Manchmal musst du einfach leben - Gayle Forman - E-Book

Manchmal musst du einfach leben E-Book

Gayle Forman

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Beschreibung

Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, überfordert zu sein, keine Kraft mehr zu haben – aber immer weiter machen zu müssen. Maribeth Klein, Anfang 40, in New York, ist so damit beschäftigt, die perfekte Mutter von kleinen Zwillingen, Ehefrau und Mitarbeiterin zu sein, dass sie vor lauter Stress gar nicht merkt, dass sie einen Herzinfarkt hatte. Erst als sie nach einer Notoperation völlig geschwächt wieder zu Hause ist und begreift, dass Familie und Job ihr keine Möglichkeit lassen, zu Kräften zu kommen, trifft sie eine unglaubliche Entscheidung: Sie packt eine kleine Tasche und geht. Gayle Forman erzählt auf ergreifende Weise davon, wie viel Mut es braucht, sich für das Leben zu entscheiden, und davon, dass man manchmal von zu Hause fortgehen muss, um wieder dorthin zurückfinden zu können. Ein Roman, der große Fragen stellt und uns mitnimmt bis dorthin, wo sich Liebe und Leben treffen. Ein Buch, das ehrlicher, aufwühlender und lebensbejahender nicht sein könnte.

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Seitenzahl: 380

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Gayle Forman

Manchmal mußt du einfach leben

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer

FISCHER E-Books

Inhalt

Für Willa und DenbeleNew York City123456789101112Pittsburgh1314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253545556575859606162Allegheny Kinderheim63646566676869707172Danksagung

Für Willa und Denbele

New York City

1

Maribeth Klein saß noch spät im Büro und wartete darauf, den letzten Fahnenabzug der Dezemberausgabe durchgehen und freigeben zu können, als sie einen Herzinfarkt erlitt.

Die ersten Stiche in ihrer Brust glichen eher einem Druckgefühl als einem Schmerz, weshalb sie nicht sofort mein Herz dachte. Sie hielt sie für Verdauungsstörungen, hervorgerufen durch das fettige Gericht vom Chinesen, das sie vor einer Stunde am Schreibtisch gegessen hatte, oder für einen Ausdruck ihrer Sorge wegen der Länge ihrer To-do-Liste für morgen. Vielleicht regte sie sich auch über das Gespräch mit ihrem Mann, Jason, auf, der, als sie anrief, noch nach acht mit Oscar und Liv eine Tanzparty veranstaltete, obwohl sich ihr Nachbar von unten, Earl Jablonski, darüber beschweren würde, und obwohl es durch das späte Zubettgehen sehr wahrscheinlich war, dass einer der Zwillinge nachts aufwachte (und damit auch sie).

Aber an ihr Herz dachte sie nicht. Sie war vierundvierzig Jahre alt. Überfordert und übermüdet – aber welche berufstätige Mutter war das nicht? Außerdem gehörte Maribeth Klein nicht zu den Frauen, die bei Hufklappern an Zebras dachten, oder zumindest an Pferde. Sie ging davon aus, dass jemand den Fernseher zu laut gestellt hatte.

Als ihr Herz zu krampfen begann, kramte Maribeth also lediglich eine Schachtel Rennie aus der Schreibtischschublade und kaute ein paar Tabletten, während sie hoffte, Elizabeths Bürotür würde sich öffnen. Doch die Tür blieb geschlossen, hinter der Elizabeth und Jaqueline, Creative Director von Frap, darüber debattierten, ob sie das Cover ändern sollten, nachdem jetzt im Internet Sexfilme von der jungen Schauspielerin aufgetaucht waren, die es zierte.

Eine Stunde später war die Entscheidung gefallen, die letzten Abzüge waren freigegeben und an den Drucker geschickt. Bevor sie nach Hause ging, schaute Maribeth in Elizabeths Büro, um auf Wiedersehen zu sagen, was sie sofort bereute. Nicht nur, weil Elizabeth auf die Uhr blickte, bemerkte, wie müde Maribeth aussähe und ihr vorschlug, ein Taxi auf Firmenkosten zu nehmen – ein freundliches Angebot, das Maribeth beschämte, jedoch nicht in dem Maße, dass sie es ablehnte –, sondern weil Elizabeth und Jaqueline bei Maribeths Erscheinen sofort ihr intensives Gespräch über Dinnerpläne unterbrachen, so als redeten sie von einer Party, zu der sie nicht eingeladen war.

Zu Hause fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Als sie erwachte, lag Oscar quer auf dem Bett neben ihr und Jason war bereits fort. Und obwohl sie sich noch schlechter fühlte als am Abend zuvor – erschöpft und als müsse sie brechen, von dem wenigen Schlaf und dem chinesischen Essen, wie sie annahm, mit einem Kiefer, der aus unerfindlichen Gründen schmerzte, was, wie sie später erfuhr, alles Anzeichen ihres fortschreitenden Herzinfarkts waren –, schleppte sie sich aus dem Bett, schaffte es irgendwie, Liv und Oscar anzuziehen und lief die zehn Blocks bis zum BrightStart-Kindergarten, wo sie sich Mühe gab, die kühle Herablassung der anderen Mütter zu ignorieren, mit der sie, wie sie vermutete, geächtet wurde, weil sie die Kinder nur freitagmorgens brachte. Die anderen Tage übernahm Jason – wofür ihn die anderen Mütter förmlich vergötterten –, damit Maribeth früh genug ins Büro kam und um halb fünf Schluss machen konnte.

»Nur ein paar Stunden am Tag«, hatte Elizabeth versprochen. »Freitags frei.« Das war vor zwei Jahren gewesen, nachdem Elizabeth zur Chefredakteurin von Frap ernannt worden war, einem neuen (und finanziell gutaufgestellten) Promi- und Lifestyle-Magazin. Mit diesen Versprechungen hatte sie Maribeth zurück in einen Vollzeitjob geködert – nun ja, mit diesen und dem üppigen Gehalt, das sie und Jason brauchten, um künftig die Kindergartengebühren für die Zwillinge bezahlen zu können, die, wie Jason gescherzt hatte, »exorbitant hoch zwei« waren. Damals hatte Maribeth freiberuflich von zu Hause aus gearbeitet, aber nicht mal annähernd ein Vollzeitgehalt verdient. Was Jasons Job bei einem gemeinnützigen Musikarchiv betraf, so hätten allein die Kindergartenkosten schon sein halbes Jahresgehalt aufgefressen. Maribeth hatte von ihrem Vater geerbt, doch obwohl die Summe großzügig gewesen war, hätte sie nur das erste Jahr abgedeckt und was, wenn sie keinen Platz im städtischen Kindergarten bekamen (wo man noch weniger Chancen hatte reinzukommen als nach Harvard, wie behauptet wurde)? Sie brauchten das Geld wirklich.

Doch in Wahrheit hätte Maribeth wahrscheinlich die Stelle auch dann angenommen, wenn der Kindergarten kostenlos gewesen wäre, wie es angeblich in Frankreich der Fall war, um endlich eine Möglichkeit zu haben, Seite an Seite mit Elizabeth zu arbeiten.

Die paar Stunden am Tag stellten sich als acht heraus und wurden vor Redaktionsschluss noch wesentlich mehr. Und die freien Freitage erwiesen sich als die geschäftigsten Tage der Woche. Die Arbeit Seite an Seite mit Elizabeth war auch nicht so, wie sie es erwartet hatte. Gar nichts war so, um ehrlich zu sein, außer vielleicht, was den Kindergarten anging. Der war genauso teuer, wie sie angenommen hatten.

