Verlag: Coppenrath Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

3 in 1: Meeresflüstern, Meeresrauschen, Meerestosen E-Book

Patricia Schröder  

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung 3 in 1: Meeresflüstern, Meeresrauschen, Meerestosen - Patricia Schröder

Nach dem Tod ihres Vaters verlässt die siebzehnjährige Elodie ihre Heimatstadt Lübeck, um bei ihrer Grosstante auf Guernsey zu leben. Als wenig später auf der Nachbarinsel ein Mädchen tot aufgefunden wird, glaubt sie, dass ihre Ankunft auf der Kanalinsel in irgendeinem Zusammenhang mit dem schrecklichen Vorfall steht. Aber wie ist das möglich? Und wer ist der wunderschöne Junge, dem Elodie in ihren Träumen begegnet? Dann, eines Tages, taucht dieser Junge plötzlich wie ein Geschöpf aus dem Meer vor ihr auf. Elodie kann nicht aufhören, an ihn zu denken. Und sie beginnt zu ahnen, welche Geheimnisse der Ozean tatsächlich verbirgt und wie sehr ihr eigenes Schicksal mit den dunklen Legenden der Kanalinseln verknüpft ist. Als Gordian von seiner Reise in den Atlantik zurückkehrt, bleibt Elodie und ihm kaum Zeit, ihre Liebe zu genießen. "Du bist das Schönste ... das Wundervollste, was mir das Leben bisher geschenkt hat", flüsterte Gordian, während er mich langsam zu Boden sinken ließ. "Und ich verspreche dir, ich werde es auf ewig in meinem Herzen tragen. Wofür auch immer wir bestimmt sein mögen, ich werde dich nie vergessen." Die Erkenntnis trifft Elodie bis ins Mark: Gordian gehört nicht mehr zu ihr. Niemals zuvor hat sie sich mit jemandem so tief verbunden gefühlt. Die Verzweiflung über die Ausweglosigkeit ihres Schicksals reißt Elodie schier entzwei. Aber darf sie jetzt aufgeben? Ausgerechnet jetzt, da das Meer mit dem Tod ringt und nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern das aller Nixe und Menschen? Elodie beschließt zu kämpfen - für das Land und das Meer und für alle, die ihr am Herzen liegen ...

Meinungen über das E-Book 3 in 1: Meeresflüstern, Meeresrauschen, Meerestosen - Patricia Schröder

E-Book-Leseprobe 3 in 1: Meeresflüstern, Meeresrauschen, Meerestosen - Patricia Schröder

ISBN eBook: 978-3-649-62628-2

Die Einzelbände der Meeressaga von Patricia Schröder:

eBook ISBN Meeresflüstern (Band 1): 978-3-649-61134-9

eBook ISBN Meeresrauschen (Band 2): 978-3-649-61241-4

eBook ISBN Meerestosen (Band 3): 978-3-649-61604-7

www.coppenrath.de

ISBN 978-3-649-61134-9 (eBook)

eBook © 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-649-60319-1 (Buch)

© 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Patricia Schröder

Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für Kommunikationsdesign, München, Conny Hepting

Umschlagfoto: © Anni Suvi

Lektorat: Nicola Dröge

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

eBook Produktion: book2look International GmbH

www.meeresfluestern.de

www.coppenrath.de

Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.Das ist ein ehernes Gesetz des Meeres.

Zärtlich ruhte Kyans Blick auf dem nackten Körper des Mädchens, der sich im Licht des schmalen, hoch stehenden Mondes gespenstisch vom dunklen Boden abhob. Ihre hellblauen Augen hatte sie dem Himmel zugewandt, doch ihr Blick war stumm nach innen gerichtet, und aus den Winkeln ihrer leicht geöffneten Lippen flossen dünne Rinnsale salzigen Meerwassers. Sie perlten über ihr Kinn und an ihrem Hals entlang und verfingen sich schließlich in ihrem Nacken zwischen den Strähnen ihres goldblonden Haares. Ihr linker Arm lag angewinkelt über ihrem Kopf, und die rechte Hand, die sich eben noch oberhalb ihres Nabels befunden hatte, glitt nun langsam an ihrer Hüfte hinab und landete mit einem dumpfen, endgültigen Laut im Gras.

»Nie wieder wirst du einem anderen gehören«, flüsterte Kyan.

Leise setzte er sich auf und beugte sich über sie. Ihre feuchtglänzende Haut war noch warm und die Luft über ihrem Körper flirrte geradezu von ihrem fremden, lockenden Duft.

Kyan schloss die Augen und atmete ihn tief in seine Lungen.

Obwohl er geahnt hatte, dass es nicht gut gehen würde, hatte er nicht widerstanden, und jetzt, da er diese tiefe Ruhe und Zufriedenheit in sich spürte, wusste er, dass es richtig gewesen war. Dass es so sein musste.

Eine Art Wiedergutmachung.

Eigentlich hatte ich mir meinen letzten Abend in Lübeck ein wenig anders vorgestellt, irgendwie intimer. Außerdem war Pas Unfall gerade einmal sechs Wochen her und mir war überhaupt nicht nach Feiern zumute, aber Sina hatte unbedingt diese Party für mich geben wollen, und wie immer hatte ich ihr auch diesen Wunsch nicht abschlagen können. Sina war seit der sechsten Klasse meine beste Freundin und half mir bei allen lebenswichtigen Entscheidungen. Denn leider war ich nicht der Typ, der einfach geradeaus durchs Leben spazierte. Im Gegenteil: Ich liebte Umwege und Warteschleifen und überlegte alle drei Wochen aufs Neue, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, irgendeine Ausbildung zu beginnen, als noch endlos weiter zur Schule zu gehen.

Ich besuchte das sprachliche Profil in der elften Jahrgangsstufe des Katharineums mit dem Kernfach Latein – was ich einzig und allein der Überzeugungskraft meines Vaters und Sinas Gebettel verdankte – und hatte die erste Schuljahreshälfte gerade einigermaßen erfolgreich hinter mich gebracht, als Pa verunglückte.

Seitdem klaffte ein Riesenloch in meinem Herzen, das niemand, nicht einmal Mam oder Sina, ausfüllen konnte. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren, den Blick in die Zukunft, ja, ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mich gerade in einer Warteschleife, auf einem Umweg oder schlicht im Niemandsland befand.

Als meine Mutter dann mit der Idee kam, dass ich doch für eine Weile bei meiner Großtante Grace auf Guernsey leben könnte, um Pas Tod zu verarbeiten, mich zu sortieren und am Ende vielleicht sogar etwas ganz Neues zu entdecken, das mich begeisterte und mein Leben auf ein Ziel ausrichtete, hätte ich eigentlich vollends durchdrehen müssen. Ausgerechnet ich mit meiner panischen, irrationalen Angst vor Wasser sollte mein Seelenheil auf einer winzigen Nordseeinsel finden? – Hallo! Unter normalen Umständen wäre ich ganz sicher eher gestorben, als eine solche Reise anzutreten.

Doch die Umstände waren eben nicht normal. Ich war in einem Ausnahmezustand und hatte einfach nicht die Kraft zu diskutieren. Es schien mir weitaus einfacher, zumindest dieses eine Mal über meinen Schatten zu springen, und am Ende kam mir Mams Vorschlag mit der Insel schon fast wie eine Erlösung vor.

Für meine große Abschiedsparty hatte Sina es sogar hingekriegt, die angesagtesten Typen unseres Jahrgangs einzuladen. Bestimmt hatte sie mir damit eine Freude machen wollen, doch leider war der Schuss nach hinten losgegangen. Ich hatte zu viel Alkohol getrunken – was ich sonst nie tat –, war schrecklich sentimental geworden und hatte einfach nicht Nein sagen können: weder bei Luis noch bei Jannik und am allerwenigsten bei Frederik.

An diesem berüchtigten Morgen danach stellte ich mir dann die Frage, ob ich mich nicht vielleicht sogar ein bisschen in ihn verliebt hatte. Und auch jetzt, nachdem ich am Flughafen Lübeck-Blankensee durch die Passkontrolle gegangen war und mich in eine der Schlangen an der Sicherheitskontrolle einreihte, grübelte ich weiter darüber nach. Ich tat es allerdings nicht, weil ich darauf hoffte, dass mir meine momentan ein wenig chaotisch angeordneten Gehirnzellen eine zufriedenstellende Antwort liefern würden, sondern vor allem, um mich abzulenken. Hätte mein Denkapparat nichts zu tun gehabt, hätte ich wahrscheinlich längst einen Herzinfarkt bekommen.

Ich war noch nie in meinem Leben geflogen. Schon gar nicht allein und erst recht nicht über Millionen Liter Nordseewasser hinweg, um anschließend auf der wahrscheinlich viel zu kurzen Landebahn dieser winzigen – exakt ausgedrückt: achtundsiebzig Quadratkilometer kleinen – Insel aufzusetzen. Dass es zunächst nach Stansted ging und erst nach einer kleinen Verschnaufpause von London-Gatwick aus weiter nach Guernsey, war für mich nur ein schwacher Trost. Okay, die Flugzeiten waren auf diese Weise jeweils einigermaßen erträglich kurz, dafür verdoppelten sich sowohl der Start als auch die Landung und damit erhöhte sich natürlich das Gesamtrisiko.

»Flugzeugunglücke sind absolut selten«, hörte ich Sina sagen.

»Aber sie passieren«, war mein unschlagbares Gegenargument.

»Okay, wenn es dir passieren sollte, befolgst du einfach konsequent alle Sicherheitsanweisungen der Stewardessen und des Flugkapitäns«, riet sie mir. »Dann machst du die Augen zu und denkst an mich oder an Frederiks Hintern.«

»Oh nein«, murmelte ich, »das werde ich nicht tun. Ich werde hyperventilieren und schnellstens in Ohnmacht fallen, damit ich so wenig wie möglich von allem mitbekomme.« – Gratuliere Elodie, wenn das mal keine schnelle Entscheidung war!

Ich grinste in mich hinein, und als ich schließlich aus meiner Gedankenwelt in die Realität zurückkehrte, blickte ich in das genervte Gesicht einer Ryanair Groundhostess, die auf eine leere graue Plastikwanne vor mir auf dem Transportband deutete.

Überraschenderweise passierten Rucksack, Jacke und Gürtel und sogar ich selbst die magische Schwelle der Sicherheitszone ohne irgendwelche Komplikationen. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte, denn jetzt gab es kein Zurück mehr.

