144000 - Cornelia de Pablos - E-Book
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144000 E-Book

Cornelia de Pablos

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Beschreibung

Beängstigend und düster, der Blick in die Zukunft! Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr.  Die neue, globale Regierung ringt mit den Mächtigen der Kirche um die Weltherrschaft. Das Ende der Menschheit steht bevor. Sechs von sieben Katastrophen sind bereits eingetreten, das Volk rechnet mit dem Schlimmsten. Doch das Kirchenoberhaupt bietet einen letzten Hoffnungsschimmer: Jesus soll zurück auf die Erde kommen und 144.000 Versiegelte auswählen, die mit ihm in den Himmel auffahren und gerettet werden. Mitten in diesem Chaos findet sich eine kleine Gruppe Jugendlicher, die sich der Obrigkeit widersetzt. Doch ihre Gegner lassen nichts unversucht, um ihnen in die Quere zu kommen. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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Seitenzahl: 462

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Beliebtheit




Dachbuch Verlag

1. Auflage: Dezember 2020Veröffentlicht von Dachbuch Verlag GmbH, Wien

ISBN 978-3-903263-29-1EPUB ISBN 978-3-903263-30-7

Copyright © 2020 Dachbuch Verlag GmbH, Wien AlleRechte vorbehalten

Autor: Cornelia de Pablos

Lektorat & Korrektorat: Nikolai Uzelac, Teresa EmichSatz & Umschlaggestaltung: Daniel UzelacUmschlagmotiv: Triff/Shutterstock.comDruck und Bindearbeiten: Rotografika, Subotica

Besuchen Sie uns im Internetwww.dachbuch.at

Gewidmet meinen Söhnen

Ian-Paolo und Samuel

und allen Kindern dieser Welt, in der Hoffnung auf eine Zukunft.

»Das Leben ist manchmal wie ein Stein; hart und undurchdringbar, aber manchmal schafft es doch ein kleines Pflänzchen der Hoffnung durch diesen Stein zu dringen und die Härte zu brechen.«

Ein Straßenkind

Inhalt

TAG 1

TAG 2

TAG 3

TAG 4

TAG 5

TAG 6

DER SIEBTE TAG

DER ACHTE TAG

TAG 1

Ein stechender Schmerz in der Magengegend reißt Jo unwillkürlich die Augen auf. Schnell kramt er nach einer Leuchtkugel in seiner Hosentasche und wirft sie auf den kalten, nackten Höhlenboden. Binnen Sekunden ist der Raum hell erleuchtet. »Sanft ist anders«, denkt er und reibt sich über die, mit Kohle geschminkten, Augen aus denen es Meer-blau funkelt, wie bei einem Husky. Geblendet von dem grellen Licht, kneift er sie schnell zusammen. Bei geschlossenem Lid erinnert er sich an eine Zeit, als beim Erwachen die Sonne noch hell in sein Kinderzimmer strahlte und ihn sanft wachstreichelte. Ein bitteres Lächeln umspielt seinen Mund, während er sich durstig mit der Zunge über die spröden Lippen fährt.

Sein erster, sich an die Helligkeit gewöhnter Blick fällt zwangsläufig auf Ritzi, die ihm direkt gegenüber liegt. Zusammengezogen in Embryonalstellung, kauert sie auf dem kalten grauen Steinboden, lediglich geschützt von ein paar Pappkartons, die unter und über ihr liegen. »Sie sieht schön aus, so ungeschminkt«, fällt ihm auf. Er hat sie noch nie so ungeschminkt gesehen. Aus irgendeinem Grund hatte sie sich, gestern Nacht noch, wie wild das Gesicht geschrubbt und wären da nicht die vielen Sicherheitsnadeln durch ihre Ohren gestochen und der Ring durch ihren Nasenflügel, hätte sie fast etwas Unschuldiges, Reines, Kindliches denkt er und versucht, ihr Alter zu schätzen. Erst jetzt fällt ihm auf, dass er sie nie danach gefragt hat. Sein über ihr Gesicht wandernder Blick bleibt an ihren vollen Lippen hängen. »Ich würde sie schon mal gerne küssen«, denkt er und sieht beschämt schnell wieder weg. Er hasst diese unkontrollierbaren Gedanken am Morgen, die einfach so durch sein Hirn streifen und in letzter Zeit immer öfter auftauchen. Er verbietet sich diese sofort.

Jo rappelt sich zum Sitzen auf, greift instinktiv zur fast leeren Schnapsflasche, die neben seiner Schlafstätte steht und trinkt den restlichen Inhalt auf ex. Kurz darauf legt sich die Unruhe und die Wirkung des Alkohols verschafft ihm einen Moment wohliger Wärme in seiner Magengegend. Während er tief ausatmet, sieht er sich wie immer nach den Kleinen um. Ein Automatismus, der ihn manchmal selber erstaunt und beängstigt. Gefühle und Nähe ängstigen ihn generell. Die Zwillinge, Jake und Jill, schlafen noch fest umklammert neben ihm auf der Pappe.

Beruhigt zündet er sich einen Zigarettenstummel an und inhaliert kräftig. Dabei streift seine zittrige Hand über den immer wieder kehrenden Flaum im Gesicht und er fragt sich selbst, wie alt er jetzt wohl ist? 13 oder 14 vielleicht? Wie soll er das so genau wissen? Geburtstage kennt er schon lange nicht mehr. Im Untergrund gibt es keine Zeit. Er könnte nicht mal sagen, welcher Tag heute ist oder welches Jahr, geschweige denn, welche Uhrzeit.

Er schnippt den Zigarettenstummel weg, schlüpft in die völlig verdreckten und veralteten Springerstiefel und schnürt diese mit dem kläglichen Rest des gestückelten Bandes zusammen. Dann steht er auf. Sich räkelnd, schlurft er in die Ecke der Höhle, in der sich die leeren Farb- und Spraydosen auf einem Haufen türmen. Er schüttelt und rüttelt an leeren Dosen, bis er schließlich an einer schnüffelt, die vielversprechend klingt. »Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig«, denkt er schlecht gelaunt und lässt die Dose fallen. Dann schleppt er sich zur gegenüberliegenden Seite und betrachtet sich in einer Spiegelscherbe an der Wand, die das Badezimmer symbolisiert.

Den Anblick muss er erst einmal verkraften: Der Alkoholkonsum des Vorabends steht ihm noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Seine blauen Augen liegen in angeschwollenen, schwarzen Höhlen, der Blick scheint weit entfernt. Sein ca. sechs Zentimeter langer, blonder Irokese hängt zur rechten Seite so, als bräuchte er dringend einen Schluck Wasser. Notdürftig versucht er ihn mit Spucke aufzurichten, was nur bedingt gelingt, da sein Mund vor Durst sehr trocken ist. Der Flaum scheint stoppliger über Nacht geworden zu sein. Vielleicht aber auch nur dreckiger?! Fast wie ein Bart, der seine kindlichen, weichen Backen ziert. Seine Nase befindet sich in einem Stadium zwischen Kind und Mann, wohlgeformt und gerade, noch etwas klein und an der Spitze stupsig, dafür ist der Nasenrücken markant. Eigentlich sieht er aus, wie man sich James Dean als Teenager vorstellen könnte. Nur dreckiger, verkommener, nicht so strahlend, gebrochener und irgendwie härter, trotzdem mit dem gleichen melancholischen Blick und der Aura einer tiefen, geheimnisvollen Traurigkeit. Und mit der gleichen Geste streicht er sich sein störrisches Haar aus dem Gesicht.

Eigentlich wäre er ein hübscher Junge! Er gefällt sich, meistens, nicht heute, wenn er so fertig aussieht. Die pickelige Haut, macht den Anblick auch nicht besser. Und er muss zugeben, dass er für seine Verhältnisse echt scheiße aussieht! Er wirkt krank und angegriffen von den Lebensumständen. »Das ist eine tote Seele, die mich da anstarrt«, erschrickt er und wischt über den Spiegel, als könne er wegwischen, was er eben gesehen hat.

»Du siehst grottenschlecht aus, Alter!«, kommt es prompt aus der Ecke in der Ritzi liegt, die sich jetzt zum Sitzen aufrappelt.

»Ich weiß«, antwortet er mit brüchiger Stimme und sogleich folgt ein Räuspern.

Selbst seine Stimme scheint er nicht mehr richtig unter Kontrolle zu haben. Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht, als er bemerkt, dass Ritzi ihn beobachtet. Wie automatisch bläht er seinen wohlgeformten Oberkörper auf. Und wäre er nicht so dünn, würde er fast schon männlich aussehen. Sein abgeschnittenes, einst hellblaues Sweatshirt legt seine sehnigen Oberarme frei, die jede Menge selbstgestochene Tattoos zieren, die an Kinder-Gekritzel erinnern. Aufgerichtet geht er zu einem dreckigen Kanister, der an der Rückseite der Höhle steht, schüttet den kläglichen Rest abgestandenen Wassers in seine Hände und wäscht sich notdürftig sein Gesicht.

