Zeit der Rache - Lee Child - E-Book

Zeit der Rache E-Book

Lee Child

4,5
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Sergeant Amy Callan und Lieutenant Caroline Cook haben einiges gemeinsam. Beide wollten Karriere bei der Armee machen, beide waren Opfer sexueller Belästigung durch Kollegen, beide ließen sich anschließend vom Dienst suspendieren – und beide sind jetzt tot. Wiederum in Übereinstimmung wurden sie beide in ihrer eigenen Badewanne aufgefunden, in Armee-Tarnfarbe schwimmend, die Leichen scheinbar völlig unberührt und ohne ein einziges Anzeichen für die Todesursache. Hochrangige Profiler des FBI beginnen fieberhaft die Jagd nach einem Serienmörder: einem Angehörigen der Armee, einem hochintelligenten, einsamen, unbarmherzigen Mann, der beide Frauen kannte – und wahrscheinlich noch ein paar weitere, auf die Amys und Carolines Opferprofil ebenfalls zutrifft. Auf Jack Reacher, einen ehemaligen Spitzen-Ermittler der Militärpolizei, passen diese Merkmale auffallend perfekt. Das FBI kreist ihn ein, muss aber rasch erkennen, daß er nicht der Täter ist - sondern vielmehr der einzige, der bei der Lösung dieses scheinbar unlösbaren Falles helfen kann. Doch Reacher hat nicht die Absicht, sich vor den Karren des FBI spannen zu lassen...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 654

Bewertungen
4,5 (62 Bewertungen)
42
9
11
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Sammlungen



Buch

Sergeant Amy Callan und Lieutenant Caroline Cook hatten einiges gemeinsam. Beide wollten Karriere in der Arme machen, beide waren Opfer sexueller Belästigung durch Kollegen, beide ließen sich anschließend vom Dienst suspendieren – und beide sind jetzt tot.

Ebenfalls übereinstimmend, wurden beide in ihrer eigenen Badewanne aufgefunden, in Armee-Tarnfarbe schwimmend, die Leichen scheinbar völlig unberührt und ohne einen einzigen Anhaltspunkt für die Todesursache. Hochrangige Profiler des FBI machen fieberhaft Jagd auf einen Serienmörder: einen Angehörigen der Armee, einen hochintelligenten, einsamen, unbarmherzigen Mann, der beide Frauen gekannt haben muss – und wahrscheinlich noch ein paar weitere, auf die Amys und Carolines Opferprofil ebenfalls zutrifft.

Auf Jack Reacher, einen ehemaligen Top-Ermittler der Militärpolizei, passen alle Merkmale auffallend perfekt. Das FBI kreist ihn ein, muss aber schon bald erkennen, dass er nicht der Täter ist – sondern vielmehr der Einzige, der bei der Lösung dieses scheinbar unlösbaren Falles helfen kann. Doch Reacher hat nicht die Absicht, sich vor den Karren des FBI spannen zu lassen…

Autor

Lee Child wurde in England geboren, studierte Jura und arbeitete dann jahrelang als Produzent beim englischen Fernsehen. Heute lebt er mit Frau und Tochter im Staat New York. Bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Roman landete Lee Child einen Bestseller, eroberte international eine riesige Fangemeinde und gewann mehrere renommierte Auszeichnungen wie zum Beispiel den

»Anthony Award«.

Weitere spannende Jack-Reacher-Romane von Lee Child sind bei Blanvalet schon in Vorbereitung!

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Copyright

Für meine Eltern Audrey und John, die mir beibrachten, wie man liest und warum.

1

Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Je mehr Wissen, desto mehr Macht. Angenommen, man wüsste die Gewinnzahlen im Lotto. Alle. Man hätte sie nicht etwa geraten, auch nicht geträumt, sondern wüsste sie wirklich. Was würde man machen? Zur nächsten Annahmestelle laufen, ganz recht. Man würde die Zahlen auf dem Lottoschein ankreuzen. Und man würde gewinnen.

Das Gleiche gilt für die Börse. Angenommen, man wüsste genau, welche Kurse kräftig anziehen. Man vertraut dabei nicht etwa auf eine Ahnung oder ein Gefühl. Man orientiert sich weder an einem Trend noch an Prognosen, noch an Einflüsterungen, noch an einem Tipp. Man verlässt sich auf sein Wissen. Echtes, handfestes Wissen. Angenommen, man verfügte darüber. Was würde man dann tun? Man würde seine Bank anrufen, ganz recht. Man würde kaufen, später dann verkaufen, und man wäre reich.

Desgleichen beim Basketball, bei Pferderennen, bei allem. Bei jeder Sportart, egal, ob es um Football, Eishockey oder um den Sieger der nächsten Weltmeisterschaft im Baseball geht – wenn man die Zukunft voraussagen könnte, hätte man sein Schäfchen im Trockenen. Ohne Frage. Das gilt auch für die Oscar-Verleihung, die Vergabe der Nobelpreise, den ersten Schnee des kommenden Winters. Es gilt für alles

Es gilt auch, wenn man jemanden umbringen will.

Angenommen, man möchte jemanden umbringen. Dazu müsste man im Voraus wissen, wie man es anstellen soll. Das ist nicht allzu schwierig. Möglichkeiten gibt es genug. Manche sind gut, andere weniger. Einen Haken haben die meisten. Folglich greift man auf das Wissen zurück, das einem zur Verfügung steht, und denkt sich eine neue Möglichkeit aus. Man überlegt hin und her, bis man auf den perfekten Mord kommt.

Man muss sein ganzes Augenmerk auf die äußeren Umstände richten. Denn den perfekten Mord zu begehen ist nicht leicht, und sorgfältige Vorbereitung ist dabei sehr wichtig. Aber das ist dein tägliches Brot. Sorgfältige Vorbereitung fällt dir nicht schwer. Überhaupt nicht. Wie auch, bei deiner Intelligenz? Nach der ganzen Ausbildung?

Du weißt, dass es hinterher erst richtig heikel wird. Wie schaffst du es, ungeschoren davonzukommen? Du setzt dein Wissen ein, ganz recht. Du weißt, wie die Polizei vorgeht, du weißt mehr über ihre Arbeitsweise als die meisten anderen Menschen. Du weißt, wonach sie suchen. Folglich hinterlässt du keinerlei Spuren. Du gehst die ganze Sache ein ums andere Mal im Kopf durch, überlegst dir alles ganz genau, Punkt für Punkt und sehr sorgfältig. So sorgfältig, wie man seinen Lottoschein ausfüllen würde, wenn man genau wüsste, dass man damit ein Vermögen gewinnt.

Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Je mehr Wissen, desto mehr Macht. Somit müsstest du einer der mächtigsten Menschen auf Erden sein. Wenn es darum geht, jemanden umzubringen. Und anschließend ungeschoren davonzukommen.

Das Leben besteht aus lauter Entscheidungen, Abwägungen und Einschätzungen, und irgendwann ist man so daran gewöhnt, abzuwägen und sich zu entscheiden, dass man es auch dann macht, wenn es streng genommen gar nicht nötig ist. Die Frage nach dem Was wäre, wenn wird zur fixen Idee, und man überlegt sich, wie man sich verhalten würde, wenn man sich anstelle eines anderen mit einer bestimmten Situation auseinander setzen müsste. Es wird einem zur Gewohnheit. Jack Reacher war diese Angewohnheit in Fleisch und Blut übergegangen. Deswegen saß er jetzt allein an einem Restauranttisch und starrte auf die Rücken der beiden Typen, die etwa sechs Meter weiter weg standen, und fragte sich, ob es genügen würde, wenn man sie mit einer deutlichen Warnung vertriebe, oder ob er einen Schritt weiter gehen und ihnen gleich die Arme brechen sollte.

Es war eine Frage der Dynamik. Die Dynamik der Großstadt lief zunächst einmal darauf hinaus, dass ein nagelneues italienisches Lokal in Tribeca, so eins wie das, in dem Reacher saß, so lange ziemlich leer blieb, bis der Gastronomiekritiker der New York Times etwas darüber schrieb oder ein Klatschkolumnist des Observer irgendwelche Prominenz entdeckte, die dort zwei Abende hintereinander verkehrte. Aber bislang war weder das eine noch das andere geschehen, und in dem Lokal war nach wie vor wenig los, so dass es die ideale Anlaufstelle für einen einsamen Mann war, der in der Nähe der Wohnung seiner Freundin zu Abend essen wollte, während sie Überstunden in der Kanzlei machte. Die Dynamik der Großstadt. Sie führte zwangsläufig dazu, dass Reacher sich hier aufhielt. Und ebenso zwangsläufig waren deshalb auch die beiden Typen hier, die er beobachtete. Denn die Dynamik der Großstadt brachte es ebenfalls mit sich, dass ein viel versprechendes neues Unternehmen früher oder später Besuch im Auftrag von irgendjemandem bekam, der jede Woche dreihundert Dollar haben wollte, damit er seine Jungs nicht losschickte und es mit Baseballschlägern und Axtgriffen zu Kleinholz zerlegen ließ.

