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Sie alle wollten nur eines: ein zufriedenes Leben, aber kein erbarmungsloses Spiel, das außer Kontrolle gerät und sich als wahrer Horror präsentiert. Eine junge Frau wünscht sich ihre Jugend zurück: Die folgenschwere Reise nach München, Frauenknast - und am Tag der Freiheit stolpert sie in das nächste Grauen, das dann aber acht Jahre währt ... Und weitere Begegnungen mit den schlimmsten Albträumen ...
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2017
Frank Lerroc
18+
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dieses Buch
Unter uns
Vergebung
Medizin
Totensonntag
Asche
Frost
Anmerkung
Impressum neobooks
Was, wenn eine Mutter zusieht, wie ihr Baby stirbt – und nach der Haft in den nächsten Alptraum stolpert, der acht Jahre währt? Und wenn ein rachsüchtiger Sadist ausgerechnet am Totensonntag seine Phantasien in die Tat umsetzt. Weitere Storys belegen, wozu der vermeintlich normale Mensch in der Lage ist, wenn sein Leben plötzlich eine unerwartete Wendung nimmt. Warum sonst wird ein Liebesglück zerstört und der Mörder bekommt mehr als nur die Beine abgerissen? Ein Zuhälter verübt im Namen seiner Schwester Selbstjustiz. Oder das Rätsel um das plötzlich verschwundene Kind: zu spät entdecken Polizisten den roten Keller - offensichlich ein Ort jener grausigen Verbindung zwischen Liebe, Perversion und Wahn …
Im Taxi lief Volksmusik. Der alte Mann schaltete die Nebellichter ein und fuhr weiter die Landstraße entlang. Der weiße Audi Quattro war sein Zuhause, auch das würden später viele sagen. Und dass am Rückspiegel eine Kette hing, eine Goldkette mit betenden Händen.
Selbst für Bayern war dieser Novembertag ungewohnt neblig. Den weißbärtigen Mann störte das nicht. Er war hier geboren und kannte nach vier Jahrzehnten als Taxiunternehmer jede Straße im Großraum München. Sechs Wochen noch, dann würde sein Sohn das Geschäft übernehmen. Danach Frühschoppen mit seiner Frau, Holzschnitzen, Kegelabende und genügend Zeit für beide Enkel, er freute sich darauf. Vor allen Dingen jetzt. Der alte Mann war müde. Sonst fuhr er um halb vier nach Hause, vorhin aber hatte er im Stadtteil Unterföhring eine Frau an den Bavaria-Studios abgeholt. Die Film- und Fernsehgesellschaft war sein einziger Vertragspartner. Und die junge Frau wollte schnell zum Bahnhof München. „Beeilen Sie sich“, hatte sie gesagt, „bitte.“
Die Tachonadel bewegte sich auf achtzig zu, dann auf hundert.
Laura Stucke war erleichtert – nicht lange, aber das konnte sie unmöglich wissen. Sie wiederholte die elfte Klasse an einem Gymnasium in Frankfurt am Main, spielte Panflöte und gastierte heute erstmals in Bayern. Der Fahrer war wegen seines Dialekts nur schwer verstehen, sie sei völlig blass. Laura dachte an die Talkshow zurück, zu der sie eingeladen worden war. An die Menschen hinter den Kameras, an die vielen Scheinwerfer oben und daran, wie heiß es auf der blauen Couch neben der dunkelhäutigen Moderatorin gewesen war, während sie erzählte, es damals mit einer Stricknadel versucht zu haben. Vorsorglich in der Dusche, nur mit BH bekleidet, die Beine schulterbreit, zwischen den Füßen ein Spiegel. Zuerst hatte sie es falsch gemacht und probiert, die Gebärmutter anzustechen. Wie einen wassergefüllten Ballon hatte sie sich die Fruchtblase vorgestellt. Anstelle von Wasser war Blut die Innenseite der Oberschenkel heruntergelaufen und von der Nadel über ihre Hand auf den Spiegel getropft. Nur Blut, sonst nichts. Kein Schleim oder Gewebe des gottverdammten Embryos. ‚Nach der zwölften Schwangerschaftswoche ist die Anlage und Ausbildung der Organe abgeschlossen. Das Kind misst etwa neun Zentimeter Länge’, hatte in der Jugendzeitschrift gestanden. Aus Scham hatte sie keinen Arzt aufgesucht und nichts anderes als genau diese neun Zentimeter, die in ihr gewachsen waren, loswerden wollen oder müssen, um den Bastard im Waschbecken zu verbrennen. Dann aber war ihr eingefallen, wie man Fruchtfleisch aus einem Kürbis kratzt.
Mehr hatte sie zum Thema ‚gehasst, verdammt, vergöttert’ nicht beitragen können. Und dafür war sie heute dankbar. Die Show sollte im Frühjahr ausgestrahlt werden, bis dahin würde Laura entbunden haben. Sie war im achten Monat schwanger. Manchmal hatte sie überlegt, wer oder was sie damals in die plötzliche Ohnmacht gerissen und letztlich zwei Leben gerettet hatte. Jetzt schien ihr nur eine Antwort möglich. Beim Anblick der betenden Hände verschränkte sie die Finger ineinander.
