronenhülsen funkeln in der Sonne. Diese Bildergalerie ist eine bewusste und sehr wirksame Strategie der Staatsanwaltschaft.

»Ich möchte die Geschworenen noch einmal daran erinnern, dass Gilbert Hooke nicht der ist, der er auf den ersten Blick zu sein scheint.« Als Flagler anklagend auf das Team teurer Verteidiger weist, steigert sich das zornige Raunen. »Lassen Sie sich nicht von seiner harmlosen Art täuschen!«

»Einspruch!«, ruft Gallo.

»Mr. Flagler, es reicht«, rügt Annie endlich.

Er steckt die Hände in die Hosentaschen und baut sich breitbeinig vor mir auf. Ich betrachte das Streublümchenmuster seiner blauen Krawatte, und wieder steigt mir sein frischer Duft in die Nase.

»Ma’am, es ist mir einerlei, wie viele hochtrabende Titel Sie haben, den Tod können Sie trotzdem nicht rückgängig machen, richtig?«

»Richtig.«

»Sie können den Angehörigen von April nicht zurückgeben, was sie verloren haben, oder, Ma’am? Was bleibt einem Menschen wie Ihnen also anderes übrig, als abzustumpfen, richtig, Ma’am?«

»Nein, das ist nicht …«

»Und Ihre frühesten Kindheitserinnerungen sind die an Ihren kranken und sterbenden Vater«, fügt er hinzu. »Ich bedaure, dieses heikle Thema erwähnen zu müssen, doch so ein tragisches Erlebnis muss Ihre Kindheit und Jugend doch negativ beeinflusst haben …«

»Einspruch! Irrelevant!«

»Was es Ihnen wiederum erschwert, Bindungen zu Ihren Mitmenschen aufzubauen und sie zu verstehen. Damit meine ich natürlich die Lebenden …«

»Einspruch, Euer Ehren!«

»Stattgegeben. Wie lautet Ihre Frage, Mr. Flagler?«

»Was für ein Krebs war das noch mal?«, wendet er sich an mich.

»Mein Vater starb an chronischer myeloischer Leukämie.«

»Ein Jammer, dass Sie schon so früh lernen mussten, emotional kugelfest zu werden. Da Sie in einem schlechten Viertel von Miami groß geworden sind, mussten Sie vermutlich in mehrerlei Hinsicht kugelfest sein«, fügt er, begleitet von abfälligem Gelächter, hinzu. »Ihre Eltern wurden beide nicht in diesem Land geboren und sprachen kaum Englisch, ist das nicht so?«

»Ich kann nur immer wieder Einspruch einlegen!« Gallo schüttelt entnervt den Kopf. Ich bin noch wütender als er, auch wenn mir das niemand anmerkt.

Durch seine Hinweise auf meine Kindheit und meine italienische Abstammung will Flagler, Spross einer wohlhabenden Patrizierfamilie, die Geschworenen und alle übrigen Anwesenden daran erinnern, dass ich eine Außenseiterin bin. Er stellt mich als kaltherzige Frau dar, die nicht einmal eine richtige Amerikanerin ist, und ich spüre die Feindseligkeit wie ein elektrisches Knistern in der Luft.

»Lassen Sie mich rekapitulieren«, spricht er weiter, ohne dass Annie ihn daran hindern würde. »Sie haben schon als kleines Mädchen Ihren todkranken Vater gepflegt, richtig, Ma’am?«

»Ja.«

»Also mussten Sie früh lernen, nichts zu fühlen, richtig?«

»Nein, das ist nicht richtig.«

Wieder schindet er Zeit, indem er in seinen Notizen blättert. Die Leute tuscheln hässliche Dinge, die ich lieber überhöre.

»Ruhe im Gerichtssaal«, ruft Annie.

»Ma’am?« Flagler blickt mich an. »Sie haben also entschieden, dass April Tupelo nicht ermordet wurde, weil …? Äh, streichen Sie das, ich fange noch mal von vorne an … Schauen wir mal, ob ich es richtig verstanden habe. Ihr Gutachten basiert auf diesen winzigen schneeflockenartigen Dingern, die ein Mitarbeiter eines Museums den Geschworenen heute eingehend erklärt hat. Kieselalgen, korrekt? Heißen die so?«

»Ja«, antworte ich.

»Und dabei handelt es sich mehr oder weniger um das Zeug, das wir in Teichen und Aquarien antreffen.«

»Mit dem bloßen Auge sieht man Kieselalgen nur, wenn sie in großen Mengen auftreten, bei einer sogenannten Algenblüte«, erläutere ich.

»Also haben Sie diese winzigen Dinger namens Kieselalgen entdeckt, obwohl sie für den Rest der Menschheit unsichtbar sind, wenn sie nicht blühen?«

»Eine einzelne einzellige Alge lässt sich mühelos unter dem Mikroskop erkennen.« Ich richte meine Antwort an die neun Frauen und drei Männer auf der Geschworenenbank, die meisten davon im Ruhestand und mit Collegeabschluss.

»Und Sie haben in der Hoffnung auf einen Glückstreffer ins Mikroskop geschaut, Ma’am? So, als würde man nach der Beigabe in einer Packung Cracker Jacks suchen, richtig?«

»Nein, das ist nicht richtig. Es war weder Glück noch Zufall, dass ich auf die Kieselalgen gestoßen bin«, entgegne ich. »Ich habe bei der Autopsie von April Tupelo das Lungengewebe der Toten eigens darauf untersucht, und zwar vor einundzwanzig Monaten, am 17. Oktober …«

»Wie ich schon sagte, hatten Sie ein Bauchgefühl und wollten es bestätigen, indem Sie mit Leichenteilen experimentiert haben«, unterbricht er mich. »Mit Organen, die wie Dosenpfirsiche die ganze Zeit über in Glasbehältern aufbewahrt wurden …?«

»Einspruch!«

»Stattgegeben. Mr. Flagler, lassen Sie die Zeugin ausreden. Wir sollten langsam zum Schluss kommen«, fügt Annie hinzu. Aus der Ferne ist Donner zu hören, ein spätnachmittägliches Unwetter ist im Anmarsch.

