Beschreibung

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr! Niemand weiß genau, warum Frank so bescheuert war, mit Maja Schluss zu machen – am wenigsten Frank selbst. Also versuchen ihre Freunde mit vereinten Kräften, das junge Paar wieder zusammenzubringen. Unbedingt begeistert ist Maja von diesen Bemühungen nicht, denn ausgerechnet Yvette hat eine brillant einfache Idee: 10 Dates in 10 Tagen. Entweder fällt Frank schnell genug auf, was für ein Idiot er war, oder Maja trifft ihren neuen Seelenverwandten. Ganz klar eine Win-Win-Situation! Und wer weiß schon besser über Liebe Bescheid als eine ehemalige Pornodarstellerin wie Yvette, die sich nie für Liebe interessiert hat? Bis jetzt zumindest … Alle Bücher dieser Serie sind in sich abgeschlossen. Gefühlvolle Handlung. Explizite Szenen.

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Sammlungen



10 Tage, 10 Dates

Natalie Rabengut

Liebesroman

Copyright: Natalie Rabengut, 2015, Deutschland.

Korrektorat: Claudia Heinen – http://sks-heinen.de

Coverfoto: © JZhuk - fotolia.com

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

www.blackumbrellapublishing.com

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Bonus

Über Natalie Rabengut

Kapitel 1

Yvette

Mit einem befriedigenden Seufzer ließ ich mich auf Michaels Brust sinken und tätschelte ihn kurz, bevor ich mich von ihm rollte. Ich suchte seine Packung Zigaretten, als er nach meiner Hand griff und einen Kuss darauf presste.

Sein sanftes Lächeln beunruhigte mich ein wenig, trotzdem erwiderte ich es.

»Ich habe mit meinem Anwalt gesprochen«, begann er und ich entwand ihm meine Finger, um mir eine Zigarette zu nehmen. »Yvette, sieh mich doch an, wenn ich mit dir rede.« Michael klang beleidigt und ich richtete mich auf, das Gesicht ihm zugewandt. Seine Stirn war gerunzelt und er streckte den Arm aus, um meine Schulter zu streicheln. »Ich schätze, es wäre ein guter Zeitpunkt, mich scheiden zu lassen.«

»Das freut mich für dich.«

Er beugte sich vor und drückte seine Lippen auf meine nackte Haut. »Für uns sollte dich das freuen. Dann können wir heiraten. Überleg nur, wie clever das wäre, wir beide zusammen? Damit hätten wir die Marktführung – und tollen Sex.«

Verdammt! Ich hatte gleich gewusst, dass es eine beschissene Idee gewesen war, mit ihm ins Bett zu gehen. Dabei hatte er recht, denn der Sex war wirklich ziemlich gut. Trotzdem schlug ich die Bettdecke zurück und stieg nackt aus dem Bett. Meine Lederhose lag auf dem Boden, das knappe Top musste ich vom Bettpfosten klauben. Ein Schuh war unters Bett gerutscht, der andere stand auf dem Nachttisch, Unterwäsche hatte ich gar nicht erst angehabt.

»Du sagst ja gar nichts«, bemerkte er kritisch.

»Sorry, Michael, aber du weißt doch, dass ich nicht viel von dem Konzept halte. Es reicht schon, dass ich jetzt gleich zu dieser bekloppten Hochzeitsfeier muss.«

»Aber …«

Mit drei Schritten war ich bei ihm und legte die Finger auf seine Lippen. »Sh. Sag jetzt nichts. Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen, aber es wäre doch sehr selbstsüchtig von mir, ein solches Prachtexemplar Mann allein an mich binden zu wollen.«

Er schien über meine Worte nachzudenken und seine Miene wurde weich.

Ich streichelte seine Wange. »Was hältst du von einer offenen Beziehung? Du hast doch letztens so von deiner neuen Sekretärin geschwärmt – warum probierst du es nicht einmal mit ihr?«

»Nun ja. Prinzipiell würde da wohl nichts gegen sprechen«, murmelte er versöhnt.

Inzwischen war ich wieder aufgestanden und zog die enge Hose über meine Hüften. Ich stieg in die Schuhe, zog das Top über, nahm meine Tasche vom Tisch und eilte zur Tür. »Es war echt schön mit uns.« Dazu blies ich ihm eine Kusshand zu.

»Warte mal!«, rief er mir empört nach und richtete sich im Bett auf. »Servierst du mich gerade ab?«

Mit einem entschuldigenden Lächeln zog ich die Tür hinter mir zu und machte mich auf den Weg zur Kaffeetante.

Als ich endlich ein Glas Prosecco in der Hand hatte und meinen Blick über die versammelte Meute gleiten ließ, musste ich wieder über Michaels Worte nachdenken. Heiraten. So wirklich hatte ich das nicht in Betracht gezogen – schon gar nicht, wenn es letztlich nur darum ging, dass er die Hälfte meiner Produktionsfirma schluckte, ohne dafür zu bezahlen. Zwar hatte ich vor, sie in baldiger Zukunft an ein englisches Unternehmen zu verkaufen und mich aus dem Business zurückzuziehen. Aber die Betonung lag auf »verkaufen« – und dieser Deal schloss mich und meinen Körper nun wirklich nicht mit ein.

