Mit Neurosen unterwegs - Diana Pflichthofer - E-Book

Mit Neurosen unterwegs E-Book

Diana Pflichthofer

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Beschreibung

»Das Neurotische« ist nicht da, wo wir es gern hätten: weit weg, irgendwo in einem Therapiebehandlungszimmer oder jedenfalls am ehesten als Teil der Psyche der anderen. Nein, es ist in jedem von uns. Will man kurz und knapp beschreiben, was eine »Neurose« genau ist, fangen die Schwierigkeiten schon an: eine seelische Krankheit oder Teil der »Normalität«? Die Antwort ist: sowohl als auch! Man kann das Neurotische als eine Art Kontinuum verstehen, an dessen einem Ende die psychische Krankheit steht und am anderen Ende die Merkwürdigkeiten des Alltags. Wie schon der Buchtitel »Mit Neurosen unterwegs« zum Ausdruck bringt, begegnet uns in unserem Leben die Konflikthaftigkeit der menschlichen Psyche auf Schritt und Tritt und fordert uns heraus. Ob beim Einkaufen, auf Reisen, in Ämtern, beim Sport, im TV, in der Politik, in den neuen Medien oder sonst wo: Das Menschliche, Allzumenschliche nervt und quält uns bisweilen, dabei könnte es uns auch unterhalten. Diana Pflichthofer bringt den Leserinnen und Lesern die psychoanalytische Perspektive nahe, indem sie aus der wissenschaftlichen Sicht ihres Fachs mögliche unbewusste Motive unseres Handelns und Erlebens betrachtet und dabei auch den Humor nicht zu kurz kommen lässt.

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Diana Pflichthofer

Mit Neurosen unterwegs

Kleiner psychoanalytischer Reiseführer durch unseren Alltag

Vandenhoeck & Ruprecht

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,

Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Diana Pflichthofer

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99496-3

Inhalt

Vorab

Worum es geht

Autofahren – Des Deutschen liebstes Kind

Institutionen – Sich wie ein Kind fühlen

Fußball – Wahre Liebe nur unter Männern?

Shoppen – Illusion einer Verwandlung

Wölfe – Das Böse ist draußen

Smartphones – Tausendmal berührt, …

Corona – Pandemie der Extreme

Seelische Erkrankungen – Psycho oder was?

Spaziergang

Anmerkungen

Literatur

In dankbarem Gedenken für Dr. Hartmut Wegehaupt

Vorab

»Man könnte von der Psychoanalyse sagen, wer ihr den kleinen Finger gibt, den hält sie schon bei der ganzen Hand.«

(Sigmund Freud 1916/17)

Seit es die Psychoanalyse gibt, ist sie heftigem Widerspruch, bisweilen offener Feindseligkeit oder aber jovialer Entwertung ausgesetzt. Oft scheint die Psychoanalyse bissige Polemik herauszufordern, ihre Erkenntnisse werden gern, auch ohne genaue Kenntnis der Theorie und Praxis, heftig negiert. Das Unbewusste sei eine Fiktion, die Psychoanalyse überhaupt ein einziger großer Irrtum, eine Verirrung eines bürgerlichen Muttersöhnchens oder »homophoben Phallokraten«1, der Generationen einer gigantischen Verdummung unterzogen habe, von der auch heute noch Krankenkassen befallen seien, die eine solch sinnlose Therapie bezahlten. Psychoanalyse-Bashing hat noch immer Konjunktur. Es scheint so zu sein, als ließe sich mit Freud, auch in der Negierung seiner Erkenntnisse, immer noch gutes Geld verdienen oder zumindest ein Platz in einer Talkshow ergattern.

Man müsste sich eigentlich die Mühe machen zu erforschen, von welchen enttäuschten, gekränkten, neidischen oder schlicht unwissenden Gemütern derartige Parolen stammen. Interessant aber ist in jedem Fall die Intensität des Affekts, der Gefühle, die sich in solchen Kritiken widerspiegeln. Mitunter nehmen sie verfolgenden Charakter an. Man kann sich fragen: Wenn die Psychoanalyse so unnütz, so unwirksam, so sinnlos und so pseudowissenschaftlich ist, warum muss man sich dann an ihr so langatmig abarbeiten und kann sie nicht einfach ignorieren und denen überlassen, die eben Gefallen an ihr finden? Was hat es mit der Intensität, mit der Energie dieser Gefühle auf sich?