Mam und Sina saßen inzwischen wahrscheinlich längst wieder im Auto und würden mich bis zum Spätsommer mehr oder weniger aus ihrem Leben streichen. Ab sofort gab es nur noch E-Mails, Skype, Facebook, SMS und Telefonate. Oh Mann, wie sollte ich das bloß überleben? Hier und jetzt in der Abflughalle neigte ich spontan dazu, mich für geheilt zu erklären. Ich war nicht mehr traumatisiert. Ich wusste sehr wohl, wie ich mit Pas Tod zurechtkam. Und ich wusste auch, was ich mir von der Zukunft erwartete. Ich war ungeheuer zielgerichtet. Ha! Nein, verdammt, genau das war ich eben nicht! Und deshalb beschloss ich ein für alle Mal, das Risiko einzugehen und mich der Herausforderung zu stellen, damit ich nicht womöglich etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben verpasste.

»Wenn du tot bist, ist dir eh alles egal«, hörte ich Sina sagen.

»Ja, ich weiß«, musste ich ihr diesmal recht geben. Wie sollte ich ihr auch erklären, dass manche Sachverhalte im selben Augenblick, in dem sie auf mich trafen, ihre Allgemeingültigkeit verloren?

»Ist schon klar«, erwiderte Sina und grinste. »Du bist Elodie Saller, siebzehn Jahre alt, traumatisiert und die einzige Person auf diesem Erdball, an dem sich selbst das Chaos die Zähne ausbeißt.«

»Danke, Sina, ich liebe dich«, murmelte ich, während ich mich neben einer fülligen Frau in eine gelbe Plastiksitzschale fallen ließ.

Ich seufzte ein bisschen, dann kramte ich mein Handy hervor und stellte fest, dass seit meiner tränenreichen Verabschiedung von Mam und Sina sechs Kurznachrichten eingegangen waren. Warum zum Teufel hatte ich das nicht gemerkt? Ich checkte die Signaltoneinstellungen, konnte aber keinen Fehler feststellen – wer mich kannte, wusste, dass das nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte – und widmete mich den SMS. Sie waren – NATÜRLICH! – allesamt von Sina und lauteten:

Ich liebe dich!

Ich vermisse dich!

Kopf hoch! Du wirst es überleben!

Ich auch!!!!!!!!!!

Ganz viele liebe grüße von deiner mutter. Sie sagt: kopf hoch! ;-)

Alles klar bei dir?

Das weiß ich erst, wenn ich angekommen bin, schrieb ich zurück und schaltete das Handy aus. Sicher war sicher.

Nachdem ich eine gute Viertelstunde neben der fülligen Frau gesessen, den Leuten beim Herumwuseln zugesehen und dabei wieder an Frederik und meine Abschiedsparty gedacht hatte, fing ich an, unruhig zu werden. Nicht, dass ich es nicht die ganze Zeit über schon gewesen wäre, aber dies war nun eine neue Stufe von Nervosität, die es mir unmöglich machte, noch eine Sekunde länger in meiner Sitzschale zu hocken. Ich sprang also auf und löste damit eine Art Lemmingreflex aus. Jedenfalls schossen auch alle anderen hoch, packten hastig Butterbrote, Wasserflaschen und Zeitschriften zusammen und stürzten auf die Absperrung zu. Und zu meiner großen Verwunderung machten es die, die eben noch umhergeschlendert waren, etwas gekauft oder in Gruppen zusammengestanden und sich unterhalten hatten, genauso.

Elodie, sagte ich mir. Du bist etwas Besonderes, du wusstest es nur noch nicht.

»Na, junge Dame, wollen Sie sich denn gar nicht anstellen?«, fragte eine Stimme hinter mir.

Es kostete mich ungeheure Willenskraft, aber ich schaffte es tatsächlich, nicht herumzuwirbeln, sondern so zu tun, als ob ich mich nicht angesprochen fühlte. Warum sollte hier auch irgendwer mit mir quatschen wollen?

Im nächsten Moment schob sich ein Kopf in mein Blickfeld, und ich registrierte ein Augenpaar von undefinierbarer Farbe irgendwo zwischen Türkis und Blaugrau, kurze dunkelblonde Locken und ein Lächeln, das ein ausgesprochen seltsames Gefühl unter meinem Brustbein hervorrief.

»Ähm, meinten Sie mich?«, fragte ich schnell.

»Allerdings.«

Der Mann, den ich auf Mitte dreißig schätzte und der dermaßen überirdisch gut aussah, dass es beinahe schon gruselig war, zog seine Mundwinkel noch ein Stück weiter auseinander und entblößte eine Reihe beeindruckend kräftiger Zähne. Unwillkürlich kam mir die Sache mit Rotkäppchen, ihrer Großmutter und dem bösen Wolf in den Sinn.

»Wenn Sie sich jetzt nicht anstellen, ist Ihnen einer der sechs schlechtesten Plätze garantiert.«

»Äh …?« Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Kaninchen, das versehentlich ein Ei gelegt hatte.

Der Mann lachte jetzt geradeheraus. »Kommen Sie«, sagte er und tippte mir an die Schulter. »Ich werde auf Sie aufpassen.«

»Vielen Dank«, erwiderte ich. Den Kommentar, ihn doch eigentlich gar nicht darum gebeten zu haben, verkniff ich mir. Außerdem war ich mit der Stelle beschäftigt, an der er mich berührt hatte. Es war Mitte März, ich trug meine dunkelgrüne gefütterte Cabanjacke, und trotzdem spürte ich eindeutig Kälte, und zwar direkt auf meiner Haut, klar abgegrenzt und exakt von der Größe einer Fingerkuppe.

»Wenn ich mich vorstellen darf … mein Name ist Javen. Javen Spinx.«

»Oh«, sagte ich, und dann war ich erst mal für eine ganze Weile still, denn in diesem Moment wurde die Absperrung geöffnet, und die Menschentraube, in der auch Mister Spinx und ich inzwischen eingequetscht waren, schob sich mit einem Ruck nach vorn. Da fiel mir ein, dass die Tickets keine Platznummern hatten, und mit einem Schlag wurde mir klar, was der Lemmingreflex zu bedeuten hatte.

»Haben Sie Ihre Bordkarte zur Hand?«, hörte ich Javen Spinx neben mir fragen. Unsere Oberarme wurden gegeneinandergedrückt, und ich stellte verwundert fest, dass diese Berührung keine Kälte verursachte.

Natürlich hatte ich das Ticket nicht zur Hand. Es steckte im Seitenfach meines Rucksacks, dessen Riemen ich fest umklammert hielt und der gerade irgendwo auf Kniehöhe klemmte. Ich spannte die Muskeln an und zerrte ihn unter leisem Stöhnen nach oben, in diesem Gedränge war jedoch kein Denken daran, das Seitenfach zu öffnen.

Ich ließ mich also weiter nach vorn schieben, gab mich dabei dem ulkigen Gefühl hin, nicht selber laufen zu müssen, sondern gelaufen zu werden, dachte an Frederiks Grübchen und versuchte, nicht durchzudrehen. Meine Knöchel fingen an zu jucken, was sie normalerweise eigentlich nur dann taten, wenn zu viel Wasser in Sichtweite war. Sie juckten beidseitig und immer an beiden Beinen; und besonders in Situationen, in denen es kein Zurück gab, ging das Jucken auch noch in ein fieses Brennen über, das sich bis zu meinen Oberschenkeln hinaufzog. Offensichtlich spürte mein Körper bereits, dass ich in den nächsten Monaten regelrecht von Wasser umzingelt sein würde.

Vielleicht war Javen Spinx’ Einfluss so stark wie Sinas, Mams und Pas zusammen. Er zog das Ticket aus meinem Rucksack, lotste mich zielsicher in die Mitte des Fliegers, drückte mich direkt am Gang auf einen Sitz, erklärte mir den Anschnallgurt und dass ich ein Glückskind wäre und verschwand. Na ja, vielleicht war er auch so etwas wie ein Schutzengel. Zumindest wäre das eine Erklärung für die außergewöhnliche Kälte seiner Finger gewesen – ich stellte mir Schutzengel jedenfalls eher tot als lebendig vor. Außerdem überkam mich trotz geschlossener Flugzeugtüren eine bisher völlig unbekannte, extrem wohltuende Gelassenheit und das Brennen in meinen Beinen hatte ebenfalls aufgehört.

Der Flieger rollte los und der Kapitän nuschelte eine Ansage auf Englisch, von der ich nur jedes dritte Wort verstand.

Unauffällig zog ich Pas dunkelgrünen Sweater aus dem Rucksack und vergrub meine Hände darin. Dann schloss ich die Augen, spürte die Beschleunigung der Maschine und das Rumpeln des Fahrwerks auf der Startbahn. Ein paar Sekunden fühlte ich mich wie eine Presswurst, dann wurde ich leicht und mir war etwas schwindelig im Bauch und zwischen den Schläfen. Es war ein bedrohliches Gefühl, das mir jedoch keine Angst machte, ein bisschen schizo also, aber das passte ja zu mir und beunruhigte mich deshalb auch nicht weiter.

Nachdem ich mich eine Weile auf den Sweater konzentriert hatte, ließ der Schwindel in meinem Bauch und im Kopf allmählich nach, und plötzlich fand ich das Fliegen sogar angenehm. Die Sonne schien, der Himmel war glasklar, und als ich mich dann auch noch dazu durchrang, über die Beine der beiden Frauen neben mir hinweg aus dem kleinen Fenster zu schielen, sah ich tief unter mir die Nordsee und den Küstenstreifen mit den Ostfriesischen Inseln. Es war ein überwältigender Anblick.

Wasser aus einer Höhe von ungefähr 35 000 Fuß hatte ganz offensichtlich eine weitaus weniger alarmierende Wirkung auf mich als Wasser in einem Kinderplanschbecken.

Die Landung im Nordosten von London war ebenfalls kein großes Ding, abgesehen davon, dass sie für mich persönlich natürlich schon ein großes Ding war. Es machte mir so viel Spaß, dass ich kein Problem damit gehabt hätte, wenn der Pilot durchgestartet und gleich noch ein zweites Mal gelandet wäre.

Tief entspannt lehnte ich in meinem Sitz, während der Flieger auf das Flughafengebäude zurollte. Ich war als eine der Ersten auf den Beinen, öffnete die Gepäckklappe und holte meinen Rucksack heraus. Noch während ich auf den Vorderausgang zulief, schaltete ich mein Handy ein. Die Geschichte mit Frederik nagte einfach zu sehr an mir. Es wäre schlicht unfair, wenn er sich falsche Hoffnungen machte.

Hallo frederik, tippte ich, ich mag dich, aber bitte lass uns noch mal über alles reden, okay?