Zum Gebet reichte es nicht.
Das Schlusslicht wirkte im Nebel wie ein entzündetes Auge. Es gehörte einem Holztieflader. Der tonnenschwere Schlepper rollte zum Linksabbiegen die gedachte Mittellinie entlang, bremste ab und stand. Einige Baumstämme ragten weit über das Ende hinaus, auf das der weiße Audi zuraste. Dann die Vollbremsung. Das Taxi schlingerte. Es beschrieb eine schlingernde Diagonale, bis der längste Stamm die Windschutzscheibe durchschlug, den alten Mann traf und sein Gesicht zermatschte.
Drei Wochen darauf wurde Laura aus der Klinik entlassen. Ihr Sohn und sie selbst schienen nach dem Kaiserschnitt wohlauf. Das stimmte allerdings nur zum Teil. Zwar waren die Klammern alle entfernt und der Juckreiz, den eine heilende Wunde prägt, deutlich zurückgegangen, doch als zunehmende Belastung empfand Laura die neue Situation. Sie fühlte sich gefangen. Welche Gefangene würde Sozialpädagogik studieren und sich danach um die im Bahnhofsviertel lebenden drogenabhängigen Menschen kümmern dürfen?
Ja, diesen Weg hätte sie einschlagen wollen.
Nein, die Vorstellung konnte sie inzwischen getrost abhaken.
Knapp neun Monate nachdem Laura bei der achttägigen Klassenfahrt an die Italienische Riviera den Aushilfskellner des Hotels auf die kalten Nudeln aufmerksam gemacht, sich im selben Moment in seine korkbraunen Augen verliebt, und in der darauffolgenden Nacht mit ihm an den Strand gegangen war, wo er einen Bretterverschlag aufgebrochen und in dem sie dann zwischen Tretbooten miteinander geschlafen hatten, machte ihr nichts mehr Spaß. So schnell konnte der Spaßpegel auf Null fallen. An diesem Abend war einfach alles scheiße.
Laura vermisste ihre Panflöte, sogar den Schulunterricht, ihre Clique, die Freiheit. Und ihre Mutter – Annemarie Stucke betrieb im Flughafen eine Boutique für Lederbekleidung; sie unterstützte finanziell das Bedürfnis ihrer Tochter nach Selbstständigkeit. Laura bewohnte einen hellhörigen Altbau, zwei Zimmer, hohe Wände, schmale Fenster. In dieser Gegend unweit des Hauptbahnhofes Frankfurt interessierte es keinen, ob sie den Kleinen mit der Brust stillte und dabei hinuntersah. Graubraune Backsteinfassaden, orientalische Läden, überall von Rotlicht erhellte Fenster, hinter denen Frauen sich prostituierten, nichts schien sich zu verändern. Das Baby machte Bäuerchen und schlief ein. Als Laura die kleine Küche durchschritt und das Kinderzimmer betrat, änderte sich alles.
Es begann immer mit einem flauen Gefühl im Bauch. Dann kamen die Krämpfe, heftige Darmkrämpfe. Der Psychologe in der Münchener Klinik hatte sie davor gewarnt, das posttraumatische Belastungssyndrom zu unterschätzen. Die durch den Unfall hervorgerufene Angst vermochte dauerhaft zu körperlichen Beschwerden führen. Er hatte ‚dauerhaft’ betont. Ihr Körper verstehe die Angst als Zusatzbelastung – ähnlich einem Zeckenbiss. Der blutsaugende Parasit müsste entfernt und die Wunde gereinigt werden, nur so könnte die schmerzhafte Entzündung abklingen. Laura hatte ihm lange zugehört. Zu lange. Auf die Rückseite seiner Visitenkarte hatte er die Adresse eines Psychotherapeuten in Frankfurt geschrieben. Laura wollte wirklich geholfen bekommen, sobald ihr Sohn im Kindergarten war. Später hatte sie die Visitenkarte zerrissen, aus dem Zug geworfen und zugeschaut, wie der Fahrtwind die Schnipsel verwehte.
Ein neuer Krampf in den Eingeweiden zwang sie in die Hocke. Laura wünschte, ihre Mutter wäre hier und würde den Kleinen zum Wickeltisch tragen. Denn das war keine Einbildung. Sie musste schnellstens auf die Toilette. Ihr Gesicht glänzte im Schweiß, wie sie sich aufrappelte und die Zähne derart fest zusammenbiss, dass ein Backenzahn brach. Gekrümmt erreichte sie den Wickeltisch. Dass ihr Sohn in dem Moment noch gedöst hatte, wo sie ihn auf den Rücken legte, diese Erinnerung würde sie ewig verfolgen; dass er gedöst hatte, und zwar trotz voller Windel, weil der hellblaue Strampler im Schritt dunkler schien. Plötzlich sah er sie an. So unschuldig lächelnd. Große braune Augen mit diesem Mama-geh-nicht-weg-Blick. Allerdings fühlte sie, dass ihr Schließmuskel nachgab. Die Entscheidung war nicht einfach.
Aber falsch.
