4 Months, 24 Melodies & 1 Maybe - Lea Kaib - E-Book

4 Months, 24 Melodies & 1 Maybe E-Book

Lea Kaib

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Beschreibung

Haters-to-Lovers-Romance: Ari und Elijah finden überraschend die Liebe Als Ari Marshall einen Anruf von deren Agentin erhält, ist dey ekstatisch: Ari ist Teil des Cast des neuen Rock-Musicals! Doch es gibt einen Riesenhaken: Ausgerechnet Elijah Weatherford, Aris Konkurrent seit der Schauspielschule, spielt im Stück mit. Er steht für all das, was Ari abgrundtief hasst. Ari will die Rolle zwar nicht einfach wegen eines arroganten Mistkerls aufgeben, aber wie soll dey vier Monate auf Tour mit ihm überstehen, wenn zwischen ihnen die Fetzen fliegen? Voller Humor und Tiefgang: Lea Kaib, alias @liberarium (und @lea_kaib) erschafft eine Wohlfühl-Romance mit Charme und Herz 

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lea Kaib

4 Months, 24 Melodies & 1 Maybe

 

 

Über dieses Buch

 

 

Haters-to-Lovers-Romance: Ari und Elijah finden überraschend die Liebe

 

Als Ari Marshall einen Anruf von deren Agentin erhält, ist dey ekstatisch: Ari spielt im Cast des neuen Rock-Musicals! Doch es gibt einen Riesenhaken: Ausgerechnet Elijah Weatherford, Aris arroganter Konkurrent seit der Schauspielschule, spielt im Stück mit. Er steht für all das, was Ari abgrundtief hasst. Ari will die Rolle zwar nicht einfach wegen eines arroganten Mistkerls aufgeben, aber wie soll dey vier Monate auf Tour mit ihm überstehen, wenn zwischen ihnen die Fetzen fliegen?

 

Voller Humor und Tiefgang: Lea Kaib, alias @liberarium (und @lea_kaib) erschafft eine Wohlfühl-Romance mit Charme und Herz vor der bezaubernden Kulisse Londons

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

Lea Kaib ist 1990 geboren und wohnt in Leverkusen. Die studierte Germanistin empfiehlt als »Liberiarium« unzählige Bücher, Filme und Serien auf ihren Social-Media-Kanälen, insbesondere Jugendbücher, New Adult und Fantasy. Freiberuflich arbeitet sie als Journalistin. Lea wünscht sich, dass es mehr Werke wie »Not that kind of girl« von Lena Dunham gäbe. 

Impressum

 

 

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

© 2026, Fischer Sauerländer GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Lektorat: Regine Teufel

Covergestaltung: FAVORITBÜRO, München, unter Verwendung von Bildmaterial von Adobe Stock und Shutterstock

ISBN 978-3-7336-0887-3

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

Widmung

Hinweis auf triggernde [...]

Ari & Elijah

Prolog

Ari

Kapitel 1

Ari

Kapitel 2

Elijah

Kapitel 3

Ari

Kapitel 4

Elijah

Kapitel 5

Ari

Kapitel 6

Elijah

Kapitel 7

Ari

Kapitel 8

Elijah

Kapitel 9

Ari

Kapitel 10

Elijah

Kapitel 11

Ari

Kapitel 12

Elijah

Kapitel 13

Ari

Kapitel 14

Elijah

Kapitel 15

Ari

Kapitel 16

Elijah

Kapitel 17

Ari

Kapitel 18

Elijah

Kapitel 19

Ari

Kapitel 20

Elijah

Kapitel 21

Ari

Kapitel 22

Elijah

Kapitel 23

Ari

Kapitel 24

Elijah

Kapitel 25

Ari

Kapitel 26

Elijah

Kapitel 27

Ari

Kapitel 28

Elijah

Kapitel 29

Ari

Kapitel 30

Elijah

Kapitel 31

Ari

Kapitel 32

Elijah

Kapitel 33

Ari

Kapitel 34

Elijah

Kapitel 35

Ari

Kapitel 36

Elijah

Kapitel 37

Ari

Kapitel 38

Elijah

Kapitel 39

Ari

Kapitel 40

Elijah

Kapitel 41

Ari

Kapitel 42

Elijah

Kapitel 43

Ari

Kapitel 44

Elijah

Kapitel 45

Ari

Kapitel 46

Elijah

Epilog

Ari

Danksagung

Theater-Lexikon

Inhaltsinformationen

Für alle King-Queens und jene, die täglich für ihre Sichtbarkeit und Identität kämpfen.

Ihr seid nicht allein.

Hinweis auf triggernde Inhalte

Liebe Lesende, ich bin ein großer Fan von Content-Warnungen und finde es wichtig, dich vor deinem Leseerlebnis über potenziell triggernde Elemente zu informieren. Da manche Trigger gleichzeitig auch Spoiler zur Geschichte sein können, findest du die Content Notes am Ende des Buchs auf Seite 479.

 

Bitte pass auf dich auf, und vor allem: Sei gut zu dir und deiner Gesundheit.

