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Die Anschläge in Paris am 13.11.2015 forderten über 130 Tote. Die Welt erfuhr jedoch nicht von zwei parallel geplante Attentaten in London und New York, die im letzten Moment von einer Polizistin und einem ehemaligen CIA-Agenten vereitelt werden konnten. Kurz danach wurde der Geheimdienst Tria von den Staatschefs Großbritanniens, Frankreichs und der USA gegründet. Einige Jahre später heftete sich der Tria-Agent John Stark an die Fersen der Terroristen, die nach einem geglückten Anschlag in New York einen noch entsetzlicheren Plan verfolgen…
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Thomas Schiendl
13.11.2015
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – 13.11.2015 Paris
Kapitel – 13.11.2015 London
Kapitel – 13.11.2015 London
Kapitel – 13.11.2015 New York
Kapitel – 13.11.2015 London
Kapitel – 13.11.2015 New York
Kapitel – 14.11.2015 London
Kapitel – 24.11.2015 Washington
Kapitel – 27.11.2015 London
Kapitel – 21.1.2016 Davos
Kapitel – 29.1.2016 Paris
Kapitel – 2.2.2016 New York
Kapitel – 12.2.2016 München
Kapitel – 1.2.2016 Irgendwo in England
Kapitel – 18.8.2016 Marseille
Kapitel – 19.8.2016 außerhalb von Marseille
Kapitel – Am gleichen Tag in Paris
Kapitel – 20.8.2016 Washington
Kapitel – 20.8.2016 außerhalb von Marseille
Kapitel – 23.8.2016 Carnoux-en-Provence
Kapitel – 5.9.2016 Paris
Kapitel – 24.8.2016 Hamburg
Kapitel – 12.10.2017 Amman
Kapitel – 31.12.2018 Paris
Kapitel – 14.1.2019 Montreal
Kapitel – 1.1.2019 Marseille
Kapitel – 3.1.2019 Paris
Kapitel – 5.12.2012 Doha
Kapitel – 24.9.2019 New York
Kapitel – 24.9.2019 Montreal
Kapitel – 24.9.2019 New York
Epilog
Impressum neobooks
Es war Freitag, der 13.11.2015. In manchen Kulturen gilt der 13. Tag eines Monats, wenn er auf einen Freitag fiel, als ein Unglückstag. In Paris dachte an diesem Tag aber wohl kaum jemand an diesen Volksglauben. Eine Vielzahl an kulturellen und sportlichen Veranstaltungen lockte – wie immer am beginnenden Wochenende in Frankreichs Hauptstadt – die Menschen aus ihren Wohnungen und die vielen Touristen versammelten sich an verschiedenen Orten und Plätzen der Stadt.
Zumindest im Nachhinein berichteten aber einzelne Menschen von besonderen Vorkommnissen an diesem Tag. Einer wunderte sich über eine Schar Vögel, die ungewohnt geräuschlos und geradezu rastlos von Dach zu Dach flogen. Eine andere glaubte schon am Nachmittag einen sonderbaren Geruch, der aus den Kanaldeckeln strömte, wahrzunehmen. Anfangs konnte sie ihn jedoch nicht identifizieren. Am Ende des Tages glaubte sie fest daran, dass es sich hierbei jedenfalls um einen Verwesungsgeruch gehandelt haben musste.
Am frühen Abend war jedoch quer durch die Stadt nichts von alldem bemerkbar. Viele Fußballfans freuten sich auf ein Freundschaftsspiel, das zwischen den zwei großen Fußballnationen Frankreich und Deutschland im Stade de France ausgetragen wurde. Auf den zahlreichen Plätzen und in die Cafés drängten sich viele Touristen, die zuvor noch in den Museen die zahlreichen Kunstwerke bewundert hatten. Die Pariser Jugend bereitete sich auf ein wildes Ausgehwochenende vor, währenddessen die gemütlicheren Hauptstadtbewohner vor einem Glas französischem Rotwein saßen und ihr Abendessen genossen.
Um knapp nach 21.15 Uhr nahm das Unheil jedoch seinen Lauf. Die Fernsehzuschauer des Fußball Freundschaftsspiels nahmen zwei ungewöhnliche Geräusche wahr, die sie anfangs jedoch nicht zuordnen konnten. Sie maßen diesen, ebenso wie die Tausenden Zuschauer im Stadion, aber keine Bedeutung zu. Es war Freitag, das Wochenende hatte begonnen. Die meisten Menschen konnten die Arbeit hinter sich lassen und sich damit den angenehmen Seiten des menschlichen Lebens widmen.
Kurz darauf fielen Schüsse in einem Café und in einem Restaurant in der Rue Alibert. Gut sieben Kilometer südlich vom Stade de France waren diese Tatorte dem Stadtzentrum schon deutlich näher. Nur wenige Minuten später wurden weitere Schüsse in der Rue du Faubourg-du-Temple und in der Rue de la Fontaine-au-Roi abgegeben. In der Rue de Charonne versuchten zudem bewaffnete Attentäter gezielt die Barbesucher zu töten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde in den sozialen Medien der größere Kontext der Anschläge ersichtlich. Vor 20 Jahren dauerte es vielleicht noch einen Tag, bis die Menschen breitflächig von einer Anschlagsserie erfuhren. Vor 10 Jahren reduzierte sich der Zeitraum schon auf ein paar Stunden. Im Jahr 2015 waren es aber nur mehr wenige Minuten.
Durch Twitter, Facebook und andere soziale Medien war die Welt schon ungefähr informiert, bevor um 21.40 Uhr drei schwer bewaffnete Angreifer in die Konzerthalle Bataclan eindrangen. Wie im Stade de France wurden die Schüsse und Explosionen anfangs von so manchen Konzertbesucher nicht als solche wahrgenommen. Die Salven aus den Kalaschnikow Sturmgewehren und die explodierenden Handgranaten ließen aber sehr schnell jeden Zweifel über die Ursache der Geräusche im Keim ersticken.
Das Grauen nahm seinen Lauf. Wahllos feuerten die Attentäter in die Menge. Blut und Körperflüssigkeiten verteilten sich nicht nur am Boden und auf den Wänden, sondern auch in den Gesichtern der fliehenden Menschen. So mancher Konzertbesucher wähnte sich schon in Sicherheit als er die rettende Tür nur mehr wenige Meter vor sich sah. Es schien so, als ob die Attentäter ihr Feuer auf die Ausgänge konzentrierten.
Eine junge Frau hob ihre Hände und wandte sich an einen der Terroristen. Ihre blonden Haare waren schon zu roten, dicken Strähnen verklebt. Sie schrie nach Leibeskräften, um den Lärm der Sturmgewehre und der explodierenden Granaten zu übertönen. Sie flehte um Gnade, gestikulierte mit ihren Händen und sank schließlich auf die Knie, nur wenige Meter vor dem Attentäter. Er stellte das Feuer ein, lächelte ihr zu und deutete mit der linken Hand, mit der er das Sturmgewehr hielt, auf den Ausgang zu.
Die junge Frau konnte es im ersten Moment gar nicht glauben, dass der ganz in schwarz gekleideten Mann sie gehen ließ. Sie setze schon an, um ihren Kopf in Richtung Ausgang zu drehen, als er plötzlich mit der rechten Hand hinter den Rücken griff und eine Pistole zog. Mit einem lauten Lachen drückte er ab und die Kugel schlug zwischen den Augen der Frau ein und sie fiel augenblicklich zu Boden.
In den sozialen Medien wurden in beängstigender Geschwindigkeit auch Fotos, Videos und Audiofiles aus dem Bataclan geteilt. So konnte die Welt mit den Eingeschlossenen, zum Teil als Geisel genommen, zum Teil unter Toten liegend versteckt, mitleiden. Erst nach Stunden konnte dem Grauen im Bataclan durch den Zugriff einer Spezialeinheit ein Ende gemacht werden.
Die Attentäter wurden dabei – mit Ausnahme einer Person – nicht durch die Spezialkräfte ausgeschaltet, sondern zündeten ihre Sprengstoffwesten. Sie vernichteten damit nicht nur ihr Leben und jener der um die Terroristen gruppierten Geisel, sondern auch mögliche Hinweise. Vereinzelt wurden auch Aufnahmen verstörend wirkender Überlebender in den Medien veröffentlicht, die einen Hauch der schrecklichen Erlebnisse erahnen ließen.
Schon während der Angriffe begannen die Polizei und Spezialkräfte mit der Suche nach dem Verantwortlichen der Anschläge. Die verschiedenen Aktionen erschienen geplant, koordiniert und auch zeitlich aufeinander abgestimmt. Als Anführer wurde nach kurzer Zeit ein 28-jähriger Belgier identifiziert. Er kam, nach intensiver Geheimdienst- und Polizeiarbeit, wenige Tage später schließlich im Rahmen einer Razzia in Saint Denis ums Leben.
Die mediale Aufarbeitung konzentrierte sich dabei auf die Entwicklung des vorher als gut integriert beschriebenen Belgiers zu einem IS-Kämpfer und die letzten Stationen vor seinem Tod. Schon im Januar 2015 stand er im Fokus der belgischen Polizei, konnte vor dem Zugriff jedoch fliehen. Weiters wurde er mit einem Anschlag in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris im August 2015 in Verbindung gebracht.
Schon deutlich seltener waren Berichte über die ausgedehnten Reisen des Belgiers in die Türkei, nach Syrien und vor allem nach Deutschland auszumachen. Komplett im Dunkeln der medialen Berichterstattung blieb die Beschaffung der finanziellen Mittel für die Anschläge, die Rekrutierung und Organisation der anderen in Frankreich tätigen Zellen und vor allem ob und wie der Belgier mit der Führungsspitze des IS in Verbindung stand.
