Mängelexemplare 5: Hinter den Fenstern (Anthologie) - Vincent Voss - E-Book

Mängelexemplare 5: Hinter den Fenstern (Anthologie) E-Book

Vincent Voss

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Beschreibung

Horror trifft Erotik! Die legendäre und mehrfach prämierte Anthologiereihe Mängelexemplare meldet sich mit einer neuen Ausgabe zurück. In diesem Haus pulsiert das Leben. Hier wird geliebt, gefeiert und gelacht. Die geräumigen Wohnungen werden von wärmenden Sonnenstrahlen gekitzelt und die Dachschindeln funkeln im Licht. Alles scheint gut in diesem Haus in Deiner Nachbarschaft. Zumindest, solange niemand einen Blick hinter die blankgeputzten Fenster wagt … Denn dort warten Trauer, Wut, zerplatzte Träume, unerfüllte Wünsche und wilde sexuelle Fantasien. Mängelexemplare: Hinter den Fenstern Das sind zehn erotische Horrorgeschichten und eine verlorene Seele, die ihr Fernglas auf die Bewohnerinnen und Bewohner legt, um ihren eigenen Abgründen zu entfliehen. Mit Tobias Bachmann, Carolin Gmyrek, Arthur Gordon Wolf, Faye Hell, Sanjina Karma, Sonja Rüther, Vincent Voss, Stefanie Maucher, Stefan Radoi, Lilly Rautenberger, Stefan Cernohuby und Constantin Dupien.   ----   Mängelexemplare V ist eine Anthologie-Dilogie. Der Schwesternband Am Ende der Zeit ist ebenfalls im Amrûn Verlag erschienen.

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Mängelexemplare: Hinter den Fenstern

Anthologie

Herausgegeben von Constantin Dupien

Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Biografien
Vorwort
Im Hier und Jetzt
Das Haus gegenüber 1
Die Schönheit des Schmetterlings von Tobias Bachmann
Das Haus gegenüber 2
Die Standuhr von Carolin Gmyrek
Das Haus gegenüber 3
Rollenspiele von Arthur Gordon Wolf
Das Haus gegenüber 4
Das berühmte Kribbeln im Bauch von Faye Hell
Das Haus gegenüber 5
Idas Augen von Sanjina Karma
Das Haus gegenüber 6
Stille der letzten Seele von Sonja Rüther
Das Haus gegenüber 7
Schwarze Witwe von Vincent Voss
Das Haus gegenüber 8
Das Plagiat von Stefanie Maucher
Das Haus gegenüber 9
Daniel von Stefan Radoi
Das Haus gegenüber 10
Fasern von Lilly Rautenberger
Das Haus gegenüber 11
Outro

© 2023 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

© der Kurzgeschichten bei den jeweiligen Autoren

ISBN TB – 978-3-95869-534-4

Lektorat: Lilly Rautenberger & Carolin Gmyrek / Lektorat WechselseitigHerausgeber und Metaplot:Stefan Cernohuby und Constantin Dupien

Alle Rechte vorbehalten

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

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Biografien

https://amrun-verlag.de/me-fenster-bios/

Eine Art Vorwort

Hallo ihr da draußen,

ihr habt also den Weg zu mir gefunden und euch in dieses düstere Gemäuer getraut. Tretet ein. Jetzt, wo ihr einmal da seid.

Ich kann nicht sagen, dass ich froh über euren Besuch bin. Wenn ich ehrlich sein will – und ich bin brutal ehrlich –, ist das genaue Gegenteil der Fall.

Das hat aber mehr damit zu tun, dass ich gerne ganz woanders wäre. Das geht aber nicht.

Sucht euch einen freien Platz und macht es euch so bequem wie möglich, während ich meine Gedanken kurz sortiere.

Ja, besonders gemütlich ist es in meiner Wohnung wahrlich nicht. Entschuldigt bitte die Unordnung hier, sorry, sorry, sorry!

Übrigens: Ich bin nicht der Herausgeber dieses Machwerks, falls ihr das erwartet hattet.

So, nun ist es raus. Dass ich mich an euch wende, hat einen besonderen Grund. Zwischen alle dem Unrat und den Kakerlaken, die es sich in meiner muffligen Bude bequem gemacht haben, bin ich hier gefangen. Um das zu ändern, brauche ich eure Hilfe.

Nein, nein, ich kann nicht einfach die Tür aufmachen und wegrennen. So einfach ist es wirklich nicht.

Wieso das nicht geht? Das hat ganz viel mit mir zu tun. Und außerdem: Schaut doch mal in die Fenster.

Quatsch, nicht meine. Dort findet ihr lediglich Staub und Dreck und meine verlorenen Träume, die auf der Flucht vor mir gegen diese unsichtbare Wand geklatscht sind.

Es geht um den Blick durch diese Scheiben hindurch, über die Straße und bis hinter die Fenster des wundervollen Hauses gegenüber.

Diese Fenster meine ich. Dort pulsiert das Leben. Alles und jede und jeder ist ständig in Bewegung.

Ist es nicht wunderschön? Und vor allem: Es ist komplett vermietet.

Keine Chance für mich, dort eine Wohnung zu ergattern. Wahrscheinlich bin ich zu spät gekommen und der Herausgeber hat mich stattdessen in diesem Loch einquartiert.