Als es Zeit für den Lesekreis wurde, schlug Maribeth das Buch auf, das Liv sorgfältig für heute ausgewählt hatte, Lilly und der Lieblingslehrer, und blinzelte, weil die Wörter über die Seite tanzten. Heute früh, nachdem sie Galle in die Toilette gewürgt hatte, hatte sie ihrer Tochter vorgeschlagen, das Vorlesen vielleicht besser auf den nächsten Freitag zu verschieben und damit bei Liv einen Wutanfall ausgelöst. »Du kommst nie in den Kindergarten!«, hatte ihre Tochter aufgeheult. »Was man versprochen hat, muss man auch halten!«

Maribeth kämpfte sich durch das ganze Buch, obwohl sie an Livs verkniffenem Gesicht sah, dass ihre Darbietung enttäuschend war. Nach dem Lesekreis verabschiedete sie sich von den Zwillingen und fuhr mit dem Bus die zehn Blocks zurück nach Hause, wo sie ihre E-Mails checkte, anstatt sich etwas hinzulegen, wie sie es so unglaublich gern getan hätte. Ganz oben im Posteingang fand sie eine Nachricht von Elizabeths Assistentin Finoula, an ihre Privat- und ihre Büro-E-Mail-Adresse geschickt, mit der Frage, ob sie schnell den angehängten Artikel redigieren könne. Als Nächstes kam die To-do-Liste, die Maribeth sich selbst am Abend zuvor von der Arbeit aus gemailt hatte. Sie umfasste zwölf Punkte, dreizehn, wenn man den Artikel hinzuzählte, den Finoula gerade geschickt hatte. Obwohl es Maribeth ansonsten vermied, Dinge vor sich her zu schieben – denn wenn sie es tat, metastasierten ihre Listen nur –, ordnete sie in Gedanken den Tag noch einmal neu. Sie setzte Prioritäten (Gynäkologin, Steuerberater, Andrea treffen) und überlegte, was warten konnte (Anruf bei Oscars Logopädin, Reinigung, Post, Autoinspektion), und was sie an Jason delegieren konnte, den sie im Büro anrief.

»Hallo, ich bin’s«, sagte sie. »Meinst du, du könntest dich heute ums Abendessen kümmern?«

»Wenn du keine Lust hast zu kochen, dann lass uns doch was bestellen.«

»Geht nicht. Heute ist doch das Zwillingselterntreffen bei uns. Und da bringt jeder etwas mit«, erinnerte sie ihn. Denn obwohl es im Kalender stand, obwohl sie Anfang der Woche schon einmal mit ihm darüber gesprochen hatte, und obwohl diese Treffen nun schon seit über vier Jahren alle zwei Monate stattfanden, kamen sie für ihn jedes Mal überraschend. »Außerdem geht’s mir nicht so gut«, fügte sie hinzu.

»Dann sag doch ab«, erwiderte er.

Sie hatte gewusst, dass er das sagen würde. Jason machte es sich gerne einfach. Doch bisher war ein solches Treffen erst einmal abgesagt worden, vor zwei Jahren, gleich nach dem Hurrikan Sandy. Maribeth wusste natürlich, dass es nicht Jasons Ding war, aber sie hatte sich der Gruppe angeschlossen, als die Zwillinge gerade einmal sechs Wochen alt waren. Sie war fix und fertig vor Erschöpfung und unglaublich einsam gewesen, weil sie den ganzen Tag allein mit ihnen zu Hause gehockt hatte. Natürlich waren manche Eltern nervtötend (zum Beispiel Adrienne, deren Kinder Clementine und Mo ständig irgendetwas anderes nicht essen durften, je nachdem, welche Ernährungsstudie Adrienne gerade in der Times gelesen hatte – keine Milchprodukte, kein Gluten, aktuell aßen sie nach der Paleo-Diät). Aber diese Leute waren ihre ersten Elternfreunde gewesen, und auch wenn sie sie nicht alle gleichermaßen mochte, so waren sie doch ihre Verbündeten.

»Ich bin einfach kaputt«, sagte sie zu Jason. »Und es ist zu spät abzusagen.«

»Es ist nur, dass mein Tag auch völlig wahnsinnig ist«, entgegnete Jason. »Wir müssen vor dem Datenbank-Upgrade Zehntausende Dateien migrieren.«

Maribeth stellte sich eine Welt vor, in der ein wahnsinniger Tag sie dazu berechtigen würde, sich nicht um das Abendessen zu kümmern. Sie berechtigen würde, sich um nichts zu kümmern. In so einer Welt würde sie gerne leben. »Kannst du nicht irgendetwas kochen? Bitte!« Sag mir nicht, ich soll Pizza bestellen, dachte Maribeth, und ihre Brust krampfte, nicht vor Stress, wie sie glaubte, sondern weil sich das Blut mühsam durch ihr verengtes Herzkranzgefäß zwängte. Bitte sag nicht, dass ich Pizza bestellen soll.

Jason seufzte. »In Ordnung. Ich mache das Hühnchen mit Oliven. Das mögen alle.«

»Danke.« Vor Dankbarkeit, nicht in der Verantwortung zu sein, kamen ihr fast die Tränen, und zugleich war sie wütend, weil sie immer in der Verantwortung war.

Sie brauchte eine Viertelstunde, um die drei Straßen bis zu dem Café zu laufen, in dem sie sich mit Andrea Davis verabredet hatte, einer ehemaligen Kollegin bei der Rule. Sie hätte das Treffen gerne abgesagt, aber Andrea – geschieden, zwei pubertierende Kinder –, war zur Zeit arbeitslos, weil das Shopping-Magazin, bei dem sie gearbeitet hatte, pleitegegangen war. So wie die Rule damals Pleite gemacht hatte. Und wie so viele andere Zeitschriften, bei denen sie gearbeitet hatten.

»Was für ein Glück du hast, bei der Frap zu arbeiten, zusammen mit Elizabeth«, sagte Andrea über ihren Kaffee hinweg zu Maribeth, der schon vom Geruch übel wurde. »Der Markt ist gnadenlos.«

Ja, das wusste Maribeth. Der Markt war gnadenlos. Sie hatte Glück.

»Was waren das für Zeiten bei der Rule«, fuhr Andrea fort. »Weißt du noch, als wir nach dem 11. September die ganze Ausgabe umgeschmissen und alles neu gemacht haben? Wie wir bis in die Nacht hinein geackert haben, alle gemeinsam, während der Geruch von verbranntem Plastik in der Luft lag? Manchmal denke ich, dass das die besten Tage meines Lebens waren. Ist das nicht krank?«

Maribeth wollte erwidern, dass sie manchmal genauso dachte, aber sie war in dem Moment so kurzatmig, dass sie kaum sprechen konnte. »Ist dir nicht gut?«, fragte Andrea.

»Nein, nicht besonders«, gab Maribeth zu. Sie kannte Andrea nicht so gut, was es ihr leichter machte, ihr die Wahrheit zu sagen. »Merkwürdige Symptome. Wie Schmerzen. In meiner Brust. Ich habe Angst, es könnte …« Sie konnte nicht weitersprechen.

»Das Herz sein?«, fragt Andrea.

Maribeth nickte, während das genannte Organ sich erneut verkrampfte.