Aus einer Nachbarwohnung drang der Gong der Tagesschau bis ins Bad. Ein anderes Geräusch lenkte Laura ab. Von nebenan. Aus dem Kinderzimmer. Ein hartes, dumpfes Klatschen.
Slip und Jogginghose umspannten noch ihre Waden; Laura rannte trotzdem in den engen Flur und verharrte im nächsten Türrahmen. Sie sah hinein. In das hellblau gestrichene Kinderzimmer. Der Anblick riss ein Loch in die Zeit. Ohne es zu wollen, zeigte ihr Langzeitgedächtnis den italienischen Aushilfskellner; Luigi stellte an einem Rädchen die Flamme des Gasbrenners größer, den er aus dem Rucksack geholt hatte zusammen mit einem Tetrapack Rotwein. Seine korkbraunen Augen waren entweder vom Alkohol glasig geworden oder vom Sex. Es war ihr egal. Sie hatte es sich überlegt und fand ihn wirklich nett. Sogar etwas mehr. Erotisch. Nett und erotisch. Aber sonst nichts. Luigi hatte sie abschleppen wollen und im Gegenzug hatte sie ihn benutzt wie ein Reiter das Pferd.
Der Spaß war vorbei. Auf dem Linoleumboden, den sie am Morgen noch kniend geputzt hatte, lag eine Windel. Und eine Handbreit daneben ihr Kind. Laura dachte an das Telefon, es lag auf dem Küchentisch zwischen Lebensmittelprospekten und Orangen. Wenige Meter trennten sie davon, aber kein Muskel gehorchte ihr. Durch einen Tränenschleier sah sie ihr Kind, das rasch die Farbe einer Pflaume annahm.
Und dann langsam die von Quark.
Laura hatte einen benachbarten Anwalt informiert und sich daraufhin selbst der Polizei gestellt. Den Namen des Rechtsanwaltes konnte sie nicht aussprechen, zu viele Vokale. Dafür erkannte sie ihn sofort, als er zu ihr in die Zelle im Polizeirevier Frankfurt kam. Ihre Hand versank in seiner Schwarzen. In zehn Minuten erwartete sie der Haftrichter.
Die Juristen kannten sich von der Uni her und spielten in ihrer Freizeit gemeinsam Squash. Sie sprachen über neue Schläger, die ihnen gefielen, erwähnten nebenbei Paragrafen und lachten dabei und scherzten, als säße man am Stammtisch. Laura war verunsichert. Wenn der Haftrichter mit den schmalen Lippen sie provozieren wollte, müsste er sich etwas anderes einfallen lassen. Sie fühlte sich ignoriert. Ein angemessener Vergleich fehlte ihr jedoch, da sie wenig davon hielt, Vergleiche anzustellen. Der Träger des maisgelben Hemdes würde eher nicht wie einst der Türsteher vor der Disco ihrem Wunsch dann stattgeben, wenn sie mit der Zunge von innen gegen die Wange stieß. Diese Sprache verstand ihres Erachtens jeder Mann.
Hey, machst du mir den Gefallen, revanchiere ich mich dafür.
Letztendlich hatte der lebende Kleiderschrank ihr den Einlass zur Technoparty gewährt. Irgendwann in jener Nacht hatte sie ihn im Foyer am Zigarettenautomaten abgepasst und es ihm und keine fünf Minuten später aus freien Stücken im Schutz der Herrentoilette mit dem Mund gemacht. Rouge und roter Lippenstift hatten sie um Jahre älter aussehen lassen. Sie war 15 gewesen.
Inzwischen war sie älter, ungeschminkt. Und saß mit einer Pobacke so gut wie auf der Anklagebank.
Oder doch nicht?
Laura brauchte Klarheit.
Sofort.
Von Spaß fehlte hier jede Spur. Als Ersttäterin und weil sie sich selbst gestellt hatte, würde sie mit zwei blauen Augen davonkommen, hatte der Anwalt noch vor der Tür zu ihr gemeint. Gefühlte zwei Stunden war das her. Stattdessen wäre sie nicht überrascht gewesen, würden die geselligen Herren Würfel nehmen, um die Entscheidung über Haft oder Freiheit zu treffen. In einem Punkt waren die beiden sich jedoch einig. Telefonisch bestellte der Staatsanwalt zwei Tassen Kaffee, wenige Augenblicke später serviert von der Dame aus dem Vorzimmer, die auf hochhackigen Schuhen vor Laura stehen blieb. Der Stimme nach rauchte sie mindestens zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Laura schlug das ihr angebotene Glas Wasser höflich aus. Nach der zweiten Tasse Kaffee, die die Männer getrunken hatten, zückte der Haftrichter aus der Innentasche seiner ärmellosen Weste einen silbernen Kugelschreiber. Vor ihm auf dem Tisch lag der rote Haftbefehl. Er würde seine Entscheidung verkünden.
„Meine Einschätzung kennst du ja“, sagte der Anwalt Lauras zu seinem tief durchschnaufenden Kollegen.
„Ich fürchte, ja.“
„Für meine Mandantin würde ich beide Hände ins Feuer legen.“
„Aha. Beide Hände …?“
„Selbstverständlich.“
