Rushed - Aurora Rose Reynolds - E-Book

Rushed E-Book

Aurora Rose Reynolds

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Beschreibung

Wenn schlechtes Timing ein Talent wäre, würde man Cybil hochbegabt nennen. Erst macht ihr Verlobter wenige Tage vor der Hochzeit Schluss, dann muss sie allein auf einen Pärchenurlaub mitten in die Wildnis von Montana. Ausgerechnet dort trifft sie auf den heißesten Kerl, den je eine frischgebackene Single-Frau gesehen hat. Tanner ist alles, was Cybil gerade nicht gebrauchen kann, und die Anziehung zwischen ihnen stärker, als sie je für möglich gehalten hätte. Tanners Prinzipien für sein Wildnis-Camp lauten: kein unnötiges Risiko, gefährde niemandes Leben, schlafe niemals mit einer Klientin. Ein Blick auf Cybil und all das ist vergessen. Diese Frau ist jedes Wagnis wert, jetzt muss er sie nur davon überzeugen, dass er es auch ist ...

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Seitenzahl: 362

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Aurora Rose Reynolds

© Die Originalausgabe wurde 2021 unter dem

Titel RUSHED (Adventures in Love Book 1) von Aurora Rose Reynolds veröffentlicht. Diese Ausgabe wird im Rahmen einer Lizenzvereinbarung ermöglicht, die von Amazon Publishing, www.apub.com, in Zusammenarbeit mit der Agentur Hoffmann stammt.

© 2022 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH

8700 Leoben, Austria

Aus dem Amerikanischen von Jennifer Kager

Covergestaltung: © Sturmmöwen

Titelabbildung: © fotostorm (istockphoto)

Redaktion & Korrektorat: Romance Edition

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903413-27-6

ISBN-EPUB:978-3-903413-28-3

www.romance-edition.com

1. Kapitel

Cybil

Ich betrete Stone’s Bar und suche das Lokal nach meiner Freundin Jade ab. Meine Wangen brennen wegen der Blicke und dem Getuschel, das mir überall hin zu folgen scheint. Ich ignoriere es, so gut ich kann. Als ich Jade entdecke, die mir vom anderen Ende des Raumes aus zuwinkt, löst sich die Anspannung in meinen Schultern ein wenig. Ich beschleunige meine Schritte.

»Geht es dir gut?«, fragt sie vorsichtig, als ich in die Sitzecke gleite. Ich nehme meinen breitkrempigen Schlapphut ab und lege ihn und meine Wildledertasche neben mich auf die Bank.

»Das ist das erste Mal, dass ich hier bin, seit ...« Ich verstumme. Jades Augen füllen sich mit Verständnis, bevor sie sich umschaut. Als sie die Stirn runzelt, weiß ich, dass uns alle anstarren.

»Was zum Teufel ist mit den Leuten los?«, fragt sie etwas zu laut. Ich zucke zusammen.

»Lass sie nur. Sie werden bald etwas anderes finden, worüber sie reden können«, flüstere ich und greife nach ihrer Hand, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken.

»Es ist lächerlich, dass deine geplatzte Verlobung das heißeste Thema in der Stadt ist«, murrt sie, und ich presse die Lippen aufeinander. Sie hat nicht unrecht. Ich wohne schon mein ganzes Leben an diesem Ort. Nach dem Tod meiner Mutter haben sich die Leute hier um mich gekümmert. Sie haben mich aufwachsen sehen, beobachtet, wie ich mich verliebte, und sie jubelten mir zu, als ich mich mit meiner Highschool-Liebe verlobt habe. Und sie alle wollten in ein paar Monaten bei meiner Hochzeit dabei sein.

Vielleicht nicht alle, aber die meisten von ihnen.

»Sobald sie sehen, dass es mir gut geht, wird alles wieder beim Alten sein«, versichere ich ihr und vielleicht auch mir selbst.

»Wenn du dich nicht von morgens bis abends in deinem Laden verstecken würdest, wäre das längst passiert.«

»Ich verstecke mich nicht, ich arbeite«, sage ich und seufze, denn wieder hat sie recht. Ich habe mich wirklich versteckt. Aber wer kann mir das verdenken? Ich brauchte etwas Zeit. Eben noch war ich dabei, die Sitzordnung für mein Hochzeitsessen festzulegen, und im nächsten Moment teilte mir Galvin mit, dass er nicht mehr heiraten wolle. Schlimmer war nur, dass mein Ex-Verlobter nicht einmal einen Grund dafür nennen konnte. Er hat nur wiederholt: Es liegt nicht an dir, sondern an mir. Keine Ahnung, was zum Teufel das bedeuten soll.

Ich verbanne die Erinnerung an ihn aus meinen Gedanken. »Da ich morgen nach Montana reise, musste ich alle Bestellungen fertig machen und ausliefern.«

»Eine Reise, die du gar nicht willst.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich bin immer noch der Meinung, dass du Galvin zumindest um die Hälfte der Reisekosten bitten solltest.«

»Es war ein Geschenk.« Ich atme tief durch und fummle an meiner Serviette. Ob er vor vier Monaten schon gewusst hat, dass er Schluss machen würde? Dabei war der Urlaub seine Idee, um unsere Beziehung zu festigen. Ich hielt das nicht für nötig, immerhin steuerten wir den Hafen der Ehe an. Aber zwei Wochen in Montana, nur wir beide, konnten dem nicht schaden. Also buchte ich uns einen langen Aufenthalt bei Live Life Adventures, einem Retreat mitten im Nirgendwo. Ich habe sogar noch ein paar Tage drangehängt, um auf der Fahrt nach Hause entspannen und einige der Sehenswürdigkeiten zwischen Oregon und Montana besuchen zu können.

»Dass du keine Rückerstattung bekommen kannst, ist genauso lächerlich. Wie sollst du bitte alleine an einem Pärchenprogramm teilnehmen?«

»Dass es nicht erstattet wird, wusste ich, als ich die Verträge unterschrieben habe.«

»Wie auch immer.« Sie rollt mit den Augen.

»Das wird schon. Ehrlich gesagt, freue ich mich auf die Auszeit.«

»Zelten und Wandern?« Sie hebt eine Braue.

»Okay, beides entspricht nicht gerade meiner Vorstellung von Erholung, aber wer weiß? Vielleicht gefällt es mir sogar. Außerdem muss ich mal eine Weile raus aus der Stadt. An einen Ort, wo die Leute meine rührselige Geschichte nicht kennen.«

»Ich wünschte, ich könnte dich begleiten.«

»Ich weiß, aber ich verstehe, dass du deinen Laden nicht einfach für zwei Wochen schließen kannst«, antworte ich, als Connie, die Besitzerin des Stone’s, zu uns an den Tisch kommt.