Die zwei Typen, die Reacher beobachtete, standen unmittelbar vor der Bar und redeten leise mit dem Inhaber. Die in der einen Ecke des Raums aufgebaute Bar war mehr Schein als Sein. Sie bildete ein rechtwinkliges Dreieck mit einer Schenkellänge von etwa zwei bis zweieinhalb Metern. Es war keine Bar im eigentlichen Sinn, denn niemand setzte sich dort hin, um irgendwas zu trinken. Sie diente eher als Blickfang. Außerdem wurden dort die Schnapsflaschen aufbewahrt. In Dreierreihen standen sie auf den gläsernen Regalen vor einer mit Sandstrahlgebläse behandelten Spiegelwand. Die Kasse und das Kreditkartenlesegerät befanden sich auf dem untersten Brett. Der Inhaber, ein kleiner, nervöser Mann, war zum Scheitelpunkt des Dreiecks zurückgewichen, bis er mit dem Hinterteil an die Schublade der Kasse stieß. Er hatte die Arme verschränkt, wirkte verkrampft, abweisend. Reacher sah seinen Blick. Er war teils ungläubig, teils panisch, während er sich nach allen Seiten umschaute.

Es war ein großer Raum, gut und gern achtzehn bis zwanzig Meter lang und ebenso breit. Die Decke war etwa sechs bis sechseinhalb Meter hoch. Sie war mit Zinkblech verkleidet, das mittels Sandstrahlgebläse matt geschliffen worden war. Das Haus war über hundert Jahre alt, und den Raum hatte man im Lauf der Zeit vermutlich für alle möglichen Zwecke genutzt. Anfangs war hier vielleicht eine Fabrik gewesen. Die zahlreichen Fenster waren so hoch, dass zu einer Zeit, da in der Stadt kein Gebäude über mehr als fünf Stockwerke verfügte, genügend Licht für einen Industriebetrieb hatte einfallen können. Danach hatte er womöglich als Geschäft oder Lagerraum gedient. Vielleicht sogar als Ausstellungshalle eines Autohändlers. Jetzt war hier ein italienisches Restaurant. Nicht der typische Italiener mit karierten Tischdecken und der von Mama höchstpersönlich zubereiteten Soße, sondern ein Lokal, in dessen helle, avantgardistische Ausstattung gut und gern dreihunderttausend Dollar investiert worden waren und in dem man sieben oder acht von Hand gemachte Ravioli auf einem großen Teller vorgesetzt bekam. Das nannte sich dann eine Mahlzeit. Reacher hatte in den vier Wochen seit der Eröffnung zehnmal hier gegessen, und immer war er hinterher noch hungrig gewesen. Aber die Küche war so gut, dass er anderen Leuten davon erzählte, und das wollte etwas heißen, denn Reacher war keineswegs ein Feinschmecker. Das Lokal nannte sich Mostro’s, was seines Wissens nach auf Italienisch so viel wie Monster hieß. Er war sich nicht ganz sicher, worauf sich der Name bezog. Bestimmt nicht auf die Größe der Portionen. Aber er hatte einen gewissen Klang, und das Mobiliar aus hellem Ahornholz, die weißen Wände und der matte Aluminiumglanz verliehen dem Lokal eine durchaus reizvolle Atmosphäre. Die Leute, die hier arbeiteten, waren freundlich und kompetent. Auf einer hervorragenden Anlage mit ausgezeichneten, hoch an den Wänden angebrachten Lautsprechern wurden ganze Opern von Anfang bis Ende abgespielt. Reacher war zwar kein Fachmann, aber seiner Meinung nach erlebte er hier die ersten Anfänge eines Lokals, das es dereinst zu einem großen Namen bringen könnte.

Bislang allerdings verbreitete sich die Kunde offensichtlich eher langsam. Dass in dem über dreihundert Quadratmeter großen Raum nur zwanzig Tische standen, ging in Ordnung, weil es zu der kargen, spartanisch-avantgardistischen Ausstattung passte, aber in den vergangenen vier Wochen hatte er noch nie erlebt, dass mehr als drei Tische besetzt waren. Einmal war er sogar ganze anderthalb Stunden lang der einzige Gast gewesen. Auch heute gab es außer ihm nur ein Pärchen, das fünf Tische weiter zu Abend aß. Sie saßen sich gegenüber, so dass er sie nur von der Seite sehen konnte. Der Typ war mittelgroß. Kurze rotblonde Haare, heller Schnurrbart, hellbrauner Anzug, braune Schuhe. Die Frau war schlank und dunkelhaarig, trug Rock und Jackett. Eine Aktentasche aus Kunstleder lehnte neben ihrem rechten Fuß am Tischbein. Die beiden, etwa Mitte Dreißig, wirkten müde, abgespannt und leicht schlampig. Offenbar kamen sie einigermaßen gut miteinander aus, auch wenn sie nicht viel redeten.

Die zwei Typen an der Bar hingegen redeten. So viel stand fest. Sie waren vornüber gebeugt und sprachen schnell und eindringlich auf den Inhaber ein, der an der Kasse stand und sich seinerseits zurückgelehnt hatte. Es war, als ob sie alle drei von einem heftigen Windstoß erfasst worden wären, der durch den Raum fegte. Die zwei Typen waren überdurchschnittlich groß und kräftig. Beide trugen dunkle Wollmäntel, durch die sie noch breiter und wuchtiger wirkten. In dem matten Spiegel hinter den Schnapsflaschen konnte Reacher ihre Gesichter sehen. Brauner Teint, dunkle Augen. Keine Italiener. Syrer möglicherweise oder Libanesen, Nachkommen der Einwanderergeneration, die nichts mehr vom arabischen Laissez-faire an sich hatten. Anschaulich und mit aller Entschiedenheit legten sie gerade ihren Standpunkt dar. Der Typ zur Rechten machte eine weit ausholende Armbewegung. Offenbar sollte das einen Baseballschläger darstellen, mit dem die Flaschen vom Regal gefegt wurden. Dann ließ er die Hand herabsausen, führte vor, wie die Regale zertrümmert wurden. Mit einem Schlag sind sie von oben bis unten zerdeppert, deutete er an. Der Inhaber wurde blass. Er warf einen kurzen Blick zur Seite, auf seine Regale.

Dann schob der Typ auf der linken Seite seine Manschette hoch, tippte auf das Zifferblatt seiner Uhr und wandte sich zum Gehen. Sein Partner richtete sich auf und folgte ihm. Er fuhr mit der Hand über den nächstbesten Tisch und fegte einen Teller zu Boden. Das laute Scheppern, mit dem er auf den Fliesen zerschellte, übertönte die Opernmusik. Der rotblonde Mann und die dunkelhaarige Frau saßen reglos da und schauten weg. Langsam gingen die beiden Typen zur Tür, erhobenen Hauptes, selbstbewusst. Reacher sah ihnen hinterher, bis sie draußen auf dem Gehsteig waren. Dann kam der Inhaber hinter der Bar hervor, kniete sich hin und fegte die Einzelteile des zerbrochenen Tellers mit den Fingerspitzen zusammen.

»Alles okay?«, rief ihm Reacher zu.

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, war ihm schon klar, wie dumm sie klingen mussten. Der Inhaber zuckte nur die Achseln und zog eine jämmerliche Miene. Mit hohlen Händen wischte er die Scherben auf dem Boden zu einem Haufen zusammen. Reacher schob seinen Stuhl zurück, stand vom Tisch auf, breitete seine Serviette auf der Fliese neben ihm aus und fing an, die Teile einzusammeln. Das fünf Tische entfernt sitzende Pärchen beobachtete ihn.

»Wann kommen sie zurück?«, fragte Reacher.

»In einer Stunde«, sagte der Inhaber.

»Wie viel wollen sie?«

Wieder zuckte der Inhaber die Achseln und lächelte bitter.

»Ich bekomme zur Einführung einen Sonderpreis«, sagte er. »Zweihundert pro Woche. Wenn das Lokal besser läuft, steigt er auf vierhundert.«

»Wollen Sie zahlen?«

Der Mann machte erneut eine bedrückte Miene. »Ich möchte im Geschäft bleiben. Aber zwei Hunderter pro Woche helfen mir dabei nicht gerade.«

Der rotblonde Typ und die dunkelhaarige Frau schauten zur gegenüberliegenden Wand, hörten aber genau zu. Die Opernmusik wurde getragener und ging in eine Arie über, die die Diva mit einem tiefen, klagenden Moll-Ton anstimmte.

»Wer sind die?«, fragte Reacher leise.

»Keine Italiener«, antwortete der Inhaber. »Einfach irgendwelche Dreckskerle.«

»Darf ich Ihr Telefon benutzen?«

Der Inhaber nickte.

»Kennen Sie ein Geschäft für Bürobedarf, das so spät noch auf hat?«, fragte Reacher.

»Am Broadway, zwei Straßen weiter«, erwiderte der Mann. »Wieso? Haben Sie noch was Geschäftliches zu erledigen?«

Reacher nickte.

»Ja, was Geschäftliches«, sagte er.

Er stand auf und begab sich hinter die Bar. Neben dem Buch für die Reservierungen stand ein neues Telefon. Das Buch sah aus, als wäre es noch nie aufgeschlagen worden. Er nahm den Hörer ab, wählte eine Nummer und wartete einen Moment, bis etwa eine Meile weiter weg und vierzig Stockwerke höher abgenommen wurde.

»Hallo?«, sagte sie.

»Hey, Jodie«, sagte er.

»Hey, Reacher, was gibt’s?«

»Bist du bald fertig?«

Er hörte sie seufzen.

»Nein, das hier geht die ganze Nacht«, sagte sie. »Komplizierte Rechtslage, und wie üblich hätten sie meine Meinung dazu bis vorgestern gebraucht. Tut mir sehr Leid.«

»Mach dir keine Gedanken«, beruhigte er sie. »Ich habe was zu erledigen. Danach fahre ich, glaube ich, rauf nach Garrison.«

»Okay, pass auf dich auf«, sagte sie. »Ich liebe dich.« Er hörte im Hintergrund Papier rascheln, dann wurde der Hörer aufgelegt. Er legte ebenfalls auf, kam hinter der Bar hervor und begab sich wieder an seinen Tisch. Er klemmte vierzig Dollar unter seine Espressotasse und ging zur Tür.

