110 Gedichte - Ina Kramer - E-Book

110 Gedichte E-Book

Ina Kramer

4,8

Beschreibung

110 Gedichte, meistens gereimt, formstreng und von unterschiedlichem Versmaß, oft lustig, manchmal auch nicht, aber immer knackig.

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Seitenzahl: 78

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Ina Kramer wurde in Mülheim an der Ruhr geboren, machte Abitur in Essen, studierte Freie Kunst und Künstlerisches Lehramt an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, unterrichtete vier Jahre lang Kunst an einem Duisburger Gymnasium, malte und nahm an einigen Gruppenausstellungen teil, assistierte Ulrich Kiesow beim Erstellen des Regelwerks für das Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge, trug durch Texte, darunter vier Romane, und zahlreiche Illustrationen zur Ausgestaltung der Spielwelt Aventurieri bei, betreute als freie Lektorin diverse Romanprojekte, schrieb Prosa und Gedichte und erhielt 2014 ihren ersten Literaturpreis.

Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Der Band enthält eine Auswahl der in den letzen siebzehn Jahren entstandenen Gedichte.

Inhalt

Dichters Freud und Leid

Natur im weitesten Sinne

Befindlichkeiten

Dies und Das

In Memoriam

Bildbeschreibungen

zu gutur lutzt

Dichters Freud und Leid

EIN ZWÖLFZEILER ENTSTEHT

Die erste Zeile schenken die Götter,

doch schon bei der zweiten beginnt das Geknötter.

Die dritte ist sperrig und will sich nicht fügen,

die vierte aalglatt und erzählt lauter Lügen.

Die fünfte fließt perlend und frei von Bedeutung,

die sechste zerrt quälend wie Haut bei der Häutung.

Die siebte sagt: Reime dich, oder ich fress dich!

Die achte ist klebrig und wird langsam lästig.

Die neunte macht schlaflos vor sinnlosem Brüten,

die zehnte beschließt, ihr Geheimnis zu hüten.

Die elfte raunzt: Bursche, hier muss mehr Gewicht her!

Die letzte strahlt süß und lobt: gut gemacht, Dichter!

WIE ICH SONETTE DICHTE

Wenn Jahreszeiten gehn und neue kommen,

Dann drängt es mich bisweilen zum Sonett,

Dann sitz ich manchmal nächtens wach im Bett

Und sehe vor mir Zeilen, noch verschwommen,

Aus denen sich allmählich Wörter schälen –

Erst fasrig-unscharf, später schwarz und fett –,

Die Sätze bilden, sinnleer und adrett,

Die mich zum Grübeln bringen und mich quälen.

Doch lass ich mich nicht lange irritieren,

Schon fühl ich Reime durch die Stube geistern,

Und mit ein bisschen Glück und Ausprobieren,

Mit Schieben, Biegen, Kitten, Stutzen, Kleistern,

Steht dann das Ding; die Welt wird’s ignorieren,

Doch ich weiß: Ich werd auch das nächste meistern.

SO KANN ES GEHEN

Der hat sein Hab und Gut verlorn,

Das wurd ihm zur Ballade.

Die hat ein Wechselbalg geborn

Und reimt: von Gottes Gnade.

Dem starb die treue Gattin weg,

Er musste es besingen.

Ich stecke bis zum Hals im Dreck

Und kann da nichts rauswringen.

EIN REIMPROBLEM

Als er das kleine Wörtchen „kommen“

am Zeilenende deponierte,

da wurd dem Dichter so beklommen,

dass er nur stumm auf „kommen“ stierte.

Wie sollte es nun weitergehen,

welch Reimwort fände sich auf „kommen“?

Er müsste wohl ins Reimbuch sehen.

Dort stand es: „frommen“ und „verschwommen“.

„Genommen“ auch, genau genommen,

doch passte nichts zu dem Sonett,

das er grad schrieb, wo Sterne glommen

am Firmament. Er ging ins Bett.

Den Dichter aber floh der Schlummer,

zu voll sein Kopf mit „kommen“-Reimen.