 

Deine Lea

Ari & Elijah

Playlist

 

 

 

Dear Evan Hansen Original Broadway Cast – Anybody Have a Map?

Taylor Swift – New Year’s Day

Linkin Park – Over Each Other

K-Pop Demon Hunters Cast – Free

Bob Dylan – Knockin’ on Heaven’s Door

Queen – Somebody to Love

Queen – We Will Rock You

Ed Sheeran – A Little More

Bon Jovi – It’s My Life

Shakira – Whenever, Wherever

Lady Gaga – The Dead Dance

Moulin Rouge Cast – Elephant Love Medley

Taylor Swift feat. Sabrina Carpenter – The Life of a Showgirl

Prolog

oder

Traumtanzen

Ari

Du hast die Rolle.

Ich kann die Stimme meiner Agentin am Telefon hören, doch mein Gehirn kann nicht begreifen, was sie mir mitteilt. Es rauschen Hunderte von möglichen Szenarien durch meine Gedanken – wie ich meinen Koffer für die Tour packe, wie ich in der Garderobe sitze und jemand ein winziges Mikrofon unter meiner Perücke an meiner Stirn befestigt, wie ich den ersten Ton auf der Bühne singe – und gleichzeitig ist in meinem Kopf komplette Leere. Ich fasse nicht, was gerade geschieht.

Passiert das wirklich?

Mein Mund kann keine Worte formen, um diesem wahr gewordenen Traum Ausdruck zu verleihen.

Ich muss schlucken. Hart.

»Stimmt etwas nicht, Ari?«, fragt Indra, weil ich nichts entgegne.

Ich will ihr versichern, dass es mir gut geht und ich einfach fassungslos bin, schließlich hat sie mir gerade die beste Nachricht aller Zeiten überbracht – trotzdem bleibe ich sprachlos. All die Jahre meiner Ausbildung, das harte Training, die unendlich vielen Stunden des Lernens, Übens und Scheiterns haben mich genau hierhin geführt.

Ich sollte jubeln, aufschreien und tanzen, oder? Aber warum stehe ich einfach nur da, mit dem Handy am Ohr? Nahezu regungslos.

Etwas in mir zweifelt daran, dass die Nachricht tatsächlich echt ist. Dabei weiß ich, dass es sich nicht um einen Scherz handelt. Es ist ihre Nummer auf meinem Handydisplay, die angezeigt wird, und es ist definitiv ihre Stimme.

Ich zwinge mich dazu, mehrfach hintereinander zu blinzeln, denn das holt mich aus meiner Gedankenspirale; ich räuspere mich und atme tief durch die Nase ein.

»Wow.« Mehr zu sagen, bringe ich nicht zustande.

»Ja, wow«, gibt Indra zurück, und ich glaube zu hören, wie sie lächelt.

»Und das ist fest? Du meinst nicht, sie überlegen es sich noch mal?«

Es ist nur schwer vorstellbar, dass sich mein Leben mit einem einzigen Anruf verändern kann. Dabei sind die Casting-Prozesse für mich nicht neu. Der Ablauf ist fast immer der gleiche: Meine Agentin schickt mir Mails zu Castings, die mich interessieren könnten, und ich gehe dann zum Vorsprechen. Manchmal gibt es weitere Runden, in denen ich etwas aus dem Stück tanzen oder singen soll, und wenn sie, also das Team hinter der Musical-Produktion, mich ernsthaft für eine Rolle in Betracht ziehen, laden sie mich zu sogenannten Chemistry-Readings ein. Dann treffe ich die anderen Kandidat*innen, wir proben gemeinsam eine Szene, und wenn die Chemie stimmt, kommt irgendwann der Anruf meiner Agentin. Klar, der Anruf kommt auch dann, wenn ich mir wieder einmal eine Absage anhören muss. So, wie es in 95 Prozent der Fälle nun mal ist. Die Rolle kann nur eine Person bekommen. Und das bin oft nicht ich.

»Quatsch, sie wollen dich«, antwortet Indra ohne Umschweife. Mein Kopf kommt kaum nach, die ganzen Informationen zu verarbeiten. »Wirklich«, hängt sie an, weil sie weiß, wie schwer ich mich mit alldem tue. Nicht weil ich diese Rolle nicht unbedingt wollte, ganz im Gegenteil. Es ist einfach kaum zu fassen, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Ich bin eben nur eine von vielen Personen, die sich für das Casting gemeldet hat.

In dem Moment legt sich ein Schalter in mir um.

Ich gehe auf Tour. Mit meinem Lieblingsmusical.

Ohne darauf zu achten, ob Indra einen Hörsturz bekommen könnte, brülle ich euphorisch los. Ich kneife fest die Augen zusammen, presse meine Finger um das Handy und renne auf der Stelle. Mein Zimmer ist zu klein und unordentlich, um wild durch die Gegend zu hüpfen, also muss die Energie irgendwie anders heraus.

