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In 'Stolz & Vorurteil' von Jane Austen wird die Geschichte der Familie Bennet im England des späten 18. Jahrhunderts erzählt. Der Roman erforscht die sozialen Konventionen und Beziehungen der Zeit, insbesondere die Rolle von Stolz und Vorurteil in der Gesellschaft. Austens literarischer Stil zeichnet sich durch ihre feine Beobachtungsgabe, ihren scharfen Witz und ihre subtile Ironie aus, die den Leser sowohl unterhalten als auch zum Nachdenken anregen. 'Stolz & Vorurteil' gilt als Meisterwerk der englischen Literatur und ist ein Klassiker des romantischen Realismus. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 655
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Stolz und Vorurteil prallen aufeinander, und in der Reibung entsteht Selbsterkenntnis. Jane Austens Roman zeigt, wie schnell ein Urteil gefällt wird und wie mühsam seine Korrektur ausfällt. Zwischen gesellschaftlicher Fassade und privatem Empfinden entspinnt sich ein Spiel der Blicke, Gesten und Worte, in dem Anstand, Eitelkeit und Sehnsucht um Vorrang ringen. Zugleich legt das Buch offen, wie soziale Erwartungen persönliche Entscheidungen formen. So nimmt es die Lesenden mit in eine Welt, die höflich und spitz zugleich ist, und macht erfahrbar, wie kleine Missverständnisse große Bahnen lenken. Die zentrale Spannung bleibt dabei stets menschlich, präzise und erhellend.
Jane Austen, geboren 1775 und gestorben 1817, veröffentlichte Stolz und Vorurteil im Jahr 1813. Der Roman basiert auf einem früheren Entwurf aus den späten 1790er Jahren, den Austen gründlich überarbeitete. Entstanden ist das Werk im England der Regency-Zeit, in einem Milieu der Landed Gentry, dessen Gewohnheiten, Gespräche und Regeln den Rahmen bilden. Die Präzision ihrer Beobachtungen, die Eleganz ihrer Prosa und die souveräne Ironie der Erzählstimme verbinden Alltag und Kunst zu einer Form, die bis heute exemplarisch geblieben ist. Stolz und Vorurteil gilt als Muster des Gesellschaftsromans, der individuelle Neigungen mit sozialer Ordnung produktiv in Spannung hält.
Die Ausgangssituation ist überschaubar und brisant: Die Familie Bennet hat fünf Töchter, doch das Anwesen ist an einen männlichen Erben gebunden. Eine gute Partie scheint über Zukunft und Sicherheit zu entscheiden. Als ein wohlhabender Junggeselle in die Nachbarschaft zieht und sein Freund ihn begleitet, gerät das Umfeld in Erwartung und Aufregung. Begegnungen auf Bällen, Besuche und Gespräche lassen erste Eindrücke entstehen, die schmeicheln, irritieren oder verfangen. Im Zentrum steht Elizabeth Bennet, deren Scharfsinn und Unabhängigkeit sie ebenso auszeichnen wie ihre schnelle Urteilsfähigkeit. Mehr als spektakuläre Ereignisse liefern Nuancen, Takt und Ton die Spannung der Erzählung.
Dass Stolz und Vorurteil als Klassiker gilt, liegt am souveränen Zusammenspiel von Form und Einsicht. Austen macht die sozialen Konventionen sichtbar, ohne je ihre Figuren zu verraten. Ihre Ironie ist präzise, aber nicht spöttisch; sie urteilt, indem sie zeigt. Literarisch prägend wurde das Verfahren der erlebten Rede, mit dem innere Regungen in die Erzählstimme einsickern. So begleitet man Gedanken und Stimmungen, ohne dass psychologische Erklärungen schwerfällig würden. Aus dieser Nähe erwächst intellektisches Vergnügen: Man lernt, wie Wahrnehmung funktioniert, wie sie täuscht und sich berichtigen lässt. Das Buch bildet damit zugleich Leserinnen und Leser: aufmerksam, geduldig, gerecht.
Austens Themen sind tragfähig, weil sie elementar sind: Liebe und Urteil, Freiheit und Bindung, Stellung und Selbstachtung. Die Ehe erscheint weder bloß als Romanze noch nur als Vertrag, sondern als Schnittpunkt von Gefühl und gesellschaftlicher Lage. Geld, Besitz und Erbe strukturieren Beziehungen; Rang und Ruf bestimmen Spielräume; Bildung des Charakters wiegt mehr als Dekorum. Der Roman zeigt, wie Erwartungen Sprache formen, wie Höflichkeit verteidigt, verziert oder verdeckt. Und er fragt, ob Integrität in einer Welt des Anscheins Bestand haben kann. Mit feinem Humor und analytischem Blick gewinnt Austen aus scheinbar kleinen Dingen allgemeine Gültigkeit.
Die Figuren sind unvergesslich, weil sie Typus und Individuum zugleich sind. Elizabeth Bennet verbindet Geist, Witz und Mut zur eigenen Meinung; sie sieht viel, irrt gelegentlich und wächst daran. Ihr Gegenüber, Mr. Darcy, wirkt reserviert, standesbewusst und kontrolliert, bleibt jedoch stets mehrdeutig genug, um auf neugierige Lektüre zu bestehen. Um sie herum entfaltet sich ein Ensemble, in dem Eltern, Geschwister, Freunde und Bekannte die Vielfalt einer lebendigen Gesellschaft spiegeln. Komische Übertreibung und psychologische Genauigkeit halten einander die Waage. So entsteht ein Panorama, das Haltung und Schwäche, Prinzipien und Eitelkeiten auf engem Raum sichtbar macht.
Historisch beleuchtet der Roman die Mechanik von Vermögen, Erbfolge und weiblicher Handlungsfreiheit. Die Bindung eines Gutes an eine männliche Erblinie schafft Abhängigkeiten, die höfl icher Umgangston nicht aufheben kann. Frauen sind auf Anerkennung, Mitgift und Reputation angewiesen, um Wahlmöglichkeiten zu behaupten. Austen legt diese Bedingungen nicht mit Thesen offen, sondern mit Szenen, die den Druck sozialer Erwartungen unübersehbar machen. Daraus erwächst eine leise, aber deutliche Kritik: Der Schein der Ordnung hat Kosten, und Höflichkeit ist keine Garantie für Gerechtigkeit. Indem der Roman strukturelle Zwänge zeigt, gewinnt er moralische und gesellschaftliche Schärfe.
Der literarische Einfluss des Buches ist beträchtlich. Stolz und Vorurteil prägte den englischen Gesellschaftsroman und wirkte auf Erzählweisen, die Introspektion, Dialogkunst und soziale Beobachtung verbinden. Der Text hat Generationen von Autorinnen und Autoren inspiriert, die Ironie als Erkenntniswerkzeug zu nutzen und Figuren nicht durch Thesen, sondern durch Situationen zu charakterisieren. Über die Literatur hinaus hat der Roman zahlreiche Bühnenfassungen, Film- und Fernsehbearbeitungen sowie moderne Umarbeitungen hervorgebracht. Diese anhaltende Produktivität zeigt, wie produktiv seine Grundkonstellation bleibt: Missverständnisse und Maßstäbe, Nähe und Distanz, Gefühl und Urteil.
Austens Stil ist ökonomisch und musikalisch. Jeder Satz trägt Bedeutung, jede Pointe sitzt, jeder Dialog bewegt die Handlung und vertieft zugleich die Figurenzeichnung. Die erlebte Rede lässt Wahrnehmungen ohne erklärende Zwischentexte aufscheinen und erzeugt eine feine Spannung zwischen Erzählinstanz und Figurensicht. Damit entstehen Momente stiller Komik, in denen Anstand und Absurdität einander spiegeln. Auch die Komposition ist sorgfältig: Schauplätze, Besuche, Ballabende und Briefe strukturieren die Begegnungen und setzen Akzente. Durch Rhythmus und Wiederkehr formt der Roman Erinnerungsräume, in denen die Lesenden Reaktionen prüfen und Urteile schrittweise kalibrieren können.
Das Lesevergnügen entsteht nicht nur aus Witz und Tempo, sondern auch aus moralischer Klarheit, die nie belehrend wirkt. Man folgt Gesprächen, beobachtet kleine Gesten, liest zwischen den Zeilen und spürt, wie Bedeutung sich zusammenfügt. Konflikte tragen, weil sie aus verständlichen Motiven entspringen, und Lösungen überzeugen, weil sie gereifte Einsichten verlangen. Der Roman lädt dazu ein, momentane Sympathien zu überprüfen und schnellen Schlussfolgerungen zu misstrauen. Er belohnt Aufmerksamkeit, denn jede Nuance kann Gewicht erhalten. So erweist sich Austens Kunst als Schule des Beobachtens, in der genaues Lesen und maßvolles Urteilen Hand in Hand gehen.
Auch heute bleibt das Buch aktuell, weil seine Fragen unsere Gegenwart durchziehen. Erste Eindrücke und soziale Signale prägen weiterhin Urteile, ob im Gespräch, am Arbeitsplatz oder in digitalen Räumen. Statusfragen haben Formen gewechselt, nicht ihre Wirkung. Der Roman zeigt, wie Bewunderung, Scham, Ungeduld und Eitelkeit Entscheidungen färben und wie Selbstprüfung zu gerechteren Maßstäben führt. Er erinnert daran, dass Charakterbildung weder abstrakt noch laut ist, sondern in Rücksicht, Mut und Wahrhaftigkeit sichtbar wird. Wer Austens Welt betritt, erkennt Muster, die bis in moderne Beziehungen und Debatten hineinreichen.
Stolz und Vorurteil bleibt deshalb lesenswert: Es verbindet Formstrenge mit Leichtigkeit, psychologische Präzision mit Humor und Gesellschaftsanalyse mit Hoffnung auf Einsicht. Austen führt vor, dass wahre Bildung im Verlernen falscher Gewissheiten beginnt und dass Urteilskraft ein erarbeitetes Gut ist. Der Roman bietet Vergnügen und Orientierung zugleich, ohne Rezept oder Parole vorzugeben. In seinem feinen Gleichgewicht von Distanz und Anteilnahme liegt seine zeitlose Qualität. Wer sich auf diese Kunst des genauen Hinsehens einlässt, findet nicht nur eine Geschichte, sondern ein Maß, mit dem man die Welt und sich selbst prüfen kann.