Eine weitere Verbindung des Belgiers zu Terrorzellen in anderen Ländern wurde nie öffentlich. In keinen Statements der Polizei oder der Politik wurde auf eine mögliche Vernetzung mit anderen Attentätern eingegangen. Auch die Medien griffen diesen Aspekt nie auf. Selbst die sozialen Netzwerke, ansonsten für Verschwörungstheorien berüchtigt, negierten in ungekannter Einigkeit diese wesentliche Frage.
Dabei gab es zarte Hinweise, die vereinzelt auf weitere Terrorakte an diesem Tag verwiesen. So teilten etwa die türkischen Behörden mit, dass an eben diesem 13.11.2015 ein weitreichender Anschlag in Istanbul verhindert worden war. Fünf Verdächtige wurden festgenommen. Unter ihnen soll ein enger Vertrauter des berühmten IS-Kämpfers Jihadi John gewesen sein. Ebenso wenig wie die Namen der Verdächtigen drangen Ergebnisse aus den Verhören der festgenommenen Personen nach außen.
Ein engagierter türkischer Journalist begann die Hintergründe der Verhaftungen und Details zu den mutmaßlichen Terroristen zu recherchieren. Nach zwei Artikeln in einer kleinen Zeitung, in denen er auch durchaus sehr kritische Fragen an die türkischen Behörden adressierte, verschwand der Journalist für zwei Jahre von der Bildfläche. Nach seinem Wiederauftauchen arbeitete er für die türkische Regierung und nahm zu den Ereignissen im Jahr 2015 und zu seinem Verschwinden nie wieder Stellung.
Am 22. März 2016 – also gut vier Monate nach den Anschlägen in Paris – verübten zwei IS-Kämpfer Selbstmordattentate auf den Brüsseler Flughafen und die Brüsseler Innenstadt. Auf dem Laptop eines der Attentäter fanden die Behörden Hinweise auf einen parallel zu den Pariser Attentaten geplanten Anschlag auf den Amsterdamer Flughafen Schiphol. Am 13. November 2015 reisten zudem zwei Personen aus Paris nach Amsterdam und buchten ein Hotelzimmer in unmittelbarer Nähe des drittgrößten Flughafen Europas.
Diese Erkenntnisse wurden erst Monate nach dem 13.11.2015 publik, sodass der Konnex mit den Pariser Anschlägen nicht mehr augenscheinlich war. Jedenfalls gab es keine besonderen Anstrengungen, um eine Verbindung zu den vielfach schon verarbeiteten Terroranschlägen in Paris herzustellen, obwohl diese die Öffentlichkeit so stark berührten.
Viele Menschen kannten Opfer, Verletzte oder deren Angehörige und Bekannte, die im Stade de France, im Bataclan oder in den Cafés und Restaurants ums Leben gekommen waren. Andere wiederum empfanden eine Verbindung zu den Tatorten aus Besuchen oder aus den Medien. Mit über 18 Millionen Besuchern jährlich ist Paris einer der meist-besuchten Metropolen der Welt. Wieder andere fühlten sich in ihrer eigenen Lebensweise bedroht, auch wenn sie tausende Kilometer entfernt lebten. So identifizierten sich zumindest Millionen Männer und Frauen mit den Betroffenen der Anschläge.
Die meisten Menschen einte der Wunsch, dass dieses schreckliche Ereignis einmalig blieb, dass die Politik und die Behörden derartig grausame Angriffe verhindern würden und dass vor allem keine Terrororganisation die Geheimdienste mehrerer Länder täuschen und mehrere hundert oder vielleicht sogar tausend Menschen in ihrer gewohnten und vertrauten Umgebung grauenvoll töten könnte.
So blieben viele Fragen, die auch gar nie gestellt wurden, unbeantwortet. Nur einige wenige konnten die Tragweite der Ereignisse abschätzen und beschlossen auch zu reagieren. Ein Umstand blieb zu diesem Zeitpunkt aber für alle im Verborgenen. Der vermeintliche Kopf der Pariser Anschläge versendete um 21.38 Uhr zwei gleichlautende SMS von seinem Handy. Dieses Mobiltelefon wurde jedoch nie gefunden und auch nie seiner Person zugeordnet. Vermutlich liegt es noch heute am Grunde der Seine, in der Nähe der Pont de l’Île Saint-Denis.
Emily Jones hatte sich ihre Schicht ganz anders vorgestellt. Als erstes hätte sie heute gar nicht arbeiten müssen. Zum zweiten hätte sie sich einen anderen Partner gewünscht. Normalerweise versah sie ihren Dienst mit gleichaltrigen Männern. Die meisten davon waren recht humorvoll und wenn sie es nicht waren, dann konnten sie zumeist über die gleichen Themen sprechen. Gerade wenn wenig los ist, kann Polizeiarbeit recht langweilig sein. Und wenn dann noch ein langweiliger Partner an der Seite ist, so können sich Stunde wie Tage anfühlen.
Vielleicht war Steve Smith auch gar nicht der Langweiler, den Emily in ihm vermutete. Er war mit seinen 62 Jahren jedenfalls fast dreimal so alt wie sie. In Emilys Wahrnehmung war Smith auch der letzte Schnurbartträger der Welt, zumindest in London. Emily gab sich einen Ruck und dachte für sich, „nun reiß‘ dich schon zusammen! Er ist gar nicht so übel wie er aussieht. Und er ist gleich alt wie mein Dad.“
„Wie lange musst du eigentlich noch arbeiten bis zur Pension?“
Emily beschloss als Einstieg ein harmloses Thema zu wählen. Emily und Steve kannten sich flüchtig aus einem gemeinsamen Polizeikurs aber immerhin so gut, dass sie locker miteinander plaudern konnten.
Steve Smith grinste und antwortete:
„Du hast dir wohl einen anderen Partner für heute Abend gewünscht? Vor fünf Minuten hast du mich schon das gleiche gefragt. Du scheinst einfache Kommunikation betreiben zu wollen. Nun sind es nur mehr 34 Arbeitstage minus fünf Minuten.“
Emily errötete leicht. Sie fing sich jedoch einen Augenblick später und lächelte die Situation einfach weg.
„Naja ich wäre heute auch gerne auf dieses Konzert gegangen. Meine Freundin hätte sogar noch eine Karte für mich gehabt, da ihr Freund kurzfristig abgesagt hat. Für immer abgesagt hat. Aber wer würde nicht einen lustigen Abend mit ein paar Drinks und einer coolen Band gegen ein paar Stunden Streifendienst vor der O2 Arena mit einem Mann, der gleich alt wie mein Dad ist, eintauschen?“
Steve formte seine Hände zu einer kleinen Schüssel und bewegte sie vor seinem Körper mehrmals hin und her.
„Eine Runde Mitleid für die junge Dame neben mir!“
Emily errötete nochmals und blickte verstohlen in alle Richtungen, um abzuschätzen, wie viele Menschen sie beobachteten.
Es war 20.30 Uhr. Vor der O2 Arena standen nur mehr vereinzelt Menschen, der Großteil der Besucher war bereits in der Konzerthalle. Dadurch nahm sonst niemand von Steves Scherz Notiz.
Steve Smith war Zeit seines Lebens Polizist. Zwischendurch kletterte er die Karriereleiter etwas höher. Die letzten Jahre vor seiner Pension ging es aber wieder bergab. Über die Gründe wusste Emily nicht wirklich Bescheid. Beim gemeinsamen Polizeikurs hatte sich Steve irgendwie kryptisch dazu geäußert. Es verstand auch sonst niemand so recht, was er wirklich meinte. Letztlich fragte auch keiner nach.
Bemerkenswert war auch, dass Steve Smith durchaus über sehr gute Kontakte in die Politik und die Verwaltung verfügte. Er selbst machte dies nie zum Thema. Emily schnappte aber einmal in der Kantine auf, dass Steve mit dem MI6 Chef, Sir Robert Fulham, zusammen in die Schule gegangen und seitdem freundschaftlich miteinander verbunden war.
Sogar die Premierministerin soll ihn schon zumindest einmal angerufen haben. Das vermutete zumindest der Partner, der mit Smith damals unterwegs war. Smith soll nur „Ma’am“ gesagt und sich dann mit einem peinlich berührten Gesichtsausdruck in eine der wenigen verbliebenen roten Telefonzellen zurückgezogen haben. Der Kollege vermutete entweder eine geheime Affäre oder die Premierministerin. Die wenigen Worte, die er gedämpft aus Smiths Telefon hören konnte, klagen aber eher nach der Premierministerin. Für den Tratsch unter Kollegen eignete sich diese Variante ohnehin auch besser.
Tatsächlich wurde ihm die Premierministerin, Anne Taylor, von seinem Freund Robert Fulham vor vielen Jahren vorgestellt. Sie war damals noch Bürgermeisterin Londons. Als Stadtoberhaupt rief sie ihn damals auch regelmäßig an. Dabei ging es anfangs nur um Polizeieinsätze und warum die Polizei reagierte, wie sie reagierte. Alsbald wurden die Themen aber breiter und die Gespräche verlagerten sich zunehmend auch auf eine persönliche Ebene. Smith, seit jeher ein skeptischer Mensch, glaubte aber wirklich ehrliches Interesse Taylors an ihn und der Polizeiarbeit wahrgenommen zu haben.