»Na geht doch«, sagt sie, als meine undeutlichen Laute zu einem Lachen werden, das nur langsam abebbt.

»Danke dir.«

Indra ist als meine Agentin dazu verpflichtet, sich um meine schauspielerische Karriere zu kümmern. Ich will gar nicht wissen, wie viele Klient*innen sich nie bei ihr bedanken. Darum ist es mir besonders wichtig, ihren Job zu würdigen, denn ohne sie hätte ich wiederum keine Arbeit.

»Das ist alles dein Verdienst.«

Es fällt mir schwer, Lob oder Komplimente anzunehmen. Auch jetzt kann ich nur die Lippen zu einem angedeuteten Lächeln zusammenpressen. In vielen Dingen bin ich einfach richtig schlecht, vielleicht wenn man vom Klavierspielen absieht. Handwerklich bin ich ungefähr so begabt wie eine Ente beim Ballett. Einmal bin ich unglücklich gegen meinen Schreibtisch geknallt, sodass eines der hölzernen Beine einen Knacks bekam. Daraufhin nahm ich eine Rolle Panzertape und wickelte es so oft um die Bruchstelle, bis der Schreibtisch nicht mehr wackelte. Wenn ich koche, endet das oft in einem Herdbrand – darum habe ich in der Wohngemeinschaft ganz offiziell Kochverbot bekommen. Autofahren ist für mich die reinste Hölle; Pflanzen und Blumen halten bei mir nur ein paar Tage durch, bis sie verwelken, weil ich verplane, sie zu gießen; und wenn ich das Haus verlasse, vergesse ich mindestens eine wichtige Sache.

Aber Schauspielern – darin bin ich verdammt gut.

Ich habe unnachgiebig dafür gekämpft: drei Jahre Drama School, unzählige Nebenjobs, um mein Leben und das Studium zu finanzieren, Tränen, Schweiß und ja, auch hin und wieder blutige Füße und blaue Flecken. Die Ausbildung besteht eben nicht nur darin, Shakespeare in- und auswendig zu lernen und Monologe vorzutragen. Ich habe mich durch Movement-Kurse gequält, lernte, wie ich mich auf der Bühne mit Schwertern oder Degen duelliere, verbrachte Stunden über Stunden mit Dramentheorien und den unterschiedlichsten Arten der Schauspieltechnik. Mittlerweile beherrsche ich eine beachtliche Anzahl an Dialekten und weiß sogar, wie man im Puppenspiel überzeugt. Auf Kindergeburtstagen wäre ich der Hit.

Allerdings kann man noch so gute Noten beim Abschluss der Schauspielausbildung einfahren, ein beglaubigtes Zeugnis garantiert leider keine Karriere. Vitamin B dagegen hilft enorm. B wie Beziehungen. Darum ist es wichtig, viele Kontakte zu knüpfen. Immer schön freundlich bleiben. Aber auch das ist für mich nicht leicht. Eigentlich absurd. Sollten Schauspieler*innen nicht immer genau so auftreten können wie gerade angemessen?

Nein, auf der Bühne spielen wir eine Rolle. Sich selbst kann man nicht spielen. Nicht so gut und nicht auf Dauer.

»Ich maile dir später alle Infos, die ich bereits bekommen habe, okay?«, holt mich Indra aus meinen Gedanken.

»Klar«, antworte ich betont lässig, obwohl meine Finger immer noch zittern.

»Die Termine für die Proben habe ich schon. Die Tourdaten kannst du auf der Website der Show noch mal gegenchecken. Du bekommst aber natürlich noch einen ausführlicheren Plan mit Details.«

»Okay, gut.« Ich bin gerade sowieso viel zu aufgeregt, um mir Termine und Daten einzuprägen. Vier Monate werde ich durch das Vereinigte Königreich touren. Fast jeden Tag werde ich die 24 Songs von Somebody to Love singen.

Kaum begreife ich, was das alles bedeutet, wird mir schwummrig. Ich muss eine Person zur Untermiete finden, denn die Kosten für mein Zimmer fallen nicht einfach weg, nur weil ich unterwegs bin. Ist mein Koffer überhaupt groß genug? Muss ich mich um die Unterkünfte auf der Tour selbst kümmern, oder macht das alles die Theater-Company? »Ich werde das jetzt erst einmal sacken lassen«, sage ich schließlich, um das Gespräch mit Indra zu Ende zu bringen.

»Mach das. Und check nachher deine Mails!« In ihrer Stimme liegt eine Dringlichkeit, die ich an Indra bewundere. Obwohl sie streng ist und Respekt einflößt, ist sie eine herzensgute Seele. Liebevoll, sorgfältig und ordentlich.

»Versprochen«, antworte ich schnell und suche im gleichen Moment auf meinem chaotischen Schreibtisch nach einem Stift und einem Zettel. Unter einer Notenmappe werde ich fündig und schreibe mir eine Erinnerung. Andernfalls würde ich vermutlich vergessen, später meinen Posteingang zu prüfen.

»Bis dann, Ari«, verabschiedet sich Indra in einem melodischen Singsang.