»Jade«, grüßt sie meine beste Freundin, bevor ihr Blick auf mich fällt. In ihren Augen steht Mitleid, und sie senkt ihre Stimme auf ein Flüstern. »Cybil, Schatz, wie geht es dir?«

»Mir geht es gut, Connie. Danke.« Ich lächle, was sie noch besorgter aussehen lässt. Um der unangenehmen Situation zu entfliehen, greife ich nach der Speisekarte. »Ich nehme die französische Zwiebelsuppe und eine Cola Light.«

»Für mich dasselbe. Und zwei Zitronenliköre, bitte.«

»Gern.« Connie wirkt, als wollte sie noch etwas sagen, überlegt es sich aber anders. »Eure Getränke kommen sofort.« Sie notiert unsere Bestellung und geht.

»Zwei Zitronenliköre?« Ich betrachte meine beste Freundin mit hochgezogener Braue.

»Was? Diesen Drink haben wir uns verdient.« Sie rollt mit den Augen. »Zumindest verdienst dueinen.«

»Richtig.« Ich schüttle den Kopf. »Aber wirklich nur einen. Morgen habe ich eine vierzehnstündige Fahrt vor mir, und ich will nicht verkatert sein.«

»Mom und Dad flippen aus, weil du alleine fährst.«

»Glaub mir, sie haben mehrfach betont, dass sie nicht glücklich über meine Entscheidung sind.« Ich seufze. Maisie und Bernard, Jades Eltern, waren zwei der engsten Freunde meiner Mutter. Als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde, haben sie sie auf jedem Schritt begleitet. Nach Moms Tod nahmen mich die beiden bei sich auf und liebten mich wie ihre eigene Tochter. Ich liebe sie von ganzem Herzen, aber es frustriert mich, wenn sie mich wie ein Kind und nicht wie eine sechsundzwanzigjährige Frau behandeln.

»Ich mache mir auch Sorgen«, sagt Jade leise.

»Ich komme schon klar.« Ich schenke ihr ein beruhigendes Lächeln. »Ich verspreche, dass ich auf mich aufpassen werde. Und ich habe schon Snacks und Getränke für die Fahrt eingepackt, damit ich nicht so oft anhalten muss.«

»Versprich mir, dass du nicht an einsamen Raststätten auf die Toilette gehst.«

»Versprochen«, sage ich leichthin und lehne mich zurück, weil unsere Getränke serviert werden.

Jade greift nach ihrem Zitronenlikör und wir prosten uns zu. »Auf einen Neuanfang.«

»Auf einen Neuanfang.« Ich stoße mit ihr an und trinke die süßsaure Flüssigkeit in einem Zug. Sofort erwärmt der Likör meinen Magen, und ich bin für den Rest des Abends entspannt. Als wir mit dem Essen fertig sind und unsere Rechnung bezahlt haben, gehen wir nach draußen auf den Parkplatz und bleiben neben meinem Auto stehen.

»Ich werde dich vermissen.« Jade umarmt mich, und ich drücke sie fest. Ohne ihre Unterstützung wüsste ich nicht, wie ich die letzten Wochen überstanden hätte. Eigentlich sogar die letzten Jahre.

»Ich bin in zwei Wochen wieder da.«

Sie hält mich an den Ellenbogen, lehnt sich zurück und sieht mir in die Augen. »Ich kann es kaum erwarten, alle Details deiner Reise zu hören, wenn du wieder da bist. Versprich mir, dass du mich zwischendurch mal anrufst.«

»Ich werde dich bei jeder Gelegenheit anrufen.« Meine Kehle wird eng, und ich kämpfe gegen die Tränen. »Ich hab dich lieb.«

Sie zieht mich erneut an sich. »Ich dich auch. Versuch einfach, etwas Spaß zu haben.«

»Ich werde mir Mühe geben«, stimme ich zu, als sie mich loslässt und sich ein paar Tränen von den Wangen wischt.

»Tu nur nichts Wildes, und verliebe dich nicht in einen von diesen Montana-Typen.«

Lachend schüttle ich den Kopf. »Ich garantiere dir, das wird nicht passieren. Für mich keine Männer mehr.«

Ihr Gesichtsausdruck wird sanfter, und sie neigt ihren Kopf zur Seite. »Galvin ist nicht der, für den du bestimmt bist, Cybil. Ich glaube, dass du das tief in deinem Inneren weißt. Nach allem, was in eurer Beziehung vorgefallen ist.« Sie hat recht. Der Kloß in meinem Hals zeigt das nur zu deutlich. »Es ist im Moment nicht einfach für dich, weil du dir deine Zukunft immer mit ihm ausgemalt hast. Aber er war nie der Mann, mit dem du dein Leben teilen solltest. Der Richtige wird dir begegnen, wenn du es am wenigsten erwartest.«

Ich nicke, und wie aufs Stichwort dreht sie sich um und geht zu ihrem Auto. »Du wirst schon sehen! Dein Märchenprinz wartet irgendwo da draußen auf dich«, ruft sie mir noch über die Schulter zu.

Lächelnd steige ich in meinen Bronco und starte den Motor. Ich bin mir nicht sicher, was diesen Märchenprinzen betrifft. Aber ich habe einen zweiwöchigen Abenteuer-Urlaub vor mir, der mich aus meiner Komfortzone holen wird wie nichts davor. Das könnte genau das sein, was ich jetzt brauche.

2. Kapitel

Cybil

Ich halte mir die Hand vor den Mund, während ich gähne. Laut meinem Navi bin ich etwa fünf Minuten von dem Hotel entfernt, in dem ich übernachten will. Die Stadt, in der ich mich gerade befinde, sieht meiner Heimatstadt sehr ähnlich. Überall entlang der Hauptstraße sind süße kleine Geschäfte angesiedelt. Bevor ich im Hotel einchecke, möchte ich unbedingt noch eine Kleinigkeit essen.

Ich komme an einigen Fast-Food-Läden vorbei, halte aber nicht an, weil ich weiß, dass sie außer Pommes wahrscheinlich nichts für mich haben. Leider brauche ich heute Abend mehr als ein paar knusprige Stücke vom Himmel. Nachdem ich am Ende der Stadt gewendet habe, biege ich in eine der belebteren Seitenstraßen. Ich entdecke nicht weit entfernt das Schild eines Bar & Grill. Da es direkt davor keinen Parkplatz gibt, fahre ich ein einige Meter weiter. Als ich eine ältere Frau sehe, die gerade in ihr Auto einsteigt, seufze ich erleichtert auf.

Ich setze den Blinker. Während ich darauf warte, dass die Frau wegfährt, klappe ich den Kosmetikspiegel der Sonnenblende aus, um mein Make-up zu prüfen. Nachdem ich die dunklen Mascaraflecken unter meinen Augen weggewischt habe, beobachte ich ungläubig, wie ein Truck um mich herum in die Lücke lenkt. Das war mein Platz. Müde, hungrig und verärgert nähere ich mich dem absurd großen Wagen, den Finger auf dem Fensterheber der Beifahrerseite. Der Typ ist besser für die Standpauke seines Lebens bereit.