Jane Austens Roman Stolz & Vorurteil, 1813 veröffentlicht, spielt im ländlichen England des frühen 19. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Familie Bennet mit fünf Töchtern und einem vererbten Anwesen, das nicht an die Töchter übergehen kann. Daraus erwächst ein sozialer Druck: vorteilhafte Ehen sollen materielle Sicherheit und gesellschaftlichen Status sichern. Als ein wohlhabender Junggeselle ein nahegelegenes Gut mietet, erregt er die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft und setzt die Handlung in Gang. Der Roman verbindet Beobachtungsgabe, Ironie und genaue Milieuschilderung, um Konventionen, Erwartungen und individuelle Wünsche gegeneinander auszuspielen und die Spannungen zwischen Gefühl, Vernunft und gesellschaftlicher Stellung zu erkunden.
Der neue Mieter von Netherfield Park, Mr. Bingley, zeigt sich offen und verbindlich und gewinnt rasch Sympathien; seine Aufmerksamkeit für die sanfte Jane Bennet lässt eine leise Hoffnung entstehen. Sein Freund Mr. Darcy dagegen wirkt zurückhaltend, stolz und wenig zugänglich, was Missfallen erregt und frühe Urteile festigt, besonders bei Elizabeth Bennet, Janes scharfsinniger Schwester. In dieser Auftaktphase etabliert der Roman ein Spannungsfeld aus äußeren Manieren und inneren Beweggründen: gesellschaftliche Umgangsformen, Tanzveranstaltungen und Besuche liefern die Bühne, auf der Anziehung, verletzte Eitelkeit und Rangbewusstsein erste Spuren hinterlassen und die späteren Entwicklungen vorbereiten, ohne schon klare Bindungen zu besiegeln.
Janes stille Zuneigung und Bingleys Entgegenkommen vertiefen sich, doch Elizabeths Begegnungen mit Darcy schärfen ihre Skepsis gegen Stolz und Standesdünkel. Der Besuch von Mr. Collins, dem künftigen Erben des Bennet-Gutes und protegiert von einer einflussreichen Adligen, veranschaulicht die ökonomische Logik des Heiratsmarkts. Seine unbeholfene Werbung um Elizabeth scheitert an ihrer Eigenständigkeit und mahnt zugleich die Familieninteressen. Dass eine vernünftige Freundin seine anschließende Offerte annimmt, markiert einen nüchternen Kontrapunkt: persönliche Neigung und pragmatische Kalkulation stehen ohne klare Versöhnung nebeneinander. Die Figuren ordnen sich vorerst den Konventionen, doch innere Maßstäbe beginnen, diese still zu hinterfragen.
Mit dem charmanten Offizier Mr. Wickham tritt eine weitere Perspektive auf Darcy in Erscheinung. Seine Andeutungen über frühere Ungerechtigkeiten bestärken Elizabeth in ihrem Urteil und illustrieren, wie leicht äußere Anmut Überzeugungskraft gewinnt. Ein großer Ball bündelt die Spannungen: höfliche Formen überdecken unausgesprochene Kränkungen und Missverständnisse. Bald darauf verlässt Bingley überraschend die Gegend; die Gründe liegen im Zusammenspiel aus Zurückhaltung, Ratschlägen und gesellschaftlicher Vorsicht. Für Jane bedeutet dies stille Enttäuschung, für Elizabeth eine Bestätigung ihrer Annahmen über Einflussnahme und Standesdenken. Der Roman vertieft damit das Thema voreiliger Bewertungen und zeigt, wie fragile Signale soziale Dynamiken lenken.
Elizabeth besucht ihre verheiratete Freundin und lernt im Umfeld eines großen Landsitzes die strengen Vorstellungen einer adeligen Patronin kennen. Dort begegnet sie erneut Darcy, dessen Verhalten zwischen formeller Korrektheit und unbeholfener Aufmerksamkeit schwankt. Die Nähe führt zu einem überraschenden Heiratsantrag, der Elizabeths Unmut über vermutete Eingriffe in Janes Angelegenheiten und über Wickhams Darstellung hervortreten lässt. Ihre Ablehnung erklärt sich aus moralischen und familiären Erwägungen sowie aus gekränkter Empfindung. Dieser Wendepunkt stellt die Grundbegriffe des Romans in den Vordergrund: persönlicher Stolz, gesellschaftliche Vorurteile und die Frage, ob Charakterurteile auf hinreichend fester Grundlage beruhen.
Ein ausführlicher Brief eröffnet Elizabeth eine alternative Sicht auf vergangene Ereignisse und fügt Fakten hinzu, die bisherige Annahmen erschüttern. Der Roman verlagert den Fokus auf Selbstprüfung: Elizabeth misst ihre Schlüsse an neuem Wissen und erkennt blinde Flecken im eigenen Urteil. Später, auf einer Reise mit Verwandten, führt ein zufälliger Besuch in Darcys Heimatgut vor Augen, wie Umgebung, Verantwortung und Zeugnisse Dritter einen Charakter nuancieren können. Darcys rücksichtsvolles Auftreten gegenüber Elizabeths Angehörigen kontrastiert frühere Eindrücke. Ohne eine endgültige Entscheidung zu treffen, öffnet sich der Raum für veränderte Wahrnehmung, Respekt und eine vorsichtige Revision von Vorurteilen.
Die scheinbar privater werdende Entwicklung erfährt eine jähe Unterbrechung durch eine familiäre Krise: Eine jüngere Bennet-Schwester brennt mit einem Offizier durch. In der damaligen Gesellschaft bedeutet dies mehr als ein Skandal; die Ehre der gesamten Familie und die Zukunft der Schwestern stehen auf dem Spiel. Der Ton des Romans verdichtet sich, da Diskretion, Geldfragen und Verhandlungen hinter den Kulissen in Bewegung geraten. Die Episode macht sichtbar, wie verletzlich Ansehen und Chancen sind, wenn Impulsivität auf rigide Normen trifft. Gleichzeitig prüft sie die Verlässlichkeit der Beteiligten und legt stilles Handeln neben laute Beteuerungen.
Nach der Krise verändern sich Einstellungen und Beziehungen spürbar. Begegnungen, die zuvor von Stolz oder Missdeutung geprägt waren, gewinnen an Offenheit. Die Rückkehr vertrauter Bekannter in die Nachbarschaft weckt alte Gefühle und stellt frühere Entscheidungen auf die Probe. Zudem kommt es zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit einer standesbewussten Aristokratin, die Ansprüche formuliert und Grenzen setzen will. Elizabeth behauptet ihre Stimme und betont individuelle Wahlfreiheit gegenüber gesellschaftlichem Druck. Parallel zeigt sich bei anderen Figuren die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen. Aus vorsichtigen Korrekturen erwächst die Möglichkeit einer Verständigung, ohne dass der Roman bereits ein endgültiges Ergebnis fixiert.
Stolz & Vorurteil entfaltet damit mehr als eine Liebesgeschichte: Es ist eine präzise Studie über Urteilskraft, Klassengrenzen und die Kunst, Gefühl und Vernunft ins Gleichgewicht zu bringen. Heirat erscheint zugleich als ökonomische Institution und persönliche Bindung, Freundlichkeit als Prüfstein, Stolz als Schutz und Hindernis. Indem der Roman Figuren zu Selbstkenntnis und Fairness anleitet, hinterfragt er starre Hierarchien und schätzt Charakter über Herkunft. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Einladung, über die Grundlagen unserer Urteile nachzudenken und Korrekturen zuzulassen. Ohne das Ende vorwegzunehmen, deutet die Erzählung an, dass Offenheit und Integrität Wege eröffnen, die Konventionen allein nicht weisen.
Jane Austens Stolz & Vorurteil ist in den englischen Landbezirken der späten georgianischen und frühen Regency-Zeit verortet, ungefähr zwischen den 1790er Jahren und den frühen 1810er Jahren. Das gesellschaftliche Gefüge wurde von der Grundbesitzerklasse (gentry), dem Erbrecht, der anglikanischen Kirche und patriarchalen Familienstrukturen getragen. Monarchie und Adel setzten den Ton höfischer und gesellschaftlicher Normen, während lokale Magistrate und Grundherren den Alltag prägten. In einer Welt begrenzter weiblicher Rechtsfähigkeit und klarer Standesabstände entscheidet Herkunft über Heirat, Wohnort und Lebensstil. Die ländliche Festigkeit kontrastiert mit den Spannungen eines Königreichs im Krieg mit Frankreich, dessen Auswirkungen bis in Kleinstädte und Ballzimmer hineinreichen.
Austen arbeitete die erste Fassung des Romans unter dem Titel First Impressions 1796/97 aus. Eine Veröffentlichung scheiterte damals; die endgültig überarbeitete Fassung erschien 1813 anonym „By a Lady“ bei Thomas Egerton in London. Die Autorin hatte seit Kindheitstagen in Hampshire geschrieben, lebte zeitweise in Bath und kehrte 1809 nach Chawton zurück, wo sie mehrere Werke überarbeitete. Familiennetzwerke – insbesondere ihr Bruder Henry – unterstützten Kontakt mit Verlegern. Der Roman erschien im verbreiteten Drei-Bände-Format, das auf Leihbibliotheken zugeschnitten war. Diese Publikationsumstände spiegeln eine expandierende, aber stark regulierte literarische Öffentlichkeit mit geschlechtsspezifischen Erwartungen an Autorinnen.