»Danke noch mal und bis bald«, werfe ich ein, bevor das Tuten ertönt. Wie in Zeitlupe lege ich mein Handy auf den Schreibtisch. Ich schaue aus dem Fenster, betrachte den Regen, der nur noch spärlich gegen die Scheibe tropft, und sehe, wie in dem Moment die Wolken aufbrechen. Ein Sonnenstrahl kitzelt mich an der Nase, und ich fange an zu lachen.

Ich glaube nicht an Schicksal oder so, aber die plötzlich aufleuchtende Sonne ist wie ein Zeichen. Ein Zeichen, dass es bergauf geht. Dass sich all die Anstrengung gelohnt hat. Eine Zusage, die vielleicht mein Leben verändern wird. Möglicherweise kann ich durch diesen Job meine Karriere so richtig anstoßen. Und falls nicht – wenn ich in einigen Monaten wieder von Aushilfsjobs lebe und die Abende und Wochenenden in winzigen Theatern außerhalb der Stadt spiele –, dann kann ich wenigstens nach der Tour darauf zurückblicken und stolz sagen, dass ich bei meiner liebsten Show dabei war.

Somebody to Love.

Ich schließe die Augen, um den Moment auszukosten. Das Lächeln auf meinen Lippen wird breiter, als ich an die Songs aus der Show denke, die ich schon bald professionell erarbeiten werde. Dem Drang folgend, die Musik aus mir herauszulassen, summe ich die Melodie der Ouvertüre. Meine Lippen vibrieren. Ich mache mit den Schultern kleine Kreise, lege den Kopf abwechselnd nach links und rechts. Meine Wirbelsäule knackst leise, bevor ich plötzlich auf der Stelle zu tanzen beginne. Aus dem Summen formen sich Worte, die über meine Lippen purzeln, und ich bin nicht länger in London.

Auf einmal stehe ich auf einer Bühne, trage ein Kostüm und bin Teil des Ensembles. Als ich den Kopf neige und an mir herabsehe, fällt mir auf, wie das Scheinwerferlicht von meiner mit Nieten besetzten Lederhose reflektiert wird. Staub wirbelt in dem bläulichen Strahl auf, in dem ich stehe. Beinahe sieht es aus, als würde es schneien. Ich singe den Refrain, und kurz vor dem Schluss stelle ich einen Fuß auf den Pappmaché-Stein vor mir, genau wie die anderen. Das Geräusch, das dadurch entsteht, lässt mich ins Publikum aufsehen. Weil das Licht so grell ist, kann ich im Theatersaal nur verschwommene Silhouetten ausmachen. Doch das ist mir sowieso viel lieber. Ich könnte mich kaum konzentrieren, wenn ich die Mimik in den Gesichtern der Zuschauenden erkennen würde.

Tief hole ich Luft und singe die letzten Noten, die besonders hoch enden. Dabei nehme ich die Arme zur Seite über meinen Kopf, bis –

»Shit!«, fluche ich, als mein Handrücken mit vollem Karacho gegen meine Schreibtischlampe stößt, die krachend umkippt.

Dahin sind die Bühne, mein Kostüm und das Ensemble. Jetzt steht nur der stechende Schmerz im Fokus. Ich schüttele hektisch die Hand und ziehe scharf die Luft ein. Dann begutachte ich die Haut an meiner Hand. Die Stelle ist leicht gerötet. Das gibt vermutlich einen blauen Fleck. Langsam bewege ich das Handgelenk.

Halb so wild, hoffe ich. Das wird schon wieder.

Worte, die ich mir ständig sage.

»Alles okay dadrin?«, fragt eine tiefe Stimme auf der anderen Seite meiner geschlossenen Tür.

»Ja, bin beim Traumtanzen gegen meine Lampe gekommen«, rufe ich zurück und reibe vorsichtig mit dem Daumen über den geschundenen Handrücken. Ich muss besser aufpassen.

»Hast du dir wehgetan?«, fragt mein Mitbewohner.

»Geht schon.«

Nur einen Atemzug lang ist es still, dann klopft er an meine Tür, und ich bitte ihn herein. Marius trägt ein Tanktop und enge schwarze Boxershorts. Er hat sein kurzes blondes Haar seit gestern nicht gewaschen, das sehe ich an den zurückgegelten Strähnen. So wie ich ihn kenne, wird er die Frisur noch richten, bevor er die Wohnung verlässt. Marius achtet sehr auf sein Äußeres, ohne dabei eitel zu sein. Das ist eine der Eigenschaften, die ich besonders an ihm mag. Er ist extravagant, aber nie überheblich.

»Und warum der Traumtanzausbruch?«, will er wissen und lehnt sich gegen den Türrahmen. Gekonnt hebt er eine Augenbraue und grinst mich verschmitzt an.

»Meine Agentin hat gerade angerufen«, beginne ich und sehe, wie sich die Mundwinkel von Marius noch höher ziehen. Er ahnt, was ich gleich sagen werde. »Ich habe die Rolle in Somebody to Love.«

Marius klatscht. Erst gemächlich und langsam, dann werden seine Hände schneller, und er jubelt.