»Bei einer Autopsie«, fahre ich fort, »ist es üblich, Teile von Organen und andere Gewebeproben in einer farblosen Lösung aus Formaldehyd und Wasser aufzubewahren, die man Formalin nennt.«

Während ich den Geschworenen einen Kurzabriss der Abläufe in der Rechtsmedizin liefere, wandert Flagler ständig auf und ab. Da ich deshalb dauernd den Kopf drehen muss, um an ihm vorbeizuschauen, gebe ich sicher ein ziemlich albernes Bild ab.

»Das ist im Grunde genommen dasselbe Konservierungsmittel, das auch in Bestattungsinstituten bei der Einbalsamierung verwendet wird, und hat keinen Einfluss auf das Vorhandensein von Kieselalgen. Das Problem ist, dass zum Todeszeitpunkt von April Tupelo leider versäumt wurde, danach zu suchen.«

Den schriftlichen und mündlichen Berichten zufolge ist dieses Thema niemals aufs Tapet gekommen. Meiner Überzeugung nach liegt das daran, dass Dr. Bailey Carter seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen war. Laut seiner engsten Vertrauten litt der vierundsechzigjährige Rechtsmediziner an sich rapide verschlimmernder Demenz und war vergesslich, sprunghaft und beratungsresistent geworden.

Obwohl er für April Tupelos Obduktion und die rechtsmedizinische Untersuchung zuständig war, hat er Ertrinken als Todesursache nicht einmal in Erwägung gezogen. In den abschließenden Autopsiebericht und den Totenschein hat er Tod durch manuelle Strangulation eingetragen. Keine Ahnung, wie er darauf gekommen ist, außer er hat einfach geraten. Schließlich war der Großteil ihres Halsgewebes als Folge von Verwesung und Tierfraß nicht mehr vorhanden.

Es gab keinerlei Hinweise auf Verletzungen der Halsanatomie und keinen Grund, auf Erwürgen als Todesursache zu erkennen. Denn das trifft nicht zu. Möglicherweise hatte sie Verletzungen, die nicht mehr sichtbar waren oder übersehen wurden. Aber sie ist ertrunken. Bailey Carter hat die verräterischen Anzeichen dafür nicht entdeckt. Den »wässrigen, bräunlichen« Mageninhalt hat er entsorgt, ohne ihn auf Kieselalgen zu untersuchen.

Denn ansonsten hätte er sie gefunden, ebenso wie ich einige Zeit später, als ich die konservierten Teile der Lunge des Opfers unter die Lupe nahm, erkläre ich den Geschworenen.

»Wegen des Wellengangs im Meer atmen die Opfer bei Ertrinken das Wasser nicht nur ein, sondern schlucken es auch. Insbesondere bei rauer See …«

Wieder werde ich unterbrochen, diesmal von einer matronenhaften Geschworenen, die aufgeregt mit der Hand wedelt. Sie ist stark geschminkt, trägt an den Fingern dicke Ringe und eine Schmetterlingsbrille. Mit ihrem lavendelfarbenen Haar erinnert sich mich an die australische Komikerin Dame Edna.

3

»Haben Sie eine Frage an die Zeugin?«, erkundigt sich Annie bei der Geschworenen.

»Wenn das möglich ist. Ja, bitte«, antwortet diese in einem Akzent, der eher nach South Carolina klingt als nach Virginia.

»Fragen Sie.« Annie nickt ihr zu.

»Ich glaube, ich bin ein bisschen verwirrt, warum diese Kieselalgen so wichtig sind. Wenn das Opfer irgendwann an diesem Tag beim Schwimmen war, wäre das doch auch eine Erklärung, oder?«, will die Zeugin von mir wissen.

»Nein, nicht für das Vorhandensein in der Lunge«, erwidere ich. »Also nicht in inneren Organen.«

»Tja, könnten Sie uns vielleicht erklären, wie diese Kieselalgen uns im Zusammenhang mit diesem Prozess weiterhelfen? Sind sie gefährlich? Könnten Sie auch in meinem Glas sein, wenn ich es mit Leitungswasser fülle? Oder womöglich hier drin?«

Sie hält eine Plastikflasche voll Wasser ans Licht. Die anderen Geschworenen folgen automatisch ihrem Beispiel.

»Wie kann ich das feststellen? Und wenn ich sie trinken würde? Oder wenn mein Schnoodle es tut?«, fragt sie aufrichtig besorgt.

»Das ist höchst unwahrscheinlich, außer Sie trinken Wasser aus einem Brunnen, einem See, einem Fluss oder einem Teich«, antworte ich, was sie sich mit dem vom Gericht bereitgestellten Stift auf ein Blatt Papier notiert. »Allerdings wäre es weder für Sie noch für Ihren Hund ratsam, Kieselalgen zu sich zu nehmen, weil einige von ihnen Giftstoffe erzeugen.«

Die mikroskopisch kleinen Organismen seien überall, erkläre ich ihr. Sie kämen in Flüssen, Buchten, Meeren und anderen Gewässern weltweit vor. So wie die diversen Pollenarten könnten sich auch Kieselalgen abhängig vom Fundort stark unterscheiden.

»Und deshalb sind sie wichtig für die Ermittlungen«, füge ich hinzu. Die Fragerin nickt. »Die verraten uns möglicherweise, was geschehen ist und wo.«

Das Auffinden von Kieselalgen im Lungengewebe bestätige, dass das Opfer Wasser eingeatmet habe, und genau das hätte ich festgestellt. Bei der Sichtung der Objektträger unter dem Mikroskop seien die Einzeller, deren Form an Stückchen von Meerglas oder die symmetrischen Scherben in einem Kaleidoskop erinnert, in großer Menge vorhanden gewesen.