Zuerst sehe ich nur ein paar Stiefel. Es folgen lange Beine, die in Jeans stecken, und ein muskulöser Oberkörper, der in eine karierte Weste und ein dunkelgrünes T-Shirt gehüllt ist. Der Stoff schmiegt sich eng an die Bizepse des Kerls. Dann sehe ich den Rest von ihm. Mein Atem setzt kurz aus, als ich einen Blick auf sein Profil erhasche: ein kräftiger, von Stoppeln bedeckter Kiefer und eine Nase wie die einer griechischen Gottheit. Zusammen mit seinen vollen Lippen und dem dunklen Haar, das im Licht der untergehenden Sonne fast schwarz wirkt, macht mich sein Anblick einfach sprachlos.

Als er hinter seinem Truck verschwindet, schlucke ich, um die Benommenheit loszuwerden, und fahre weiter. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass es buchstäblich Millionen von gutaussehenden Männern auf der Welt gibt, einschließlich meines Ex. Und die meisten von ihnen sind nicht mal den Dreck unter ihren Stiefeln wert. Nachdem ich zweimal an dem Restaurant vorbeigekommen bin, finde ich endlich einen anderen Parkplatz.

Ich schnappe mir meine Tasche und gehe in die Bar. Sofort fühle ich mich etwas unwohl, weil hier fast niemand allein sitzt. Mit meiner Handtasche über der Schulter warte ich in der Schlange, die sich in der Nähe der Eingangstür gebildet hat. Dabei versuche ich, die neugierigen Blicke der anderen Gäste zu ignorieren. Während die meisten Frauen Jeans und T-Shirts tragen, falle ich mit meinem cremefarbenen Spitzentop, den Schlaghosen aus einem weichen Denimstoff und meinen Keilabsätzen auf. Mein Schlapphut und die vegane Ledertasche mit Fransen, die ich selbst entworfen und mit der Hand genäht habe, machen es nicht besser.

Endlich bin ich an der Reihe und lächle die Rothaarige an, die hier die Plätze vergibt. Ich blinzle, als sie mir über die Schulter schaut, ohne mich zu beachten.

»Hey, Tanner.« Ein Megawattlächeln umspielt ihre vollen Lippen und macht sie noch hübscher, als sie ohnehin schon ist. »Willst du einen Tisch?«

»Ja, danke«, poltert eine tiefe Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und kneife die Augen zusammen, als ich den Typ erkenne, der mir vorhin den Parkplatz geklaut hat. Doch er bemerkt mich nicht. Wie die meisten Leute heutzutage starrt er auf sein Handy, als hätte es eine Antwort auf alle Fragen des Lebens parat. Er sieht kaum davon auf, als ihm der Platz an einem kleinen Tisch angeboten wird.

»Idiot.« Ich funkle ihn weiter an, als die Rothaarige ihm eine Speisekarte reicht, die er ohne ein Dankeschön annimmt. Sie scheint sich nicht daran zu stören – ihr Lächeln ist noch genauso strahlend wie zu Anfang.

»Warten Sie auf einen Tisch?«, werde ich von einem älteren Herrn gefragt, der den Platz der Rothaarigen eingenommen hat.

»Ja«, antworte ich und ringe mir ein Lächeln ab.

»Sind Sie allein?« Er schaut vor sich auf einen laminierten Tischplan.

»Ja, ich bin allein.«

»Es wird noch etwa zehn Minuten dauern, bis etwas frei wird. Aber Sie können auch an der Bar essen, wenn Sie nicht warten wollen.«

Anstatt mich zu beschweren, wie es Jade tun würde, atme ich tief durch und nicke. »Das wäre mir recht, danke.«

»Gern geschehen. Genießen Sie das Essen.«

»Danke.« Ich gehe durch das Restaurant. Als ich die Bar erreiche, nehme ich meinen Hut ab. Ich finde einen leeren Platz ganz am Ende, setze mich auf einen der Hocker und lächle den Barkeeper an, als er mich bemerkt. Der Hocker neben mir ist frei. Als ich meine Tasche darauf abstellen will, lehnt sich der Parkplatz-und-Tisch-Dieb Tanner mit seinen breiten Schultern und seinem dichten Haar darüber und winkt mit einem Zehn-Dollar-Schein.

»Mason«, ruft er, und der Barkeeper hebt sein Kinn als Zeichen, dass er zuhört. »Gib mir ein Miller.«

»Soll das ein Witz sein?«, presse ich zwischen meinen Zähnen hervor. Ich versuche nicht einmal, meine Verärgerung zu verbergen. Tanner dreht sich zu mir. Als er mich aus seinen haselnussbraunen Augen ansieht, blinzelt er. »Bin ich unsichtbar?«

»Wie bitte?« Er schüttelt den Kopf, wodurch ihm eine Haarsträhne in die Stirn fällt.

»Bin ich unsichtbar?«, wiederhole ich und ignoriere das Zucken meiner Finger. Am liebsten würde ich ihm das Haar aus der Stirn streichen. »Ich frage das, weil du mich jetzt schon zum dritten Mal übersehen hast. Also bin ich entweder unsichtbar, oder du bist einfach ein Idiot.«

»Ich habe dich nicht übersehen«, behauptet er und richtet sich vom Barhocker auf. Er ist so groß, dass ich meinen Kopf in den Nacken legen muss, um weiter Blickkontakt zu halten.

»Doch hast du. Du hast mir den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt, du hast dich vorgedrängt und meinen Sitzplatz bekommen und jetzt stiehlst du auch noch meinen Barkeeper.«

»Dein Barkeeper?«, hakt er ungläubig nach, und ich ziehe die Brauen zusammen.

»Ich war zuerst hier, also ja. Mein Barkeeper.«

»Ich habe dich nicht gesehen.« Er fährt sich mit einer Hand durch die Haare.

»Ich bin also unsichtbar.« Ich verdrehe die Augen und nehme die Speisekarte aus der kleinen Halterung an der Theke. Und ärgere mich noch mehr, als ich sehe, dass sie nur Getränke enthält.

»Ist hier alles in Ordnung, Tanner?«, fragt der Barkeeper und reicht ihm das gewünschte Bier, während sein Blick zwischen uns beiden hin und her wandert.

»Nur ein kleines Missverständnis«, sagt Tanner. »Setz ihren Drink auf meine Rechnung, ja?«

»Ich trinke nichts. Ich esse nur etwas«, erwidere ich kühl. Dann schenke ich den Barkeeper ein süßes Lächeln. »Kann ich bitte die Speisekarte sehen? Und ich möchte nicht, dass er mein Essen bezahlt«, erkläre ich und deute auf Tanner.