»Viel Glück!«, rief er.

Der Inhaber, der am Boden kauerte, nickte kurz, und das Pärchen am anderen Tisch blickte ihm nach. Er schlug seinen Kragen hoch, schlüpfte tiefer in den Mantel, ließ die Opernmusik hinter sich und trat hinaus auf den Gehsteig. Es war dunkel, und die Luft war herbstlich kühl. Er ging nach Osten, in Richtung Broadway, und musterte die Neonreklamen, bis er das Geschäft für Bürobedarf entdeckte. Es war ein schmaler Laden, voll gestopft mit Dingen, an denen große, sternförmig ausgeschnittene Preisschilder aus fluoreszierendem Karton prangten. So gut wie alles gab’s im Sonderangebot, was Reacher nur recht war. Er kaufte ein kleines Etikettiergerät und eine Tube Sekundenkleber. Dann verkroch er sich wieder in seinen Mantel und lief in Richtung Norden, zu Jodies Apartment.

Seinen Geländewagen hatte er in der Tiefgarage unter dem Haus geparkt. Er stieß heraus, bog in Richtung Süden auf den Broadway ein und fuhr dann zur dem Restaurant zurück. Er ging vom Gas, als er in die Straße kam, und warf einen Blick durch die großen Fenster. Die weißen Wände und das helle Holz des Ladens glänzten im Schein der Halogenstrahler. Keinerlei Gäste. Sämtliche Tische waren leer, und der Inhaber saß auf einem Hocker hinter der Bar. Reacher fuhr um den Block herum und parkte im Halteverbot an der Einmündung der Gasse, die zur Küchentür des Lokals führte. Er stellte den Motor ab, schaltete das Licht aus und richtete sich aufs Warten ein.

Die Dynamik der Großstadt. Die Starken terrorisieren die Schwachen. Sie lassen nicht davon ab, wie seit jeher, bis sie auf jemanden stoßen, der stärker ist und sich aus lauter Menschenfreundlichkeit oder auch nur aus einer Laune heraus dazu berufen fühlt, ihnen Einhalt zu gebieten. Jemanden wie Reacher. Er hatte keinerlei Grund, jemandem zu helfen, den er kaum kannte. Mit Logik hatte das nichts zu tun. Auch nicht mit irgendeinem Vorsatz. In diesem Augenblick tummelten sich in dieser Stadt mit ihren sieben Millionen Einwohnern vermutlich Hunderte von Starken, die den Schwachen zusetzten, vielleicht sogar Tausende. Jetzt, in eben diesem Moment. Er hatte nicht vor, sich jeden Einzelnen von ihnen vorzunehmen. Er wollte keineswegs einen großen Feldzug führen. Aber er war auch nicht bereit zuzulassen, dass so etwas unmittelbar vor seiner Nase passierte. Er konnte nicht einfach weggehen. Hatte er noch nie gemacht.

Er holte das Etikettiergerät aus seiner Tasche. Die beiden Typen zu verscheuchen war nur die halbe Miete. Entscheidend war, wer sie ihrer Meinung nach verscheuchte. Ein um das Gemeinwohl besorgter Bürger, der für die Rechte eines Restaurantbesitzers eintrat, erreichte überhaupt nichts, wenn er auf sich allein gestellt war, egal, wie erfolgreich er letzten Endes auch sein mochte. Niemand hat Angst vor einer Einzelperson, denn diese kann durch schiere Masse überwältigt werden, abgesehen davon, dass sie irgendwann stirbt, wegzieht oder das Interesse verliert. Wenn man einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen will, braucht man eine Organisation. Er lächelte, blickte auf das Gerät und überlegte sich, wie es funktionierte. Er prägte zur Probe seinen Namen, kniff den Streifen ab und musterte ihn. Reacher. Sieben Buchstaben, die weiß auf den blauen Plastikstreifen eingestanzt waren, rund zweieinhalb Zentimeter lang. Damit dürfte der Aufkleber für den ersten Typ dreizehn Zentimeter lang werden. Danach ein weiterer Streifen, etwa elfeinhalb Zentimeter, für den zweiten Typ. Bestens. Er lächelte erneut, stellte die Buchstaben ein, druckte sie und legte die fertigen Streifen auf den Beifahrersitz. Sie hafteten zwar von selbst, wenn man das Deckpapier auf der Rückseite abzog, aber er brauchte etwas Besseres, und deswegen hatte er den Sekundenkleber gekauft. Er schraubte die kleine Tube auf, durchstach mit dem Plastikdorn an der Kappe die Alufolie und drückte etwas Kleber in den Stutzen, damit er jederzeit einsatzbereit war. Dann schraubte er die Tube wieder zu und steckte sie mitsamt den Aufklebern in die Tasche. Danach stieg er aus, stellte sich in den Schatten und wartete.

Die Dynamik der Großstadt. Seine Mutter hatte Angst vor großen Städten gehabt. Dementsprechend war er erzogen worden. Großstädte sind gefährlich, hatte sie ihm erklärt. Dort wimmelt es nur so von harten Burschen, vor denen einem angst und bange wird. Er war selbst ein ziemlich harter Junge gewesen, aber als Teenager hatte er ihr nur zu gern geglaubt. Und er hatte am eigenen Leib erlebt, dass sie Recht hatte. Die Leute auf der Straße wirkten ängstlich, zugeknöpft und abweisend. Sie achteten auf Abstand und wechselten auf die andere Straßenseite, wollten ihm offensichtlich aus dem Weg gehen. Und zwar so offensichtlich, dass er allmählich glaubte, die harten Jungs, vor denen man Angst haben musste, wären unmittelbar hinter ihm. Bis ihm mit einem Mal klar wurde, dass er derjenige war, vor dem sie Angst hatten. Es war wie eine Offenbarung. Er schaute auf sein Spiegelbild im Schaufenster und konnte durchaus verstehen, wie es dazu kam. Mit fünfzehn war er bereits ausgewachsen, einsfünfundneunzig groß und gut hundert Kilo schwer. Ein Hüne. Gekleidet wie ein Penner, wie damals fast alle Teenager. Mit ausdrucksloser, undurchdringlicher Miene, weil er ja vorsichtig war, so wie seine Mutter es ihm eingetrichtert hatte. Die haben Angst vor mir. Er fand das lustig und lächelte vor sich hin, worauf die Leute noch mehr Abstand hielten. Von da an war ihm klar, dass es in großen Städten genauso zuging wie überall und dass auf einen Großstädter, vor dem er Angst haben musste, neunundneunzig andere kamen, die vor ihm Angst hatten. Er nutzte diese Erkenntnis zu seinem taktischen Vorteil, und die Ruhe und das Selbstbewusstsein, die sich in seinem Gang und seiner Miene ausdrückten, verschafften ihm bei den Menschen noch mehr Respekt. Die Dynamik der Großstadt.

Fünf Minuten vor Ablauf der vollen Stunde trat er aus dem Schatten und stellte sich an die Ecke, lehnte sich an die Ziegelwand des Restaurants und wartete weiter. Er hörte die Opernmusik, deren Töne leise, wie gehaucht, durch die Glastür neben ihm drangen. Holpernd und scheppernd rollte der Verkehr durch die mit Schlaglöchern übersäte Straße. An der gegenüberliegenden Ecke befand sich eine Bar mit lautstark laufender Lüftung, die Dampfschwaden in den Schein der Neonlichter blies. Es war kalt, und die Menschen auf dem Gehsteig hasteten mit eingezogenem Kopf und in dicke Schals gemummt vorüber. Er ließ die Hände in den Taschen und beobachtete den vorbeiströmenden Verkehr.

Die zwei Typen waren auf die Minute pünktlich. Sie kamen mit einem schwarzen Mercedes, der einen Häuserblock entfernt hart an der Bordsteinkante anhielt, worauf die Lichter ausgingen und beide Vordertüren gleichzeitig aufgestoßen wurden. Mit wehenden Mänteln stiegen sie aus, öffneten die Hintertüren und holten Baseballschläger vom Rücksitz. Sie schoben sie unter ihre Mäntel, knallten die Türen zu, blickten sich einmal um und setzten sich dann in Bewegung. Sie hatten rund zehn Meter Gehsteig vor sich, mussten dann die Straße überqueren und noch mal zehn Meter zurücklegen. Große, selbstbewusste Jungs, die locker und lässig ihres Wegs zogen, mit weit ausholenden Schritten. Reacher stieß sich von der Wand ab und ging ihnen entgegen, als sie auf den Gehsteig traten.

»In die Gasse, Jungs«, sagte er.

Von nahem wirkten sie ziemlich eindrucksvoll. Zumal sie zu zweit und ziemlich jung waren, noch keine dreißig. Massig, kompakt, stiernackig, und obwohl das viele Fleisch nicht unbedingt harte Muskulatur war, erfüllte es doch seinen Zweck. Dazu Seidenkrawatten, Hemden und Anzüge, die nicht von der Stange kamen. Beide hatten die Schläger auf der linken Seite senkrecht unter den Mänteln stecken und hielten sie mit der linken Hand durch das Taschenfutter fest.

»Wer, zum Teufel, sind Sie?«, wollte der Typ zur Rechten wissen.

Reacher warf ihm einen Blick zu. Der Typ, der zuerst das Wort ergreift, ist immer der Anführer, und wenn man allein gegen zwei antreten muss, schaltet man zunächst den Anführer aus.

»Wer, zum Teufel, sind Sie?«, fragte der Typ noch mal.