»Außerdem habe ich Proben des Meerwassers in der Gegend nehmen lassen, wo das Opfer vermutlich über Bord gefallen ist.« Ich erläutere den Geschworenen die durchgeführten Untersuchungen. »Und diese Kieselalgen sind identisch mit denen aus der Lunge der Toten …«

»Okay, okay, nehmen wir mal an, dass Sie recht haben.« Flagler ist mit seiner Geduld am Ende. »Aber das bedeutet doch noch lange nicht, dass April Tupelo nicht ermordet wurde, oder? Vielleicht ist ja Wasser in ihre Lunge geraten, als sie drei Tage lang im Meer trieb. Wäre das nicht möglich?«

»Sie hat das Wasser eingeatmet. Das konnte nur geschehen, wenn sie noch lebte, als sie ins Meer fiel«, wiederhole ich, was ich ihm schon seit einer Weile zu erklären versuche. »Das heißt, dass sie nicht stundenlang tot in einem Boot gelegen hat und anschließend zerstückelt und ins Wasser geworfen wurde.«

Während ich die fehlerhafte Begründung der Anklage zerpflücke, merke ich Flagler an, dass er jeden Moment in die Luft gehen wird. Ich erkenne die Warnsignale: Seine Wangen röten sich, und seine rechte Hand zuckt wie die eines Revolverhelden, der im Begriff ist, die Waffe zu zücken.

»Legen Sie es darauf an, dass jemand ungeschoren mit einem Mord davonkommt, Ma’am?« Vor Zorn fängt er an zu spucken und fährt sich mit den Fingern durchs dunkle, gewellte Haar.

»Einspruch!«

»Euer Ehren, ich halte diese Frage für angebracht.«

»Die Zeugin soll antworten«, sagt Annie.

»Ich sage hier so wahrheitsgemäß und verständlich aus, wie es mir möglich ist«, wende ich mich an die Geschworenen. Die Frau, die mir die Frage gestellt hat, beobachtet mich und macht sich weiter eifrig Notizen. »Meine Aussagen basieren auf wissenschaftlich begründeten medizinischen Erkenntnissen, und wäre ich von Anfang an für diesen Fall zuständig gewesen …«

»Das habe ich Sie nicht gefragt!«, fällt Flagler mir zornig ins Wort, doch diesmal lasse ich mich nicht unterbrechen.

»Ich hätte im Fall April Tupelo auf Tod durch Ertrinken aus unbekannter Ursache unter Vorbehalt weiterer Ermittlungen erkannt …« Meine letzten Worte gehen im Tumult unter.

»Ruhe im Gerichtssaal«, warnt Annie die Zuschauer, von denen einige buhen, während andere applaudieren oder lautstarke Kommentare abgeben. »Ich bitte um Ruhe!«

»Nun bin ich es, der Einspruch einlegen muss, Euer Ehren!« Flagler wirft mir einen finsteren Blick zu, als sei ich Judas persönlich.

»Sie haben diese Zeugin selbst aufgerufen«, wendet Annie ein.

»Ja, Euer Ehren, aber ihre Aussage ist nicht hilfreich. Es handelt sich um bloße Spekulationen, die sie als Tatsachen hinstellt!« So als hätte ich es ihm nicht schon persönlich und am Telefon gesagt.

»Ruhe bitte …«

Es wird weiter geflüstert und getuschelt.

»Ruhe im Saal. Bitte, meine Damen und Herren. Danke, danke …«

Als der Tumult verebbt, fängt der »smarte« Fitnesstracker-Ring an meiner rechten Hand lautlos zu vibrieren an. Eine Flut von Nachrichten und Anrufen landet gerade auf meinem Telefon, das ich im Moment nicht bei mir habe. Wieder werfe ich Marino einen verstohlenen Blick zu. Eigentlich dürfte er sein Telefon auch nicht in der Tasche haben, doch Regeln gelten ja nur für andere Leute. Das, was er gerade liest, gefällt ihm anscheinend gar nicht.

Er tippt rasch mit den Daumen, was er nicht tun würde, wenn es nicht dringend wäre. Dann verzieht er verärgert das Gesicht und hebt den Kopf, als spüre er, dass ich ihn ansehe. Da tut sich etwas, und offenbar ist es nichts Gutes. Doch das ist ja fast immer so.

»Ma’am?« Flagler spricht mit mir und hat wieder sein Tablet zutage gefördert. »Ich frage mich, ob Sie auch diese Bilder hier kennen. Sie würden so etwas vermutlich prämortale Aufnahmen nennen, weil sie vor dem Tod des Opfers entstanden sind.«

Er spielt einige Videoclips ab. Sie zeigen die niedliche kleine April Tupelo, wie sie bei einigen Schönheitswettbewerben posiert. Schon im Alter von sieben Jahren hatte sie mehrere davon gewonnen. Wieder Schluchzen und Gemurmel von den Zuschauerbänken. Ich muss an die ermordete Kinder-Schönheitskönigin JonBenét Ramsey denken.

»Einspruch! Vorverurteilung und nicht relevant!«, protestiert Gallo.

»Abgelehnt.«

»Kommen Ihnen diese Aufnahmen bekannt vor?«, wendet Flagler sich an mich.

»Nein.«

»Ich verstehe. Ich dachte, Sie hätten gesagt, dass Sie das ganze Material gesichtet haben?«

»Es gab für mich keinen Grund, mir diese Videos anzusehen«, entgegne ich.

»Sie wären nicht hilfreich bei April Tupelos Identifizierung gewesen?«

»Bei ihrem Tod war sie erwachsen. Außerdem war ihre Leiche beim Auffinden mehr oder weniger unkenntlich«, gebe ich die offensichtliche Antwort, während sich die Unruhe im Saal steigert. »Sie wurde anhand von zahnärztlichen Unterlagen und DNA-Proben identifiziert.«

Auf den Monitoren erscheinen neue Aufnahmen, die April als Ballkönigin beim Abschlussball der Chincoteague High School zeigen. Sie ist schlank, wirkt sportlich und sieht in ihrem langen schwarzen Kleid aus wie ein Covergirl der Teenie- Zeitschrift Seventeen.

»Was ist mit diesen Bildern?«, will Flagler von mir wissen. »Haben Sie die schon mal gesehen?«

»Nein.«

»Und dieses hier?«

Er führt uns eine Nahaufnahme dessen vor, was von ihrem unkenntlichen Gesicht noch übrig war. Auf dem Foto sind Tatortermittler und Polizisten gerade dabei, die von Maden wimmelnden sterblichen Überreste der jungen Frau in einem schwarzen Leichensack zu verstauen. Die leeren Augenhöhlen und die gefletschten Zähne sollen absichtlich schockieren.