Da stöhnt er laut in seinem Kummer:

„Euterpe, ach, mich so zu leimen!“

Die Muse lachte ob der Klage,

es klang wie Flötenspiel und Singen:

„Hör zu, mein Schatz, was ich dir sage:

Schreib doch statt ‚kommen’ einfach ‚gingen’.“

ZUEIGNUNG

Ich bin ja nicht der Gernhardt, ich bin ja nicht der Kerr,

Obwohl ich gern der Gernhardt und auch der Kerr gern wär.

Der Brecht bin ich schon lange nicht,

Und wenn ich in der Kammer dicht,

Dann seufz ich: Ist das schwer!

Ich bin auch nicht der Schiller, von Goethe keine Spur.

Der Schiller fragt: Was will er? Der Goethe stellt sich stur

Und blicket streng und spricht: Du Wurm,

Dir ist verschlossen unser Turm.

Beim Pfluge bleib der Buur!

Könnt ich nur Bierbaum heißen, meintwegen Hofmannsthal,

Kein Benn würd auf mich scheißen, ein End hätt alle Qual.

Jedoch: Heiß nicht mal Morgenstern,

Denn Stern und Morgen sind mir fern.

Wie wird mein Bier mir schal!

Ach Friederike Kempner, leucht du mir in der Nacht,

Sei du mein Seelenklempner, halt du als Muse Wacht!

Und führe du mich armen Wicht

Durchs dunkle Tal zu Ruhm und Licht!

Frischauf, nun seis vollbracht!

WÖRTER REIHEN SICH ANEINANDER

Wörter reihen sich aneinander,

wenn ich durch städtische Grünflächen wander:,

kommen geflogen, und kommen gesprungen,

meistens gesprochen, manchmal gesungen;

machen mich ratlos, machen mich kirre,

lassen mich fragen, ob ich mich irre;

bilden Ellipsen, mitunter auch Sätze,

hängt davon ab, ob ich schleich oder hetze.

Wörter ergeben nur selten Gedichte,

aber oft Müll – eine schlichte Geschichte.

MEIN GANZ PRIVATER GANJA-SONG

Ich will, wie’s vor mir viele taten,

auch einen Ganja-Song verfassen.

Die Botschaft kann ich schon verraten:

Man soll die Leute kiffen lassen.

Jetzt rauch ich erst mal eine Pfeife,

das macht mich ruhig und relaxed,

und warte darauf, dass sie reife,

die Dings, Idee, und dass sie wächst.

Lee Perry läuft, der Ganja-König,

die Mucke, find ich, passt famos.

Ein tiefer Zug noch, so verwöhn ich

mich erst, und dann geht’s richtig los.

Beim Ziehen blubbert es so niedlich,

das könnt ich doch thematisieren,

dann hustet man, dann wird man friedlich –

genau, das werd ich mir notieren.

Wo sind denn Brille, Block und Stift?

Die brauch ich schon, um anzufangen.

Doch bin ich grad so schön bekifft,

da kann man nicht von mir verlangen,

dass ich vom Sofa mich erhebe,

um einen blöden Block zu suchen.

Ich fühl mich so, als ob ich schwebe ...

Im Kühlschrank ist noch Käsekuchen,

fällt mir grad ein, ganz frisch vom Bäcker –

mein Gott, was sind das für Gelüste?

Ja, Käsekuchen, der ist lecker,

doch Kuchenessen heißt, ich müsste

jetzt aufstehn und zur Küche wanken.

Das ist zwar keine weite Reise,

doch soll ich’s tun? Ich bin am Schwanken.

Ich tus, sie ist es wert, die Speise.

Geschafft, der Kuchen ist gegessen,

nun noch ein Pfeifchen, so als Krönung.

Hab ich nicht irgendwas vergessen?

Wow, was für eine tolle Dröhnung!

Ich denk ans Reifen und ans Wachsen,

ganz tiefe, seltsame Gedanken.

Vielleicht sinds auch nur wirre Faxen,

die sich um beide Wörter ranken –

wer weiß ... Wieso liegt da ein Block,

und noch dazu fast nicht zu finden,

verdeckt von meinem Morgenrock?

Das werd ich heut nicht mehr ergründen.

Lee Perry schweigt, CD zu Ende,

und auch die Pfeife ist jetzt alle.

Ich denk, ich wasch mir rasch die Hände,

und dann geht’s hurtig in die Falle.

ENDE OFFEN

Den Nebel zu beschreiben,

gehört zu meinen Pflichten.