Michael Peterowski gehörte Smogma Entertainment und wir waren uns auf so vielen Veranstaltungen über den Weg gelaufen, dass es mir nur logisch erschien, mit ihm ins Bett zu gehen. Außerdem war er bei Verhandlungen sehr viel eher bereit, nachzugeben, wenn er kurz zuvor abgespritzt hatte.

Seit ich mit ihm schlief, hatten wir viele gute Vereinbarungen getroffen, deswegen musste ich ihn jedoch noch lange nicht heiraten. Hoffentlich war er nicht so rachsüchtig, wie es ihm nachgesagt wurde.

Heiraten! Ich nahm einen weiteren Schluck Prosecco und hoffte, dass es heute genug davon gab. Wenn um mich herum weiter so viel geheiratet wurde, würde ich bald ein ernsthaftes Alkoholproblem bekommen. Eigentlich war ich nur aus Miami zurückgekehrt, weil ich gedacht hatte, alles wäre noch so wie früher.

Da niemand auf mich achtete, starrte ich Boris ungeniert an. Eine Unverschämtheit, dass er nicht auf mich gewartet hatte. Dabei hatte ich immer gedacht, auf ihn könnte ich mich verlassen. Wenn ich mir ansah, wie er seine Frau anschaute, bekam ich ein ganz unangenehmes Gefühl im Bauch, das mich entfernt an Wehmut erinnerte.

Ich schlug die Beine übereinander und beobachtete, wie die kleine Angestellte der Kaffeetante mit der Braut in der Küche verschwand. Dabei sahen ihnen zwei Männer hinterher: der Freund der Kleinen und dieser schrecklich attraktive Barkeeper mit dem amerikanischen Akzent.

Als er zufällig in meine Richtung sah, schenkte ich ihm ein aufreizendes Lächeln. Ich ging fest davon aus, dass ich einen Ersatz für Michael brauchte, und wenn ich richtig gezählt hatte, war er der einzige männliche Single in diesem Raum.

Ekelhaft war es geradezu, wie diese Liebesepidemie um sich griff. Keiner schien verschont zu bleiben, überall glückliche Gesichter und glänzende Fassaden. Furchtbar.

Dabei war es ja nicht einmal so, dass ich eine gute Portion Zucker nicht zu schätzen wusste, doch im Moment drohte ich schlicht, darin zu ertrinken. Außerdem erinnerte es mich daran, dass ich auf dem Heiratsmarkt eher schlechte Karten hatte – wer wollte schon eine zukünftige ehemalige Pornodarstellerin? Okay, ich hatte erst ein paar Wochen nicht mehr gedreht und lag in Verhandlungen mit der Firma, die mein Unternehmen kaufen wollte, aber trotzdem sah ich mich schon als eine Ehemalige.

Der Mann, der mich wollte, musste wohl noch gebacken werden. Ich würde niemals die niedliche Besitzerin eines Cafés, eine exzentrische Schriftstellerin oder eine kluge Anwältin sein.

Das Gefühl in meinem Magen wurde stärker und begann, an mir zu nagen.

»Hey, seit wann bist du so ruhig?«, wollte Anika wissen. »Das macht mir Sorgen. Heckst du was aus?«

Anfangs war ich wirklich fest entschlossen gewesen, Boris’ Angebetete zu hassen, aber sie war verdammt noch mal zu nett. Außerdem kamen sie und ihre Crew dem Konzept von Freunden am nächsten. Früher hatte ich nur Leute gehabt, die mit mir arbeiten oder Party machen wollten.

Jetzt hatte ich Menschen, die mich zum Kuchen essen einluden oder samstags völlig normale Kleidung mit mir kaufen gehen wollten. Daran hatte ich mich immer noch nicht so ganz gewöhnt.

»Ich glaube, ich brauche eine Kippe«, sagte ich zu ihr, weil ich beim besten Willen nicht wusste, wie ich ihr vermitteln sollte, was in meinem Kopf vor sich ging.

Angesichts meiner ungesunden Angewohnheit rollte sie mit den Augen, entließ mich aber dennoch mit einem Nicken.

Vor der Tür atmete ich durch und ging drei Schritte zur Seite, damit mich nicht jeder von ihnen durch das Schaufenster sehen konnte. Als ich die Schachtel aus meiner Tasche kramte, bemerkte ich Sabrina, die an der Wand lehnte, ebenfalls mit einer Zigarette in der Hand.

»Bitte verpetz mich nicht«, flüsterte sie. »Mein Mann kriegt sonst die Krise. Manchmal halte ich diese riesige, verständnisvolle Familie einfach nicht aus.« Sie lehnte den Kopf nach hinten, schloss die Augen und nahm einen tiefen Zug, bevor sie hinzufügte: »Ich bin ein schlechter Mensch, oder?«

»Ganz und gar nicht. Hast du Feuer?«, fragte ich.