Die zweite Nachricht ging an Sina.

Hey, du stellst die fotos von der party aber bitte nicht ins internet!

Schon passiert ;-), simste sie zurück.

Dann nimm sie wieder raus!, bat ich.

Sieh sie dir doch erst mal an!

Sina, bitte!

Sei froh, dass du noch lebst!

»Miststück!«, fluchte ich. Sina war schrecklich stur. Es würde verdammt schwer sein, sie davon zu überzeugen, dass sie mir das nicht antun durfte.

Ich hatte ihre letzte Nachricht gerade gelöscht, da erschien Frederiks Nummer auf dem Display. Ohne Ton und ohne Vibration. Zögernd drückte ich auf die Verbindungstaste.

»Hör mal, Elodie, ich verstehe nicht …«, sprudelte er los.

»Ich bin gerade in London«, unterbrach ich ihn, nicht ohne Stolz in der Stimme.

»Eben«, sagte Frederik. »Du bist viel zu weit und vor allem viel zu lange weg, um ernsthaft darüber zu reden. Es ist der völlig falsche Zeitpunkt und außerdem der verkehrte Ort.«

Das passt doch, dachte ich. Zu mir, zu uns, zu allem.

»Hör zu«, sagte jetzt ich. »Wir haben uns nur geküsst.«

»Ja, und es war toll!«.

Okay, das fand ich auch. Aber war das ein Grund, gleich ans Heiraten zu denken?

»Ich muss jetzt meinen Pass vorzeigen«, behauptete ich, obwohl noch mindestens acht Leute vor mir waren.

»Ja und?«, brummte Frederik.

»Ich kann nicht das Handy halten und gleichzeitig in meinem Rucksack kramen.«

»Dann klemm dir dasverdammte Ding doch einfach zwischen die Schulter!«

Hä?, dachte ich noch, da lag das verdammte Ding bereits auf dem Boden. »Elodie?«, brüllte es. »Elodie, bist du noch da? Was machst du denn, zum Teufel noch mal?«

Das Mädchen, das vor mir stand, drehte sich um und grinste blöd. Ich zuckte entschuldigend die Achseln und wollte mich gerade nach dem Handy bücken, als sich eine lange schmale Hand dazwischenschob und es aufhob.

»Elodie?«, sagte Javen Spinx. »Das ist aber ein sehr hübscher Name.«

»Oh, Verzeihung«, stammelte ich. »Ich glaube, ich hatte mich vorhin gar nicht vorgestellt.«

Mister Spinx lächelte. Sein rechtes Auge schillerte jetzt eindeutig türkisblau und das andere dunkelgrün. Seine Haut war hell und sehr ebenmäßig. Er hatte weder Pickel noch irgendwelche Unebenheiten, ja seltsamerweise nicht einmal Bartstoppeln.

»Hallooo? Elodiiie!«, brüllte Frederik durch den Handylautsprecher.

Die Männer, Frauen, Mädchen und Jungs vor und hinter mir starrten mich an, als ob sie in alles eingeweiht wären. Ich merkte, dass ich rot wurde, und achtete sorgsam darauf, niemandem direkt in die Augen zu sehen. Nur noch drei Leute bis zur Passkontrolle, Frederik am Handy, ein Mann ohne Bartstoppeln und mindestens eine Milliarde Augenpaare, die auf mich gerichtet waren – das war eindeutig mehr, als ich verkraften konnte.

»Elodie ruft Sie in zehn Minuten wieder an«, hörte ich Javen Spinx sagen. Er kappte die Verbindung, reichte mir das Handy und fragte: »Haben Sie Ihren Pass zur Hand?«

Äh … Natürlich nicht!

Ich fing an, meinen Rucksack zu durchsuchen.

Mister Spinx runzelte die Stirn. »Vielleicht im Seitenfach, dort wo Sie auch das Ticket aufbewahren?«

Schön wär’s!

»Ich bin manchmal etwas chaotisch«, entschuldigte ich mich.

»Schauen Sie doch erst einmal nach«, sagte Javen Spinx seelenruhig.

Der Perso steckte tatsächlich im Seitenfach. Ich zog ihn genau in der Sekunde hervor, als ich an der Reihe war. Der britische Beamte prüfte ihn eingehend, schließlich wandte er sich an meinen Begleiter. »Ihre Tochter?«, erkundigte er sich.

Mister Spinx überlegte einen Moment. »Nicht, dass ich wüsste.«

Der Beamte nickte und gab mir den Personalausweis zurück.

»Vielleicht will er die schriftliche Erlaubnis von meiner Mutter noch mal sehen«, sagte ich.

Javen Spinx schüttelte den Kopf. »Ohne die wären Sie jetzt gar nicht hier.«

Da hatte er wohl recht.

»Kommen Sie«, sagte er dann. »Während wir auf unser Gepäck warten, können Sie in Ruhe mit Ihrem Freund telefonieren. «

»Frederik ist nicht mein Freund«, erwiderte ich.

Mister Spinx grinste entwaffnend. »Nun, das wissen Sie sicher besser als ich.« Er deutete die Richtung an, die wir einschlagen mussten, und ich lief brav neben ihm her durch etliche Gänge und um diverse Ecken herum bis zu unserem Gepäckband. Seine Bewegungen waren auf atemberaubende Weise fließend, und mir kam der wahnwitzige Gedanke, dass nicht der Boden unter seinen Füßen ihn trug, sondern die Luft, die ihn umgab.

»Warum dachte dieser Beamte an der Passkontrolle, dass Sie mein Vater sind?«, fragte ich.

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.« Javen Spinx zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sehen wir uns ähnlich.«

Überhaupt nicht!

»Und wieso haben Sie so lange gezögert, ehe Sie ihm geantwortet haben?«

Er zwinkerte mir zu. »Aus Spaß.«

Aha. Eigentlich hatte ich bisher nicht den Eindruck gehabt, dass er besonders witzig wäre. Im Gegenteil: Ich hielt ihn für einen ernsthaften, ausnehmend höflichen Menschen, der sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund um mich kümmerte, was ich aber letztendlich ziemlich sympathisch fand.

»Fliegen Sie eigentlich noch weiter?«, fragte ich, als er eine schmale Tasche vom Band nahm.

»Ja, nach Guernsey.«

»So ein Zufall!«, platzte ich heraus. »Ich auch!«

An Javen Spinx’ Lippen zupfte ein Lächeln, das ich nicht zu deuten vermochte. »Nehmen Sie den Zug nach Gatwick oder ein Taxi?«, erkundigte er sich.

»Ein Taxi. Sonst kriege ich meinen Anschlussflieger nicht«, antwortete ich. Im selben Moment entdeckte ich den Rollkoffer und meine Monsterreisetasche. Ich griff nach der Tasche und schaffte es gerade eben, sie vom Gepäckband zu zerren. Unterdessen glitt mein Koffer weiter.

»Auf in die nächste Runde«, meinte Mister Spinx. »Das dauert noch mal zwei bis drei Minuten, bis er wieder auftaucht.« Er wies auf eine komplett leere Sitzreihe an der gegenüberliegenden Wand. »Ich warte auf Ihren Koffer und Sie rufen jetzt bitte diesen jungen Mann an. Egal, ob er Ihr Freund ist oder nicht. Ich möchte ihm nicht etwas versprochen haben, das nicht einzuhalten ist.« Er musterte mich abwartend. »Es ist doch einzuhalten, oder?«

»Ja, ja«, sagte ich, während ich mich setzte. »Ist es.« Ich stellte den Rucksack ab, zog das Handy hervor und suchte Frederiks Nummer heraus.

Er musste wie ein Schießhund neben seinem Telefon gewartet haben, denn er meldete sich bereits, ehe das erste Klingelzeichen verstummt war. »Elodie, was war das eben?«

»Nichts«, sagte ich. »Ich kann nicht mit dem Ding an der Schulter telefonieren und gleichzeitig etwas suchen. Ich krieg dann sofort einen Krampf.«

»Okay. Und wer war der Typ?«

»Niemand.«

»Erzähl mir nichts.«

»Er hat mir geholfen, mich zurechtzufinden«, sagte ich. »Ich kenne ihn nicht.«

»Okay.« Frederik klang noch immer misstrauisch, aber das war mir egal. Vielleicht war es mir sogar recht. »Hör mal, ich hab mir was überlegt. Ich könnte dich in den Osterferien besuchen. «

Wow! Es war ja nicht mal Sina in den Sinn gekommen, das zu tun. Wahrscheinlich, weil es zu den zwar unausgesprochenen, aber doch irgendwie intuitiv aufgestellten Regeln gehörte.

»Ich glaube, das ist keine so gute Idee«, sagte ich.

»Aber wenn wir uns ein halbes Jahr überhaupt nicht sehen, ist unsere Beziehung vielleicht schon zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat.«

»Mensch, Frederik, ich weiß doch nicht mal, ob ich das überhaupt will.«

Ich sah es förmlich vor mir, wie er sich wand. »Elodie, du weißt, dass ich dich mag«, sagte er schließlich.

Ich schwieg.

»Lass es doch einfach auf dich zukommen.«

»Genau das habe ich vor, Frederik«, erwiderte ich. »Ich steige absichtlich für sechs Monate aus meinem Leben aus, um es auf mich zukommen zu lassen.«

Jetzt schwieg Frederik und das sprach für ihn.

»Ich erwarte nicht, dass du das verstehst«, sagte ich.

»Okay …«

»Tschüs, Frederik«, beendete ich das Gespräch. »Wir sehen uns. Spätestens Anfang September.« Dann schaltete ich das Handy aus und verstaute es ganz unten im Rucksack. Auch Mam und Sina würden warten müssen. Jetzt wollte ich tatsächlich erst mal alles auf mich zukommen lassen.

Wir ergatterten eins der Taxis, die direkt vor dem Ausgang des Flughafengebäudes warteten, und während der Fahrer und Javen Spinx damit beschäftigt waren, mein Gepäck in den Kofferraum zu laden, schlüpfte ich schon mal auf die Rückbank. Kurz darauf stieg auch der Fahrer ein und drehte sich zu mir um.

»Es ist immer das Gleiche«, sagte er und lächelte mir zu.

Mir war völlig schleierhaft, was er damit meinte, und so folgte ich seinem Blick durch die Rückscheibe.

Hinter uns hatte ein Polizeiwagen gehalten, zwei Beamte waren ausgestiegen und diskutierten wild gestikulierend mit Javen Spinx. Seine Tasche lag geöffnet auf der Motorhaube und einer der beiden Beamten wühlte darin herum.