»Ich renne mindestens einmal im Jahr in die Notaufnahme, weil ich überzeugt bin, einen Herzinfarkt zu haben. Ich habe dann Schmerzen in meinem Arm und alles.« Andrea schüttelte den Kopf. »Na ja, es ist nichts. Okay, nicht nichts, nur Sodbrennen. Also, bei mir jedenfalls.«

»Sodbrennen?«

Andrea nickte. »Sodbrennen. Kommt alles vom Stress. Na ja, wem sage ich das.«

Natürlich, Stress. Das klang logisch. Andererseits hatte die Frap gerade das Porträt einer 27-jährigen Sitcom-Schauspielerin gebracht, bei der MS diagnostiziert worden war. »Es kann jeden treffen«, hatte die Schauspielerin in dem Artikel gesagt. Vor zwei Wochen hatte dann Maribeths Mutter angerufen und erwähnt, dass die 36-jährige Tochter ihrer Freundin Ellen Berman Brustkrebs im vierten Stadium hätte. Obwohl Maribeth weder Ellen Berman noch deren Tochter jemals kennengelernt hatte, hatte es ihr schrecklich leidgetan und ihr einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie gleich einen Termin bei ihrer Gynäkologin vereinbart hatte (und sie musste wirklich dringend zur Mammographie, das schob sie seit Jahren vor sich her). Die Schauspielerin hatte recht: Es konnte jeden treffen.

Und tatsächlich – Maribeth wusste nicht, dass ihr Herzgewebe inzwischen bereits durch den Sauerstoffmangel abzusterben begann. Also spulte sie weiter ihr Tagesprogramm ab. Versprach Andrea, Elizabeth nach offenen Stellen oder Aufträgen zu fragen und nahm dann ein Taxi zum Büro des Steuerberaters, wo sie die Quittungen aus dem letzten Jahr ablieferte, damit die – schon seit April verlängerte – Abgabe ihrer Steuererklärung nächste Woche noch fristgerecht über die Bühne gehen konnte. Dann nahm sie ein Taxi zur Praxis von Dr. Cray, denn obwohl ihr jetzt schwindelig war und sie sich nichts sehnlicher wünschte, als sich zu Hause hinzulegen, wäre ihre jährliche Vorsorge schon vor sechs Monaten fällig gewesen, und sie wollte nicht so enden wie Ellen Bermans Tochter.

Und weil sie nicht wusste, dass ihre Erschöpfung auf Sauerstoffmangel durch die verringerte arterielle Blutversorgung beruhte, behauptete sie Dr. Crays Arzthelferin gegenüber, ihr ginge es gut, obwohl diese feststellte, dass ihr Blutdruck anormal niedrig sei und fragte, ob sie möglicherweise dehydriert sei. Vielleicht war sie das. Vielleicht lag es daran. Also ließ sie sich ein Glas Wasser geben.

Sie dachte noch immer nicht an ihr Herz, und hätte es vielleicht auch nie getan, wenn Dr. Cray sie nicht gefragt hätte, ob es ihr gutginge.

Die Frage an sich war pro forma. Aber Dr. Cray – die Oscar und Liv zur Welt gebracht und Maribeth in so vielen schweren Situationen beigestanden hatte – stellte sie genau dann, als sie gerade sanft ihre linke Brust abtastete, genau über ihrem Herzen, das inzwischen nicht mehr schmerzte, sondern sich so gespannt anfühlte wie eine Trommel, ein Gefühl, das Maribeth an ihren schwangeren Bauch erinnerte und sie unwillkürlich erwiderte: »Also, ehrlich gesagt …«

2

Zwei Stunden später geriet Maribeth in Panik.

Dr. Cray hatte sie zwar beruhigt, es sei wahrscheinlich nichts, sie aber trotzdem mit dem Taxi in die nächste Notaufnahme geschickt und vorher dort angerufen, um sie anzukündigen. »Nur vorsorglich, damit wir auf der sicheren Seite sind.« Bei ihrer Ankunft war Maribeth mit einem Armband versehen, an Monitore angeschlossen und auf die kardiologische Überwachungsstation gebracht worden, wo sie von einer schier endlosen Reihe von Ärzten beobachtet wurde, von denen keiner alt genug aussah, um schon Alkohol trinken, geschweige denn praktizieren zu dürfen.

Im Taxi auf dem Weg zum Krankenhaus hatte sie Jason bei der Arbeit angerufen und nur seine Mailbox erreicht. Ihr fiel ein, dass er gesagt hatte, er würde heute die meiste Zeit nicht im Büro sein, also rief sie ihn auf dem Handy an und erreichte auch nur die Mailbox. Typisch. Er ging so gut wie nie ans Telefon. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihm eine Nachricht zu hinterlassen. Schließlich saß sie in einem Taxi ähnlich jenem, das sie am Abend zuvor von der Arbeit nach Hause gebracht hatte. Es war ihr also nicht unwahrscheinlich vorgekommen, dass die ganze Sache schon in ein bis zwei Stunden vorüber sein würde.

Sie schrieb eine SMS an Robbie, die auf die Zwillinge aufpasste, seitdem sie ein Jahr alt gewesen waren und Maribeth endlich genügend Aufträge als Freiberuflerin hatte, um es sich leisten zu können, jemanden einzustellen. Damals war Robbie eine süße, kreative Studentin mit Hauptfach Theater an der New Yorker Uni gewesen; jetzt war sie eine fertigausgebildete Schauspielerin mit unregelmäßigem Terminplan. Daher war Maribeth nicht weiter überrascht, als Robbie ihr zurückschrieb: Kann nicht. Bin angerufen worden!!!!!!, begleitet von einer Reihe Emojis, um ihre Aufregung zu unterstreichen. Und dann hatte sie noch ein Sorry hinzugefügt mit traurig aussehenden Emojis, um ihr Bedauern auszudrücken.

Es ging inzwischen auf halb drei zu; bald mussten die Zwillinge vom Kindergarten abgeholt werden, aber es war niemand da, um das zu übernehmen. Maribeth versuchte es noch einmal bei Jason, erreichte aber wieder nur seine Mailbox. An diesem Punkt hatte es wirklich keinen Sinn mehr gehabt, ihm eine Nachricht zu hinterlassen. Er würde den Kindergarten ohnehin nicht mehr rechtzeitig erreichen können. Außerdem hatten sich auf Jasons Mailbox unabgehörte Nachrichten angesammelt, die bis zur Zeit der letzten Präsidentenwahl zurückreichten.

Also rief Maribeth im Kindergarten an. Die Sekretärin, hübsch wie ein Model aber hoffnungslos inkompetent, so dass sie regelmäßig Formulare und Schecks verbummelte, meldete sich. Maribeth fragte, ob es in Ordnung sei, wenn Oscar und Liv heute Nachmittag ein wenig länger im Kindergarten blieben.

»Es tut mir leid, aber wir bieten keine Spätbetreuung an«, erwiderte die Sekretärin, als sei Maribeth irgendeine Fremde und keine Mutter, deren Kinder seit gut einem Jahr diesen Kindergarten besuchten.

»Ich weiß, aber ich … bin unerwartet aufgehalten worden und kann unmöglich kommen.«

»Die BrightStart-Statuten besagen eindeutig, dass die Kinder spätestens bis fünfzehn dreißig abgeholt sein müssen«, sagte die Sekretärin. Man konnte sie kaum verstehen; der Empfang im Taxi war miserabel.