Ich arbeite jetzt seit über zwanzig Jahren als Psychotherapeutin und fast ebenso lang als Psychoanalytikerin. Während dieser Zeit habe ich zu viele Menschen erlebt, die von eben dieser therapeutischen und psychoanalytischen Erfahrung zu profitieren vermochten, die Ruhe, Glück, Heilung fanden, als dass ich in den Chor der Widersacher einstimmen könnte. Das heißt nicht, dass es an der Psychoanalyse nicht allerlei zu kritisieren gäbe. So ist es auch mit jener Entwertung der Psychoanalyse, die mitunter durch die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker selbst, deren Machtgebaren, ihre Geheimbündelei, das Patriarchalische, den Androzentrismus und – furchtbarerweise – auch durch Missbrauch ihrer Methode, das Ausnutzen von emotionalen Abhängigkeiten, hervorgerufen wurde. Missständen gilt es weiterhin auf den Grund zu gehen, es gilt die Mystifizierung der Psychoanalyse und der sie Ausübenden aufzulösen; Psychoanalyse muss wie alle Wissenschaft ständig modernisiert, das heißt forschend weiterentwickelt werden, um das Wertvolle, das sie bereithält, zu bewahren.

Hilfreich dabei scheint mir auch zu sein, sie aus dem psychoanalytischen Hinterzimmer unter die Leute zu bringen. Denn: Zwar ist psychoanalytische Therapie harte Arbeit, für den Patienten wie die Therapeutin, aber psychoanalytisches Denken kann Spaß machen – ja sogar Vergnügen bereiten. Abgesehen davon, dass auch Arbeit zwischendrin vergnüglich sein kann.

Psychoanalytisches Denken eröffnet einen neuen Raum, jenseits der Oberfläche, jenseits des sofort Sichtbaren, einen Raum oftmals eher der leisen Töne und vor allem auch der Zwischentöne. Gerade in einer Zeit, in der es offenbar ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eindeutigkeit zu geben scheint, nach klaren Einteilungen in Gut und Böse, in richtig und falsch, in Eine von uns und Keine von uns könnte es hilfreich sein, der leisen, aber beharrlichen Stimme der Psychoanalyse zuzuhören – gerade deshalb, weil sonst, insbesondere auch im psychotherapeutischen Kontext, nur das Laute der Manuals, Checklisten und Diagnosekriterien, die Eindeutigkeit in den Aussagen vorgaukeln, beachtet würde.

Psychoanalytisches oder, um einen anderen Ausdruck zu verwenden, psychodynamisches Denken, ist der Grundstein für dieses Buch als eine dialektische Form des Denkens, die befreien kann. Psychodynamisches Denken beinhaltet die Berücksichtigung unbewusster Konflikte, der psychischen Struktur eines Menschen sowie möglicher Folgen traumatischer Erlebnisse. Psychodynamische Therapien leiten sich von der Psychoanalyse ab, sie setzen im Einzelnen unterschiedliche Schwerpunkte. Die beiden bekanntesten psychodynamischen Therapieformen sind die Psychoanalyse selbst und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. In diesem Zusammenhang macht der Begriff »Dynamik« bereits deutlich, dass die menschliche Psyche immer at work ist. Dauernd sind wir damit beschäftigt, andrängende Wünsche zu bewerten und entsprechend zu zensieren, und für den Fall, dass wir sie für inakzeptabel halten, sie zu verdrängen oder anderweitig umzuleiten. Man kann bereits hier erkennen, dass es verschiedene Stellen gibt, an denen man in die Psyche eingreifen kann: einmal auf der Ebene der Bewertung und dann der Zensur. Wir verurteilen, verdrängen, verleugnen und am Ende – das ist die Crux – erkennen wir uns nicht mehr recht wieder oder wissen nicht mehr so richtig, was wir wirklich fühlen, wer wir wirklich sind.