»Verdient gerockt«, lobt er mich, was ich mit einem gespielt genervten Augenrollen kommentiere, denn ich kann einfach nicht verbergen, wie sehr ich mich freue. Über seine Worte, über den Job.

Als sein Klatschen und Jubeln abebben, macht Marius einen Schritt auf mich zu. »Darf ich dich umarmen?«

»Du?«, betone ich scharf und mustere ihn von oben bis unten, als ob ich es mir erst einmal überlegen müsste, eine Umarmung anzunehmen. »Du immer«, schiebe ich hinterher, und wir drücken uns fest.

»Ich bin stolz auf dich«, flüstert mir Marius ins Ohr.

»Was ist denn hier los?«

Eine andere Stimme schaltet sich ein. Wir lösen uns aus der Umarmung. Danbi steht im Türrahmen und schaut mich mit ihren großen Rehaugen an, während sie mit einer schwarzen Haarsträhne spielt.

»Umarmungszeit«, gibt Marius zurück, als wäre das die logischste Erklärung für unsere Freude. »Willst du mitmachen?«

Danbi nickt knapp und will zu uns stoßen, doch sie blickt auf das Chaos, das sich auf dem Boden ausgebreitet hat: Klamotten, Ladekabel, ein leerer Pizzakarton … Ein Teppich aus Sammelsurien, der sich in meinem Zimmer erstreckt. Danbi ist die Ordentlichste von uns vieren. Ohne sie hätten wir weder einen Putzplan, noch wüssten wir, wann der Müll abgeholt wird. Dass sie nicht weiß, wie sie sich durch mein Chaos zu uns bewegen soll, kann ich ihr vom Gesicht ablesen.

»Hüpf einfach drüber.«

Marius hat es nicht gestört, über meine Shirts zu steigen, bei Danbi sieht es aus wie ein Tanz um Sprengminen.

»Gibt es einen Anlass für das Gekreische? Höchst ungewöhnlich, euch beide am frühen Morgen so wach zu sehen.« Sie redet manchmal gestelzt, als käme sie aus einer anderen Zeit. Kaum ist sie beim Pizzakarton angekommen, zieht sie die Nase kraus. Vermutlich überlegt sie, wie lange die Verpackung schon dort liegt.

Glaub mir, Danbi. Das willst du nicht wissen.

»Los, erzähl es ihr«, sagt Marius, und ich berichte. Bis ich sie ins Bild gesetzt habe, ist Danbi bei uns angelangt.

»Wow, das ist großartig«, erwidert sie fröhlich und breitet die Arme aus. Die Ärmel ihres rosafarbenen, erdbeergemusterten Flauschcardigans rutschen ihr dabei fast bis zu den Ellenbogen herunter. Sie ist ein wandelndes Pastellbonbon. In ihrem Kleiderschrank stapeln sich Motivhaarspangen, bunte Faltenröcke und weiße Socken. Irgendwann habe ich mal eine ganze Kiste mit lilafarbenem Nagellack erspäht, als ich bei ihr im Zimmer stand. So niedlich sie sich kleidet, so kontrastreich ist ihr Musikgeschmack: Danbi singt – unfassbar – in einer Hardcore-Metal-Band. Der Sound ist genial!

Ich muss mich runterbeugen, um sie zu drücken. Der Arm von Marius legt sich um uns, und plötzlich wird es ganz warm in unserer Mitte.

»Ich vermisse dich jetzt schon«, seufzt Danbi, sodass es mir noch schwerer fällt, mich von ihr und Marius zu lösen.

»Ich dich auch«, sage ich ehrlich. Die beiden stärken mir den Rücken, wann immer ich ihre Hilfe benötige.

Als ich nach der Schule mein Studium in London begann, zog ich in eine WG. Es machte mich anfangs nervös, mit gleich drei Fremden zusammenzuziehen. Bisher kannte ich nur das Leben mit meinen Eltern und den Zwillingen. Zu dem Zeitpunkt lebten Danbi und Marius noch nicht bei uns. Nur Hans, der vermutlich schon seit ein paar Stunden auf der Arbeit ist, war die Konstante. Er ist der Einzige von uns, der keinen Job in der Medien- oder Kunstindustrie hat.

Zunächst waren wir eine reine Zweck-WG. Jede Person lebte quasi für sich, nur das Badezimmer und die Küche teilten wir uns. Die anderen beiden sah ich so gut wie nie, und Hans … Nun, er ist nicht gerade ein Mensch, mit dem man schnell warm wird. Er lässt sich Zeit damit zu entscheiden, wen er in sein Herz schließt.

Marius kam ein halbes Jahr nach mir in die Wohngemeinschaft, als er eine Ausbildung zum Visagisten begann. Mittlerweile ist er in der Maskenbildabteilung an einem Theater angestellt. Auch wenn wir in der gleichen Branche sind, kamen wir bisher nicht in den Genuss, zusammenzuarbeiten. Vielleicht irgendwann einmal.