»Ich kenne die Regeln, aber es handelt sich um einen …« Maribeth zögerte. Notfall? War es denn wirklich ihr Herz und nicht eher eine kolossale Zeitverschwendung? »Eine unausweichliche Situation. Ich werde es definitiv nicht schaffen, um fünfzehn Uhr dreißig am Kindergarten zu sein, und auch mein Ehemann und der Babysitter können nicht kommen. Ich weiß, dass die Erzieherinnen länger bleiben. Könnten Oscar und Liv nicht einfach still in einer Ecke spielen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die erste Mutter bin, der je so etwas passiert ist.« Oder doch? Vielleicht war sie die Erste. Das Tribeca-Viertel, in dem der Kindergarten lag und wo Maribeth seit über zwei Jahrzehnten ein mietpreisgebundenes Loft bewohnte, war zu einer der wohlhabendsten Gegenden im ganzen Land geworden. Manchmal kam es ihr vor, als hätten die Kinderfrauen hier sogar Kinderfrauen.

Die Sekretärin stieß einen unschönen Laut aus und drückte Maribeth in die Warteschleife. Einige Minuten später meldete sie sich wieder mit der Nachricht, eine andere Mutter habe angeboten, die Zwillinge mitzunehmen.

»Oh, gut. Wer denn?«

»Niff Spenser.«

Niff Spenser war eigentlich gar keine BrightStart-Mutter, zumindest momentan nicht. Ihre älteren beiden gingen schon zur Grundschule und ihr drittes Kind würde erst nächstes Jahr in den Kindergarten kommen. Niff leistete jedoch in dem »Brückenjahr«, wie sie es nannte, Freiwilligenarbeit im Kindergarten, um »auf dem Laufenden« zu bleiben, als wäre das Lernpensum dort so hoch, das man ansonsten unweigerlich den Anschluss verpasste. Maribeth konnte die Frau nicht ausstehen.

Aber Jason meldete sich nicht, und Robbie hatte zu tun. Eine Sekunde lang dachte sie an Elizabeth, aber es kam ihr unpassend vor, nicht so, als würde sie eine Freundin, sondern als würde sie eine Chefin anrufen.

Sie ließ sich von der Sekretärin Niffs Nummer geben und schrieb ihr eine SMS mit Jasons Kontaktdaten und dem Versprechen, dass er die Kinder vor dem Abendessen abholen würde. Dann schickte sie Jasons Niffs Nummer, erklärte ihm, dass sie aufgehalten worden sei und bat ihn, sich mit Niff in Verbindung zu setzen. Bitte bestätige mir, dass Du die SMS bekommen hast, schrieb sie.

Alles klar, kam zurück.

Und einfach so schien ohne ihr Zutun eine Entscheidung gefallen zu sein. Sie würde Jason nicht sagen, warum sie aufgehalten worden war, bis alles vorüber war. Wenn es sich als falscher Alarm erwies, würde sie ihm vielleicht gar nichts sagen. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er nicht nachfragen würde.

Maribeth begutachtete das Messgerät an ihrem Finger. Ein Pulsoximeter. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater nach seinem Schlaganfall so einen getragen hatte. Die Elektroden auf ihrer Brust juckten; bestimmt würde sie heute Abend ganz schön schrubben müssen, um den Kleber abzukriegen. »Entschuldigen Sie«, fragte sie eine der Assistenzärztinnen, eine stylische junge Frau, die teure Schuhe trug und affektiert redete. »Können Sie mir sagen, wie lange es wohl noch dauert?«

»Ich glaube, Ihnen soll noch mal Blut abgenommen werden«, antwortete die Ärztin.

»Noch mal? Weshalb? Ich dachte, mein EKG sei normal gewesen.«

»So ist das Procedere.«

Hier ging es entweder darum, sich abzusichern oder die Rechnung in die Höhe zu jagen. Maribeth hatte einmal eine Enthüllungsstory über profitgetriebene Krankenhäuser redigiert.

Das erinnerte sie an den Artikel, den Finoula ihr geschickt hatte. Den konnte sie ja wenigstens schon mal abarbeiten und von ihrer Liste streichen. Sie rief den Text auf ihrem Smartphone auf. Es war ein interessantes Stück über Promis, die soziale Netzwerke für philanthropische Zwecke nutzen. Maribeth erinnerte sich dunkel daran, das Thema bei einem Meeting vorgeschlagen zu haben. Leider war der Artikel stümperhaft geschrieben. Normalerweise erkannte Maribeth schon beim ersten Lesen die Probleme in der Struktur, Logik oder Stilistik eines Texts und wusste sofort, wie sie sie lösen konnte. Doch sie las den Artikel ein zweites und dann ein drittes Mal und sah den Wald vor lauter Bäumen nicht; sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn besser machen konnte.

Das lag am Krankenhaus. Ganz sicher kein besonders inspirierender Ort zum Arbeiten. Sie musste nach Hause. Es war schon fast Abendessenszeit. Jason war jetzt bestimmt schon mit den Kindern zurück. Womöglich machte er sich noch keine Sorgen, aber er fragte sich bestimmt, wo sie blieb. Maribeth schloss den Artikel und sah, dass sie mehrere Anrufe von ihrer Festnetznummer zu Hause verpasst hatte. Sie rief an und Jason meldete sich praktisch sofort. »Maribeth?«, fragte er. »Wo bist du?«

Der Klang von Jasons gleichmäßiger, sonorer Stimme ließ etwas in ihr aufbrechen. Vielleicht, weil seine Stimme am Telefon seiner Radiostimme glich, besaß sie noch immer die Macht, sie um fünfundzwanzig Jahre in der Zeit zurückzuversetzen, zu jenen Abenden, als Maribeth und ihre Freundinnen im Studentenwohnheim seine Sendung gehört und sich gefragt hatten, wer sich wohl hinter dieser Stimme verbarg (im Radio nannte er sich Jinx) und was für ein Typ er wohl war. »Ich wette, er ist potthässlich«, hatte ihre Mitbewohnerin Courtney gesagt. »Sexy Stimme, abstoßendes Gesicht.« Maribeth, die für die Collegezeitung arbeitete, hatte keine Meinung zu seinem Aussehen, hielt ihn aber für einen genauso unerträglichen Snob wie die Kunst- und Musikredakteure, die sie kannte. »Du solltest ihn interviewen und es herausfinden«, hatte Courtney ihr vorgeschlagen.

»Wo bist du?«, wiederholte Jason und jetzt hörte sie auch, wie gereizt er war. Und dann hörte sie, warum. Im Hintergrund ertönten die Stimmen von Erwachsenen und Kindern. Von vielen, vielen Kindern.

Das Elterntreffen. Heute Abend. Mist!

»Ich dachte, du wolltest, dass ich das Hühnchen mache, aber wir haben keins im Haus und inzwischen ist der Besuch da«, erklärte Jason. »Bist du einkaufen?«

»Nein. Tut mir leid. Ich hab’s vergessen.«

»Du hast es vergessen?« Jetzt klang Jason richtig sauer. Irgendwie konnte sie ihn verstehen, aber sofort krampfte ihre Brust wieder. Denn, ganz ehrlich: Wie oft hatte Jason etwas vergessen und es ihr überlassen, die Suppe auszulöffeln?

»Ja, ich hab’s vergessen«, erwiderte sie schnippisch. »Ich hatte anderes im Kopf, weil ich nämlich den ganzen Nachmittag in der Notaufnahme verbracht habe.«

»Wie bitte? Was? Warum?«

»Ich hatte Schmerzen in der Brust, also hat mich Dr. Cray zur Kontrolle hergeschickt«, erklärte sie.

»Was verdammt?« Jetzt klang Jason wütend. Richtig wütend. Aber er klang jetzt anders als vorher. So, als würde er sie vor irgendeinem brutalen Fiesling beschützen wollen.