Jetzt halte ich die Augen und Ohren offen, falls sich doch eine günstige Gelegenheit ergibt. Dann schlage ich sofort zu. Deshalb kann ich auch nicht einfach weg. Ich darf nichts verpassen.

Ihr findet das verwerflich und voyeuristisch?

Pfff! Dabei seid ihr ebensolche Spannerinnen und Spanner wie ich. Das erkenne ich an euren funkelnden Augen und den Blicken, die immer wieder wie zufällig zu besagter Fensterfront wandern und dort hängenbleiben.

Ach nee, ihr gebt zu, dass ihr das interessant findet? Okay, meinetwegen dürft ihr hierbleiben. Setzt euch aber besser auf die Kartons, ich habe lange nicht Staub gewischt.

Ich habe euch außerdem noch nicht erklärt, wie ihr mich aus meiner misslichen Lage befreien könnt. Dafür braucht es ein wenig mehr Kontext. Den gebe ich euch gleich.

Oh! Die Dämmerung hat eingesetzt und da drüben gehen die ersten Lichter an. Die Reise beginnt. Es wird nicht lange dauern und ihr werdet verstehen. Versprochen!

Aus dem Haus gegenüber dem Haus, im September 2023

Im Hier und Jetzt

Constantin Dupien

Für einen Kuss von dir wandle ich durch alle Zeit,

mag der Weg dorthin beschwerlich sein und weit.

Ich will dich suchen, finden, spüren,

in deinen Augen mich verlieren.

Die Zeit rennt und bleibt doch still stehen,

werde ich dich jemals wiedersehen?

Spüren, finden, suchen muss ich dich,

dem Pfad zu dir, dem folge ich.

In meinem Traum sind wir zusammen,

ich halte ihn fest, ganz fest in meinen Händen.

Wo bist du? Warum musste es so enden?

Im Hier und Jetzt bin ich gefangen.

Das Haus gegenüber

Das Haus ist einsturzgefährdet. Der Putz bröckelt gewaltig. In den besser erhaltenen Bereichen mäandern Risse vom Sockel bis hoch in das oberste Stockwerk. An anderen Stellen ist der Mekong übergetreten und hat ganze Brocken herausgespült. Zu Beginn habe ich die löchrigen Bereiche in der Fassade notdürftig gestopft und hastig überpinselt, sodass auf den ersten Blick niemand den drohenden Zerfall würde bemerken. Fast täglich lösen sich einzelne Ziegel aus der Dachdeckung, das Gebälk ächzt und stöhnt unter der Last des kleinsten Windhauchs. Die zerkratzte, messingfarbene Klingelplatte reflektiert selbst an schönsten Sommertagen und bei voller Sonneneinstrahlung nicht mehr als blass-verschwommene Schemen. Die Kratzer gleichen tiefen Narben, die nichts anderes als Dunkelheit in sich hineinlassen.

Und seit immer mehr Fenster in den Etagen dauerhaft verdunkelt bleiben – einige sogar durch Steineinschläge in kleinste Glasfragmente zerborsten sind, die im inneren der verwaisten Wohnungen auf dem Boden liegen – bleckt die Häuserfront allabendlich im fahlen Schein der Straßenlaternen, vor vorbeiziehenden Passanten das faulige Gebiss. Aus den auf Kipp stehenden Kellerfenstern dringt ein Moderbrodem nach draußen, sodass die Leute stehen bleiben, sich umschauen. Die Nase rümpfend sehen sie dann genauer hin. Trotz der oberflächlichen Reparaturmaßnahmen lässt sich der Zustand nicht länger verbergen. Die ganze Welt richtet ihren Blick auf das Elend, auf dieses Haus. Hunderte, Tausende Augenpaare starren mich an, jeden Tag.

Ja, mich!

Was denkt ihr denn?

Ach, ihr glaubtet, ich rede von dem Haus, dessen volle Front sich direkt gegenüber meines Wohnzimmerfensters offenbart?

Nein, nein, da liegt ihr völlig falsch. Ich habe von mir selbst gesprochen. Vielleicht bin ich dabei überbordend literarisch geworden und habe den Einsturz meiner Seele (Fassade) zu malerisch beschrieben. Aber eines garantiere ich euch: Die Narben sind echt. Schaut euch meine Arme an, und hier, die Oberschenkel genauso. Den Rest dürft ihr gerne metaphorisch nehmen.

Einsturzgefährdet fühlte ich mich bereits, bevor mich der Herausgeber dieser Anthologie gezwungen hat, in diese schäbige Bruchbude einzuziehen, noch dazu im dritten Stock. Stellt euch das mal vor: im dritten Stock – und das nur, damit seine Idee vom Blick hinter die Fenster funktionieren kann.

Dabei ist die Drei doch meine Unglückszahl. Drei zerbrochene Beziehungen, dreimal von der Arbeit gefeuert, alle drei Familienmitglieder – Vater, Mutter, kleine Schwester – sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Lächerlich!