»Was soll denn das?«, murmelte ich. »Mister Spinx ist doch kein Krimineller, oder?«

»Schwer zu sagen«, erwiderte der Taxifahrer. Er war ein junger schlanker Typ mit schmalen Lippen und kurzen schwarzen Haaren. Hinter seiner runden randlosen Brille blitzten wache stahlgraue Augen hervor.

»Aber Sie kennen ihn?«

»Natürlich.« Er bedachte mich mit einem Kopfschütteln. »Jeder meiner Kollegen kennt ihn. Die Londoner Flughäfen sind sein zweites Zuhause.«

»Aha …?«, sagte ich in der Hoffnung auf eine Erklärung, die allerdings nicht kam, und ehe ich meine Frage präzisieren konnte, hatte Javen Spinx seine Tasche schon wieder zugeklappt und sich dem Taxi zugewendet. Er glitt an meinem Fenster vorbei, öffnete die Beifahrertür und ließ sich in einer geschmeidigen Bewegung auf den Sitz sinken. Der Fahrer setzte den Blinker und fuhr los.

Ich wartete gespannt auf ein Gespräch zwischen den beiden, das mir Aufschluss über den Anlass für die Polizeikontrolle geben würde, doch die Männer blickten nur stumm auf die Straße hinaus und wechselten nicht ein einziges Wort miteinander. Dafür dass sie sich kannten, war das für meinen Geschmack verdammt wenig. Vielleicht wäre allein das Grund genug für ein gewisses Misstrauen gegenüber diesem geheimnisvollen Javen Spinx gewesen, ich empfand jedoch das genaue Gegenteil. Noch nie hatte ich mich in der Nähe eines fremden Menschen so beschützt gefühlt wie bei ihm.

Das Schweigen der beiden Männer und das monotone Motorengeräusch lullten mich ein. Ich legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Sofort überfiel mich eine bleierne Müdigkeit, für einen Atemzug spürte ich noch das sanfte Vibrieren der Räder auf der Fahrbahn, dann umfing mich eine angenehme Dunkelheit.

Aufmerksam machte mich erst wieder das Rufen eines Mannes. Mühsam öffnete ich die Augen. Es war immer noch stockfinster um mich herum, doch anstatt eines Motorengeräuschs erklang nun das Rauschen des Meeres in meinen Ohren. Ich hörte das Klatschen nackter Fußsohlen auf nassem Sand und wie sich eine Welle an einem Felsen brach. Mein Rücken schmerzte und mein Arm war eingeklemmt. Stöhnend versuchte ich, ihn zu befreien, doch damit machte ich den Schmerz nur noch schlimmer. Zum Glück gewöhnten meine Augen sich schnell an die Dunkelheit, ich konnte nun die bizarren Umrisse zahlreicher Felsen erkennen und dahinter die Gischt, die flirrend in den schwarzen Himmel hinaufschoss.

Eine hauchdünne Mondsichel stand über dem Horizont und plötzlich tauchte unmittelbar vor mir das Gesicht eines Jungen zwischen den Felsen auf. Seine Züge waren klar und ebenmäßig und das halblange blonde Haar fiel ihm in wirren Strähnen über die Stirn. Seine vollen, wunderschön geschwungenen Lippen waren leicht geöffnet und seine Haut schillerte silbern im schwachen Licht des Mondes.

Mir stockte der Atem, und für einen Moment spürte ich das unbändige Verlangen, meinen Mund auf diese Lippen zu pressen, doch bereits in der nächsten Sekunde nahm mich der warnende Blick aus den tiefgrünen Augen des Jungen gefangen.

Sei still, Elodie, ganz still.

Ich wusste, dass ich ihm gehorchen musste, und seltsamerweise wusste ich auch, dass ich ihn kannte, doch noch ehe ich mich erinnern konnte, woher, gab es einen Ruck und ich wurde nach vorn geschleudert.

Die Nacht löste sich in der Helligkeit des Vormittags auf. Ich saß im Taxi, vor mir Javen Spinx und daneben ein junger Mann mit schwarzen Haaren und Brille, der sich wüst fluchend über die Fahrweise eines anderen Verkehrsteilnehmers erregte.

Diesmal saß ich am Fenster und Javen Spinx neben mir. Während er in der Bordzeitung blätterte, schaute ich auf den Ärmelkanal hinunter. Der Himmel war noch immer strahlend blau und das Licht der Sonne spiegelte sich in der sich sanft kräuselnden Wasseroberfläche.

»Aus der Vogelperspektive sieht alles so sauber und intakt aus, nicht wahr?«, sagte Mister Spinx. Er faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in das Netz an der Rückseite des Vordersitzes.

»Ja«, sagte ich. »Und so unwirklich. Als ob man in einem Meer nicht ertrinken könnte.«

Er wirkte überrascht. »Sie haben Angst vor dem Ertrinken?«

Ich sah ihn schulterzuckend an. Trotz des kühlen Tons seiner Augen war sein Blick freundlich und warm. »Ich kann nicht schwimmen. Jedenfalls nicht richtig«, gestand ich. »Irgendwie habe ich immer Angst, dass etwas unter mir ist und mich in die Tiefe reißt.«

»War das schon immer so?«

Ich nickte. »Als kleines Kind habe ich einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn zu viel Schaum im Badewasser war, weil ich dann nicht bis auf den Grund gucken konnte. Später kauften mir meine Eltern ein Planschbecken für den Garten. Aber auch dort bin ich nur hineingestiegen, wenn mir das Wasser höchstens bis zu den Knöcheln reichte und der Boden keine Falten warf, weil sich darin kleine Steinchen, Playmobilsäbel oder tote Tausendfüßler versteckt haben könnten.«

Während er mir zuhörte, hatte Javen Spinx den Blick zur Flugzeugdecke gerichtet. Sein Profil war klar und scharfkantig, das Kinn floh ein wenig in Richtung Hals und die eigentlich hohe Stirn verschwand unter einer langen Ponylocke. Um seinen Mundwinkel zuckte es. »Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass es den Meeresbewohnern ganz ähnlich gehen könnte?«, fragte er schließlich.

»Nein«, erwiderte ich überrascht.

Ich vermied es, über Wasser nachzudenken. Okay, mit dem Duschen und auch mit dem Baden in massenhaft Badeschaum hatte ich außer einem gelegentlichen Knöcheljucken mittlerweile keine gravierenden Probleme mehr, aber ich machte einen Riesenbogen um alle Gewässer, selbst Schwimmbäder waren mir nicht geheuer. Das Rauschen von Wasserfällen versetzte mich in Panik und Tiefseefilme konnte ich mir auch nicht ansehen. Nur deswegen hatte ich ein Fächer-Profil gewählt, in dem Biounterricht keine Pflicht war.

»Schade«, sagte Javen Spinx. Er warf mir einen kurzen Blick zu und deutete mit dem Finger zum Fenster hinaus. »Das Meer tut in der Regel niemandem etwas. Man muss nur verstehen, mit ihm umzugehen.«

Interessant, dachte ich. Offenbar hielt er das Meer für eine Person, ein Individuum, zu dem man sagen konnte: »Hör mal, lass es uns doch einfach so handhaben: Ich tu dir nichts, also lass mich bitte auch in Ruhe, okay?« – Na ja, im Grunde machte ich es ja bereits genauso.

Mir war das Thema unangenehm, aber ich wollte nicht unhöflich sein, also fragte ich: »Ähm … Haben Sie irgendwie beruflich damit zu tun?«

Jetzt lächelte er wieder. »Beruflich? Nein.« Er schüttelte den Kopf. »… nein, so kann man das wohl nicht nennen.«

»Aber Sie interessieren sich für die …«, ich suchte nach den passenden Worten, »… äh … Belange des Meeres?«

»Das haben Sie hübsch gesagt.« Er stellte seine Rückenlehne aufrecht und sah mich offen an. »Ja, in der Tat, das tue ich.« Wieder zeigte er durchs Fenster auf den Kanal hinunter. »Wie viele Schiffe sehen Sie gerade?«

Vorsichtig beugte ich mich ein wenig vor. »Zwei«, sagte ich, spürte einen leichten Druck im Kopf und richtete mich rasch wieder auf.

»Tagtäglich sind es bis zu fünfhundert, die den Kanal queren «, meinte Javen Spinx. »Weil er so eng ist, kommt es immer wieder zu Kollisionen. Wrackteile liegen herum, Öl und Chemikalien fließen aus. Manche Unternehmen verklappen nebenbei ihren Abfall, obwohl es nicht erlaubt ist. Und die Fischerei wird auch nicht wirklich kontrolliert. Die festgesetzten Fangquoten sind viel zu hoch und bedrohen den Erhalt der Bestände. Das Ganze dient einzig und allein der Gewinnmaximierung. Dabei kommt ein nicht unerheblicher Teil gar nicht erst beim Verbraucher an, sondern landet auf den Großmärkten im Müll, und zwanzig Prozent der gefangenen Fische wirft man sogar direkt von den Schiffen als Kadaver ins Meer zurück, weil sie nicht auf der Speisekarte stehen.«

Aha, dachte ich, ein Umweltaktivist. Nicht, dass ich etwas gegen diese Leute hätte. Im Gegenteil: Sie gingen mit ganzer Kraft gegen Missstände vor. Ich fand sie manchmal einfach nur ein bisschen penetrant.

Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn ich Mister Spinx gesagt hätte, dass ich Fisch ganz selten aß und ohnehin nur paniert mochte, aber ich hatte plötzlich keine Lust mehr, überhaupt noch etwas zu sagen, noch nicht einmal, ihn danach zu fragen, ob sein Engagement für das Meer in irgendeiner Weise mit der Durchsuchung seiner Tasche vor dem Flughafen in Stansted zu tun hatte. Und so schielte ich in angespannter Sitzhaltung durchs Fenster und lauschte dem Brummen der Flugzeugmotoren und dem Geplapper der Passagiere.

Der Flieger hatte sich ein wenig nach vorn geneigt, das Wasser kam näher und der Wellengang war nun deutlich zu erkennen. Ich registrierte eine grünlich graue Insel mit ausgefranster Küstenlinie.

»Das ist Alderney«, sagte Javen Spinx. »Dort wohnen lauter nette Leute.«

»Auf Jersey und Guernsey und den anderen Inseln nicht?«, fragte ich.

»Doch, doch, natürlich«, erwiderte er. »Aber die Menschen auf Alderney sind besonders weltoffen.«

Ich überlegte, wann ich meine Großtante Grace das letzte Mal gesehen hatte. Es musste mindestens zehn Jahre her sein, eher zwölf. So richtig an sie erinnern konnte ich mich nämlich nicht. Ich wusste nur noch, dass ich sie mochte und sie dieselben nussbraunen Augen wie Mam hatte.