»Wahrscheinlich ist es nichts, einfach nur Stress«, erwiderte Maribeth. Sie ärgerte sich darüber, dass sie es ihm gesagt hatte, und noch mehr, dass sie nicht schon früher offen zu ihm gewesen war. »Sie halten mich schon seit Stunden unter Beobachtung.«

»Warum hast du mich nicht angerufen?«

»Ich hab’s versucht, aber du bist nicht ans Telefon gegangen, und außerdem dachte ich, ich wäre um die Zeit schon längst wieder hier raus.«

»Wo bist du?«

»Im Roosevelt.«

»Soll ich kommen?«

»Nein, nicht jetzt, wo alle da sind. Sag ihnen einfach, ich hätte länger arbeiten müssen, und bestell Pizza. Bestimmt lassen sie mich bald gehen.« Sie schlug sich mit der Faust auf die Brust, in der Hoffnung, so den erneut aufkommenden Schmerz vertreiben zu können.

»Soll ich nicht lieber doch bei dir sein?«

»Bist du hier bist, bin ich längst entlassen. Bestimmt war es nur ein Fall von schlimmem Sodbrennen.« Im Hintergrund hörte sie, wie Oscar zu weinen anfing. »Was ist denn los?«

»Ich glaube, Mo hat sich Gruselbärchen geschnappt.«

Gruselbärchen war ein entstellter Teddy, ohne den Oscar nicht schlafen konnte. »Dann nimm ihn Mo lieber weg«, sagte Maribeth zu Jason. »Kannst du mir Oscar mal geben? Oder Liv?«

Während Jason versuchte, die Kinder an den Apparat zu holen, verkündete Maribeths Handy mit einem klagenden Laut, dass der Akkustand niedrig war, um nach ein paar Sekunden mit einem weiteren traurigen Geräusch auszugehen.

»Ich komme bald nach Hause!«, rief sie, aber sie konnten sie schon nicht mehr hören.

 

Später erschien ein väterlich wirkender Arzt mit gepunkteter Fliege. Er stellte sich Maribeth als der diensthabende Kardiologe Dr. Sterling vor. »Eines Ihrer EKGs weist eine Anomalie auf«, erklärte er, »deswegen haben wir die zweite Blutuntersuchung angeordnet. Dabei wurden erhöhte Troponinwerte festgestellt.«

»Aber das erste EKG war doch normal.«

»Das ist nicht ungewöhnlich«, erwiderte er. »Ich vermute, dass Sie die Art von Infarkt hatten, die wir auch als ›stotternden Infarkt‹ bezeichnen.«

»Einen was?«

»Mangelnde Durchblutung des Herzens, unter Umständen schon während der letzten vierundzwanzig Stunden. Dazu passen die diffusen Symptome und wiederkehrenden Schmerzattacken. Ihre Blutwerte deuten auf einen vollständigen Verschluss eines Ihrer Herzkranzgefäße hin.«

»Oh«, sagte Maribeth und versuchte krampfhaft zu begreifen. »Ich verstehe.«

»Wir schicken Sie jetzt rauf ins Katheterlabor zur Untersuchung Ihrer Herzkranzgefäße auf Verschlüsse. Wenn wir einen Verschluss entdecken, setzen wir Ihnen gleich einen Stent ein.«

»Wann soll das gemacht werden?«

»Sofort. Sobald oben frei ist.«

»Jetzt gleich?« Maribeth warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon nach sieben. »Es ist Freitagabend.«

»Haben Sie vor, tanzen zu gehen?« Dr. Sterling amüsierte sich über seinen eigenen Witz.

»Nein. Ich frage mich nur, ob wir diese Stent-Sache nicht auch nächste Woche machen können?«

»O nein. Das müssen wir machen, bevor noch weitere Schädigungen entstehen.«

Schädigungen. Das hörte sich nicht gut an. »Okay. Wie lange dauert das? Ich meine, wann werde ich wohl hier wieder raus sein?«

»Meine Güte, sind Sie immer so in Eile?«, fragte er. Wieder lachte er, aber diesmal schwang etwas mit, eine unterschwellige Botschaft, als wolle er ihr sagen: Ich sehe, wie Sie sich in diese Lage gebracht haben.

Doch gerade jetzt, in diesem Moment, tobten zwölf Vierjährige zu Hause in ihrer Wohnung herum. Irgendjemand würde das hinterlassene Chaos aufräumen müssen: die Cracker suchen, die Mo immer in den Schränken versteckte, die schmutzigen Windeln rausbringen, die Tashi jedes Mal in den Küchenmüll warf (weil Ellery bis heute nur in die Windel kackte). Irgendjemand würde Schokoladenstreusel-Pfannkuchen für das Samstagmorgenfrühstück backen und vorher sicherstellen müssen, dass alle Zutaten im Küchenschrank vorhanden waren.

Und das war nur heute Abend. In den nächsten Tagen musste irgendjemand die Kinder zur Ballettstunde, zum Fußballtraining, zur Logopädie, zu den Verabredungen mit Freundinnen und Freunden und zu den Geburtstagspartys bringen. Jemand würde mit ihnen Halloweenkostüme kaufen, sie beim Kinderarzt gegen Grippe impfen lassen und sie zur Zahnreinigung begleiten müssen. Jemand musste die Mahlzeiten planen, das Essen kaufen, die Rechnungen bezahlen und die Ausgaben im Blick behalten. Jemand musste all das machen, und zwar neben der regulären Arbeit.

Maribeth seufzte. »Es ist nur, dass ich ein Haus voller Vierjähriger habe und am Wochenende sehr viel zu tun ist.«

Er starrte sie eine ganze Weile lang stirnrunzelnd an. Maribeth erwiderte seinen Blick, und er war ihr bereits unsympathisch, noch bevor er sagte: »Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie einen Herzinfarkt hatten?«

 

Vom Telefon im Schwesternzimmer aus rief sie Jason an und erreichte wieder nur die Mailbox. So ruhig wie möglich erklärte sie ihm, was jetzt passieren würde: die Untersuchungen, dass sie über Nacht im Krankenhaus bleiben musste, wahrscheinlich sogar das ganze Wochenende. Das Wort Herzinfarkt sagte sie nicht. Sie brachte es nicht über die Lippen. Und sie gestand ihm auch nicht, dass sie Angst hatte. Sie sagte nur: »Bitte komm her, so schnell du kannst.« Das alles sagte sie der Mailbox.

 

Die Wartezeit verbrachte sie damit, die Aufnahmeformulare auszufüllen. Das hatte etwas Beruhigendes, vielleicht, weil es ihr vertraut war. Sie hatte solche Formulare auch vor ihrem Kaiserschnitt und Oscars Paukenröhrchenoperation ausgefüllt. Name, Adresse, Versicherung, Sozialversicherungsnummer. Wiederholung. Das hatte etwas Zenartiges. Bis sie zu »Familienvorgeschichte« kam.

Sie wusste nie, wie sie diesen Punkt ausfüllen sollte. Mit acht Jahren hatte sie erfahren, dass sie adoptiert worden war, aber damals hatte sie das lediglich wie eine zusätzliche identifizierende Information über sich aufgenommen: Sie wohnte in der Maple Street. Sie fuhr ein blaues Schwinn-Fahrrad. Sie war in der dritten Klasse die Beste im Buchstabieren. Sie war adoptiert. Das Thema hatte sie so lange nicht weiter beschäftigt, bis sie selbst versucht hatte, schwanger zu werden und plötzlich vor zahlreichen offenen Fragen stand: Hatte sie irgendwelche portugiesischen Vorfahren? Jüdische, kreolische? Hatte es in ihrer Familie Fälle von Down-Syndrom gegeben? Gaumenspalte? Huntington-Krankheit? Unfruchtbarkeit? Nun ja, Letzteres konnte sie beantworten, jedenfalls in Bezug auf ihre leibliche Mutter, doch alles andere blieb ein Rätsel.