Es war Marius, der das WG-Leben in Schwung brachte. Er schlug vor, einmal in der Woche zusammen zu kochen (wobei ich lediglich den Abwasch erledigte) und einen gemeinsamen monatlichen Filmabend zu machen. Ein Jahr nach ihm zog dann Danbi ein, die mit ihrem Ordnungswahn noch mal alles auf den Kopf stellte. Sie ist das Beste, was uns passieren konnte.

Seitdem kann ich mir ein Leben ohne diese drei Menschen nicht mehr vorstellen. Aber genau das wird auf mich zukommen, wenn ich demnächst toure.

Wie cool das klingt: Ich toure.

Die Worte heitern mich auf und vertreiben die Gedanken an den Trennungsschmerz.

»Habt ihr heute Abend etwas vor?«, fragt Danbi, obwohl sie ganz genau weiß, dass meine Schicht um 11 Uhr beginnt und Marius nur am Mittag ins West End muss, um sich mit dem restlichen Maskenteam während der Probenzeit abzusprechen. Weder Marius noch ich antworten ihr, stattdessen schenken wir ihr einen vielsagenden Blick: Sie sollte keine Fragen stellen, deren Antworten sie schon kennt. »Hans ist vermutlich gegen halb sechs zurück. Soll ich zur Feier des Tages eine Flasche Sekt besorgen, und wir stoßen dann gemeinsam auf dich an?« Danbi sieht zu mir.

»Gern«, antworte ich, und Marius fängt an, rhythmisch zu schnipsen. Dabei bewegt er seinen Oberkörper zu einer lautlosen Melodie und tanzt mich von der Seite an, sodass ich lachen muss.

»Wir stoßen auf King-Queen an!«, singt er schief, aber das stört niemanden von uns.

Der Spitzname, den ich von Marius bekommen habe, macht mir jedes Mal sofort gute Laune.

Ich wackele mit den Hüften, und Danbi schließt sich an. Sie hebt wedelnd die Arme und sieht dabei ein bisschen aus wie diese aufblasbaren Werbepuppen, die sich im Wind bewegen. Einen Augenblick wippen wir auf der Stelle, bis das Schnipsen von Marius stetig langsamer wird und wir die Tanzsession beenden. Schweigend, aber noch immer grinsend schauen wir einander an. Dann sehe ich, wie Danbis Blick an mir vorbei zu meinem Schreibtisch gleitet. Ich schnaube, weil ich weiß, was jetzt kommt.

»Willst du die Lampe nicht mal wieder hinstellen?«

Kapitel 1

oder

Hilfe, ich werde sterben!

Ari

Nachdem ich Danbi wieder beruhigt und mich um die Lampe gekümmert habe, verlassen mich meine Mitbewohner*innen. Durch die geöffnete Tür sehe ich, wie Marius auf das Badezimmer im Flur zusteuert. Die folgenden Geräusche der Kaffeemaschine verraten mir, dass sich Danbi in die Küche verzogen hat. Nur für einen kurzen Moment lasse ich zu, dass mich die Leere, die mich ohne sie auf der Tour zwangsläufig überkommen wird, beunruhigt, dann schüttele ich alle negativen Gedanken ab.

Mit vor Glück zitternden Händen suche ich nach einem leeren Blatt Papier und einem Stift auf meinem Schreibtisch, beides finde ich unter einer Sammlung von Theaterprogrammen, für die ich einfach keinen Platz in meinem überfüllten Regal habe. Obwohl Bequemlichkeit etwas anderes ist, setze ich mich auf den Berg an Klamotten, die sich auf meinem Stuhl stapeln, um mir einen Augenblick Zeit zu nehmen, mich zu sortieren. Mein Zimmer mag zugemüllt sein, doch in meinem Kopf brauche ich Ordnung.

Ganz oben auf das weiße Blatt schreibe ich in Großbuchstaben TO DO, ehe ich meinen Tagesplan überschlage. In einer knappen halben Stunde verlasse ich für die Arbeit das Haus, genug Zeit, um noch etwas zu frühstücken. Nach der Schicht warten meine Freund*innen auf mich. Kurz fällt mein Blick auf die Notiz, die ich mir vorhin gemacht habe und die mich daran erinnern soll, meine Mails zu checken. Das kann ich irgendwann unterwegs machen. Woran muss ich noch denken?

TO DO

Untermiete (vielleicht heute Abend beim Anstoßen ansprechen?)

Geeigneten Koffer suchen

Mum und Dad anrufen

Zeitplan erstellen

Beide Zettel landen in meinem Rucksack, den ich bereits für die Arbeit gepackt habe. So wird es mir hoffentlich unmöglich sein, etwas davon zu verpeilen.