Als Anne Taylor dann zur Premierministerin gewählt wurde, wurden die Telefonate seltener. Auch die Veranstaltungen, an denen beide teilnahmen und sie sich trafen, reduzierten sich auf ein, zwei Gelegenheiten im Jahr. Der Kontakt riss so nahezu ab.
Als Emily Jones und Steve Smith vor dem O2 patrouillierten, kam Smith plötzlich wieder die Premierministerin in den Sinn und auch Robert Fulham, der MI6 Chef, den er auch schon lange nicht mehr getroffen hatte. Smith war mit seiner Karriere zufrieden, doch manchmal ertappte er sich dabei, wie er von der Geheimdienstarbeit angezogen wurde. Er fragte sich oft, was der MI6 wusste, dann aber in der Öffentlichkeit verschleiert wurde.
Die Anzahl der Attentate und Bombendrohungen in London ging jedenfalls in den letzten Jahren zurück. Smith fragte sich, wie oft bei in den Medien berichteten tödlichen Unfällen der Geheimdienst seine Finger im Spiel hatte. Sein Freund Fulham hatte einmal kryptisch fallen gelassen, dass bei mehr Unfällen als jeder annimmt, eine staatliche Organisation dahintersteckt. Sei es eine inländische, oder aber eine der unzähligen ausländischen Geheimdienste, die in Großbritannien und vor allem in London operierten.
„Ich muss Robert mal wieder anrufen!“
Steve Smith musste die Gedanken an seinen Freund offensichtlich laut ausgesprochen haben als Emily plötzlich ihren Kopf in seine Richtung drehte und erwiderte,
„dann kennst du wirklich den MI6 Chef? In der Kantine haben sie darüber gesprochen und ich habe es anfangs gar nicht so recht geglaubt.“
„Es klingt spannender als es ist. Robert und ich sind ein paar Straßen voneinander aufgewachsen und einige Jahre in die gleiche Klasse gegangen. Irgendwie sind wir auch danach noch immer im Kontakt geblieben.“
„Siehst du die drei Männer dort drüben?“
Emily zeigte auf drei dunkel gekleidete Gestalten, die neben Rucksäcken auch noch schwere Taschen zu tragen schienen, da sie in gebückter Haltung auf dem Gehsteig gingen.
Vor und nach den Veranstaltungen hielten sich die meisten Besucher zwischen der O2 Arena und der südlich gelegenen U-Bahn-Station North Greenwich auf. Der Weg von der Veranstaltungshalle zur U-Bahn war überdacht, sodass auch Regen die Stimmung der zumeist gut gelaunten und zumindest leicht angetrunkenen Besucher nicht mehr trüben konnte.
Emily und Steve patrouillierten mehrmals entlang des Weges zwischen der U-Bahn-Station und der Multifunktionshalle. Wieder einmal bei der U-Bahn-Station angelangt, beschloss der erfahrene Polizist ihre Route auf den etwas weiter südlich gelegenen Parkplatz auszudehnen und den Parkplatz abzugehen. Eben dort registrierte Emily die drei Verdächtigen.
Inzwischen fiel einer der drei Männer etwas zurück. Die anderen beiden Personen waren entweder sportlicher oder ihre Taschen und Rucksäcke leichter. Sie näherten sich jedenfalls der U-Bahn-Station, wohingegen Emily und Steve südöstlich von ihnen mitten am Parkplatz standen.
Bei Steve Smith machte sich ein ungutes Gefühl im Bauch bemerkbar. Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass sich schwarz gekleidete Personen im Umfeld der O2 Arena aufhielten. Aber die Rucksäcke und offensichtlich schweren Taschen waren auffällig. Dennoch entschieden sich die beiden Polizisten vorerst keine Meldung an die Zentrale abzusetzen, sondern sich den Männern weiter zu nähern.
Augenblicke später wusste Smith, dass das ein Fehler war.
"Nähere du dich dem abgeschlagenen Dritten, aber pass' auf, dass er dich nicht sieht! Ich stelle die ersten beiden zur Rede."
Smith setzte zu einem schnelleren Gang an. Ihn trennten von den zwei Männern etwa 30 Meter, wobei er sich ihnen in einem leichten Bogen näherte. Emily war nur 20 Meter von dem dritten Kerl entfernt. Sie wunderte sich, dass sie noch nicht von den Männern bemerkt wurden.
Auch Emily spürte ein Rumoren in ihrem Körper. Auf den Verdächtigen fast zu fokussiert bemerkte sie gar nicht, dass sie über eine am Boden liegende Getränkedose stolperte. Augenblicklich wandte der Mann seinen Kopf in die Richtung des Geräusches und erstarrte für einen kurzen Moment. Die Polizistin blieb auch augenblicklich stehen. Sie waren vielleicht noch zehn Meter voneinander entfernt. Plötzlich ließ der Mann seine beiden Taschen fallen, nahm den Rucksack von den Schultern, schleuderte ihn in Emilys Richtung und lief geradewegs auf sie zu.
Steve Smith registrierte dies alles nicht. Im fast gleichen Augenblick setzte er zu einem Sprint an und blieb in kurzer Distanz vor den beiden anderen Männern stehen, die ihn inzwischen auch bemerkt hatten.
Emily Jones wiederum stellte im letzten Moment fest, dass der Angreifer ein Messer aus dem Gürtel zog. Die lange Klinge reflektierte die Strahlen der Parkplatzbeleuchtung. Er hielt das Messer in der ausgestreckten linken Hand und stürmte auf sie zu. Die junge Polizistin griff reflexartig zu ihrem Schlagstock. Sie trug, wie die meisten Polizisten in London keine Schusswaffe mit sich, sondern nur einen Schlagstock, Pfefferspray und Handschellen.
In diesem Moment konnte sie auch gar nicht mehr über ihre Bewaffnung nachdenken, aber sie wusste, dass sie mit dem Schlagstock den Angriff höchstens abwehren konnte. Der Einsatz des Pfeffersprays wäre aufgrund der kurzen Distanz und der schnellen Bewegung des Angreifers nicht zielführend gewesen. Ein Zielen wäre ohnehin unmöglich gewesen und womöglich hätte bei einem Einsatz des Reizstoffes nur sie sich behindert.
Eine Sekunde später stürzte der Mann schon auf sie ein. Eigenartigerweise spürte sie nicht die Klinge in ihrem Körper. Der Attentäter wollte ihr das Messer in den Unterleib rammen, doch Emily konnte mit einer ruckartigen Bewegung des Schlagstockes die Stoßrichtung abändern. Das Messer drang nicht in ihren Rumpf ein. Auch später würde sie nicht mehr wissen, wie ihr das gelungen war.
Der Mann, er war sicherlich knapp 1,80 Meter groß und wog an die 100 Kilogramm, begrub sie mit seinem ganzen Körper unter sich. Emily registrierte noch wie warmes Blut über ihren ganzen Körper floss. In ihren Augenhöhlen sammelte sich die rötliche Flüssigkeit.
Beide gaben bisher fast keinen Laut von sich. Kein Stöhnen, kein Fluchen, nur die Kampfgeräusche. Erst das Niederstürzen auf den Boden verursachte etwas mehr Lärm. Emilys Schutzweste war dafür verantwortlich, vor allem aber auch ihr Funkgerät, das in unzählige Teile zersprang.
Smith begrüßte in der Zwischenzeit schon die anderen beiden Männer.
„Schönen guten Abend! Wie geht es Ihnen?“
Die beiden Männer wechselten leicht nervöse Blicke, was dem Polizisten nicht entging.
„Wir sind auf dem Weg zum Konzert.“
Mehr brachte einer der Männer mit einem starken Akzent nicht hervor. In diesem Moment realisierte er, dass diese Antwort zwar der Wahrheit entsprach, aber angesichts der Taschen und Rucksäcke für den Officer höchst verdächtig war. Insofern war die nächste Frage keine Überraschung mehr.
„Was haben Sie in den Rucksäcken und Taschen? Kann ich einen Blick hineinwerfen?“
Steve Smith spürte, dass etwas faul war und instinktiv wandte er seinen Kopf in Richtung seiner Kollegin, um sich zu vergewissern, dass bei ihr alles in Ordnung war. Er konnte sie aber nirgends mehr erblicken. Dort wo er sie vermutete, nahm er nur mehr einen Mann war. Es musste der dritte Verdächtige sein, den Emily beschatten sollte. Dieser Kerl schien auch auf einem Gegenstand zu liegen. Die Taschen waren es jedenfalls nicht, denn die lagen ein paar Meter entfernt.
„Es muss Emily sein“, dachte der erfahrene Polizist und sehr schnell realisierte er wie gefährlich die Situation war. Er fluchte, dass er die Zentrale nicht verständigt und seine Kollegin in eine so brenzlige Situation gebracht hatte. Nur wenige Augenblicke später wandte er seinen Blick wieder den zwei Verdächtigen zu als ein kraftvoller Faustschlag seinen Kopf weit nach hinten riss.
Halb benommen taumelte er zurück und griff nach seinem Schlagstock. Durch den Schlag war sein Blickfeld eingeschränkt, denn er nahm nur mehr einen der beiden Angreifer wahr. Es war jener, der ihm den mächtigen Schlag mit der Faust versetzt hatte. Dieser stürzte noch einmal auf ihn zu. Smith begriff, dass er diesem Mann kraftmäßig weit unterlegen war. Doch es sollte noch weit dramatischer und vor allem tödlicher werden.
