30 Tage und ein ganzes Leben - Ashley Ream - E-Book

30 Tage und ein ganzes Leben E-Book

Ashley Ream

3,8
9,99 €

oder
Beschreibung

Aufleben statt aufgeben!

Clementine beschließt zu sterben. In 30 Tagen will die erfolgreiche Malerin, die für ihre Kunst ebenso bekannt ist wie für ihre Scharfzüngigkeit, ihrem Leben ein Ende setzen. Nachdem die Antidepressiva im WC entsorgt worden sind, bleibt ihr noch genau ein Monat, um das eigene Ableben zu organisieren. Schließlich will Clementine kein Chaos hinterlassen: ein letztes großes Bild malen, sich mit dem Ex aussprechen und ein neues Zuhause für den Kater fi nden. Ihre letzten Tage will sie genau so verbringen, wie sie es will – und nicht wie andere es von ihr erwarten. Doch dabei stößt Clementine auf ungeahnte Hindernisse – und nach 30 Tagen ist nichts mehr so, wie es vorher war …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 445

Bewertungen
3,8 (62 Bewertungen)
20
22
10
10
0



ASHLEY REAM

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Baisch

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel Losing Clementine bei William Morrow, einem Imprint von HarperCollins Publishers, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2015

Copyright © 2012 by Ashley Ream

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 bei btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

published in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, USA.

Umschlaggestaltung: semper smile, MünchenUmschlagmotiv: © shutterstock/Ficus777, shutterstock/Hein Nouwens, Shutterstock/Flas100, shutterstock/greengaSatz: Uhl + Massopust, Aalen

MP · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-15855-2www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Besuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de

30 TAGE

Ich warf die Teekanne aus dem Fenster.

Sie donnerte drei Etagen nach unten und zerbrach in unzählige weiße Porzellanscherben direkt hinter Mrs Epstein, die ich ohnehin nie wirklich leiden konnte.

»Hey!«, brüllte sie zu mir nach oben.

»Tut mir leid«, entgegnete ich und beugte mich halb über den Fenstersims nach draußen, ehe ich mich wieder nach drinnen wandte, mir ein halbes Dutzend Tassen schnappte und sie ebenfalls hinausbeförderte.

Es tat mir nicht wirklich leid.

Rums.

Es tat sogar äußerst gut.

»Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?«, rief Mrs Epstein und tänzelte in ihren Gesundheitsschuhen herum, um den Scherben auszuweichen.

»Ja«, ließ ich verlauten und hängte mich mit aller Kraft ans Fenster, um es wieder herunterzuziehen.

Noch besser hätte ich mich dabei gefühlt, es laut polternd herunterkrachen zu lassen, aber diverse Farbschichten aus den letzten fünfzig Jahren machten das gänzlich unmöglich. Bedauerlicherweise. Denn gerade ging ich ganz darin auf, ausschließlich Dinge zu tun, die mir guttaten. Erst an diesem Nachmittag hatte ich meinen Seelenklempner gefeuert. Wenn man sich wirklich und wahrhaftig dazu entschieden hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen, wozu brauchte man dann noch einen Seelenklempner?

Auch das war äußerst befreiend. Beides, der Rausschmiss und der Entschluss dazu.

Danach war ich vollkommen vorsätzlich gegen das Auto dieses Arschlochs gefahren, das immer 15 Zentimeter in meine Auffahrt hinein parkte. Ich hatte seine halbe Stoßstange mitgenommen und keinen Zettel hinterlassen, und das geschah ihm recht. In dreißig Tagen würde ich tot sein. Sollte er doch versuchen, mich wegen dieser Bagatelle vor Gericht zu ziehen.

Bei mir oben hatte ich dann die Jacke nicht aufgehängt und den Orangensaft direkt aus dem Tetrapak getrunken. Ich hatte sogar ein klein wenig hineingespuckt, einfach so, weil ich es konnte. Alles überaus befreiend. Das war dann auch der Moment, in dem ich beschloss, dass ich eigentlich gar keinen Tee mochte.

Rums.

Das hätte ich schon vor einer Ewigkeit tun sollen.

Ich wohne quasi um die Mitte meines Ateliers herum. Die Ecken sind zum Wohnen da. Meine Küche, mein Fernseher und ganz hinten, hinter einem roten Samtvorhang, mein Bett. In der Mitte arbeite ich. Das ist keine Metapher. Es ist eine räumliche Beschreibung. Die Arbeitswege sind fantastisch.

Ich ging einen Stapel aufgespannter Leinwände durch, die an der rau verputzten Wand lehnten.

Nein, nein, nein, nein. Ja.

Ich zog eine quadratische hervor, 1,20 auf 1,20. Die war brauchbar. Ich stellte sie auf die Staffelei. Jenny, meine Assistentin, hatte ich in der Woche zuvor gefeuert, nachdem sie ein halbes Dutzend davon aufgespannt hatte. Mit Nachnamen heißt sie Pritchard, wie ich, doch wir sind nicht verwandt. Sie ist 24, sieht aber jünger aus. Als ich sie entlassen habe, hat sie mich angesehen, als hätte ich ihr eine geknallt. Sogar ihre Wange ist rot geworden. Tränen glitzerten an ihren Wimpern, sie flitzte durch das Atelier, sammelte Unterlagen und ihre Tasche ein und nahm schließlich auch die Kaffeetasse mit, die ich ihr gegeben hatte, als sie bei mir anfing. Ich hätte sie die Leinwände gleich noch grundieren lassen sollen, aber daran hatte ich nicht gedacht.

Nachdem sie weg war, rief ich die Essex Gallery in New York an. Der Galerist hatte eine Frau, deren Familie durch luxuriöse Möbelstoffe zu Geld gekommen war. Außerdem finanzierte er noch einen »Freund«, einen jungen Mann, der um die 25 sein musste und den er in einem Apartment in den West Fifties logieren ließ. Ich habe in dieser Galerie angefangen, als ich noch nicht sehr bekannt war. Der Galerist und ich mochten einander, so wie man eben jemanden mögen muss, der mehr über einen weiß, als einem lieb ist. Ich sagte ihm, er täte besser daran, Jenny eine eigene Ausstellung einzuräumen. Tags darauf erhielt sie einen Anruf. Aber mir ist zu Ohren gekommen, sie hätte das Angebot ausgeschlagen. Ich habe keinen Schimmer, weshalb. Als ich ihr letztes Gehalt überwies, legte ich etwas drauf, genug für sie, um über die Runden zu kommen, bis sie ihre eigenen Bilder verkaufen würde. Denn das ist es nämlich, was sie schon immer hätte tun sollen, statt mir die verdammten Leinwände aufzuziehen.