Ritzi ist mittlerweile auch aufgestanden, was ihr schwerfällt. Sie hasst es aufzuwachen, am liebsten würde sie immer nur schlafen und träumen, die Tage ausblenden. Sie ist eine Expertin im Träumen, die sogar, wenn sie einmal aus dem Schlaf hochgeschreckt ist, wieder auf Anschluss träumen kann. Meist erinnert sie sich an ihre Träume und oft kommen sie ihr realer vor als die tatsächliche Welt. Wie der Traum vom Fliegen. Sie flog über grüne Wiesen, über Berge mit schneebedeckten Bergspitzen und tiefen Tälern, eine Welt, die sie so nur aus alten Filmen kannte. Eine Welt, die heil zu sein schien, voller Farben und Gerüche aus längst vergangenen Zeiten. Das Gefühl war so intensiv, dass sie, als sie aufwachte, es nicht glauben konnte, nicht fliegen zu können. Also stellte sie sich hin, breitete ihre Arme aus und versuchte es. Ohne Erfolg! Ihre Enttäuschung darüber war groß und sie war tagelang schlecht gelaunt. Heute aber erinnert sie sich an nichts. Vielleicht war das auch gut so, denn oft genug plagten sie auch schreckliche Alpträume, aus denen sie manchmal schreiend und wild um sich schlagend erwachte.

Ritzi streicht sich ihre blonden Haare, die an den Seiten abrasiert sind, mit Spucke zurecht. In der Mitte sind sie lang und so hängt immer ein schräger Pony über einem Auge und verschleiert zur Hälfte ihr schönes Gesicht und auch ihren Blick, der meist, mit schräggelegtem Kopf, von rechts unten kommt. Ritzi ist ein wunderschönes Mädchen, doch sie setzt alles daran, ihre Schönheit zu kaschieren. Sie möchte nicht schön sein und sie hasst Komplimente. Sie schiebt die Ärmel ihres eng ansitzenden, schwarzen T-Shirts hoch und streicht zärtlich über ihre zerschnittenen Unterarme, so, als würde sie eine Trophäe berühren. Sie ist stets drauf bedacht, dass die Ärmel den ganzen Arm bedecken, als hüteten sie ein Geheimnis, das sie jeden Morgen aufdeckt, um beruhigt festzustellen, dass ihre Narben noch da sind. Daher gab Jo ihr diesen Namen. Ihren richtigen Namen kennt er nicht und das will sie auch nicht ändern. »Ritzi« gefällt ihr!

Über das T-Shirt wirft sie sich ein metallenes Kettenhemd aus alten Dosenverschlüssen, das sie selbst gemacht hat und das ihr ganzer Stolz ist. Kaum hat sie das Hemd an, fühlt sie sich sicherer, ja fast unverwundbar, vielleicht auch, weil das Hemd ihre apfelförmigen Brüste komplett kaschiert und sie damit flach wie ein Brett aussieht, fast wie ein Junge. Ihre enganliegende, schwarze Hose aus Kautschuk, die mit Ketten verziert ist und löchrig wie ein Sieb, zieht sie niemals aus. An der Seite der Hose befindet sich eine kleine Tasche, in die sie ihr geliebtes Messer schiebt. Es ist ihr ständiger Begleiter, selbst im Schlaf hält sie es fest umklammert. Ihre Füße stecken in klobigen Springerstiefeln, die sie hart und taff wirken lassen, fast burschikos. Wie alle hier, hat auch sie in voller Montur geschlafen, immer bereit aufzuspringen und wegzulaufen.

»Hey, Alter, verbrauch nicht das ganze Wasser, wir brauchen auch noch was!«, raunzt sie Jo an, obwohl sie es war, die gestern zu viel davon für ihr Gesicht verbraucht hatte.

»Zu spät, eh nichts mehr da!«

Jo feuert den Kanister in die Ecke. Die Kleinen, Jill und Jake, wachen, von dem Knall geweckt, unsanft auf.

»Was ist passiert?«, schreckt Jake fragend hoch, reibt sich die kleinen Äuglein und sieht sich erschrocken um.

»Nichts, schlaft weiter, ich schau, ob ich was zu essen abgreifen kann. Cyber ist nicht zurückgekommen, hoffentlich haben sie ihn nicht gebusted«, letzteres murmelt Jo mehr zu sich selbst.

Ihm ist unwohl bei dem Gedanken, in die Stadt zu müssen. Aber da sie nicht einmal mehr Alkohol haben, geschweige denn Drogen, bleibt ihm wohl nichts anderes übrig. Er ist der einzige aus dieser Runde, der sich in der Stadt auskennt und bei ihm ist die Wahrscheinlichkeit, dass er mit irgendetwas zu Essen zurück kommt am größten. Das wissen alle, auch er selbst. Er hasst diesen Zustand, keine Dröhnung in Aussicht zu haben. Und schon meint er die Wirklichkeit zu spüren, wie sie erbarmungslos in seine Gedanken eindringt und ihn nervös werden lässt.

»Fuck, Cyber!«, zischt er ärgerlich.

»Der kann schon auf sich aufpassen, musst ja nicht gleich so einen Krach machen!«, meckert Ritzi weiter. Ritzi ist morgens, wie immer, schlecht gelaunt. Missmutig betrachtet sie nun ebenfalls ihr Gesicht in der Spiegelfliese und bemalt sich ihre Augenlider mit schwarzer Kohle. »Mann, sehe ich scheiße aus!«, kommentiert sie auch ihren Anblick.

Jo sieht sie an und kann nur das Gegenteil empfinden. Sie sieht so schön aus wie immer, denkt er und betrachtet ihre smaragdgrünen Augen und ihre edlen Gesichtszüge, die schon fast ausgereift wirken und so gar nicht zu ihrer pubertierenden, ruppigen Art passen. Mit den bemalten Augen sieht sie älter aus und taffer. Er mag sie ungeschminkt und kindlicher lieber.

Die kleine Jill reibt sich unruhig den Bauch und winselt: »Ich habe Bauchweh.« Seit Tagen haben die Kinder keine richtige Nahrung mehr zu sich genommen und der Hunger gräbt sich schmerzhaft durch ihre, vom Alkohol angegriffenen Eingeweide. Ihr Bruder deckt sie väterlich zu.

»Jo holt was zu essen, dann geht es dir gleich besser.«, sagt Jake beruhigend.

»Hey, ich bin nicht euer Babysitter, verstanden, warum soll immer ich gehen?!«, raunzt Jo Jake an.

Er hat die beiden zwar irgendwie aufgenommen, trotzdem ist jeder für sich selbst verantwortlich, das hat er ihnen von Anfang an klargemacht. Auch wenn er selbst diese Grenze längst überschritten hat, indem er sich immer wieder um die beiden kümmert, versucht er sich dennoch abzugrenzen und die Nähe nicht zu sehr zuzulassen, aber ohne Drogen fällt es ihm noch schwerer. Und auch wenn er es nicht wahrhaben will, so hat er doch, ohne es zu merken, eine kleine Familie gegründet.

»Ich hab so Bauchweh«, jammert Jill erneut und krümmt sie sich vor Schmerzen zusammen. Jill‘s kleines Gesicht wirkt eingefallen und obwohl sie erst sieben ist, hat sie etwas Altes, ihre Haut ist fahl und blass. Sie hat offene Ekzeme im Gesicht, die sie immer wieder aufkratzt. Ihre langen braunen Haare sehen fettig aus und kleben an ihrer verschwitzten Stirn. Auch ihr Zwillingsbruder wirkt für seine sieben Jahre abgeklärt, jegliche Kindheit scheint aus seinen Augen verschwunden zu sein. Sein Blick ist trüb und ernst, seine Kleidung alt und dreckig, dennoch bemüht er sich, sie jeden Morgen glatt zu streichen.

»Jill braucht was zu essen und Medizin!«, sagt Jake jetzt ganz besonnen und ruhig, so als wäre er der Ältere.

»Dann geh doch selbst!«

Jake ist jetzt hellwach und schreit Jo an: »Siehst du nicht, wie dreckig es ihr geht? Ich kann sie nicht allein lassen!«

Jo wirft nun doch einen besorgten Blick auf das Mädchen, ihr geht es schon seit einiger Zeit schlecht. Sie sieht elendig aus. »Verflucht, warum muss ich mich immer um andere kümmern?! Der Weg in die Stadt ist weit und gefährlich«, denkt er, während er sich über das kranke Mädchen beugt und ihr seine Hand auf die glühende Stirn legt. »Scheiße, sie hat Fieber! Ich geh ja schon. Dieser verdammte Cyber, nie kann man sich auf den verlassen, Fucker! Du bleibst bei den Kleinen«, ermahnt er Ritzi und sieht sie streng an.