Als Polizist hatte er schon einige gefährliche Situationen überstanden und wusste die Verhältnisse immer ganz gut einzuschätzen. Dieses Mal würde er den Einsatz nicht überleben. Das wurde ihm mit einem Mal klar. Jetzt ging es darum, vor allem seine Kollegin zu retten, Verstärkung zu rufen und die Männer von ihrem eigentlichen Vorhaben abzubringen.
Aufgrund der Brutalität des ausgeführten Schlages glaubte er, dass diese Typen etwas weit Größeres vorhatten als zwei Polizisten zu töten, die zufällig ihre Wege kreuzten. Es musste mit den Taschen und Rucksäcken zu tun haben.
„Sprengstoff, O2 Arena, Anschlag, tausende Tote und Verletzte!“
Plötzlich verstand er es. All diese Gedanken strömten in Sekundenbruchteilen durch seinen Kopf. Noch in der Rückwärtsbewegung sah er wieder den zweiten Terroristen, wie er eine Pistole zog. Doch er konnte nicht abdrücken, denn der andere Angreifer packte ihn mit der rechten Hand am Hals und blockierte dadurch dessen Schusslinie. In der linken Hand hielt dieser wiederum unversehens ein Messer, zog es nach hinten, um damit einen maximal kräftigen Stoß ausführen zu können.
Smith gelang es sich nach unten zu bücken und sich damit vom Griff des Terroristen zu befreien. Der versuchte Stich mit dem Messer ging dadurch ins Leere. Der Polizist konnte sogar noch einen Fußtritt in den Unterleib seines Gegners landen, der sich vor Schmerzen krümmte, aber noch immer keinen Laut von sich gab. Der Typ mit der Pistole war von dieser Wendung so überrascht, dass er bereits seine Waffe gesenkt hatte. Er ging wohl davon aus, dass sein Partner den Polizisten in einer Sekunde umbringen würde und er damit seine Hände nicht mehr schmutzig machen musste. Plötzlich stürmte der Polizist auch noch auf ihn zu.
„Ich bin nicht tot!“
Emily Jones glaubte, dass schon Minuten seit ihrem Sturz auf den Boden vergangen waren. Tatsächlich waren es aber nur wenige Sekunden. Der Angreifer begrub sie unter sich, doch er schien sich nicht mehr zu bewegen. Das Blut, das ihren Kopf und schon fast ihren ganzen Oberkörper bedeckte und noch immer weiter floss, war nicht ihres.
Offensichtlich konnte sie mit dem Schlagstock das Messer so ablenken, dass die Spitze der Stichwaffe auf die Kehle des Angreifers traf. Da der Mann auf Emily fiel, presste er sein gesamtes Körpergewicht gegen das Messer. Die Klinge bohrte sich fast zur Hälfte durch die Kehle in den Kopf des Kerls. Dadurch war auch der große Blutverlust erklärbar und dass er nur mehr regungslos auf der Polizistin lag.
Emily versuchte anfangs noch den Typen mit ihren Händen wegzudrücken, doch dafür reichten ihre Kräfte einfach nicht aus. Mit einer letzten Anstrengung gelang es ihr den Oberkörper des Mannes ein wenig anzuheben und auf die rechte Seite zu schieben. Dadurch hatte sie etwas mehr Spielraum mit ihren Händen. Auch ihre Füße konnte sie ein bisschen seitwärts bewegen, sodass nur mehr ihr Rumpf vom Körper des Angreifers bedeckt war.
Nach ein paar weiteren Bewegungen konnte sie den inzwischen toten Leib zur Seite rollen, sodass sie wieder aufstehen konnte. Instinktiv blieb sie aber noch liegen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Vor ein paar Minuten plauderte sie noch mit ihrem Kollegen und patrouillierten zwischen den Autos am Parkplatz. Dann registrierte sie die Verdächtigen und nur wenige Atemzüge später trachteten Unbekannte nach ihrem Leben und wohl auch nach jenem ihres Kollegen.
Am Boden liegend ließ sie ihre Blicke kreisen. Die Autos verstellte ihr dabei teilweise die Sicht. Emily sah ihren Partner wie er losstürmte. Wohin konnte sie nicht erkennen.
„Gott sei Dank, Steve lebt.“
Langsam richtete sie sich auf. Dabei kniete sie sich nur hin und schob sich einen guten Meter vor, um hinter einem Auto verborgen die Situation besser einschätzen zu können. Sie wusste nun von der Gefährlichkeit der drei Männer und dass sie vor nichts zurückschreckten, schon gar nicht vor einem Mord an einer Polizistin, die sich ihnen in den Weg stellte.
Ihr Funkgerät wurde beim Kampf zuvor zerstört, damit konnte sie keine Hilfe mehr holen. Es blieb noch ihr Smartphone. Als sie dieses hervorzog bemerkte sie sofort das gesprungene Display. Damit konnte sie also auch nichts bewirken.
Über den Parkplatz zu laufen und so Hilfe zu organisieren schied auch aus, als nun auch die beiden Terroristen in ihr Blickfeld gelangten. Offensichtlich konnte sich Steve von einem befreien und stürmte nun auf den anderen zu. Dieser konnte seine Pistole nicht mehr rechtzeitig auf ihren Kollegen richten, da warf sich Steve schon auf ihn und versuchte die Waffe an sich zu reißen.
Emily realisierte beim Anblick der Waffe, dass ihr Gegner auch sicherlich eine Schusswaffe bei sich trug. Sie robbte also zurück zum Körper des toten Angreifers und durchsuchte seine Taschen. Sofort ertastete sie die erhoffte Waffe in der linken Seitentasche seiner Hose.
„Sogar mit Schalldämpfer.“ Die Terroristen hatten an alles gedacht. Auch Emily erkannte nun, was die drei finsteren Gestalten wohl vorhatten.
„Da steckt ein ausgeklügelter Plan dahinter. Sollten sie von irgendjemanden überrascht werden, dann konnten sie diese mit den schallgedämpften Waffen aus dem Weg räumen. Und damit hätten sie ihren Plan weiterverfolgen können, mit dem Sprengstoff in oder kurz vor die Halle zu kommen und damit ein gigantisches Blutbad anzurichten.“
Die Gedanken sprudelten aus Emily hervor wie ein ausbrechender Vulkan. Das musste sie verhindern, koste es was es wolle.
Steve Smith wusste nicht, dass seine Kollegin noch immer lebte und dass sie ihm zu Hilfe eilen wollte. Er kämpfte mit dem Terroristen, sie wälzten sich am Boden. Er konnte zwischendurch immer nur für einen Sekundenbruchteil den anderen Kerl wahrnehmen. Dieser schien den Fußtritt in die Weichteile schön langsam verkraftet zu haben und kam langsam auf sie zu und zog auch seine Waffe. Gegen zwei Gegenspieler gleichzeitig hatte er überhaupt keine Chance, das wusste Smith.
Smith konzentrierte sich darauf, dass er seinem Gegner die Pistole nicht überließ. Dieser war zäh, er hielt sie noch immer umklammert, egal in welche Richtung Steve sie drehte. Eigentlich müsste er schon mindestens einen gebrochenen Finger haben. Fast unbemerkt konnte der Terrorist mit der anderen Hand ein Messer hervorziehen. Als es Steve bemerkte, war es schon zu spät.
Ein stechender Schmerz jagte von seinem linken Oberarm durch die Nervenstränge in sein Gehirn. Dadurch ließ er mit der linken Hand von der Pistole los und taumelte nur einen kleinen Schritt zurück. Sein Gegner nutzte den entstandenen Raum und trat ihn mit einem kräftigen Fußtritt von unten zwischen seine Beine. Steve wurde dadurch ein paar Zentimeter in die Höhe gehoben. Der Schmerz war fast nicht zu ertragen, doch er wollte seinem Gegner nicht die Genugtuung zuteilwerden, dass er dies durch Schmerzensschreie zugab.
Der Terrorist setzte nach und rammte sein Messer in Steves Bauch. Er drehte das Messer links, rechts und drehte es so weit er konnte. Damit wollte er sichergehen, dass die inneren Organe irreparabel zerstört wurden. Er zischte auch noch in seinem schweren Akzent.
„Stirb Bulle.“
Der zweite Angreifer hatte sich nun vollends erholt. Da er sah, dass sein Kollege die Situation im Griff hatte, blieb er stehen und begann seinen Kopf in alle Richtungen zu drehen. Offensichtlich wollte er sichergehen, dass sie noch immer nicht entdeckt worden waren. Smith spürte, dass er immer schwächer wurde. Er war aber noch bei Bewusstsein, kniete und sah zuerst auf seinen Bauch und dann in das Gesicht seines Mörders.
Doch plötzlich explodierte der Kopf des Killers. Eine dünne Wolke aus Blut, Gehirnmasse und Knochenteilen stieg an der Stelle empor, wo sich gerade noch eben die lächelnde Fratze des Terroristen befand. Er starb damit noch vor Smith.
Der einzige noch lebende Widersacher analysierte die neue Situation blitzschnell. Aus dem Augenwinkel heraus nahm er die Polizistin wahr, als sie den Schuss abfeuerte. Wegen des Schalldämpfers nahm auch er nur das Geräusch des Projektils wahr, als es in den Kopf seines Freundes eintrat.
Augenblicklich hob er die Pistole und zielte auf Emily. Er konnte nur einen Schuss abfeuern, als ihn die erste Kugel in die Seite traf. Er wusste, dass er diese Verletzung überleben würde, wenn er als Sieger aus diesem Duell ging und keine weiteren Treffer mehr einstecken musste. Durch den Aufprall wurde aber die Waffe aus seiner Hand geschleudert und er hatte alle Mühe sich auf den Beinen zu halten.