Dann wurden ihre eigenen Kinder geboren und das Rätsel wurde noch größer. Oscar war eine getreue Kopie seines Vaters: die gleichen grünbraunen Augen, das gleiche fliehende Kinn, doch Liv hatte mit sechzehn Monaten lange blonde Haare, mandelförmige, grüne Augen und eine heftige, manchmal diktatorische Art, die Jason scherzhaft als Anzeichen einer zukünftigen Führungspersönlichkeit wertete, die einer Sheryl Sandberg oder sogar Hillary Clinton. Schon mehr als einmal hatten Leute gewitzelt, ihr sei wohl die falsche Eizelle eingepflanzt worden.

Solche Scherze trafen Maribeth, denn schließlich hatte sie tatsächlich keine Ahnung, woher Liv dieses Prinzessinnenhaar oder diese Augen hatte, geschweige denn diesen stechenden Blick. Wenn sie das kleine genetische Puzzle betrachtete, das ihre Tochter war, dann wurde Maribeth zwar nicht unbedingt traurig, spürte aber unterschwellige Besorgnis. Viel Zeit, darüber nachzudenken, hatte sie jedoch nicht. Schließlich hatte sie Zwillinge.

Sie ließ den Punkt auf dem Formular unausgefüllt.

 

Jason stürmte um kurz vor zehn herein. »Oh, Lois«, sagte er und benutzte einen alten Kosenamen, den er seit Jahren nicht mehr verwendet hatte, was für Maribeth ein erster Hinweis darauf war, dass auch er Angst hatte. Sie kannten einander schon ihr halbes Leben lang, und trotz einer zwischenzeitlichen Pause von zehn Jahren fanden sie blind ihre empfindlichen Stellen. Außerdem wusste Maribeth, dass es Jason verstörte, wenn sie im Krankenhaus lag. Auch vor ihrem Kaiserschnitt war er aufgewühlt gewesen, obwohl er ihr gegenüber später zugegeben hatte, dass ihn weniger die konkrete Operation als seine Albträume beunruhigt hätten, in denen sie während der Geburt starb.

»Hey, Jase«, erwiderte sie leise. Sie hätte gerne Ich liebe dich gesagt oder Danke, dass du gekommen bist, aber sie befürchtete, dass sie dann anfangen würde zu weinen. Also fragte sie ihn, wo die Kinder waren.

»Bei Earl.«

Im Kampf der Gefühle siegte die Gereiztheit über die Sentimentalität. »Jablonski? Du machst Witze, oder?«

»Es war spät.«

»Du hast sie bei unserem menschenfeindlichen, wahrscheinlich alkoholabhängigen Nachbarn gelassen? Hast du ihnen vorher Schilder mit der Aufschrift ›Missbrauch mich‹ umgehängt?«

»Komm schon. Earl ist zwar mürrisch, aber kein schlechter Kerl.«

»Mein Gott, Jason! Warum hast du sie nicht mit den Wilsons gehen lassen?« Die Wilsons waren eine der Familien aus der Elterngruppe, die in der Nähe wohnten.

»Das ist mir in dem Moment nicht eingefallen«, erwiderte Jason. »Sie waren müde, deshalb habe ich Earl gebeten hochzukommen. Ich könnte es jetzt bei den Wilsons versuchen, aber wahrscheinlich schlafen sie schon.«

»Vergiss es.«

Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. »Wie geht es dir?«

»Gut. Ich wünschte nur, es wäre schon vorbei.« Sie hielt inne. »Vielleicht könntest du die Wilsons bitten, sie morgen zu nehmen. Liv und Tess haben zusammen Ballett.«

»Stimmt. Ballett.«

»Und Oscar muss zum Fußball.«

»Wir kriegen das schon irgendwie hin.«

»Wie denn? Ich kann nichts übernehmen. Du wirst Hilfe brauchen.«

»Okay, ich rufe die Wilsons an.« Er griff nach seinem Handy.

»Jetzt ist es schon zu spät. Schreib ihnen morgen früh eine SMS oder eine E-Mail, oder ruf sie an.«

Er nickte. »Was ist mit Sonntag?«

Sie waren am Sonntag zu einem Geburtstag eingeladen. Vorher musste Liv zu einer Freundin und Oscar zur Logopädin gebracht werden. Maribeth wollte jetzt nicht darüber nachdenken. »Ich weiß es nicht, Jason.«

»Wir könnten sie übers Wochenende zu Lauren schicken.« Lauren war Jasons jüngere Schwester, die mit Mann und Kindern in der Nähe von Boston wohnte.

»Und wie kommen sie dahin? Und wieder zurück?«

»Ich könnte Lauren bitten, sie abzuholen. Sie weiß, was los ist.«

»Du hast es ihr erzählt?«

»Nun, ja. Ich habe sie vom Taxi aus angerufen. Sie war bei unserem Vater, als er seinen Herzinfarkt hatte.« Jasons Vater, Elliott, hatte einen Herzinfarkt erlitten, als er über siebzig war, in einem Alter also, in dem man mit so etwas rechnen musste. »Also, wie findest du die Idee? Mit Lauren?«

Maribeth stützte den Kopf in die Hände. Die Logistik ihrer Wochenenden verlangten ihr generell das Geschick eines Fluglotsen ab, aber im Moment fühlte sie sich nicht in der Lage, die Maschinen auch nur in der Luft zu halten. »Ich weiß nicht. Kannst du mich da raushalten? Bis das vorbei ist?«

Er tat mit seinen Händen so, als bestünde ein Kraftfeld um sie herum. »Fühl dich wie in einer Blase.«

Ein Pfleger und eine Krankenschwester kamen mit einer Transportliege. »Möchten Sie ein leichtes Beruhigungsmittel?«, fragte die Schwester.

»Lieber ein starkes«, sagte Maribeth trocken.

Als sie zum Transport bereitgemacht wurde, drückte Jason ihre Hand und bat sie, sich keine Sorgen zu machen, alles würde gut werden. Das sagte er immer. Maribeth glaubte das nie wirklich, obwohl sie diesen gelassenen Optimismus zu schätzen wusste. Er bildete ein Gegengewicht zu ihrem Hang, ständig mit dem Schlimmsten zu rechnen.

In diesem Augenblick wollte sie daran glauben. Ganz fest. Aber als Jason sich über sie beugte und sie auf die Stirn küsste, spürte sie, wie er zitterte, und fragte sich, ob er tatsächlich so optimistisch war, wie er vorgab zu sein.

Doch dann setzte die Wirkung des Beruhigungsmittels ein und alles wurde so angenehm leicht und gedämpft. Sie hörte Jason sagen: »Ich liebe dich«, und sie erwiderte, sie liebe ihn auch. Jedenfalls glaubte sie, es gesagt zu haben. Vielleicht hatte sie es sich auch nur eingebildet.

 

Im Katheterlabor herrschte lockere Partystimmung, passend zu dem späten Freitagabend. Die Radiologen und Krankenschwestern schäkerten und Maribeth beobachtete sie durch ihren narkotischen Nebel hindurch. Sie spürte einen leichten Druck, als der Katheter eingeführt wurde, aber nicht, wie er bis hinauf zu ihrem Herzen geschoben wurde. Als das Kontrastmittel gespritzt wurde, empfand sie ein seltsames Wärmegefühl, das aber nicht ganz unangenehm war.