Er hatte die Zwillinge vor ca. einem Jahr aufgegabelt und seitdem begleiten sie ihn. Er weiß noch genau, wie er sie fand, eng umschlungen und ausgehungert in einem dreckigen Kanalschacht. Als er sie herausholen wollte, schlugen sie wild um sich wie kleine wilde Tiere, die Angst vor jedem menschlichen Wesen hatten. Irgendwie taten sie ihm leid und er gab ihnen Essen, das sie sofort hungrig heruntergeschlungen hatten. Seitdem folgten sie ihm. Sie wichen ihm einfach nicht mehr von der Seite. Anfangs versuchte er noch sie los zu werden, doch sie hingen wie die Kletten an ihm. Irgendwann fassten sie so viel Vertrauen, sodass sie auch mit ihm sprachen. Er erfuhr, dass sie aus einem Haus geflohen waren. Sie brauchten nicht zu erzählen, was geschehen war. Er wollte es nicht wissen, konnte aber ahnen, was sie durchgemacht hatten. Derlei Häuser gibt es viele in der Stadt, in denen Kinder gefangen gehalten werden wie Tiere.

Mittlerweile hat er manchmal fast schon brüderliche Gefühle für die Kleinen. Jo hatte keine Geschwister und jetzt waren sie seine kleine Familie, ob er wollte oder nicht. Und irgendwie war er auch froh darüber. Sie gaben ihm einen Sinn und das Gefühl, gebraucht zu werden. Jo nimmt das sorgfältig zusammengelegte Hemd von seiner Schlafstätte, das ihm auch als Kopfkissen dient, zieht sein Sweatshirt aus und streift es sich sorgsam über. Das Hemd ist sein ganzer Schatz! Es besteht aus Nanomaterial und besitzt bei herkömmlichem Gebrauch eine hohe Flexibilität, doch sobald ein Geschoss darauf einwirkt, wird das Hemd steif. Es hatte Jo schon einige Male das Leben gerettet und bevor er die Zwillinge hatte, legte er es oft darauf an, beschossen zu werden. Es war einfach ein geiles Gefühl, wenn die Geschosse auf ihn einwirkten und zu sehen, dass sein Hemd noch hält, als könnte keine Macht der Welt ihn zerstören.

Jo streicht über das enganliegende Hemd an seinem Körper. Nur wenige besitzen ein solches Hemd, das sonst nur die Oberen der Miliz und die Bewohner des Reichensektors tragen, hat er jedenfalls einmal gehört. Seine Hand gleitet weiter zum Hals an dem er die Narbe fühlt, die er sich, vor nicht allzu langer Zeit, selbst zugefügt hatte. Wie alle Cliquenmitglieder musste er sich, als er noch zu einer Gang im Untergrund gehörte, drei rote sechsen auf den Hals tätowieren lassen. Als er die Clique verließ, versuchte er sich, aus Protest, die Zahlen mit einem heißen Eisen wegzubrennen. Die Wunde nässte monatelang. Zurück blieb eine dicke Narbe, die er heute immer noch spürt. Vorsichtig streicht er mit seinen schlanken Fingern, mit dreckigen und abgekauten Nägeln, über die empfindliche Stelle.

»Ich hab heute Geburtstag«, verkündet Ritzi völlig unvermittelt aus ihrer Ecke. »Ich werde 13.«

»Wenigstens weißt du noch, wann du Geburtstag hast«, denkt Jo zynisch und zieht sich sein Sweatshirt wieder an. Er selbst hat keine Ahnung mehr, wann er geboren ist.

»Alles Gute, dann feiern wir heute, oder? Jo, du musst Schnaps mitbringen, ein paar Dosen wären auch nicht schlecht«, witzelt Jake aus seiner Ecke. Wie alle Kinder unter der Stadt berauscht sich auch Jake am liebsten, um die raue Wirklichkeit in Watte zu tauchen.

»Immer langsam, Kleiner. Kaum ist er aufgestanden will er Schnaps und sich zudröhnen.«

Jo wirft sich die, an den Ärmeln abgeschnittene, löchrige Lederweste über, die auf dem Rücken ein rotes Peace-Symbol ziert, das aussieht wie eine Zielscheibe. Er schließt seinen immer noch offenen Gürtel, denn wenn er auch sonst alles anbehält nachts, offener Gürtel und Schuhe aus, das muss sein, darin unterscheidet er sich von den anderen. Er geht zu Jake und tätschelt ihm liebevoll über den Kopf.

»Bin in ein paar Stunden wieder da, Großer.«

Jake, der immer noch neben seiner Schwester auf der Pappe sitzt, umschließt Jo‘s Beine, so, als wollte er ihn doch aufhalten. »Beeil dich!«, sagt er und weiß doch, dass es ein langer, beschwerlicher und riskanter Weg ist mit ungewissem Ausgang.

»Ich scheiß auf meinen Geburtstag, eigentlich ein Tag, sich umzubringen«, redet Ritzi, scheinbar mit sich selbst weiter, aber dafür war es etwas zu laut.

Er weiß nicht viel über Ritzi, keiner kennt ihre Geschichte. Ritzi redet nicht darüber und duldet auch keine Fragen. Er weiß nur, dass ihre Eltern noch in irgendeinem Sektor leben und sie einfach von zu Hause abgehauen ist. Er sah sie eines Tages auf einer Parkbank, wie sie sich gerade die Pulsadern aufschneiden wollte und nahm ihr das Messer gewaltsam ab. Da er sich weigerte, es ihr wieder zu geben, folgte sie ihm und den Zwillingen heimlich in die Katakomben. Sie freundeten sich an und seitdem begleitet sie ihn. Irgendwann bekam sie auch ihr Messer wieder.

»Mach keinen Scheiß Ritzi! Du passt auf die Kleinen auf, bis ich wieder da bin! Verstanden?« Jo schaut sie eindringlich an, gerne hätte er sie geschüttelt, aber Ritzi lässt sich nicht berühren, von niemanden. Selbst wenn es versehentlich passiert, kann sie überreagieren und einem eine scheuern. Also lässt er es. »Du wartest hier, bis ich zurück bin!«, ermahnt er sie erneut und hebt drohend seinen Zeigefinger: »Versprich es, hörst du?! Hand drauf.«

Er lässt Ritzi nur ungern mit den Kleinen allein. Immer macht er sich Sorgen, sie könnte sich etwas antun. Solange kennt er sie jetzt auch noch nicht, vielleicht ein halbes Jahr, aber er weiß, dass sie oft unberechenbar ist. Trotz alledem mag er sie. Sie ist wie ein guter Kumpel für ihn und Ritzi tut alles dafür, ihre Kumpelhaftigkeit zu unterstreichen. Irgendwie haben sie dieselbe Wellenlänge, ein ähnliches Alter und den gleichen schwarzen Humor, den er an ihr so mag.

»Ja schon gut, ich verspreche es.« Widerwillig streckt sie ihm ihre Ghettofaust hin. Jo schlägt seine Faust dagegen. Normalerweise hält sie ihr Wort, denkt er nun etwas erleichterter.

»Hier!« Jo fischt, hinten aus der schwarzen, enggeschnittenen, Lederimitathose einen weißen Plastikrevolver hervor und hält ihn Ritzi hin.

Die Dinger, die aus 3D-Druckern stammen, gibt es in der Stadt zur Genüge. Der Revolver hat nur einen Schuss, danach kann man ihn eigentlich wegschmeißen. Doch oft werden sie nach dem Gebrauch gereinigt und wiederverkauft, sodass man eigentlich nie genau weiß, ob wirklich eine Kugel drin ist oder nicht. Ritzi dreht stolz den Revolver in ihren Händen.

»Cool! Den kriegst du nicht mehr!«, scherzt sie.

»Mach keinen Scheiß, hörst du, der ist nur für den äußersten Notfall.«

»Ist ja schon gut, reg dich ab.«

Er ermahnt sie noch einmal eindringlich, dann macht er sich auf den Weg.

Die Höhle der Kinder befindet sich tief unter der Erde nahe Sektor 6, direkt neben dem Kirchenviertel. Unter der Kirchenmauer gibt es einen geheimen Gang aus vergangenen Zeiten, der tief ins Dunkel der Geschichte führt. Jo hat ihn beim Pinkeln entdeckt, als er gegen die Mauer stand. Und obwohl es klamm und feucht ist und von den felsigen Wänden tropft, für Jo und seine kleine Clique ist es der sicherste Platz unter der ganzen Stadt. Niemand kam bisher hierher und auch Jo entdeckt immer wieder neue Gänge und Tunnel in dem 350 Kilometer langen Labyrinth unter der Stadt, oft hat er sich auch schon verlaufen.