Politisch fällt die Veröffentlichung in die Regency (ab 1811), als der Prinzregent die Regierungsgeschäfte für den erkrankten Georg III. führte. Zwei große Parteien – Whigs und Tories – bestimmten den Parlamentsbetrieb, während die „gemächliche“ Provinzgesellschaft vor Ort scheinbar unberührt weiterlebte. Doch Kriegskosten, Steuern und Versorgungslagen drangen in den Alltag: etwa die Einführung der Einkommensteuer 1799 zur Kriegsfinanzierung. Stolz & Vorurteil blendet ausdrücklich Parlamentspolitik aus, zeigt aber, wie solcher Makrokontext über Militärpräsenz, Vermögenssicherheit und gesellschaftliche Unsicherheit in die Mikroökonomie des Heiratens und Haushaltens einsickert.
Ein zentrales historisches Fundament des Romans sind Erb- und Eigentumsregeln. Primogenitur und strikte Settlement-Praktiken banden Land an männliche Linien, während entails die Veräußerung und weibliche Erbfolge einschränkten. Coverture fasste das Eigentum der Ehefrau rechtlich unter die Hand des Ehemannes. Für Töchter ohne Brüder bedeutete dies reale Verwundbarkeit: Heirat und Heiratsverträge (settlements) wurden zur ökonomischen Absicherung. Die Handlung spiegelt die Konsequenzen eines an einen männlichen Erben gebundenen Landsitzes und die daraus resultierende Dringlichkeit „guter“ Verbindungen. Der Roman macht sichtbar, wie Rechtsarchitektur intime Entscheidungen steuert und soziale Hierarchien stabilisiert.
Die Kultur der Bekanntschaften, Bälle und Besuche regelte, wie Paare zueinander fanden. Assemblies in Marktstädten boten kontrollierte Kontaktflächen; Chaperonage, Rangabstände und Etikette minimierten soziale „Grenzverletzungen“. Heiratsverträge verknüpften Zuneigung mit Mitgift, jährlichen Renten und Vermögenssicherungen. In diesem Rahmen wird Heirat als ökonomisch-moralische Angelegenheit verhandelt: Charakter und Stand sollten zusammenpassen, doch Fortuna und Reputation konnten den Ausschlag geben. Der Roman nutzt diesen Kodex, um zu zeigen, wie schnell Anerkennung kippt, wie empfindlich weibliche Lebenswege auf Gerüchte reagieren und wie prekären Wert „gute Partien“ in einem engen Markt erhalten.
Klassenunterschiede prägen die Figurenkonstellation: die höhere Aristokratie, die fest etablierte gentry, wohlhabende Neuankömmlinge mit Handelsvermögen und das professionelle Bürgertum. Vermögen aus Handel oder Spekulation stieg im späten 18. Jahrhundert auf und drang in ländliche Eliten vor, oft über Landkauf oder das Mieten von Gütern. Stolz & Vorurteil setzt diese Durchlässigkeiten in Szene: Snobismus, paternalistische Bevormundung und höfliche Grenzziehung markieren Verhandlungsräume zwischen „altem“ Landbesitz und „neuem“ Geld. Die Spannungen zeigen, wie Status nicht nur von Geburt, sondern von Auftreten, Bildung und moralischer Verantwortung abhängig gemacht wurde.
Die ländliche Ökonomie der Zeit beruhte auf Pacht, Rente und agrarischer Modernisierung. Seit dem 18. Jahrhundert beschleunigten Einhegungen (enclosure) die Umwandlung gemeinsamer Flächen in produktivere, aber exklusivere Bewirtschaftung. „Verbessernde“ Grundbesitzer investierten in Drainagen, Fruchtfolgen, Züchtung und Infrastruktur; Bewirtschaftungsgeschick galt als Ausweis legitimer Autorität. Kriegskonjunkturen erhöhten zeitweise Preise und Pachten. Vor diesem Hintergrund sind Güterverwaltung, Mietverhältnisse und lokale Wohltätigkeit nicht nur Kulisse, sondern Prüfsteine sozialer Verantwortung, an denen der Roman seine Beurteilung männlicher Tugend, Haushaltsführung und die Glaubwürdigkeit von Statusansprüchen ausrichtet.
London fungierte als politisches, finanzielles und modisches Zentrum. Die städtische „Season“ strukturierte gesellschaftliche Kontakte, während Besuche aus der Provinz zugleich Chancen und Risiken für Reputation boten. Ein ausgebautes Post- und Straßenwesen – gestützt durch Turnpike-Trusts und Mail-Coaches seit den 1780ern – verkürzte Reisezeiten und intensivierte Briefkultur. Stolz & Vorurteil nutzt diese Infrastruktur erzählerisch: Briefe transportieren Informationen und Missverständnisse; Reisen verknüpfen Provinz und Hauptstadt. Die Attraktivität Londons als Schauplatz von Konsum, Vergnügen und Intrige kontrastiert mit der behaupteten moralischen Stabilität des Landsitzes.
Die anhaltenden Kriege gegen Frankreich (1793–1815) bilden den unmittelbaren politischen Hintergrund. Zur Heimverteidigung wurden County-Milizen verstärkt; Offiziere nahmen am gesellschaftlichen Leben teil, wurden zu Ballgästen und Heiratskandidaten. Anders als die reguläre Armee dienten Milizionäre binnenländisch, wechselten Standorte und prägten Kleinstadtgeselligkeit. Rekrutierung, Uniformen und Lager beleben die Provinz – und erhöhen zugleich die Anfälligkeit für Gerüchte und übereilte Bindungen. Der Roman spiegelt diese Kriegsnähe, ohne Schlachten zu zeigen: Militärpräsenz wird als soziale und moralische Versuchung verhandelt, die Loyalität, Geldfragen und Ruf eng miteinander verknüpft.
Die Kirche von England war eine tragende Institution, deren Patronagesystem Geistliche über adelige oder gentry-Herren in Pfarren einsetzte. Benefizien konnten mit Einkommen verbunden sein, vielfach trat Mehrfachtätigkeit (Pluralismus) auf. Der Klerus galt als moralischer Anker, doch Zeitgenossen kritisierten Nepotismus und Anpassung. Eine evangelikale Erneuerung gewann seit dem späten 18. Jahrhundert an Einfluss, rief zu persönlicher Frömmigkeit und sozialer Verantwortung. Stolz & Vorurteil zeichnet dieses Feld satirisch, indem es das Abhängigkeitsverhältnis von Geistlichen gegenüber Patronen zeigt und damit die Spannweite zwischen berufsethischem Ernst und gefälliger Selbstinszenierung offenlegt.
Die Ausbildung bürgerlicher und gentry-Frauen erfolgte meist privat: Gouvernanten, Pensionate und häusliche Anleitung vermittelten „accomplishments“ wie Musik, Zeichnen, Sprachen und Konversation. Ziel war gesellschaftliche Gewandtheit, nicht berufliche Selbstständigkeit. Zeittypische „Conduct“-Literatur – darunter James Fordyces Sermons to Young Women (1766) – setzte Normen für weibliche Tugend, Zurückhaltung und Pflicht. Der Roman stellt diese Bildungsideale zur Debatte, indem er die Differenz zwischen oberflächlichem Glanz und verlässlicher Urteilskraft beleuchtet. So wird „Bildung“ zum Prüfstein: nicht als Zierde, sondern als Fähigkeit, Gefühle, Stolz und Vorurteil zu regulieren.
Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert erlebte eine expandierende Lesekultur: Leihbibliotheken verbreiteten Romane, die zugleich populär und moralisch umstritten waren. Das Drei-Bände-Format bediente diese Institutionen; anonyme Publikation schützte Autorinnen vor öffentlicher Anfeindung. Stolz & Vorurteil steht zwischen empfindsamer Tradition und realistischer Gesellschaftsskizze. Der dichte Briefwechsel im Roman verweist auf die Bedeutung epistolaren Verkehrs, ohne ihn zur alleinigen Form zu erheben. Lektüre, Vorlesen und kritischer Witz sind selbst Bestandteile des Geschehens – ein Spiegel dafür, wie Literatur, Gespräch und Urteil im bürgerlichen Salon soziale Wirklichkeit mitstalten.
Verbesserte Straßen, Kutschenbau und Postlogistik machten Reisen berechenbarer und erweiterten den Aktionsradius der gentry. Kurorte, Landpartien und Besuche auf Gütern etablierten Formen des „touristischen“ Blicks. Die Ästhetik des „Picturesque“, etwa bei William Gilpin, prägte, wie Landschaft wahrgenommen und beschrieben wurde: als moralisch und geschmacklich aufgeladenes Terrain. Stolz & Vorurteil nutzt solche Blicke, wenn der Eindruck eines Anwesens zum Charakterzeugnis seines Besitzers wird. Der ästhetische Diskurs um Natur, Ordnung und Maß trifft so auf praktische Fragen der Bewirtschaftung – und wird selbst zum Mittel sozialer Beurteilung.
Das Geschlechterregime der Zeit war durch Coverture, eingeschränkten Zugang zu Berufen und das Leitbild häuslicher Weiblichkeit definiert. „Getrennte Sphären“ – Öffentlichkeit für Männer, Privatheit für Frauen – gewannen kulturell an Gewicht. Für unverheiratete Frauen ohne eigenes Vermögen bedeutete dies Abhängigkeit von Familiennetzwerken oder eine prekäre Existenz als Gouvernante. Der Roman dokumentiert die Bandbreite weiblicher Strategien: von pragmatischer Sicherung bis zu widerständiger Auswahl. Er zeigt, wie moralische Autonomie unter materiellen Zwängen möglich wird – und wie rasch Reputation zum zentralen Kapital in einer Rechtsordnung ohne weibliche Erbgleichheit gerät.
Literarisch steht Stolz & Vorurteil im Übergang vom empfindsamen 18. Jahrhundert zur ironisch-realistischen Gesellschaftsanalyse. Es reflektiert Debatten über „Sinn“ und „Empfindsamkeit“ und nutzt satirische Mittel, um Übertreibungen, Dünkel und Selbsttäuschung freizulegen. Austens Erzählen verfeinert dabei eine Technik, die später als „erlebte Rede“ beschrieben wurde: Die Nähe zu Figurenurteil und Erzählerkommentar erzeugt eine doppelte Optik, in der soziale Masken durchsichtig werden. So wird Literatur zum Labor der Moral, in dem die Regeln des Umgangs auf ihre Gerechtigkeit geprüft und Rollenerwartungen gegen Erfahrung abgeglichen werden.