Kommt mal alle näher, ich möchte euch gern ein Geheimnis verraten. Ich bin nämlich gar nicht mehr sauer auf den Herausgeber. Naja, vielleicht ein kleines bisschen. Denn viel lieber hätte ich mein Domizil innerhalb der vier Wände dieses wundervollen Prunkbaus aus der Gründerzeit bezogen. Inklusive Erdgeschoss zählt das Gebäude sechs Stockwerke; viel besser als drei. Im zweiten Stock bildet ein herrlicher Balkon, der sich fast über die gesamte Breite der Wohnung zieht, das Herzstück des Hauses. Er ist reich verziert und ständig finden dort Grillpartys statt, es wird gelacht und getanzt. Tagsüber sonnt sich eine barbusige Schönheit und lässt sich von ihrem Geliebten regelmäßig den Rücken eincremen. Sogar elektrisches Licht gibt es in diesem Außenbereich, sodass bis spät in die Nacht hinein gefeiert wird. Es ist der einzige Balkon, den ich sehen kann. Auf der Rückseite des Gebäudes gibt es einen einzelnen weiteren, wie man von der Querstraße aus beobachten kann. Aber dazu komme ich später. Denn aus dem Augenwinkel habe ich soeben eine Bewegung auf dem Balkon vernommen.

Gut, dass mein Fernglas auf dem Stativ noch genau auf diesen fokussiert ist. Da ich erst heute Morgen einen kurzen Blick dort hineingeworfen habe, muss ich nicht einmal einen neuen Schlitz in der Jalousie einrichten. Oha, es geht los …

Butterfly Flamingo

Die Schönheit des Schmetterlings

Tobias Bachmann

Du Trottel!« Lena saß mit nichts als ihrem engen Top und einem viel zu knappen Höschen bekleidet vor dem Computer und hämmerte auf der Tastatur herum. Schweiß stand ihr auf der Haut und perlte in Tropfen verstohlen ihr Dekolleté hinab. Paul konnte sein Glück kaum fassen. Schwitzend stand er in der Tür und beobachtete seine Mitbewohnerin dabei, wie sie offensichtlich eine hitzige Debatte in einem Chat für sich entscheiden wollte. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt.

»Au Mann, ist das ein Idiot«, raunte sie nun und tippte emsig weiter, während sie ihr Bein so anwinkelte, dass Paul deutlich die Geheimnisse erahnen konnte, die sich unter dem Stoff abzeichneten. Seine Lippen wurden trocken und er versuchte sie zu befeuchten, doch sein ganzer Mund fühlte sich mit einem Mal an wie die Wüste Nevadas. Er wollte schlucken, aber der Versuch erzeugte nur ein unerträgliches Kratzen in seinem Hals, weswegen er ein Husten nicht mehr unterdrücken konnte.

Wie ertappt sprang Lena auf. »Mann, scheiße, Paul! Hast du mich erschreckt!«

»Entschuldige«, stammelte er und hustete erneut.

»Boah, was ist mir dir? Bist du krank?«

Paul schüttelte den Kopf. »Ich muss was trinken. Es ist zu heiß und mein Hals zu trocken.«

Lena schürzte die Lippen und grinste ihn herausfordernd an. »Zu trocken? Ich bin feucht.«

Paul stockte. Sein Herz raste. Hatte er gerade richtig gehört? Lena stand vor ihm, lächelte verführerisch. Sie hatte ihre langen Haare zu einer Art Dutt nach oben gesteckt, aber eine Strähne stahl sich an der Seite hinab und strich ihr über die Schulter und berührte fast ihre Brust. Diese schien bei jedem Einatmen ihr Shirt zu sprengen. Lena trug immer so enge Sachen und sah teuflisch sexy darin aus.

»Was glotzt du mich so an?«, sagte sie nun. »Ziehst mich ja schon fast mit den Augen aus. Ich dachte, du willst was trinken.«

»Ja«, sagte Paul verdattert. »Möchtest du auch was?«

»Mach mir ’nen Gin-Tonic. Mit Eis.«

»Ich weiß nicht, ob wir welches haben.«

»Dann hol welches von der Tankstelle. Wir haben 35 Grad im Schatten und in diesem Drecksloch gibt es keine Klimaanlage. Da muss man anderweitig für Abkühlung sorgen.«

»Okay, ich ...« Er öffnete das Gefrierfach ihres Kühlschranks. Kein Eis. »Ich muss wirklich welches holen. Wir haben kein Eis mehr.«

Lena verdrehte die Augen. »Au Mann. Aber beeil dich.«

Paul erhob sich und stieß sich den Kopf am Küchenschrank. Lena kicherte. Er stand da und wollte sie schon zur Rede stellen, doch sie saß bereits wieder am Computer und führte ihre Konversation dort fort.

»Ich geh’ also zur Tanke«, sagte er nochmal, als er die Wohnung verließ. Lena sagte nichts. Und zu trinken hatte er über alledem völlig vergessen.

***

Lena lebte nun seit bald drei Wochen bei ihm in der Wohnung. Die Miete zahlte seine Eltern, aber das Geld reichte ihm trotzdem nicht, und als Student nebenher zu arbeiten, war ihm oft zu viel. Man bekam ja nur schlechte Jobs. Entweder war es zu anstrengend oder aber etwas, für das man nicht so schüchtern sein durfte, wie er es war. Kellnern in einer Bar etwa. Derartiges hätte Lena ohne Weiteres bewerkstelligen können, er selbst tat sich mit solchen Dingen enorm schwer.

So war es naheliegend, dass er die Mietkosten für sich senkte, indem er auf die Suche nach einem geeigneten Mitbewohner ging. An eine Mitbewohnerin hatte er zuerst gar nicht gedacht. Und dass ihn ausgerechnet die Geschlechtersache gehörig in die Bredouille bringen würde, war ohne Frage der Gipfel seiner Einsparmaßnahmen, denn – mit Verlaub – Lena hatte bislang noch kein einziges Mal ihren Mietanteil an ihn gezahlt und trug auch sonst nicht gerade zur Senkung der Lebenshaltungskosten bei.