Das Glöckchen über der Tür der Kaffeetante ertönte und Kai-Uwe steckte seinen Kopf heraus. Hektisch drückte Sabrina mir ihre Zigarette in die Finger, bevor ihr Mann sie erwischte.

»Ah, hier steckst du. Alles klar?«

»Natürlich«, verkündete sie und selbst ich musste zugeben, dass sie sehr überzeugend klang. »Ich leiste nur Yvette Gesellschaft.«

»Du solltest echt aufhören, zu rauchen!«, schimpfte er und ich zog eine Schnute.

Als er verschwand, nahm Sabrina mir die Kippe wieder weg. »Sorry.«

»Kein Ding. Ist er wenigstens gut im Bett?«

Sie grinste. »Oh ja. Und eigentlich habe ich auch wirklich aufgehört zu rauchen, aber manchmal sind sie mir einfach …« Mit wedelnder Hand brach sie den Satz ab.

»Zu glücklich?«, schlug ich vor und sie nickte, als würde ich sie wirklich verstehen.

»Genau.«

Stumm rauchten wir weiter, bis sie seufzte. »Ich schätze, ich muss wieder rein. Sonst wird er misstrauisch.« Sie öffnete ihre Tasche und zog einen Parfümflakon heraus. Ich verzog das Gesicht, weil ich dachte, sie würde sich jetzt einnebeln, doch als sie sich von oben bis unten einsprühte, konnte ich nur einen frischen Hauch vernehmen. Dann steckte sie sich zwei Kaugummis in den Mund.

»Was ist das?«

Sie errötete. »Textilerfrischer. Ich bin dabei viel zu routiniert, fürchte ich.«

Ich lachte nur. »Notfalls kannst du die Schuld auch auf mich schieben.«

Ihre Röte vertiefte sich. »Das hätte ich sowieso.«

»Bevor du gehst – dieser Barkeeper, ist er Single?«

Für mich war es die eine Sache, mit einem Kollegen zu schlafen, dessen Frau das Konzept von Treue ebenso ernst nahm wie er, aber ich würde einen Teufel tun und meinen Freundeskreis durcheinanderbringen.

»Ben? Ja, ich glaube schon.«

»Danke.«

Sie ging wieder rein und ich starrte in den blauen Himmel. Es war einfach zum Kotzen, heute schien der perfekte Tag zu sein – wie passend für diese kleine, ach so glückliche Veranstaltung.

»Hi.«

Die dunkle Stimme jagte einen angenehmen Schauer über meinen Rücken. Es war Ben, der Barkeeper.

»Was für ein Zufall, ich habe mich gerade erst nach dir erkundigt.« Ich schenkte ihm ein laszives Lächeln, das nicht einmal ein Blinder hätte missverstehen können.

Eigentlich rechnete ich damit, dass es ihm schmeicheln würde, aber er zog nur abwertend die Augenbraue hoch. »Ich werde dich bestimmt nicht ficken, nur weil du gerade Single bist und alle da drin happy.«

Perplex starrte ich ihn an, weil ich mich fragte, seit wann ich so leicht zu durchschauen war. Außerdem war es erfrischend, dass er so ehrlich war. »Nicht?«, schob ich kokett hinterher. »Ich habe ein paar gute Tricks auf Lager.«

»Yeah. No.« Er schob die Hände in die Tasche. »Ich stehe nicht so auf – wie heißt das – Mitleidssex?«

»Ich habe aber kein Mitleid mit dir«, informierte ich ihn aufgebracht und baute mich vor ihm auf. Natürlich reichte ich ihm gerade einmal bis zur Brust und schien ihn nicht weiter zu beeindrucken.

»Ich weiß – aber du hast Mitleid mit dir selbst, weil da drin die fucking Brady Family tagt.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter und brachte mich zum Lachen.

»Erwischt. Dann suche ich mir jetzt eine Kneipe, die um die Zeit schon aufhat, und betrinke mich. Das ist heute nicht mein Tag.«

»Now with that I can help.« Er grinste mich an und wirkte unverschämt charismatisch dabei.

»Ach ja?«

»Yo. Das Open End gehört mir, es öffnet genau dann, wenn ich es will.«

Zufrieden lächelte ich ihn an. »Das höre ich gern. Nach dir – wohin müssen wir?«

Kapitel 2

Frank

Es war nur ein kurzer Moment, ein unbestimmtes Gefühl. Gerade so, als würde man in seiner Wohnung stehen bleiben, weil man einen merkwürdigen Geruch in der Nase hat, und noch bevor man ein zweites Mal geschnüffelt hat, ob ein Kabel durchgeschmort war – da war es schon wieder vorbei. Zurück blieb nur der schale Nachgeschmack der Einbildung, bevor man den Kopf schüttelte, um den Gedanken zu vertreiben.

Nur war ich mir extrem sicher, dass ich es mir eben nicht eingebildet hatte.