Eine Psychoanalyse kann im günstigen Fall ein nicht immer leichter Weg zu sich selbst und zu den anderen werden. Eine Psychoanalyse findet im Behandlungszimmer, in einer Praxis statt. Psychoanalytisch denken hingegen kann man überall!

Für mich bedeutet psychodynamisches Denken eine andere, weitere Perspektive zur Verfügung zu haben, einen weiteren Freiheitsgrad, ein weiteres Verstehen, Staunen und oft auch ein Vergnügen.

All das möchte ich gern mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, teilen.

Worum es geht

Der Titel Mit Neurosen unterwegs soll auf das Alltägliche, Menschliche, Allzumenschliche verweisen, auf die Konflikthaftigkeit des Menschen, die seine Psyche in ihren letztlich auch deutlich begrenzten Möglichkeiten ständig vor Herausforderungen stellt – alte und gängige wie neue.

Das Neurotische, wir werden im Folgenden genauer ergründen, worin es denn besteht, ist nicht da, wo wir es vielleicht gern hätten: weit weg, irgendwo in den Untiefen des Psychischen oder gar der Institution Psychiatrie. Nein, es ist in jedem von uns. Entsprechend häufig begegnet es uns auch in unserem Alltag.

Will man kurz beschreiben, was eine Neurose oder das Neurotische ist, fangen die Schwierigkeiten schon an. Geht es um eine seelische Krankheit? Oder gehört es in den Bereich des »Normalen«? Der Begriff der Neurose scheint aus vielerlei Gründen an der Nahtstelle zwischen Krankheit und Gesundheit, zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse, zwischen Deskription und Psychodynamik, zwischen einem eher biologistischen und einem eher hermeneutischen Krankheitsverständnis zu liegen.

So schreibt Henningsen: »Die Neurose ist eine seelische Krankheit.«2 Der Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos meint dagegen: »Eine der Hauptthesen […] ist die Auffassung, daß das Neurotische nur ein (unter günstigen Bedingungen fast zwangsläufig) abgewandeltes ›Normales‹ ist.«3

Wir bemerken hier einen kleinen, aber feinen Unterschied: Henningsen spricht von Neurose, Mentzos vom Neurotischen.

Ich verstehe das Neurotische mit Mentzos als etwas »abgewandeltes ›Normales‹«, das einem Individuum zum fraglichen Zeitpunkt als die bestmögliche Lösung eines unbewussten Konfliktes zur Verfügung steht.

Im Laufe der Jahre als Psychotherapeutin bin ich immer mehr zu der Ansicht gelangt, dass es häufig nur Nuancen sind, die zwischen krank sein und gesund sein liegen, dass Menschen natürlich versuchen, seelischen Schmerz und Kummer zu vermeiden, ihre Psyche dafür jedoch gar nicht so viele Möglichkeiten bietet, so dass neurotische Konfliktlösungen ubiquitär sind. Mal fallen sie mehr auf, mal weniger. Mal sind sie sozial akzeptiert, mal eher nicht.

Wenn Ihnen beispielsweise jemand erzählt, dass er auf jegliche Sexualität verzichte, dann klingt das schon neurotisch – oder? Aber wenn er Ihnen dann sagt, er sei Priester? Was ist dann? Dann gilt seine sexuelle Abstinenz, wenn sie denn wirklich gelebt wird, als sozial anerkannt. Das heißt aber nicht, dass die Entscheidung dafür nicht auch neurotische Gründe haben kann.

Früher, als es noch die Bundespost gab, hat man sich kollektiv darüber aufgeregt, dass der prototypische Postbeamte am Schalter um Punkt 13.00 Uhr die Jalousie heruntergelassen hat, auch, wenn in der Schlange davor noch fünf Leute standen, die vielleicht schon eine halbe Stunde gewartet hatten. Das galt als typisches Beamtenverhalten. Vermutlich war es schon damals nicht so, dass sich die meisten Schalterbeamten so verhalten haben, aber eben einige, und zwar jene mit einer eher zwanghaften Struktur.