Die Aufnahme des Romans war früh günstig. Kritiker lobten Witz, Charakterzeichnung und moralische Klarheit; Leserinnen und Leser erkannten vertraute Sitten in zugespitzter Form wieder. Eine zweite Auflage erschien noch 1813, was auf anhaltende Nachfrage deutet. Austen veröffentlichte anonym, und die ökonomische Seite blieb begrenzt: Sie veräußerte das Urheberrecht mutmaßlich für einen Pauschalbetrag (etwa £110), wodurch spätere Gewinne dem Verleger zufielen. In elitären Kreisen fand ihr Werk Beachtung; wenige Jahre später bat der Prinzregent um die Widmung von Emma. Der Erfolg etablierte Austen als führende Beobachterin der Mittelschichts- und Gentry-Welt.
Im Zusammenspiel dieser Kontexte kommentiert Stolz & Vorurteil seine Zeit mit präziser Ironie. Das Buch kritisiert ein Heiratssystem, das Charakter hinter Vermögen reiht, und zeigt zugleich Wege, in denen Urteilskraft gesellschaftliche Schranken relativiert. Es fordert verantwortliche Männlichkeit in Verwaltung, Moral und Pflege gemeinschaftlicher Güter ein und zeigt, wie Frauen unter restriktivem Recht dennoch Handlungsmacht behaupten. Indem es Rangdünkel, ökonomische Unsicherheit und die Macht der Reputation zusammenliest, bietet der Roman eine Diagnose der Regency-Gesellschaft. Seine Aktualität liegt in der Prüfung, ob soziale Ordnung mit Gerechtigkeit und persönlicher Integrität vereinbar ist.
Jane Austen (1775–1817) gilt als eine der prägendsten englischen Romanautorinnen der späten Aufklärung und der Regency-Zeit. Ihre Werke verbinden scharfe Gesellschaftsbeobachtung, subtile Ironie und präzise Figurenzeichnung zu einem nachhaltigen Bild bürgerlicher und gentrynaher Lebenswelten. Mit ökonomischer Sprache und innovativem Einsatz der erlebten Rede prägte sie den realistischen Gesellschaftsroman entscheidend. In einer Epoche rascher sozialer und kultureller Umbrüche erkundete sie Konventionen, Erwartungen und Spielräume ihrer Zeit. Ihre Bücher wurden zu Klassikern des Kanons, beeinflussten Generationen von Autorinnen und Autoren und bleiben, in Übersetzungen und Adaptionen, international präsent und lebhaft diskutiert, sowie Gegenstand kontinuierlicher Forschung.
Austens Ausbildung erfolgte überwiegend zu Hause, ergänzt durch kurze Phasen an Internaten, und war von intensiver Lektüre getragen. Sie studierte die Romankunst der Aufklärung und las Autorinnen und Autoren wie Frances Burney, Samuel Richardson und Henry Fielding; Essays von Joseph Addison und Samuel Johnson sowie zeitgenössische Theaterstücke prägten ebenfalls ihren Blick. Früh experimentierte sie mit Parodie, Brief- und Geschichtenerzählung und entwickelte ein feines Gespür für Tonfall und Perspektive. Diese literarische Sozialisation schuf die Grundlage für ihren nüchternen Realismus, ihre ökonomische Dramaturgie und die tastende, oft ironische Annäherung an Moral, Gefühl und gesellschaftliche Rollen.
Schon in der Jugend verfasste Austen eine Reihe humorvoller „Juvenilia“, darunter Love and Freindship und The History of England, in denen sie Geschichtsschreibung und Sentimentalroman verspielt parodierte. Um 1794–1795 entstand die Briefroman-Novelle Lady Susan, ein frühes Beispiel ihrer satirischen Beobachtungsgabe. Parallel arbeitete sie an längeren Entwürfen: Aus Elinor and Marianne entwickelte sich Sense and Sensibility, aus First Impressions wurde Pride and Prejudice. Mehrfach überarbeitete Fassungen zeugen von geduldiger Formung, Kürzung und Zuspitzung. Diese Werkstattarbeit bereitete jene erzählerische Klarheit vor, die ihre reifen Romane auszeichnet und die Konventionen der Zeit produktiv, aber kritisch, nutzt.
Ihre Veröffentlichungskarriere begann anonym: Sense and Sensibility erschien 1811 „By a Lady“, Pride and Prejudice folgte 1813, danach Mansfield Park 1814 und Emma 1815. Die Romane fanden ein wachsendes Lesepublikum; zeitgenössische Rezensionen hoben Witz, Natürlichkeit des Dialogs und die präzise Zeichnung sozialer Situationen hervor. Die Honorare verbesserten ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten, ohne sie reich zu machen. Austen pflegte eine sorgfältige Beziehung zum Buchhandel, begleitete Korrekturen und achtete auf formale Balance. Mit jeder Publikation verfeinerte sie Erzähltechnik und Ton, wodurch sie sich im literarischen Feld zwischen empfindsamer Tradition, realistischem Blick und leiser Satire profilierte.
Austens Romane erkunden, mit erzählerischer Nähe und kontrollierter Distanz, die Spannungen zwischen individuellen Wünschen, moralischer Selbstprüfung und sozialen Regelsystemen. Sie nutzt freie indirekte Rede, ökonomische Szenenführung und pointierten Dialog, um Selbsttäuschungen, Urteilsbildung und gesellschaftliche Codes sichtbar zu machen. Ihre Arbeit steht im Dialog mit Gattungskonventionen: Sie spiegelt und parodiert Moden wie die Schauerromantik, kultiviert zugleich den Realismus alltäglicher Erfahrung. Eigentum, Bildung, Klasse und Heirat erscheinen als strukturierende Kräfte, deren Wirkungsmöglichkeiten nüchtern beleuchtet werden. Das Ergebnis ist ein langlebiger Typus des Gesellschaftsromans, der psychologische Genauigkeit mit stilistischer Eleganz verbindet und Leserinnen wie Leser nachhaltig herausfordert.
In den späten Jahren arbeitete Austen an weiteren Projekten, von denen Northanger Abbey und Persuasion erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Unvollendet blieben The Watsons und das Fragment Sanditon, die spätere Editionen der Öffentlichkeit zugänglich machten. Ihre Gesundheit verschlechterte sich in den 1810er-Jahren; 1817 endete ihr Werk vergleichsweise früh. Das viktorianische Bild der Autorin wurde wesentlich durch eine Familienbiografie von 1870 geprägt, die Verehrung betonte und Züge des Privatlebens stilisierte. Zugleich setzte sich eine nüchterne literarische Würdigung durch, gestützt auf Neuauflagen, editorische Sorgfalt und wachsende historische wie formale Kontextualisierung in Bibliotheken, Lesegesellschaften und akademischen Kreisen.
Heute zählt Austen zu den meistgelesenen englischsprachigen Klassikern. Ihre Romane werden weltweit neu aufgelegt, vielfach übersetzt und regelmäßig für Bühne, Film und Fernsehen adaptiert. Literaturwissenschaftliche Debatten diskutieren Erzähltechnik, Geschlechterrollen, Ökonomie und historische Kontexte; Ausgaben mit kritischem Apparat und digitale Ressourcen sichern den Zugang. Eine breite Lesekultur – oft als „Janeites“ bezeichnet – hält das Werk lebendig, ohne den literarischen Rang zu mindern. In Lehre und Forschung fungieren ihre Bücher als prägnige Modelle des Gesellschaftsromans. So wirkt Austens nüchterne Kunst weit über ihre Epoche hinaus und bleibt ein Bezugspunkt moderner Erzählpraxis.
In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss …
Welcher Art die Gefühle und Wünsche eines solchen Mannes im übrigen auch immer sein mögen, diese Wahrheit hat eine so unumstößliche Geltung, dass er schon bei seinem ersten Auftauchen von sämtlichen umwohnenden Familien als rechtmäßiger Besitz der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.
»Mein lieber Bennet«, sprach eines Tages Mrs. Bennet zu ihm, »hast du schon gehört, dass Netherfield Park endlich einen Mieter gefunden hat?«
Mr. Bennet erwiderte, er habe es noch nicht gehört.
»Trotzdem ist es so, wie ich sage«, beharrte Mrs. Bennet. »Mrs. Long war gerade hier und hat es mir erzählt — Willst du denn nicht wissen, wer der neue Mieter ist?« fuhr sie mit ungeduldiger Stimme fort.
»Du willst es mir doch gerade erzählen, und ich habe nichts dagegen.«
Einer deutlicheren Aufforderung bedurfte es nicht.