»Klar.« Der Barkeeper grinst Tanner an und reicht mir die Speisekarte. »Such dir in Ruhe etwas aus. Ruf mich einfach, wenn du bestellen willst. Mein Name ist Mason.«

»Danke, Mason.«

»Jederzeit.« Er zwinkert mir zu, und ich seufze. Ich lasse meinen Blick über die Speisekarte schweifen und ignoriere den Mann an meiner Seite, der mich immer noch beobachtet.

»Hör zu«, sagt Tanner, stützt seine Ellenbogen auf die Theke und rückt so näher zu mir heran. »Es tut mir leid, was passiert ist. Ich war abgelenkt, aber ich schwöre, dass ich nichts davon mit Absicht gemacht habe.«

»Ist schon gut«, murmle ich und wünsche mir, dass er endlich verschwindet. Denn sein Geruch, gemischt mit dem von Kiefernholz und Leder, löst eigenartige Gedanken bei mir aus.

»Du sagst zwar, es sei in Ordnung. Aber ich habe das Gefühl, dass es das nicht ist. Bitte, lass mich dich zum Essen einladen.«

»Nein, danke.«

»Dann zu einem Drink«, schlägt er vor. Ich drehe mich so auf meinem Hocker, dass ich ihm direkt zugewandt bin. Aus der Nähe ist es wirklich schwierig, ihn anzuschauen, so perfekt wie er ist. »Nur ein Drink.« Er hält seine Hände wie zum Gebet.

»Du kannst meine Limonade bezahlen«, stimme ich zu. Er grinst, zeigt seine geraden, weißen Zähne, und ein Grübchen erscheint auf seiner bärtigen Wange.

»Weißt du, was du bestellen möchtest?« Mason kommt zurück, und ich bin mehr als nur ein bisschen dankbar für die Ablenkung.

»Ich nehme eine Limonade, die Gemüse-Quesadilla und die Kürbissuppe.«

»Alles klar.« Er geht zum Computer auf dem Tresen, tippt etwas ein und füllt ein Glas aus dem Automaten an der Rückwand der Bar.

»Ich übernehme ihre Limonade und mein Bier.« Tanner reicht ihm den Zehner, während Mason mir mein Getränk zusammen mit einem Strohhalm serviert. Ich ignoriere den Strohhalm und nehme einen Schluck. Über den Rand des Glases sehe ich zu Tanner. Ich ziehe verwundert eine Braue hoch, weil er mich immer noch betrachtet.

»Du bist nicht von hier«, stellt er fest.

»Bin ich nicht«, stimme ich zu. Er lächelt wieder. Das sollte er besser nicht tun, denn dadurch finde ich ihn noch attraktiver.

»Tanner, dein Essen!«, ruft jemand von weiter weg. Er schaut kurz hinüber und wendet sich wieder mir zu.

»Nun, es war schön, dich kennenzulernen, Sunny. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.«

»Wahrscheinlich nicht«, erwidere ich schulterzuckend. Sein Grübchen wird durch sein Grinsen noch ein wenig tiefer. Dann verschwindet er zu seinem Tisch. Ich kann nicht anders, als ihn dabei zu beobachten. Als er sich gesetzt hat, dreht er sich mit einem selbstgefälligen Lächeln nach mir um. Mit einem Augenrollen wende ich den Blick ab und versuche herauszufinden, was das für ein seltsames Gefühl in meiner Magengrube ist.

3. Kapitel

Cybil

»Bist du nervös?«, fragt Jade. Ihre Stimme hallt durch den Lautsprecher meines Telefons. Ich fahre auf einer unbefestigten Straße, die mich zur Live Life Adventures Lodge führen soll, wo ich heute Morgen meinen Guide treffe.

»Ja. Ich bin mir auch sicher, dass ich unter dem Gewicht meines Rucksacks zusammenbreche, was bestimmt lustig wird.« Ich lächle, als sie lacht.

»Haben sie dir nicht eine Liste mit Sachen geschickt, die du einpacken sollst?«

»Ja, aber sie meinten auch, dass ich mitnehmen soll, was ich sonst noch brauche. Vielleicht habe ich zu viele Bücher, Müsliriegel und Kleidung dabei.«

»Warum bin ich nicht überrascht?«

»Weil du mich kennst«, antworte ich vergnügt. Als die Lodge in Sicht kommt, kann ich nicht glauben, wen ich davor stehen sehe. »Nein«, hauche ich bei Tanners Anblick. Er ist nicht allein. Zwei andere Männer sind bei ihm, in derselben Uniform bestehend aus Stiefeln, Cargohosen und einem T-Shirt mit dem Live Life Adventures-Logo auf der Brust. Alle drei sind groß, breit gebaut und gutaussehend. Der eine hat dunkelblondes Haar, eine schöne Sommerbräune und Tätowierungen auf einem Arm. Das Haar des anderen ist kurz geschnitten und tiefschwarz. Wegen seines ernsten und zugleich königlichen Aussehens tippe ich darauf, dass er indigene Wurzeln hat – eine reizvolle Kombination.

»Was?«, fragt Jade, die ich fast vergessen habe, als sich die drei Männer zu mir umdrehen und mich anstarren.

»Nichts. Ich bin jetzt da.« Ich parke meinen Bronco, während mein Magen gegen eine neue Art von Nervosität kämpft.

»Oh, okay. Nun, ich hab dich lieb.«

»Ich hab dich auch lieb. Ich rufe dich an.«

»Pass auf dich auf.«

»Mach ich.« Ich beende den Anruf, atme tief durch und öffne die Autotür. Als ich Aussteigen will, hält mich mein Sicherheitsgurt zurück. Ich ziehe eine Grimasse, löse schnell den Gurt und springe aus dem Wagen.

»Hey, Sunny«, ruft mir Tanner zu, als ich den Kofferraum öffnen will.

Ich streiche mit den Händen über die Vorderseite meiner schwarzen Leggings, dann begegne ich seinem Blick. »Ähm.« Ich schaue zu den anderen Männern und spüre, wie sich meine Wangen röten, weil sie mich interessiert mustern. »Ich bin wegen des Programms für Paare hier.«

»Für das Couple Retreat?« Tanner blickt suchend um sich, bevor sich seine Augen verengen. »Wo ist dein Partner?«

»Ich bin allein.« Ich zucke mit den Schultern und verziehe das Gesicht. »Wahrscheinlich hätte ich diesen Urlaub ein paar Monate früher buchen sollen.«

»Mist«, murmelt der blonde Typ an seiner Seite.

»Du bist Cybil?«, fragt der andere, und ich nicke. »Ich bin Maverick. Wir haben ein paar Mal miteinander telefoniert. Tut mir leid, dass du dich getrennt hast.«

»Das kommt vor«, sage ich unbeholfen, als der Blonde einen weiteren Fluch murmelt.

»Du kannst deine Tasche erst einmal im Kofferraum lassen und zu den anderen nach drinnen gehen. Tanner, Blake und ich werden in ein paar Minuten dort sein, um die Pläne für die nächste Woche mit euch durchzugehen.«

»Mit uns?« Ich runzle die Stirn.