»Könnten Sie bitte für mich husten, Maribeth?«, fragte jemand.

Sie hustete.

»Sehr gut.«

Dann spürte sie etwas, was seltsam war. Hatte man ihr nicht gesagt, sie würde gar nichts von der Untersuchung merken?

»Was ist jetzt los?«, hörte sie jemanden fragen.

»Ihr Blutdruck fällt ab!«

Die Stimmung veränderte sich so plötzlich, als hätte sich eine Wolke vor die Sommersonne geschoben. Alles passierte jetzt viel schneller. Es gab ein Durcheinander von Alarmtönen, eine zerrende Bewegung. Man stülpte ihr eine Maske über das Gesicht. In diesem letzten Moment, bevor alles dunkel wurde, dachte Maribeth – eher verwundert als furchtsam –, wie schnell doch alles vorbei sein konnte.

3

Sie öffnete die Augen. Sie konnte nicht atmen. Und doch atmete sie. Aber es fühlte sich an, als könne sie nicht atmen.

Grelles Licht schien ihr ins Gesicht. Sie blinzelte. Sie versuchte zu sprechen, konnte aber nicht.

Träumte sie?

Es fühlte sich nicht an, als träume sie. Sie fror. Hatte jemand die Klimaanlage angelassen? Warum lief die Klimaanlage? Sie glaubte nicht, dass Sommer war.

 

Wieder erwachte sie. Das grelle Licht war immer noch da.

Sie konnte immer noch nicht sprechen.

War sie tot?

Sie hoffte, dass sie nicht tot war, denn sie fühlte sich entsetzlich.

Vielleicht war das die Hölle.

Dabei glaubte sie gar nicht, dass es die Hölle gab.

Ihre Wange juckte. Ihr Kiefer schmerzte. Sie spürte ein diffuses Pochen im Bein. Im linken. Nein, im rechten. Sie war verwirrt. Sie fror.

Da war etwas in ihrem Hals. Sobald sie sich des Fremdkörpers bewusst wurde, musste sie würgen.

Eine Frau beugte sich über sie. Braune Haut, aufmerksamer Blick. Sie strich Maribeth über die Stirn. »Das ist das Beatmungsgerät. Entspannen Sie sich und versuchen Sie, nicht dagegen anzukämpfen.«

Ein Beatmungsgerät? Hatte sie einen Unfall gehabt? Wo waren die Zwillinge? Panik stieg in ihr auf. Sie versuchte zu atmen, aber es gelang ihr nicht. Wieder würgte sie. Und dann wurde alles dunkel.

 

Jemand rief ihren Namen. Sie kannte die Stimme. Jason. Es war Jason.

Erleichterung.

Sie versuchte, seinen Namen zu sagen.

Sie konnte es nicht.

»Schwester! Sie ist wach!«

Jason. Große Erleichterung.

»Sie muss würgen. Können Sie ihr nicht etwas zur Beruhigung geben?«, fragte er.

Nein! Bitte kein Beruhigungsmittel, dachte Maribeth. Sie fühlte sich ohnehin schon so benebelt. Sie musste wach bleiben. Sie wollte nicht wieder abdriften.

»Aber nur ein leichtes«, erwiderte die Schwester. »Sie muss wach bleiben, damit wir sie vom Beatmungsgerät nehmen können. Es wird ihr bessergehen, sobald der Schlauch raus ist. Also, Maribeth, bitte haben Sie noch etwas Geduld, der Chirurg kommt gleich.«

Chirurg? Was war hier los? Sie sah Jason an, aber er bemerkte es nicht. Sie versuchte es mit der Krankenschwester.

»Sie hatten eine Bypassnotoperation.«

Maribeth verstand die Worte, aber nicht ihre Bedeutung.

»Bei der Herzkatheteruntersuchung ist etwas schiefgegangen«, erklärte Jason. »Sie haben deine Arterie verletzt, deswegen mussten sie sofort eine Notoperation durchführen.«

»Können Sie mir sagen, wie stark Ihre Schmerzen sind?«, fragte die Schwester und zeigte ihr eine Skala von eins bis zehn. Die Eins war ein glückliches Gesicht, die Zehn ein sehr trauriges.

Die Schmerzen waren anders als alles, was sie bis dahin empfunden hatte, allumfassend und dennoch irgendwie weit weg. Sie konnte sie nicht einordnen.

»Dann sagen wir mal, es ist eine Fünf«, spekulierte die Schwester.

Maribeth fühlte, wie etwas Warmes, Prickelndes in ihre Hand gespritzt wurde. Danach spürte sie gar nichts mehr.

 

Wieder erwachte sie, und ein unbekannter Arzt beugte sich über sie. »Guten Morgen, wir werden jetzt den Schlauch herausziehen«, sagte er.

Das Kopfteil ihres Bettes wurde aufgestellt, und bevor sie begriff, was passierte, hatte man ihr aufgetragen, kräftig auszuatmen. Sie versuchte es, aber es war, als hätte sie vergessen, wie das ging.

»Auf drei«, sagte der Arzt. »Eins, zwei …«

Es war ein Gefühl, als würde sie in Zeitlupe erbrechen. Als der Schlauch herausglitt, schluckte sie Luft und würgte gleichzeitig. Sie hielt sich die Hände vor den Mund, um das Erbrochene aufzufangen, das gar nicht kam.

»Sie haben nichts im Magen, dank dem hier«, erklärte der Arzt und berührte einen weiteren Schlauch, der in ihre Nase führte. Maribeth ließ sich zurücksinken. Krankenschwestern hantierten geschäftig um sie herum. Eine ließ sie einen Schluck Wasser durch einen Strohhalm trinken, während der Arzt in ihrer Akte las.

»Wo ist? Mein? Arzt?«, krächzte Maribeth.

»Ich bin Ihr Arzt. Dr. Gupta«, antwortete er und erklärte ihr, er sei ihr Thoraxchirurg. Er war gerufen worden, um ihre Notfallbypassoperation durchzuführen, als der Katheter ihre Arterie durchdrungen hatte. »Das kommt nur ganz selten vor. Bis jetzt erst mein zweiter Fall, und die andere Dame war wesentlich älter als Sie. Sie sind ziemlich außergewöhnlich«, sagte er, als sei das etwas Gutes.

»Mein Mann?«, keuchte sie.

»Ich weiß nicht, wo er ist.« Er fuhr fort, ihr von der Operation zu erzählen, einem doppelten Bypass. »Neben der verletzten Arterie war noch eine weitere Ader schwer geschädigt, und da Ihr Brustkorb bereits geöffnet war, haben wir Ihnen eine aus dem Bein transplantiert. Langfristig ist das eine bessere Lösung als ein Stent, Sie haben also Glück im Unglück gehabt.«

Juhu!

Er fuhr damit fort, ihr zu erläutern, was sie zu erwarten hatte – Beschwerden im Bein, dort, wo ihr eine Arterie entnommen worden war, und im Brustbein, das sie hatten durchsägen müssen, um an ihr Herz zu gelangen. Außerdem kognitive Symptome, etwa das Postperfusionssyndrom, auch pump head genannt, ausgelöst durch den Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine.

»Die was?«

»Die Herz-Lungen-Maschine. Durch die wir Ihr Blut gepumpt haben, damit es mit Sauerstoff angereichert wird, als Ihr Herz stillstand.«

Er sagte es so beiläufig. Als Ihr Herz stillstand. Und mit einem Mal riss es sie aus dem Nebel.