Ich griff mir eine saubere Schüssel aus dem Regal und fing an, wie verrückt eine Flasche mit Gesso zu schütteln, einer Mischung aus Latex und Kalziumkarbonat. Schon als Kleopatra in Ziegenmilch badete, benutzte man zum Grundieren eine ähnliche Mischung, nur dass damals ein Klebstoff auf tierischer Basis verwendet wurde, was heute PETA-Aktivisten auf den Plan rufen würde. Ich kippte das, was noch davon übrig war, in die Schüssel. Dann fügte ich das entsprechende Viertel Acryllack hinzu, öffnete die Wasserflasche, die ich letzte Nacht halb leer getrunken hatte, und gab die gleiche Menge davon zu der Mischung.

Chuckles sprang auf den Arbeitstisch und ließ seinen Schwanz neben der offenen Flasche hin und her zucken, eine leere Drohung, ehe er sich zwischen den Dosen mit Lösungsmitteln und Klebstoff hindurchschlängelte. Er lief über einen Stapel Zeitschriften, Takeaway-Flyer und Müll, von dem ich dachte, ihn irgendwann einmal in einer Arbeit zu verwenden. Eine Vogue rutschte vom Stapel und fiel auf den Boden. Und dort blieb sie auch, denn Jenny war nicht da, um sie aufzuheben.

Da er nichts fand, was für ihn interessant war, sprang Chuckles auf die Metallregale, die entlang einer Wand standen. Er streunte an den Stehsammlern voller alphabetisch geordneter Zeitschriften vorbei. Car and Driver, Cosmopolitan, Food and Wine, Los Angeles Magazine, National Geographic, Photography Today, Wine Spectator. Die Plastikboxen mit den bedruckten Etiketten Speisekarten, Reiseprospekte, Landkarten (USA), Landkarten (Ausland), Werbung (Frauen), Werbung (Männer), Zeitungen (USA), Zeitungen (Ausland) würdigte er mit keinem Blick. Stattdessen rieb er seine Schnauze an den Schachteln, in denen Tapetenschnipsel und Stofffetzen nach Farben sortiert aufbewahrt waren, und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf die großen Mülleimer aus Plastik. Streng genommen war gar kein Müll darin, sondern irgendwelches Zeug, das ich von der Straße nach Hause geschleppt hatte. Ich hörte das dumpfe Geräusch, als er mit allen vier Pfoten auf einem Deckel landete. Jenny organisierte das hier alles, also musste ich mich nicht darum kümmern. Nur bei Tierknochen war für sie Schluss. Die musste ich selbst säubern und auskochen. Ich hatte eine Schwäche für Vogelflügel, aber es wurde immer einfacher, sie online zu bestellen, statt das einzusammeln, was die Kojoten übrig gelassen hatten.

Ich bearbeitete die Leinwand mit langen Strichen, von rechts nach links, von oben nach unten, presste die Mischung in das Gewebe. Lästige Routinearbeit, denn ich würde das Ganze trocknen lassen, dann abziehen und erneut auftragen müssen. Das war der Grund, warum ich überhaupt erst eine Assistentin eingestellt hatte. Ich ließ den Pinsel in eine Dose fallen, doch dann fiel mir ein, dass keiner mehr hinter mir herräumen würde, also schnappte ich ihn zusammen mit dem Kater und trug beide zum Waschbecken. Den Pinsel wusch ich mit Seife und Wasser aus. Chuckles kam noch einmal so davon. Gips ist verheerend für Pinsel. Genauso gut könnte man sie in Sekundenkleber tauchen. Würde Chuckles hineinfallen, dann müsste ich ihn wohl rasieren, und dann wäre es noch schwieriger, ein neues Zuhause für ihn zu finden. Keiner will ein armseliges Tier mit Räude.

Ich tippte ein paarmal auf die Tastatur des Laptops, damit er aus dem Schlafmodus erwachte, und setzte mich dann mit einem Tetrapak Orangensaft an den Küchentisch. Es war so weit.

»Irgendwelche Wünsche?«, fragte ich Chuckles.

Er rieb seinen Kopf an meinem Bildschirm.

»Ach ja«, stimmte ich zu. »Keine Kinder.«

Ich tippte das.

»Sonst noch was?«

Er drehte sich auf seinen kurzen Beinen um und streckte mir sein braunes Hinterteil entgegen.

»Keine Hunde.«

Ich fügte auch das hinzu und vervollständigte den Rest der Anzeige.

Männlicher weißer Perser, Nichtraucher, mit eigener Meinung sucht ein Zuhause. Name: Chuckles. (Hört aber nicht darauf.)

Hobbies: Fellpflege, Fenstersimse und gescheckte Katzendamen. Aktueller Besitzer leidet an nicht kommunizierbarer tödlicher Krankheit (nicht verschuldet durch den Kater). Stubenrein. Gesund.

Keine Kinder. Keine Hunde.

Kein China-Restaurant.

Ich fügte noch ein Foto hinzu und zeigte es ihm.

»Was hältst du davon?«

Chuckles scherte sich einen feuchten Dreck darum, was nicht sehr vorausschauend von ihm war.

Ich lud die Anzeige hoch und überlegte dann, was ich zu Abend essen wollte.

»Soll ich dir was mitbringen?«, fragte ich.

Chuckles’ Augen blieben geschlossen, tränten wie gewöhnlich über sein zerknautschtes Gesicht.

Ich zog meine alte graue Arbeitsschürze aus und hob meine Jacke vom Boden auf, die auch schon ziemlich abgetragen war. (Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Zeit ich über die Jahre damit vergeudet hatte, sie aufzuhängen …) Ich zog sie an und verließ meine Wohnung. Die Tür schloss ich nicht ab. Der Volvo mit der kaputten Stoßstange stand nicht mehr da, also musste ich auf meinem Weg nach draußen nicht noch mal gegen ein Auto fahren.

Mein Lieblingsrestaurant befindet sich direkt neben einem Reifenladen auf der Sunset. Von meinem Atelier braucht man entweder zehn Minuten oder eine Stunde bis dorthin, je nachdem, wie beschissen der Verkehr gerade ist. In L. A. gibt es keine richtige Rushhour; der Verkehr ist zu manchen Zeiten einfach nur noch nervtötender als sonst. Ich hatte von einem Typen gehört, der herumfuhr und aus dem Heckfenster seines Trucks Marionettentheater aufführte, während die Leute hinter ihm feststeckten und wie benzinverschlingende Zombies aus ihrer Windschutzscheibe starrten. Ein Journalist hat es als »Aktionskunst« bezeichnet. Für mich war es einfach nur ein weiterer Grund, von zu Hause aus zu arbeiten.