Reacher trat einen Schritt nach links und drehte sich um, so dass er den Gehsteig versperrte und sie in Richtung Gasse lotste.

»Der Geschäftsführer«, erwiderte er. »Wenn ihr Geld wollt, müsst ihr euch an mich halten.«

Der Typ zögerte. Dann nickte er. »Okay, aber nicht in der Gasse. Wir machen das drin.«

Reacher schüttelte den Kopf. »Nicht logisch, mein Freund. Wir geben euch Geld, damit ihr euch von dem Restaurant fern haltet, und zwar ab sofort, stimmt’s?«

»Haben Sie das Geld?«

»Klar«, sagte Reacher. »Zweihundert Dollar.«

Er trat vor sie und ging in die Gasse. Der Dampf aus den Küchenventilatoren schlug ihm entgegen. Seine knirschenden Schritte hallten von dem alten Ziegelgemäuer wider, als er über Müll und Schotter lief. Er hielt inne, wandte sich um und stand da, als wäre er ungeduldig und erstaunt, weil sie ihm nicht auf dem Fuß folgten. Ihre Silhouetten zeichneten sich im roten Schein der Rücklichter ab, als sich der Verkehr an der Ampel hinter ihnen staute. Sie schauten zu ihm, blickten dann einander an und rückten Schulter an Schulter vor. Gingen in die Gasse. Sie wirkten ziemlich zufrieden. Große, selbstbewusste Jungs mit Baseballschlägern unter den Mänteln, zwei gegen einen. Reacher wartete einen Moment und schritt dann über die scharfe Grenze zwischen Licht und schräg einfallendem Schatten. Anschließend hielt er wieder an und trat zurück, als wollte er sie vorausgehen lassen. Aus reiner Höflichkeit. Sie schlurften vorwärts. Kamen näher.

Er rammte dem rechten Typ den Ellbogen seitlich an den Kopf. Dafür gab es allerhand Gründe. Zunächst einmal ist der menschliche Schädel im Allgemeinen härter als die menschliche Hand. Trifft man jemanden mit der Hand am Schädel, geht zuerst die Hand kaputt. Der Ellbogen ist dafür besser geeignet. Und der Kopf ist an der Seite empfindlicher als vorn oder hinten. Das menschliche Gehirn kann eine jähe, durch einen Schlag bedingte Verlagerung von vorn nach hinten etwa zehnmal so gut wegstecken wie eine Verschiebung zur Seite. Aus irgendeinem nicht so ohne weiteres verständlichem, aber entwicklungsgeschichtlich bedingtem Grund. Daher der Ellbogen und deshalb ein Schlag seitlich an den Kopf. Es war ein kurzer, harter Hieb, gut platziert, doch der Typ blieb einen Moment lang stehen, wenn auch auf weichen Knien. Dann ließ er den Schläger los. Der rutschte aus dem Mantel und prallte mit einem dumpfen, hölzernen Knall auf dem Boden auf. Reacher schlug noch mal zu. Wieder mit dem Ellbogen. Wieder seitlich an den Kopf. Wieder knackte es. Der Typ ging zu Boden, als hätte sich eine Falltür unter seinen Füßen aufgetan.

Der zweite Typ wäre fast zum Zug gekommen. Er fasste den Schläger mit der rechten Hand, dann mit der linken. Bekam ihn aus dem Mantel und wollte zuschlagen, aber er machte den Fehler, den die meisten Menschen machen. Er holte viel zu weit aus, und er zielte viel zu tief. Er wollte Reacher mit einem gewaltigen Hieb am Bauch erwischen. Was aus zweierlei Gründen falsch ist. Erstens kostet ein weites Ausholen viel Zeit. Und zweitens kann man einen Schlag Richtung Bauch zu leicht abwehren. Lieber hoch auf den Kopf zielen oder tief, auf die Knie.

Ein Hieb mit einem Baseballschläger lässt sich abfangen, wenn man so nah wie möglich und so schnell wie möglich herankommt. Die Wucht des Hiebes entsteht durch das Gewicht des Schlägers, multipliziert mit der Geschwindigkeit, mit der er geschwungen wird. Reine Physik, zweites Newtonsches Axiom. Kraft ist gleich Masse mal Geschwindigkeit. Gegen die Masse des Schlägers ist man machtlos. Der Schläger wiegt immer gleich viel, egal, wo er sich befindet. Folglich muss man die Geschwindigkeit reduzieren. Man muss also dicht ran und ihn abfangen, wenn er aus der Rückwärtsbewegung kommt. Wenn er noch nicht voll in Schwung ist. Wenn er noch langsam ist. Deshalb ist dieses weite Ausholen grundfalsch. Denn je weiter man ausholt, desto später kommt man zum Schlag. Desto mehr Zeit verschenkt man.

Reacher war nur noch eine halbe Armeslänge entfernt, als der Schläger auf ihn zukam. Er verfolgte seine Bahn und packte ihn mit beiden Händen, bevor er ihn tief am Bauch erwischte. Nach einer halben Armeslänge steckt noch keinerlei Wucht hinter dem Hieb. So was kann man mit bloßen Händen abfangen. Danach kann man die ganze Kraft, die der Typ in den Schlag legen wollte, gegen ihn verwenden. Reacher zog den Schläger in vollem Schwung herum, riss ihn nach oben und hebelte den Typ aus. Trat ihm in die Knöchel, fegte ihm die Füße weg, entriss ihm den Schläger und stieß damit zu. Im Nahkampf muss man zustoßen. Da darf man nicht weit ausholen. Der Typ ging in die Knie und schlug mit dem Kopf an die Wand des Restaurants. Reacher rollte ihn auf den Rücken, kauerte sich neben ihn und klemmte ihm den Baseballschläger quer unters Kinn, setzte den Fuß auf den Griff und drückte mit der rechten Hand auf das Schlagholz. Mit der linken Hand durchsuchte er seine Taschen. Er holte eine Automatik heraus, eine dicke Brieftasche und ein Handy.

»Wer hat euch geschickt?«, fragte er.

»Mister Petrosian«, japste der Typ.

Der Name sagte Reacher überhaupt nichts. Er hatte mal von einem russischen Schachweltmeister namens Petrosian gehört. Vielleicht war es auch ein Panzergeneral gewesen. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach leitete keiner von beiden einen Schutzgeldring in New York. Er lächelte ungläubig.

»Petrosian?«, sagte er. »Das soll wohl ein Witz sein.«

Er versuchte so höhnisch wie möglich zu klingen, so als ob seine Auftraggeber mit allen möglichen Konkurrenten gerechnet hätten, die ihnen Ärger machen könnten, aber mit Petrosian zu allerletzt, weil der ein so kleiner Fisch war, dass man ihn überhaupt nicht zur Kenntnis nahm.

»Du willst uns veräppeln, stimmt’s?«, sagte er. »Petrosian? Ist der übergeschnappt?«

Der andere Typ rührte sich. Wie in Zeitlupe bewegte er Arme und Beine, versuchte sich aufzustützen. Reacher drückte mit dem Schläger kurz zu, riss ihn dann hoch und zog ihn dem anderen Typen über den Kopf. Keine anderthalb Sekunden später hatte er ihn wieder an Ort und Stelle. Der zweite Typ würgte, als er ihm das Holz wieder quer über die Kehle rammte. Der andere lag schlaff am Boden. Nicht wie im Kino. Nach drei Schlägen auf den Kopf wehrt sich niemand mehr. Danach ist einem eine Woche lang schlecht, schwindlig und speiübel. Kann man sich kaum auf den Beinen halten.

»Wir haben eine Nachricht für Petrosian«, sagte Reacher leise.

»Was für eine Nachricht?«, japste der Typ.

Wieder lächelte Reacher.

»Euch«, sagte er.

Er griff in seine Tasche und holte die Aufkleber und den Leim heraus.

»Bleib jetzt ganz ruhig liegen«, sagte er.

Der Typ blieb ganz ruhig liegen. Er tastete mit den Händen nach seinem Hals, aber das war alles. Reacher zog das Papier von der Rückseite des Plastikstreifens ab, quetschte einen Strang Klebstoff darauf und drückte ihn den Typ mit aller Kraft auf die Stirn. Er strich einmal mit dem Finger drüber, dann ein zweites Mal. Das Mostro’s steht schon unter Schutz, stand auf dem Klebstreifen.

»Lieg still«, sagte er noch mal.

Er nahm den Schläger, ging zu dem anderen Typ, packte ihn an den Haaren und drehte sein Gesicht nach oben. Benutzte reichlich Klebstoff und pappte ihm das zweite Etikett auf die Stirn. Fangt keinen Krieg mit uns an, stand auf diesem. Er durchsuchte seine Taschen und machte die gleiche Beute. Eine Automatik, eine Brieftasche und ein Telefon. Dazu der Schlüssel für den Benz. Er wartete, bis sich der Typ wieder rührte. Dann warf er einen Blick zu dem zweiten Typ. Der kroch auf allen vieren herum und zupfte an dem Aufkleber auf seiner Stirn.

»Der geht nicht ab!«, rief Reacher. »Du reißt dir nur die Haut weg. Richte Mister Petrosian viele Grüße von uns aus, und geh anschließend ins Krankenhaus.«

Er drehte sich um. Drückte dem anderen Typ den restlichen Klebstoff in die Hände, presste sie zusammen und zählte bis zehn. Chemische Handschellen. Er packte ihn am Kragen, zerrte ihn hoch und hielt ihn fest, bis er wieder aus eigener Kraft stehen konnte. Dann schmiss er dem zweiten Typ die Autoschlüssel zu.