Also, es ist nicht so leicht, der Neurose bzw. des Neurotischen habhaft zu werden, und doch kann uns dieses Phänomen täglich begegnen. Wir werden uns in diesem Buch auf die Suche danach begeben. Für diese Reise, sozusagen erst einmal als Handgepäck, möge hier eine Definition, erneut von Mentzos, bei der ersten Einordnung von Nutzen sein: »Neurotische Vorgänge, neurotische Erlebens- und Verhaltensweisen stellen inadäquate Lösungen von Konflikten dar oder gehen aus ihnen hervor.«4

Mentzos weist darauf hin, dass das Adjektiv »inadäquat« einer Klärung bedürfe. Zu einer inadäquaten Lösung kann auch Unwissenheit führen oder weil die äußerenUmstände keine bessere Lösung hergeben. Bei neurotischen Konfliktlösungen geht es aber in erster Linie um die inneren Umstände, also Gefühle, die – und das macht die Sache so richtig kompliziert – unbewusst sind. Diese inneren Umstände, die widerstreitenden Gefühle, Impulse und Haltungen, deren Gleichgewicht oder Ungleichgewicht bestimmen das, was wir Psychodynamik nennen.

Eine zweite Definition aus »Das Vokabular der Psychoanalyse« von Laplanche und Pontalis, dem Handbuch für Psychoanalytiker schlechthin, lautet: Eine Neurose ist eine »psychogene Affektion, deren Symptome symbolischer Ausdruck eines psychischen Konfliktes sind, der seine Wurzeln in der Kindheitsgeschichte des Subjekts hat; die Symptome sind Kompromißbildungen zwischen Wunsch und Abwehr.«5

Mit diesen beiden Definitionen haben wir jetzt Werkzeuge an der Hand, mit denen wir uns auf den weiteren Weg machen können.

Da ist zunächst die Unterscheidung zwischen neurotischen Vorgängen, neurotischem Erleben und neurotischem Verhalten zu treffen, woraus sich bereits der Hinweis ergibt, dass das Neurotische auch etwas Temporäres sein kann. Wir alle können unter bestimmten Umständen, nämlich dann, wenn wir psychisch unter Druck geraten, neurotisch reagieren oder dekompensieren. Das sind – wenn man so will – die Alltagsneurosen, um die es hier in der Hauptsache gehen soll.

Wenn dann aber neurotische Verhaltensweisen bei einer Person kontinuierlicher auftreten, also jemand chronisch zwanghaft reagiert oder chronisch eifersüchtig ist und nicht nur in einer besonderen Situation (etwa einer Schwangerschaft), sind wir eher geneigt von einer Neurose zu sprechen.

Das »Inadäquate«, von dem Mentzos spricht, bezieht sich in der Regel auf zwei Aspekte: auf das Maß der inneren Freiheit, in der man auf eine bestimmte Situation zu reagieren vermag, und auf die Intensität der Gefühle, die im Spiel sind, und allgemein objektiv, soweit das möglich ist, als unangemessen bewertet werden.

So erscheint es den meisten Menschen als unangemessen, beim Anblick einer Maus kreischend auf einen Stuhl zu springen. Die hier ansässigen Mäuse greifen in der Regel keine Menschen an, sie beißen nicht unaufgefordert zu und tun uns eigentlich gar nichts (eher wir ihnen). Ebenso ist das mit den meisten Spinnen. Und hier greift die zweite Definition. Man könnte meinen, die Reaktion sei völlig unangemessen und also verrückt. Oder aber man stellt sich auf den anderen Standpunkt und sagt: Die Reaktion wird schon angemessen sein, sie bezieht sich nur auf ein anderes Objekt als die Maus. Die Maus fungiert hier als Symbol für etwas, das einen schreiend auf den Stuhl treibt.

Und wer jetzt sagt: »Ja, klar, aber wer hat schon Angst vor Mäusen« und »Ja, das ist doch klar, dass da was nicht stimmt«, der denke einmal an die aktuelle Diskussion um heimische Wölfe, auf die ich noch zu sprechen kommen werde. Denn auch die Auseinandersetzung mit diesem Thema trägt viele neurotische Züge.