Für die Dauer eines Herzschlags hatte Maja sich neben mir versteift und viel zu schnell weggesehen, als dieser Typ sie angelächelt hatte. Ich musste ein wenig grübeln, bis mir sein Name wieder einfiel: Ben. Wenn ich das richtig zusammenbekam, war er Amerikaner, besaß eine Bar in Rüttenscheid und war Davids bester Freund.

Warum reagierte Maja verlegen auf ihn?

Kat und meine Freundin tauschten einen Blick, bevor sie in die Küche gingen. Immer wieder wischte Maja die Handflächen an ihrem Rock ab. Ich kannte sie lange genug, um zu wissen, dass es ein Zeichen von Nervosität war. Meine Alarmglocken schrillten in voller Lautstärke los und trugen nicht gerade dazu bei, dass ich mich besser fühlte. Mein Magen war ohnehin schon seit Tagen ein harter, kalter Knoten. Ich konnte förmlich spüren, wie ich von innen heraus erfror, weil ich etwas vor mir herschob, das unausweichlich zu sein schien.

Als ich den Kopf wieder zu Ben drehte und zu ergründen versuchte, was seine Beweggründe waren, bemerkte ich, dass er Maja ganz ungeniert auf den Hintern starrte. Sofort ballte ich die Fäuste, zwang mich dann aber, mich wieder zu entspannen. Ruhig bleiben.

Nachdem die Küchentür zugefallen war, löste Ben sich von dem Anblick, grinste leicht und wandte sich zu David. Der Knoten in meinem Bauch wurde noch kälter. Hatte Maja etwa …

Unwirsch kaute ich auf meiner Zungenspitze herum, bis der Schmerz unerträglich wurde. Das würde sie nicht tun. Maja würde mich nicht betrügen. Oder?

Ich war viel unterwegs gewesen, sie ständig mit der Arbeit für die Uni beschäftigt und mehr als einmal hatte mich das Gefühl beschlichen, dass sie mir aus den Fingern glitt.

Obwohl ich mich nicht bewegte oder sonst anstrengte, stieg mein Puls völlig ohne mein Zutun in schwindelerregende Höhen. Das Blut rauschte in meinen Ohren und der Lärm um mich herum ebbte ab, weil ich ihn einfach ausblendete. Ich konnte nur noch daran denken, dass ich es endlich hinter mich bringen musste. Mir blieb nichts anderes übrig. Auf lange Sicht würde es das Beste sein – auch wenn ich gerade beim Gedanken daran lieber kotzen wollte.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter und aus dem Augenwinkel sah ich, dass Don irgendetwas sagte. Es war mir gerade egal. Ich schüttelte seine Berührung ab und ging auf die Küche zu. Meine Schuhe schienen mit Zement gefüllt zu sein und jeder Schritt war schlimmer als der vorherige. Ich konnte meine Füße kaum noch heben, kam nur in winzigen Schritten voran. Meine Knie zitterten wie verrückt und ich begann zu schwitzen.

Die Tür war nur angelehnt und im ersten Moment dröhnte mein Kopf so sehr, dass ich nur vereinzelte Fetzen aufschnappte. Jeder davon war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hörte Bens Namen, das Wort »betrunken« und Majas aufgeregte Stimme.

Mit geschlossenen Augen rieb ich mir über die Stirn und spielte mit dem Gedanken, jetzt einfach zu gehen. Ich konnte ihr auch einfach eine SMS schreiben und mich belügen, dass gar nichts passiert war. Musste ich unbedingt alles wissen?

Langsam schob ich die Tür etwas weiter auf, damit ich besser hören konnte.

Kat stieß ein heiseres Lachen aus. »Glaub mir, du bist in bester Gesellschaft.«

Mein Herz verkrampfte sich, als Maja gequält seufzte. »Nichts für ungut, aber das ist kein Trost. Ich kann Ben nie wieder unter die Augen treten.«

Also bewahrheiteten sich meine schlimmsten Befürchtungen? Ich hielt es nicht länger aus und trat in die Küche. »Warum nicht?«

Maja wirbelte herum, die Augen weit aufgerissen und biss sich auf die Unterlippe. Sie wirkte ertappt – nicht weiter verwunderlich angesichts dessen, was ich gerade gehört hatte. Wie konnte sie mir das antun?

Kat griff sich eine Flasche Champagner und schob sich an mir vorbei. Hinter ihr klapperte die Tür leise, dann waren wir alleine.

Meine Freundin verschränkte die Arme. Es war die reinste Abwehrhaltung und bevor sie etwas sagen konnte, hob ich die Hand. »Ich habe nachgedacht. Unabhängig davon, was zwischen dir und dem Typen war, ist es wohl Zeit, dass wir eine Entscheidung treffen. Mir ist klar geworden, dass ich dir nicht gerecht werden kann.«

»Was?«, flüsterte sie ungläubig.