»Ich glaube, diesmal musst du fahren«, sagte er. »Und jetzt haut ab.«

Der Typ stand da, warf einen Blick nach links und rechts. Reacher schüttelte den Kopf.

»Denk nicht mal dran«, sagte er. »Sonst reiß ich dir die Ohren ab und stopfe sie dir ins Maul. Und lasst euch hier nie wieder blicken. Niemals. Sonst schicken wir euch jemand auf den Hals, der viel schlimmer ist als ich. Derzeit bin ich der beste Freund, den ihr habt, okay? Ist das klar?«

Der Typ glotzte vor sich hin. Dann nickte er zögernd.

»Also zischt ab«, sagte Reacher.

Der Typ mit den zusammengeklebten Händen war so benommen, dass er kaum gehen konnte. Der andere wusste nicht recht, wie er ihm beistehen sollte. Unter dem Arm konnte er ihn nicht fassen. Er überlegte einen Moment lang, ging dann vor ihm in die Hocke, tauchte zwischen den zusammengeleimten Händen auf und nahm ihn huckepack. Er schleppte sich davon und hielt an der Einmündung der Gasse inne, wo er sich deutlich im Lichtschein von der Straße abzeichnete. Er beugte sich vornüber, lud sich seinen Partner auf die Schulter und verschwand.

Bei den Schusswaffen handelte es sich um Beretta M9, Neun-Millimeter-Pistolen, wie sie auch das Militär verwendete. Reacher hatte dreizehn Jahre lang genau die gleiche Waffe besessen. Die Seriennummer der M9 ist in den Aluminiumrahmen eingeprägt, unmittelbar unter dem in den Schlitten eingravierten Schriftzug Pietro Beretta. Bei beiden Waffen war die Nummer entfernt worden. Irgendjemand hatte sie mit einer Rundfeile, die er von der Mündung in Richtung Griff angesetzt hatte, weggeschliffen. Nicht gerade die eleganteste Art. Beide Magazine waren voll geladen. Glänzende Kupferpatronen, Parabellum-Munition. Reacher nahm die Waffen in der Dunkelheit auseinander und warf die Läufe, die Schlitten und die Munition in die Mülltonnen vor der Küchentür. Dann legte er die beiden Rahmen auf den Boden, schaufelte Sand und Steine in das Verschlussstück und betätigte ein ums andere Mal den Abzug, bis der ganze Federmechanismus verklemmt war. Dann schmiss er sie in die Mülltonnen, zertrümmerte mit den Baseballschlägern die Telefone und ließ die Teile einfach liegen.

Die Brieftaschen enthielten Kreditkarten, Führerscheine und Bargeld. Alles in allem etwa dreihundert Dollar. Er rollte das Geld zusammen, steckte es ein und kickte die Brieftaschen in die hinterste Ecke. Dann richtete er sich auf und lief lächelnd zum Gehsteig zurück. Warf einen Blick die Straße entlang. Der schwarze Mercedes war nirgendwo zu sehen. Er ging in das menschenleere Restaurant. Das Orchester legte gerade voll los, und ein Tenor schwang sich zu einem verwegen hohen Ton auf. Der Inhaber stand gedankenverloren hinter der Bar. Er blickte auf. Der Tenor traf den Ton, und die Geigen, die Celli und die Bläser jauchzten hell auf und folgten ihm. Reacher pulte einen Zehner von der erbeuteten Geldrolle und legte ihn auf die Bar.

»Für den Teller, den sie zerbrochen haben«, sagte er. »Sie haben sich’s anders überlegt.«

Der Inhaber blickte nur wortlos auf den Zehner. Reacher wandte sich wieder um und ging hinaus. Er sah das Pärchen, das vorhin im Restaurant gewesen war, auf der anderen Straßenseite stehen. Sie beobachteten ihn vom gegenüberliegenden Gehsteig aus. Der rotblonde Typ mit dem Schnurrbart und die dunkelhaarige Frau mit der Aktentasche. Sie standen da, in ihre Mäntel gehüllt, und beobachteten ihn. Er ging zu seinem Geländewagen, schloss die Tür auf, stieg ein und ließ den Motor an. Schaute nach hinten und wartete auf eine Lücke im vorbeiströmenden Verkehr. Sie beobachteten ihn immer noch. Er gab Gas und fädelte sich ein. An der nächsten Kreuzung warf er einen Blick in den Rückspiegel und sah, wie die dunkelhaarige Frau mit der Aktentasche an die Bordsteinkante trat, den Kopf reckte und ihm hinterherschaute. Dann verschwand sie im Schein der Neonlichter.

2

Garrison ist eine Kleinstadt am Ostufer des Hudson River, droben im Bezirk Putnam, etwa achtundfünfzig Meilen nördlich von Tribeca. An einem späten Herbstabend ist der Verkehr nicht allzu dicht. Bei nur einer Mautstelle und leeren Schnellstraßen kann man, je nachdem, was man sich zutraut, ein flottes Tempo vorlegen. Aber Reacher fuhr vorsichtig. Regelmäßig von einem Fixpunkt zum nächsten zu fahren war für ihn etwas völlig Neues. Dass es überhaupt Fixpunkte gab, war für ihn etwas Neues. Er kam sich vor wie ein Außerirdischer in einer besiedelten Gegend. Und wie jeder Fremdling achtete er darauf, dass er keine Scherereien bekam. Daher fuhr er so langsam, dass er nicht auffiel, und ließ die Pendler in ihren schnellen Limousinen links und rechts an sich vorüberhuschen. Er brauchte eine Stunde und siebzehn Minuten für die achtundfünfzig Meilen.

Die Straße, an der er wohnte, war stockdunkel, denn sie lag tief in einer dünn bevölkerten, ländlichen Gegend. Der Gegensatz zum protzigen Glanz der Großstadt hätte krasser nicht sein können. Er bog in seine Auffahrt ein und sah, wie die Scheinwerfer über die dicht an dicht stehenden Pflanzen huschten, die aus dem Asphalt wucherten. Die Blätter wurden allmählich braun und dürr, und im grellen Licht schillerten sie bunt und unwirklich. Er fuhr um die letzte Kurve. Die Scheinwerfer fielen auf das Garagentor und erfassten zwei Autos, die in Fahrtrichtung davor standen. Er trat scharf auf die Bremse, worauf ihre Lichter angingen, ihm mitten ins Gesicht schienen und ihn blendeten, und im gleichen Moment fiel grelles Scheinwerferlicht von hinten in den Rückspiegel. Er tauchte aus dem gleißenden Licht weg und sah Menschen, die von der einen Seite auf ihn zugerannt kamen, Menschen mit starken Stablampen, deren Strahlen in der Dunkelheit auf und ab hüpften. Er fuhr herum und sah zwei Limousinen, die sich mit voll aufgeblendeten, tanzenden Scheinwerfern hinter ihm quer stellten. Leute stürzten heraus und rannten auf ihn zu. Sein Auto war eingeklemmt, stand inmitten einer gleißenden Glocke aus Licht. Leute huschten durch Licht und Dunkelheit, kamen auf ihn zu. Sie hatten Schusswaffen und trugen dunkle Westen über ihren Mänteln. Sie umstellten sein Auto. Im grellen Lichtschein, der von hinten auf sie fiel, sah er etliche Schrotflinten, an denen Taschenlampen befestigt waren. Nebel stieg vom Fluss auf und hing in der Luft, und die Strahlen ihrer Lampen zuckten im Dunst hin und her.

Eine Gestalt trat dicht an sein Auto, hob die Hand und klopfte neben seinem Kopf an die Scheibe. Die Hand wurde geöffnet. Es war eine kleine Hand, blass und schmal. Eine Frauenhand. Eine Taschenlampe wurde darauf gerichtet, so dass er die Dienstmarke sah, die sie hielt. Sie sah aus wie ein kleiner, golden funkelnder Schild. Oben auf dem Schild prangte ein goldener Adler, der den Kopf zur Seite gewandt hatte. Dann wurde die Taschenlampe näher rangehalten, und Reacher erkannte die erhabenen Lettern auf der Plakette, Gold auf Gold. Er starrte darauf. Federal Bureau of Investigation stand dort. US Department of Justice. Die Frau drückte die Dienstmarke ans Fenster. Mit einem kalten, metallischen Laut traf sie auf das Glas. Sie schrie ihm etwas zu. Ihre Stimme drang aus der Dunkelheit zu ihm.

»Stellen Sie den Motor ab!«, schrie sie.

Er sah nichts außer den Lichtstrahlen, die auf ihn gerichtet waren, und dem Nebel, der in der Luft hing. Er stellte den Motor ab, hörte aber nur das Knirschen zahlloser Stiefel auf seiner Auffahrt.

»Legen Sie beide Hände aufs Lenkrad!«, rief die Frau.

Er legte beide Hände aufs Lenkrad und saß still da, das Gesicht zur Tür gewandt. Sie wurde von außen geöffnet, worauf das Licht anging und auf die dunkelhaarige Frau aus dem Restaurant fiel. Der rotblonde Typ mit dem hellen Schnurrbart war neben ihr. Sie hatte die FBI-Marke in der einen Hand und eine Schusswaffe in der anderen. Die Waffe war auf seinen Kopf gerichtet.