»Also, Mrs. Long erzählte, dass Netherfield von einem sehr wohlhabenden jungen Mann aus Nordengland gepachtet wurde. Er kam letzten Montag im Vierspänner an, um das Haus zu besichtigen, und er war so entzückt davon, dass er sogleich mit Mr. Morris abschloss. Noch vor Michaelis will er einziehen, und seine Dienerschaft soll zum Teil schon Ende dieser Woche herkommen.«
»Wie heisst er denn?«
»Bingley.«
»Verheiratet?«
»Aber nein! Unverheiratet! Natürlich unverheiratet! Ein steinreicher Junggeselle, mit vier-oder fünftausend Pfund im Jahr! Welch ein Glück für unsere Kinder!«
»Wieso? Wieso für unsere Kinder?«
»Du bist aber auch zu langweilig, mein Lieber. Verstehst du denn nicht, dass er vielleicht eine unserer Töchter heiraten wird?«
»Kommt er deshalb hierher?«
»Deshalb? Was redest du da? Unsinn! Aber es ist doch sehr gut möglich, dass er sich in eine von ihnen verliebt; und daher musst du ihm einen Besuch machen, sobald er eingezogen ist.«
»Weshalb denn? Du kannst ja mit den Mädchen hinübergehen. Oder besser noch, du schickst sie allein; denn da du noch ebenso gut aussiehst wie jede von deinen Töchtern, würde sich Mr. Bingley vielleicht gar dich aus dem Schwarm aussuchen.«
»Ach, du Schmeichler. Gewiss, ich bin einmal recht schön gewesen, aber jetzt bilde ich mir nicht mehr ein, irgend etwas Besonderes vorzustellen. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, tut sie gut daran, alle Gedanken an ihre eigene Schönheit fallen zu lassen. Du musst aber unbedingt Mr. Bingley aufsuchen, sobald er unser Nachbar ist.«
»Ich gebe dir heute nur die Versicherung, dass ich es dir nicht versprechen kann.«
»Aber denk doch an deine Töchter! Denk doch an die gesellschaftliche Stellung, die es für eine von ihnen bedeuten mag! Sogar Sir William und Lady Lucas sind fest entschlossen, ihm nur deshalb einen Besuch zu machen; du weisst, wie wenig sie sich sonst um Neuankömmlinge kümmern. Du musst unter allen Umständen hingehen; denn wie sollen wir ihn besuchen können, wenn du es nicht zuerst tust?«
»Du bist viel zu korrekt; ich bin überzeugt, Mr. Bingley wird sich sehr freuen, euch bei sich begrüßen zu dürfen. Ich kann dir ja ein paar Zeilen mitgeben und ihm aufs herzlichste meine Einwilligung zusichern für den Fall, dass er sich eine von meinen Töchtern aussuchen und sie heiraten will. Für meine kleine Lizzy will ich dabei ein besonders gutes Wort einlegen.«
»Ich will sehr hoffen, dass du nichts dergleichen tust. Lizzy ist nicht einen Deut besser als die anderen. Im Gegenteil, ich finde sie nicht halb so hübsch wie Jane und nicht halb so reizend wie Lydia. Aber du musst sie ja immer vorziehen.«
»Du hast recht. Wirklich empfehlen könnte ich keine von ihnen«, erwiderte Mr. Bennet. »Sie sind albern und unwissend wie alle jungen Mädchen; nur Lizzy ist wenigstens etwas lebhafter als ihre Schwestern.«
»Aber hör mal, wie kannst du deine eigenen Kinder so herabsetzen! Es macht dir offenbar Spass, mich zu ärgern. Du hast eben gar kein Mitgefühl mit meinen armen Nerven!«
»Da verkennst du mich ganz und gar, meine Liebe. Ich hege die größte Achtung vor deinen Nerven. Seit zwanzig Jahren höre ich mir nun schon das mit deinen Nerven an; sie sind mir nun gute alte Bekannte geworden.«
»Ach, du ahnst nicht, wie sehr ich unter ihnen leiden muss!«
»Aber ich hoffe, du überstehst es auch dieses Mal und erlebst, dass noch viele andere junge Männer mit viertausend Pfund im Jahr sich in unserer Nachbarschaft niederlassen.«
»Und wenn zwanzig kämen, was nützt es uns, wenn du sie doch nicht besuchen willst?«
»Verlass dich auf mich, meine Liebe: wenn es erst zwanzig sind, werde ich sie nacheinander aufsuchen.«
Mr. Bennet stellte eine so eigenartige Mischung von klugem Verstand und Ironie, von Zurückhaltung und Schalkhaftigkeit dar, dass eine dreiundzwanzigjährige Erfahrung nicht genügt hatte, um seine Frau diesen Charakter verstehen zu lassen. Ihre Gedankengänge zu ergründen war einfacher: sie war eine unbedeutende Frau mit geringem Wissen und unberechenbarer Laune. War sie mit etwas unzufrieden, liebte sie es, die Nervöse zu spielen. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, ihre Töchter zu verheiraten. Besuche machen und Neuigkeiten austauschen war ihre Erholung.
Mr. Bennet gehörte zu den ersten, die Mr. Bingley auf Netherfield begrüssten. Er war von vornherein entschlossen gewesen, den neuen Nachbarn aufzusuchen, so sehr er seiner Frau auch immer wieder das Gegenteil versicherte; und so wusste sie noch am Abend nichts von seinem Besuch am Morgen.
Mr. Bennet machte seiner Familie auf folgende Weise Mitteilung von seinem Antrittsbesuch: eine Weile sah er seiner zweiten Tochter Elisabeth zu, wie sie an einem Hut arbeitete, und sagte dann plötzlich:»Hoffentlich wird er Mr. Bingley gefallen, Lizzy.«
»Leider ist es uns ja nicht möglich, Mr. Bingleys Geschmack festzustellen«, sagte seine Frau vorwurfsvoll, »da wir ihn nicht besuchen können.«
»Du vergisst aber, Mama«, sagte Elisabeth, »dass wir ihn auf einem von den Bällen treffen werden. Mrs. Long hat versprochen, ihn uns vorzustellen.«
»Mrs. Long wird sich hüten! Sie hat ja selbst zwei Nichten. Mrs. Long ist eine selbstsüchtige und falsche Person, ich habe keine gute Meinung von ihr.«
»Ganz recht, ich auch nicht«, sagte Mr. Bennet. »Ich freue mich, dass du dich nicht auf ihre Gutmütigkeit verlassen willst.«
Seine Frau würdigte ihn keiner Antwort. Aber da nichts zu sagen über ihre Kraft gegangen wäre, fing sie an, eine ihrer Töchter zu schelten:»Hör um Himmels willen mit deinem Husten auf, Kitty! Nimm doch ein wenig Rücksicht auf meine Nerven — du zerreisst sie mir ja geradezu!«
»Kitty hustet ohne jedes Taktgefühl«, meinte ihr Vater, »sie hustet in einem sehr unpassenden Augenblick.«
»Ich huste nicht zum Vergnügen«, erwiderte Kitty störrisch. »Wann ist denn dein nächster Ball, Lizzy?«
»Morgen in vierzehn Tagen.«
»Richtig«, rief ihre Mutter, »und Mrs. Long kommt erst einen Tag vorher zurück; sie kann ihn euch also gar nicht vorstellen, denn sie wird ihn selbst noch nicht kennen!«
»Dann wirst du, meine Liebe, gegen deine Freundin großmütig sein können und Mr. Bingley ihr vorstellen.«
»Ausgeschlossen, Bennet, ganz ausgeschlossen! Ich kenne ihn ja auch nicht. Warum musst du mich immer ärgern?«
»Deine Vorsicht macht dir alle Ehre. Eine vierzehntägige Bekanntschaft genügt allerdings kaum, um jemand kennenzulernen; man kann einen Menschen nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Aber wenn wir es nicht tun, dann tut es jemand anders; Mrs. Long und ihre Nichten müssen das Risiko eben auf sich nehmen. Wenn du also glaubst, es nicht verantworten zu können — Mrs. Long wird das sicherlich als einen besonderen Beweis deiner Freundschaft anerkennen —, dann will ich es übernehmen.«
Die Mädchen starrten ihren Vater an. Mrs. Bennet sagte bloß: »Unsinn, Unsinn!«
»Was willst du mit deinem ›Unsinn‹ sagen?« fragte Mr. Bennet. »Etwa, dass die Förmlichkeit des Vorstellens und das Gewicht, das man dieser Förmlichkeit beimisst, Unsinn ist? In dem einen Punkt müsste ich dann verschiedener Meinung mit dir sein. Was meinst du dazu, Mary? Du denkst doch, soviel ich weiß, tief über alles nach und liest dicke Bücher und machst dir Notizen und Auszüge.«
Mary hätte für ihr Leben gern etwas sehr Kluges gesagt, aber ihr fiel nichts Passendes ein.
»Während Mary ihre Gedanken ordnet«, fuhr ihr Vater fort, »wollen wir zu Mr. Bingley zurückkehren.«
»Ich kann den Namen nicht mehr hören!« rief seine Frau.
»Das täte mir wirklich sehr leid. Aber warum sagtest du es mir nicht eher? Hätte ich es heute morgen schon gewusst, wäre mein Besuch bei ihm bestimmt unterblieben. Zu schade —, aber nun ist es einmal geschehen, und wir werden uns seiner Bekanntschaft nicht mehr entziehen können.«
Das Erstaunen seiner Familie war so groß und so lebhaft, wie er es sich gewünscht hatte. Mrs. Bennet übertraf auch hierin die anderen, wenn auch nur um ein weniges. Nichtsdestoweniger erklärte sie, nachdem man sich wieder etwas beruhigt hatte, sie habe es sich schon die ganze Zeit gedacht.
»Das war einmal richtig nett von dir. Aber ich wusste ja, dass ich dich würde überreden können. Ich wusste ja, dass du deine Kinder viel zu lieb hast, als dass du eine solche Bekanntschaft vernachlässigt hättest. Wie ich mich freue! Und wie gut dir dein Scherz gelungen ist —, heute morgen bist du schon bei ihm gewesen, und jetzt erzählst du uns erst davon!«
»So, Kitty, jetzt kannst du husten, so viel es dir Spass macht«, mit diesen Worten verließ Mr. Bennet das Zimmer, offensichtlich ziemlich mitgenommen von dem Begeisterungsausbruch seiner Frau.
»Ihr Mädchen habt einen einzigartigen Vater«, sagte sie, als die Tür sich geschlossen hatte. »Ich weiß nicht, wie ihr ihm je seine Güte werdet danken können — ich übrigens auch nicht. In unserem Alter ist es kein Vergnügen, kann ich euch versichern, täglich neue Bekanntschaften machen zu müssen. Aber für euch tun wir eben alles. Lydia, mein Liebling, du bist zwar sehr jung, aber ich bin fest davon überzeugt, dass Mr. Bingley auf dem nächsten Ball mit dir tanzen wird.«
»Och«, sagte Lydia stolz, »ich hab’ keine Angst. Ich bin wohl die Jüngste, aber auch die Größte von uns.«
Den Rest des Abends verbrachten sie auf das angenehmste damit, zu überlegen, wann wohl Mr. Bingleys Gegenbesuch zu erwarten sei und wann sie ihn dann zum Essen laden könnten.