Genervt fuhr ich mir durch die Haare. Ich hatte meine kleine Rede so oft geübt, doch hatte ich den Eindruck, dass sie mich nicht verstand. Der verletzte Ausdruck in ihrem Gesicht trieb die Luft aus meinen Lungen und machte mir das Atmen schwer. »Wir sollten uns trennen. Ich glaube, wir wollen einfach unterschiedliche Dinge.«

Als ich endlich fertig war, schluckte ich schwer. Es war mir hoffentlich gelungen, nicht zu betroffen zu klingen. Mein Herz hämmerte von innen mit voller Wucht gegen die Rippen und ich erwartete fast, dass es jeden Moment herausspringen würde. Maja hatte die Arme noch immer um den Körper geschlungen und tippte nun zusätzlich noch ungehalten mit der Fußspitze auf den Boden. Die glatte Sohle verursachte dabei ein klickendes Geräusch, das mich an einen ablaufenden Countdown erinnerte. In ihren Augen glitzerten Tränen, die sie kaum noch zurückhalten konnte.

Endlich löste sie sich aus ihrer Erstarrung und kam auf mich zu. Dicht vor mir blieb sie stehen und bohrte den Zeigefinger in meine Brust. Ihr Mund klappte auf und sie schien etwas sagen zu wollen. Doch die Worte wollten nicht kommen, stattdessen stieg mir ihr süßes Parfüm in die Nase. Ich hatte es ihr zu Weihnachten geschenkt und zum Geburtstag und zum Jahrestag – weil mir einfach nie etwas Besseres einfiel. Das hatte sie nicht verdient, ich war so unkreativ. Sie verdiente jemand, der ihr das schenkte, was sie sich wünschte, und nicht jemanden, der lieber nur auf Nummer sicher ging.

Nun rollte doch eine Träne über ihre Wange. Es zerriss mir fast das Herz. Trotzdem straffte ich die Schultern, um es nicht noch schlimmer zu machen. Maja wandte den Kopf ab und stürmte aus der Küche. Nur wenige Sekunden später schlug die Tür zum Hof hinter ihr zu und mein Magen rebellierte. Obwohl ich sicherheitshalber zum Waschbecken ging, musste ich nur trocken würgen. Ich wartete zehn Minuten ab, bevor ich den gleichen Weg nahm. Mir stand nicht der Sinn danach, mich durch eine Hochzeitsgesellschaft zu schieben und die Frage zu beantworten, wo Maja war. Ab sofort würden wir getrennte Wege gehen.

Aber ich sah mich wirklich noch nicht in der Lage, das zu kommunizieren.

Letztlich konnte ich nicht einmal sagen, wie ich nach Hause gekommen war – oder wie das Wetter war. Ich hatte fest damit gerechnet, mich hinterher besser zu fühlen, doch stattdessen ging es mir miserabel. Ich streifte die Schuhe von den Füßen und ließ mich der Länge nach mit dem Gesicht nach unten auf die Couch fallen. Wahrscheinlich hatte ich es nicht verdient, bequem zu liegen. Majas gequälte Miene verfolgte mich noch immer.

Eigentlich hatte ich gedacht, dass auch sie erleichtert sein musste, weil wir mit unserem Leben weitermachen konnten – nur eben ab jetzt jeder für sich. Die letzten Wochen waren einfach nicht auszuhalten gewesen. Ständig diese Trennungsphasen, weil ich entweder beruflich unterwegs war oder meine Familie besuchte, und wenn wir zusammen waren, drehten sich unsere Unterhaltungen entweder um Majas Abschlussarbeit oder um Oberflächlichkeiten.

Ich schloss die Augen und vergrub das Gesicht im Kissen. Es roch nach ihr, was meiner Laune nicht unbedingt zuträglich war. Ich liebte den Geruch an ihr, er erinnerte mich an entspannte Sonntage, an denen sie nackt in meinem Bett lag. Mühsam kämpfte ich eine erneute Welle der Übelkeit hinunter und versuchte, nicht daran zu denken, dass sie eventuell ebenso nackt und ebenso duftend in Bens Bett gelegen hatte. Doch es war zu spät, die Bilder flackerten an meinem inneren Auge vorbei und ich hatte keine Möglichkeit, sie zu bekämpfen.

Nachdem ich mich eine knappe halbe Stunde ausgiebig in Selbstmitleid und Selbsthass gesuhlt hatte, stand ich auf und holte mir die Flasche Raki, die von Dons letztem Besuch übrig geblieben war. Ich machte mir nicht die Mühe, ein Glas zu holen, sondern setzte die Flasche direkt an die Lippen. Die klare Flüssigkeit brannte erst heiß auf meiner zerkauten Zungenspitze, dann in meiner Speiseröhre. Ich schnappte nach Luft und nahm einen weiteren Schluck. Das Spiel würde ich so lange wiederholen, bis ich mich nicht mehr so elend fühlte.

Kritisch beäugte ich die Füllhöhe und bezweifelte ernsthaft, dass die etwa halb volle Flasche reichen würde, um mich von meinen Dämonen zu erlösen.