Jo muss sich erst durch die schmalen Tunnel quetschen, die scheinbar immer enger werden. »Lange passe ich nicht mehr durch«, denkt er jedes Mal, wenn er sich, auf allen vieren robbend, durch die schmalen Schächte zwängt, immer in Angst, die Decke könnte einstürzen und ihm den Weg abschneiden. Endlich erreicht er die unterirdischen Katakomben, die er aufrecht durchgehen kann. Die Wände sind mit Graffitis bemalt und überall liegen leere Flaschen, Müll und verlassene Feuerstellen von nächtlichen Gelagen. Je näher er zu den, schon vor langer Zeit stillgelegten, U-Bahnschächten gelangt, umso mehr trifft er auf Menschen, die auch den Untergrund besiedeln. Jo geht eine Weile am Gleisbett entlang. Schienen sind kaum noch vorhanden, Eisen lässt sich gut verkaufen und so hängen nur noch die vereinzelten Teile herum, die wohl keiner herausbekommen hat. Rechts und links neben den Gleisen, liegen, sitzen oder darben Menschen auf den verkommenen Bahnsteigen. Sie liegen unter Planen auf Pappen, oder haben andere provisorische Unterschlüpfe gebaut, um ihre wenigen Habseligkeiten unterzubringen. Sie kochen auf kleinen Feuerstellen und versuchen, ein halbwegs würdiges Dasein zu fristen. Manche saufen sich auch einfach nur zu Tode. Viele haben schon seit Monaten kein Tageslicht mehr gesehen, aus Angst aufgegriffen und ins »Abschaumdorf« abgeschoben zu werden. Mittlerweile werden die dreckigen Lager vor der Stadt so genannt, in der die Regierung alle neuen Flüchtlinge sammelt, die in die Stadt wollen. In die Stadt selbst kommt schon lange keiner mehr. Und jeder, der keinen Chip hat und von der Miliz festgenommen wird, wird dorthin abgeschoben. Die Lager sind berüchtigt und gelten allgemeinhin als Ort des Grauens. Die Menschen werden dort systematisch und wissentlich ihrem Schicksal überlassen und erkranken zumeist oder verhungern gar. Deswegen verstecken sich die meisten im Untergrund. So wie Jo und die anderen Kinder, die stolz darauf, sind keinen Chip zu haben. Sie betrachten sich als vogelfrei. Jo und seine Mutter hatten Glück, denn als sie vor der Stadt ankamen, waren sie eine der letzten denen es gelang, durch ein Abwasserrohr in die Stadt hineinzuschlüpfen, bevor diese komplett abgeriegelt und später in Sektoren unterteilt wurde.

Kurz vor dem Bahnsteig, der unter Sektor 5 liegt, verschwindet Jo in einem kleinen Seitengang. Aufgeschreckte Ratten laufen ihm entgegen. Angewidert tritt er die Tiere zur Seite. An einem Schacht der nach oben führt angelangt, zwängt er sich durch eine schmale Öffnung und klettert flink eine verrostete Stahlleiter hoch. Den Kanaldeckel stößt er mit seinem Kopf auf und schiebt ihn beiseite. Vorsichtig sieht er sich um. Er befindet sich in einer kleinen, stinkenden und vermüllten Seitengasse. Dem rosa Himmel nach zu urteilen, ist es noch früher morgen und so hat ihn keiner bemerkt. Jo wundert sich, wie früh es noch zu sein scheint und klettert aus dem Kanalschacht. Es weht ein angenehm leichter, wenn auch kalter Wind, der ihm den Gestank der Stadt in die Nase treibt. Unbemerkt schiebt er den Kanaldeckel wieder zu und macht sich auf den Weg zur nächsten größeren Querstraße. Autos gibt es hier schon lange keine mehr. Sie stehen höchstens noch ausgehöhlt oder ausgebrannt am Straßenrand und dienen manch einem als Schlafplatz. Funkmasten, Ampelanlagen, elektrische Leitungen, die alle ausgedient haben, hängen lose herum und werden nur noch zum Aufhängen der Wäsche benutzt. Einzig Fahrräder und Rikschas bewegen sich noch durch die, in Müll versinkenden Straßen.

Auf den Straßen muss Jo ständig auf der Hut sein, denn auch oberhalb der Katakomben hat jeder Sektor seine Gangs, die ihr Revier so gut es geht verteidigen und nach außen hin abriegeln. Und auch vor der Miliz, die die einzelnen Sektorengrenzen schwer bewaffnet überwacht, muss er sich in Acht nehmen, um nicht geschnappt zu werden. Jo will sich bis Sektor 2 durchschlagen, dort befinden sich noch einige verbliebene Geschäfte, die sich die immense Ladenmiete noch leisten können und von Plünderern verschont geblieben sind. Früher befand sich hier das Zentrum der Stadt, mit Shoppingmalls und vielen Geschäften. Heute gibt es nur noch vereinzelt Läden, die meisten Häuser sind zerstört, die ehemaligen Hochhäuser ragen wie, dem Verfall geweihte Mahnmale, gen Himmel, mit riesigen Löchern von Meteoriteneinschlägen, die die Erde vor einigen Jahren trafen. Handel wird wild auf der Straße betrieben, dort hofft Jo etwas Essbares abgreifen zu können. Er beschließt, die ehemalige Hauptstraße entlang zu laufen, die seit den Meteoriteneinschlägen in Trümmern liegt und eher an einen Schotterweg erinnert als an eine Straße. Rechts und links schmiegen sich kleine Hütten aus Blech, Plastik und Pappe eng an die Häuserwände. Überall schlafen Menschen auf den Straßen. »Die Stadt wuchert wie ein Eitergeschwür, das immer weiterwächst und immer hässlicher wird«, muss Jo jedes Mal denken, wenn er aus dem Untergrund auftaucht. Er mag die Stadt nicht. Weit entfernt erinnert er sich noch an Natur, an ein Zuhause und an sein kleines Dorf, in dem er einst lebte, bevor es von den Wassermassen des überquellenden Flusses davongetragen wurde.

Kurz vor der nächsten Grenzstraße verschwindet Jo in einer Seitengasse und als er gerade wieder in einen Kanalschacht abtauchen will, bemerkt er einen sehr alten, in hellen Lumpen gekleideten Mann. Ein eigentümliches Gewand aus Sackleinen, das mit einer Kordel zusammengehalten wird und vom Schnitt her eher einem Priestergewand gleicht, darüber eine graue Kutte. Seine alten, faltigen, mit blauen Flecken und Adern übersäten Füße stecken in selbstgemachten Schuhen aus einer Ledersohle, mit Riemen, die bis zu den Knien geschnürt sind. Noch nie hat Jo einen so alten Menschen gesehen. Die Alten sind versteckt, in irgendeinem Sektor, hat er mal gehört. Alte sieht man jedenfalls nur selten. Wenn man die Kindheit überstanden hat, liegt die Lebenserwartung höchstens bei Mitte 30.

Jo´s Neugier ist geweckt und er kann es nicht lassen, den Alten zu beobachten. Dieser schiebt einen alten Einkaufswagen vor sich her, in dem plötzlich ein Säugling zu schreien beginnt. Der Mann nimmt das Kind aus dem Wagen, als würde er wertvolles Porzellan tragen. Für einen kurzen Augenblick meint Jo, die Aura des Alten leuchten zu sehen. Vielleicht war es aber auch nur die Spiegelung der Sonne?! Der Alte legt das Kind liebevoll und sanft an seine knochige Schulter und wippt es beruhigend hin und her. Jo‘s ganze Aufmerksamkeit ist jetzt bei dem kleinen Wesen, das schon beachtlich viele Haare hat. Nur in alte Stofffetzen gewickelt, sieht es aus wie ein Kokon. Fasziniert bleibt Jo wie angewurzelt stehen. Er meint, die Liebe des Alten förmlich spüren zu können. Ein eiskalter Schauer läuft ihm über den Rücken. Der alte Mann legt das beruhigte Kind wieder zärtlich in den Wagen und geht weiter. »Er muss mächtig alt sein«, denkt Jo, »mindestens 100!« Unzählige tiefe Falten zeichnen sein Gesicht, tiefe Lebenslinien, die jede für sich vermutlich eine eigene Geschichte erzählen könnte. Jo weiß nicht warum, aber er beschließt den Beiden zu folgen. Der alte Mann schiebt den Einkaufswagen eine kleine Gasse entlang. Jo folgt ihnen in einigem Abstand. Plötzlich bleibt der Alte stehen und dreht sich um. Jo drückt sich schnell in einen Hauseingang.