»Wie lange werden Sie auf Guernsey bleiben?«, fragte Javen Spinx.

»Ungefähr ein halbes Jahr«, sagte ich. »Vorausgesetzt, ich komme klar.«

»Welche Schule werden Sie besuchen?«

»Keine«, antwortete ich. »Ich werde einfach nur dort sein, meiner Tante zur Hand gehen und sehen, was sich ergibt.«

»Haben Sie sich um eine Au-pair-Stelle bemüht?«

»Nein«, sagte ich knapp.

»Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«

Javen Spinx sah mich an. Seine Augen hatten nun beide denselben Farbton: ein dezentes Blaugrün. Und auch seine Miene hatte sich verändert. Plötzlich wirkte er verschlossen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich von mir zurückzog, und prompt waren der Schwindel im Bauch und zwischen den Schläfen und auch das Jucken über den Knöcheln wieder da.

Also doch kein Schutzengel, dachte ich. Und wenn, dann einer mit Prinzipien. Schutz nur gegen Gefälligkeit, und ich war ihm ganz offenbar nicht gefällig genug. Eine Wasserphobikerin, die sich nicht darum scherte, dass die Meere mit Chemikalien und Fischleichen vergiftet wurden, und die sich außerdem herausnahm, ganze sechs Monate in der Weltgeschichte abzuhängen, ohne etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

»Ich bewundere Sie«, sagte Javen Spinx zu meiner Überraschung. »Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie auf dieser kleinen Kanalinsel finden, was Sie suchen.«

Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Danach war er eigentlich nicht mehr da, obwohl er natürlich immer noch neben mir saß. Sein Brustkorb hob und senkte sich, aber ich konnte seinen Atem nicht hören. Seine Gesichtszüge wurden wächsern und sein Blick glitt in eine andere Welt, zumindest kam es mir so vor. Er saß ganz still und unbeweglich da, während mein Herz wie blöd zu klopfen begann.

Die Stewardessen räumten die restlichen Plastikbecher zusammen und der Kapitän kündigte die Landung an. Obwohl ich mich plötzlich hundeelend fühlte, zwang ich mich, weiter aus dem Fenster zu schauen. Guernsey sah aus wie ein schillernder Diamant, der in eine bizarre Fassung aus Felsküsten und Sandbuchten eingelassen war. Das Meer rundherum war tiefblau und von unzähligen braunen und grünen Tupfen durchsetzt, so als ob der liebe Gott einfach eine Handvoll Erde hineingeworfen hätte.

Die Landeklappen surrten und meine Oberschenkel brannten wie Hölle. Einige Minuten lang dachte ich wirklich, dass ich sterben müsste. Dann setzte das Fahrwerk auf und einzelne helle Gebäude und unendlich viel Grün sausten an mir vorbei.

Als ich sie unter all den Wartenden hinter der Absperrung entdeckte, machte mein Herz einen Hüpfer. In den vergangenen zehn oder zwölf Jahren hatte Tante Grace sich kein Stück verändert. Ganz egal, wo auf der Welt und unter welchen Umständen sie mir über den Weg gelaufen wäre, ich hätte sie todsicher auf der Stelle wiedererkannt.

Ihre wachen braunen Augen unter den dunklen, wie Mondsicheln gebogenen Brauen hielten erwartungsvoll Ausschau nach mir. Ich winkte, während ich auf sie zulief. Sie stutzte, sah mich abschätzend an, schüttelte den Kopf und schaute wieder woandershin, schien allerdings niemanden zu finden, der besser zu ihrer Vorstellung von mir passte als ich. Schließlich kam sie mir zögernd entgegen. »Elodie, bist du das?«

»Hallo, Tante Grace«, sagte ich grinsend.

»Himmel noch mal!« Sie schlug theatralisch die Hände über ihren nachlässig von einem violetten Tuch gehaltenen grauen Locken zusammen. »Ich fresse eine ganze Dose marinierte Küchenschaben! «

»Ich glaube, das ist nicht nötig«, sagte ich.

»Du hast recht, ich hätte es mir denken können.« Lachend warf sie die Arme auseinander und im nächsten Moment hielt sie mich bereits umfangen, drückte mich an sich und küsste mich auf beide Wangen.

»Was?«, rief ich, ebenfalls lachend. »Was hättest du dir denken können?«

»Na, dass du ziemlich gewachsen bist«, erwiderte sie, trat einen Schritt zurück und musterte mich vom Scheitel bis zu den Schuhspitzen, »… und zudem wunderhübsch geworden bist.«

Ich versuchte, mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. »Hat Mam dir denn kein Foto geschickt?«

»Rafaela?« Tante Grace nahm mir den Rollkoffer und die Reisetasche ab. »Wo denkst du hin! Deine Mutter lebt im Hier und Jetzt. Sie hat nie Fotos gemacht.«

»Das stimmt nicht«, widersprach ich entschieden.

Tante Grace legte den Kopf schief, sodass eines ihrer großen silbernen Ohrgehänge ihre Schulter berührte. »Besonders viele können es aber nicht gewesen sein.«

Wahrscheinlich hatte sie recht. Wenn in unserer kleinen Familie überhaupt mal jemand fotografiert hatte, dann war das mein Vater gewesen. Ein paar Bilder aus meiner Kinderzeit hatte Mam für mich in eine Kladde geklebt und drei oder vier weitere hingen unter bunten Blumenmagneten an der Kühlschranktür. Offenbar war ich die Einzige von uns dreien, die eine Vergangenheit hatte.

»Was ist?«, erkundigte sich Tante Grace. »Hab ich etwas Falsches gesagt? Weißt du, ich bin vielleicht manchmal ein wenig zu direkt.«

»Schon gut«, winkte ich ab und schob meine Hand neben ihre in die Griffe der Reisetasche. »Es geht nun aber wirklich nicht, dass du das alles ganz alleine schleppst.«

»Oh doch, und wie das geht!«, rief sie. »Du hast immerhin noch deinen …«

Ich nickte. »Rucksack, genau. Und der ist im Gegensatz zu dieser Tasche überhaupt nicht schwer«, sagte ich und versuchte, meiner Stimme einen energischen Akzent zu verleihen.

»Gut, dann nimmst du eben noch den Koffer«, entschied Tante Grace. »Diese Monstertasche trage jedenfalls ich. Ich bin nämlich schon ziemlich windschief«, erklärte sie mit einem gewissen Stolz im Unterton. »Du dagegen solltest noch für eine Weile hübsch gerade bleiben. Und jetzt erzähl mal«, forderte sie mich auf. »Hattest du eine gute Reise?«

»Ja … für meine Verhältnisse schon«, sagte ich. »Ich nehme an, Mam hat dir gesagt, dass ich …«

»Dass du weder wasserfest noch flugsicher bist«, fiel Tante Grace mir ins Wort. »Ja, das hat sie. Aber du hast dich ja offenbar ganz gut geschlagen, oder sehe ich das falsch?«

»Hm«, machte ich. »Es ging tatsächlich besser, als ich mir zugetraut hatte. Allerdings hat mir auch jemand geholfen …« Ich reckte den Kopf und blickte mich um, aber ich konnte Javen Spinx nirgendwo entdecken. Im Grunde hatte ich auch nichts anderes erwartet.

»Das ist schön«, meinte Tante Grace nur, und dann zockelte sie los, meine Monstertasche bei jedem fünften Schritt von einer Seite auf die andere wechselnd, dem Ausgang entgegen.

Sie winkte ein Taxi heran. Der Fahrer, ein untersetzter Mittfünfziger mit sonnengegerbter Haut und gezwirbeltem Schnauzer, hechtete sofort zu uns herüber, nahm ihr die Tasche aus der Hand und öffnete den Kofferraum. Er hievte auch meinen Koffer hinein, stellte wohl fest, wie schwer er war, und zwinkerte mir unter dem Rand seiner grauen Wildlederschiebermütze zu. »Verstecken Sie etwa Ihren Freund da drin?«

»Nein«, sagte ich mit einem Lächeln. »Nur meinen Laptop.«

»Hast du überhaupt einen Freund?«, raunte Tante Grace mir ins Ohr, nachdem wir uns auf der Rückbank niedergelassen hatten.

»Wäre ich wohl hier, wenn ich einen hätte?«, erwiderte ich.

Sie hob die Augenbrauen und ein etwas unwilliger Ausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit.

»Und du?«, fragte ich. »Hast du …?«

»Ich?« Sie schüttelte den Kopf. »Ach woher!«

»Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du ein Auto besitzt«, entgegnete ich kichernd.

»Nein«, sagte sie beinahe trotzig. »Tu ich nicht.«

Ich lehnte mich in den Sitz zurück und blinzelte gegen das Licht der Nachmittagssonne in die britische Insellandschaft hinaus. Die Häuser waren klein, allerhöchstens dreistöckig, und viele aus groben dunklen oder orangefarbenen Steinen gebaut. Einige waren in pastellfarbenen Putz gehüllt und mit Erkern und kleinen Balkonen geschmückt, und fast alle besaßen wunderschöne Vorgärten, in denen neben Rhododendren, Kamelien und Palmen viele Pflanzen wuchsen, die ich noch nie gesehen hatte. Überhaupt war alles sehr grün und blumig hier, obwohl der März seinen Zenit gerade erst überschritten hatte. Auf dem Weg nach St Saviour fielen mir unzählige Gewächshäuser auf, deren Glasdächer das Sonnenlicht reflektierten.

»Guernsey Diamonds«, murmelte ich.

»Was?«, fragte Tante Grace. »Was hast du gesagt?«

»Ähm … nichts«, antwortete ich, sah sie kurz an und blickte dann weiter aus dem Seitenfenster.

Sie tätschelte meinen Rucksack, den ich zwischen uns auf den Sitz gelegt hatte. »Du solltest deine Mutter anrufen.«

Ich nickte. »Das mache ich, wenn wir bei dir angekommen sind.«

»Nein, das machst du besser jetzt.«

Ich sah sie an und seufzte. Mit einem Mal war mir klar, was Mam an der Idee, mich eine Weile auf dieser Insel verbringen zu lassen, so begeistert hatte. Tante Grace stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie hatte einen klaren Blick und ebenso klare Vorstellungen. Bestimmt hoffte meine laissezfaire erzogene und etwas chaotische Mutter, dass ich hier bei ihr die Strukturen vorfinden würde, die sie mir daheim in Lübeck nicht geben konnte.