»Ja, die Fotos und Videos vom Fundort sind mir alle vertraut.«

»April Tupelo hat sich doch sicher nicht vom Leben erträumt, dass ihr psychopathischer Freund sie in Fischfutter verwandelt, oder, Ma’am?« Wieder zeigt er mit dem Finger auf den Angeklagten.

»Einspruch, Euer Ehren! Enthält diese Bemerkung etwa irgendeine Frage?«, protestiert Gallo zornig. Im gleichen Moment knallt über unseren Köpfen ein Donnerschlag wie ein Gewehrschuss. Als er nach oben blickt, prasselt der erste Regen auf das Dach.

 

Das plötzliche Gewitter tobt um uns herum wie Schlachtenlärm. Es hätte zu keinem passenderen Zeitpunkt kommen können. Der Zuschauerraum im Gerichtssaal ist zweigeteilt: Auf der einen Seite sitzen Aprils Unterstützer, die von Gilbert auf der anderen.

Die Tupelos und die Hookes sind zwei an der Ostküste von Virginia ansässige Familiendynastien, die sich schon seit Generationen im Fischereigewerbe Konkurrenz machen. Während des Prozesses sind nur flüchtige Anspielungen auf ihre Erbfeindschaft gefallen. Doch dank der vertraulichen Berichte von Psychologen und Ermittlern kenne ich die schmutzigen Details.

Die Familienfehde begann bereits vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, was die Risikofaktoren für das Opfer und den Angeklagten nicht unbeträchtlich erhöhte. Wie in einer Tragödie von Shakespeare war ihre Liebe von Anfang an zum Scheitern verurteilt – was es für die beiden nur umso reizvoller machte. Das ist einer der Gründe, warum sämtliche Medien die Story aufgegriffen haben. Sogar Bücher wurden darüber geschrieben.

Jeden Tag drängen sich Vertreter der wichtigsten Zeitungen, Sender und Agenturen in den letzten Reihen des Gerichtssaals. Sogar die New York Times, Reuters, Fox und CNN lassen sich das Spektakel nicht entgehen. In den Hotels der näheren Umgebung haben Filmteams ihre Lager aufgeschlagen, sodass man Mühe hat, ihren Kameras und gnadenlosen Fragen aus dem Weg zu gehen. Unter anderem war es der Bekanntheitsgrad des Falls in den Medien, der zur Verlegung des Mordprozesses in einen Vorort von Washington, D.C., geführt hat.

Wenn sich Alexandrias Old Town nur ein Stückchen weiter im Norden befände, wären wir nicht mehr in Virginia. Für Menschen wie die Tupelos und die Hookes ist das hier Ausland, weshalb man hier Geschworene auftreiben kann, die mit keiner der beiden Familien in Verbindung stehen. Was die Verwandten, Freunde, Unterstützer und Neugierigen nicht daran gehindert hat, dennoch in Scharen herbeizuströmen.

Viele von ihnen sind mit dem Wohnmobil angereist und haben auf dem nahe gelegenen Campingplatz Quartier bezogen. Einige wohnen auch an Bord ihrer Fischerboote, die auf dem Potomac River vor Anker liegen. Die Prozesstouristen sind meist in Gruppen unterwegs und fallen in Jachthäfen, Schnapsläden und Supermärkte ein. Einige von ihnen liefern sich Auseinandersetzungen über Coronaimpfung, Waffengesetze, Abtreibung und andere brisante Themen.

Wir Einheimischen betrachten diese Entwicklung mit Sorge. Die Angst vor COVID-19 und seinen Mutationen ist nicht der einzige Grund, warum viele von uns das Haus nicht verlassen. Insbesondere nicht bei Nacht. Seit ein paar Tagen marschieren sogar Demonstranten vor dem Rechtsmedizinischen Institut auf. Mit Megaphonen ausgerüstet gehen sie auf dem Parkplatz auf und ab, trommeln mit Stöcken auf Töpfe und rufen Gerechtigkeit für April.

Einige dieser ungebetenen Gäste sind auch vor meinem Haus erschienen. Ihre üblen Beschimpfungen und obszönen Gesten wurden von den Überwachungskameras und Mikrofonen aufgezeichnet, die meine Nichte Lucy dort versteckt hat. Mein Mann Benton und ich waren seit Prozessbeginn in keiner Bar und keinem Restaurant mehr. Wir lassen uns auch kein Essen von unseren Lieblingslokalen liefern und verzichten auf Spaziergänge, aufs Joggen und auf Ausflüge mit dem Fahrrad.

»Ma’am«, wendet sich Flagler nun an mich. »Wie viele Gewaltopfer haben Sie im Laufe der Jahre obduziert?«

»Ich kann nicht sagen, wie viele es genau waren.«

»Fünftausend? Zehntausend?«

»Sicher noch mehr.«

»Nun, ich kann mir gut vorstellen, was Sie jeden Tag zu Gesicht bekommen.«

Jetzt geht das schon wieder los. Er hört nicht auf, mich als Ärztin für die Toten hinzustellen. Als jemanden, der weder Einfühlungsvermögen noch Takt besitzt. Eine unangenehme Erinnerung an meine Mutter steigt in mir hoch. Bis zu ihrem letzten Atemzug konnte sie kein gutes Haar an mir lassen.

Da gibt es nichts für dich zu tun, Kay. Tot ist tot, hallt ihre Stimme in meinem Kopf wider. Wie kannst du deine teure Ausbildung so vergeuden? Als ob sie mir das Studium finanziert hätte.

Die Wahrheit lautet, dass du eine Eigenbrötlerin bist. Nun drängt sich meine Schwester Dorothy in meine Gedanken. Eine Misanthropin. Das behauptet sie immer wieder.

»Worauf ich hinauswill, Ma’am?« Flagler erhebt die Stimme. »Auch wenn Sie inzwischen noch so abgebrüht sind, stimmen Sie mir sicher zu, dass April Tupelo es nicht verdient hat, zerhackt und im Meer entsorgt zu werden, oder?«

»Einspruch! Er versucht es schon wieder!« Gallo ist aufgesprungen.

»Stattgegeben.«

»Gilbert Hooke hat ihre Leiche zerstückelt und sie über Bord geworfen, damit sie von den Krabben gefressen wird!«, ruft Flagler anklagend.