»Raus aus dem Wagen«, sagte sie. »Ganz langsam.«

Sie trat zurück, folgte aber mit der Waffe jeder Kopfbewegung von ihm. Er drehte sich um, schwang die Beine aus dem Fußraum des Wagens und hielt inne, eine Hand auf der Sitzlehne, die andere am Lenkrad, bereit, die Füße auf den Boden zu setzen. Er sah ein halbes Dutzend Männer vor sich, die vom gleißenden Scheinwerferlicht erfasst wurden. Hinter ihm waren vermutlich noch mehr. Beim Haus möglicherweise noch weitere. Und unten an der Einmündung in die Auffahrt ebenso. Die Frau trat einen weiteren Schritt zurück. Er stieg aus und blieb vor ihr stehen.

»Drehen Sie sich um«, sagte sie. »Legen Sie die Hände auf den Wagen.«

Er tat, wie ihm geheißen. Das Blech fühlte sich kalt und glitschig vom nächtlichen Tau an. Er spürte Hände, die jeden Zentimeter seines Körpers abtasteten. Sie nahmen seine Brieftasche aus dem Mantel und das erbeutete Geld aus seiner Hosentasche. Jemand drängte sich an seiner Schulter vorbei, beugte sich in das Auto und zog die Zündschlüssel ab.

»Gehen Sie jetzt zu dem Wagen«, forderte ihn die Frau auf.

Sie deutete mit ihrer Dienstmarke hin. Er drehte sich um und sah Scheinwerfer, die durch den Nebel drangen, einen knappen Meter an seinen Beinen vorbei. Eine der Limousinen bei der Garage. Er ging darauf zu. Durchsucht seinen Wagen, hörte er jemanden hinter sich schreien. Ein Typ mit einer dunkelblauen Kevlarweste erwartete ihn bei dem Auto vor der Garage. Er öffnete die hintere Tür und trat zurück. Die Aktentasche der Frau stand auf dem Rücksitz. Kunstleder mit oberflächlich eingeprägter Nahrung. Er klemmte sich daneben. Der Typ mit der kugelsicheren Weste knallte die Tür hinter ihm zu. Gleichzeitig ging die Tür gegenüber auf, und die Frau rutschte neben ihn. Ihr Mantel war offen, so dass er ihre Bluse und das Kostüm sah. Der Rock war staubschwarz und zu kurz. Er hörte Nylon knistern und sah dann wieder die Waffe, die nach wie vor auf seinen Kopf gerichtet war. Die Vordertür wurde geöffnet, und der rotblonde Typ kniete sich auf den Sitz und reckte sich nach der Aktentasche. Reacher sah die hellen Haare an seinem Handgelenk. Sein Uhrarmband. Der Typ machte die Tasche auf und holte ein Bündel Papiere heraus. Er knipste eine Taschenlampe an und richtete sie darauf. Reacher sah den eng gedruckten Text und seinen Namen, der weit oben auf der ersten Seite stand.

»Durchsuchungsbefehl«, sagte die Frau zu ihm. »Für Ihr Haus.«

Der Rotblonde kroch wieder hinaus und knallte die Tür zu. Danach herrschte Stille im Auto. Reacher hörte draußen im Nebel Schritte. Sie wurden leiser. Die Frau saß einen Moment lang im gleißenden Lichtschein, der von hinten auf sie fiel. Dann reckte sie sich nach vorn und schaltete die Innenbeleuchtung ein. Grell und gelblich ging sie an. Sie saß ihm schräg gegenüber, den Rücken zur Tür gekehrt, die Knie auf ihn gerichtet, die Waffe über die Sitzlehne angelegt. Sie hatte den Arm angewinkelt, den Ellbogen auf die Ablage gestützt, so dass sie ihn mit ihrer Knarre bequem in Schach halten konnte. Es war eine SIG-Sauer, eine schwere Waffe, gut und teuer.

»Stellen Sie die Füße fest auf den Boden«, sagte sie.

Er nickte. Er wusste, was sie wollte. Er lehnte sich wieder an die Tür und schob die Füße unter den Vordersitz. Halb verdreht hockte er da, alles andere als bequem, und das hieß, dass er nicht schnell genug war, dass er nichts unternehmen konnte, dass sie ihm den Kopf wegballern würde, bevor er irgendetwas ausrichten konnte.

»Ich will Ihre Hände sehen«, sagte sie.

Er streckte die Arme aus, legte die Hände um die Nackenstützen des Vordersitzes und schaute sie an, das Kinn auf die Schulter gelegt. Vor sich sah er die Mündung der SIG-Sauer, die sie mit ruhiger Hand auf ihn gerichtet hielt. Dahinter ihren Finger, den sie um den Abzug gelegt hatte. Dann ihr Gesicht.

»Okay, bleiben Sie jetzt so sitzen«, sagte sie.

Ihre Miene wirkte völlig ungerührt.

»Sie fragen ja gar nicht, worum es hier überhaupt geht«, sagte sie.

Jedenfalls nicht um das, was vor einer Stunde und siebzehn Minuten passiert ist, sagte er sich. So schnell lässt sich so eine Aktion nicht auf die Beine stellen. Er schwieg und rührte sich nicht von der Stelle. Er war ein bisschen besorgt, weil der Fingerknöchel, den die Frau um den Abzug der SIG-Sauer gelegt hatte, so weiß war. Unfälle passieren immer wieder.

»Wollen Sie etwa nicht wissen, worum es hier geht?«, fragte sie.

Er schaute sie mit ausdrucksloser Miene an. Keine Handschellen, dachte er. Warum nicht? Die Frau zuckte die Achseln. Okay, wie du willst, sollte das heißen. Dann wandte sie sich ihm forschend zu. Sie hatte kein hübsches, aber ein interessantes Gesicht mit einer gewissen Ausstrahlung. Sie war etwa fünfunddreißig, hatte aber bereits Falten, so als verziehe sie ihr Gesicht zu oft, wenn sie aufgeregt war. Vermutlich eher zu einem Stirnrunzeln als zu einem Lächeln, dachte er. Ihr Haare waren rabenschwarz, aber dünn, so dünn, dass er die Kopfhaut sehen konnte. Sie war weiß. Irgendwie wirkte sie müde, kränklich. Aber ihre Augen strahlten. Sie blickte an ihm vorbei, durch das Autofenster hinaus in die Dunkelheit, zum Haus, wo ihre Männer zugange waren.

Sie lächelte. Ihre Schneidezähne waren schief. Der rechte stand etwas schräg und ragte ein kleines Stück über den linken. Ein interessanter Mund. Er kündete von einer gewissen Einstellung. Ihre Eltern hatten den kleinen Schönheitsfehler nicht korrigieren lassen und sie im Nachhinein auch nicht. Die Gelegenheit dazu hatte sie bestimmt gehabt. Aber sie hatte sich entschlossen, alles so zu belassen, wie es ihr von Natur aus mitgegeben war. Vermutlich die richtige Entscheidung. Ihr Gesicht besaß dadurch etwas Ureigenes. Einen gewissen Charakter.

Unter dem weiten Mantel war sie eher schmal. Sie trug ein schwarzes Jackett, das zu dem Rock passte, und eine cremefarbene Bluse, die locker über ihre kleinen Brüste fiel. Die Bluse sah aus, als wäre sie aus pflegeleichtem Kunststoff, der ein paarmal zu oft gewaschen worden war. Über dem Rockbund knitterte sie. Sie saß so schief und verdreht da, dass ihr Rock auf halbe Schenkelhöhe hochgerutscht war. Ihre Beine wirkten unter dem schwarzen Nylon dünn und knochig, und zwischen den Schenkeln klaffte eine Lücke, obwohl sie die Knie zusammengepresst hielt.

»Würden Sie das bitte lassen«, sagte sie.

Ihre Stimme klang kühl, und die Waffe bewegte sich.

»Was?«, fragte Reacher.

»Auf meine Beine starren.«

Er wandte sich ihrem Gesicht zu. »Wenn jemand eine Knarre auf mich richtet, habe ich ja wohl das Recht, ihn mir von Kopf bis Fuß anzuschauen, finden Sie nicht?«

»Machen Sie das gern?«

»Was?«

»Frauen anglotzen.«

Er zuckte die Achseln. »Ist doch schöner als manch anderes, was es zu sehen gibt.«

Die Waffe rückte näher. »Das ist nicht komisch, Sie Dreckskerl. Ich mag es nicht, wenn Sie mich so anschauen.«

Er starrte sie an.

»Wie schaue ich Sie denn an?«, fragte er.

»Das wissen Sie ganz genau.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, keineswegs«, sagte er.

»Als ob Sie etwas von mir wollten«, sagte sie. »Sie sind widerlich, ist Ihnen das klar?«

Er nahm ihren verächtlichen Tonfall wahr und musterte ihre dünnen Haare, die gerunzelte Stirn, die schiefen Zähne, ihren knochigen Körper in der geradezu lachhaft billigen Büroangestelltenuniform.

»Sie glauben also, ich will Sie anmachen?«

»Stimmt das vielleicht nicht? Möchten Sie das etwa nicht?«

Wieder schüttelte er den Kopf.

»Nein, jedenfalls nicht, solange noch Hunde auf der Straße unterwegs sind.«

Geschlagene zwanzig Minuten schwiegen sie einander an, während die Luft vor Feindseligkeit förmlich knisterte. Dann kehrte der rotblonde Typ mit dem Schnurrbart zurück und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Die Tür auf der Fahrerseite ging auf, und ein zweiter Mann stieg ein. Er hatte die Autoschlüssel in der Hand, warf einen Blick in den Spiegel, bis die Frau nickte, ließ dann den Motor an, rangierte an Reachers geparktem Jeep vorbei und fuhr hinunter zur Straße.

»Darf ich einen Anruf machen?«, fragte Reacher. »Oder hält man beim FBI nichts von solchem Kleinkram.«

Der Rotblonde starrte nach vorn, auf die Windschutzscheibe.