Nach einer nervtötenden, durchschnittlichen halben Stunde trat ich gebückt durch einen Regenbogen ausgebleichter und zerfetzter tibetischer Gebetsfahnen, die im Luftzug der vorbeifahrenden Autos flatterten. Eine Messingglocke ertönte über der Tür, als ich sie aufstieß, und die hustensaftpinkfarbenen Wände umfingen mich mit Wohlbehagen und Currygerüchen.

»Clementine, komm rein. Komm rein.«

Dolma hat die schönste Stimme, die ich je auf der Welt gehört habe. Jede gute Mutter sollte eine Stimme wie Dolma haben. Sie ist voller verhaltenem Enthusiasmus, hat einen warmen Klang und ist von ihrem melodischen Akzent durchsetzt. Man will sie mit zu sich nach Hause nehmen, damit sie einem Gute-Nacht-Geschichten vorliest, das Haar zurückstreicht und sagt, dass alles gut werden wird. Heute trug sie einen orangefarbenen Kaftan und Jeans, dazu Trekking-Sandalen, und ihr Haarschnitt sah immer gepflegt – und teuer – aus. Ihre Kinder, Nichten und Neffen, die auch alle hier arbeiten, sind von derselben gottgleichen Schönheit, auch wenn sie nicht ganz an Dolma heranreichen. Vielleicht liegt es daran, dass sie Buddhisten sind. Vielleicht daran, dass sie Sonnencreme benutzen und freie Radikale meiden. Vielleicht auch an ihren großartigen Frisuren. Ich weiß es nicht, und es ist auch ziemlich egal.

Dolma ließ mich unter einer quadratischen Stofflampe mit einem aufgestickten Drachen, der an eine Schlange erinnerte, Platz nehmen. Die Klimaanlage bauschte den Stoff, und es sah so aus, als tanzte der Drache.

»Tee?«, fragte sie.

Ich lächelte und dachte an meine Kanne. Ihr Tee war sehr viel besser als meiner. Das bei mir war eigentlich gar kein richtiger Tee.

»Ja«, erwiderte ich. »Viel. Und Bier.«

»Keine Jenny heute?«

»Nein. Keine Jenny heute.«

Sie reichte mir eine Speisekarte und holte die Getränke. Dolmas Tee schmeckte wie Chai stark nach Milch, Kardamom und Ingwer. Sie servierte ihn immer ungesüßt, und ich half jedes Mal mit einem der kleinen blauen Zuckerpäckchen nach. Das Bier hieß Karma-Bier. So stand es auf dem Etikett, und das war wohl auch der einzige Grund, warum es getrunken wurde, abgesehen davon, dass es kalt und alkoholisch war. Dazu ließ sie mir außerdem einen dünnen, runden Cracker von der Größe eines Tellers da, in den Gewürze hineingebacken waren, die ich noch nie genau hatte identifizieren können. Ich brach ein Stück ab und tunkte es in die kleine silberne Schale mit Tamarindchutney.

»Samosas oder Momos?«, fragte sie.

»Beides.«

Dolmas klingendes Lachen ertönte. »Du wirst noch dick.«

»Ich habe keine Zeit, dick zu werden.«

Wieder ertönte ihr Lachen, und sie verschwand in der Küche.

Die zu einer Pyramide aufgetürmten, frittierten Samosas waren gerade so scharf gewürzt, dass sich meine Wangen mit Farbe überzogen. Ich zerteilte sie und ließ den heißen Dampf entweichen, ehe ich sie in die kühle Minzsauce tauchte. Die Momos, dampfende, blässliche Teigtaschen, erinnerten mich jedes Mal an die flachen runden Sofakissen meiner Tante. Sie sind mit Hühnchen gefüllt und nicht besonders scharf, bis man sie in die Tomatensauce, genannt Achar, taucht. Ein scharfes, pikantes Chutney, dem nichts gleichkam.

Allmählich erwachten meine Geschmacksknospen wieder zu neuem Leben. Die Medikamente, die ich fast mein gesamtes Erwachsenenleben über eingenommen hatte, verschwanden langsam aus meinem Körper. Dinge, von denen ich dachte, ich würde sie mögen, waren so viel besser, als ich sie in Erinnerung hatte. Dolma brachte mir eine neue Tasse Tee und tauschte sie gegen meine leere aus. Für einen Moment überlegte ich, während des nächsten Monats nichts anderes zu trinken.

»Ich gönne mir heute Abend was«, sagte ich ihr. »Meine ganzen Lieblingsgerichte.«

»Alle?« Sie sah mich skeptisch an.

»Alle.« Ich machte eine ausladende Geste mit den Armen.

Im Restaurant gab es etwa 15 Tische, und die Hälfte davon war besetzt. Die Glocke über der Tür ertönte alle paar Minuten, je näher die Essenszeit rückte. Alle kamen sie hierher, vom mittellosen Klamottendesigner, der im Keller seines Vermieters arbeitete, bis zum Marketingleiter mit schicker Designer-Brille. Das Essen war billig und köstlich. Dolma hatte drei Nichten und einen Sohn, die Bestellungen entgegennahmen und Getränke sowie dampfende Currys verteilten.

Noch bevor mein erstes Hauptgericht eintraf, klingelte mein Telefon. Es war mein Exmann.

»Geht’s dir gut?«, fragte er, nachdem ich abgehoben hatte.

»Fantabulös«, sagte ich. »Wie geht’s dir?«

Sein Gesicht war ernst. Das konnte ich an seiner Stimme erkennen. »Letzte Woche ging es dir nämlich nicht besonders gut.«

»Mir geht’s jetzt besser.« Ich tunkte ein abgebrochenes Samosa-Stückchen in die Minzsauce und steckte es in den Mund. Göttlich.

»Bist du dir sicher?«

»Überzeug dich selbst. Ich bin bei Dolma. Hab schon genug für uns beide bestellt.«

Lange vor Richard kam das Essen. Zuerst Kartoffel- und Blumenkohlstückchen, die in einer dicken, orangefarbenen Currysauce schwammen. Eine der Nichten stellte sie auf den Postkarten aus Nepal ab, die geschützt unter der Glasplatte des Tisches lagen. Als Nächstes kam Basmatireis mit Erbsen und verdeckte die Landkarte des Mount Everest.

Ich bestellte noch grüne Bohnen, die mit Anis gewürzt waren, Lamm Vindaloo und Chicken Korma. Dann mein süßlich schmeckendes Lieblingsnudelgericht namens Chow-Chow, das regelmäßig Gäste verwirrte, die etwas anderes erwarteten. Ich bestellte Naan und Roti und dann Yak Chili, das sich eigentlich nicht groß von Beef Jerky unterschied, abgesehen davon, dass man sagen konnte, man hatte Yak zum Abendessen. Mein Zweiertisch war nicht groß genug, also schob Dolmas Sohn einen weiteren Stuhl neben mich und stellte das Brot darauf ab.