Wenn er sich vornahm, sie darauf anzusprechen, betörte sie ihn nur mit ihren weiblichen Reizen, und vorbei war es mit seinem Vorsatz, Geld von ihr zu verlangen – das ihm ja vom Prinzip her auch zustand. Doch selbst das stimmte nicht, wenn man es genau nahm, denn laut Mietvertrag durfte er niemanden zur Untermiete beherbergen. Dabei war es sein Fehler gewesen, genau diesen Fakt an Lena weiterzutragen. »Falls der Vermieter mal auftauchen sollte, müssen wir halt so tun, als wärst du meine Freundin und nur zu Besuch«, hatte er gesagt, woraufhin Lena entgegnete: »Du willst, dass ich mit dir im Beisein deines Vermieters schlafe?«

»Nein, nein!«

»Was, du würdest nicht mit mir schlafen wollen?«

»Doch, doch!«

»Na, was willst du denn nun? Sex oder nicht.«

»Ich will auf jeden Fall!« – und mehr hatte er nicht zustande gebracht, denn Lena hatte die oberen Knöpfe ihrer Bluse geöffnet, eine Hand zwischen ihre Beine gelegt, damit gerieben und lasziven Blickes zu seufzen angefangen. »Du willst also mit mir schlafen?«

Paul nickte emsig. Schweiß stand auf seiner Stirn und er spürte sein Glied, das schmerzhaft gegen die Enge seiner Hose pochte.

»Auch vor deinem Vermieter?«

Wieder nickte Paul, obgleich er sich darüber gar nicht sicher war. Aber, ja, sie hatte recht, er würde allem zustimmen, solange sie ihn nur an sich heranlassen würde.

Dann kicherte sie. »Du bist süß. Morgen bringe ich meine Sachen.« Sie gab ihm einen angedeuteten Kuss auf die Wange und verließ die Wohnung, von der er nun wusste, dass sie zu klein für sie beide war. Definitiv.

Lena hatte ihn in der Hand.

Das hätte er spätestens einen Tag später kapieren müssen, als sie ihr gesamtes Hab und Gut von einem muskulösen Kerl in die Wohnung im ersten Stock tragen ließ. Er baute Regale und ein Bett zusammen und trug kistenweise Umzugskartons mit Lenas Sachen in die Wohnung. Als alles oben war, verschloss Lena die Zimmertüre hinter sich, und was Paul dann hörte, waren Geräusche, die eindeutig dem Liebesspiel zuzuschreiben waren. Lena stöhnte, der Muskeltyp grunzte und das rhythmische Klatschen von Haut auf Haut war zu vernehmen. Paul hatte Schmerzen zwischen den Beinen und verspürte so etwas wie eine Mischung aus Neid und Eifersucht.

Irgendwann quiekte Lena und es rumpelte laut, so als wäre ein Möbelstück zusammengekracht. Beide lachten und wenig später kam der Muskelkerl wieder raus. Er blickte Paul an und zog sich demonstrativ den Reißverschluss seiner Hose zu, als er sagte: »Und wenn du sie anrührst, bringe ich dich um!«

Dann tätschelte er Pauls Wange und verließ die Wohnung mit einem Pfeifen auf den Lippen.

Das wars, dachte Paul. Jetzt bist du erledigt.

Und was war nun? Er ging zu Fuß zur Tankstelle, um der Dame frisches Eis für ihren Gin-Tonic zu holen.

Keine Frage, er war ihr hörig. Aber was hatte er denn auch für eine Wahl?

Der Tankwart, der hinter dem Verkaufstresen stand, war derselbe, den man jeden Tag hier antraf. Vielleicht wohnte er hier, überlegte Paul, oder ihm gehörte die Tankstelle und er war sein einziger Angestellter. Der Verkäufer starrte auf sein Handy und blickte kaum auf, als Paul ihn grüßte und zur Tiefkühltruhe lief, wo es Eis am Stiel, Fertigpizzen und in Plastiksäcken sowohl Crushed-Ice als auch Eiswürfel gab.

Paul entschied sich für Eiswürfel und holte sich dann aus den Kühlschränken noch eine Dose Whisky-Cola. Er trug das alles zum Verkaufstresen, legte noch einen Müsliriegel dazu und wartete, bis der Typ, der immer da war, die Sachen ins Kassensystem eingescannt hatte. »Sieben Fuffzig«, sagte er, und während Paul in seinen Hosentaschen nach dem Geld kramte, ergänzte er: »Eis und Whisky – sieht nach ’ner trostlosen Feier aus.«

Paul lächelte beschämt, als er endlich den Zehner aus seiner Hosentasche gefischt hatte und ihm zuschob. »Ich hab ’ne sexy Mitbewohnerin, aber sie lässt mich nicht ran.«

»Wieso nicht?« Aus dem Mund des Tankwarts klang die Frage empört und aufrichtig.

Paul wusste keine Antwort, außer: »Bin wohl nicht ihr Typ.«

Der Mann hielt in seiner Tätigkeit inne und blickte ihn verschwörerisch an. »Hast du es schonmal mit Butterfly Flamingo probiert?«

»Mit was?«

»Butterfly Flamingo. Schon mal von gehört?«

Paul schüttelte den Kopf.