»Kannst ruhig rauskommen Kleiner, ich tue dir nichts.« Doch Jo reagiert nicht, sondern drückt sich weiter in den Schatten des Mauervorsprungs und verharrt still. »Dann eben nicht!« Der Alte setzt seinen Weg unbeirrt fort.

Jo fühlt sich magisch angezogen und folgt den beiden weiter. Plötzlich biegt der Alte in die Hofeinfahrt eines bröckelnden Gebäudes. Er stellt den Einkaufswagen ab und ist auf einmal wie vom Erdboden verschwunden, als Jo die Einfahrt erreicht und in den Hinterhof späht. Neugierig geht er zu dem Einkaufswagen und wirft einen Blick hinein. Das Baby strahlt ihn lächelnd und quiekend an. Da legt sich von hinten eine Hand auf Jo‘s Schulter. Der Alte steht wie aus dem Nichts hinter ihm. Jo erschrickt.

»Warum verfolgst du uns? Hier gibt es nichts zu holen, also mach, dass du wegkommst!«, fordert ihn der Alte freundlich auf.

Jo starrt in das verrunzelte Gesicht, aus dem schlaue, liebevolle, fast junge Augen blitzen. »Hey Alter, beruhig dich! Ich wollte nichts stehlen«, antwortet er keck.

»Nun werde mal nicht frech, haben dir deine Eltern keinen Respekt beigebracht?«, sagt der Mann sanft ermahnend.

»Ich hab keine Eltern«, murmelt Jo und senkt seinen Kopf.

Wirkt er sonst eher wie ein Jugendlicher, sieht er jetzt aus wie ein kleiner, bemitleidenswerter Junge.

»Hm«, der Alte schaut nachdenklich und mustert ihn von oben bis unten. »Ach herrje, armes Kind Gottes!«, sagt er schließlich und sieht ihn gütig mit seinen grün-grauen Augen an. »Hast du Hunger?«

»Blöde Frage, wer nicht?«, entgegnet Jo ruppig. Ihm war die kleine Schwäche eben, die er gezeigt hatte, nicht entgangen und sogleich versucht er alles Kindliche zu durchbrechen.

»Na, dann komm!« Der Alte hebt das Kind sanft aus dem Wagen, zuppelt seine Kleidung zurecht und verschwindet im Rückgebäude. Jo bleibt zögernd im Hof stehen. »Na nun komm schon, kriegst was zu essen.«

Jo hat eigentlich kein Vertrauen zu Erwachsenen, noch nie gehabt und so mustert auch er den Alten noch einmal gründlich von Kopf bis Fuß. Er hat langes, graues, schütteres Haar, das er am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden hat, genau wie es die jungen Apostel tragen. Aber wie ein Apostel sieht er nicht aus, denkt Jo. Sein dünner Körper ist so klapprig und knochig, als müsste er beim Gehen Geräusche machen, amüsiert sich Jo still und folgt den beiden schließlich doch ins Haus. Sie steigen eine kaputte Treppe hinauf in den ersten Stock. Im Dach klafft ein großes Loch und Putz bröckelt von den Wänden. Auf halber Strecke muss sich der Alte erst einmal auf das Fensterbrett setzen und tief durchatmen. Nach einer kleinen Pause kann er weiter. Jo empfindet auf einmal ein Gefühl des Ekels und der Abscheu vor dieser Gebrechlichkeit. Nein, er möchte niemals alt werden! Seine Überlegenheit kehrt zurück. »Was soll‘s«, denkt Jo, »zur Not hau ich den doch locker um, sollte der mir an die Wäsche wollen! Erst mal sehen, was es da zu holen gibt.«

Mit zittrigen Fingern steckt der Alte einen großen Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnet die quietschende Türe, die zu einer kleinen Wohnung führt. »Eine richtige Wohnung!«, denkt Jo und sieht sich neugierig um. Das letzte Mal war er vor sechs oder sieben Jahren in einer gewesen, als seine Mutter und er vor dem Hochwasser flüchten mussten, in dem sein Vater ertrank. Sie verließen ihre Wohnung und ihr Dorf für immer und zogen in die Stadt, wo sie seither auf den Straßen leben. Der kleine Gang ist vollgesteckt mit Bücherregalen. Noch nie hat er so viele Bücher gesehen, geschweige denn eines gelesen. Fasziniert streicht er über die Buchrücken.

»Kannst du lesen?«

Statt eines Neins, zeigt ihm Jo automatisch den Stinkefinger.

»Dachte ich mir, komm!«

Der Alte führt Jo, ungerührt von der Geste, in eine kleine Küche. Zwischen Stapeln alter Zeitungen entdeckt er einen kleinen Ofen, der mit Holz geschürt wird, daneben einen alten Elektroherd, der jetzt als Schrank dient, da es ja seit der fünften Katastrophe, die die Erde heimsuchte, keinen Strom mehr in der Stadt gibt.

Besagte Katastrophe ereignete sich vor ca. zwei Jahren. Es kam zu einem nie dagewesenen Sonnensturm. Die Sonneneruptionen legten die letzten Transformatoren lahm. Alle Kommunikationssatelliten fielen aus. Die Welt lag im Dunkeln. Globaler Blackout. Straßenbahnen, U-Bahnen, Züge, nichts fuhr mehr. Die Regierung gab kein Geld mehr für den Wiederaufbau aus. Es war hoffnungslos. Einzig das Reichenghetto wurde weiter versorgt und aufgerüstet. Man hatte die Stadt und ihre Bewohner aufgegeben und die Sektoren in Anarchie versinken lassen.

Jo sieht sich weiter in der Küche um. Auf den Fensterbrettern stehen riesige Blumentöpfe mit selbstangebauten Tomaten und anderen Pflanzen, die Jo nicht kennt. Er kennt nur die Tomaten, die hatte seine Mutter auch immer auf ihrem kleinen Balkon gepflanzt. An der Seitenwand ein kleiner Tisch, der übervoll mit lauter merkwürdigen und kuriosen Gegenständen ist, die Jo noch nie gesehen hat. In einer Ecke ein kleines Körbchen, in das der Alte behutsam das Baby legt. »Sieh dich ruhig um!«

Ohne Scheu geht Jo in das angrenzende Zimmer. Auf dem Boden liegt eine Matratze mit einer bunten Wolldecke, daneben stapeln sich wieder Bücher. Obwohl alles chaotisch wirkt, fühlt sich Jo wohl und sicher, fast ein bisschen geborgen in der heimeligen Umgebung. Die Wohnung wirkt friedlich, wie eine kleine Oase im Getümmel der Stadt, mit Türen und Fenstern, keine Löcher in den Wänden, überhaupt sind noch alle Wände da – eine kleine heile Welt. Und ruhig ist es auch! Der Alte hängt seinen Umhang an einen Haken an der Küchentür und öffnet den Herd, aus dem er ein Stück Brot angelt. Er zupft eine Tomate ab und schneidet sie klein.

»Setzt dich!« Jo‘s anfängliche Skepsis entspannt sich gänzlich beim Geruch der Tomate und er zwängt sich auf den gegenüberliegenden Stuhl. Die Küche ist so eng und vollgestellt, dass man sich kaum umdrehen kann. Der Alte kann alles im Sitzen bedienen. Er macht ein kleines Feuer in dem alten Ofen an. Eisen, Flaschen, Blech – alles Mögliche steht herum oder ist auf Haufen gestapelt. Kleinkriminelle Gedanken, die er sich zu verbieten versucht, drängen immer wieder an die Oberfläche. Jo geht, wie automatisch, in seinem Kopf kurz durch, was er alles mitnehmen könnte, um es zu Geld zu machen. Der Alte scheint seine Gedanken zu lesen: »Hier gibt es nicht viel zu holen, Kleiner!«

Ertappt starrt Jo unschuldig vor sich hin. Der Alte angelt zwei Schälchen unter dem Tisch hervor und bröselt das Brot hinein, dann vermengt er es mit den Tomaten, gibt einen Schuss Öl darüber und stellt es Jo hin.

»Danke.«

»Oh, also doch erzogen. Schluck Wasser?«

Jo zeigt den Daumen nach oben, er hat den Mund bereits voll. Der Alte deutet es als ein Ja und schüttet aus einem Kanister eine dreckige Brühe in einen Topf, den er dann auf den Herd stellt. Jo schlingt gierig weiter die Tomaten-Brot-Mischung in sich hinein. Es tut gut, er merkt wie sein Körper Energie bekommt. Es schmeckt herrlich. Noch nie hat er so gute Tomaten gegessen, denkt er; er kann sich gar nicht erinnern, wann er zum letzten Mal überhaupt welche gegessen hat. Die Kinder ernähren sich meist von irgendwelchen Dosen, die sie sich aufwärmen, frisches Obst oder Gemüse kennen sie kaum.