So sehr sich indessen Mrs. Bennet, eifrig von ihren fünf Töchtern unterstützt, darum bemühte, es war keine auch nur einigermaßen zufriedenstellende Beschreibung des neuen Nachbarn aus ihrem Mann herauszubekommen. Die Angriffe erfolgten von den verschiedensten Seiten, geradewegs als Fragen oder unter Harmlosigkeit getarnt oder wieder als scheinbar ganz fern-liegende Andeutungen, aber er ließ sich in keine Falle locken. Zuletzt mussten sie sich mit dem zufriedengeben, was Lady Lucas ihnen aus zweiter Hand berichten konnte. Sir William war entzückt gewesen. Er sei noch sehr jung, ungewöhnlich gut aussehend, außerordentlich wohlerzogen, und, als Krönung des Ganzen, er beabsichtige, an dem nächsten Ball mit einer größeren Gesellschaft teilzunehmen … Wo konnte es da noch fehlen! Zwischen gern tanzen und sich verlieben war nur noch ein kleiner, ein fast unvermeidlicher Schritt! Mr. Bingleys Herz wurde Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen und Erwartungen.
»Wenn ich es erleben darf, dass eine meiner Töchter als Herrin in Netherfield einzieht«, sagte Mrs. Bennet zu ihrem Mann, »und wenn es mir gelingen sollte, die anderen ebensogut unterzubringen, dann wird mir jeder Wunsch erfüllt sein.«
Nach einigen Tagen erwiderte Mr. Bingley Mr. Bennets Besuch und blieb mit ihm etwa zehn Minuten in der Bibliothek. Er hatte die leise Hoffnung gehabt, wenigstens einen Blick auf die jungen Damen werfen zu dürfen, von deren Schönheit er schon viel gehört hatte; aber der Vater war alles, was er zu sehen bekam. Die Damen selbst waren ein wenig mehr vom Glück begünstigt; gelang es ihnen doch, von einem Fenster im oberen Stock festzustellen, dass er einen blauen Mantel trug und ein schwarzes Pferd ritt.
Bald darauf wurde auch die Einladung zum Essen abgeschickt. Mrs. Bennet war sich schon über alle Gerichte und Gänge klar, mit denen sie hausfrauliche Ehre einzulegen gedachte; da kam seine Antwort und schob all die schönen Pläne auf unbestimmte Zeit auf. Mr. Bingley bedauerte sehr, am folgenden Tag nach London fahren und sich daher des Vergnügens berauben zu müssen, der Einladung usw. usw. Mrs. Bennet war ganz unglücklich. Sie konnte sich gar nicht denken, was das für eine Angelegenheit sein mochte, die ihn schon so bald nach seiner Ankunft in Hertfordshire nach London zurückrief. Der Gedanke, er könne vielleicht zu der Sorte junger Männer gehören, die ständig von einem Ort zum anderen flattern, anstatt sich mit einem festen Wohnsitz zu begnügen — in diesem Fall Netherfield —, wie es sich gehörte, begann sie ernstlich zu beunruhigen. Und sie schöpfte erst wieder ein wenig Mut, als Lady Lucas ihr gegenüber die Möglichkeit erwähnte, er sei doch vielleicht nur nach London gefahren, um seine große Ballgesellschaft nach Netherfield zu holen. Bald darauf verbreitete sich das aus sicheren Quellen stammende Gerücht, Mr. Bingley werde mit zwölf Damen und sieben Herren auf dem Fest erscheinen. Zwölf Damen! Die jungen Mädchen hörten diese Nachricht mit großer Besorgnis. Aber auch sie fassten wieder Mut, als die Zahl zwölf am Tage vor dem Ball auf sechs — fünf Schwestern und eine Cousine — berichtigt wurde. Die Gesellschaft, die tatsächlich den großen Festsaal betrat, war dann schließlich nicht zahlreicher als insgesamt nur fünf Personen: Mr. Bingley, seine beiden Schwestern, der Gatte der älteren und ein unbekannter junger Mann.
Mr. Bingley sah sehr gut aus und machte einen vornehmen Eindruck. Seine ganze Haltung und Art, sich zu geben, waren natürlich und von einer ungezwungenen Freundlichkeit. Die Schwestern waren mit gutem, eigenem Geschmack nach der letzten Mode gekleidet und mussten zweifellos zu den Schönheiten der Londoner Gesellschaft gezählt werden. Mr. Hurst, dem Schwager Mr. Bingleys, war die gute Familie anzusehen; mehr allerdings auch nicht. Mr. Darcy, der junge Freund, dagegen war bald mit seiner großen, schlanken Figur, seinem angenehmen Äußeren und seinem vornehmen Auftreten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des ganzen Saales. Kein Wunder, dass in weniger als fünf Minuten die verbürgte Nachricht ihren Lauf über alle Lippen nahm, Mr. Darcy verfüge über zehntausend Pfund im Jahr. Die Herren gestanden ihm sein ungewöhnlich stattliches und männliches Wesen zu, die Damen versicherten, er sehe noch besser aus als Mr. Bingley, und die Blicke von jedermann folgten ihm bewundernd den halben Abend lang; dann aber wandelte sich die anfängliche Auffassung von der Vornehmheit seines Auftretens vollständig in das Gegenteil um, woraufhin die Hochflut der Achtung, die man ihm entgegengebracht hatte, rasch abzuebben begann. Denn man konnte nicht umhin, die Feststellung zu machen, dass Mr. Darcy hochmütig war, auf die anwesende Gesellschaft herabsah und an nichts Anteil nehmen wollte. Nichts, nicht einmal sein großer Grundbesitz in Derbyshire[1], war ein Ausgleich für sein abweisendes und wenig freundliches Benehmen. Jedenfalls konnte er in keiner Weise mit seinem Freund Mr. Bingley verglichen werden.
Mr. Bingley hatte sich bald schon mit all den vornehmlichsten Anwesenden bekanntgemacht. Er tanzte jeden Tanz, war lebhaft und aufgeräumt, ärgerte sich nur darüber, dass das Fest so früh zu Ende sein sollte, und sprach davon, einen Ball auf Netherfield zu geben. Solche Liebenswürdigkeit bedarf keiner weiteren Lobesworte. Welch ein Gegensatz zwischen ihm und seinem Freund! Mr. Darcy tanzte nur je einmal mit Mrs. Hurst und mit Miss Bingley und lehnte es ab, irgendeiner anderen Dame vorgestellt zu werden. Den größten Teil des Abends brachte er damit zu, im Saal herumzugehen und hin und wieder mit dem einen oder der anderen von seinen Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Über seinen Charakter brauchte auch kein Wort mehr verloren zu werden. Er war der hochmütigste, unangenehmste Mensch auf der Welt, und man konnte nur hoffen, dass man ihn zum letzten Male gesehen hatte.
Seine heftigste Gegnerin war Mrs. Bennet; denn zu der allgemeinen Missstimmung kam bei ihr ein persönlicher Grund hinzu, der ihre Abneigung noch bedeutend verschärfte: Mr. Darcy hatte eine ihrer Töchter beleidigt.
Da die Herren sehr in der Minderzahl waren, hatte Elisabeth zwei Tänze auslassen müssen; und in dieser Zeit war Mr. Darcy während seines gelangweilten Rundganges für einen kurzen Augenblick ihr so nahegekommen, dass sie nicht umhin konnte, ein Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley mit anzuhören; der hatte die Tanzenden verlassen, um seinen Freund aus seiner Interesselosigkeit zu reißen.
»Los, Darcy«, sagte er, »du musst auch einmal tanzen. Es wird mir zu dumm, dich in dieser blöden Weise hier allein herumstehen zu sehen. Wenn du doch schon hier bist, ist es viel vernünftiger, du tanzt.«
»Alles andere lieber als das! Du weisst, wie sehr ich es verabscheue, mit jemand zu tanzen, den ich nicht kenne. Und in einer Gesellschaft wie dieser hier wäre es geradezu unerträglich. Deine Schwestern haben beide einen Partner, und außer ihnen gibt es auch nicht ein einziges Mädchen im ganzen Saal, mit dem sich zu zeigen nicht eine Strafe wäre.«
»Nicht für ein Königreich möcht’ ich solch ein Mäkler sein wie du!« rief Bingley aus. »Auf Ehre, ich hab’ noch nie so viele nette Mädchen auf einmal kennengelernt wie heute Abend; viele sind sogar ganz ungewöhnlich hübsch.«
»Du tanzt ja auch mit dem einzigen Mädchen, das hier wirklich gut aussieht«, erwiderte Darcy und schaute gleichzeitig zu Jane hinüber.
»Ja, sie ist das wunderbarste Geschöpf, das mir je vor Augen gekommen ist! Aber gerade hinter dir sitzt eine ihrer Schwestern, die sehr nett aussieht und wahrscheinlich auch sehr nett ist. Ich werde meine Dame bitten, dich ihr vorzustellen.«
»Welche meinst du?« Darcy drehte sich um und betrachtete Elisabeth, bis sie unter seinem Blick hochsah. Daraufhin wandte er sich wieder an seinen Freund und meinte gleichgültig: »Erträglich, aber nicht genügend, um mich zu reizen. Außerdem habe ich heute keine Lust, mich mit jungen Damen abzugeben, die von den anderen Herren sitzengelassen worden sind. Kehr du nur wieder zu deiner Tänzerin zurück und sonne dich in ihrem Lächeln; bei mir vergeudest du doch nur deine Zeit.«
Mr. Bingley folgte seinem Rat, und Darcy nahm seinen Rundgang wieder auf. Elisabeths Ansicht über ihn war nicht sehr freundlich, aber nichtsdestoweniger berichtete sie ihren Freundinnen voll Humor ihr kleines Erlebnis; denn da sie selbst von Natur lustig und heiter war, lachte sie gern, auch wenn es auf ihre eigenen Kosten ging.