»Ja, du und die anderen Paare«, sagt Tanner, und ich blinzle.

»Andere Paare?«

»Es ist ein Couple Retreat.«

»Ja, ich weiß, aber ich dachte ...« Ich schüttle den Kopf. »Ich wusste nicht, dass es noch andere gibt. Ich dachte, mein Ex und ich wären die einzigen Teilnehmer.«

Mavericks Mundwinkel zucken. »Es gibt immer insgesamt vier.«

»Oh.« Ich fummle unsicher an dem rotkarierten Flanellhemd, das ich mir um die Taille gebunden habe.

»Tanner leitet das Programm. Also wirst du alle geplanten Aktivitäten mit ihm machen«, erklärt Maverick weiter. Mir wird bei dem Gedanken daran ganz flau im Magen. »Du bist bei ihm in guten Händen.«

»Klar.« Ich werfe einen kurzen Blick auf Tanner. Mein Herz klopft seltsam, als ich sein Lächeln bemerke. »Dann gehe ich mal zu den anderen.«

»Es gibt Kaffee und Donuts. Bedien dich.«

»Okay, danke.« Ich husche an ihnen vorbei. Als ich die breite Treppe zur Veranda hinaufsteige, stolpere ich über meine blöden, klobigen Wanderschuhe. Im letzten Moment fange ich mich am Geländer auf, bevor ich auf die Nase fallen kann. Ich frage mich ernsthaft, ob ich diese Woche zwischen all den Paaren und Tanner überleben werde. Keine Ahnung, ob ich dafür genug Bücher eingepackt habe.

»Bist du okay?«

Weil ich weiß, dass Tanner mich das gefragt hat, mache ich mir nicht einmal die Mühe, mich umzudrehen. Um Fassung bemüht, schaffe ich auch noch die letzte Treppenstufe und erreiche die Tür. »Ja, es ging mir nie besser.«

»Du kennst die Regeln«, höre ich einen der Männer sagen, bevor sich die Vordertür hinter mir schließt. Ich stehe in einem kurzen Flur. Gemurmel und Gelächter dringen an meine Ohren. Ich betrete einen großen Raum, der in echt viel schöner als auf den Fotos im Internet ist. Er besteht aus massivem Holz, mit hohen Decken und großen Panoramafenstern, die den Blick auf einen Wald mit Ponderosa-Kiefern und prächtigen Douglasien freigeben. Auf zwei Sofas sitzen die anderen Teilnehmer des Programms. Sie unterbrechen ihre Gespräche, um mich zu mustern. Jetzt fühle ich mich noch unbehaglicher als zuvor.

»Hi.« Ich winke und schaue in die Runde. »Ich bin Cybil.«

»Freut mich sehr, Cybil.« Ein schlanker älterer Herr mit schütterem Haar und einem freundlichen Lächeln steht auf, gefolgt von einer viel jüngeren, sehr hübschen blonden Frau, die neben ihm gesessen hat. »Ich bin Dr Oliver Price.«

»Und ich bin Lauren.« Die Blondine, die förmlich an seiner Seite klebt, streckt mir ihre Hand entgegen. »Seine Freundin.«

»Schön, Sie beide kennenzulernen.« Ich lächle sie an und wende meine Aufmerksamkeit einem gutaussehenden Mann mit dunklem Haar und einer dicken, schwarz umrandeten Brille zu. Er grinst mich an.

»Ich bin Jacob«, grüßt er und nickt dem ebenso attraktiven Mann an seiner Seite zu, der mich anlächelt.

»Und ich bin sein Ehemann, Parker. Komm, setz dich.« Parker deutet auf einen von zwei Sesseln an der Stirnseite der Sofas, die sich gegenüberstehen. Ich folge seiner Aufforderung und bemerke ein drittes Paar. Die Frau hält ein Telefon hoch und spricht offenbar mit einem Kind.

»Das sind Grant und Avery. Sie reden mit ihrem Sohn«, erklärt Parker, als ich mich setze. Der Mann, der Grant sein muss, winkt mir zu, stupst seine Frau an und deutet in meine Richtung.

Sie senkt ihre Hand mit dem Handy und blickt mich freundlich an. »Entschuldigung, ich bin Avery.«

»Cybil«, stelle ich mich vor.

»Freut mich, dich kennenzulernen.«

»Ebenso«, antworte ich, als durch das Telefon ein lautes Mom zu hören ist. Avery seufzt und konzentriert sich wieder auf ihr Kind.

»Wo ist denn dein Partner?«, fragt Lauren, während sie mich von Kopf bis Fuß taxiert.

»Sie gehört zu mir«, sagt Tanner und betritt mit einer Handvoll Papiere den Raum. Er verteilt sie, während Maverick den an der Wand hängenden Fernseher einschaltet. Blake nimmt indes auf dem Sessel neben meinem Platz. Tanner gibt mir eins der Blätter, und ich erschrecke leicht, als er sich auf die breite Armlehne meines Sessels setzt. »Auf dem Papier, das ich euch gegeben haben, findet ihr unseren Tagesablauf. Jeden Tag muss in Zusammenarbeit mit eurem jeweiligen Partner eine Aufgabe erledigt werden und ...«

»Ähm, ist das fair?«, mischt sich Lauren ein und hält ihr Blatt hoch. »Wenn du ihr Partner bist, wird sie immer gewinnen, weil das dein Job ist.«

»Ich glaube nicht, dass es darum geht«, erwidert Parker genervt, und Jacob presst die Lippen zusammen, als würde er sich ein Lachen verkneifen.

»Er hat recht, das ist kein Wettbewerb«, stimmt auch Blake zu und steht auf. »Der Sinn dieses Programms ist es, Vertrauen aufzubauen. Keine Beziehung funktioniert, wenn die Partner nicht in der Lage sind, zusammenzuarbeiten, und ...«

»Entschuldigung«, unterbricht Lauren erneut, und alle blicken auf sie. »Ich frage mich nur, warum sie allein hier ist, wenn das doch ein Rückzugsort für Paare sein soll.«

»Lauren«, zischt Oliver tadelnd und starrt seine Freundin an.

»Was? Ist doch nur eine Frage.« Sie runzelt die Stirn.

»Ich bin hier, weil ich diese Reise für meinen Verlobten und mich gebucht habe. Da er inzwischen mein Ex ist, bin ich allein gekommen«, rechtfertige ich mich, um die Sache möglichst schnell klarzustellen.

»Oh«, flüstert Lauren, während alle anderen im Raum peinlich berührt wirken. »Entschuldigung.«

»Kein Problem«, entgegne ich, als sich eine schwere Hand auf meine Schulter legt.

Tanner sieht mich an, sagt aber nichts. Das muss er auch nicht, denn sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er Mitleid mit mir hat. Das ist verdammt ätzend. Ich habe diese mitleidigen Blicke und die Unbeholfenheit der Leute einfach satt. Ich wollte auf diese Reise gehen, um die Ereignisse der letzten Monate zu vergessen, und nicht, um sie wieder zu erleben.