»Ist zwar noch nicht für den deutschen Markt zugelassen, aber in meiner Apotheke hier kann man das Zeug jetzt schon käuflich erwerben.«

Paul fasste es nicht. Der Kerl war nichts anderes als ein Dealer. »Du willst mir hier aber jetzt keine K.-o.-Tropfen andrehen, oder?«

Entsetzten Blickes schüttelte er den Kopf. »Nein, wo denkst du hin. Butterfly Flamingo ist ein potenz- und libidosteigerndes Mittel. Es hat kaum Nebenwirkungen, wird aber aus ethischen Gründen von der hiesigen Pharmaindustrie abgelehnt.«

»Wie wirkt es?«

»Ganz einfach: Du nimmst das Zeug und wirst geil.«

»Ich bin schon geil, aber sie lässt mich nicht ran.«

»Du sollst es ja auch nicht nehmen, sondern ihr heimlich verabreichen. Ein paar Tropfen nur. Danach wartest du etwa ein bis zwei Stunden, bis die Wirkung einsetzt und sie fällt über dich her wie ’ne ausgehungerte Nymphomanin.«

»Glaub ich nicht.«

»Probier’s aus! Ich hab’ was da von dem Zeug. Geb ich dir für ’nen Fuffi. Wenn es nicht wirkt, bekommst du dein Geld zurück. Kein Scheiß, Mann.«

Paul hielt inne. Mit Geld-zurück-Garantie wäre ihm die Sache den Spaß wert.

»Und wie funktioniert das?«

»Du, ich bin kein Wissenschaftler oder sowas. Ich vertick das Zeug nur. Ich weiß aber, dass es auf den Duftstoffen eines Pilzes beruht, dem Phallus Indusiatus, der beim bloßen Riechen bei Frauen einen Orgasmus auslösen kann.«

Paul blickte ungläubig drein.

»Ja, sowas gibt es wirklich. Ich hab’ mir das nicht ausgedacht. Hab’ aber gelesen, dass der Geruch für uns Männer eher abstoßend ist. Aber das tut der Sache ja keinen Abbruch. Nichtsdestotrotz riecht das Zeug sehr intensiv nach Vanille. Vermutlich, um den eigentlichen Geruch zu überdecken, den man aber natürlich trotzdem über die Nase aufnimmt.«

»Ja, soll man das jetzt riechen oder trinken?«

»Ich denke, beides ist möglich. Mir wurde es als Drink empfohlen. Hab’ es ausprobiert. Leck mich am Arsch, war das ’ne Nacht, als würde ein Schmetterling auf mir reiten.«

»Okay«, sagte Paul. »Ich versuche es«, und er kramte wieder in seiner Hosentasche nach Geld.

***

Die Sonne hatte mit ihren hohen Temperaturen heute die Macht, das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen zu bringen. Die Straßen waren wie leer gefegt und nur jene Menschen, die wirklich nicht darum herumkamen, ihre Behausungen oder klimatisierten Büros zu verlassen, waren unterwegs. Paul war froh, als er das Haus mit seiner Wohnung einen Block weiter endlich vor sich aufragen sah. Das Gebäude hatte schon bessere Zeiten gesehen, was vor allem am abbröckelnden Putz der Fassade zu erkennen war, aber wenn man geringe Ansprüche hatte, reichte es aus. Zudem hatte Paul die einzige Wohnung, die über einen vorderseitigen Balkon verfügte, was ihm den Neid der Nachbarn einbrachte, aber das war ja nicht sein Problem.

Der Schweiß drängte aus sämtlichen Poren, als er endlich die kühlen Schatten des Hauses und den erfrischenden Eingangsbereich erreichte, wo es immer ein paar Grad kühler war als woanders. Der Schlüssel quietschte beim Drehen im Schloss. Das Treppenhaus empfing ihn mit dem schalen Geruch nach Lack, der sich bereits vor langer Zeit verflüchtigt hatte – nur ein geringes Restodeur war noch wahrzunehmen. Er riskierte einen Blick in den Briefkasten, doch außer dem Werbekatalog eines örtlichen Supermarktes, der eine besondere Rabattaktion anpries, war sein Postfach leer.

Die Stufen knarrten unter seinen Schritten. Eine Stelle am Geländer war locker und man musste aufpassen, sich hier nicht zu sehr mit seinem Körpergewicht abzustützen oder entlangzuziehen, da man sonst Gefahr lief, der Handlauf könne aus seiner Verankerung gerissen werden, was gewiss einen Sturz das Treppenhaus hinab zur Folge hätte.

Als Paul die Wohnung im ersten Stock betrat, roch er die Anwesenheit der Frau: Räucherstäbchen, vermengt mit einem Parfum, das intensiv nach Kokosmilch duftete.

Er ging in die Küche und verstaute dort zunächst die Eiswürfel im Gefrierfach, die tatsächlich bereits ein wenig angetaut waren. Er blickte prüfend über die Anrichte und entdeckte die Flasche Gin. Im Kühlschrank, das wusste er, befand sich ein stattlicher Vorrat Tonic Water. Gin-Tonic war Lenas Lieblingsgetränk.

Er holte das Fläschchen mit dem Butterfly Flamingo hervor, das er dem Tankwart für fünfzig Euro abgekauft hatte, öffnete seine Dose Whisky-Cola, trank einen großen Schluck und dachte nach.