Im übrigen verlief jedoch der Abend zur vollsten Zufriedenheit der ganzen Familie. Mrs. Bennet hatte die Freude gehabt, ihre älteste Tochter von dem Netherfield-Kreis akzeptiert zu sehen: Mr. Bingley hatte zweimal mit ihr getanzt, und seine Schwestern zeichneten sie durch größte Zuvorkommenheit aus. Janes Freude und Stolz hierüber waren wohl nicht geringer als die ihrer Mutter, aber sie ließ es sich nicht so sehr anmerken. Elisabeth teilte als gute Schwester Janes Freude. Mary hatte sich Miss Bingley gegenüber als das gebildetste junge Mädchen aus der ganzen Nachbarschaft rühmen gehört. Und die beiden Jüngsten, Catherine und Lydia, konnten das unwahrscheinlichste Glück für sich in Anspruch nehmen, nicht einen einzigen Tanz ausgelassen zu haben, und das war das einzige, worauf es ihnen vorläufig bei einem Ball ankam.
Sie kehrten daher alle in bester Laune nach Longbourn zurück, dem Dorf, dessen vornehmstes Haus das ihre war. Mr. Bennet war noch auf. In Gesellschaft eines guten Buches vergaß er die Zeit. Am heutigen Abend kam noch ein gut Teil Neugierde hinzu, ihn wach zu halten; er wollte doch gern wissen, wie das Fest verlaufen war, das so viele Hoffnungen erweckt hatte. Im stillen hatte er wohl erwartet, die vorgefasste Meinung seiner Frau über den neuen Nachbarn enttäuscht zu sehen; dass er sich seinerseits getäuscht hatte, darüber wurde er nicht lange im Zweifel gelassen.
»Wir haben einen herrlichen Abend verbracht.« Damit kam sie ins Zimmer. »Ein wundervoller Ball! Ich wünschte, du wärst dagewesen. Jane wurde bewundert — es ist gar nicht zu beschreiben! Alle sagten, wie gut sie aussehe; und Mr. Bingley fand sie wunderschön und hat zweimal mit ihr getanzt! Stell’ dir das bitte vor, mein Lieber! Zweimal hat er mit ihr getanzt! Und sonst hat er keine einzige zum zweitenmal aufgefordert! Zuerst forderte er Miss Lucas auf. Ich hab’ mich richtig geärgert, als er mit ihr tanzte; doch er hat sie gar nicht gemocht, na ja, weisst du, das wäre wohl auch schwer möglich gewesen. Aber schon während des ersten Tanzes schien ihm Jane aufzufallen; er erkundigte sich, wer sie sei, ließ sich vorstellen, und bat sie um den nächsten Tanz. Dann tanzte er den dritten mit Miss King und den vierten mit Maria Lucas und den fünften wieder mit Jane und den sechsten mit Lizzy und dann noch ein Boulanger-Menuett hinterher …«
»Um Gottes willen, ich will nichts mehr von Mr. Bingleys Tänzerinnen hören!« unterbrach Mr. Bennet sie ungeduldig. »Wäre er ein wenig rücksichtsvoller gegen mich gewesen, hätte er nur halb so viel getanzt. Schade, dass er sich nicht schon beim ersten Tanz den Fuß verstaucht hat.«
»Aber«, fuhr Mrs. Bennet fort, »ich bin ganz entzückt von ihm! Er sieht ungewöhnlich gut aus! Und seine Schwestern sind reizende Damen. Ihre Kleider waren das eleganteste, was ich je gesehen habe. Die Spitzen an Mrs. Hursts Kleid haben gut und gerne …«
Sie wurde wieder unterbrochen. Ihr Mann legte auf das energischste Verwahrung dagegen ein, jetzt einen Diskurs über Spitzen und Moden ertragen zu müssen. Sie sah sich daher gezwungen, das Thema in eine andere Richtung abzulenken, und berichtete mit ehrlicher Entrüstung und einigen Übertreibungen von dem unglaublichen Betragen des Mr. Darcy.
»Aber das weiß ich und das kann ich dir versichern«, schloss sie nach einiger Zeit, »Lizzy verliert nicht viel, wenn sie seinem Geschmack nicht entspricht; er ist ein ganz schrecklich unangenehmer, scheußlicher Mensch und gar nicht wert, dass man sich um ihn kümmert. Nicht zum Aushalten war es, wie hochmütig und eingebildet er hin-und herging und sich wunder wie großartig vorkam! ›Erträglich — aber nicht genügend, um ihn zu reizen —!‹ Ich wünschte, du wärst dagewesen, mein Lieber, um ihn ein wenig zurechtzustutzen, du verstehst dich so gut darauf. Ich finde den Menschen abscheulich!«
Als Jane und Elisabeth in ihrem Zimmer allein waren, vertraute die Ältere, die bis dahin kaum in die Lobpreisungen Mr. Bingleys eingestimmt hatte, ihrer Schwester an, wie sehr sie ihn bewundere. »Er ist alles, was ein junger Mann sein sollte«, sagte sie, »vernünftig und doch fröhlich und lebhaft; und sein Auftreten — ich hab’ noch nie so etwas erlebt: gleichzeitig so ungezwungen und so wohlerzogen!«
»Gut aussehen tut er auch«, erwiderte Elisabeth, »das kann einem jungen Mann ebenfalls nicht schaden. Also alles in allem, ein idealer Typ!«
»Dass er mich ein zweites Mal zum Tanzen aufforderte, das war doch sehr schmeichelhaft. Das hatte ich gar nicht erwartet!«
»Nicht? Ich ja. Das ist der große Unterschied zwischen uns: dich überrascht so etwas immer, mich nie. Was hätte selbstverständlicher sein können, als dass er dich noch einmal aufforderte? Es konnte ihm ja nicht gut entgangen sein, dass du mindestens fünfmal hübscher warst als alle anderen Mädchen im Saal. Nein, das war keine besondere Höflichkeit von ihm. Aber es stimmt, er ist wirklich sehr nett, und meinen Segen hast du. Dir haben schon ganz andere Hohlköpfe gefallen!«
»Aber Lizzy!«
»Ich weiß — du hast eine reichlich übertriebene Neigung, jedermann nett zu finden. Du entdeckst niemals einen Fehler an Menschen. Die ganze Welt ist in deinen Augen gut und schön. Ich glaube, ich habe dich noch nie über irgendwen etwas Unfreundliches sagen hören!«
»Ich möchte natürlich nicht unüberlegt und hastig urteilen; aber ich sage doch immer, was ich wirklich denke.«
»Eben, das weiß ich ja — das ist ja gerade das Wunder: so vernünftig zu sein, wie du es doch bist, und dabei so rührend blind gegenüber den Torheiten und der Dummheit deiner Mitmenschen! Gespielte Aufrichtigkeit ist eine gewöhnliche Erscheinung — man trifft sie überall. Aber Aufrichtigkeit ohne Hintergedanken oder Nebenabsichten, nur das Beste in jedem sehen und das noch verbessern, während man das Schlechte nicht beachtet, und das noch in aller Aufrichtigkeit — das kannst nur du! Seine Schwestern mochtest du also auch? Ganz so wohlerzogen wie er sind sie ja wohl nicht.«
»Das allerdings nicht, wenigstens erscheint es zunächst so. Aber die beiden sind ganz reizend, wenn man mit ihnen spricht. Miss Bingley wird auch auf Netherfield wohnen bleiben und ihrem Bruder das Haus führen. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir in ihr nicht eine sehr angenehme Nachbarin bekämen.«
Elisabeth schwieg dazu; sie war davon nicht so überzeugt wie ihre Schwester. Das Auftreten der beiden Damen aus London war nicht danach gewesen, um ihr uneingeschränktes Gefallen zu erregen; sie beobachtete schärfer und war nicht so vorschnell in ihrem Urteil, zumal sie sich nicht, wie ihre Schwester, durch ein persönliches Interesse verpflichtet fühlte. Zweifellos, die beiden waren wirkliche Damen; sehr wohl in der Lage, in bester Stimmung zu sein, solange sie sich gut unterhalten fühlten, und freundlich, sobald ihnen so zumute war, aber zweifellos ebenso hochmütig und eingebildet. Sie sahen recht gut aus, hatten eine vortreffliche Erziehung in einer der vornehmsten Schulen Londons genossen, konnten über ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund verfügen, waren gewohnt, mehr auszugeben, als ihrem Vermögen entsprach, und verkehrten in der besten Gesellschaft — kurz, sie hatten allen Grund, das Beste von sich selber und weniger gut von anderen zu denken. Außerdem gehörten sie einer angesehenen nordenglischen Familie an, eine Tatsache, die ihnen ständig mehr gegenwärtig zu sein schien als die andere Tatsache, dass das Familienvermögen aus Handelsgeschäften stammte.
Mr. Bingleys Vater, der immer den Wunsch gehegt hatte, sich einen Landbesitz zu kaufen, aber zu früh gestorben war, um sich seinen Wunsch erfüllen zu können, hinterließ seinem Sohn ein Erbe von nahezu einhunderttausend Pfund. Mr. Bingley beabsichtigte nun auszuführen, was seinem Vater versagt geblieben war; bald dachte er an diese Gegend, bald an jene. Aber da er jetzt ein schönes Haus in London besaß und dazu noch über Netherfield verfügen konnte, erschien es allen, die seine Genügsamkeit kannten, als höchst wahrscheinlich, dass er sich nun nicht weiter umsehen, sondern den Ankauf eines Landbesitzes der nächsten Generation überlassen werde.
Seine Schwestern waren nicht so genügsam und hätten es lieber gesehen, wenn ihr Bruder auf eigenem Grund und Boden säße. Das hielt aber keineswegs die jüngere davon ab, in dem nur gemieteten Netherfield dem Haushalt vorzustehen; und die ältere Schwester, Mrs. Hurst, die einen Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung und in schlechten Vermögensverhältnissen geheiratet hatte, betrachtete dieses Netherfield nach Bedarf als ihr eigenes Heim.
Mr. Bingley hatte erst zwei Jahre die Freiheit des Mündigseins[2] genossen, als eine zufällige Empfehlung ihm Netherfield House verlockend schilderte. Er fuhr hin, sah es sich eine halbe Stunde lang drinnen und draußen an, fand Gefallen an der Lage und den Räumlichkeiten und wurde mit dem Eigentümer sehr schnell einig.