Sie legte ihre verkabelte Hand auf ihre verbundene Brust. Sie spürte ihr Herz schlagen, wie immer schon, seit sie ein Baby war, ja, sogar ein Embryo im Bauch einer Mutter, die sie nie gekannt hatte. Doch es hatte stillgestanden. Sie wusste nicht genau, warum, aber sie hatte das Gefühl, eine Grenze übertreten und alles zurückgelassen zu haben, was sie auf der anderen Seite gekannt hatte.

4

Eine Woche später wurde Maribeth entlassen. Sie fühlte sich nicht ansatzweise fit genug. Doch so war es auch beim letzten Mal gewesen, als sie aus dem Krankenhaus gekommen war, mit den Zwillingen, aber damals hatten sie und Jason zusammengehalten. »Sie lassen uns ganz allein mit ihnen!«, hatte Jason gescherzt. Diesmal war sie ganz allein.

»Ich muss dir etwas sagen«, begann Jason. Maribeth saß in einem Rollstuhl, und sie warteten auf das Taxi. Sein Tonfall alarmierte sie irgendwie. Wenn sie nicht gerade nach einer Operation am offenen Herzen aus dem Krankenhaus entlassen worden wäre, hätte Maribeth vielleicht gedacht, er wolle ihr eine Affäre beichten.

»Was denn?«, fragte sie misstrauisch.

»Du weißt doch, dass ich dir versprochen habe, dich in einer Blase zu lassen, als du im Krankenhaus warst, damit du dir um nichts Gedanken zu machen brauchtest?«

»Ja.«

»Also, ich habe ein paar Dinge arrangiert. Während du in der Blase warst.«

Es dauerte einen Moment, bis Maribeth verstand, was er meinte. Sie war sich ziemlich sicher, dass ihr eine Affäre lieber gewesen wäre. Sie schüttelte den Kopf. »Nein!«

»Ich habe sie immerhin davon abgehalten, dich im Krankenhaus zu besuchen«, fuhr Jason fort. »Ich habe dir nicht einmal etwas davon erzählt.«

»Du hast es dir leichtgemacht. So wie immer.«

»Leichtgemacht? Ich habe um Hilfe gebeten.«

»Inwiefern soll meine Mutter eine Hilfe sein?«

»Zwei Hände mehr. Und die Zwillinge lieben sie.«

»Wunderbar. Die Zwillinge können sich eine schöne Zeit mit Oma machen, und ich engagiere eine dritte Person, die sich um sie kümmert.« Eine vierte, hätte sie beinahe gesagt, tat es aber nicht.

Als das Taxi in Richtung Innenstadt losfuhr, hätte Maribeth sich viel lieber umgedreht und wäre ins Krankenhaus zurückgekehrt. Sogar an einem guten Tag brauchte sie sämtliche seelischen Reserven, um mit ihrer Mutter umzugehen. Und dies war kein guter Tag.

Jason berührte sie vorsichtig an der Schulter. »Bist du okay?«

»Du fragst mich doch immer, warum ich ständig mit dem Schlimmsten rechne«, sagte sie.

Er nickte.

»Genau deswegen.«

 

Willkommen zu Hause, Mama! Gute Besserung!, stand auf dem Schild aus Packpapier, das an der Eingangstür klebte.

Gleich würde sie ihre Kinder wiedersehen. Sie hatte sie seit einer Woche nicht gesehen, außer auf den Handyvideos, die Jason jeden Tag für sie aufgenommen und ihr gezeigt hatte. Sie vermisste sie auf eine schmerzhafte, fundamentale, animalische Weise. Doch als sie nun vor der Wohnungstür stand, fühlte sie sich vor Angst wie gelähmt. Vielleicht hätte sie Jason lieber doch nicht bitten sollen, sie an diesem Tag nicht in den Kindergarten zu bringen.

Jason öffnete die Tür.

Auf der Ablage im Flur stand eine Vase mit Lilien neben einem riesigen Stapel Post. Die Angst wurde größer.

»Maribeth, bist du das?«, hörte sie ihre Mutter rufen.

Und die Angst wurde noch größer.

»Ja, ich bin’s«, sagte sie.

»Liv, Oscar, habt ihr gehört? Mama ist wieder da!«

Maribeths Mutter erschien. Sie hatte sich schick gemacht und trug ein Kleid von Chico’s in den aktuellen Herbstfarben. Vorsichtig umarmte sie Maribeth, trat dann zurück, um sie anzusehen und legte dabei eine Hand auf ihr eigenes Herz. »Mein armes Mädchen!«

In dem Moment kam Oscar angerannt, sprang auf sie zu und rief: »Mami!«

Sie wollte nicht zurückzucken. Aber ihre Brust war so empfindlich und Oscar so welpenhaft tapsig. Sie hielt ihn ein klein wenig auf Abstand, vergrub ihr Gesicht in seinen Haaren und atmete diesen schwitzigen Kleiner-Junge-Geruch ein, der niemals ganz verschwand, nicht mal nach einem Bad.

»Hallo, Mami.« Als Liv sich näherte, mit vorsichtigen Ballettschritten, alles an ihr kontrolliert und damenhaft, erhaschte Maribeth einen Blick auf die Frau, zu der ihre vierjährige Tochter eines Tages heranwachsen würde. Es machte sie auf eine unerklärliche Art traurig.

Maribeth wappnete sich gegen eine weitere Umarmung, doch Liv küsste sie nur zart auf die Wange und trat dann zurück. Als Maribeth im Jahr zuvor eine Magenverstimmung gehabt hatte, hatte Liv sie distanziert behandelt, bis sie wieder die Alte gewesen war.

»Schon gut, Schätzchen«, sagte sie. »Ich bin’s, deine Mama.«

Liv rümpfte die Nase, als könne sie das nicht ganz glauben. Maribeth war sich auch nicht sicher, ob es stimmte.

5

Die Entlassung aus dem Krankenhaus, die Fahrt durch die Stadt, die Ankunft zu Hause, all das hatte Maribeth sehr angestrengt, und sie entschuldigte sich, um sich ein wenig hinzulegen. Als sie erwachte, war es ungewöhnlich still im Loft, obwohl es keine richtigen Wände gab, um die Familiengeräusche zu dämpfen.

Sie rief nach Jason, der diese Woche von zu Hause aus arbeitete.

»Hey.« Er lächelte. »Schön, dass du wieder zu Hause bist, Lois.«

»Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Wo sind denn die anderen?«

»Deine Mutter und Robbie sind mit den Kindern auf den Spielplatz gegangen. Kann ich dir irgendetwas bringen?«

Maribeth sah auf die Uhr. »Ich glaube, die Krankenschwester kommt um drei. Vielleicht etwas zu essen?«

»Gerne. Wir haben Pizza bestellt. Aus dem Steinofen. Ein paar Stücke sind noch übrig.«

»Nein, keine Pizza.«

»Stimmt, du musst ja aufpassen. Wir haben in den letzten Tagen meistens etwas Fertiges bestellt, aber ich kümmere mich gleich mal darum, dass wir Lebensmittel geliefert bekommen. Willst du mir eine Einkaufsliste schreiben? Wir könnten bei FreshDirect bestellen.«

»Okay, mache ich«, sagte sie. »Jetzt würde mir etwas Suppe gut tun.«

»Ist Dosensuppe okay?«

»Da ist zu viel Salz drin. Soll ich nicht essen.«

»Ich kann schnell zum Laden an der Ecke laufen.«

»Schon okay. Ich schau mal nach, was noch im Kühlschrank ist.«