Dann kreuzte Richard auf. Seine Krawatte war zerknautscht, genau wie sein Gesicht, in dem ich Krähenfüße erkannte, die vor kurzem noch nicht da waren. Er nahm Platz und warf einen Blick auf den überladenen Tisch. Kein Lachen, nicht einmal ein Lächeln. Wenn überhaupt, dann sah er resigniert aus. Hinter meinem Solarplexus spürte ich ein leichtes Flattern, eindeutig Zweifel, und ich bedauerte bereits, ihn hergebeten zu haben.

»Hast du das alles bestellt?«

Man rügte mich.

»Ja, bedien dich.« Ich schob ihm das Lamm zu. Ein Friedensangebot, wie ein Kind, das versuchte, seiner Bestrafung zu entgehen. Er mochte Lamm.

Dolma schwebte vorbei, stellte wortlos eine Tasse Tee vor ihm ab und verschwand dann genauso geräuschlos wieder.

Er nahm einen Schluck und zuckte erschrocken zusammen, als er sich die Zunge daran verbrannte.

Die Woche zuvor – ehe ich Jenny und meinen Seelenklempner gefeuert hatte – war er bei mir vorbeigekommen. Ich hatte mich drei Tage lang geweigert, irgendjemanden in meine Nähe zu lassen, und war nicht mehr ans Telefon gegangen. Er benutzte den Ersatzschlüssel, den ich ihm für Notfälle gegeben hatte. Ein Notfall ist eine undichte Gasleitung bei offener Flamme. Ich hingegen hatte einfach nur eine kleine Unpässlichkeit. Ich saß auf dem Boden im Badezimmer und war fest entschlossen, dort zu bleiben, bis die Schwerkraft nicht mehr so unerträglich schwer wäre oder ich aber verfaulen und sterben würde – was auch immer als Erstes geschehen mochte. Mir war relativ egal, was von beidem letztendlich passierte, aber Richard – der nun mal so war, wie er war – dachte, es wäre am besten, wenn ich aufstünde. Doch die Schwerkraft drückte mich immer weiter nach unten, also blieb ich sitzen. Er redete mir gut zu, ich ignorierte ihn. Er drohte mir mit dem Krankenhaus. Been there, done that … Ich ignorierte ihn weiterhin. Ich ignorierte ihn so, wie Chuckles es mir beigebracht hatte.

Wenn es sein müsste, würde er mich, so ließ er mich wissen, den ganzen Weg aus der Wohnung bis zum Auto und weiter bis nach Cedars schleifen. Er griff mir unter die Arme und zog mich vom Boden hoch. Ich kämpfte dagegen an. Er zog. Einer von uns beiden hätte einfach klein beigeben sollen. Ich hätte aufstehen sollen, selbst wenn ich es nicht wollte. Er hätte mich dort liegen lassen sollen. Ich hätte ihm keinen Ersatzschlüssel geben sollen. Er hätte nicht rüberkommen sollen. Ich hätte keinen Toast zum Frühstück essen sollen. Er hätte ein anderes T-Shirt anziehen sollen. Was auch immer, einer von beiden hätte etwas anders machen sollen, denn als er mir erneut unter die Arme griff und mich gewaltsam aus dem Badezimmer ins Apartment zog, kamen wir an einem Buchregal vorbei, auf dem ein Ventilator aus Metall stand. Ich schnappte ihn mir, und noch ehe dieser Gedanke vom Impulszentrum zu dem Teil meines Gehirns hätte gelangen können, der Logik oder Menschlichkeit kontrollierte, schleuderte ich ihn nach hinten und traf Richard damit am Kopf.

Er ließ mich fallen, ich knallte auf den Boden und prellte mir das Steißbein. Der Ventilator fiel donnernd zu Boden, er würde niemals wieder funktionieren, und Richard presste seine Hand an die Wange. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor, und ein Ausdruck des Schocks und des Verrats lag auf seinem Gesicht. Es war der gleiche Ausdruck, den man bei einem Kind sah, das nicht verstand, warum seine Mutter sich plötzlich und unbegreiflicherweise gegen es gewendet hatte.

Der Schnitt blutete unablässig, wie das Gesichtsverletzungen so an sich haben, und wir stritten darüber, ob er genäht werden müsste oder nicht. Jetzt, hier bei Dolma, konnte ich sehen, dass die Schwellung verschwunden war, doch die Wange war noch immer leicht gelblich verfärbt und der Schnitt noch nicht verheilt. Was ich getan hatte, war unverzeihlich. Richard war da anderer Meinung. Aber insgeheim weiß doch jeder, wann der Moment gekommen ist, an dem man nichts mehr rückgängig machen kann, wenn einem bewusst wird, wozu man in der Lage ist. Selbst wenn man eigentlich glauben will, dass man ein besserer Mensch sein kann und sein wird. Und das war auch genau der Moment, in dem ich beschlossen hatte, meinen Seelenklempner zu feuern. Diese Sitzungen waren ganz eindeutig reine Geldverschwendung gewesen. Mich um sich zu haben ist, als hätte man einen Schimpansen als Haustier. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er beginnt, alles zu demolieren, und jemand ihn erschießen muss.

Jetzt taten Richard und ich so, als ob nichts zwischen uns vorgefallen wäre, weil es für mich viel zu beschämend und für ihn zu peinlich war, Zeuge meiner Beschämung zu sein. Stattdessen gestand ich diesem nagenden Gefühl zu, sich häuslich in meinen Eingeweiden niederzulassen wie ein Bandwurm. Das zum einen. Außerdem bot ich ihm mein Lammgericht an.

»Ich kann nicht bleiben«, sagte er. »Ich treffe mich mit Sheila zum Abendessen. Ich wollte nur kurz nach dir sehen.«

Ich hielt ihm den Korb mit Naan hin und schwenkte ihn vor seiner Nase hin und her. »Knoblauch. Dein Lieblings-Naan.«

Er bedachte mich mit einem dieser falschen Lächeln, bei dem die Mundwinkel sich nicht entscheiden konnten, ob sie nach oben oder unten zeigen sollten, und stattdessen irgendwo dazwischen herumzuckten, was immer ein Zeichen dafür war, dass er mir nichts nachtragen würde. Er riss sich ein Stück Brot ab, steckte es in den Mund und spülte es mit heißem Tee hinunter.

Der Bandwurm blieb, wo er war, aber meine Zweifel legten sich etwas. Außerdem freute ich mich, weil sein Atem nach Knoblauch stinken würde, wenn er Sheila gleich traf.

»Geht’s dir jetzt wirklich gut?«, fragte er.

»Absolut«, versicherte ich ihm, schaufelte einen Löffel Korma auf meinen Teller und nahm mein Brot, um etwas von der Soße aufzutunken.