Kapitel 3

Maja

Laut scheppernd ließ ich das leere Backblech auf den Tresen fallen. David, der gerade zur Tür hereinkam, zuckte erschrocken zusammen. Ich hatte ihn seit Samstag nicht mehr gesehen und hasste ihn prompt für sein makelloses Äußeres. Seine Augen hatten im Gegensatz zu meinen nicht die Größe und Konsistenz von geschrumpelten Grapefruits, weil er gestern den ganzen Tag geheult hatte. Nein, das war ich gewesen.

Normalerweise hatte ich kein Problem mit dem Montag an sich, doch heute hasste ich auch ihn. Ich hasste David, Montag, den Geruch von Kaffee und mein Leben. Die Welt hasste ich auch, die hätte ich fast vergessen, wie nachlässig von mir.

Wütend suchte ich den Kugelschreiber, um ihn zum Quittungsblock zu legen. Doch das Mistding war nirgendwo zu sehen. David kam auf den Tresen zugeschlendert und stützte sich darauf ab. Mit einem breiten Grinsen lehnte er sich nach vorne. »Einen wunderschönen guten Morgen. Wie geht es dir?«

Ich fixierte ihn mit zusammengepressten Lippen und funkelte ihn dermaßen erbost an, dass er sich erschrocken aufrichtete und abwehrend die Hände hob.

»Willst du mich verarschen?«, fauchte ich. »Wie sehe ich denn aus? Als würde es mir grandios gehen? Die Frage erübrigt sich vollkommen!« Um ein Haar hätte ich ihn als »Arschloch« bezeichnet, bis mir einfiel, dass er nun quasi mein angeheirateter Boss war, also biss ich einfach nur die Zähne aufeinander.

Er kratzte sich am Hinterkopf. »Meiner Meinung nach siehst du fabelhaft aus – wie immer.«

Mit einem wütenden Aufschrei warf ich die dicken Backhandschuhe nach ihm. Er duckte sich, trotzdem stellte ich stolz fest, dass einer ihn am Kopf traf und seine perfekte Frisur durcheinanderbrachte, was mich mit erheblich mehr Genugtuung erfüllte, als eigentlich normal war. »Du mieser Lügner! Ich sehe scheiße aus! Aber das ist wieder so typisch.«

Noch immer geduckt, die Arme erhoben, schielte er darunter hervor. »Was ist typisch?«

»Ihr Männer haltet euch für ach so unwiderstehlich. Ein schleimiges Kompliment und schon ist wieder alles gut! Ha!« Eilig umrundete ich den Tresen und baute mich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestützt. Er wich unsicher vor mir zurück, sein Blick wanderte nervös immer wieder zur Küchentür. Seine Frau hantierte fröhlich am Backofen, doch die Musik war so laut aufgedreht, dass sie uns nicht hörte.

»Männer«, zischte ich verächtlich und drängte ihn noch weiter zurück. »Ihr macht es euch immer so leicht, aber sobald es einmal brenzlig wird, kneift ihr den Schwanz ein und ergreift schnell die Flucht. Bloß nicht mit Gefühlen auseinandersetzen oder gar darüber sprechen. Wo kämen wir denn da hin?«

»Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.« Seine Stimme war unsicher geworden und inzwischen stand er mit dem Rücken zur Wand. Ich musste den Kopf ziemlich weit in den Nacken legen, um ihn weiterhin böse anfunkeln zu können.

Ganz dicht vor ihm flüsterte ich: »Männer sind scheiße.«

»Aber ich habe doch gar nichts gemacht.« Er tastete sich einige Zentimeter nach rechts zur rettenden Küchentür, doch ich folgte ihm und legte meine Hand an die Wand, damit er nicht weiterkonnte. David zuckte zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Dabei hatte ich ihn nicht einmal berührt.

»Du hast bestimmt auch schon einmal irgendetwas verbrochen …« Mein Herz klopfte wie wild und in meinen Fingerspitzen kribbelte ein mir unbekanntes Gefühl. Vermutlich war das der Impuls, irgendetwas oder irgendjemanden zu verprügeln.

David schien meine Aggression deutlich zu spüren, denn er rief lauthals nach Hilfe: »Kat! Komm sofort hierher!«

Kat kam in ihrer besten grauen Jogginghose aus der Küche geschlendert, die Haare standen wirr von ihrem Kopf ab. Sie wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und musterte uns. »Was ist los?«

»Maja ist heute Morgen irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden.«

Nur wenige Sekunden trennten mich davon, wie ein geifernder Bär nach ihm zu schnappen und ihm das hübsche Gesicht mit meinen Finger- und Fußnägeln zu zerkratzen. »Mit dem falschen Fuß aufgestanden? Warum behauptest du nicht gleich, dass ich PMS habe? Typisch Mann!« Meine Stimme überschlug sich am Ende des Satzes und nur gedämpft bekam ich mit, dass Kat mir die Hände auf die Schultern legte. Sie dirigierte mich zu den Sesseln und übte so lange Druck aus, bis ich mich gehorsam sinken ließ.