In seiner Vorstellung kippte er den Inhalt des Fläschchens in den Cocktail. Lena würde ihn trinken und binnen kürzester Zeit über ihn herfallen, als gäbe es kein Morgen. Danach müsse sie sicherlich erstaunt über den Akt und ausreichend beeindruckt von seiner Manneskraft sein, sodass einer fortwährenden Beziehung und eine Homogenisierung ihres doch etwas schwierigen Verhältnisses nichts mehr im Wege stehen sollte.

Er grinste. Dann trank er erneut und schüttelte den Kopf. Sein Vorhaben war verrückt. Letzten Endes sogar kriminell. Wer weiß schon, was das für Zeug war, das er sich da gekauft hatte. Vielleicht war es ratsam, im Netz ein wenig Recherche zu betreiben. Von Butterfly Flamingo hatte er noch nie zuvor etwas gehört und es wäre zumindest beruhigend, über etwaige Nebenwirkungen und Risiken Bescheid zu wissen. Sein Tankwart-Apotheker war mit entsprechenden Informationen recht sparsam umgegangen. Wie hieß nochmal dieser Pilz? Er wusste es nicht mehr.

Achtlos stellte er das Fläschchen neben dem Herd ab, trank seine Dose in einem gierigen letzten Zug leer und mixte für Lena und sich in je einem Glas zwei Finger Gin mit Tonic Water und Eis. Er dekorierte die Drinks mit einer Zitronenscheibe, die er halb einschnitt und an den Glasrand steckte, sowie einem Strohhalm. Dann ging er mit beiden Gläsern zunächst in Lenas Zimmer, wo er sie aber nicht antraf. Die Einrichtung dort bestand im Wesentlichen aus einem Kleiderschrank, einem Schreibtisch mit Drehstuhl und ihrem Futonbett mit samtenen Bettlaken.

»Lena?«, rief er kurz, während er ihre Zimmertür wieder schloss und sich umwandte. Da sie sich auch im großen Wohnzimmer nicht aufhielt und gewiss nicht in seinem eigenen Zimmer auf ihn warten würde, blieben nur noch das Bad oder der Balkon. Auf diesem schließlich fand er sie und ihm blieb sogleich die Spucke weg. Sie hatte es sich auf dem Liegestuhl bequem gemacht und lag, nur mit ihrer kurzen Shorts bekleidet, oben ohne beim Sonnenbad.

Paul betrachtete fasziniert ihre Rundungen und Kurven, verlor sich in jeder Pore ihrer Haut und bemerkte, dass er leicht zitterte, als sich sein Blick auf Lenas rosafarbene Brustwarzen hefteten. Mein Gott, wie schön sie ist, ging es ihm unentwegt durch den Kopf. Er roch den Duft nach Sonnenöl – ein Odeur aus Kokos und Patschuli, das Lena generell verströmte und ihn ganz wuschig machte.

Durch sein Zittern und das damit einhergehende Klirren der Eiswürfel in den Gläsern wurde Lena auf seine Gegenwart aufmerksam. »Wie lange starrst du mich schon so an?«, fragte sie, ohne aufzublicken. Ihre Augen blieben hinter einer verspiegelten Sonnenbrille verborgen, aber Paul ging davon aus, dass sie sie geschlossen hatte.

»Noch nicht lange«, sagte er. »Ich habe den Gin-Tonic mit Eis.«

»Danke«, gurrte sie. »Stell ihn da neben mir auf den Tisch.« Sie deutete nur vage in die Richtung eines kleinen Beistelltisches, der neben dem Liegestuhl stand und auf dem die Flasche Sonnenöl neben dem Buch eines Vincent Voss stand. Irgendein Schmöker mit geknicktem Buchrücken. Wie die meisten ihrer Bücher hatte Lena auch dieses aus dem Wühltisch vom Supermarkt gewählt. Auf dem Seitenschnitt sah man deutlich den Stempelabdruck »Preisreduziertes Mängelexemplar«, der an einer Seite leicht verwischt war.

Paul stellte das Glas daneben. Plötzlich schnellte ihre Hand zu seiner und hielt ihn am Handgelenk fest. »Paul!«, sagte sie dabei und richtete sich in ihrem Liegestuhl halb auf. »Findest du mich schön?«

Paul schluckte hart. Wieder schmerzte es in seiner Hose, da die Schwellung, die sich dort alleine aufgrund ihres Anblicks entwickelt hatte, kaum Platz hatte, und sein Herz setzte einen kurzen Stolperschlag lang aus. »Ich finde dich verführerisch«, hauchte er mit zittriger Stimme und meinte es auch so.

Lena nahm seine Hand und führte sie zu ihrer Brust. Er konnte kaum fassen, was geschah. Er war ihr nun ganz nahe. Nur noch wenige Zentimeter. Er konnte die Hitze ihres Körpers spüren, roch das Sonnenöl, sah den zarten Schweißfilm auf ihrer Haut – minikleine Perlen, die im Sonnenlicht schimmerten wie Seifenblasen – und hörte dabei das Blut in seinen Ohren rauschen. Fast schon berührte seine Hand ihre Brust, als Lena mit einem Mal innehielt, seine Hand wegstieß und sich abrupt aufrichtete.