»Arbeitest du gerade?«

»Wie eine Wahnsinnige.«

»Ich würde ja fragen, ob du auch genug isst«, sagte er, »aber unter den gegebenen Umständen …«

»Mach dir keine Sorgen. Das hier reicht für eine ganze Woche.«

Er sah mich an, dann blickte er auf seine Uhr und stand auf. »Ich muss los, ich bin spät dran.« Er beugte sich über den Tisch, drückte die Krawatte gegen seinen Bauch, damit sie nicht in mein Achar hing. »Nur nicht übertreiben, ja?«

»Bei allem«, sagte ich.

Nachdem er gegangen war, schob ich meinen Teller weg. Alle aufgetragenen Gerichte waren noch mehr als halb voll. Dolma kam vorbei, ohne seinen Aufbruch zu kommentieren, und fragte: »Nachtisch?«

»Ja, Kheer, bitte«, sagte ich. »Und das andere bitte einpacken.«

Ich stellte die Plastiktüte mit den eingepackten Resten in den Kühlschrank und zog mein T-Shirt und meine Hose aus. Am Saum war etwas Farbe, die einfach nicht rauszubekommen war. Dann stand ich in Unterwäsche da und drückte einen Finger in meinen aufgeblähten Bauch. Schon verrückt, dass ein vollgestopfter Bauch ähnlich aussieht wie ein aufgeblähter Hungerbauch.

Ich holte ein extragroßes T-Shirt aus einer Schublade, zog es über und tappte währenddessen blindlings ins Badezimmer. Dort öffnete ich den Medizinschrank, betrachtete mein Spiegelbild, das mir mit der Tür entgegenkam und dann zur Seite schwang. Das untere Regal war voller verschreibungspflichtiger brauner Fläschchen. Mehr, als ich auf einmal in beiden Händen tragen konnte, dennoch gelang es mir, die Fläschchen die drei Schritte bis zur Badewanne zu bugsieren. Ich setzte mich auf den Wannenrand und stellte sie wie Soldaten in einer Reihe neben mir auf.

Ich öffnete das erste Fläschchen, drückte den komplizierten kindersicheren Verschluss nach unten und drehte gleichzeitig, alles nur, damit kein klinisch depressives Kleinkind meine Medikamente in die Finger bekam. Dann kippte ich es über der Toilette aus. Die weiß-hellblauen Tabletten ploppten ins Wasser, das nach oben spritzte. Ein paar Tropfen landeten auf meinen Knien.

»Gute Nacht, Depakote.«

Dann waren die pinkfarbenen dran. Plopp-plopp-plopp-plopp. Sie hatten mich vollkommen groggy gemacht.

»Adios, Seroquel.«

Ich kippte die Flasche ganz aus. Die waren vielleicht spaßig gewesen – Schwindelanfälle, Verstopfung und zugenommen hatte ich davon auch.

»Ach, Thorazine.« Ich schüttete die orangefarbenen Tabletten in meine Hand und ließ sie in die Kloschüssel fallen. Ihnen hatte ich es zu verdanken, dass im Bett absolut nichts mehr gelaufen war, außerdem hatten sie mich nervös gemacht. »War mir absolut kein Vergnügen.«

Weitere Pillen. Weitere Fläschchen. Schließlich kam das letzte dran: das mit den pinkfarbenen Kapseln, mit denen alles so schmeckte, als hätte man den Mund voller Nägel. Ihretwegen nahm ich sieben Kilo ab, wenigstens mal eine Abwechslung zu den anderen Medikamenten.

Über zwanzig Jahre lang musste mein Körper für einen Medikamentenversuch nach dem anderen herhalten. Ich lebte mit dem ständigen Gefühl, die Luft um mich herum wäre wie ein undurchdringlicher, dichter Nebel. Meine Bewegungen, Gedanken und Empfindungen waren langsamer und gedämpft. Ich hatte Medikamente genommen, die meine Persönlichkeit auslöschten und, was noch schlimmer war, meine Lust zu arbeiten, zu baden, zu atmen. Doch wenn ich aufhörte, sie zu nehmen, war ich dem zähnebleckenden schwarzen Monster auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, das sich tagelang auf meiner Brust niederließ, nur um dann von einem Moment auf den anderen aufzuspringen, sodass sich alles plötzlich im Schnelldurchlauf abspielte. Vor zwei Jahren hatte ich mich zum Beispiel drei Tage lang ins Badezimmer eingeschlossen, nur um dann rauszukommen und mitten in der Nacht die Küchenschränke neu zu streichen.

Und das war nichts – absolut gar nichts – im Vergleich zu dem, was sonst noch geschehen konnte. Ich hatte es am eigenen Leib erlebt und musste alles daransetzen, dass es sich nicht wiederholte.

Ich konnte nicht mit den Tabletten leben. Da war ich mir ganz sicher. Und ohne sie zu leben war gefährlich, nicht nur für mich, sondern auch für alle, die mir etwas bedeuteten. Auch da war ich mir ganz sicher. Da war sie also. Die einzig mögliche Entscheidung.

»Bye-bye, Lithium«, sagte ich und spülte die herumstrudelnden Pillen hinunter.

Irgendwo in der Bucht würde ein Schwarm Fische jetzt eine Überdosis Neuroleptika abbekommen. Unter keinen Umständen sollten sie dann schwere Maschinen bedienen.

29 TAGE

»Was?«, knurrte ich in den Hörer.

»Wo bist du?«

Carla war die Chefin der Galerie Taylor, wobei ihre Hauptaufgabe darin bestand, ihre Künstler im Zaum zu halten, damit sie nicht beim Schmuggeln unter Artenschutz stehender Papageien in Panama festgenommen wurden – alles schon vorgekommen. Sie hat einen Magister in Kunstgeschichte von der NYU und einen Hang zur Selbstkasteiung, vergleichbar mit dem eines Opus-Dei-Anhängers. Sie hätte etwas Besseres verdient. Bei mir war sie dafür allerdings an der falschen Adresse.

Ich warf drei Speckstreifen in die heiße gusseiserne Bratpfanne und machte einen Satz nach hinten, um dem spritzenden Fett auszuweichen.

»Ich bin ans Telefon gegangen. Das ist dein erster Hinweis.«

»Du solltest hier sein. Deine Arbeiten sollten hier sein. Wir sollten in genau dieser Minute darüber sprechen, wo wir sie platzieren wollen.«

»Ich habe beschlossen, mich ausschließlich mit Speck zu beschäftigen.«

Aus diesem Anlass friemelte ich einen weiteren Streifen aus der Verpackung und warf ihn in die Pfanne. Der Geruch hatte etwas Aufregendes, Berauschendes. Es gibt nichts Besseres als den süßlichen, rauchigen Geruch von totem Schwein.