Als Kat mit dem Kinn Richtung Küche deutete, zögerte David nicht lang, sondern ergriff sofort die Flucht.

Meine Chefin setzte sich mir gegenüber und starrte mich kritisch an. Nach einer Weile fragte sie langsam: »Okay. Was ist passiert?«

Die Erinnerung an vorgestern traf mich mit voller Wucht und obwohl ich gedacht hatte, mich hinter meiner Wut verstecken zu können, stiegen heiße Tränen in meine Augen. Ich versuchte, mir von innen auf die Wange zu beißen, aber es half nicht wirklich. »Frank hat Schluss gemacht.« Gerade hatte ich so kraftvoll herumschreien können und nun war nicht mehr als ein heiseres Flüstern übrig. Es klang in meinen Ohren furchtbar endgültig, mein Magen bäumte sich auf.

Die Farbe wich aus Kats Wangen. »Was? Warum zum Teufel sollte er das tun?«

Kraftlos zuckte ich mit den Achseln. »Keine Ahnung. Ich fühl mich nicht gut. Kann ich nach Hause gehen?«

Rigoros schüttelte sie den Kopf und wies mich einfach ab. »Auf gar keinen Fall. Das wäre das Schlimmste, was du machen kannst. Dich zu Hause in Hass und Selbstmitleid zu suhlen, bringt gar nichts. Ich rufe Anika an, wir gehen nach Ladenschluss etwas trinken und dann kannst du uns alles erzählen.«

Nur eine Blinddarmoperation ohne Betäubung wäre in diesem Moment noch verlockender gewesen. Als ich den Mund öffnete, um zu protestieren, schnitt sie mir mit einer herrischen Armbewegung das Wort ab. »Keine Widerrede! Und lass deinen Frust nicht an David aus.«

Verblüfft blinzelte ich sie an, während sie aufstand. Sie beugte sich nach vorne und lächelte mich an. »Die Tür muss aufgeschlossen werden.«

Ich starrte ihr nach und fragte mich, ob Kat überhaupt ein Herz hatte. Dann zog ich die Nase hoch und erhob mich, um die kaffeesüchtige Meute hereinzulassen.

Mehr schlecht als recht schleppte ich mich durch den Tag. Ich konnte mir einfach nicht helfen, jeder Frau servierte ich den Kaffee mitfühlend und liebevoll, weil sie bestimmt aus dem einen oder anderen Grund Trost brauchte, während ich den Männern die Becher dermaßen hinknallte, dass meist einiges über den Rand schwappte. Trotzdem schien es niemandem aufzufallen. Stattdessen lächelten die meisten Typen mich noch breiter an als sonst.

Stand mir der neu erlangte Single-Status auf der Stirn geschrieben? Oder konnten sie Verzweiflung riechen?

Weil ich unmöglich mit Kat und Anika – den frisch verheirateten, unglaublich verliebten Vorzeige-Weibern – alleine ausgehen konnte, hatte ich Veronika geschrieben, damit sie mich begleitete. Außerdem musste ich dann nur einmal von meinem Dilemma berichten und nicht qualvoll mehrfach. Veronika war zwar auch verheiratet, aber vielleicht hatte ich Glück und der Funke war bereits wieder verglüht. Vielleicht war es ein böser Gedanke, aber ich konnte mir gerade einfach nicht helfen.

Ich war erleichtert, als sie die Tür zum Laden öffnete und mich angrinste. Allerdings erlosch ihr Grinsen schnell wieder, als sie näher kam und mich in Augenschein nahm. »Süße, was ist los?«, fragte sie besorgt und allein das trieb mir schon das Wasser in die Augen.

Energisch knetete ich das Küchentuch in meinen Händen und wunderte mich, wie fest ich wohl drücken musste, bis der Stoff wohl zu Staub zerfiel.

Mit einem Seufzen ließ ich den ohnehin feuchten Lappen fallen. »Frank hat Schluss gemacht.«

Veronika wurde blass, kam um den Tresen herum und nahm mich wortlos in den Arm. Ehe ich mich versah, heulte ich wie ein Schlosshund an ihrer Schulter.

»Wir bringen ihn um. Ich helfe dir, seine Leiche verschwinden zu lassen. Es gibt da so eine Ecke im Landschaftspark …« Sie klang so ernsthaft, dass ich kichern musste. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich die nassen Flecken, die ich auf ihrem Shirt hinterlassen hatte, und wischte nutzlos daran herum.

Sie hielt meine Hand fest und drückte sie. »Warum? Ach egal! Er ist ein Arschloch! Fertig.«

Ich wollte etwas sagen, brachte aber nur ein leises Schlucken und Schniefen zustande. Deswegen zuckte ich mit den Achseln.

Kat kam von hinten und brachte zwei große Becher Kaffee mit. Sie tauschte einen Blick mit Veronika, bevor beide mich liebevoll umsorgten. Ich wusste es zu schätzen, aber viel lieber hätte ich mich bei mir zu Hause auf der Couch zusammengerollt und finster den Fernseher angestarrt. Vielleicht mit einer Flasche Baileys. Baileys klang gerade himmlisch, süß, cremig und mit einer guten Portion Alkohol.