Nachdem ich mir in der Küche zwei Toasts geschmiert und beim Essen mit Danbi gequatscht habe, werfe ich, zurück in meinem Zimmer, einen Blick auf die Wetter-App auf meinem Handy. Es ist zwar schon Ende Juni, aber der Sommer in London ist launischer denn je, und auf ein Gewitter bin ich dann doch lieber vorbereitet, als nass zu werden. Statt Regen und Blitze zeigt mir die App eine Sonne, die hinter ein paar Wolken verschwindet. Trotzdem packe ich vorsichtshalber meinen handlichen Knirps ein. Den morgendlichen Schlabberlook tausche ich gegen Jeansshorts mit weitem Bein, und ehe ich ein lockeres Shirt überstreife, ziehe ich darunter einen Binder an.

»Bis später«, rufe ich durch den Flur, nachdem ich meine dunkelroten Chucks angezogen habe und die Wohnung verlasse. Fast gleichzeitig wünschen Danbi und Marius mir einen schönen Tag, was mir ein Lächeln auf die Lippen zaubert, als ich die Treppen des Hausflurs hinabsteige.

Das wird ein guter Tag, beschließe ich und denke instinktiv an den ersten Song aus dem Musical Dear Evan Hansen, in dem es unter anderem um Briefe geht, die sich der Protagonist selbst schreibt. Jeder beginnt mit der These, dass der angebrochene Tag ein guter wird.

Den Ohrwurm werde ich so schnell nicht los.

Der Asphalt ist vom Regen noch feucht, doch immerhin haben sich keine großen Pfützen auf den Straßen gebildet, was mir zugutekommt, wenn ich das Fahrrad nehme. Als ich von Liverpool nach London zog, war ich Feuer und Flamme, die Stadt mit der Tube zu erkunden. Doch schnell stellte ich fest, wie teuer es auf Dauer ist, die Underground zu nehmen. Auf den Bus konnte ich mich nie verlassen. Entweder war ich zu spät dran, oder der Bus ließ auf sich warten. Irgendwann entdeckte ich die Fahrradleihstationen. Ein Segen für mein Portemonnaie und meine Nerven!

Ein paar Schritte die Straße hinab taucht schon das rote Logo der Station auf, sodass ich die Santander-Cycles-App öffne und mir, dort angekommen, eines der verfügbaren Fahrräder leihe. Von Stratford bis zur Innenstadt brauche ich nicht einmal eine halbe Stunde. Wenn ich mir ab und an ein E-Bike leihe, bin ich sogar schneller unterwegs. Dann fahre ich auch gerne den Umweg durch den Queen Elizabeth Olympic Park.

Heute nehme ich die kurze Strecke und ein normales Bike, mit dem ich über die High Street brettere. Es ist angenehm, fast immer nur geradeaus zu fahren und den leichten Wind in den Haaren zu spüren. Vermutlich ist das auch ein Grund, wieso ich gerne mit dem Fahrrad unterwegs bin. Je näher ich Whitechapel komme, desto genauer muss ich allerdings auf den Verkehr achten. Lange halten mich Autos und Ampeln nicht auf, und ich biege in die Portsoken Street ein, in der ich an einem kleinen Garten vorbeiziehe. Das Lachen von Kindern dringt an mein Ohr, und schon wird es vom Trubel am Starbucks um die Ecke abgelöst, dann höre ich nur noch Autos an mir vorbeirauschen. In der Nähe meiner Arbeit am 1 America Square befindet sich eine Station, an der ich mein Fahrrad zurückgebe, sodass ich die restlichen Meter zu Fuß gehe.

Vor dem hoch umzäunten Gebäude versammeln sich bereits ein paar Leute, die eine Tour gebucht haben. Im Vorbeigehen präge ich mir die Gesichter ein und kann es kaum erwarten, die Menschen gleich in der Show wiederzusehen. Mich werden sie allerdings nicht erkennen.

In das Hauptgebäude komme ich über den Hintereingang. An einem Terminal halte ich meinen Arbeitsausweis vor und bekomme grünes Licht. Ich trete ein, schließe hinter mir die Tür und verabschiede mich damit für die nächsten Stunden vom Tageslicht, denn hier gibt es kein einziges Fenster, um die Besucher*innen voll und ganz in ihre Experience eintauchen zu lassen. Manchmal ist es ein bisschen trist, weder Sonne zu tanken noch von dem Geschehen da draußen etwas mitzubekommen, aber der Job macht Spaß. In dem Moment fällt mir die To-do-Liste ein, die ich vorhin geschrieben habe, und gedanklich füge ich den Punkt Kündigen mit einem Schlucken an. Sobald ich weiß, wann die Proben beginnen, kann ich mich darum kümmern.

Proben … Da war noch etwas. Ja, die E-Mail von meiner Agentin. Kaum war der Zettel im Rucksack verschwunden, hatte ich nicht mehr daran gedacht. Jetzt ärgere ich mich, auf dem Weg zum Fahrrad nicht in den Posteingang gesehen zu haben, denn ich werde erst nach der Show Zeit dafür haben.