»Nun erzähl mal, wie heißt du?«

»Ich heiß Jo.«

Der Alte muss lachen und sagt: »Jeder zweite nennt sich heutzutage Jo! Hast du auch einen richtigen Namen?«

Der Alte gießt sich und Jo die kochende Brühe in die Schälchen, aus denen sie gerade gegessen und die sie danach feinsäuberlich ausgeschleckt haben. Das ist durchaus üblich, Wasser ist zu kostbar geworden, um es für den Abwasch zu verschwenden und ohnehin kommt es nicht mehr aus der Leitung. Dann bereitet der Alte eine selbstgebastelte Konstruktion vor, die wohl als Fläschchen für den Kleinen dienen soll. Eine Art Trichter mit Schlauch und einem Säckchen am Ende. Er kippt ein Pulver in das Gefäß und übergießt es mit dem abgekochten Wasser. Um es abzukühlen streckt er seine Hand mit dem Säckchen aus dem offenen Küchenfenster in den immer noch frischen Tag. Die braune Brühe schmeckt seltsamerweise fruchtig und lecker. Heiß brennend schluckt Jo das Gebräu hinunter, bis es sich in seinem geschundenen Magen wohlig warm ausbreitet und diesen beruhigt. Der Alte holt das glücklich glucksende Baby aus dem Körbchen und legt es sich in den Arm, dabei lässt er Jo nicht aus den Augen. Dieser fängt unwillkürlich an, nervös mit den Beinen zu wackeln und an seinen dreckigen Nägeln zu kauen. Er hat das seltsame Gefühl, dem Alten nichts vormachen zu können und fühlt sich irgendwie durchschaut.

»Ist das dein Kind?«, versucht er von sich abzulenken.

»So in der Art.«

»Wie heißt er denn?«

»Ich nenne ihn ›Trash‹«.

»Was soll das denn bedeuten?!«

»Trash kommt aus dem Englischen und heißt Abfall.«

Jo muss plötzlich laut lachen. Sein erstes Lachen an diesem Tag, vielleicht auch in der ganzen Woche. Im Untergrund gibt es nicht viel zu lachen.

»Haha Trash, kein Mensch heißt Trash, hat der auch einen richtigen Namen?«, ahmt er den Alten nach. Nun muss auch der Alte lachen.

»Nein hat er nicht, aber du hast recht, vielleicht hat er einen würdigeren Namen verdient.«

»Warum nennst du ihn so?«

Der Alte saugt an dem Säckchen, um zu kontrollieren, ob es nicht zu heiß ist. Dann füttert er den Kleinen. Das Baby beginnt sogleich genüsslich an dem Säckchen zu nuckeln.

»Ich hab ihn im Müll gefunden, das war vor sieben Tagen und seitdem ist er bei mir«, sagt er sanft und dabei tätschelt er liebevoll Trash‘s Rücken, bis dieser ein Bäuerchen macht. »Gell, mein Kleiner, haben sie dich einfach weggeschmissen, die bösen Menschen«, turtelt er mit dem Kind, bevor er sich wieder Jo zuwendet. »Und, hast du einen richtigen Namen?«, wiederholt der Alte seine Frage von vorhin.

»Ich hieß mal Joshua, also früher.«

»Aha, also Joshua, schon besser!«

»Und was bedeutet mein Name? Bedeutet der auch was?«

Jo glaubt nicht, dass sein Name irgendeine Bedeutung hat und rechnet nicht wirklich mit einer Antwort, umso verwunderter ist er, dass der Alte ihm doch eine Antwort gibt.

»Joshua bedeutet der ›Gesandte‹, mein Junge, du hast noch Großes vor.«

Jo kann nur müde lächeln, der Gesandte, was soll das denn bedeuten? Dieses Wort hat er noch nie gehört! Obwohl ihn der Gedanke, dass sein Name eine Bedeutung hat, kurz erhebt.

»Wie alt bist du?«, endlich stellt Jo die Frage, die er schon stellen wollte, seit er den Alten gesehen hat.

»Ich bin jetzt genau 100«, antwortet der Alte.

»100, wie kann man denn 100 Jahre alt werden?!«

»Ich hatte eben Glück«, dabei zwinkert er Jo verschmitzt zu. »Wie alt bist du denn?«

»Zwölf oder 13, keine Ahnung.«

Und obwohl Jo das gleiche gefragt hat, nervt es ihn jetzt, hierauf zu antworten.

»Auf der Straße aufgewachsen, Kleiner?«, fragt der Alte anteilnehmend weiter.

Jo nickt und spielt mit dem Gedanken zu gehen, da ihm die Fragen zu intim werden. Der Alte ist aufgestanden und streicht Jo über den zusammengefallenen Irokesen. Jo springt unwillkürlich auf. Er hasst es, wenn ihm jemand über die Haare streicht. Die Zärtlichkeit des alten Mannes wird ihm unheimlich. Überhaupt die ganze Vertrautheit ist ihm nicht ganz geheuer.

»Ich muss jetzt gehen!«, sagt er schnell.

»Nun, Reisende soll man nicht aufhalten«, der Alte begleitet Jo mit dem Baby auf dem Arm zur Tür. Jo sieht sich noch einmal die Bücherregale an.

»Warum hast du so viele Bücher?«

»Ich war einmal Lehrer, das ist aber schon lange her. Wenn ich dir Lesen und Schreiben beibringen soll, kannst du gerne wiederkommen.«

»Zu was soll das gut sein? Auf der Straße nutzt das gar nichts«, entgegnet Jo verärgert, denn zu gerne hätte er eine normale Kindheit gehabt und die Schule besucht, anstatt sich auf der Straße herumzuschlagen.

»Man kann nie wissen. Seit die Zeiten von Handy und Internet vorbei sind, sind nur noch die Bücher geblieben. Die werden immer bleiben und du wirst immer aus ihnen Wissen erfahren und auch Antworten auf deine Fragen bekommen«, sagt der Alte mystisch und öffnet die Tür.

»Ich hab keine Fragen«, entgegnet Jo bockig.

Ihre Blicke treffen sich. Jo verspürt auf einmal wieder dieses unbekannte Gefühl. Wohlige Wärme, Liebe?! Irgendetwas durchströmt seinen Körper und lässt ihn erneut erschauern. Das Baby strahlt ihn an und auch Jo muss plötzlich lächeln. Er will schon zur Treppe, da hält ihn der Alte zurück.

»Hier zieh das besser an, du bist im Gebiet der ›Blauen‹«!

Er nimmt die Apostelkutte vom Haken und hält sie Jo hin. Dem Alten waren das rote Zeichen auf der Lederweste und die Narbe am Hals nicht entgangen.

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich das anziehe, Alter, die haben doch alle einen Chip?!«, dabei deutet er ihm frech einen Vogel.

Alltägliche Gesten, wie jene eben, verursachen ihm jetzt plötzlich ein schlechtes Gewissen. Der Alte sieht milde über die Respektlosigkeit hinweg.

»Die hier nicht, die kannst du ruhig tragen. Und hüte dich vor den ›Blauen‹ da draußen, wenn die rot sehen, sehen sie rot und außerdem ist es keine Schande den anderen etwas Voraus zu haben.«

Die Anspielung bezog sich auf die Gang, die auf der Straße lungert und die Jo schon beim Einbiegen in den Hof bemerkt hat. Sie nennen sich die »Blauen« und sind erbitterte Gegner der »Roten«, bei denen Jo einige Zeit Mitglied war. Und mit seiner abgeschnittenen Lederjacke und dem roten Kreis, würde er sofort als einer von den Roten erkannt werden. Wieder zwinkert der Alte Jo zu, freundlich, gütig, warmherzig, aber nicht ohne Schalk im Nacken und hält ihm auffordernd die Kutte hin. Widerwillig, aber doch einsichtig nimmt Jo die Kutte entgegen: »Danke.«

Jo tastet den Umhang, den sonst nur die Apostel tragen, misstrauisch nach einem möglichen Chip ab. Er mag die Apostel nicht und ohnehin glaubt er nicht an Gott, auch wenn er hin und wieder, in brenzligen Situationen, doch ein Stoßgebet gen Himmel sendet. Das hat er von seiner Mutter. Er weiß von Cyber, dass alle Apostelkutten einen Chip haben und von Stammapostel Simon in seiner Schaltzentrale kontrolliert und überwacht werden. Cyber hat es ihm erzählt. Doch die hier scheint clean zu sein.