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, lächelte und nahm ihren Gin-Tonic prüfend in Augenschein. »Sieht gut aus«, sagte sie und nippte kurz daran. »Passt. Gute Mischung.«

»Für dich«, stammelte Paul. Er war vollkommen perplex und starrte sie einfach nur an. Er hätte fast ihre Brust berührt– nein: Sie hätte beinahe dafür gesorgt, dass er es tat – und er fühlte sich wie im siebten Himmel.

»Was ich noch sagen wollte«, meinte Lena, »heute Abend kommen Freunde von mir zu Besuch. Wir wollen da unter uns bleiben. Ich hoffe, du kannst das akzeptieren.«

Paul nickte.

»Gut.« Sie lächelte, stellte ihr Glas ab und reichte ihm das Sonnenöl. »Kannst du bitte meinen Rücken eincremen? Da komme ich immer so schlecht hin.«

Sein Mund war trocken. »Wer, ich?«

»Na klar, wer sonst. Oder siehst du hier noch jemand anderen?« Sie legte sich auf den Bauch und einen kurzen Moment bedauerte Paul, ihre Brüste nicht mehr anstarren zu können.

»Na, was ist?«

Er stellte sein eigenes Glas ab und verteilte Sonnenöl auf seinen Händen. Dann begann er so behutsam und zärtlich wie nur irgendwie möglich, über ihren Rücken zu streichen. Oh, wie samtig angenehm und weich fühlte sich ihre Haut an. Wie gut sie roch. Wie schön sie war. Am liebsten hätte er in ihre Schulter gebissen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Streichend betastete er jede Stelle ihres Rückens, glitt tiefer in Richtung Po und schob seine Finger ganz leicht unter den Bund ihrer Shorts, sodass er den Ansatz ihrer Poritze ertasten konnte. Zwischen seinen Beinen pochte es und er verlagerte sein Gewicht so, dass er sein mit Blut vollgepumptes Glied ein wenig entlasten konnte, doch es half nicht viel.

Paul spürte, wie sein Atem zitterte, und meinte, es auch zu hören, als seine Hände abermals den Saum ihres Höschens unterfuhren, diesmal jedoch forscher und auch ein wenig drängender.

»Sag mal, was wird denn das hier?«, sagte Lena plötzlich.

Rasch zog er seine Hand aus ihrer Hose.

»Hast du grad versucht, mich zu begrapschen?«

»Ich ...«

»Unglaublich.« Sie schüttelte den Kopf. »Komm, verzieh dich. Du hattest deinen Spaß. Das langt für heute.«

»Aber ...«

»Nix! Ab auf dein Zimmer!«

»Ich wollte doch nur ...«

»Paul!«, sie starrte ihn durchdringenden Blickes an. »Verschwinde jetzt. Ich möchte alleine sein!«

»Okay«, murrte er und erhob sich. Er nahm sein Glas und vermied es dabei, Lena noch einmal anzusehen. Dann verließ er den Balkon. An der Tür aber wandte er sich doch noch mal um. Sie trank von ihrem Gin und ein Tropfen rann dabei ihr Kinn hinab und weiter, ihren Hals mit dem zarten Flaum und dem Duft nach Kokos und Patschuli hinab, und tiefer zu ihren formvollendeten Brüsten, die ...

»Paul!«

Irritiert wanderte sein Blick wieder zu ihren Augen, deren Ausdruck er nicht deuten konnte, da sie wieder ihre Sonnenbrille trug. »Geh ab! Jetzt!«

»Ich geh‘ ja schon«, sagte er enttäuscht und verließ endlich den Balkon.

Was glaubte sie eigentlich, wer er ist? Ihr Hund?

Ein bisschen wütend ging er auf sein Zimmer, wo er die Tür hinter sich schloss und sich verärgert aufs Bett warf, nachdem er sein Glas in einem Zug leer getrunken und abgestellt hatte.

So nah wie heute war er Lena noch nie gewesen. Und sie hatte sich so gut angefühlt unter seinen Händen.

Wieder: die schmerzende Enge zwischen seinen Beinen. Er öffnete seine Hose, und während er sich die Sinneseindrücke der letzten Minuten vors imaginäre Auge holte, betastete er das Teil, was so groß und lang und schwer wurde, sobald er Lenas Gegenwart verspürte.

Und während er sich selbst berührte, sah er ihre Brüste und wie der Tropfen Gin sich zwischen ihnen verlor.

Es kam ihm so schnell und heftig, dass er noch gar nicht damit gerechnet hatte. Und während sein körpereigenes Tonic Water noch auf ihm trocknete, schlief er völlig erschöpft ein.

***

Paul erwachte vom Geräusch der Türklingel. Ein schrilles Läuten, eher ein metallisches Scheppern. Er richtete sich auf und spürte, dass sein Kopf leicht schmerzte. Dann stellte er fest, dass er mit runtergelassener Hose geschlafen hatte, und spürte die eingetrockneten Rückstände seiner Samenflüssigkeit, die er vorhin im Schritt und über Hose und Shirt verteilt hatte.

Er stand auf und zog sich frische Sachen an, wobei er es bei einer bequemen kurzen Jogginghose beließ. Das T-Shirt war schwarz und zeigte das Jim Beam Logo.

Er musste aufs Klo und verließ sein Zimmer. Er hörte Gelächter von mehreren Leuten, die sich auf dem Balkon aufhielten. Ach, richtig, kam es ihm in den Sinn. Lena hatte Gäste. Aber er war ja eh unerwünscht. Na, ihm konnte es recht sein.