»Irgendwann innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden«, sagte er. »Wir sorgen schon dafür, dass man Ihnen die in der Verfassung verbürgten Rechte nicht verwehrt.«

Die Frau hatte die Mündung der SIG-Sauer während der ganzen flotten Fahrt nach Manhattan unverwandt auf Reachers Kopf gerichtet, volle achtundfünfzig Meilen durch Nacht und Nebel.

3

Sie hielten in einer unterirdischen Parketage irgendwo südlich von Midtown und drängten ihn aus dem Wagen in den weiß getünchten, hell erleuchteten Raum, der voller dunkler Limousinen stand. Die Schritte der Frau scharrten in der Stille auf dem Betonboden, als sie einmal die Runde machte und sämtliche Abstellplätze überprüfte. Eine Vorsichtsmaßnahme. Dann deutete sie auf eine dunkle Fahrstuhltür in der hinteren Ecke. Zwei weitere Typen erwarteten sie dort. Dunkle Anzüge, weiße Hemden, dezente Krawatten. Sie wandten den Blick nicht von der Frau und dem rotblonden Typ, als die schräg auf sie zugingen. Ihren Mienen nach zu schließen, hatten sie Respekt vor ihnen. Sie waren Untergebene, wirkten jedoch ein bisschen stolz. Als wären sie irgendwie die Gastgeber. Reacher wurde mit einem Mal klar, dass die Frau und der Rotblonde keine New Yorker Agenten waren. Sie kamen von irgendwo anders her, befanden sich in einem fremden Revier. Die Frau hatte die Parketage nicht aus Vorsicht überprüft, sondern weil sie nicht wusste, wo sich der Fahrstuhl befand.

Sie drängten Reacher in die Fahrstuhlkabine und bauten sich rund um ihn auf. Die Frau, der Rotblonde, der Fahrer und die zwei hiesigen Jungs. Fünf Menschen, fünf Waffen. Dann ging jeder der vier Männer in einer Ecke in Stellung, während die Frau in der Mitte stehen blieb, unmittelbar neben Reacher, so als wollte sie ihn für sich in Beschlag nehmen. Einer der einheimischen Jungs drückte auf einen Knopf, worauf die Tür zuglitt und der Aufzug sich in Bewegung setzte.

Er fuhr eine ganze Weile nach oben und hielt dann jäh an, als auf der Stockwerksanzeige die 21 auftauchte. Rumpelnd öffnete sich die Tür, und die einheimischen Jungs übernahmen die Führung und geleiteten sie durch einen leeren Korridor. Er war grau. Dünner grauer Teppichboden, graue Wände, graues Licht. Rundum herrschte Stille, als wären bis auf die dienstbeflissenen Streber alle schon vor Stunden nach Hause gegangen. Geschlossene Türen säumten die Korridorwände. Der Typ, der die Limousine von Garrison bis hierher gefahren hatte, blieb vor der dritten stehen und machte sie auf. Reacher sah einen kahlen Raum vor sich, etwa sechzehn Quadratmeter groß, Betonboden, Bimssteinwände, alles mit dicker grauer Farbe gestrichen, wie die Bordwände und die Aufbauten eines Kriegsschiffs. Die Decke war noch nicht verputzt, so dass man die Versorgungsleitungen sehen konnte – viereckige Röhren aus dünnem, angelaufenem Metall. An Ketten aufgehängte Leuchtstoffröhren warfen ein mattes Licht in das graue Gelass. In der einen Ecke stand ein Gartenstuhl aus Plastik. Es war das einzige Möbelstück.

»Setzen Sie sich«, forderte die Frau ihn auf.

Reacher ging in die gegenüberliegende Ecke und setzte sich auf den Boden, klemmte sich zwischen die rechtwinklig zusammenlaufenden Bimssteinwände. Sie waren kalt, und die Farbe war glitschig. Er verschränkte die Arme, streckte die Beine aus und schlug die Füße übereinander. Lehnte den Kopf an die Wand, so dass er die Leute, die an der Tür standen, genau im Blick hatte. Sie zogen sich auf den Korridor zurück und schlossen die Tür. Kein Klicken, kein einschnappender Riegel, aber das war auch nicht nötig, weil sie auf der Innenseite keinen Griff hatte.

Er spürte nur das leichte Schwingen des Bodens, als sich ihre Schritte entfernten. Danach war alles still, bis auf das leise Säuseln der Lüftung über seinem Kopf. Etwa fünf Minuten lang saß er so da, dann hörte er wieder Schritte draußen auf dem Korridor. Die Tür ging auf, jemand schaute herein und starrte ihn an. Ein Mann, etwas älter, das Gesicht rot und aufgedunsen vor Erschöpfung oder zu hohem Blutdruck, der ihn unverhohlen feindselig musterte, als wollte er sagen: Du bist also der Typ, was? Er starrte ihn drei, vier Sekunden lang an, zog sich dann zurück und knallte die Tür zu, worauf wieder Stille einkehrte.

Fünf Minuten später noch mal das Gleiche. Schritte auf dem Korridor, jemand schaute zur Tür rein, starrte ihn ebenso offen und unverhohlen an. Du bist also derjenige. Diesmal war es ein jüngeres Gesicht. Hager und dunkel. Darunter ein Hemd samt Krawatte. Kein Jackett. Reacher starrte drei, vier Sekunden lang zurück. Dann verschwand das Gesicht wieder, und die Tür wurde zugeknallt.

Diesmal wurde er länger allein gelassen, gut und gern zwanzig Minuten. Dann kam der dritte Neugierige. Schritte auf dem Flur, ein Rütteln am Türgriff, die Tür ging auf, das übliche Anglotzen. Das ist der Typ, was? Diesmal war es wieder ein älterer Mann, etwa Mitte fünfzig, graue Haare, energisches Gesicht. Er trug eine dicke Brille und musterte ihn mit gelassenem Blick. Ernst und nachdenklich. Er wirkte wie jemand, der eine gewisse Verantwortung trug. Eine Art FBI-Chef vielleicht. Reacher schaute ihn nur müde an. Keiner sagte ein Wort. Niemand gab einen Ton von sich. Der Typ starrte ihn nur eine Zeit lang an, zog sich dann wieder zurück und schloss die Tür.

Irgendwas ging da draußen vor sich. Reacher wurde gut eine Stunde allein gelassen. Er machte es sich am Boden bequem und wartete. Dann hatte die Warterei ein Ende. Eine ganze Horde Menschen rottete sich draußen auf dem Korridor zusammen, laut wie eine aufgescheuchte Rinderherde. Reacher spürte ihre Schritte. Dann wurde die Tür geöffnet, und der grauhaarige Typ trat in den Raum. Er blieb unmittelbar hinter der Schwelle stehen und beugte sich vor.

»Wird Zeit, dass wir miteinander reden«, sagte er.

Die beiden Nachwuchsagenten bauten sich hinter ihm auf, als wollten sie ihm Geleitschutz geben. Reacher wartete einen Moment, rappelte sich dann auf und trat aus seiner Ecke.

»Ich möchte einen Anruf machen«, sagte er.

Der Grauhaarige schüttelte den Kopf.

»Anrufen können Sie später«, sagte er. »Erst reden wir miteinander, okay.«

Reacher zuckte die Achseln. Selbstverständlich wurden ihm hier Grundrechte verwehrt, aber der Haken dabei war, dass man so was erst mal beweisen musste, einen Zeugen dafür brauchte. Jemanden, der es mitbekommen hatte. Und die zwei jungen Agenten bekamen garantiert nichts davon mit. Die sahen so aus, als würden sie hinterher Stein und Bein schwören, dass Moses höchstpersönlich vom Berg herabgestiegen wäre und ihm sämtliche Gesetzestafeln einschließlich der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika vorgelesen hätte.

»Dann wollen wir mal«, sagte der Grauhaarige.

Reacher wurde auf den grauen Korridor hinausgeführt, wo sich ein ganzer Haufen Menschen tummelte. Die Frau war da, dazu der Rotblonde mit dem Schnurrbart, der ältere Typ, der zu hohen Blutdruck hatte, und der Jüngling mit dem hageren Gesicht, der in Hemdsärmeln herumlief. Sie waren aufgekratzt. Hochgradig erregt, standen unter Strom, auch zu so später Stunde noch. Waren wie berauscht von der Aussicht auf einen Erfolg. Reacher kannte das Gefühl. Er hatte es mehr als einmal erlebt, öfter als er sich erinnern konnte.

Aber sie waren untereinander uneins. Es gab eindeutig zwei Teams, zwischen denen eine gewisse Spannung herrschte. Als sie den Gang entlangliefen, wurde das offenkundig. Die Frau hielt sich dicht an seiner linken Schulter, und der Rotblonde und der Typ mit dem zu hohen Blutdruck hielten sich wiederum an sie. Das war das eine Team. Rechts von ihm befand sich der Typ mit dem hageren Gesicht. Er bildete das zweite Team, war allein und in der Minderzahl und alles andere als froh drüber. Reacher spürte seine Hand an seinem Ellbogen, als hielte er sich bereit, seine Beute jederzeit zu ergreifen.

Sie gingen den langen, grauen Korridor entlang, als zögen sie durch das Innere eines Kriegsschiffes, und steuerten ein graues Zimmer mit einem langen Tisch an, der den Großteil des Raums ausfüllte. Der Tisch war an beiden Längsseiten gekrümmt, links und rechts aber gerade. An der einen Längsseite waren in weitem Abstand zueinander sieben Plastikstühle aufgereiht, die Lehnen der Tür zugekehrt, so dass sie auf einen einzelnen, genau in der Mitte der gegenüberliegenden Seite stehenden Stuhl gleichen Typs ausgerichtet waren.