»Da das nun geklärt ist, gehen wir den Zeitplan für die Woche durch. Ist es okay, wenn wir uns alle duzen?«, fragt Maverick, und alle nicken zustimmend. »Gut. Dann besprechen wir jetzt die Sicherheitsrichtlinien und fahren später mit dem Bus zum ersten Treffpunkt, der etwa eine Stunde entfernt liegt.« Er zeigt mit der Fernbedienung auf den Fernseher. Auf dem Bildschirm erscheint der Zeitplan, den wir schon als Ausdruck bekommen haben.

In den nächsten anderthalb Stunden höre ich Tanner, Blake und Maverick aufmerksam zu. So, wie die drei Männer interagieren, sind sie nicht nur Arbeitskollegen. Die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, hat etwas Nahtloses an sich. Sie sind völlig synchron, als würden sie sich in- und auswendig kennen. Das macht mich mehr als neugierig auf ihre Beziehung.

»Gibt es noch Fragen?«, beendet Blake die Einführung, als das Sicherheitsvideo zu Ende ist. Er betrachtet Lauren, die ihn schon ein Dutzend Mal unterbrochen hat.

»Ich glaube nicht«, sagt sie, und Oliver seufzt. Wahrscheinlich ist er erleichtert, dass wir endlich zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung übergehen können.

»Dann lasst uns die Inhalte der Rucksäcke durchgehen, um sicherzustellen, dass ihr alles habt, was ihr braucht. Und nichts Unnötiges mit in den Bus nehmt.«

»Ihr wollt unsere Rucksäcke durchsuchen?«, fragt Avery mit entsetztem Blick.

»Ja.« Maverick stemmt die Fäuste in die Hüften. »Wie in der Buchungsbestätigung vermerkt, darfst du alles mitbringen, was du brauchen könntest, außer Drogen oder Alkohol.«

»Okay«, stimmt sie leise zu.

»Los geht’s.« Maverick geht voran, und alle anderen folgen ihm nach draußen.

Ich hole gerade meinen Rucksack aus dem Kofferraum, als Tanner mich daran hindert.

»Du brauchst ihn nicht auszuladen. Wir können hier alles durchgehen«, sagt er und beginnt, den Reißverschluss zu öffnen.

»Du darfst nicht einfach in meinem Gepäck wühlen«, versuche ich panisch, ihn davon abzuhalten.

»Sunny, ich verspreche dir, dass ich schon alles gesehen habe. Es gibt nichts, was mich noch überraschen würde.«

»Selbst wenn das so ist«, entgegne ich und halte meinen Rucksack fest zu. »Ich habe hier Sachen drin, von denen ich nicht will, dass du sie siehst.«

»Das verstehe ich, aber ich muss sicherstellen, dass du nur das Nötigste dabeihast. Denn wenn dein Gepäck zu schwer ist und du es nicht tragen kannst, bin ich derjenige, der es herumschleppt. Und ich möchte lieber kein überflüssiges Zeug tragen müssen.«

»Gut.« Ich verschränke die Arme und trete einen Schritt zurück. Tanner wirft mir einen Blick zu, der mir ein seltsames Gefühl im Magen verursacht. Tanner beginnt mit seiner Arbeit. »Darf ich dann auch deinen Rucksack durchwühlen?«, frage ich und klopfe nervös mit dem Fuß auf den Boden.

»Wenn du willst.« Sein Grübchen kommt zum Vorschein. Ich greife schnell nach dem wasserdichten Beutel mit meinen BHs und meiner Unterwäsche, bevor er ihn öffnen kann. »Hast du schon mal versucht, mit dem Ding auf dem Rücken herumzulaufen, seit du alles eingepackt hast?«

»Ja.«

»Wie hat es sich angefühlt?« Er zieht meine Müsliriegel einen nach dem anderen heraus und legt sie übereinander.

»Schwer«, gebe ich zu.

»Das wird nicht besser. Nach etwa zwanzig Minuten fühlen sich fünf Kilo wie fünfzig an.« Er fängt meinen Blick ein. »Brauchst du das alles hier?« Er deutet auf meine Sachen, die er auf unterschiedliche Stapel gelegt hat.

»Wahrscheinlich nicht.« Ich betrachte meine Müsliriegel und bin mir nicht sicher, ob ich sie zurücklassen kann.

»Wir haben bei der Anmeldung nach deinen Essenswünschen gefragt und wissen, dass du Vegetarierin bist. Wir haben für alle Teilnehmer genug Proviant dabei. Niemand wird hungern müssen. Wenn ich du wäre, würde ich die Müsliriegel, die zusätzlichen Kleider und die Kamera hierlassen.«

»Nicht meine Kamera.«

»Okay, dann nur alles andere.« Er reicht mir meinen leeren Rucksack. Ich folge seiner Empfehlung, packe aber eins der drei Bücher ein. »Verurteile mich nicht dafür«, sage ich kleinlaut und deponiere einige Müsliriegel in einer der Seitentaschen. »Die mag ich am liebsten.«

»Wenn das so ist, werde ich ein paar davon für dich in meinen Rucksack geben und den Rest in die Küche der Lodge bringen. Du willst doch nicht zurückkommen und feststellen, dass dein Auto von einem Bären aufgebrochen wurde.«

»Oh, das wäre schlecht.« Ich schließe die Reißverschlüsse und setze mir den Rucksack auf die Schultern. Sobald ich aufrecht stehe, merke ich, wie viel bequemer er sich ohne das zusätzliche Gewicht anfühlt. Zu meinem Erstaunen greift Tanner nach den seitlichen Clips, justiert sie und schließt auch den Riemen um meine Taille.

»Wie fühlt sich das jetzt an?« Er zieht den Gurt fester, und mein Atem setzt aus, während es in meinem Magen zu tanzen beginnt.

»Gut.« Ich lehne meinen Kopf zurück. Als sich unsere Blicke diesmal begegnen, scheint die Luft zwischen uns zu vibrieren.

»Gut.« Seine Aufmerksamkeit fällt auf meinen Mund, und ich lecke mir über die Lippen. Seine Pupillen weiten sich. Plötzlich ertönt ein Hupen, und ich zucke zusammen. Tanner räuspert sich, nimmt den Rest meiner Müsliriegel und schließt den Kofferraum. »Du kannst schon mal zum Bus gehen. Ich komme gleich nach.«

»Danke«, antworte ich, unfähig, mehr zu sagen, und eile davon. Auf der Fahrt zu unserem ersten Treffpunkt versuche ich herauszufinden, was zum Teufel mit mir los ist. Und warum Tanner in der Lage ist, mich Dinge fühlen zu lassen, die ich noch nie zuvor empfunden habe.