Halten wir also fest: Neurotisches Verhalten meint ein Verhalten, das sich aus einem ungelösten unbewussten Konflikt, zwischen widerstreitenden Gefühlen und Impulsen ergibt. Häufig stellt es eine Kompromisslösung dar zum Beispiel zwischen dem Wunsch und dessen gleichzeitiger Abwehr. Das kann aufgrund besonderer Umstände punktuell erfolgen, oder aber es hat sich bereits im Charakter eines Menschen niedergeschlagen.

Dieses abgewandelte »Normale« kann uns überall begegnen – im anderen und in uns selbst. Machen wir uns also auf und schauen, was es unterwegs zu sehen gibt.

Autofahren – Des Deutschen liebstes Kind

»Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen.Er fährt, um recht zu haben.«

(Kurt Tucholsky)6

Das Auto gilt als »des Deutschen liebstes Kind«. Mir ist es nicht gelungen herauszubekommen, von wem diese Einschätzung stammt. Aber ich kann mich noch gut an die Zeit meiner Kindheit erinnern, als an den Wochenenden in diversen Einfahrten das Familienauto liebevoll gewaschen, eingeseift, gewachst und poliert wurde. Der Staubsauger wurde geschwungen, um auch den letzten Krümel zu beseitigen. Diese im Ursprung hauswirtschaftliche Tätigkeit (Putzen, Ordnung schaffen) wurde bemerkenswerterweise überwiegend von Männern ausgeführt. Man konnte in der Tat den Eindruck gewinnen, dass so manches Auto liebevoller gehegt und gepflegt wurde als das eigene Kind. Stammt also diese Einschätzung aus dieser Beobachtung?

Wie auch immer, zunächst sollten wir uns fragen, was denn eigentlich zum Status des »liebsten Kindes« gehört und ob dieser überhaupt erstrebenswert scheint.

Wer ist »das liebste Kind« in einer Familie? In der Regel nicht jenes, das Mühe macht, sondern eher das Kind, das erfolgreich ist, angepasst und seine Eltern mit Stolz erfüllt. Und dies ist häufig dann der Fall, wenn das Kind nicht gelebte oder nicht erreichte Wünsche der Eltern umzusetzen verspricht oder tatsächlich realisiert, zum Beispiel sehr gut in der Schule, sportlich sehr erfolgreich oder sehr hübsch ist. In einem solchen Fall sprechen wir davon, dass das Kind als Selbstobjekt seiner Eltern fungiert.

Der Begriff Selbstobjekt stammt aus der von Heinz Kohut7 begründeten Selbstpsychologie und beschreibt einen speziellen psychischen Vorgang: Gemeint ist ein anderer Mensch (Psychotherapeuten sprechen auch hier vom Objekt, bezogen auf das erlebende Selbst vom Subjekt), der nicht als ein von mir, von meinem Selbst abgegrenzt mit eigenen Wünschen, Ideen und Interessen als Person mit eigenem Recht erlebt und verstanden wird, sondern als ein Mensch, der eigens dafür da ist, meine Bedürfnisse, und hier insbesondere meine Bedürfnisse nach Anerkennung und Bestätigung, zu erfüllen, und damit meinem Selbstwertgefühl zum Wachstum verhilft. Der andere Mensch, das Objekt, steht damit im Dienst meines Selbst, wird psychisch als Teil meines Selbst erlebt; eigene Interessen und Bewegungen werden ihm nicht zugestanden. Dies ist allerdings ein Vorgang, der den meisten Menschen unbewusst ist, jedoch in Form von Symptomen an der Oberfläche sichtbar wird. Ein bekanntes Beispiel für die Tatsache, dass Kinder als Selbstobjekte für Eltern fungieren, ist das Agieren von Eltern auf dem Fußballplatz oder als Zuschauer bei anderen Sportarten, bei denen ihre Kinder mittun. Eltern ereifern sich in einer der Sache völlig unangemessenen emotionalen Art, wenn sie beispielsweise ihr Kind im Wettkampf benachteiligt sehen: Das weist zum einen darauf hin, dass die Eltern es so erleben, als sei es ihr Wettkampf, ihre Leistung, und zum anderen auf die völlig übersteigerte Bedeutung, die eine Szene in einem solchen Wettkampf erlangt, so als ginge es nicht um einen Punkt in einem Spiel oder eine Platzierung auf einem von Tausenden von Wettkämpfen auf der Welt, sondern ums Leben überhaupt oder zumindest grundsätzlich um die eigene Ehre.