Pas Unfall war für uns beide ein Schock gewesen, allerdings schien Mam mit diesem Verlust sehr viel besser klarzukommen als ich. Dabei hatte doch sie ihre große Liebe verloren, jeder kommende Tag, jede Woche, jeder Monat und jedes Jahr würde nun völlig anders verlaufen, als sie es sich jemals vorgestellt hatte. Nicht, dass meine Mutter ständig irgendwelche Pläne gemacht hätte, nein, ganz bestimmt nicht. Sie lebte im Hier und Jetzt, das hatte meine Großtante schon ziemlich treffend formuliert, aber Pa war schließlich immer und überall mit dabei gewesen. Und jetzt, ganz plötzlich, gab es ihn nicht mehr.

Ich trug sein Bild, sein Lachen, seine Wärme in meinem Herzen. Das hatte mir auch früher schon geholfen, wenn er mal längere Zeit beruflich unterwegs gewesen war und ich ihn eigentlich dringend gebraucht hätte. Aber Mam musste er doch auch körperlich fehlen. Wie viele Nächte hatte er bei ihr gelegen, hatte sie ihn berühren, mit ihm reden, kuscheln und Sex haben können. Das war nun für immer vorbei. Und trotzdem lebte sie so, als ob sich für ihre Zukunft überhaupt nichts geändert hätte.

»Vielen Dank, Will, das stimmt so«, hörte ich Tante Grace sagen. Ich zuckte zusammen. Offensichtlich war ich so tief in meinen Gedanken versunken gewesen, dass ich unsere Ankunft in Richmond verpasst hatte. Außerdem wurde mir erst in diesem Moment bewusst, dass der Fahrer am Flugplatz gar nicht nach dem Weg gefragt hatte. Entweder hatte dieser Will meine Großtante zuvor bereits hingefahren, oder diese Insel gehörte zu den Gegenden, wo jeder jeden kannte.

Ich griff nach meinem Rucksack, öffnete die Wagentür und stieg aus. Das Taxi hatte in einer Auffahrt gehalten, deren Boden aus einer kiesdurchsetzten Grasfläche bestand. Will hob mein Gepäck aus dem Kofferraum und verabschiedete sich.

»Willkommen auf Gracie’s High«, sagte Tante Grace. »Ich hoffe, dir gefällt dein neues Zuhause.«

Mein neues Zuhause? Ich schüttelte den Kopf. Sie redete ja schon so, als ob ich für immer hierbleiben wollte!

Tante Grace schien meine Irritation zu bemerken und fügte lächelnd hinzu: »Für die nächsten sechs Monate.«

Ich zog den Trageriemen des Rucksacks enger um meine Schulter, kniff die Augen zusammen und sah mich um.

Das Grundstück umfasste zwei Cottages, die in einem Abstand von circa dreißig Metern in einem Neunzig-Grad-Winkel zueinander standen. Beide waren gleich groß, aus groben gelben Natursteinen gebaut und mit roten Granitschindeln gedeckt. Der Garten war durch windschiefe Zäune in einzelne unterschiedlich große Abschnitte unterteilt, deren Zweck sich mir jedoch nicht erschloss. Außerdem gab es Obstbäume, an denen im Gegensatz zu den Büschen allerdings noch kaum ein Blatt spross, ein Gewächshaus und einen Schuppen.

»Im letzten Sommer habe ich das Dach anheben und ein zusätzliches Apartment einbauen lassen«, sagte Tante Grace. Sie schlang mir ihren Arm um die Schultern und drückte mich an sich. »Als ob ich geahnt hätte, dass du kommen würdest.«

»Ach, bestimmt hast du einfach gehofft, dass Mam oder wir alle zusammen dich irgendwann mal besuchen«, sagte ich.

»Rafaela?« Meine Großtante legte ihren Kopf in den Nacken und lachte. »Bestimmt nicht.«

»Wieso nicht?«, fragte ich erstaunt.

»Weil …« Sie zog eine Schnute und plötzlich war ihr Lachen vollkommen verschwunden. »Ach, das ist eine lange Geschichte «, brummte sie. »Die sollte sie dir vielleicht lieber selbst erzählen.«

Ich verstand überhaupt nichts mehr. Wieso tat meine Großtante so geheimnisvoll?

»Ruf sie endlich an«, sagte sie mürrisch. »Und dann frag sie.«

Ich nahm den Rucksack von der Schulter und schob meine Hand hinein. »Darf ich dich zuerst etwas fragen?«

»Natürlich!«, blaffte sie und warf ihre Arme in die Luft. »Das tust du doch ohnehin schon die ganze Zeit.«

Unentschlossen nagte ich an meiner Unterlippe. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war meine Großtante sehr aufgebracht. Vielleicht war es besser, sie erst mal nicht weiter zu löchern, andererseits musste ich es einfach wissen. »Kennst du einen Javen Spinx?«

Mit dieser Frage schien sie überhaupt nicht gerechnet zu haben. Ein paar Sekunden lang starrte sie mich einfach nur an.

»Nein«, sagte sie schließlich. »Nie gehört.«

Ich sah ihr an, dass sie log, und ich sah auch, wie schwer ihr das fiel. Wütend kniff sie die Lippen zusammen, dann schnappte sie sich meine Reisetasche und stapfte mit energischen Schritten den schmalen, grob gepflasterten Weg entlang auf das hintere Cottage zu.

Das Herz klopfte mir bis zum Hals, und ich spürte, wie sich in meinem Nacken feine Schweißperlen bildeten. Konnte es möglich sein, dass die Geschichte mit Mam etwas mit Javen Spinx zu tun hatte? Es war nicht mehr als eine Ahnung und eigentlich auch ein ziemlich verrückter Gedanke, doch ich würde mir auf der Stelle Gewissheit verschaffen.

Mit zitternden Fingern ertastete ich das Handy, zog es heraus und schaltete es ein. Es dauerte viel zu lange, bis ich meine Pin eingeben konnte und unsere Telefonnummer auf dem Display erschien. Das Tuten sprang auf meinem Trommelfell herum wie auf einem Trampolin und wurde von Mal zu Mal lauter, sodass es einer Wohltat gleichkam, als es endlich unterbrochen wurde.

»Saller«, meldete sich meine Mutter. »Bist du das, mein Schatz?«

»Ja, Mam, ich bin angekommen«, sagte ich gepresst.

»Oje, du klingst aber gar nicht gut!«, rief sie. »War es wirklich so schlimm?«

»Es war okay«, erwiderte ich, und dann sprach ich es aus, bevor ich es mir womöglich doch wieder anders überlegte. »Ich habe Javen Spinx kennengelernt.«

Ich hörte meine Mutter keuchen. Offenbar rang sie um Fassung. Ich lag also richtig, mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht.

»Das ist wirklich verrückt«, sagte sie schließlich, und es hörte sich weniger gehetzt an, als ich erwartet hatte. »Wo hast du ihn getroffen?«

»In Lübeck.«

»Was?«, stieß sie hervor. »Er war hier? Aber …« Sie brach ab.

»Mam, wer ist er? Woher kennst du ihn?«

»Hat er dir das nicht erzählt?«, äußerte sie verwundert. »Oder Grace?«

»Nein, sie hat gesagt, ich soll dich fragen.«

»Wie bitte? Hat sie das wirklich?« Meine Mutter lachte. Es klang allerdings nicht besonders fröhlich. Trotzdem sparte ich mir, ihr zu erläutern, dass Tante Grace es so direkt eigentlich nicht gesagt hatte. »Und er … Javen?«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. »Was hat er dir …«

»Gar nichts«, unterbrach ich sie. »Er hatte doch überhaupt keine Ahnung, wer ich bin.«

»Ach so.« Wieder musste sie lachen, und ich bildete mir ein, eine gewisse Erleichterung herauszuhören.

»Mam, jetzt rede endlich!«, forderte ich sie auf, selbst überrascht von meiner Ungeduld. »Wer ist dieser Typ?«

»Wie soll ich das sagen?«, entgegnete sie. »So etwas wie ein Freund vielleicht.«

Ich war nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte, deshalb hakte ich noch mal nach. »So etwas und vielleicht?«

»Na ja, mein Schatz. Ich war damals ja schon mit deinem Vater verheiratet«, meinte sie stockend. »Und auf so einer überschaubaren Insel zerreißt man sich schnell das Maul. Ich wollte nicht, dass Thomas aus irgendwelchem dummen Gerede die falschen Schlüsse zieht.«

»Okay«, sagte ich gedehnt. »Und welche Schlüsse sollte ich jetzt ziehen?«

Mam seufzte tief und theatralisch. »Gar keine«, erwiderte sie. »Javen und ich haben damals viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben uns sehr gut verstanden. Das ist alles.«

»Aha«, sagte ich. »Und trotzdem hast du beschlossen, nie wieder hierherzukommen?«

»Hat sie das behauptet? Tante Grace?«

»Nicht direkt.«

»Na, siehst du«, sagte sie und dann: »Ach, Elodie, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich dich beneide! Ich hätte ihn wirklich gerne wiedergesehen. Weißt du, er ist ein ganz besonderer Mensch. Oder findest du nicht?«

»Doch, er sieht gut aus«, bemerkte ich zögernd. »Seine Augen sind ziemlich magisch und sein Gang …«

Wieder lachte sie. »Ja, der war damals schon sehr speziell.«

»Du hast dich aber nicht in ihn verliebt?«

»Elodie, er war doch erst siebzehn.«

»Und du?«

»Einundzwanzig?«, rätselte sie und atmete auf eine Weise ein und wieder aus, als ob sie an einer Zigarette zog und den Rauch sofort zurück in die Luft blies. »Ich weiß es nicht mehr genau. Auf jeden Fall war Javen viel zu jung für mich. Und selbst wenn es vom Alter her gepasst hätte …«, fügte sie bedeutungsvoll hinzu, führte den Satz aber nicht zu Ende. Ich ahnte natürlich auch so, was sie meinte, und wenn ich ehrlich war, wollte ich es genauer gar nicht wissen. Allein die Vorstellung, dass Mam damals versucht gewesen sein könnte, Pa mit einem anderen zu betrügen, löste eine merkwürdig ungreifbare Angst in mir aus.