»Schon gut mein Junge, wenn du Hunger hast bringst du mir die Kutte einfach wieder«, sagt der Alte so einladend, dass Jo ihm nichts abschlagen kann und ihm sogar die Hand zum Abschied hinhält. Doch in dem Moment fasst sich der Alte ans Herz, heult kurz auf, lehnt sich zurück an den Türrahmen und sackt in sich zusammen. Noch im Sinken streckt er Jo das Baby hin, der es verstört entgegennimmt. Jo blickt völlig fassungslos von dem Kind zu dem Alten, auf dessen Stirn ein Zeichen erscheint: JHWH 1 »Was ist das denn?!«, entfährt es ihm ungläubig. Jo sieht sich nach allen Seiten um, so, als müsste noch jemand das Zeichen gesehen haben. Aber keiner ist da.

Er eilt zurück, legt das Kind in sein Körbchen und geht wieder zu dem Alten. Das Zeichen ist verschwunden. Vorsichtig streicht Jo ihm über die faltige Stirn. Da war doch eben ein Zeichen? Wo ist es hin? Jo weiß nicht, was er von dem Ganzen halten soll. Er ist völlig ratlos und bereut es, den beiden überhaupt gefolgt zu sein. Vorsichtig rüttelt er an dem Alten, hält sein Ohr an dessen Mund, um sich zu vergewissern, ob dieser noch atmet und muss feststellen, dass er tot ist. Eilig zieht er den Alten zurück in die Wohnung. »Nichts wie weg hier«, denkt er und will schon wieder zur Türe hinaus, als das Baby plötzlich zu weinen beginnt. Das Kind hatte er schon völlig vergessen. »Verdammt! Was mach ich jetzt nur? Ich kann dich nicht mitnehmen, Kleiner! Noch ein Kind kann ich beim besten Willen nicht gebrauchen.« Da fällt ihm Jill ein und er durchstöbert die Wohnung nach Essbarem und Medizin. Medizin und Geld hat er leider nicht gefunden. Als er aus dem Schlafzimmer zurückkommt, ist der Alte verschwunden.

»Wo ist er hin? Das kann doch nicht sein?! Was geht denn hier ab?« Völlig verwirrt starrt Jo auf die Stelle im Gang, an der er ihn eben noch abgelegt hatte. Das Ganze kommt ihm jetzt doch recht spooky vor. Er rennt ins Treppenhaus, doch auch hier ist keine Menschenseele zu sehen. Zurück in der Wohnung setzt er sich entgeistert auf den Boden. Da das Baby immer noch weint, nimmt er es hoch und wiegt es in seinen Armen. »Ruhig, ich muss nachdenken.« Jo´s Gedanken rasen wie wild durch seinen Kopf: Die Wohnung wäre ein sicherer Platz für die Kinder, das Baby kann er nicht hierlassen, das bringt er nicht über das Herz, aber wohin damit? Jo befindet sich in Sektor 3, eine Apotheke würde er nur in Sektor 2 finden. Dort könnte er auch den Kleinen vor irgendeiner Schichterwohnung ablegen. Ja, so wird er es machen! Jo bindet sich das Baby mit einem Tuch um den Bauch, packt die Fläschchenkonstruktion ein und ein paar Lebensmittel, dann wirft er sich die Kutte um die Schultern, nimmt den Schlüssel der Wohnung, sperrt sie sorgfältig ab und geht.

Während er auf die Straße biegt, schließt er die Kutte über dem Kind, zieht sich die Kapuze tief ins Gesicht und senkt seinen Kopf. Auf der anderen Straßenseite stehen immer noch die Blauen. Jo kann beim Vorbeigehen noch einen kurzen Blick erhaschen und scannt die Gangmitglieder. Es sind fünf Jungs, drei vermutlich afrikanischer Herkunft, die anderen könnten Araber sein, vermutet er. Vielleicht zehn oder elf Jahre alt, halbstark und gefährlich. Der eine hat ein blaues Cape, der andere einen blauen Schal um den Hals und das blaue Tuch, das einem aus der Hosentasche hängt. Klares Zeichen für eine Gang. Je jünger sie sind, desto gefährlicher sind sie oftmals. Sie wollen sich beweisen, wollen, dass man über sie spricht, also begehen sie brutale und spektakuläre Taten. Das weiß er aus eigener Erfahrung, also ist er auf der Hut. Eines der Gangmitglieder ruft Jo zu: »Hey Apostel, Alter, schau mich mal an«, dabei hält er sich zwei Finger vor die Augen und bedeutet ihm, dass er keine Angst hat und bereit wäre ihm in die Augen zu sehen. Da die Apostel immer nur mit gesenktem Haupt durch die Straßen laufen, wird von ihnen gemeinhin behauptet, dass sie Gedanken lesen können! »Fucker!«, schreit der Junge ihm hinterher, da sich Jo nicht beirren lässt und einfach weitergeht.

Jo hält seinen Kopf weiter gesenkt, die Kapuze tief über den Augen, das Kind fest an seinen Körper geschnürt und die Kutte darüber, geht er zurück zur Hauptstraße. Die Apostel werden nicht kontrolliert, sie können sich durch die ganze Stadt bewegen, ohne angehalten zu werden. Außer ins Reichenghetto, dort kommen selbst sie nicht hinein. Ein Hauch von Unbesiegbarkeit befällt ihn. »Nur immer schön den Kopf gesenkt halten«, denkt er und verschwindet im bunten Treiben, das auf der Hauptstraße bereits herrscht. Und obwohl noch früher Morgen ist, feilschen und streiten die Menschen bereits in einem Dutzend von Sprachen, um zu handeln. Keiner beachtet ihn.

Cyber springt waghalsig von einem Hausdach zum anderen. Er ist ein exzellenter Runner und überfliegt so die Sektoren. Keiner springt so über die Dächer wie er. Von unten sieht er mit seinem schwarzen, langen Ledermantel aus wie ein großer Vogel und das ist durchaus gewollt. Verfolgt wird er von drei bewaffneten Männern der Miliz, die aber kaum mit ihm mithalten können. Cyber nimmt Anlauf und überspringt eine breite Grenzstraße. Gekonnt landet er in einem kleinen Garten auf dem Dach eines Hauses, rollt sich ab, hüpft elegant auf und rennt weiter. Die Miliz kann ihm nicht mehr folgen. Die Schlucht ist ihnen zu breit, also bringen sie sich in Stellung, um auf ihn zu schießen. Doch Cyber verschwindet blitzschnell hinter einer Stahltür auf dem Dach. Statt die Treppen hinunter zu gehen, überspringt er sie über die Geländer. Weiter unten sitzen Kinder auf den Stufen und vertreiben sich die Zeit. Auch die Treppenhäuser sind heutzutage von Menschen bevölkert. Weiter oben gibt es kaum welche, da die meisten Häuser Einschlaglöcher haben und von oben nach unten in sich langsam zusammenbröckeln. Auch ist es für die meisten Bewohner zu mühsam, die vielen Stufen hinauf zu gehen. Und so sind die alten, baufälligen Hochhäuser meist nur unten bewohnt. Aus Angst vor weiteren Beben oder Meteoriteneinschlägen fühlt man sich in den unteren Etagen sicherer und kann gleich auf die Straße flüchten, während man in den oberen Stockwerken in der Falle sitzen würde.