Das Selbstobjekt hat also die psychische Funktion, das eigene, häufig unbewusst als mäßig, klein oder benachteiligt erlebte Selbst zu vergrößern und zu erweitern, es – in der Fantasie – um Fähigkeiten zu bereichern, die man selbst nicht hat, sich nicht zutraut oder die so mühsam zu erreichen wären, dass man das lieber auf anderen Wegen versucht. Dieser Zugewinn kann mit Hilfe von Personen geschehen, aber auch durch Gegenstände (die von Psychotherapeuten auch Objekte genannt werden). Solche Gegenstände sind zum Beispiel Statussymbole wie eben ein Auto oder ein Haus oder ein bedeutender Verein, der mehr Glanz abstrahlt als man vermeintlich selbst aufweist. Selbstobjekte dienen der Regulation des eigenen Narzissmus, sind also Selbstwertregulative.

Das Auto nun ist ein Selbstobjekt par excellence. Es erweitert das Selbst zunächst einmal auf einem ganz physischen Weg: Wir werden – wenn wir drinsitzen – gegenständlich größer, schneller und fühlen uns geschützter und dadurch häufig tragischerweise unverletzbarer als ohne eine solche narzisstische Hülle um uns herum. Man kann zu Fuß für die ersten 100 Meter 30 Sekunden benötigen, aber man kann in einem Auto sitzend, das in 7 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, anderen davonfahren, was aus eigener Kraft niemals gelänge. Man kann sich über seine Automarke als Angehöriger einer großen Markenfamilie definieren und sich auch über ein solches Zugehörigkeitsgefühl bedeutender fühlen, wenn man, wie früher häufig anzutreffen, den Mercedes in der tagsüber offenen Garage stehen hatte.

Heute ist diese Form der persönlichen Aufwertung nicht immer ganz so einfach, weil fast jeder Kleinwagen inzwischen 180 km/h fahren kann. Wenn man heutzutage also beschleunigt und bemerkt, man kann dem anderen nicht mehr so locker davonfahren, was tut man dann? Dann bricht auf den Straßen ein offener Kampf aus. Man versucht sich mächtiger zu fühlen, indem man vielleicht andere Verkehrsteilnehmer kontrolliert, indem man zum Beispiel an Stellen, an denen es keine Möglichkeit zum Überholen gibt, extra langsam fährt oder – ganz eindringlich – plötzlich auf die Bremse tritt und den Autofahrer hinter sich zu einem üblen Bremsmanöver zwingt. Ja, diese Macht hat man tatsächlich, dem anderen eine Handlung, die er nicht will, aufzuzwingen, ihn zu kontrollieren, ihn zu gefährden, was häufig zu heftiger Wut beim Widerpart führt, je nach dem, wie groß die Toleranz ist, sich kontrollieren zu lassen.

Bei solchen Aktionen hilft das Selbstobjekt Auto, sich mächtig zu fühlen, indem man bei hoher Geschwindigkeit – ganz ähnlich wie im Internet – anonym bleiben kann, da in einer solchen Situation es kaum jemand schafft, auf das Kennzeichen des anderen zu achten. Es ist also möglich, seinen ganzen Hass, weil man sich so klein und unwichtig fühlt, per Anschlag auf das Leben anderer auszuleben. Dass man mit solchen und anderen Fahraktionen das Leben anderer und auch das eigene massiv gefährdet, wird in der Regel geleugnet.

Leugnung ist ebenfalls ein psychischer Vorgang, genauer ein Abwehrmechanismus, bei dem wir zwar einen Vorgang, ein Phänomen wahrnehmen (»Rauchen verursacht Lungenkrebs«), dieses aber in seiner emotionalen Bedeutung schlicht nicht anerkennen (»Bei mir nicht, ich rauche ja nicht so viel!« Oder: »Meine Zigarettenmarke ist nicht so schädlich …«).