Ich hörte, wie Carla den Hörer von ihrem Mund weghielt und jemandem etwas zumurmelte.

»Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll«, sagte sie an mich gerichtet.

»Ich komme nicht in die Galerie.«

Den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt öffnete ich den Kühlschrank. Eine Schachtel Eier. Eingelegte Jalapeños. Geriebener Cheddarkäse. Zwiebeln.

»Du kommst heute nicht vorbei?«

»Gar nicht mehr. Ich habe einen transformativen Monat.«

»Ist das jetzt irgendein angesagter New-Age-Scheiß?«

»Vermutlich nicht. Bei mir ist auch Alk mit im Spiel.«

»Ich werde nackte Wände haben, Clementine. Große, leere weiße Wände. Ich habe einen Katalog gedruckt. Leute kommen zur Ausstellungseröffnung. Käufer kommen zur Eröffnung. Kritiker. Sie erwarten, dass das, was im Katalog abgebildet ist, tatsächlich an den Wänden hängt. So funktioniert das. So verdienen wir unser Geld. So verdienst du dein Geld.«

»Fünfzig Prozent vom Verkaufspreis.«

»Willst du jetzt verhandeln?«

»Nö.« Ich holte den Speck mit einer Gabel aus der Pfanne und schlug zwei Eier in das blubbernde Schweinefett. »Ich verhandle überhaupt nicht mehr. Nie mehr.«

»Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Clementine. Ist Jenny da? Lass mich mit Jenny sprechen.«

»Hab sie gefeuert.«

»Du hast sie gefeuert?!«

Ich musste den Hörer kurz vom Ohr weghalten.

»Letzte Woche«, erwiderte ich, als der Aufschrei verhallt war.

Ich gab den Käse und die Jalapeños zu den Eiern und ging zum Küchentisch. Dort rüttelte ich an der Computermaus und wartete darauf, dass der Bildschirm aus dem Schlafmodus erwachte.

»Clementine, die Ausstellung ist in einer Woche.«

»Die wird wohl ohne mich stattfinden müssen«, sagte ich und legte auf.

Chuckles hüpfte auf den Tisch und schnüffelte an meinem Teller, bevor er mich wieder mit dem Anblick seines Hinterteils beglückte. Chuckles hielt von Jalapeños in etwa so viel wie von Hunden.

»Wenn du so weitermachst«, warnte ich ihn, schnappte ihn mir und setzte ihn auf den Boden, »dann finden wir für dich höchstens eine Katzen-Messie-Tante, bei der die mumifizierte Leiche ihrer Schwester noch im Hinterzimmer sitzt.«

Er maunzte mich an, was ich als Bockigkeit interpretierte.

Ich hatte meine Internetrecherche gestartet, bevor die Lust auf Speck überhandgenommen hatte. Das war das einzige Essen, das ich zubereiten konnte und das mir auch stets so gut gelang, dass sich diese Anstrengung überhaupt lohnte. Ich gabelte einen Speckstreifen auf und kaute ihn. Unglaublich, wie lecker das war. Das Fett war noch immer weich genug, um ein paar Trichinen zu beherbergen, und genau so mochte ich es. Eine Mahlzeit ohne Risiko auf irgendwelche parasitischen Wurmlarven ist keine richtige Mahlzeit.

Ich hatte bereits mehrere Möglichkeiten in Betracht gezogen, recherchiert und wieder verworfen, und es war noch nicht einmal zehn Uhr vormittags. Ich war ein Wunder an Produktivität. Sich erhängen dauert zum Beispiel viel zu lange. Entgegen der allgemein verbreiteten Ansicht bricht der Nacken nicht. Man hängt einfach nur zuckend da und erstickt. Und wenn es dann vorbei ist, sieht man alles andere als gut aus. Schusswaffen sind schneller, aber das Saubermachen danach ist die Hölle. Das übernimmt nämlich nicht die Polizei, wie die wenigsten wissen. Die nehmen nur den Leichnam mit. Die Gehirnmasse, die an den Wänden kleben bleibt, ist das Problem der Angehörigen. Vor einigen Jahren gab es eine regelrechte Suizid-Welle in L. A. Die Leute hielten mit ihrem Auto einfach auf den Zugschienen an und nahmen in Kauf, dass andere Menschen dabei zu Schaden kamen.

Sosehr ich diese Medikamente auch verabscheut hatte, so langsam bedauerte ich, sie die Toilette hinuntergespült zu haben. Vielleicht hätte ich mir einfach eine Art neuroleptischen Cocktail mit einem Schuss Gin und einer Zitronenscheibe machen können.

Ich gab »Überdosis« in die Suchmaschine ein und stieß auf einen interessanten Zeitungsbericht:

In den letzten Monaten hat die US-Zollbehörde so viel Tierbetäubungsmittel wie nie zuvor beschlagnahmt. Vor allem bei älteren Bürgern und ihren Angehörigen, die sich das Mittel bei illegalen mexikanischen Apotheken beschafften und dann über die Grenze schmuggelten, wurden häufig große Mengen gefunden. Verabreicht man sie hoch dosiert, sind sie für den Menschen tödlich. Diese Entdeckung hat die Debatte über Sterbehilfe wieder neu entfacht.

Die Zahl todkranker Patienten, die sich eine Überdosis dieser Medikamente verabreichen, nimmt nach neuesten Erkenntnissen immer weiter zu.

Ich las den restlichen Artikel – die ganzen sechs Seiten.

Garden Grove hört sich nach einem schöneren Ort an, als es tatsächlich ist. Es liegt 35 Meilen südlich von Los Angeles mitten im Orange County, wo man große Shoppingzentren und die Republikaner schätzt. Ich muss es wissen, denn ich bin mit fünfzehn dort hingezogen – die Neue an der Schule, was ganz besonders großartig ist, wenn man 1,85 Meter misst und alle anderen in der Regel um mindestens einen Kopf überragt. Wenn man es noch dazu so einrichten kann, dass ein paar unglaublich schlimme Gerüchte über die eigene Familie kursieren – dann ist es das Nonplusultra.

Ich verließ die Fifth und bog zweimal rechts und einmal links auf den Spring Lake Drive ab. Das Haus meiner Tante ist das dritte nach der Ecke auf der linken Seite. Man muss zählen, denn alle Häuser sind beige, haben rechter Hand eine Auffahrt, zwei Fenster und eine Veranda, zu der drei Stufen führen. Bei allen steht ein Baum im Vorgarten. Es ist schon vorgekommen, dass ein Baum krank war und alle Blätter verloren hat. Das ist dann zwar ein hilfreiches, zugleich aber auch unzuverlässiges Erkennungszeichen – zählen ist immer noch am besten. Es geht das Gerücht um, in den Siebzigern hätte jemand versucht, einen Rosenstrauch zu pflanzen. Man hat nie wieder von ihm gehört.