Er ging aufs Klo und erleichterte sich. Abermals schellte es an der Tür.

Er hörte Lenas Lachen, als sie vom Balkon aus am Bad vorbei zur Wohnungstür lief.

Paul wusch sich die Hände und verließ das Badezimmer wieder. Lena kam mit einem hübschen Mädchen vorbei. Sie war blond und hatte einen aufmerksamen Blick. Lächelte verlegen.

»Wer ist das?«, fragte sie Lena.

»Ach, das ist nur Paul.« Und an Paul gewandt: »Paul, sag Hallo zu meiner Freundin.«

»Hallo«, sagte Paul.

»Hallo Paul.« Das Mädchen lächelte. Und noch während er bemerkte, dass der letzte Tropfen nicht ins Klo, sondern in die Hose gegangen war und jetzt seinen Schritt benetzte, nahm er an Lenas Blick und dem ihrer Freundin wahr, dass diese es auch bemerkten.

Er lief rot an und wandte sich ab, doch in dem Moment kam ein komischer, düster dreinblickender Kerl vom Balkon ins Wohnzimmer geeilt – zum Glück nicht der Muskelprotz, der Lena vor drei Wochen die Einrichtung zurechtgebumst hatte – und begrüßte Lenas Freundin: »Da bist du ja endlich!«

Paul sah zu, wie er ihr ungeniert die eine Hand auf die Brust und die anderen an den Hintern legte, und beobachtete einen lüsternen Zungenkuss.

»Mein Gott, Paul, starr doch die beiden nicht so an!«, fauchte ihn Lena zurecht. »Du hast gesagt, du verziehst dich heute und lässt dich nicht blicken.«

»Ich war ja nur auf dem Klo.«

»Ja. Das nächste Mal benutzt du bitte Klopapier und wischst deinen Schwanz sauber, bevor du die Hose hochziehst. Hast du wenigstens Hände gewaschen?«

Paul wollte entrüstet über ihre Bloßstellung herziehen, als das Pärchen lautstark lachte und gackernd an ihm vorbei in Richtung Balkon marschierten. Lena folgte ihnen und Paul verzog sich peinlich berührt in sein eigenes Gemach.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, stellte er sich vor den Spiegel seines Kleiderschranks und musste voller Entsetzen feststellen, dass der dunkle Fleck zwischen seinen Beinen auf der Hose tatsächlich augenscheinlich war.

Er seufzte schwer: »Da hilft kein Schütteln, hilft kein Klopfen – in die Hose geht der Tropfen.«

Frustriert lauschte er den Partyklängen, die vom Balkon durch die Wand zu ihm drangen. Draußen herrschte eine laue Sommernacht, wie geschaffen für ein Treffen mit Freunden auf dem Balkon. Lena hatte die Lampiongirlande angeschaltet und Kerzen aufgestellt. Das wusste er, ohne es überprüfen zu müssen. Sie hatte dergleichen schon einmal dekoriert, kurz nach ihrem Einzug, zu einer Zeit, in der sie sich noch nicht ganz so abweisend ihm gegenüber verhalten hatte. Er erinnerte sich daran, wie sie miteinander Wein getrunken und sich lange, bis tief in die Nacht hinein miteinander unterhalten hatten. Paul hatte es als sehr romantisch empfunden und viel von sich preisgegeben. Zu viel, wie er nun wusste, da Lena alles gegen ihn verwendete, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot.

Und nun verwehrte sie ihm sogar, dabei zu sein. Noch dazu in seiner eigenen Wohnung. Auf seinem Balkon. Aber was sollte er machen? Er hatte ihr ja zugestimmt und versprochen, sich zurückzuziehen. Nur: Wo sollte er hin? Auf seinem Zimmer bleiben und sich irgendeine Serie am PC reinziehen? Oder an der Collage weitermachen, die er vor nicht allzu langer Zeit begonnen hatte?

Paul setzte sich an den Bildschirm und öffnete die Datei mit seinem Bildbearbeitungsprogramm. Er hatte das Motiv eines Schmetterlings gewählt, der jedoch ausnahmslos aus unterschiedlichen Porträtaufnahmen Lenas bestand. Er wollte ihr das Bild auf eine Leinwand drucken lassen, um es ihr zum Geburtstag zu schenken. Die Porträts hatte er vor etwa einer Woche selbst von ihr gemacht, als sie Passfotos für ihren Studentenausweis benötigt hatte. Auf diese Weise war er zu etlichen Fotos seiner Angebeteten gelangt, ohne sie heimlich stalken zu müssen. Gemixt mit ein paar Bildern, die er aus ihren Profilen der sozialen Netzwerke downgeloadet hatte, errechnete der Computer anhand der Differenzen zwischen hell und dunkel der einzelnen Bilder den passenden Ort, um die so entstandenen Schattierungen zu einem Schmetterling zusammenzusetzen.

Als er das Bild nun betrachtete, fiel ihm das Butterfly Flamingo wieder ein, das er vorhin achtlos in der Küche hatte stehen lassen. »Scheiße!«, murrte er und sprang von seinem Drehstuhl auf.

In der Küche traf er Lena mit ihrer Freundin, die gerade Kekse aus dem Ofen holten.

»Ihr habt gebacken?«

»Ja. Haschkekse. Willst du einen?«

Haschkekse ... au Mann. Was denn noch alles? »Klar«, sagte er.

»Sind aber noch heiß«, sagte Lenas Freundin.