»Hörst du uns überhaupt zu?«, fragte Kat und schnippte mit den Fingern vor meiner Nase herum.

»Was?« Ich spürte, dass meine Wangen rot wurden.

»Wir machen jetzt den Laden dicht und gehen was essen.«

»Aber ich will nicht.«

Veronika grinste mich an und streichelte meine Wange. »Doch, doch.«

Irgendwie fühlte ich mich gar nicht von meinen Freundinnen ernst genommen. Sie tätschelten meinen Rücken, als wäre ich ein krankes Kind, das nun einmal seinen Hustensaft nehmen musste. »Aber ich würde mich viel lieber betrinken, als jetzt etwas zu essen.«

Die Glocke über der Tür ertönte und Anika schneite herein. »Da weiß ich genau den richtigen Laden.«

Mehr oder weniger widerstandslos ließ ich mich durch die Straßen lotsen, weil ich den Eindruck hatte, dass mir ohnehin nichts anderes übrig blieb.

Zu viert quetschten wir uns an den kleinen Tisch, auf dem eine überaus charmante rote Plastikdecke lag, die offenbar darüber hinwegtäuschen sollte, dass das gesamte Interieur des Schuppens schon in den 80ern dringend hätte erneuert werden müssen.

»Ernsthaft? All-you-can-eat für 7,90 Euro? Ist die Lebensmittelvergiftung da schon mit drin oder kostet die extra?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn und drehte die Speisekarte in meinen Händen. Es gab die Wahl zwischen dem Büfett oder dem Büfett – richtige Gerichte standen nicht drauf.

»Ach.« Anika winkte ab. »Hier wird doch alles frittiert. Ich bin mir sicher, das tötet Keime und Bakterien ab. Außerdem sind wir ja nicht fürs Essen hier.«

Ich betrachtete das zweifelhafte Ambiente. »Sondern?«

Kat präsentierte mir triumphierend die laminierte Getränkekarte, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hatte. So verblasst, wie die Farbe war, wunderte es mich, dass die Preise nicht noch in Deutscher Mark ausgezeichnet waren. »Vier Ouzo, fünf Euro«, erklärte meine Chefin mir.

»Natürlich. Warum sollte es bei einem Chinesen auch keinen Ouzo geben? Wir sind multikulturell und weltoffen.«

Anika nickte, als hätte ich das ernst gemeint und zückte ihr Handy. »Ich habe die Lösung für dein Problem.«

Statt etwas zu sagen, zog ich einfach nur die Augenbraue hoch. Ich bezweifelte stark, dass sie überhaupt wusste, was mein Problem eigentlich war, wenn ich selbst nicht den blassesten Schimmer hatte.

»Yvette.« Als wäre das eine Erklärung, tippte sie eine SMS, während Kat dem Kellner signalisierte, dass er zu uns kommen sollte.

»Viermal das Menü und zweimal das Ouzo-Angebot.«

Wow, sie hatte es aber eilig. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, ihr zu sagen, dass ich heute noch keinen Bissen herunterbekommen hatte. Auf der anderen Seite wollte ich lieber früher als später nichts mehr von meinem Dilemma mitbekommen. Alkohol war quasi mein neuer bester Freund – wen interessierten schon die Konsequenzen?

Kapitel 4

Yvette

Als ich Anikas Namen im Display las, spielte ich für mehr als eine Sekunde mit dem Gedanken, einfach nicht dranzugehen. Mein Bedarf an glücklichen Pärchen und heiliger Harmonie war für den Moment mehr als gedeckt. Leider hatte ich so eine Art Gewissen entwickelt, seit ich mich mit dieser Clique herumtrieb, und dieses Gewissen meldete sich genau jetzt. Genervt nahm ich den Anruf entgegen.

»Wir haben eine Krisensitzung! Ouzo und chinesisches Essen, weil Frank mit Maja Schluss gemacht hat«, verkündete sie.

Mein Herz klopfte schneller und ich verachtete mich für meine Gefühllosigkeit. Sollte ich möglicherweise nicht mehr der einzige Single sein? Das waren doch mal Aussichten! Ich sah mich schon mit Maja durch die Klubs ziehen. Ob sie dem einen oder anderen Dreier abgeneigt war?

Ich tätschelte meinem Fitnesstrainer Fabian den Arm und er hob neugierig den Kopf. »Sorry«, formte ich mit den Lippen, obwohl ich es nicht einmal so meinte. Seit zwanzig Minuten leckte und lutschte er ergebnislos an mir herum – hätte ihm eigentlich auch selbst auffallen können. Doch er zuckte nur mit breiten Schultern, wischte sich den Mund ab und verschwand aus der Damenumkleide.

»Wo soll ich hinkommen?«

»Hey«, begrüßte Anika mich. »Haben wir dich gestört?«

»Nö.« Ich schüttelte den Kopf.