4. Kapitel

Tanner

Als ich Cybil lachen höre, schaue ich zu ihr hinüber. Sie steht ein paar Meter entfernt und sich mit Jacob und Parker. Gestern in der Bar hat mich ihre Schönheit einen Moment aus dem Konzept gebracht. Ihre humorvolle Art überraschte mich, aber noch mehr die Anziehungskraft, die sofort zwischen uns herrschte. Ich hoffe zumindest, dass sie es auch gespürt hat.

Ich fluche leise vor mich hin. Wie konnte mir entgehen, dass sie eine der Programmteilnehmerinnen ist? Vor jeder Reise sehe ich mir die Profile unserer Kunden an. Es hilft mir, mich schon vorab mit ihnen vertraut zu machen. Doch in der Bar hatte ich noch keine Ahnung, dass ich die nächste Woche mit der wunderschönen Frau verbringen würde, der ich dort begegnet bin.

»Verdammt, ich bin im Arsch«, brumme ich, als ich beobachte, wie sie ihre Stiefel schnürt. Ich hätte nicht gedacht, dass sie noch schöner aussehen könnte als gestern. Aber als sie heute aus ihrem Geländewagen gestiegen ist, in Wanderstiefeln, Wollsocken, Leggings, einem weißen T-Shirt und einem Flanellhemd, das sie um ihre Taille gebunden hat, was ihre Kurven noch mehr zur Geltung bringt ... Ich wusste sofort, dass ich in Schwierigkeiten stecke. Sie trägt sogar ein zum Hemd passendes Tuch, und ihr blondes Haar hat sie zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt.

Nach seinen vielen Flüchen zu urteilen, hat Blake meine Reaktion auf sie bemerkt. Sobald Cybil im Haus verschwunden war, hielt er mir einen Vortrag darüber, welche Art von Beziehungen wir zu unseren Kunden pflegen und welche nicht. Eine Erinnerung, die ich nicht brauchte. Ich würde niemals meine Freundschaft zu Blake oder Maverick gefährden. Sie sind die einzige Familie, die ich je hatte. Und ich würde auch nie unser Geschäft aufs Spiel setzen. Nicht einmal für Cybil. Auch wenn mich noch keine Frau so in ihren Bann gezogen hat wie sie.

Wenn diese Woche vorbei ist und die Anziehung zwischen uns noch da sein sollte, ist alles möglich. Die Zeit bis dahin werde ich nutzen, um sie kennenzulernen. Hoffentlich kann ich meine Hände und meinen Mund für die nächsten sechs Tage und zwölf Stunden bei mir behalten.

»Jeder hat sein Mittagessen erhalten, und Blake wird gegen fünf mit dem Abendessen am Campingplatz sein«, sagt Maverick, während ich mir meinen Rucksack auf den Rücken schnalle. »Bist du bereit?«

»Ja.«

»Du hast ein Auge auf sie geworfen.« Er grinst und blickt zu Cybil hinüber.

»Fang du nicht auch noch damit an«, murmle ich, und er lacht. Blake und Mav könnten nicht unterschiedlicher sein. Seit ich Blake auf unserer ersten Tour in Übersee kennengelernt habe, ist er ein strenger Verfechter unserer Regeln. Mav hingegen geht das Leben entspannter an und lässt die Dinge gern auf sich zukommen. Ich bin ein bisschen von beiden, je nachdem, wie die Umstände gerade sind. Ich glaube, das ist ein Grund, warum wir drei ein so gutes Team sind.

»Ich wollte dir nur viel Glück wünschen.« Er holt das Satellitentelefon aus seiner Gesäßtasche und gibt es mir. »Ruf an, wenn du in Schwierigkeiten gerätst.«

»Wird gemacht.« Ich überlege, ob ich an alles gedacht habe, und gehe zu der Gruppe hinüber.

»Es ist nicht üblich, Bären auf der Wanderung zu sehen«, sagt Blake, während er jedem eine Dose Bärenspray überreicht. »Aber sie sind in der Nähe, ebenso wie Pumas. Wie wir heute Morgen besprochen haben, ist es wichtig, dass ihr eure Umgebung bewusst wahrnehmt und auf euren Partner achtet. Bitte benutzt das Bärenspray nur, wenn wirklich ein Bär in der Nähe ist.« Er wirft Lauren einen Blick zu, und sie lässt die Finger vom Sicherheitsriegel der Dose. »Viel Spaß bei der Wanderung. Wir sehen uns heute Abend auf dem Campingplatz zum Essen.« Im Vorbeigehen tippt er mir auf die Schulter. »Sie gehören ganz dir.«

Ich stelle mich zur Gruppe und schaue mir jeden von ihnen genau an. »Jacob, Parker, ihr beide führt uns den Weg hinauf, Cybil und ich werden am Ende der Gruppe folgen. Wie Blake schon sagte, muss jeder von euch aufmerksam sein und auch aufmerksam bleiben. Wenn jemand eine Pause braucht, soll er es sagen. Dann werden wir alle anhalten. Und trinkt zwischendurch immer wieder etwas. Ihr wollt hier draußen nicht dehydrieren. Noch Fragen?«

Als sich niemand meldet, fordere ich Jacob und Parker auf, die Führung zu übernehmen. Während sie sich auf den in den Berghang geschnittenen Weg begeben, höre ich, wie hinter uns der Bus abfährt.

»Bist du jemals einem Bären begegnet, als du hier draußen gewandert bist?«, fragt Lauren, während sich Cybil an meine Seite stellt.

»Ein paar Mal. Aber normalerweise flüchten sie, wenn sie uns kommen hören. Daher sieht man sie sehr selten.«

»In meinem Haus in Oregon bin ich eines Morgens einem Schwarzbären begegnet, als ich zu meinem Geschäft auf der anderen Straßenseite gehen wollte«, erzählt Cybil und lacht. »Ich hätte fast einen Herzanfall bekommen. Bis dahin hatte ich die Tiere nur aus der Ferne gesehen und wusste nicht, wie groß sie wirklich sind.«

»Was ist dann passiert?«, erkundigt sich Avery und dreht sich zu ihr um.

»Wir starrten uns eine gefühlte Ewigkeit an, dann rannte er weg. Ich ging zurück in mein Haus, um einen Topf und einen Löffel zu holen, damit ich ordentlich Lärm machen konnte.« Cybil kichert, und ich muss grinsen. »Ich habe ihn seit diesem Morgen nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, dass er in der Nähe ist, denn ab und zu nimmt ihn die Kamera an meiner Türklingel auf.«

»Woher weißt du, dass es keine Bärin war?«, hakt Lauren nach.

»Ich war mir nicht sicher und habe gegoogelt, wie man den Unterschied erkennt. Offenbar haben männliche Bären größere, rundere Gesichter, was den Anschein erweckt, als hätten sie kleine Ohren.«

»Das ist interessant«, sagt Avery und schaut zu ihrem Mann auf. »Menschenmännchen haben auch größere Köpfe.«

»Hexe.« Er grinst und nimmt die Hand seiner Frau.