Ich parkte in der Auffahrt, wo mein kaputter rechter Kotflügel bei der nächsten Nachbarschaftszusammenkunft als eigener Tagesordnungspunkt erörtert werden würde, nahm die drei Stufen zur beigen Veranda, klingelte, steckte meine Hände in die Hosentaschen und schnupperte. Der Ort roch genau so wie früher, und ich wurde wieder zu einem kleinen Mädchen.

Wie immer ließ sich Tante Trudy in der Sonne braten. Vom Haaransatz bis zum Knöchel hatte sie sich mit demselben Sonnenöl von Banana Boat eingeölt, das sie seit Jahren verwendete. Bis heute kann ich keinen Kokoskuchen riechen, ohne sofort vietnamkriegsähnliche Flashbacks vor Augen zu haben.

»Du hättest vorher anrufen können.«

Die Haut an ihren Beinen hing über ihre Knie wie eine ausgeleierte Strumpfhose, und ihre dünnen Arme schwabbelten.

»Dann ist doch der ganze Effekt futsch.«

Sie musterte mich von oben bis unten. »Na ja, du kannst genauso gut reinkommen, ehe uns die Rechnung für die Klimaanlage noch an den Bettelstab bringt.«

Ich trat nach ihr ein. Ihr grün-blau karierter Badeanzug war an den Beinen relativ kurz und bauschte sich am Gesäß, als sie sich umdrehte. Ihr Hintern war so flach wie der eines alten Mannes. Sie ging weiter und ich folgte ihr durch Wohnzimmer und Küche, geradewegs durch die gläsernen Schiebetüren in den Garten.

Ihr Liegestuhl stand wie immer neben dem Pool, in dem ich sie noch nie hatte baden sehen, der jedoch wöchentlich gewartet wurde. Ich wusste das. Schließlich bezahlte ich die Rechnungen. Sie legte sich hin und wandte ihr nussbraunes Gesicht der Mittagssonne zu. Man kann nur vermuten, dass Hautkrebs gewisse konservierende Eigenschaften haben muss.

»Eistee ist im Kühlschrank, falls du welchen willst.«

Ihr Glas stand neben ihrem Ellenbogen, die Eiswürfel zu Splittern geschmolzen, die an der Oberfläche schwammen.

Ich setzte mich auf die Liege gegenüber.

»Ich will wissen, was mit Dad passiert ist.«

Sie sah mich nicht an, aber ich bemerkte, wie der Rhythmus ihrer Brust, das Auf und Ab des Atems, kurz stockte und sich dann veränderte.

»Warum?«

»Weil ich es wissen will.«

Sie zog eine Schnute, als hätte ich sie darum gebeten, mir die Haare aus dem Gesicht zu halten, während ich mich über ihre Schuhe erbrach.

»Er ist abgehauen«, sagte sie mit geschlossenen Augen, immer noch der Sonne zugewandt, ähnlich einer blühenden Blume oder einer Eidechse, die ihre Körpertemperatur regulierte, je nachdem, wie man sie betrachtete.

»Weißt du warum?«

»Ich nehme an, er hat eine andere gehabt. Aber wie er das angestellt haben soll, steht auf einem anderen Blatt. Dein Vater war kein attraktiver Kerl.«

Die Erinnerungen, die ich an meinen Vater hatte, waren die eines Kindes; ich wusste nicht, ob er gutaussehend gewesen war. Und selbst wenn, würde Trudy das wahrscheinlich nie zugeben. Ich hatte keine Fotos von ihm. Nur wenige Dinge hatten das Zerbrechen meiner Familie überlebt, und von denen hatte es nichts bis zu mir geschafft. Keine weitergereichten Möbel für mein Zimmer im Studentenwohnheim. Keine Familienfotos, die auf meinem Kaminsims standen. Nicht dass ich je einen Kaminsims gehabt hätte.

»Wusste Mom davon?«

»Deine Mutter hat nicht gerne über solche Dinge gesprochen, und ich habe meine Nase da nicht reingesteckt. Das ging mich nichts an.«

Sie drehte den Kopf gerade weit genug, um mir einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen und mich daran zu erinnern, dass es auch mich nichts anging.

»Warum fragst du mich das jetzt?«, wollte sie in ihrem strengen Tonfall wissen. Bevor sie Bob geheiratet hatte, war sie Lehrerin gewesen – und noch dazu eine gefürchtete.

»Ich will es einfach wissen.«

Tatsächlich erinnerte ich mich, was meinen Vater betraf, nur an sehr wenig. Ich wusste noch, wie es gewesen war, als er ging, aber so gut wie nichts aus der Zeit davor. Er tauchte als verschwommener, unklarer Schatten im Dunstkreis meiner Erinnerungen auf, ein Erwachsener am Rand einer Geburtstagsparty oder jemand, der meiner Schwester und mir ein Bad einließ. Ich war mir ziemlich sicher, dass er braunes Haar hatte, das war dann aber auch schon so ziemlich alles.

»Ich kann dir da leider nicht helfen«, sagte sie. »Nachdem er abgehauen ist, habe ich niemals wieder von ihm gehört. Kein einziges Wort und glaub bloß nicht, dass das für deine Mutter nicht schwer war. Natürlich entschuldigt sie das nicht. Das will ich damit nicht sagen.«

»Überhaupt kein Hinweis? Eine Kreditkartenabrechnung oder etwas in der Art?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Ich blickte zu meinen Füßen. Sie waren groß. In meiner Größe sahen Schuhe niemals gut aus, also hatte ich mich damit abgefunden und scherte mich nicht mehr darum, was für Schuhe ich trug. Gerade waren es schwere Stiefel, in denen meine Füße regelrecht kochten.

Tante Trudy stieß einen verärgerten Seufzer aus, der sich so anhörte, als käme etwas Spucke mit.

»Lass es gut sein, Clementine.«

»Sag mir, an was du dich erinnerst, dann gehe ich nach Hause, und du kannst dich in aller Ruhe weitersonnen.«

»Ich sonne mich bereits weiter.«

Ich wartete.

Es funktionierte.