Emily bekam auch einen Treffer ab. Noch ehe ihre Kugel in den Körper des Terroristen eintrat, wurde ihre linke Schulter getroffen. Sie wusste, dass sie als Siegerin hier vom Platz gehen musste. Es standen zu viele Menschenleben am Spiel. Auch ihr Partner schien schwer verletzt zu sein. Zum ersten Mal in ihrem Leben machte sich in ihr ein unbändiges Rachegefühl breit.
Sie setzte sich in Bewegung so schnell sie konnte. Die circa zwanzig Meter überwand sie in nur wenigen Augenblicken. Dann stand sie vor dem Angreifer, der ihr die Kugel verpasst hatte. Er taumelte vor ihr. Seine Waffe lag am Boden hinter ihm. Er versuchte noch sie anzuspucken und murmelte etwas in einer fremden Sprache. Für Emily klang es arabisch.
„Schwein!“
Nur dieses eine Wort brach aus ihr heraus und sie drückte so oft am Abzug der Pistole, bis keine Kugel mehr im Magazin war. Sie versenkte alle Kugeln im Körper des Terroristen, ließ die Waffe fallen und warf sich neben ihren Partner auf den Boden.
Steve kniete inzwischen nicht mehr, sondern war auf den Boden gesackt und lag auf der Seite. Er war noch immer bei Bewusstsein, die ganze Situation erfasste er aber nicht mehr. Er erkannte aber, dass seine Partnerin alle drei Angreifer außer Gefecht gesetzt hatte.
„Ruf Fulham an!“
Smith zog mit seinen letzten Kräften sein Handy aus der Tasche. Es war zum Glück noch unversehrt. Es war ein altes Ericsson Telefon, kein Smartphone. Ein altmodisches Gerät, das heutzutage fast niemand mehr benutzte. Klein, ein Minidisplay und fast nicht zerstörbar.
„Kurzwahl 5!“
Er reichte ihr zitternd sein Mobiltelefon.
„Der MI6 muss sich drum kümmern. Das ist eine riesige Sache, da dürfen nicht die falschen Leute involviert werden!“
Emily erkannte, worauf ihr Partner hinauswollte. Robert Fulham als MI6 Chef sollte sich um die Sache kümmern. Nicht die Polizei, die zu wenig Erfahrung mit so einem massiven Anschlagsversuch hatte. Vor allem ließ sich bei der Polizei nichts geheim halten, da regelmäßig zu viele Personen Bescheid wussten und zu viele Berichte geschrieben und verteilt werden mussten.
Es war 20.30 Uhr. Sir Robert Fulham saß nach einem langen Arbeitstag noch immer an seinem Schreibtisch und studierte einen Bericht. Die Zettel waren klassisch in einen Ordner mit einem ledernen Einband eingereiht. Auf der Vorderseite prangte in großen roten Lettern „Streng geheim!“
Er leitete nun knapp 5 Jahre den britischen Auslandsgeheimdienst MI6. Fast sein ganzes Berufsleben lang arbeitete er für den Secret Intelligence Service, so der offizielle Name seines Arbeitgebers. Nach dem Studium am Magdalen College in Oxford heuerte er bei der britischen Armee an. Schon nach drei Jahren beendete er seine Militärkarriere und begann für den MI6 zu arbeiten.
Die ersten Jahre war er in Europa und dann lange Zeit im Nahen Osten tätig. Oft und gerne erinnerte sich an diese Zeit. Weniger technische Spielereien, sondern mehr die echte Geheimdienstarbeit: Rekrutieren von Informanten, Umdrehen von Agenten, Einschleusen in feindliche Operationen. Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Ja?“
„Sir, ich sollte sie noch dran erinnern, dass unser Stationsleiter in Kabul auf Ihre Entscheidung wartet.“
Es war sein Assistent Alex. Er war erst ein Jahr für Fulham tätig. Fulham schätzte ihn sehr. Nicht nur sein wacher Geist, vor allem seine ausgezeichneten Manieren haben den MI6 Chef schon am ersten Tag beeindruckt.
Fulham wollte schon etwas erwidern, als sein Smartphone plötzlich vibrierte. Er blickte kurz auf das Display, es war sein alter Freund Steve.
„Bitte entschuldigen Sie! Aber bleiben Sie bitte noch da, es dauert sicher nicht lange, dann können wir über Kabul sprechen“
Fulham wischte nach seinen Worten mit dem rechten Zeigefinger über den kleinen Bildschirm, um den Anruf entgegenzunehmen. Er kannte seinen Polizeifreund seit vielen, vielen Jahren, aber an einem Freitagabend hatte er ihn schon seit 20 Jahren nicht mehr angerufen.
„Hallo Steve!“
Doch am anderen Ende der Leitung vernahm er nur ein Schweigen. Die leisen Hintergrundgeräusche konnte er nicht zuordnen
Fulham probierte es noch einmal: „Hallo?“
„Ich bin Emily Jones und ich bin die Partnerin Ihres Freundes. Und wir stecken in großen Schwierigkeiten!“
Seine böse Vorahnung hatte den MI6 Chef also nicht getäuscht. Er stellte sein Handy auf Lautsprecher, damit sein Assistent mithören konnte und gab ihm einen kurzen Wink, dass er das Signal des anderen Mobiltelefons orten und sich für weitere Befehle bereithalten sollte. Alex tippte sofort auf sein iPad und wandte seine Blicke nicht mehr von seinem Chef ab.
„Ihr Freund ist tot. Hier war ein Anschlag geplant, …“
Emily schluchzte zwischendurch, sie wusste eigentlich nicht was sie alles erzählen sollte. Doch Robert Fulham unterbrach sie:
„Gibt es weitere Verletzte oder Tote?“
„Nur die 3 Terroristen.“
„Haben Sie die Zentrale schon verständigt?“
„Nein, Steve meinte, dass ich Sie anrufen sollte. Hier läuft etwas Gewaltiges!“
„Hat jemand etwas mitbekommen. Passanten?“
Fulham schaute zu seinen Assistenten, der sein iPad zu ihm hindrehte und ein blinkender Punkt war auf einer Karte erkennbar. Er setzte fort,
„U-Bahn-Gäste, Autofahrer?“
Emily drehte sich um ihre eigene Achse. Es war alles ruhig. Auf der anderen Seite des Parkplatzes leuchteten gerade zwei Xenon Scheinwerfer auf. Der Autofahrer schien sein Auto abgeholt zu haben und den Parkplatz verlassen zu wollen. Die Ausfahrt war aber ebenso auf der anderen Seite, sodass er bei Emily und dem Tatort gar nicht vorbeikam.
„Nein! Die wollten Sprengstoff in die O2 Arena bringen!“
Emily kam fast nicht zu Wort, sie musste ihm endlich die wichtigsten Punkte mitteilen.
„Okay, hören Sie mir genau zu! Das muss absolut geheim bleiben. Sonst haben wir eine Panik in einer Konzerthalle mit über 10.000 Menschen und in den nächsten Tagen eine Hysterie, die mit Sicherheit viele Menschenleben fordert und unser aller Arbeit unmöglich macht.“
Emily versuchte sich zu konzentrieren und jedes Wort des MI6 Chefs zu verstehen. Dieser begab sich weiterhin telefonierend mit seinem Assistenten in den Lift, direkt in die Tiefgarage, wo der Dienst-Jaguar mit Chauffeur bereits wartete. Alex hatte inzwischen schon eine Person angerufen, die ihm Fulham zwischen den Sätzen mit Emily zuflüsterte und eine Kurzinstruktion. Im Gebäude waren in den Aufzugsschächten und in der Tiefgarage Sendemasten, damit wichtige Gespräche nicht unterbrochen werden mussten, nur weil sonst kein Empfang vorhanden war.
So wurden zwei als Rettungshubschrauber getarnte Helikopter alarmiert. Diese beherbergten eine schnelle Eingreiftruppe, die jedoch als Ärzte und medizinisches Personal verkleidet waren. Die zwei Hubschrauber sollten allerdings noch nicht zum nördlichen Teil Greenwichs – wo eben die Konzerthalle situiert war – aufbrechen, sondern auf einer möglichst unauffälligen Stelle über der Themse warten.
Im Idealfall vernichtete eine getarnte Eingreiftruppe am Boden die gröbsten Beweise. Erst dann sollte ein Helikopter landen, um einen Rettungseinsatz vorzutäuschen. Hubschrauber generieren aber zu viel Aufmerksamkeit, sodass die Aufräumarbeiten zuvor schon abgeschlossen sein mussten. So lautete jedenfalls der Plan von Robert Fulham. Nun musste er noch möglichst viel von Emily Jones erfahren, damit seine Teams optimal arbeiten konnten.
Nach den Hubschraubern, sozusagen als Backup und als Ultima Ratio, also als letztes Mittel, alarmierte Alex eine weitere Eingreiftruppe. In einem Boot und in mehreren Fahrzeugen rückten sie auf den Parkplatz südlich der O2 Arena heran. Das Ziel dieser Einheiten war im Gegensatz zu den Hubschrauberteams ein unauffälliges Vorrücken.
Emily befolgte in der Zwischenzeit die wenigen Anweisungen, die ihr Fulham gegeben hatte. Sie sammelte die Taschen und Rucksäcke der Attentäter ein und schob sie unter einen großen Pickup. Gleich verfuhr sie mit den drei Leichen. Bei dem Anblick der Leichen der Terroristen empfand sie ein bisher nie gekanntes Hochgefühl. Sie war stolz diese Bastarde umgebracht zu haben. Ein Blick in einen Autorückspiegel bestätigte ihr auch, dass sie nicht mehr wie eine Polizistin, sondern wie ein durchgeknallter Junkie aussah.