Zwischen ihm und Darcy bestand, trotz der großen charakterlichen Verschiedenheit, eine langjährige, feste Freundschaft. Darcy schätzte an Bingley sein natürliches Wesen, seine Freimütigkeit und seine Lenkbarkeit — Eigenschaften, die in keinem größeren Gegensatz zu seinen eigenen hätten stehen können, obgleich er mit seinen eigenen gar nicht unzufrieden zu sein schien. Und Bingley seinerseits fand eine starke Stütze in der Achtung, die sein Freund ihm entgegenbrachte, und vertraute fest seiner überlegenen Menschenkenntnis und Welterfahrung. Darcy war auch der Intelligentere von ihnen; nicht, dass Bingley dumm war, aber Darcy war eben der Überlegenere. Gleichzeitig hatte Darcy aber einen Zug von Hochmut, Verschlossenheit und Verwöhntheit, und sein ganzes Wesen war, wenn auch nicht gerade unhöflich, so doch nicht sehr entgegenkommend. In dieser Hinsicht lief ihm sein Freund entschieden den Rang ab. Bingley war überall gern gesehen; Darcy eckte ständig an.
Die Art, in der sie sich über den Ball in Meryton unterhielten, war für beide bezeichnend. Bingley glaubte, noch nie nettere Leute und hübschere Mädchen gesehen zu haben; alle waren äußerst freundlich und zuvorkommend gegen ihn gewesen, keine Spur von Förmlichkeit oder Steifheit, er hatte sich gleich gut Freund mit allen Anwesenden gefühlt; und was Jane betraf, er hätte sich kein engelhafteres Wesen vorstellen können. Darcy dagegen hatte nur eine große Menschenmenge gesehen, die durch wenig Schönheit und viel Uneleganz auffiel, für die er beim besten Willen kein Interesse hatte aufbringen können und von der er weder Vergnügen gehabt noch Entgegenkommen erfahren hatte … Miss Bennet — ja, er gab zu, dass sie nett aussah, nur lächelte sie zu viel. Mrs. Hurst und ihre Schwester erhoben hiergegen weiter keinen Einspruch, aber sie gestanden ihre Zuneigung und Bewunderung für Jane ein und erklärten, sie sei ein liebes Mädchen, dessen Freundschaft sie nicht ungern weiter pflegen wollten. Damit war also Miss Bennet zum »lieben Mädchen« ernannt, und Bingley fühlte sich durch diese Empfehlung berechtigt, von ihr und über sie zu denken, wie es ihm beliebte.
Nur einen kurzen Weg von Longbourn entfernt wohnte eine Familie, die zu den engeren Freunden der Bennets zählte. Sir[3] William Lucas hatte früher ein Geschäft in Meryton geführt, das ihm zu einem annehmbaren Vermögen verholfen hatte. Eine Ansprache an den König während seiner Bürgermeisterzeit hatte ihm den Titel »Sir« eingebracht. Die Ehrung war ihm ein wenig zu Kopfe gestiegen; er fasste eine plötzliche Abneigung gegen das Geschäft und gegen sein Haus in dem kleinen Marktflecken, gab beides auf und bezog mit seiner Familie etwas außerhalb Merytons ein Landhaus, das von da an Lucas Lodge hieß. Hier konnte er zu seinem ständigen Vergnügen über seine eigene Bedeutsamkeit Betrachtungen anstellen und, ungehindert von jedweder Arbeit, sich damit beschäftigen, gegen die ganze Welt höflich zu sein. Denn wenn sein Titel ihn auch erhöht hatte, er machte ihn nicht hochfahrend; im Gegenteil, er war mehr denn je eines jeden gehorsamer Diener. Von Natur aus schon liebenswürdig, freundlich und gefällig, hatte seine Vorstellung bei Hofe ihn nur noch höflicher gemacht.
Lady Lucas war eine sehr gute Frau und nicht klug genug, um eine schlechte Nachbarin für Mrs. Bennet abzugeben. Die älteste von den Lucas-Kindern, Charlotte, eine ruhige, vernünftige junge Dame von siebenundzwanzig, war Elisabeths beste Freundin.
Es war natürlich unumgänglich notwendig, dass die Schwestern Lucas und die Schwestern Bennet den Ball gemeinsam durchsprachen. Am Morgen nach dem Fest erschienen jene in Longbourn, um zu hören und gehört zu werden.
»Du hast aber den Abend gut begonnen, Charlotte«, sagte Mrs. Bennet mit höflicher Selbstbeherrschung zu Miss Lucas. »Dich hat ja Mr. Bingley sich zuerst ausgesucht.«
»Ja, aber seine zweite Wahl schien ihm besser zu gefallen.«
»Ach so, du meinst Jane — weil er zweimal mit ihr getanzt hat; du hast recht, das machte allerdings den Eindruck, als ob er sie bevorzugte. Hm, weisst du, ich glaube, er zog sie den anderen tatsächlich vor; ja, ja, ich hörte so etwas, ich weiß nicht mehr genau was … irgend etwas von Mr. Robinson —«
»Sie meinen wahrscheinlich das Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley, das ich zufälligerweise mit anhörte; hab’ ich Ihnen noch nicht davon erzählt? Mr. Robinson fragte ihn, wie ihm unser Ball in Meryton gefalle und ob er nicht auch der Meinung sei, dass eine ungewöhnlich große Anzahl schöner Damen anwesend wäre; und dann fragte Mr. Robinson ihn noch, welche er denn am schönsten finde? Worauf er sogleich erwiderte: aber da gibt es doch gar keinen Zweifel, die älteste Schwester Bennet natürlich!«
»Was du nicht sagst! Das ist allerdings sehr deutlich.«
»Ich hab’ wenigstens etwas Nettes zu hören bekommen, Lizzy, wenn auch nur über andere«, sagte Charlotte zu ihrer Freundin. »Mr. Darcy zuzuhören lohnt sich nicht so sehr wie seinem Freund. Arme Lizzy, nur gerade noch erträglich zu sein!«
»Ich bitte dich, Charlotte, versuch nicht, Lizzy auch noch mit seiner Unhöflichkeit zu ärgern; er ist ein so scheußlicher Mensch, dass es geradezu ein Unglück wäre, ihm zu gefallen. Mrs. Long erzählte mir, er habe eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne ein einziges Mal den Mund aufzumachen.«
»Hat sie das gesagt, Mutter? Hat sie sich nicht vielleicht geirrt?« fragte Jane. »Ich sah genau, wie er zu ihr sprach.«
»Ja, da hatte sie ihn gerade gefragt, wie ihm Netherfield gefalle, und darauf musste er ja wohl oder übel etwas sagen; aber sie sagt, er sei richtig wütend gewesen, angesprochen zu werden.«
»Miss Bingley erzählte mir«, sagte Jane, »dass er nie sehr viel redet außer im engsten Freundeskreis. Dann kann er ganz ungewöhnlich sympathisch und freundlich sein.«
»Ich glaube nicht ein Wort davon, meine Liebe. Wenn er das wäre, dann hätte er mit Mrs. Long gesprochen. Ich kann mir schon denken, was los war: alle Welt weiß, dass er vor Hochmut beinahe erstickt, und er hat wahrscheinlich von irgend jemand erfahren, dass Mrs. Long sich keinen eigenen Wagen halten kann und in einer Mietskutsche zum Ball gekommen war.«
»Dass er nicht mit Mrs. Long geredet hat, stört mich nicht weiter«, meinte Charlotte, »aber ich wünschte, er hätte mit Lizzy getanzt.«
»Ein anderes Mal, Lizzy«, sagte Mrs. Bennet, »würde ich nicht mit ihm tanzen, wenn ich du wäre.«
»Ich glaube, ich kann dir ziemlich fest versprechen, überhaupt nie mit ihm zu tanzen, Mutter.«
»Sein Hochmut verletzt mich nicht einmal so sehr, wie es sonst der Fall wäre«, sagte Charlotte, »denn er hat doch eine Art Entschuldigung dafür. Man kann sich eigentlich nicht darüber wundern, dass ein so stattlicher junger Mann von so vornehmer Familie und so großem Vermögen sich selbst sehr hoch einschätzt. Ich finde, er hat gewissermaßen ein Recht zum Hochmut.«
»Ganz richtig«, erwiderte Elisabeth, »ich könnte ihm seinen Hochmut auch leicht verzeihen, wenn er nicht meinen Stolz gekränkt hätte.«
»Stolz«, sagte Mary, die auf die Tiefsinnigkeit ihrer Gedanken stolz war, »gehört zu den verbreitetsten unter allen menschlichen Schwächen, wenn ich mich nicht irre. Denn nach allem, was ich bisher gelesen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es so ist: Die menschliche Natur neigt überaus leicht dazu, diesem Übel zu verfallen, und es gibt nur wenige Menschen, die frei davon sind, aus diesem oder jenem, tatsächlichen oder eingebildeten Grunde ein Gefühl von Selbstgefälligkeit zu verspüren. Man muss auch Stolz und Eitelkeit auseinanderhalten, wenn die beiden Worte auch oft für ein und dieselbe Sache gebraucht werden: man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Der Stolz bezieht sich mehr auf unsere eigene Meinung von uns selbst, die Eitelkeit jedoch auf die Meinung, die wir gern von anderen über uns hören möchten.«
»Wenn ich so reich wäre wie Mr. Darcy«, rief der junge Lucas, der seine ältere Schwester begleitet hatte, in die achtungsvolle Stille, die nach Marys Allerweltsweisheit eingetreten war, »wenn ich so reich wäre, dann könnte ich gar nicht stolz genug sein! Ich würde Fuchsjagden reiten und jeden Abend eine Flasche Wein trinken.«
»Das wäre viel zu viel für dein Alter«, meinte Mrs. Bennet, »und wenn ich dich dabei träfe, würde ich dir die Flasche sofort wegnehmen.«
Der Junge trumpfte auf, das dürfe sie ja gar nicht; und sie bestand darauf, sie würde es doch tun, und das Hin und Her fand erst mit dem Besuch sein Ende.