Reacher hielt in der Tür inne. Er konnte sich gleich denken, welcher Stuhl für ihn bestimmt war. Er zwängte sich an der Tischkante vorbei und setzte sich. Der Stuhl war alles andere als stabil. Die Beine bogen sich unter seinem Gewicht durch, und die Plastiklehne schnitt ihm unterhalb des Schulterblatts in den Rücken. Die Wände des Zimmers bestanden ebenfalls aus grau gestrichenem Bimsstein, aber diesmal war die Decke verputzt und mit fleckigen, verzogenen Schalldämpfplatten verkleidet. Eine Scheinwerferschiene mit großen, zylindrischen Strahlern, die schräg auf ihn gerichtet waren, war daran festgeschraubt. Die Tischplatte bestand aus billigem Mahagoni, dick mit glänzendem Firnis lackiert. Das Licht spiegelte sich auf der Politur und stach ihm genau in die Augen.

Die beiden jüngeren Agenten hatten sich links und rechts des Tisches an der Wand aufgebaut, wie Posten. Ihre Sakkos waren offen, so dass man die Schulterholster sehen konnte. Sie hatten die Hände in Taillenhöhe verschränkt, die Augen ihm zugewandt und beobachteten ihn. Die beiden Teams bezogen ihm gegenüber Position. Sieben Stühle, fünf Leute. Der Grauhaarige nahm den Stuhl in der Mitte. Das Licht fiel auf seine Brillengläser, so dass sie wie undurchdringliche Spiegel wirkten. Rechts neben ihm saß der Typ mit dem zu hohen Blutdruck, daneben die Frau und der Rotblonde. Der hemdsärmlige Typ mit dem hageren Gesicht hockte allein auf dem mittleren Stuhl zur Linken. Wie ein Inquisitionsgericht mit leichter Schlagseite thronten sie ihm gegenüber, im gleißenden Licht nur undeutlich zu erkennen.

Der Grauhaarige beugte sich vor, stützte die Unterarme auf das glänzende Holz und übernahm das Kommando. Und trennte damit unwillkürlich die Fraktionen zur Linken und zur Rechten voneinander.

»Wir hatten Ihretwegen eine kleine Meinungsverschiedenheit«, sagte er.

»Bin ich festgenommen?«, fragte Reacher.

Der Typ schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht.«

»Dann kann ich also gehen?«

Der Typ blickte über den Rand seiner Brille. »Nun ja, uns wäre es lieber, wenn Sie noch eine Weile hier blieben, damit wir die Sache halbwegs anständig hinter uns bringen können.«

Danach herrschte eine Zeit lang Stille.

»Dann benehmen Sie sich gefälligst anständig«, sagte Reacher. »Ich bin Jack Reacher. Wer, zum Teufel, sind Sie?«

»Was?«

»Stellen wir uns doch erst mal vor. Wie das unter zivilisierten Menschen üblich ist, stimmt’s? Man stellt sich einander vor. Dann plaudert man über die Yankees, über die Börse oder was anderes.«

Wieder Schweigen. Dann nickte der Typ.

»Ich bin Alan Deerfield«, sagte er. »Stellvertretender Direktor des FBI. Ich leite die Außenstelle New York.«

Dann wandte er den Kopf nach rechts, schaute zu dem Rotblonden am anderen Ende des Tisches und wartete.

»Special Agent Tony Poulton«, sagte der Rotblonde und blickte nach links.

»Special Agent Julia Lamarr«, sagte die Frau und blickte ebenfalls nach links.

»Leitender Agent Nelson Blake«, sagte der Typ mit dem zu hohen Blutdruck. »Wir drei sind von der FBI-Akademie in Quantico. Ich bin Leiter der Abteilung zur Bekämpfung von Serienkriminalität. Die Special Agents Lamarr und Poulton sind mir unterstellt. Wir sind hierher gekommen, um mit Ihnen zu reden.«

Danach herrschte einen Moment lang Schweigen, bis sich Deerfield in die andere Richtung drehte und den Mann zu seiner Linken ansah.

»Leitender Agent James Cozo«, sagte der. »Organisiertes Verbrechen, hier in New York City. Ich bin mit Schutzgeldringen befasst.«

Wieder Schweigen.

»Soweit zufrieden?«, fragte Deerfield.

Reacher blinzelte ins gleißende Licht. Alle schauten ihn an. Poulton, der Rotblonde. Lamarr, die dunkelhaarige Frau mit den schiefen Zähnen. Blake, der Mann mit dem zu hohen Blutdruck. Alle drei von der Abteilung Serienkriminalität drunten in Quantico. Hierher gekommen, um mit mir zu reden. Dann Deerfield, der Chef der FBI-Außenstelle New York, ein hohes Tier. Dann Cozo, der hagere Typ von der Abteilung Organisiertes Verbrechen, mit Schutzgeldringen befasst. Er ließ den Blick langsam von links nach rechts und wieder zurück schweifen, bis er wieder zu Deerfield kam. Dann nickte er.

»Okay«, sagte er. »Freut mich, Sie kennen zu lernen. Was ist nun mit den Yankees? Meinen Sie, die müssen noch Spieler kaufen?«

Fünf Mann saßen ihm gegenüber und verzogen missmutig das Gesicht, jeder auf seine Art. Poulton wandte seines ab, als hätte ihn jemand geschlagen. Lamarr schnaubte abfällig. Blake kniff den Mund zusammen und wurde noch röter. Deerfield starrte ihn an und seufzte. Cozo warf Deerfield einen kurzen Blick von der Seite zu, wollte offenbar, dass er eingriff.

»Wir haben nicht vor, mit Ihnen über die Yankees zu sprechen«, sagte Deerfield.

»Und was ist mit dem Dow Jones? Gibt’s demnächst den großen Crash?«

Deerfield schüttelte den Kopf. »Veräppeln Sie mich nicht, Reacher. Derzeit bin ich der beste Freund, den Sie haben.«

»Nein, Ernesto A. Miranda ist der beste Freund, den ich habe«, sagte Reacher. »Miranda gegen den Staat Arizona, Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom Juni 1966. Dort befand man, dass seine im fünften Zusatzartikel zur Verfassung gewährleisteten Grundrechte verletzt wurden, weil die Cops ihn nicht darauf hingewiesen haben, dass er schweigen und sich einen Anwalt besorgen darf.«

»Und?«

»Und Sie dürfen nicht mit mir reden, solange Sie mir nicht meine Miranda-Rechte vorgelesen haben. Worauf ich wiederum nicht mit Ihnen reden darf, weil es eine Zeit lang dauern dürfte, bis meine Anwältin hier ist, und selbst wenn sie da ist, wird sie mich nicht mit Ihnen reden lassen.«

Die drei Agenten von der Abteilung Serienkriminalität grinsten breit. Als ob Reacher ihnen ein Märchen erzählte.

»Jodie Jacob ist Ihre Anwältin, stimmt’s?«, fragte Deerfield. »Ihre Freundin?«

»Was wissen Sie denn von meiner Freundin?«

»Wir wissen alles über Ihre Freundin«, sagte Deerfield. »Und wir wissen auch alles über Sie.«

»Warum wollen Sie dann mit mir reden?«

»Sie arbeitet bei Spencer Gutman, richtig?«, sagte Deerfield. »Genießt einen großartigen Ruf als Sozius. Man überlegt sich dort, ob man ihr eine Partnerschaft anbieten soll, wissen Sie das?«

»Ich hab’s gehört.«

»Vielleicht schon bald.«

»Ich hab’s gehört«, sagte Reacher noch mal.

»Die Bekanntschaft mit Ihnen wird ihr dabei nicht gerade nützen. Sie sind nicht unbedingt der ideale Ehemann für eine angesehene Juristin, oder?«

»Ich bin überhaupt kein Ehemann.«

Deerfield lächelte. »Nur so ein Ausdruck. Aber Spencer Gutman ist eine sehr vornehme Kanzlei. Dort überlegt man sich so etwas genau. Und außerdem ist es eine Kanzlei für Wirtschaftsrecht, richtig? Spielt in der Finanzwelt eine große Rolle, wie wir alle wissen. Aber in Sachen Strafrecht hat man dort nicht allzu viel Erfahrung. Sind Sie sicher, dass Sie sie als Anwältin wollen? In so einer Situation?«

»In was für einer Situation?«

»Der Situation, in der Sie sich befinden?«

»In was für einer Situation befinde ich mich denn?«

»Ernesto A. Miranda war ein Vollidiot, ist Ihnen das klar?«, sagte Deerfield. »Er hatte nicht alle Tassen im Schrank. Deshalb ist das Gericht so mild mit ihm umgesprungen. Er war geistig minderbemittelt. Man musste ihm Schutz gewähren. Sind Sie ein Schwachsinniger, Reacher? Sind Sie geistig minderbemittelt?«

»Vermutlich, wenn ich mir so einen Scheiß bieten lasse.«

»Rechte sind ohnehin nur für Leute da, die sich etwas zuschulden kommen lassen. Wollen Sie etwa sagen, dass Sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen?«

Reacher schüttelte den Kopf. »Ich sage gar nichts. Ich habe nichts zu sagen.«

»Der gute alte Ernesto ist trotzdem im Gefängnis gelandet. So was vergessen die Menschen gern. Man hat ihn noch mal vor Gericht gestellt und verurteilt. Er war fünf Jahre hinter Gittern. Wissen Sie, was danach aus ihm geworden ist?«

Reacher zuckte die Achseln. Schwieg.