„Ziehen Sie ihre Uniform so weit wie möglich aus, entfernen Sie Abzeichen, ihren Hut, ihre Weste! Schieben sie dann die Leichen der Attentäter und alle Gegenstände unter parkende Autos. Möglichst in der Nähe, um nicht zu viel Blut auf der Straße zu verschmieren und damit auf den ersten Blick alles in Ordnung erscheint. Knien sie sich vor ihren Kollegen, aber so dass sie zwischen den Autos versteckt sind! Bedecken Sie seine Kleider, sodass kein But zu sehen ist. Sollte ein Passant vorbeikommen, dann hatte ihr Freund einen Herzinfarkt und sie warten schon auf den Rettungswagen.“
Fulhams Instruktionen würde sie wohl nie vergessen. Über jedes Wort dachte sie nach, als sie seine Anweisungen Schritt für Schritt abarbeitete.
Ihre Verwandlung in eine Zivilistin und das Verstecken der Leichen der Terroristen vollzog Emily in einer Art Automatikmodus. Erst jetzt, als sie sich über den toten Steve Smith beugte kehrte ihre menschliche Seite zurück. Sie fing für einen Moment an zu schluchzen und drückte ihr Gesicht an die Brust ihres Kollegen. In einer der Taschen fand sie eine kleine Decke, die sie über Steve ausbreitete. Auf den ersten Blick konnte somit niemand seine Wunden erkennen. Auch schien die Decke das Blut gar nicht aufzusaugen.
Überhaupt gab sie ein perfektes Bild für einen zufällig vorbeikommenden Passanten ab. Lediglich ein BH bedeckte noch ihren Oberkörper. Für eine „normale“ Londonerin wäre das für Mitte November – trotz eines relativ warmen Tages – eher ungewöhnlich gewesen. Zum einen tauchten aber bei der Konzerthalle oftmals die verrücktesten Menschen auf. Zum zweiten waren ihre Haare so wirr durcheinander und wenn man in ihr Gesicht blickte, wusste man nicht, ob die Schminke verronnen oder absichtlich so aufgetragen worden war. Ihre Hose schien eine typische Funktionshose mit Seitentaschen zu sein. Kurz gesagt, als Passant ließ man diese Frau in Ruhe.
Seit ihrem Anruf waren vielleicht zehn Minuten vergangen. Fulham beendete seine Weisungen noch mit aufmunternden Worten und dass sie sofort anfangen sollte den Tatort zu neutralisieren. Dann legte er auf. Emily hob ihren Kopf, da sie ein Geräusch wahrnahm.
Plötzlich fasste ein Mann auf ihre Schulter.
„Sind Sie Emily Jones?“
Sie drehte den Kopf zurück und blickte in ein freundliches, aber entschlossenes Gesicht. Der Mann war neutral angezogen, dunkle Jeans. Ein weißes Hemd, von dem man nur den Kragen sah, da er darüber einen schwarzen Pullover trug.
„Ja. Wer sind Sie?“
„Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“
Er zeigte dabei auf eine weitere Person ein paar Meter hinter ihm.
„Brauchen Sie sofort einen Arzt oder können Sie noch ein paar Minuten warten?“
Er hielt noch immer mit seiner Hand ihre Schulter, blickte ihr ins Gesicht, musterte sie von oben bis unten und erwartete dann auch gar keine Antwort mehr von ihr.
„Wo haben Sie die Sachen versteckt?“
Er betonte dabei das Wort Sachen ungewöhnlich lange und gab damit wohl zu verstehen, dass er darunter vor allem die Leichen meinte.
Emily war einfach froh, dass sie nun nicht mehr allein war. Sie zeigte auf drei Autos in der Nähe und gestikulierte dabei mit ihrer rechten Hand:
„Unter dem schwarzen Nissan Navara, dort drüben unter dem weißen Honda CR-V und dann noch beim grauen Ford Transporter.“
„Bleiben Sie bitte noch hier bis meine Kollegen sich um Sie kümmern.“
Im nächsten Moment zog der Mann schon seine Hand von Emilys Schulter zurück, stand auf und bewegte sich zu seinem Kollegen. Inzwischen traf ein schwarzer Transporter ein und zwei Männer stiegen aus. Emily war sich sicher, dass die vier Typen von Robert Fulham geschickt worden waren.
Sie beobachtete wie einer der Agenten sich wieder ans Steuer setzte und den Transporter neben dem Nissan Navarro parkte. Die anderen drei Geheimdienstmitarbeiter luden die Taschen und Rucksäcke der Attentäter in ihr schwarzes Fahrzeug. Dann setzen sie ihre Arbeit bei den beiden anderen Autos fort und packten ebenso die Leichen ein. Sie verfuhren dabei ganz ruhig und ihre Bewegungen wirkten ganz routiniert und eingespielt.
Emily wunderte sich gerade, wieso einer der Agenten ein Pulver über den Asphalt leerte, wo die Leichen gelegen waren. Aus ihren Augenwinkeln nahm sie nun auch ein sich näherndes Straßenreinigungsfahrzeug wahr. Dies gehörte sicherlich auch zum MI6 Reinigungsteam.
Plötzlich legte wieder ein Mann seine Hand auf Emilys Schulter. Diesmal aber nur kurz, damit er ihre Aufmerksamkeit bekam.
„Emily Jones, bitten kommen Sie mit mir mit. Brauchen Sie Hilfe beim Gehen, soll ich Sie stützen?“
Alex wartete ihre Antwort gar nicht ab, warf einen dunklen Bademantel über sie und gab ihr ein feuchtes Handtuch. Er zog sie zur Limousine seines Vorgesetzten, die etwas entfernt stand. Er öffnete die Wagentür und drückte sie mit einem leichten Schubs auf die Rückbank. Dann schloss er die Tür und wartete draußen vor der Motorhaube des Jaguars. Emily blickte zurück, wo sie die letzten Minuten bei ihrem Partner gesessen hatte. Ein Notarztwagen parkte nun neben ihm. Eine Frau sprang aus dem Auto, sie schaute zumindest wie eine Ärztin aus, und ein Mann folgte ihr.
„Wir kümmern uns um Steve. Er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Wir waschen ihn, ziehen ihm eine neue Uniform an und bringen ihn so ins Krankenhaus.“
Sie erkannte die Stimme als jene, mit der sie vor ein paar Minuten telefoniert hatte.
„Guten Abend! Ich bin Robert Fulham. Wir bringen Sie gleich zu einem Arzt, der sie gründlich untersuchen wird. Sie werden dort auch die Nacht verbringen. Sollen wir jemanden benachrichtigen, der auf Sie wartet?“
„Nein.“
„Ich möchte mich bei Ihnen bedanken! Ich weiß zwar noch nicht genau, was heute passiert ist, das müssen sie uns nach dem Erstcheck noch mitteilen. Aber Sie haben einen Anschlag auf eine der größten Konzerthallen der Welt verhindert! Bitte teilen Sie dies mit niemanden! Wie es ausschaut, hat niemand diese Vorkommnisse heute mitbekommen. Und dabei muss es bleiben! Danke nochmal!“
Emily wollte antworten, sich einfach nur bedanken, doch sie brachte keine Worte mehr hervor. Dann öffnete schon auch wieder der Assistent Fulhams die Autotür und brachte sie in einen anderen Wagen, der sofort in Richtung Süden losbrauste.
Etwa 5.500 Kilometer und ein paar Zeitzonen von London entfernt fasste sich John Stark an seinen Kopf, der – wie so oft in den letzten Monaten – unglaublich schmerzte.
Er hatte sich an das Leben in einer der größten Städte der westlichen Welt noch nicht gewöhnt. Nie hätte er gedacht, dass er sich noch einmal nach Kandahar zurücksehnte. Doch genau in diesem Moment wünschte sich John Stark in der im Süden Afghanistans gelegene Stadt zu sein. In Kandahar traten die Taliban Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal in Erscheinung. Diesen Umstand verknüpften die meisten Europäer und Amerikaner mit den Namen dieser Stadt.
Der Sand war in Kandahar geradezu allgegenwärtig. Atemberaubend schön schien der Sternenhimmel in der Wüste südlich der Stadt. Das Fehlen künstlicher Lichtquellen und eine staubtrockene Luft ermöglichten einen Blick auf die Sterne, der in kaum einer anderen Gegend der Welt so beeindruckend war.
An diese Schönheit musste Stark denken als er sich auf der Bank sitzend aufrichtete. Er war offensichtlich eingeschlafen. In der rechten Hand hielt er noch immer die in einer Papiertasche verborgenen Flasche fest umklammert. Zum Glück konnte er sich nicht im Spiegel sehen, als er einen tiefen Schluck des hochprozentigen Getränkes zu sich nahm. Er hasste sich zwar regelmäßig dafür, aber der Alkohol betäubte die vielen Gedanken, die sonst immerzu in seinem Gehirn kreisten.
Stark blickte um sich. Er war schon wieder in dieser Kirche an der 5th Avenue. Die letzten Tage fand er sich regelmäßig in diesem Gotteshaus wieder. Wie er heute dorthin kam, wusste er nicht. Das letzte halbe Jahr war wohl die schwierigste Zeit in seinem ganzen Leben. Sein letzter Einsatz als CIA-Agent war vor einem halben Jahr in Kandahar. Auch im Nachhinein hielt er es nie für möglich, wie aus seiner Sicht ein nur minimal fehlgeschlagener Einsatz eine solche Kette an schicksalshaften Ereignissen nach sich zog.