»Und sonst?«, fragte sie jetzt. »Gefällt es dir auf Guernsey?«

»Glaub schon«, sagte ich und reckte den Hals, um mich davon zu überzeugen, dass sich das Meer nicht in unmittelbarer Nähe befand. »Solange ich nicht zu dicht an den Rand trete.«

»Ach, Schätzchen, ich wünschte wirklich, du würdest deine Phobie endlich überwinden!«, rief meine Mutter geradezu enthusiastisch. »Die Südküste ist so unglaublich schön. Und Herm erst! Dieses winzige Stück Paradies musst du dir einfach anschauen!«

»Mam …«, sagte ich. »Ich weiß nicht. Ich möchte erst mal nur hier sein. Und sonst gar nichts.«

»Schon gut«, sagte sie leise. »Schon gut.«

»Okay«, erwiderte ich. »Grüß Sina von mir, wenn du sie mal siehst. Und bis dann.«

»Mach’s gut, Schätzchen. Bis bald.«

Sie hatte bereits aufgelegt, bevor mein Finger die Abbruchtaste berührte. Ich spürte einen feinen Stich im Herzen. Nicht einmal einen Gruß für Tante Grace hatte sie übrig gehabt.

Ich hatte mich gerade wieder in Bewegung gesetzt, da ertönte hinter mir ein Knirschen auf dem Kies, dem das hektische Klingeln einer Fahrradglocke folgte. Ich sprang zur Seite, schaffte es aber nicht mehr, den Rollkoffer aus dem Weg zu zerren. Das Mädchen schrie auf, knallte mit dem Vorderreifen dagegen und kippte mit ihrem Rad um.

»Oh, Shit, das tut mir leid!«, rief ich und ließ den Koffer fallen, um ihr zu Hilfe zu eilen. Ich packte das Fahrrad beim Lenker und stellte es auf, während sie sich um ihre Achse drehte und schließlich ins Gleichgewicht zurückfand.

»Oh Mann, du musst Elodie sein!«, rief sie und streckte mir ihre Hand entgegen. »Mein Name ist Ruby Welliam und ich wohne in Albecq.« Ich sah in blitzende graue Augen, die mir auf Anhieb sympathisch waren. »Du musst dich übrigens nicht entschuldigen«, setzte sie zwinkernd hinzu. »Schließlich bin ich in dich hineingerauscht. – Und das, obwohl ich dich längst gesehen hatte.«

»Alles in Ordnung?«, fragte ich und suchte das Fahrrad nach Schäden ab.

»Hauptsache, den Vorhängen ist nichts passiert«, meinte Ruby und tätschelte einen Stapel bunt geblümter Stoffe, der auf den Gepäckträger gespannt war. »Die schickt meine Mum deiner Tante zum Kürzen.«

»Großtante«, sagte ich. »Meine Mutter ist Gracies Nichte.«

»Oh ja!«, rief Ruby. »Und du sagst auch ganz bestimmt immer artig, natürlich habe ich mir die Zähne geputzt, liebe Großtante Grace, stimmt’s?«

»Ja klar«, erwiderte ich. »Jeden Tag dreimal.«

Ruby grinste. »Nett, dich kennenzulernen, Elodie Saller. Weißt du eigentlich, dass du einen göttlichen Hintern hast? Ich hab die ganze Zeit draufgestarrt, was, ganz nebenbei bemerkt, der Grund war, weshalb ich nicht rechtzeitig stoppen konnte.«

»Aha«, sagte ich, und prompt kam mir wieder Frederik in den Sinn und die Frage, ob sein Interesse an mir wohl auch in erster Linie diesem Körperteil galt.

»Denk jetzt bitte nicht, dass ich auf Mädchen stehe«, fuhr Ruby fort. Sie nahm mir das Fahrrad ab und schob es auf den Gartenweg zu.

»Wäre das so schlimm?«, fragte ich, während ich ihr folgte.

»Ja, weil es nicht so ist«, antwortete sie knapp.

Tante Graces Anwesen war riesig, viel größer, als es von der Straße her ausgesehen hatte. Die beiden Wohnhäuser und ein Teil des Gartens lagen auf einer Anhöhe, dahinter fiel das Grundstück terrassenförmig ab, eine Landschaft aus Kieswegen, knorrigen Bäumen und von bewachsenen Steinen, Beeten oder Buschgruppen abgegrenzten Rasenflächen tat sich vor mir auf. Und dahinter lag das Meer: endlos weit, spiegelglatt und türkisfarben. Am blauen Himmel sah ich ein paar Möwen kreisen. Der Anblick ließ mich schwindelig werden und ich spürte ein leichtes Jucken in den Knöcheln.

»Das ist die Perelle Bay«, sagte Ruby. »Ziemlich exponierter Standort, an dem du hier leben darfst.« Sie fixierte ihr Rad auf dem Ständer, nahm die Vorhänge vom Gepäckträger und musterte mich kritisch. »Besonders begeistert siehst du allerdings nicht aus.«

Ich atmete tief ein und versuchte, mich zu fangen. »Ich hab eine Wasserallergie.«

Ruby nickte. »Ach so. Und schwimmen kannst du wohl auch nicht?«

»Das ist nicht witzig«, brummte ich.

»Hallo!« Ungläubig starrte sie mich an. »Wieso bist du dann hier?«

»Weil mein Vater bei einem Unfall gestorben ist und ich zu Hause nicht mehr zurechtkam. Ich konnte nicht mehr lernen, ich hatte keinen Spaß mehr, und selbst meine beste Freundin Sina, die eigentlich immer einen Ausweg weiß, war mit ihrem Latein am Ende. Sie konnte mein trauriges Gesicht nicht mehr mit ansehen.«

»Das mit deinem Vater tut mir sehr leid. Ehrlich.« Ruby machte ein betroffenes Gesicht. »Und du bist wirklich abgetaucht, um deinen Freunden nicht mehr auf den Geist zu gehen?«, fragte sie kopfschüttelnd.

»Schon eher, um mir selbst nicht mehr auf den Geist zu gehen«, entgegnete ich.

Ruby schürzte die Lippen. Das Sonnenlicht ließ ihre hellen grauen Augen erst richtig blitzen. »Ich finde, sooo traurig siehst du gar nicht aus.«

»Das liegt am vielen Wasser«, sagte ich schulterzuckend. »Es lenkt mich ab.«

»Weil du Angst davor hast?«

»Na ja …«, sagte ich gedehnt. »Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist mir unheimlich. Man weiß nie, was sich darin verbirgt.«

»Zum Beispiel ein Seeungeheuer«, meinte Ruby, »oder eine Meerjungfrau. In einigen Legenden ist zumindest davon die Rede, dass diese zarten Wesen in Wahrheit schreckliche Bestien sind.«

Sie kicherte leise, dann legte sie mir flüchtig den Arm um die Schultern.

Wir sahen uns an, und ich fragte mich, ob sie wohl das Gleiche dachte wie ich, nämlich dass wir uns gerade mal fünf Minuten kannten und bereits so vertraut miteinander umgingen, als hätten wir schon viele Jahre zusammen verbracht.

»Ich muss dir noch was sagen«, meinte Ruby. »Wegen deines Hinterns. Es ist nämlich so … Ich sah dich da stehen mit dem Rucksack und dem Koffer und dachte: Was macht Aimee denn hier? Will sie etwa in Gracies Feriencottage ziehen? Dieser Gedanke war so unlogisch, und während mir klar wurde, dass du gar nicht Aimee sein konntest, fiel mein Blick auf deinen Hintern, und ich dachte nur, das gibt’s doch gar nicht, dass zwei Menschen einander so ähnlich sein können. Wir waren nämlich alle in dem Glauben, dass Aimees Hintern ziemlich einmalig ist, ein richtiger Knackarsch sozusagen …«

»Na, na, na, na«, wurde sie von meiner Großtante unterbrochen, die gerade aus dem Schatten des Hauseingangs trat.

»Aber es stimmt doch«, verteidigte sich Ruby. »Sie hat einen supertollen, süßen …«

»Po.« Tante Grace nickte. »Ja, zugegeben. Ich habe allerdings nicht den Schimmer einer Ahnung, wo sie den herhat. Von mir kann er jedenfalls nicht sein«, meinte sie, legte einen koketten Hüftschwung hin und klapste sich auf ihren eigenen, eher flachen Hintern. »Der war schon immer ziemlich knochig.«

Wieder sahen Ruby und ich uns an. »Frauenthemen«, kam es gleichzeitig über unsere Lippen. Wir verdrehten die Augen und stöhnten vielsagend auf.

»Ich hol dich morgen ab. Gleich nach dem Frühstück«, sagte Ruby. »Und dann bekommst du so viel Wasser zu sehen, dass dir schlecht wird.«

Ich zog eine Grimasse. »Danke vielmals. Ich bin wirklich froh, dass ich gleich an meinem ersten Tag schon eine so gute Freundin gefunden habe.«

Ruby lachte hell und ansteckend. »Eins dreiundvierzig in der Länge«, sagte sie und reichte meiner Großtante den Vorhangstapel. »Es reicht völlig, wenn sie in einer Woche fertig sind. Mum ist gerade mit dem Frühjahrsputz beschäftigt.«

»In Ordnung. Grüß sie schön. Und … nett von dir, dass du Elodie die Insel zeigen willst.«

Mein Apartment befand sich im neu errichteten Oberstock und füllte, wenn man die Abseiten abrechnete, die gesamte Grundfläche des Cottages aus. Ich fand es ziemlich gewöhnungsbedürftig, denn mein Zimmer daheim war eher klein und kuschelig, und genau so liebte ich es eigentlich auch.

Inzwischen war es halb acht abends. Der Himmel leuchtete in einem satten dunklen Blau und über dem Horizont lag noch der letzte rötliche Schimmer des atemberaubenden Sonnenuntergangs.

Ein wenig verloren hockte ich auf meinem Bett, das mitten im Raum stand und nicht mehr war als eine zwei mal zwei Meter große Matratze – eingelassen in einen hellen Holzrahmen und mit einem Haufen bunter Kissen und Decken übersät. Ich fühlte mich darin, als hätte man mich in einer winzigen Jolle auf dem riesigen Atlantik ausgesetzt, und wusste schon jetzt, dass ich so garantiert kein Auge zubekommen würde.

Doch zum Glück ließ sich das Problem leicht lösen, indem ich die überall im Raum verteilten Kübelpflanzen heranzog und um das Bett herum platzierte. – Wow! Das war schon viel besser! Selig plumpste ich rücklings in eine lauschige Kuschelmulde, die von Zimmerlinden, Birkenfeigen und Yuccapalmen umgeben war, was übrigens noch einen weiteren Vorteil mit sich brachte: Durch das verästelte Grün war der Blick aus dem riesigen Sprossenfenster auf den Kanal hinunter nicht mehr ganz so beängstigend.