Wird ihn der Wind vertreiben,

muss ich mein Werk vernichten.

Den Nebel zu bedichten,

ist all mein Sinnen, Trachten.

Wird er sich nächstens lichten,

wird man mein Werk verachten.

O Nebel, bleib für immer,

verhülle Wald und Weiher!

Das wär ein Hoffnungsschimmer

für mich und meine Leier.

Denn Nebellieder singen,

das ist mein Wunsch und Hoffen.

Doch lässt sich’s nicht erzwingen,

drum bleibt das Ende offen.

NÄCHTLICHER BESUCH

Vergangne Nacht besuchte mich Euterpe,

Doch ihr Besuch kam mir nicht recht gelegen,

Denn ich trug Boxershorts, Tutu und Schärpe

Und fand mein Outfit etwas zu verwegen.

So stand ich da und fühlte mich erröten

Und stammelte: „Pardon“, und „je m’excuse.“

Sie sprach: „Französisch ist nun nicht vonnöten,

Denn ich bin eine Muse, keine Müse.

Apropos Muse, wie stehts mit dem Schreiben?

Dem Verseschmieden? Gibts hier nichts zu trinken?

Denn trocken kann ich nirgends länger bleiben.

Dann fangen Bein und Zunge an zu hinken.“

„Gewiss“, beeilte ich mich zu versichern,

„Gibts Wein, auch Bier und Schnaps, wenn Sie das wollen.“

Sie strahlte erst, und dann sah ich sie kichern,

So herzzerreißend, dass die Tränen quollen.

Doch rasch war dieser Anfall überwunden.

Ich gab ihr Wein, sie kostete und sagte:

„Ich wünschte, dieses Weinchen würde munden.“

Ich war zutiefst erschrocken, als ich fragte,

Was ihr am Weinchen denn zuwider seie,

Obs möpsele, ob es im Abgang schwächlich?

„Den Konjunktiv kriegst auch nicht auf die Reihe.“

So sagte sie, doch das sei nebensächlich.

Mit Bier und Schnaps wurds noch ein netter Abend.

Sie riet statt Shorts und Schärpe mir zu Strapsen.

Ich fand den Vorschlag einerseits erhebend

Und andrerseits auch irgendwie arg flapsig.

Hier sehn Sie mich mit meinen Strapsen prunken,

Doch mit dem Endreim, Versmaß, kurz, dem Dichten

Hats nicht geklappt, wir waren zu betrunken.

Mehr gibts von dem Besuch nicht zu berichten.

GEMEINSAMKEITEN

Rosenknospen, die erfrieren,

Männer, die auf Frauen stieren,

welche neben schönen Tieren

nächtens durch den Park flanieren

und im Nebel sich verlieren ...

Weiche Nüstern, die vibrieren,

Greise, die auf allen Vieren

kriechend den Asphalt polieren,

dicht gefolgt von Pikenieren,

die im Nachstellschritt marschieren ...

Nonnen, die Cancan studieren,

Zwerge, die Bonbons spendieren,

Kellner, die Karton servieren,

Fleischer, die Flakons verzieren,

Banker, die Ballons tarieren ...

Allen diesen ist gemeinsam –

Ja was weiß denn ich, was denen gemeinsam ist!

DIE NACHT DES DICHTERS

Des Nachts, wenn nur noch Standby-Lämpchen brennen,

teils rot, teils grün, und Energie verschwenden,

dann wacht da einer, der würd lieber pennen

und darf es nicht, denn just in seinen Händen

liegt die Verantwortung, sie aufzuwühlen,

die Menschen, um das Schlimmste abzuwenden.

Ach, denkt er, würden so wie ich sie fühlen,

ich müsste ihnen nichts mehr nahebringen,

ich säße hier nicht zwischen allen Stühlen,

damit beschäftigt, es herbeizuzwingen.

Ist schon ein recht beschissnes Los, das meine:

Statt süß zu schlummern muss ich qualvoll ringen

um Worte, Reime, und vom guten Weine

ist auch fast nichts mehr da – es ist zum Heulen.

Wer legt mir in den Weg nur all die Steine?

Und wie zum Hohn schrein unentwegt die Eulen,

woferns nicht Käuze sind, die draußen rufen.