Es war nicht ungewöhnlich, dass eine Geheimoperation nicht wie geplant verlief. Dies kam regelmäßig vor. Auch dass ein mutmaßlicher Terrorist nicht mit Samthandschuhen angefasst wurde. Zumeist konnte diese Information zurückgehalten werden, sofern danach überhaupt gefragt wurde. Wo kein Kläger, da kein Richter.
Die Jagd nach Farid Jalal bot insofern bis zu seiner Festsetzung und auch bis zum Verhör durch Stark nichts Außergewöhnliches. Jalal galt als ein führender Kopf einer kleinen, aber brutalen und sehr gut organisierten Terroristengruppe in Kandahar. Durch ihn erhoffte sich die CIA insbesondere neue Erkenntnisse über die Finanzierung und die Zusammenarbeit kleinerer Terrorgruppen.
John Stark spürte schon in der ersten Minute des Verhörs, dass Jalal eine bedeutendere Rolle im Islamischen Staat spielte, als er bis zu diesem Zeitpunkt glaubte. Aber für die übrigen CIA Agenten galt Jalal als kleiner Fisch. Doch der Afghane erwies sich als ungemein zäh. Verschiedene Verhörmethoden führten lediglich dazu, dass er ein immer größeres Netz an Lügen und doch wieder kleinen wahren Details spann. Letztlich war es nahezu unmöglich, die wahren Aspekte herauszufiltern.
Mit jedem weiteren Verhör begann Stark die Geduld zu verlieren. Letztlich endete es damit, dass Jalal nach einer zu intensiven Befragung in ein mehrwöchiges Koma fiel. Die zunehmend brutaleren Vernehmungen wurden auch in Langley registriert. Letztlich interessierte sich auch der Geheimdienstausschuss des Senats für die Vorkommnisse in Kandahar. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte noch alles geregelt werden können. John Stark begann dann aber den ersten von zwei unverzeihlichen Fehlern.
Der CIA Agent musste abrupt nach Langley zurückkehren und konnte damit „seine“ Mission Farid Jalal nicht mehr abschließen. Als er dann auch noch das Interesse des Geheimdienstausschusses an seinen Verhörmethoden bemerkte, brannte in ihm wohl eine Sicherung durch.
Mit dem Ausschuss oder seinen Mitgliedern hatte er bisher nie direkten Kontakt. Seine Vorgesetzten in Langley wussten, dass seine Stärken nicht in der Beherrschung einer solchen Situation lag, sondern im Außeneinsatz.
John Stark drang eines Abends in das Haus des Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses ein. Damit nicht genug, stellte er den Senator zur Rede und drohte ihm – so die Aussage des gewählten Volksvertreters – „ein unangenehmes Verhör“ an, wenn der Ausschuss nicht sofort jegliches Interesse an Stark verlieren würde. Um seine Worte zu verdeutlichen richtete er auch seine Pistole auf den Vorsitzenden und drückte ab. Der Senator glaubte schon an seinen Tod, jedoch war die Waffe nicht geladen, sodass nur ein leises Klicken das Gespräch beendete.
Die Bedrohung eines Senators ist kein Kavaliersdelikt. Nachdem Stark das Haus des Senators verlassen hatte, setzten sich nach kurzer Zeit mehrere Bundesbeamte auf seine Fährte. Sie trafen ihn wenig später in seiner Wohnung an. In einem lautstarken Streit mit seiner Freundin verwickelt, schien die Situation noch weiter zu eskalieren. Nun begann er seinen zweiten Fehler binnen kurzer Zeit.
Damals noch in einer bemerkenswerten Form zückte Stark seine Pistole und bedrohte damit nicht nur seine Freundin, sondern auch die Bundesbeamten. Seine Partnerin wusste zwar von der Gefährlichkeit und der kompromisslosen Vorgehensweise ihres Freundes, doch dass er seine Waffe gegen sie richten würde, hielt sie für unmöglich. Bis auf sehr seltene Ausnahmen war er stets liebevoll und sehr besorgt um sie gewesen.
So wie an diesem Abend hatte sie ihren Partner noch nie erlebt. Die Aggressivität und Entschlossenheit in seinen Augen waren mehr als beängstigend. Zwischen dem gegenseitigen Anschreien und wechselweisen Aufforderungen, jeweils die Waffen zu senken, sackte sie in sich zusammen und heulte nur noch. Wie der Senator kurz zuvor, nahm auch sie an, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte.
Letztlich endete der Abend für Stark in einer Zelle. Die Einsatzkräfte glaubten schon nicht mehr daran, dass er sich ergeben würde, als er dann doch plötzlich die Pistole auf den Boden warf und seine Hände hob.
Am nächsten Tag verlor Stark seinen Job, seine Freundin und seine Wohnung. Er verlor in nicht einmal 12 Stunden alles, woran er bis zu diesem Tag geglaubt hatte. Es hätte aber auch noch schlimmer kommen können, denn ihm drohte ein langer Gefängnisaufenthalt.
Letztlich sorgten seine bisherigen Verdienste für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die wohlwollende Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung dafür, dass ihm zumindest das Gefängnis erspart blieb. Zu diesem Zeitpunkt und auch die folgenden Monate war das dem ehemaligen CIA Agenten aber völlig egal.
Knapp sechs Monate nach dieser verhängnisvollen Nacht war John Stark noch immer neben der Spur. Seine Fähigkeiten hatten auch dramatisch nachgelassen, sonst hätte er bemerkt, dass er noch immer regelmäßig von seinem früheren Arbeitgeber beschattet wurde. Exzessiver Alkoholmissbrauch hinterlässt aber bei jedem Menschen nach gewisser Zeit Spuren, unabhängig davon wie zuvor die körperliche und mentale Fitness ausgeprägt war.
John Stark stolperte aus der Kirche. Er wandelte auf der 5th Avenue Richtung Süden. Nur wenige Meter in westlicher Richtung entfernt, führte eine ganz in schwarz gekleidete Joggerin ein paar Dehnungsübungen durch. Auf den ersten Blick erschien sie mit ihrer schlanken Figur und ihren langen schwarzen Haaren unauffällig. Tatsächlich lief sie seit drei Stunden auf der Joggingstrecke im Central Park nur auf der Höhe zwischen der East 86th und East 94th Street.
Zwischendurch hielt sie immer wieder an, dehnte und trainierte dabei alle möglichen Körperregionen. Bei der Überwachung John Starks ging es nur mehr darum, ihn vor größeren Dummheiten – wie etwa einen weiteren Angriff auf einen Senator – abzuhalten. Er galt daher nur mehr als ein moderates Sicherheitsrisiko, allein schon aufgrund seines fortgesetzten Alkoholmissbrauches.
Der ehemalige CIA Agent zog die Blicke der Passanten auf sich. Jedoch nicht im positiven Sinn. Äußerlich trug er ein rot kariertes Hemd, das über seine blauen, abgetragenen Jeans ragte. Seine früher einmal weißen Sportschuhe und die in einer Papiertasche verborgene, aber für jeden erkennbare Flasche komplettierten das Bild eines Mannes in der Krise. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch seine fettigen, über die Ohren stehenden Haare und den ungepflegten Bart. Gleichzeitig überragte er mit seinen 1,85 Meter die meisten New Yorker. Seine Statur war noch immer recht muskulös und wirkte bedrohlich.
Viele Menschen erkannten in ihm einen Veteranen, der die Gräueltaten des Krieges noch nicht verdaut hat und nun in einer gänzlich anderen Welt zurechtkommen musste. Ein älterer Mann steckte ihm 10 Dollar zu und murmelte:
„Danke für Ihren Einsatz für unser Land! Kommen Sie wieder auf die Beine! Das wird schon, ich habe auch einmal gedient.“
Er war in Gedanken noch immer bei den Ereignissen der letzten sechs Monate als er sich bückte, um die Schnürsenkel zu binden. Mit dem Kopf nur knapp über dem Boden betrachtete er aus der Froschperspektive die strahlend weiße Fassade des Solomon R. Guggenheim Museums. Plötzlich hielt ein weißer VW Transporter nur wenige Meter vor Stark, sodass sich das Fahrzeug zwischen ihn und das Museum schob. Ein Mann stieg auf der Beifahrerseite aus und ließ seinen Blick über die gesamte Umgebung kreisen.
Kurz bevor sich Stark anstellte, sich wieder zu erheben, bemerkte er die sorgfältig polierten Militärstiefel des Mannes. Der frühere Geheimdienstagent machte sich nun unauffällig am Schnürsenkel des anderen Schuhes zu schaffen und blieb damit weiter in gebückter Haltung. Er spürte instinktiv, dass von diesem Fahrzeug und den beiden erkennbaren Insassen eine große Gefahr ausging.
Der Mann schloss die Autotür hinter sich und setzte seine Schritte in Richtung des Guggenheim Museums. John Stark erhob sich nun, hob die rechte Hand an sein Ohr und simulierte dabei ein Telefonat. Er trat dabei auf der Stelle, stieß regelmäßig Flüche aus und herrschte den fiktiven Gesprächspartner mehrmals an. Währenddessen observierte Stark ganz genau das Auto und erblickte den Fahrer, der nun ebenso das Fahrzeug verließ.