Zwischendurch schaute Tante Grace herein, um mich zu fragen, ob ich noch etwas brauchte, und mir eine gute Nacht zu wünschen, und nahm die Neugestaltung mit einer hochgezogenen Braue zur Kenntnis. »Solange du keine Wände einreißt oder die Kloschüssel neben der Spüle anbringst, kannst du hier selbstverständlich tun und lassen, was du willst«, bemerkte sie. »Und wenn du dich so wohler fühlst …«

»Ja, das tue ich«, erwiderte ich, obwohl mir der leicht beleidigte Unterton in ihrer Stimme nicht entgangen war. »Es ist ein toller Raum. Ganz ehrlich. Und das mit dem Bett mittendrin … Super Idee! Bloß nicht für mich«, fügte ich deshalb vorsichtshalber noch hinzu.

»Schon gut«, sagte Tante Grace mit einem Lächeln, und ich wusste, dass sie mir nicht lange böse sein würde.

Der Raum, das ganze Apartment, war im Grunde wirklich toll. Es war hell und gemütlich, mit geräumigem Bad, Kochnische, begehbarem Kleiderschrank, einer Sitzecke aus großen Rattanmöbeln und einem Tisch mit vier Stühlen. Die Abseiten waren voller Bücher, außerdem gab es Körbe mit Zeitschriften und DVDs und eine nagelneue hochmoderne Heimkinoanlage. In ihren eigenen Räumen im Untergeschoss hatte meine Großtante all das nicht. Sie begnügte sich mit einem alten Radiorekorder und einem winzigen Röhrenfernseher, dafür waren ihre Zimmer bis unter die Decke mit Bildern, Krimskrams und allem möglichen Plüsch vollgestopft.

Richtig gewöhnungsbedürftig war für mich jedoch das riesige Fenster. Sina wäre ganz sicher ausgeflippt, wenn sie es gesehen hätte. Es war in eine Gaube eingebaut, maß mindestens zwei mal vier Meter und ließ sich bis fast zur Hälfte aufziehen. Dahinter lag ein Balkon, gerade mal so breit, dass ein Liegestuhl und ein kleiner Tisch darauf Platz fanden. Ich hatte es natürlich nicht ausprobiert, aber ich war sicher, dass man dort das Gefühl hatte, einen Kopfsprung direkt ins Meer machen zu können. Allein schon bei der Vorstellung fingen meine Knöchel an zu jucken.

Tante Grace meinte es ohne Frage gut mit mir, ich wäre jedoch lieber in eines ihrer Bed-&-Breakfast-Zimmer im Gästehaus eingezogen. Die waren längst nicht so groß, hatten kleinere Fenster und damit weniger Ausblick auf das Meer. Vielleicht würde ich noch mal mit ihr darüber reden müssen, aber das wollte ich frühestens morgen entscheiden, wenn ich zumindest diese eine Nacht hinter mich gebracht hatte.

Ich blieb eine Weile auf dem Bett liegen, schloss die Augen und ließ den Tag Revue passieren. Ein bisschen kam es mir so vor, als ob ich heute um die halbe Welt gejettet wäre. Alles war ungewohnt und ziemlich aufregend gewesen, und eigentlich hätte ich wahnsinnig stolz auf mich sein dürfen, dass ich all diese Unwägbarkeiten gemeistert hatte.

Ich dachte an den Abschied von Mam und Sina, an den Flug und an Javen Spinx. Nun, da ich wusste, dass meine Mutter und er vor vielen Jahren miteinander befreundet gewesen waren, hätte ich ihn sehr gern wiedergetroffen. Auf jeden Fall würde ich mich auf der Insel weiter nach ihm erkundigen, gegebenenfalls sogar Tante Grace noch einmal auf ihn ansprechen. Vielleicht hatte ich Glück und sie würde nicht länger die Ahnungslose spielen, schließlich hatte Mam mir ja all ihre »Sünden« gebeichtet.

Prompt wanderten meine Gedanken weiter zu Pa und mein Herz wurde traurig und schwer. Ich öffnete die Augen, setzte mich auf und sah zum Fenster hinüber. Das Rot am Horizont war mittlerweile verschwunden und Himmel und Meer bildeten eine untrennbare tiefdunkle Einheit.

»Ich hab dich so lieb, Pa«, murmelte ich. »Du darfst nicht denken, dass ich vor dir davongelaufen bin. Es ist nur so, dass ich es nicht mehr ertragen habe, in dein Arbeitszimmer zu gehen und zu wissen, dass du nie mehr dort in deinem Armlehnstuhl sitzen und in deinen Unterlagen blättern würdest. Und dass ich nie wieder meine Arme um deinen Hals schlingen und deine Wärme spüren würde. Ich mache ihr wirklich keine Vorwürfe, das musst du mir glauben, Pa, aber ich verstehe einfach nicht, wie Mam das aushält.«

Meine Augen fingen an zu brennen und dann heulte ich los. Ich hatte es schon seit Tagen nicht mehr getan, es war einfach überfällig. Vielleicht konnte ich mit Ruby darüber reden. Irgendwann. Sie ging viel unvoreingenommener mit diesem Thema um als Sina, was wohl daran lag, dass die meinen Pa auch ziemlich gerngehabt hatte. Jedes Mal wenn ich mich bei ihr ausheulen wollte, heulte sie ebenfalls gleich los, klagte, wie ungerecht das Leben sei, weil immer nur die Guten starben und die Bösen dagegen ewig ihr Unwesen treiben durften, und am Ende waren wir dann beide oft vollkommen fix und fertig gewesen.

Trotzdem würde ich Sina vermissen. Sie fehlte mir schon jetzt. Und auch die anderen Mädchen aus der Schule, mit denen wir in den Pausen zusammenhingen, ganz besonders Bille und Sarah aus dem Englischunterricht.

Es war schon ein komisches Gefühl, wenn ich mir vorstellte, dass die Schule das nächste halbe Jahr für mich passé sein sollte. Wenn ich im Spätsommer zurückkehrte, hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich begann die Elfte noch mal von vorn oder ich suchte mir eine Ausbildungsstelle. Mein Mittlere- Reife-Zeugnis vom letzten Jahr war nämlich ganz passabel ausgefallen. Im Moment konnte ich mir allerdings weder das eine noch das andere so richtig vorstellen. Aber das musste ich ja auch nicht.

Inzwischen war es vollkommen dunkel im Zimmer. Nur der klare Sternenhimmel und der sichelförmige Mond warfen etwas Licht herein. Ich stand vom Bett auf, schaltete die kleine Lampe auf der Kommode an und kniete mich vor die Heimkinoanlage. Ein bisschen Musik zu hören, wäre nicht schlecht. Früher hatte ich Mando Diao, Jamiroquai und Pink rauf- und runtergespielt, inzwischen waren Adele und Jack Johnson meine Favoriten. Ihre Lieder beruhigten mich, ohne mich sentimental oder traurig zu machen. Die Stimmung, die sie transportierten, entsprach hundertprozentig der meinen.

Ich suchte die alte »Sing-A-Longs and Lullabies«-CD aus meinem Rucksack, legte sie in den DVD-Player und ein paar Atemzüge später umhüllte mich Jack Johnsons warme, unaufgeregte Stimme.

Leise summend tappte ich zur Küchenzeile hinüber und inspizierte den Kühlschrank. Tante Grace hatte wirklich an alles gedacht und Mineralwasser, Cola, Orangensaft, Milch und ein paar Joghurts darin deponiert. Auf der Anrichte stand eine Schale mit Obst und in einer der Schubladen fand ich Schokoladendrops, Streichhölzer und Teelichter.

Ich füllte ein Glas mit O-Saft und ein anderes mit einem Teelicht und schleppte alles mitsamt den Schokos zum Bett. Der kleine Digitalwecker auf dem Beistelltisch zeigte 21:13 an und ich dachte: Komisch, dass Sina sich noch nicht gemeldet hat! Ich zündete das Teelicht an, trank einen Schluck Saft, fischte mein Handy aus dem Rucksack und sah die Eingangsliste durch. Sina hatte ganze zehn Mal auf meine Mailbox gesprochen und schließlich eine SMS geschickt.

Warum gehst du nicht ran?

»Weil mit meinem Klingelton etwas nicht stimmt«, murmelte ich. Tatsächlich stand das Handy versehentlich auf stumm und vibrationslos, und ich beschloss, es zunächst einmal dabei zu belassen. Ha! Schon wieder eine spontane Entscheidung! Wenn das so weiterging, würde ich mich in einer Woche womöglich selbst nicht mehr wiedererkennen.

Mein Kontostand wies ein Guthaben von drei Euro fünfundzwanzig auf. Für ein Checkup-Gespräch mit Sina war das eindeutig zu wenig. Also beantwortete ich ihre SMS mit:

Sorry, aber mein klingelton war aus. Es geht mir gut so weit.

Ich glaube, hier ist es ganz schön. Wir reden morgen.

Hdgggdl, elodie

Anschließend bat ich meine Mutter, mein Konto aufzuladen, schaltete das Handy aus und legte es auf den Beistelltisch. Die Erlebnisse des Tages und Jack Johnsons Schlaflieder hatten mich müde gemacht. Ich gähnte herzhaft, kramte ein frisches Shirt und eine Boxershorts aus dem Koffer und huschte ins Bad.

Auf eine Dusche hatte ich keine Lust mehr, also begnügte ich mich mit einer Katzenwäsche, putzte rasch die Zähne und bürstete meine Haare durch. Meine Locken hatten sich ineinander verfangen und ließen sich nur widerstrebend trennen. Vielleicht sollte ich sie mir einfach mal abschneiden lassen … Seit knapp zwei Jahren wuchsen sie nun schon vor sich hin, ohne wirklich länger zu werden. Möglicherweise war das ein Zeichen. Vielleicht sah ich mit kurzen Haaren aber auch scheiße aus. Ich kniff die Lippen zusammen und musterte mich finster im Badezimmerspiegel.

Elodie Saller war hübsch. Das zumindest behaupteten Sina, Sarah, Bille, Luis, Frederik … Ach herrje, Frederik! Hätte ich Luis, Jannik und ihn doch bloß nie geküsst!

Hastig schaltete ich das Licht im Bad aus und kroch ins Bett. Die Lampe auf der Kommode würde ich die Nacht über brennen lassen, denn irgendwie hatte ich plötzlich Angst, im Dunkeln aufzuwachen. Ich kuschelte mich in die Decke, schloss die Augen und versuchte, sämtliche Peinlichkeiten der letzten Nacht auszublenden. – Vergeblich. Sofort roch ich Luis’ Haare und hatte den Geschmack von Frederiks Lippen auf der Zunge.