Das heißt, dass die betreffenden Autofahrer sehr genau wissen, was sie da tun, aber die emotionaleBedeutung ihres Tuns ausklammern, nämlich dass sie, wenn es schlecht läuft, im Begriff sind, den Tod eines Menschen verantworten zu müssen. Dieser Mechanismus funktioniert leider so sehr, dass es Leute gibt, die mit 200 km/h Autorennen in der Stadt fahren und das Gericht glauben machen wollen, sie hätten nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie mit dieser Tat jemanden umbringen könnten.

Den Wunsch nach dem Ausleben oder besser dem Austoben der Aggression und der Gewaltbereitschaft hat die Autoindustrie schon längst aufgenommen und umgesetzt. Die Auto-Aggression zeigt sich zum Beispiel im Design der Fahrzeuge wie etwa den Kühlerhauben. Sie wirken nicht nur aggressiv auf uns, wenn wir sie im Rückspiegel unter dem Blitzlichtgewitter der Schweinwerfer auftauchen sehen, sie sollen auch so wirken. Jüngstes Beispiel ist die sogenannte »Monsterniere« des 4er BMW Coupé, dessen »aufsehenerregende Leistung den Adrenalinspiegel steigen« lasse und das »eine Aura der Unerreichbarkeit, die es im gleichen Augenblick umso anziehender macht«, versprühe. Aha! »Die markante Front mit der einzigartigen BMW-Doppelniere betont maximale Eigenständigkeit.«8 Was soll man dazu sagen: Eine viel asozialere Haltung kann man sich in diesem Zusammenhang kaum vorstellen.

Paolo Tumminelli, Professor für Designkonzepte, befasst sich intensiv mit diesem Thema, er diagnostiziert bei Autobauern eine »Ästhetik der Angst«. Autos würden von Männern und Frauen dann bevorzugt, wenn sie »maskulin, muskulös und generell einschüchternd« wirkten.9 Dieser Charakterzug der Deutschen ist also längst bei den Autobauern, Designern und Werbefachleuten angekommen. Die Werbung versteht ihr Handwerk, unsere unbewussten Wünsche zu lesen oder sie zu wecken. Sie beherrscht die hohe Kunst der Verführung.

Die Diagnose, der Umgang der Deutschen mit dem Auto sei »neurotisch«, kommt neuerdings von Jürgen Trittin. Das Verhältnis der Deutschen zum Auto bezeichnete der Grünen-Politiker als »eine kollektive Neurose, vergleichbar mit der, die Amerikaner mit dem freien Zugang zu Schusswaffen haben.«10

Da ist etwas dran! Tatsächlich betrachten es sehr viele Amerikaner als eine Einschränkung ihrer Bürgerrechte und ihres Daseins überhaupt, wenn sie nicht mehr einfach an jeder Ecke sich mit Munition eindecken oder im Supermarkt ein Gewehr kaufen könnten. Wir Deutschen empören uns gern und oft darüber, insbesondere nach einem der vielen Amokläufe in den USA. Dass wir aber auch unsere Autos häufig wie eine Waffe einsetzen, also als ein Mittel, Gewalt auszuüben, uns größer erscheinen zu lassen, als wir sind, und dadurch Macht über andere ausüben, sehen wir nicht so gern. Verfolgt man die Undtäglich-grüßt-das-Murmeltier-Diskussion um Tempolimits auf deutschen Autobahnen, klingt es mitunter auch so, als ginge es um eine Beschneidung der Persönlichkeitsrechte, um eine Kasernierung bzw. Kastration des Bürgers, der nur noch mit 130 km/h über die Autobahn schleichen dürfe. In Wahrheit geht es – wie in den letzten Jahren so häufig – nur um das Interesse der Autoindustrie, schnelle Autos zu verkaufen, so wie das der Tabakindustrie, die weiterhin ihre krankmachenden Produkte verkaufen will. Entsprechend wird auch die Werbung eingesetzt, die schon lange nicht mehr darauf gerichtet ist, die Vorzüge eines Produkts vorzustellen, wie etwa »Nichts wäscht weißer als Persil!«. Das ist inzwischen unwichtig, weil heutzutage alle Waschmittel weiß oder weiß genug waschen können. Was die Werbung suggeriert, ist, dass wir uns besser fühlen, wenn wir dieses oder jenes Produkt kaufen. Unser Prestige wird angehoben, wenn wir dieses Produkt besitzen, wir sind dann so gut aussehend, so gut gelaunt und haben so viele Freunde wie die Menschen, die das Produkt im Fernsehen oder sonst wo bewerben. Das heißt: Die Werbung (nicht umsonst gibt es Werbepsychologen) richtet sich an unseren – uns häufig unbewussten – Narzissmus und suggeriert: Wenn du dieses Produkt kaufst, dann wirst du toller sein als vorher, ganz ohne Anstrengung!