»Er war Steuerberater, hat für eine Firma in Encino gearbeitet, eine Steuerberatungsfirma. Parker und noch was hießen die. Er hatte einen Schnurrbart, in dem immer etwas Essen hängen blieb, insbesondere der Senf von Hotdogs. Seine Beine waren dünn, und er trug seine Uhr immer an der Unterseite des Handgelenks, weiß der Geier warum. Er war genauso groß wie du. Deine Mutter war noch sehr jung, als sie ihn geheiratet und euch Mädchen bekommen hat. Sie haben sich vor einem Kino kennengelernt. Sind vielleicht sechs Monate miteinander ausgegangen, ehe er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat. Verdammt, Clementine, er könnte inzwischen längst gestorben sein. Was ändert das jetzt noch?«

Ich spürte einen Stich im Magen, als würde eine Nadel in einen Luftballon gestochen. Sie hatte recht. Mom war tot. Es gab keinen Grund zu denken, dass er noch leben musste. Zwischen verwaist und verlassen war der Unterschied nicht so groß. Nur, dass es dann keine Möglichkeit mehr für ein Gespräch gab.

»Ich muss mal auf die Toilette«, sagte ich und ging nach drinnen.

Dort öffnete ich den Kühlschrank, denselben, den sie seit den Siebzigern hatte. Der Krug mit dem Eistee war schwer und aus Glas mit leuchtenden orangefarbenen Sonnenstrahlen, die von der Mitte ausgingen. Jeder Sammler von 50er-Jahre-Nippes würde sich danach die Finger lecken. Ich schenkte mir etwas in ein dazu passendes Glas aus der Vitrine ein und nahm es mit in den Flur. An den Wänden hingen Porträtaufnahmen von Trudy und ihrem zweiten Mann Bob. Seit ihrer Hochzeit hatten sie sich alle paar Jahre ablichten lassen, und so gab es jetzt ein Dutzend Fotos in chronologischer Reihenfolge, wie ein Daumenkino des Alterns.

Ich ging am Badezimmer mit dem flauschigen hellblauen Überzug auf dem Toilettendeckel vorbei in mein altes Zimmer, das jetzt nicht mehr mein Zimmer war. Die Wände waren gelb und standen gerade weit genug auseinander, um ein Bett, eine Kommode und einen Schreibtisch darin unterzubringen, wenn es einen nicht zu sehr störte, sich ständig das Schienbein anzuschlagen. Vor dem Tod meiner Mutter und meiner Schwester war es Tante Trudys Nähzimmer gewesen, in dem nur sehr wenig genäht wurde, dafür aber umso mehr Seifenopern auf dem kleinen Schwarzweißfernseher in der Ecke liefen. Sie entfernte den Fernseher an dem Tag, als ich kam, und stellte ihn wieder hinein, als ich auszog, um auf die Kunsthochschule zu gehen. Ich trat zum Fenstersims und fuhr mit der Hand über die Unterseite. Meine Initialen, hineingeritzt mit einem Messer, waren noch immer da, das hatte doch etwas zu bedeuten, fand ich.

Von den drei Jahren, in denen ich in diesem Zimmer geschlafen hatte, konnte ich mich an vieles nicht mehr erinnern, und mir war auch nicht wirklich danach, jetzt darüber nachzudenken. Irgendwann musste ich dann tatsächlich auf die Toilette.

Als ich wieder zurück in den Garten kam, war Bob vom Einkaufen zurück. Die Papiertüten standen noch auf der Theke, doch er hatte sein Hemd ausgezogen und saß mit bloßem Oberkörper auf einem Stuhl neben Trudy. Aufgrund einer genetischen Veranlagung hatte er keinerlei Körperbehaarung. Noch nicht einmal Wimpern, was sich unbedeutend anhört, und doch fehlen sie, wenn man jemanden ansieht. Er war fast so braun wie Trudy, aber nur fast.

»Clementine!«, rief er.

Trudy hatte wohl nicht erwähnt, dass ich da war.

»Ich wusste nicht, dass du uns besuchen kommst.«

»Wir haben nur in ein paar alten Familienerinnerungen geschwelgt«, sagte ich.

Er nickte. Bob hatte mich schon immer mehr gemocht als Trudy. Rückblickend war es vermutlich eine Erleichterung für ihn gewesen, nicht der einzige Freak im Haus zu sein.

»Lasst euch nicht unterbrechen«, sagte er, legte die Hände auf die Knie und richtete sich zu seiner vollen Größe von knapp 1,70 Meter auf. »Mein Eis da drin schmilzt.«

Trudy und ich sahen ihm zu, wie er sein ganzes Gewicht einsetzte, um die klemmende Schiebetür aufzuziehen, und dann nach drinnen schlenderte.

»Er ist ein guter Mann«, sagte sie.

Ich widersprach nicht.

»Ich hatte mehr Glück als deine Mutter.«

Sie sprach von ihr immer als »meine Mutter«, nannte sie nie beim Namen.

»Wie die meisten Leute.«

Ich fand allein zur Tür, auf dem Weg nahm ich eine halb leere Flasche Jack Daniel’s von der offenen Hausbar mit. Ich war der Meinung, das stünde mir zu.

28 TAGE

»Würden Sie sagen, dass ein Huhn wie ein Mensch ist?«

Beide Hände des Metzgers lagen flach auf der Fleischtheke, auf seinen Fingern sprossen schwarze, borstige Haare. Hinter der Glasscheibe waren zart marmorierte rote Steaks schindelartig übereinandergestapelt, Schulterstücke lagen aufgereiht neben bereits zubereiteten Fleischspießen, die in grüne Plastikfolie eingeschlagen waren.

»Sie meinen, jetzt vom Geist her, oder wie?«, fragte er.

»Ich muss üben, Injektionen zu verabreichen. Würden Sie dafür ein Huhn empfehlen?«

»Ganz sicher würde ich dafür kein tiefgefrorenes Huhn empfehlen.« Er drückte sich vom Tresen weg, und seine breiten Schultern sanken von den Ohren herab. Dann steckte er seine haarigen Hände in die Taschen seines Arbeitskittels. »Ein frisches könnte geeignet sein.«

»Dann nehme ich das«, sagte ich.

Er verschwand durch die Schwingtür, hinter der sich, so nahm ich an, die Tische befanden, auf denen Hühner, Schweine und wildgefangener Lachs aus Alaska zerlegt und in ihre köstlichsten Stücke zerteilt wurden. Schließlich kam er mit meinem Huhn zurück, in weißes Metzgerpapier eingeschlagen, und ließ es auf die Waage fallen.

»Und noch ein T-Bone-Steak«, sagte ich.

»Auch für Injektionen?«

»Nein, zum Essen.«

Zu Hause lernte ich dann auf die harte Tour, dass Chuckles im Badezimmer eingesperrt werden musste. Offenbar hatte er keinerlei Respekt vor wissenschaftlichen Experimenten.

Ich durchwühlte meine Regale auf der Suche nach den Erste-Hilfe-Handschuhen, die Jenny verwendete, wenn sie etwas zusammenmischen sollte, was sie als besonders giftig erachtete. Rohes Hühnchenfleisch schien mir das Äquivalent zu Kadmium zu sein. Schließlich wollte ich mich umbringen, nicht Dünnpfiff bekommen.