John Stark setzte sich nun auch in Bewegung und schlenderte entlang der Seite des Kastenwagens, blieb dann wieder stehen und setze sein fingiertes Telefonat fort. Der Fahrer schien sich auf der anderen Seite des Fahrzeuges in Richtung Heck zu bewegen, da ihn Stark aus den Augen verlor. Die beiden Fahrzeuginsassen glichen sich dabei fast wie Zwillinge. Zum einen die unverkennbare militärische Ausbildung, die sich in jedem prüfenden Blick und in nahezu jeder Bewegung äußerte.
Auch ihre optische Erscheinung war sehr ähnlich. Beide hatten schwarze, kurz geschorene Haare. Nur ein kleiner Unterlippenbart zierte jeweils ihr Gesicht. Ihre Größe lag wohl jeweils bei knapp 180 Zentimeter, schlank, aber gut trainiert. Beide trugen zudem schwarze Militärstiefel, ausgewaschene blaue Jeans und ein farbiges Poloshirt.
Stark näherte sich nun dem Heck des Fahrzeuges, als in diesem Moment der Fahrer die beiden Hecktüren öffnete und dann wieder im VW Transporter verschwand. Der Kastenwagen hatte nur vorne auf der Fahrer- und Beifahrerseite Fenster, sonst waren alle Seiten verkleidet, sodass ein Blick in das Innere des Transporters unmöglich war. Geräusche drangen ebenso wenig heraus, aber sie wären sonst ohnehin von der lauten Umgebung absorbiert worden.
Der zweite Verdächtige war in der Zwischenzeit im Guggenheim Museum verschwunden. John Stark musste wissen, was hinter der Tür im Kastenwagen vor sich ging. Mit einem Mann konnte er es aufnehmen, auch wenn sein Kopf noch immer fürchterlich schmerzte und seine Blutalkoholwerte von 0 weit entfernt waren.
Die schwarz gekleidete Joggerin hatte die Laufstrecke inzwischen verlassen und querte nun den East Drive. Sie lief in einem lockeren Tempo auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf der Höhe des Fahrzeuges vorbei, an dem ihr Zielobjekt offensichtlich großes Interesse zeigte. Sie beobachtete wie John Stark in einem schwer betrunkenen Zustand eine Hecktür öffnete und mit einer unglaublich schnellen Bewegung im Fahrzeug verschwand. Kein Betrunkener konnte mit einer solchen Geschwindigkeit und Geschmeidigkeit in ein Auto eindringen. Die Agentin zweifelte nun stark daran, ob ihr Zielobjekt tatsächlich so berauscht war, oder dies nur als Tarnung für das Eindringen in den VW Transporter benutzte.
Egal ob betrunken oder nicht, dieses Verhalten war als problematisch einzustufen. Als typische New Yorkerin hörte sie beim Laufen über ihre Kopfhörer Musik. Sie drosselte ihr Tempo, hüpfte von einem Bein auf das andere und zog ihr Smartphone hervor. Die Agentin rief die zuletzt gewählte Nummer an.
„Ich glaube wir sollten unseren Auftrag einer genaueren Kontrolle unterziehen.“
Nach einer kurzen Pause antwortete die Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Seit der nächtlichen Lieferung vor sechs Monaten gab es nie mehr Probleme. Sind Sie sicher, dass wir den ganzen Aufwand auf uns nehmen sollen?“
Mit Auftrag war jedenfalls John Stark und mit der nächtlichen Lieferung sein folgenschwerer Auftritt beim Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses gemeint.
Die Agentin überlegte kurz wie sie ihrem Gegenüber die Dringlichkeit der Situation verklausuliert und unauffällig schildern konnte. Sie spürte, wie ihr die Situation entglitt und jede Sekunde ohne Unterstützung die Handlungsoptionen weiter einschränkte.
„Wenn unser Auftrag nicht einwandfrei ausgeführt wird, droht er die Beziehungen zu einem wichtigen Kunden endgültig zu zerstören.“
Die Antwort folgte ohne jede weitere Verzögerung.
„Okay, unser Team kümmert sich drum.“
Die Agentin beendete das Telefonat und atmete kurz durch. Sie wusste, dass die Verstärkung – in der Regel vier unauffällige, aber im Nahkampf top ausgebildete Agenten mit leichter Bewaffnung – in weniger als fünf Minuten bei ihr sein würden. Sie beschloss ihre Position zu halten, wieder ihre Dehnübungen, diesmal an der Bordsteinkante, durchzuführen und den weißen Transporter auf der anderen Straßenseite nicht aus den Augen zu lassen.
John Stark war in der Zwischenzeit in den Kastenwagen eingedrungen. Er entschied sich, auch aufgrund seines Aussehens und der Flasche in der einen Hand, den Betrunkenen zu mimen. Nachdem er seinen Körper in das Innere des Wagens geschoben hatte, schloss er sofort wieder die Hecktür hinter sich.
Der Mann im Fahrzeug war nur für einen kurzen Augenblick überrascht. Es reichte aber, damit Stark die Tür wieder schließen konnte. Unmittelbar danach knallte die rechte Faust des Mannes unvermittelt auf Starks Nase. Ob des schnellen Angriffes nahm der ehemalige CIA Agent nur schemenhaft die Umgebung war. Der Verdächtige zog gerade eine Sprengstoffweste an, sonst wäre sein Angriff vermutlich deutlich schneller erfolgt und Stark hätte die Tür erst gar nicht mehr schließen können.
Mit einem Schlag war sich nun John Stark der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst. Eine geschickt eingesetzte Sprengstoffweste in New York konnte mindestens 20, wohl eher 50 Menschen in den Tod reißen. Da die Terroristen zu zweit agierten, würden sie neben dem Sprengstoff davor wahrscheinlich auch noch Schusswaffen einsetzen, um die Opferanzahl noch weiter in die Höhe zu treiben. Das Guggenheim Museum bot sich hierfür als ein stimmiges Ziel an, da es als eine der Top Sehenswürdigkeiten in New York eine große Anzahl an Besuchern anzog.
Der Kampf um Leben und Tod – und genau um das ging es jetzt – in der Enge eines Wagens ist etwas ganz Besonderes, und nicht mit einer Auseinandersetzung etwa in einem Gebäude oder auf einem Schlachtfeld vergleichbar. Diese Art von Nahkampf zeichnet sich durch eine nicht mehr steigerbare Nähe und Intimität zwischen den Gegnern aus.
Für eine solche Situation bevorzugte Stark für gewöhnlich ein Messer. Nicht zu groß, um in der Enge des Raumes perfekt damit hantieren zu können. Sein Gegner zog nun genau ein solches und hielt es kurz quer vor seiner Brust, um den nächsten Angriff sorgsam zu planen. Eine der gefährlichsten Aspekte in einem Kampf ist das Unterschätzen des Gegners. John Stark glaubte hier seinen einzigen Vorteil zu haben. Er schaute wie ein Penner aus, kassierte einen heftigen Schlag auf die Nase und zeigte sonst keine weitere Reaktion.
Der ehemalige CIA-Agent versuchte die Tarnung aufrechtzuhalten, blickte möglichst ängstlich um sich herum und gab sich verwirrt. Tatsächlich hielt er Ausschau nach einer Waffe oder einen Gegenstand um den nächsten Angriff, der sonst wohl tödlich für ihn enden würde, parieren zu können. Seinem Eindruck entsprechend stammelte er undeutlich hervor:
„Bitte nicht töten! Ich gehe wieder, ich wollte nur schauen, ob hier etwas Geld oder Nachschub herumliegt.“
Beim Wort Nachschub deutete Stark mit seinem Kopf auf seine rechte Hand, in der er die Papiertasche mit der Flasche hielt. Er senkte gleichzeitig seinen Blick, hob seinen rechten Arm leicht, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
Stark ging davon aus, dass sich der Terrorist nun sicher fühlte. Vermutlich würde dieser nun etwas Beschwichtigendes sagen und dass er nun sofort verschwinden sollte. Wenn er ihm dann den Rücken zuwandte und die Hand zum Öffnen der Hecktür ausstreckte, würde er vermutlich von hinten ein Messer in den Körper gerammt bekommen. Doch das durfte nicht passieren.
Die von Kopf bis Fuß schwarz gekleidete Joggerin befand sich noch immer auf der anderen Straßenseite des weißen Transporters. Sie stellte sich gerade auf ein Bein, zog den anderen Fuß zu ihrem Gesäß und schob ihr Becken leicht nach vorne. Bei dieser Übung konnte sie ihren Körper gerade halten und so unauffällig geradeaus blicken.
Die meiste Zeit fokussierte sie den verdächtigen Wagen und sah dann abwechselnd links und rechts jeweils 180 Grad um sich. Da sie mehrmals zwischen ihrem linken und rechten Bein wechselte, bot sie einen ganz natürlichen Anblick. Dass sie hin und wieder näher gemustert wurde, fiel ihr zwar auf. Der Grund war aber wohl ausschließlich ihr schlanker, trainierter Körper und die langen, dunklen Haare. Oder doch ihr Po? Für einen kurzen Augenblick lächelte sie bei diesem Gedanken.
Für einen kurzen Moment schaukelte der weiße Kastenwagen. Sie war verleitet Nachschau zu halten oder sich zumindest dem Fahrzeug zu nähern. Ihre Befehle waren aber klar. Außer wenn John Stark jemanden an die Gurgel ging, musste sie auf das Eintreffen der Verstärkung warten. Das tat er zwar, aber sie wusste ja nicht was im Inneren des Fahrzeuges tatsächlich vor sich ging.