Der Deutsche fährt, um Recht zu haben, meinte Tucholsky.11 Auch da ist etwas dran! Wenn du sonst im Leben vielleicht nicht viel zu sagen hast, dann a) aber doch wenigstens, wenn du in deinem Auto sitzt? Aber das funktioniert auch umgekehrt: Wenn sonst im Leben alle tun, was du sagst, warum sollte b) das auf der Straße nun plötzlich anders sein? Wenn dann Konstellation a) auf b) trifft? Genau! Das ist die Affektlage, die mitunter auf den Straßen zum Ausbruch kommt und zu beobachten ist.

Vermutlich lassen sich kaum irgendwo mehr anthropologische Studien betreiben, denn als Teilnehmerin am Straßenverkehr. Wenn man sich bei einem gemeinsamen Abendessen oder auf einer Stehparty sonst nichts mehr zu berichten weiß, kann man auf das kürzlich Erlebte im Straßenverkehr zurückgreifen. Und das Bemerkenswerte: Sofort sind Affekte im Raum! Offenbar kann es auch noch Monate oder gar Jahre später schwer bis unmöglich sein, sich von den damals erlebten Gefühlen zu distanzieren – ein untrügliches Zeichen für psychisch Unverarbeitetes, so dass es sich lohnt, näher hinzuschauen.

Aber wie macht man das? Die Versuchsanordnung ist schon daher schwierig, weil man als Teilnehmer am zeitweiligen Straßenterror bereits eine sehr eingeschränkte, projektive Wahrnehmung hat.

Was heißt projektiv? Eigene Gefühle, die von unserem bewussten Erleben, vor allem von unserem Über-Ich nicht so leicht toleriert werden, werden – um sich von diesen zu entlasten und gleichzeitig gut dazustehen – auf das Gegenüber projiziert (siehe auch die Erläuterung zu »Projektion«, Seite 91 ff.).

Entsprechend sind also die Anderen zu schnell unterwegs, während man selbst mit 65 km/h durch die Ortschaft gleitet; die Anderen fahren aggressiv, rücksichtslos, unbedacht, übervorsichtig oder unkonzentriert. Sicher ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass, wenn man es eilig hat und unter Zeitdruck steht, deutlich mehr langweilige, zögerliche und ängstliche Autofahrer unterwegs sind? Hingegen, wenn man mehr Zeit hat, die Straßen von Dränglern und Eiligen voll sind.

Im Straßenverkehr begegnen wir also – wie auch sonst im Leben – der Differenz; andere sind anders als ich und wollen anderes. Sie haben andere Autos, fahren schneller oder langsamer. Wir müssen diese menschliche Tatsache bei unseren Überlegungen mitbedenken.

Dennoch gibt es Beobachtungen, die man auf seinen täglichen Fahrten machen kann, die die meisten von Ihnen sicherlich bestätigen würden: die Autobahn, eine Fundgrube für Begegnungen mit dem Neurotischen. Vermutlich haben Sie das auch schon erlebt: Ein Auto fährt vor Ihnen her, langsamer als Sie. Sie setzen zum zügigen Überholen an, doch plötzlich wird das vor Ihnen fahrende Auto auch immer schneller. Manchmal sogar so schnell, dass es fast auf das nächste auffährt und abbremsen muss. Solche Szenen erlebt man recht häufig – das ist aus unserer Perspektive ganz wunderbar neurotisch.