»Zur Hölle mit ihm!«, brüllt jemand.

»Ruhe bitte …«

»Auf dem elektrischen Stuhl soll er braten!«

»Ich bitte um Ruhe im Gerichtssaal.«

»Schuldig!«, schreien einige andere.

»Ruhe!« Annie greift zum Hammer. Der Donner grollt, und der Regen trommelt wie Kugelhagel auf das Dach ein.

»SCHULDIG!«

»Gerechtigkeit für April«, skandieren die Zuschauer.

»Ruhe!«

Während Annie mit dem Hammer auf die Richterbank schlägt und Gallo noch einmal eine Prozesseinstellung wegen Verfahrensfehlern fordert, denke ich daran, wie schnell ein Aufruhr entstehen kann. Wieder werfe ich einen verstohlenen Blick auf Marino. Unterdessen vibriert mein Smartring besorgniserregend.

»Ruhe! Ruhe im Gerichtssaal!« Annie hämmert weiter. In ihrer flatternden Robe erinnert sie an eine empörte Krähe.

Langsam legt sich der Tumult. Die Gerichtsdiener sind zum Eingreifen bereit. Ich bemerke einen neuen Anflug von Beklommenheit in Annies Blick. Dieses Tohuwabohu mag auf Court TV amüsant sein, doch wenn man mittendrin steckt, ist es eine andere Geschichte.

»Ruhe bitte. Danke«, sagt Annie. »Mr. Flagler, fahren Sie bitte fort.«

»Kurz zusammengefasst waren Sie bis vor ein paar Monaten überhaupt nicht für den Fall April Tupelo zuständig«, wirft Flagler mir vor, als sei ich hier die Angeklagte. »Und trotzdem sind Sie plötzlich die Expertin? Die Person, der wir glauben sollen?«

»Der Rechtsmediziner, der den Leichenfundort auf Wallops Island untersucht und April Tupelos Autopsie durchgeführt hat, ist noch vor meiner Rückkehr nach Virginia verstorben«, erwidere ich.

»Und Ihrer Aussage zufolge hat der verstorbene Dr. Bailey Carter sich neben anderen Straftaten einen Kunstfehler und einen Meineid zuschulden kommen lassen?«

»Ich habe ihn niemals einer Straftat beschuldigt …«

»Was zu einer Flut negativer Medienberichte geführt hat? Und auch dazu, dass seine sämtlichen Fälle von früher nun auf dem Prüfstand stehen? Ist das nicht so?«

»Ja. Ungerechtfertigt und unverdient, wie ich hinzufügen möchte …«

»Alle Fälle aus den letzten Jahrzehnten werden also wegen seiner zweifelhaften ethischen Einstellung und Fachkenntnis neu aufgerollt?« Wieder versperrt mir Flagler die Sicht auf die Geschworenen.

»Dr. Carter war einer der besten Rechtsmediziner, mit denen ich je zusammengearbeitet habe«, entgegne ich und male mir aus, wie seine Witwe den Prozess im Fernsehen verfolgt. »Gegen Ende seines Lebens war er allerdings gesundheitlich eingeschränkt.«

»Insbesondere sind hier die Zweifel an seiner Untersuchung der Liebespaarmorde und der Colonial-Parkway-Morde gemeint, die sich während Ihrer ersten Amtszeit in Virginia ereigneten, richtig?«

»Einspruch! Nicht relevant!«

»Abgelehnt«, entgegnet Annie. Was Flagler hier andeutet, ist zum Großteil wahr.

»Es ist richtig, dass Dr. Carter zum Zeitpunkt der Parkway- Morde stellvertretender Leiter der Nebenstelle Tidewater war«, entgegne ich.

»Und Sie waren damals Chief Medical Examiner und seine Vorgesetzte.«

»Damals ja. Meines Wissens sind ihm in diesen beiden Fällen keine Fehler unterlaufen.«

»Und das sollten Sie wissen, da Sie damals die Leitung innehatten. Ebenso wie nun. Was heißt, dass Sie die oberste Instanz waren, oder?«

»Ja.«

»Und kurz nach den Parkway-Morden haben Sie Virginia verlassen, korrekt?«

»Ja.«

»Das passt ja großartig. Nun sind Sie zurück und behaupten, dass während Ihrer Abwesenheit Fälle wie dieser hier vermasselt wurden? Ist es das, was Sie den Geschworenen weismachen wollen?«

»Einspruch!«

»Abgelehnt.«

»Legen Sie es vielleicht darauf an, sich auf Kosten von Bailey Carter zu profilieren? Ist das Ihre wahre Absicht?«, fragt Flagler mich, sieht aber dabei die Geschworenen an.

»Nein, ist es nicht«, entgegne ich.

»Er war in Verschwörungen verwickelt, und das hat ihn in den Selbstmord getrieben, richtig? Hat er sich deshalb erhängt?«

»Einspruch!«

»Abgelehnt«, erwidert Annie. Die Art, wie Flagler Tatsachen verdreht, macht mich fassungslos.

4

»Ich weiß nichts von einer Verschwörung, und ich habe auch niemals ausgesagt, Dr. Carter könnte in böswilliger oder betrügerischer Absicht gehandelt haben.« Ich richte das Wort an die Geschworenen und habe dabei ständig im Hinterkopf, dass Bailey Carters Familie zuschaut. »Allerdings ist ihm im Fall April Tupelo eine Fehleinschätzung unterlaufen, die nicht irreführender hätte sein …«

»Meiner Meinung nach stellen Sie für jemanden, der zum fraglichen Zeitpunkt nicht in Virginia gelebt oder gearbeitet hat, eine Menge Mutmaßungen an, oder?«

»Es war und ist nicht meine Absicht, Dr. Carter zu diskreditieren oder ihm Vorwürfe zu machen. Und dennoch sind ihm schwere Fehler unterlaufen«, antworte ich. »In seinen ursprünglichen handschriftlichen Notizen und den Diagrammen bezieht er sich auf die Lividität, also auf das, was wir Totenflecken nennen. Es gab nämlich keine, so zum Beispiel …«

»Vielen Dank«, fällt Flagler mir ins Wort.