Als der Wanderweg steiler wird, beobachte ich die Gruppe genauer. Ich versuche, herauszufinden, ob es allen gut geht. Bevor man für eine Reise mit Live Life Adventures zugelassen wird, muss man sich untersuchen lassen und einen Fragebogen ausfüllen. Daher wissen wir ziemlich genau, wie viel körperlichen Einsatz wir von den Teilnehmern verlangen können. Cybil, Avery und Lauren haben angegeben, dass sie zwar aktiv, aber nicht gerade abenteuerlustig sind. Ich muss aufpassen, dass sich niemand übernimmt. Denn wenn man mit Leuten unterwegs ist, die fitter sind als man selbst, fühlt man sich leicht unter Druck gesetzt, mehr zu leisten als man kann.

»Warst du schon immer ein Anführer?«, fragt Cybil leise und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Sie starrt auf ihre Füße, während wir den felsigen Pfad hinaufgehen.

»Nein. Blake, Maverick und ich waren bei den Marines. Während unseres letzten Einsatzes in Übersee haben wir beschlossen, dass wir zusammen eine Geschäftsidee entwickeln wollen. Beim Militär waren wir auf Teamwork und Überlebenstechniken spezialisiert, und dachten uns, dass wir dieses Wissen auf die reale Welt übertragen könnten.«

»Wann hast du das Militär verlassen?«

»Ich bin im nächsten Monat drei Jahre draußen, Mav und Blake sind mir ein paar Monate gefolgt.«

»Du hast in Übersee bestimmt viel gesehen.« Sie blickt zu mir auf. Ihre Augen wirken noch blauer vor dem Hintergrund der Wälder und des Lichts, das durch die Baumkronen fällt.

»Das haben wir«, stimme ich zu, sage aber nicht mehr. Ich bin dankbar, dass sie nicht weiter nachhakt. Über meine Zeit bei den Marines spreche ich nicht gern. Wir haben vor allem in Übersee zu viel erlebt.

»Dann habt ihr also beschlossen, nach Montana zu ziehen? Bist du von hier?«

»Nein, ich bin in Kentucky aufgewachsen. Blake stammt aus der Gegend. Seine Familie lebt im Tal, und seinen Eltern gehörte das Land, auf dem sich jetzt die Lodge befindet. Als wir mit unserem Geschäftsplan zu ihnen kamen, verkauften sie uns zehn Hektar ihres Grundstücks.«

»Das ist toll. Und woher kommt Maverick?«

»New Mexico.«

»Ihr seid beide weit weg von zu Hause. Das muss schwer für euch sein.«

»Nicht so schwer, wie du denkst«, antworte ich. Sie mustert mich aufmerksam, und ich weiß, dass sie mehr sieht, als sie sollte. Ihre Miene wird sanfter, was sie nur noch schöner macht. »Was ist mit dir? Hast du schon immer in Oregon gelebt?«

»Mein ganzes Leben.« Sie stolpert, aber ich greife nach ihrem Arm und stütze sie, bevor sie fallen kann. »Danke«, haucht sie.

»Jederzeit.« Wir gehen weiter bergauf, und ich konzentriere mich wieder auf die Gegend und die Gruppe. »Jacob«, rufe ich, und er bleibt stehen. Auch die anderen drehen sich zu mir um. »Wir halten an der Lichtung etwa zwanzig Minuten vor uns und essen zu Mittag.«

»Verstanden.« Wir setzen unseren Weg fort.

Als wir die Lichtung erreichen, melde ich mich mit dem Satellitentelefon bei Maverick. Anschließend mache ich mich auf die Suche nach Cybil, die ich aus den Augen verloren habe. Ich finde sie mit einem Buch in der einen und einem Sandwich in der anderen Hand auf einem Baumstamm sitzend. Erleichtert stelle ich meinen Rucksack ab, nehme mein Mittagessen und geselle mich zu ihr.

»Was liest du da, Sunny?« Mitten im Satz blickt sie zu mir auf und dreht das Buch so, dass ich den Titel erkennen kann. Der Preis des Königs. Angesichts des mittelalterlich wirkenden Paares, das sich auf dem Cover küsst, ziehe ich eine Braue hoch. »Ist es gut?«

Sie legt das Buch weg, nimmt ihre Wasserflasche und trinkt einen Schluck. »Ich bin noch ganz am Anfang. Aber es wurde von einem meiner Lieblingsautoren geschrieben. Also hoffe ich es.«

»Hm.« Ich packe mein Sandwich aus und nehme einen Bissen, während sie ihr Buch wieder aufschlägt.

»Du starrst mich an«, gibt sie mir nach ein paar Minuten zu verstehen, und ich grinse. Ich kenne nicht viele Frauen, die sagen, was sie denken.

»Ich sehe dich gern an«, erwidere ich ehrlich, und ihre Wangen bekommen einen hübschen Rosaton.

»Hör auf«, murmelt sie, ohne ihren Blick von ihrem Buch zu heben. »Ich fühle mich seltsam dabei.«

»Seltsam«, wiederhole ich, was ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich lenkt.

»Ja, seltsam. Solltest du nicht mit den anderen essen?«

»Nein, Mahlzeiten sind Pausenzeiten«, antworte ich und nehme den letzten Bissen von meinem Sandwich. Sie seufzt und wendet sich wieder ihrem Buch zu. »Warum isst du nicht mit den anderen?«

»Ich bin das Alleinsein gewohnt. Längere Zeit unter Menschen zu sein, zehrt an meinen Kräften.« Sie rümpft die Nase. »Versteh mich nicht falsch – ich mag Menschen; ich brauche nur ab und zu meine Ruhe.«

»Mir geht es genauso.«

»Wirklich?« Sie hebt eine Braue.

»Nach einer Woche hier draußen mit den Teilnehmern muss ich immer ein paar Tage allein verbringen. Es macht Mav und Blake wahnsinnig, wenn ich das tue und sie mich nicht erreichen können«, gebe ich zu und frage mich, was wir sonst noch an Gemeinsamkeiten haben. Ich kenne nicht viele Menschen, die gern allein sind.

»Das macht meine beste Freundin Jade auch verrückt.« Sie lacht, und mein Magen zieht sich zusammen. »Und sie findet, dass ich mich ständig in meinem Laden verstecke, weil ich jeden Tag arbeite. Nur wenn ich Ware verschicke, hilft mir mein Nachbar Earl.«

»Welche Art von Laden?«

»Es ist kein richtiger Laden, eher eine Werkstatt, in der ich meine Materialien und meine Nähmaschine aufbewahre. Ich entwerfe und verkaufe vegane Lederhandtaschen in ein paar lokalen Geschäften und online über meine Webseite und soziale Medien.«

»Wirklich? Wie bist du dazu gekommen?«