Unten angelangt betritt Cyber die Straße, zieht die Kapuze seiner Sweatshirt-Jacke, die er unter dem Mantel trägt, über den Kopf und verschwindet im Getümmel. Er ist ein Networker par excellence, überall hat er seine Informanten und Quellen, wo er Essen, Drogen oder sonstiges besorgen kann. Er ist ein Einzelgänger. Man weiß nie, wo er ist oder wann er wiederkommt. Auch gehört er, genau wie Jo, keiner Gang an und zählt, wie die anderen Kinder, zum Freiwild – stets auf der Hut, nicht von der Miliz oder irgendeiner Clique geschnappt zu werden. Cyber saß schon einmal im Gefängnis, kam aber wieder frei. Wie er das geschafft hat, weiß keiner. Auf dem Unterarm hat er eine Narbe. Es ist die Stelle, wo ihm einst ein RIFD-Chip implantiert wurde. Diesen Chip trägt jeder der schon einmal gebusted wurde, aber auch die Reichen und die Schichter tragen ihn sowie die meisten Bewohner der Stadt, um immer und überall geortet werden zu können. Jo und die anderen sind stolz darauf, keinen zu haben. Und wenn man doch einmal registriert wurde, schnitt man ihn sich einfach wieder heraus. Viele im Untergrund tragen eine ähnliche Narbe. Cyber verschwindet in einem Haus, seine Verfolger hat er längst abgehängt, und springt wieder wie zuvor über das Geländer das Treppenhaus nach oben. Eigentlich gibt es einen Fahrstuhl, aber da es schon lange keinen Strom mehr gibt, fährt dieser natürlich nicht mehr. Lose Kabel hängen vereinzelt in den Schächten, die Kabinen sind völlig ausgeschlachtet. Oben angelangt, checkt Cyber kurz die Häuserschlucht. Er befindet sich nahe der Grenze zu Sektor 7, dem Kirchensektor. Unten auf der Straße sind die Grenzposten damit beschäftigt, die Passierscheine zu kontrollieren und die Chips zu scannen, keiner von ihnen schaut nach oben. Cyber nimmt Anlauf und überspringt ungehindert eine weitere Grenzstraße. Auf der anderen Seite landet er in einem Maisfeld. »Vertikale« Bauernhöfe sind in dieser Zeit völlig normal geworden, nicht nur auf dem Dach. In manchen Wolkenkratzern werden ganze Etagen für den Anbau von Obst und Gemüse, Weizen oder Gerste genutzt. Es gibt aber auch Hühner in Bodenhaltung und Fische in Wassertanks. Und da die Pflanzen meist in Granulat oder in einer Lösung mit Nährstoffen wachsen, benötigen sie kaum Wasser. Man versucht sich so gut es geht, selbst zu versorgen. Generatoren, selbstgebaute Stromkreise, Solar, Wasser, Windräder, an Kuriositäten ist alles dabei. In manchen Häusern werden sogar ganze Marihuana-Plantagen angebaut, natürlich streng bewacht von ihren Gärtnern. Cyber kennt sie fast alle, die vertikalen Gärten und die illegalen Plantagen. Er fühlt sich auf den Dächern der Stadt zu Hause, hier findet er sich zurecht. Nur manchmal versteckt er sich nachts bei Jo und den anderen Kindern, die er erst seit kurzem kennt. Im dunklen Untergrund oder irgendwo anders, da nachts die Drohnen über die Stadt fliegen, ausgestattet mit Wärmebildkameras und jeden ausfindig machen, der sich nach der Sperrstunde noch auf den Straßen befindet.

Schnell lässt Cyber ein paar Maiskolben in seinem Mantel verschwinden, der jede Menge Innentaschen für sein Diebesgut hat und die er sich selbst eingenäht hat. Geduckt schleicht er bis an den Rand des Wolkenkratzers. Er muss auch hier ständig auf der Hut sein, denn die Besitzer der Felder bewachen diese mit Argusaugen und scheuen sich nicht, Selbstjustiz zu üben. Wahrscheinlich würde man ihn einfach von der Dachkante stoßen. Und manchmal, denkt er, könnte sein Ende ruhig so aussehen: Im freien Fall! Doch Cyber hat Glück. Der Mann, der am Rande des Feldes in einem Klappstuhl mit einem Gewehr über den Knien sitzt, scheint gerade sein Nickerchen zu halten. »Vermutlich schiebt er schon die ganze Nacht Wache«, mutmaßt Cyber im Vorbeihuschen. Er überspringt eine weitere Straße und landet auf einem ebenso hohen Gebäude direkt am Rande des Kirchenviertels, das durch hohe Mauern abgeschirmt, aber aus dieser Höhe gut einsehbar ist.

Der Kirchensektor mit seinen Gläubigen bildet eine in sich geschlossene Gemeinschaft und umfasst ein riesiges Areal, umgeben von hohen Mauern, die mit Überwachungskameras ausgestattet sind. Hier gibt es sogar Strom, zumindest in den Hauptgebäuden. Die Apostel, die wie Schattenmenschen durch die Stadt laufen, immer in grauen langen Capes mit Kapuze, bleiben für sich. Ihre Gesichter sieht man so gut wie nie. Ein völlig in sich geschlossener Sektor, ein Hineinkommen ist als »Nicht-Gläubiger« und unabdingbarer Diener der Kirchenmacht unmöglich. Nicht einmal die Regierung hat Einblick in diesen Sektor. Selbst die Drohnen fliegen nie über ihr Gebiet. Sie scheinen ein geheimes Abkommen mit der Regierung zu haben. Sie nennen sich »Gotteskindschaft« und entstammten einst einem Seitenarm der »Church«. War ihre Anhängerschaft vor den Katastrophen schon gewaltig, ist sie nun ins Unermessliche gestiegen. Sie ist zu einer Ein-Weltreligion aufgestiegen.

Ihre wichtigste Glaubensanschauung ist die Wiederankunft von »Jesus« und das damit verbundene ewige Leben. Angeführt werden sie von einem sogenannten Stammapostel, dem einzelne Sektorenaposteln unterstellt sind. Sie leiten die Sektorenkirchen, gefolgt von den Aposteln. Gemeinsam mit den Stammaposteln sorgen sie für die weltweite Einheit des Glaubens und der Seelsorge. Die »Gotteskindschaft« finanziert sich aus Spenden, sogenannten Opfern, die eigentlich jeder bringen muss. Dafür gewährt sie einem Kleidung, Nahrung und Obdach. Überall stehen Hütten und Baracken in dem einstigen »Schlosspark«, der jetzt einem Slum gleicht. Aber angesichts der Katastrophen und der steigenden Kosten konnte man auch den kleinen gläubigen Spendern den Einlass nicht verwehren und so wurden diese, mit jeder Katastrophe, mehr und mehr. In jedem Sektor gibt es eine Bezirkskirche der Apostel und Unterkünfte. Ihr Innenleben schirmt die »Großsekte« aber sorgfältig ab. Steuern werden dieser Kirche nicht berechnet.

In einem riesigen und weitläufigen Innenhof, noch einmal extra ummauert, befindet sich das Kirchengebäude. Es ist in der Form eher klar und zurückhaltend, dennoch, mit seinen dicken Mauern, imposant und noch fast vollständig erhalten. Nur hier und da klafft eine offene Wunde an der Außenwand. Bräunliche Ziegel decken das Dach. An der Stirnseite über dem Eingang sind zwölf, fast menschengroße Apostelfiguren in gebranntem Ton dargestellt. Die Ecke des L-förmigen Baus ist durch einen Turm betont, der wiederum in einer dreieckigen Spitze mit Glocke endet. Rechts daneben liegt das ehemalige Pfarrhaus, in dem die Apostel untergebracht sind, die dem Stammapostel Simon unterstehen. Beide Gebäude sind miteinander über einen quergelagerten Bau mit hohen, kräftigen Türmen verbunden, ausgestattet mit Überwachungskameras, Satelliten und Apostelwachen. Auch sämtliche kleinere Nebengebäude, von denen es viele gibt, sind von Aposteln bevölkert. Im hinteren Teil des Parks befindet sich ein großes Herrenhaus mit einer prächtigen Glaskuppel, in dem Stammapostel Simon residiert. Davor liegt ein großer steinerner Platz, der ummauert ist und von Aposteln bewacht wird. Kam einst danach der Park, rücken nun die Hütten immer näher heran. Nur der hintere Garten ist privat. Hinter dem Herrenhaus stehen fünf große Gewächshäuser, ein kleiner Rosengarten und Obstbäume, angelegt in einer Miniaturausgabe eines Schlossparkes, mit Springbrünnchen und Sitzecken aus Stein.

Plötzlich klopft Cyber jemand von hinten auf die Schulter. Es ist ein Junge von ca. 15 Jahren in Apostelkutte.

»Hey, was geht?«

Cyber fährt erschrocken herum: »Mann, hast du mich erschreckt! Musst du dich immer so anschleichen?!«

»Schon gut. Beruhig dich!«

Jungapostel Johann setzt sich umständlich neben Cyber auf die Dachkante. Höhe ist nicht ganz so sein Ding, das würde er aber vor Cyber nie zugeben und so versucht er, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Johann, den Cyber immer nur Ratte nennt, nicht weil er aussieht wie eine, sondern weil er sich in der Stadt wie eine bewegt und auch Verhaltensweisen einer Ratte hat. Linkisch, diebisch, selbst im Untergrund kennt er sich ganz gut aus und hält sich gerne dort auf. Oft erkundet er die dreckigen Kanalsysteme, gemeinsam mit den Ratten der Stadt. Einmal brachte er sogar eine als Haustier mit ins Herrenhaus. Nicht viele Apostel trauen sich in die Unterwelt, aber »Ratte« ist einer davon. Er ist fasziniert von dieser dunklen Welt. Und vielleicht nennt Cyber ihn auch so, weil Johann sich jedes Mal tierisch darüber aufregt, wenn Cyber ihn so nennt.