»Lassen Sie die Zeugin antworten, Mr. Flagler.« Endlich verhält Annie sich mir gegenüber fair.

»Wenn nach Eintritt des Todes das Herz zu schlagen aufhört«, erkläre ich den Geschworenen, »zirkuliert das Blut nicht mehr und setzt sich wie Sediment.«

Infolgedessen nehmen die entsprechenden Hautstellen eine livide Färbung an, ein Blaurot, das an einen Bluterguss erinnert. Wenn April Tupelos Leiche nach ihrem Tod einige Stunden an Bord eines Bootes gelegen hätte, hätte man so etwas finden müssen. Keine Ahnung, was Dr. Carter zu sehen glaubte, aber das Phänomen, das er beschrieb, war schlicht und ergreifend nicht vorhanden.

»Es gab weder Spuren von Livor mortis noch davon, dass die Leiche zerstückelt worden wäre, um sie in Fischfutter zu verwandeln.« Ich betone das. »Die Schnittwunden an April Tupelos Rücken und Gesäß stammen von der Schraube eines Bootsmotors. Sie wurden ihr nicht mit einem Messer oder einem anderen scharfkantigen Gegenstand beigebracht.«

»Gut, dann befassen wir uns eben mit ihren grausigen Verletzungen.« Trotzig marschiert Flagler zurück zum Tisch der Staatsanwaltschaft.

Er greift nach einer weißen Archivbox von der Größe eines Packens Druckerpapier. Sie ist weder als Beweisstück gekennzeichnet noch trägt sie irgendein anderes amtliches Siegel, denn es handelt sich um ein Demonstrationsobjekt. Als er hin und her geht, erklingt aus der Box ein geheimnisvolles, scharrendes Geräusch. Gallo erhebt wieder einmal Einspruch.

»Euer Ehren, dieser Taschenspielertrick hat nicht die geringste Beweiskraft!«, protestiert er.

»Ich möchte nur der Klarheit halber etwas vorführen«, versichert Flagler.

»Ich werde es zulassen, doch allmählich ist meine Geduld am Ende, Mr. Flagler.« Wie ich vermute, wird er nun seine größte Sensation aus dem Ärmel zaubern, und Annie lässt es einfach geschehen.

Das Messer, das er den Geschworenen nun zeigen wird, hat ein dickes Heft mit Knauf. Die fünfundzwanzig Zentimeter lange Klinge aus Karbonstahl ist spitz und zweischneidig. Das weiß ich deshalb, weil ich das Messer mehr als einmal unter Flaglers Aufsicht begutachtet habe. Der Angeklagte hat nicht nur an Wettbewerben im Messerwerfen teilgenommen, sondern verfügt darüber hinaus über eine Kampfsportausbildung. Deshalb wundert es mich weder, dass er ein Kampfmesser besitzt, noch dass sich April Tupelos DNA daran befindet.

Die zwei haben zusammengelebt. Sie hat bei seinen Charterausflügen auf dem Boot gearbeitet. Beide konnten gut mit Schneidewerkzeugen und anderen Gerätschaften umgehen und hatten eine ganze Reihe davon, die den unterschiedlichsten Zwecken dienten. Am frühen Abend des 14. Oktober 2020 haben sie sich gestritten und dabei in der Hitze Bier getrunken, und das bei mehr oder weniger leerem Magen. Laut schriftlicher Aussage des Angeklagten ist April bei Einbruch der Dunkelheit auf die Toilette gegangen.

Als sie nach zehn oder fünfzehn Minuten nicht zurück war, vielleicht war es auch ein bisschen länger, fing Hooke an, nach ihr zu suchen. Sie war nicht an Bord. Also begann er – in Panik, wie er sagt –, das Wasser mit der Taschenlampe abzuleuchten. Und zu guter Letzt setzte er einen Notruf bei der Küstenwache ab. Aprils Verschwinden wurde als Tötungsdelikt eingestuft. Doch eigentlich tut die konfliktbeladene Beziehung zwischen dem Opfer und Gilbert nichts zur Sache.

Obwohl ihr Streit vermutlich einen nicht unbeträchtlichen Anteil an den Ereignissen hatte, ist er juristisch betrachtet nicht die Todesursache. Das schließe ich aus den Beweisen, die ich gesichtet habe, wie zum Beispiel den Fotos und Videoaufnahmen vom Boot selbst. Im Heck des Bootes wurde einer ihrer Flipflops neben einem blutverschmierten Metallhaken gefunden. Das Blut stellte sich als ihres heraus, und bei der Autopsie wurde festgestellt, dass sie sich kurz vor ihrem Tod eine tiefe Schnittwunde oben am linken Fuß zugezogen hat. Außerdem hat sie sich die große Zehe gebrochen.

Im Blut der Leiche wurde ein Alkoholgehalt ermittelt, der die am Steuer eines Kraftfahrzeugs zulässige Obergrenze um das Dreifache überschritt. Aus dem Fehlen weiterer Verletzungen und offensichtlicher Kampfspuren schlussfolgere ich, dass sie in ihrem stark alkoholisierten Zustand auf dem Weg zur Toilette gestürzt ist. Die See war rau, und das Boot schaukelte heftig. Da die Sonne gerade unterging, war die Sicht eingeschränkt. Die Reling war niedrig, und zudem trug das Opfer keine Schwimmweste.

Dem Autopsiebericht habe ich unter anderem entnommen, dass das Opfer mit voller Blase gestorben ist. Das lässt vermuten, dass April Tupelo über Bord fiel, bevor sie die Toilette erreichte und aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Weg dorthin war. Ihr Tod war sinnlos und hätte verhindert werden können. Es handelt sich um eines der tragischen Ereignisse, die ich leider nur zu oft zu sehen bekomme, wenn die Menschen leichtsinnig ein Risiko an das andere reihen, bis es fatale Folgen hat.

Bei ihren Versuchen, nach Luft zu schnappen und den Kopf trotz des starken Seegangs über Wasser zu halten, hat April wahrscheinlich Salzwasser geschluckt und eingeatmet. Es lässt sich nicht beweisen, wie lange es dauerte, bis Gilbert Hooke ihr Verschwinden bemerkte. Wir wissen nur, dass er kurz vor acht per Funk den Notruf abgesetzt hat, also eine gute Stunde nach Sonnenuntergang.

 

»Da Sie ja angeblich eine Expertin in Sachen Mord sind, Ma’am, haben Sie sicher nichts dagegen, den Geschworenen zu demonstrieren, was in jener Nacht geschehen ist«, wendet sich Flagler an mich. »Die Menschen sollen die Dinge mit eigenen Augen sehen, wie Sie selbst immer wieder betonen, oder, Ma’am?«

Er bringt mir die Archivbox.

»Ich bin nicht sicher, was Sie jetzt von mir erwarten …«, beginne ich.

»Zuerst möchte ich alle Anwesenden warnen, denn das, was jetzt kommt, ist nichts für schwache Nerven«, übertönt er mit dröhnender Stimme das Gewitter, das direkt über unseren Köpfen tobt.

Er stellt die Box vor mir auf dem polierten Holzgeländer ab. Jede seiner Bewegungen ist wohlüberlegt, denn schließlich sitzen zahllose Menschen vor ihren Fernsehgeräten.

»Mir ist klar, dass es nicht angenehm ist, sich so etwas vorzustellen.« Aus dem Zuschauerraum sind Getuschel und das laute Knarzen von Bänken zu hören.

»Ruhe bitte«, sagt Annie.

Das Publikum reckt die Hälse, um ja nichts zu verpassen. Anspannung liegt in der Luft. Es erinnert mich an das leichte seismische Grollen, das sich irgendwann zu einem Erdbeben aufbaut.

»Wir müssen uns ein Herz fassen und uns ansehen, was Gilbert Hooke einer Frau angetan hat, die er angeblich geliebt hat und heiraten wollte.« Flagler hebt den Deckel von der Box.

»Einspruch! Wo ist die Frage?«, ruft Gallo.

»Denn in Wahrheit wollte er April Tupelo besitzen und kontrollieren, und zwar buchstäblich bis zum Tode!«, verkündet Flagler.

»Einspruch!« Gallo ist wieder aufgesprungen.

Flagler nimmt ein dolchähnliches Messer aus schwarzem Stahl aus der Box. Ich weiß, dass er es bei eBay gekauft hat. Er hat es den Geschworenen bereits gezeigt, allerdings nicht in meiner Anwesenheit oder zum Zweck einer Demonstration, die sicher unlautere Zwecke verfolgt.

»Natürlich handelt es sich, wie bereits gesagt, nicht um dieselbe Waffe, die der Angeklagte vor einundzwanzig Monaten an Bord seines Charterbootes mitführte. Doch das Modell ist absolut identisch.«

»Euer Ehren, ich erhebe weiter Einspruch, und zwar aus den bereits genannten Gründen«, setzt Gallo erneut zu einem lautstarken Protest an. Annie ignoriert ihn. »Nichts beweist, dass das Messer, das er uns hier vorführt, in irgendeinem Zusammenhang zur Tat steht. Wir alle sind uns einig, dass der Tod dieser jungen Frau eine schreckliche Tragödie ist. Aber sie wurde nicht erdrosselt und verstümmelt, weder von Gilbert Hooke noch von sonst jemandem.«

»Und wer kommentiert jetzt?«, höhnt Flagler.

»Mr. Gallo, Ihrem Einspruch wird stattgegeben«, entscheidet Annie zu Gallos Überraschung.

»Danke, Euer Ehren.« Er setzt sich wieder.

»Bitte fahren Sie fort, Mr. Flagler. Auch wenn Ihnen die Uhrzeit vielleicht gleichgültig ist, interessiert sie mich sehr wohl.«

»Ja, Euer Ehren. Selbstverständlich wurde das auf dem Boot des Angeklagten sichergestellte Messer als Beweismittel aufgenommen. Es wurde vom kriminaltechnischen Labor hier in Alexandria untersucht, ist das richtig, Ma’am?«

»Ja«, erwidere ich.

»Und Sie sind für dieses Labor zuständig?«

»Es befindet sich zwar im selben Gebäude wie mein Institut, aber ich bin nicht zuständig …«

»Aber Sie haben, was die Arbeit dort betrifft, ein Wort mitzureden.«

»Wenn es mit einem Fall der Rechtsmedizin zu tun hat, ja.«

»Aus verständlichen Gründen wollte ich Gilbert Hookes Messer nicht im Gerichtssaal herumreichen, damit es nicht kontaminiert wird. Auf dem Messer wurde April Tupelos DNA entdeckt, richtig, Ma’am?«

»Einspruch! Euer Ehren, Dr. Scarpetta hat das Messer nicht untersucht.«

»Abgelehnt. Die Zeugin soll antworten.«

»Mir war bewusst, dass man die DNA des Opfers daran gefunden hat.«

Als Flagler den Zwilling des gefährlich aussehenden Messers hochhält, recken die Geschworenen neugierig die Hälse. Das zornige Gemurmel im Gerichtssaal steigert sich besorgniserregend.

»Der Angeklagte hatte sein Kampfmesser stets bei sich. Die Stahlklinge ist geschwärzt, damit man sie bei Nacht nicht sieht«, spricht Flagler weiter. »Dieses Messer eignet sich ausgezeichnet für Mordanschläge, sowohl zum Zufügen von Schnittwunden als auch zum Werfen …«

»Einspruch!«

Flagler streckt mir Box und Messer hin. Doch ich fasse sie nicht an.

»Da Sie sich ja selbst als Expertin in Sachen gewaltsamer Tod bezeichnen, Ma’am, könnten Sie uns doch zeigen, wie der Angeklagte die Leiche von April Tupelo zerstückelt hat.« Flagler provoziert mich immer weiter, offenbar in der Hoffnung, dass mir irgendwann die Hutschnur platzt.

»Die postmortalen Verletzungen wurden ihr weder mit diesem noch mit einem anderen Messer zugefügt«, wiederhole ich, während er die Box umdreht.

»Tja, wenn Sie sich weigern, werde ich Ihnen eben demonstrieren, wie es sich abgespielt hat. Und Sie sagen mir dann, ob ich recht habe!« Er stößt das Messer so heftig in die Pappe, dass ich zusammenschrecke, sticht und schlitzt sie geräuschvoll auf.

Die Zuschauer johlen und klatschen. Ihre Pfiffe übertönen Gallos zornigen Einspruch. Annie schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. Eine hagere Frau mit verhärmtem Gesicht, die ein T-Shirt mit der Aufschrift GERECHTIGKEITFÜRAPRIL trägt, weint unaufhörlich. Ich erkenne sie aus den Nachrichten wieder. Es ist Nadine Tupelo, die Mutter des Opfers.

»Es ist mir bewusst, wie unerträglich es für Sie sein muss.« Flagler beobachtet, wie Mrs. Tupelos Sitznachbarn die Füße einziehen, um sie vorbeizulassen. Sie klopfen ihr auf den Rücken und drücken ihr die Hand.

Drei weitere Frauen, vermutlich Angehörige, schließen sich ihr an, und die vier verlassen eilig den Gerichtssaal. Einige Journalisten, unter ihnen Dana Diletti von Channel 5, heften sich an ihre Fersen. Das zornige Raunen wird wieder lauter, worauf Annie mahnend mit dem Hammer klopft.

»Ruhe bitte.«

»So, wie ich es gerade demonstriert habe, ist es wirklich geschehen, richtig, Ma’am?«, spricht Flagler wieder mich an. »So ist der Angeklagte mit April Tupelos Leiche verfahren, bevor er sie über Bord geworfen hat, korrekt? Ganz im Gegensatz zu Ihrer an den Haaren herbeigezogenen Erklärung, eine Schiffsschraube sei dafür verantwortlich?«

»Die Periodizität ihrer Verletzungen passt nicht zu den willkürlich gesetzten Einschnitten eines Messers oder eines anderen Werkzeugs«, erkläre ich ruhig, ohne ihn anzusehen.

»Schon wieder so ein großartiges Fremdwort. Periodizität«, höhnt er, während die Unruhe im Saal immer bedrohlicher wird.

»Die Einschnitte an Rücken und Gesäß haben einen Abstand von exakt 3,8 Zentimetern«, teile ich den Geschworenen mit. »Das Muster erinnert an die Spuren, die entstehen, wenn man einen Rechen durch Sand zieht. Auch diese verlaufen stets parallel zueinander und im selben Abstand. Das ist die Bedeutung des Wortes Periodizität.«

Die zerfetzte Box und das Messer schwenkend marschiert Flagler auf und ab. Die hochgekochten Emotionen auf beiden Seiten spiegeln das Wetter wider. Der Donner klingt wie eine Abfolge von Explosionen, der Regen prasselt mal schneller, mal langsamer, und Windböen heulen.

»Ruhe bitte«, sagt Annie.

»Sie waren ja nicht einmal hier in Virginia!« Flagler zeigt mit dem Messer auf mich und stößt damit in die Luft, um seine Worte zu betonen. Und zwar so, dass die Fernsehkameras im Gerichtssaal es auch ganz sicher aufzeichnen. »Bis vor ein paar Monaten haben Sie nicht einmal einen Gedanken an diesen Fall verschwendet!«

»Einspruch!«

»Vielleicht haben Sie ja deshalb kein Problem damit, jemanden mit dem Mord an einer schönen jungen Frau davonkommen zu lassen, die das ganze Leben noch vor sich hatte!«

»EINSPRUCH!«

Wieder Buhrufe, diesmal lauter. Schuldig! und Fake News! brüllen die Zuschauer. Andere stimmen ein und unterstellen mir, ich würde von der Verteidigung bestochen oder von Politikern bezahlt. Ein gefährlich aussehender Mann hinten im Saal beschimpft mich als Kommunistenschlampe, und eine junge Frau kreischt, ich sei eine Nazi-Leichenschänderin.

»Ich bitte um Ruhe. Ruhe! RUHE!«

»Keine weiteren Fragen, Euer Ehren«, sagt Flagler, als der Tumult sich legt.

»Euer Ehren.« Gallo erhebt sich. »Die Zeugin hat in allen wichtigen Punkten ausgesagt, ich habe keine Fragen.«

»Ich habe keine Zeugen mehr und beende meine Beweisaufnahme.« Flagler wirft einen vielsagenden Blick auf die Wanduhr, die kurz vor halb sechs anzeigt. »Danke für Ihre Geduld«, wendet er sich an die Geschworenen. »Ich weiß, es war ein langer Tag.«

»Euer Ehren«, ergreift Gallo das Wort, »die Verteidigung hat es versäumt, in diesem Fall die gesetzlich vorgeschriebenen schlüssigen Beweise vorzulegen. Wie ich wiederholt festgestellt habe, liegt das daran, dass es gar keinen Fall gibt. Dr. Scarpetta hat ihren Standpunkt unter Eid dargelegt, und ich halte es für wenig sinnvoll, die Zeit der Geschworenen und des Gerichts mit weiteren Zeugenaussagen zu vergeuden.«

»Schließt die Verteidigung ihre Beweisaufnahme ab, Mr. Gallo?«

»Ja, Euer Ehren. Aufgrund der Tatsache, dass es der Anklage im Laufe der beiden letzten sehr langen Wochen nicht gelungen ist, relevante Beweise zu präsentieren, beantrage ich eine richterliche Weisung an die Geschworenen.«

»Abgelehnt. Die Beweise sind ausreichend für eine Urteilsfindung. Was die Menge und Qualität dieser Beweise angeht, obliegt es den Geschworenen, darüber zu entscheiden.«

»Danke, Euer Ehren. Keine weiteren Anträge«, entgegnet er.

»Meine Herren, wäre es das für heute?«, erkundigt sich Annie. Beide nicken.

Als sie sich schließlich an mich wendet, spielt nicht der Hauch eines Lächelns um ihre Lippen. Ich bin hier fertig und darf gehen. Alle anderen müssen an ihren Plätzen bleiben, bis das Gericht sich zurückzieht. So gibt Annie mir Gelegenheit, mich unbehelligt aus dem Staub zu machen. Da sie mich als Zeugin entlassen hat, muss ich auch nicht wiederkommen. Wenigstens diesen kleinen Gefallen tut sie mir, nachdem sie Flaglers schamlosen Tricksereien keinen Riegel vorgeschoben hat.