Durch den kleinen Flur komme ich direkt zur Garderobe, wo sich mein Kollege Bert gerade die Weste mit dem auf der Brust platzierten Spirallogo der Horrorfilmreihe Saw überzieht. Das Rot des Motivs beißt sich hart mit seinen fuchsroten Haaren, die er in einem Zopf trägt.

»Hey, Ari«, begrüßt er mich, und ich sage ihm ebenfalls Hallo. »Du grinst ja richtig breit«, fällt ihm auf. Offenbar kann ich nicht verbergen, dass ich mich trotz der vielen Dinge, die ich organisieren muss, auf die Zusage für die Tour freue. Ich schiebe alles beiseite und konzentriere mich auf den heutigen Arbeitstag.

»Ich habe ja auch allen Grund zum Grinsen.«

Bevor Bert nachfragen kann, erzähle ich ihm von den guten Nachrichten und werde mit Glückwünschen überhäuft.

»Und was gibt es bei dir Neues?«, frage ich neugierig, während ich mir von der Kleiderstange in der Ecke das Kostüm nehme.

»Eigentlich alles wie immer. Dem Hund geht es gut, das Studium läuft, und die Miete will bezahlt werden.« Er zuckt lässig mit den Schultern. »Zieh dich mal in Ruhe um, wir sehen uns später, ja?«

»Alles klar.«

Es stört mich nicht, mich mit anderen in einem Raum umzuziehen. Aber wenn es voll ist, verschwinden manche lieber in der Toilette. Ich bin es einfach gewohnt, mir mit einem Haufen Menschen eine Umkleidekabine zu teilen.

Mein Kostüm, das aus einem hellblauen Hemd und einer Hose besteht, hänge ich oben an die Garderobenbank, auf die ich mich setze. Sobald ich umgezogen bin, fühle ich mich weniger wie ich selbst und vielmehr wie die Mitarbeiterin der Baufirma, die ich spiele. Wie eine Schlange ihre Haut streife ich Ari ab, und Miss Stewart kommt zum Vorschein.

Es macht mir nichts aus, weibliche oder männliche Rollen zu spielen, auch das gehört zu meinem Job. Als nicht binäre Person gibt es für mich nur wenige Musicals oder Theaterstücke, in denen ich eine genderqueere Rolle übernehmen könnte. Mir ist bewusst, dass ich aufgrund meiner mittellangen Haare und den femininen Zügen in meinem Gesicht bisher fast ausschließlich weibliche Figuren verkörpert habe. Männlich gelesene Rollen gehen dann eben doch eher an die Typen mit Muskeln und Bart. So ist das in der Branche. Ärgert es mich, dass bei der Rollenverteilung in binären Schubladen gedacht wird? Klar, aber am System wird sich nichts ändern, wenn die Figuren nicht umgeschrieben werden oder es weiterhin zu wenige queere Shows gibt. Immerhin kann ich mich deshalb nicht über Anfeindungen oder gar Mobbing im Theater beschweren. In dieser Branche arbeiten so viele queere Menschen wie in kaum einer anderen. Es ist absurd, dass Veränderungen dennoch nur in winzigen Schritten vorangehen.

Ich schließe den letzten Knopf an der Bluse, verstaue meinen Rucksack mit der Straßenkleidung im Spind und verlasse die Garderobe, um mich im Pausenraum mit den anderen zu treffen.

Das Geschnatter wird immer lauter, bis mich meine Kolleg*innen sehen und ihre Gespräche für eine Begrüßung unterbrechen.

»Sind alle klar für die Show?«, fragt Bert in die Runde, und sogleich nicken wir fast synchron. Er ist heute für die Koordination zuständig.

»Sieht das okay aus?« Jade streicht sich die Bluse glatt, auf der an einigen Stellen Risse, aufgespritzte Blutkleckse und aufgemalte dunkle Flecken sind.

»Wenn du mit deinen Händen weiter die Falten rausbügelst, dann muss ich leider sagen: nein«, antworte ich mit einem schiefen Grinsen, das Jade erwidert. Sie ist erst seit ein paar Tagen dabei und noch etwas unsicher, aber dafür hat sie ja uns. Ich nicke, weil ich weiß, dass sie unbedingt eine verbale oder gestische Erwiderung als Versicherung braucht, dann erkenne ich an ihrer plötzlich strammeren Haltung, dass sie bereit ist.

»Es wird voll und warm. Zum Glück laufen die Klimaanlagen wieder«, fährt Bert fort, und fast gleichzeitig stöhnen einige von uns erleichtert auf. Da alle Räume ausnahmslos dunkel sind und die Experience Monate im Voraus ausgebucht ist, geht ohne Klimaanlage wirklich nichts. Die letzten Tage waren der reine Horror, wortwörtlich.

»Gibt es schon was Neues zu den Family-and-Friends-Tickets?«, will ich von Bert wissen. Marius hängt mir, seitdem ich ihm erzählt habe, dass ich in der SAW-Experience arbeite, in den Ohren, ihm unbedingt ein Ticket zu besorgen. Es ist gerade unglaublich schwer, dort ranzukommen, wenn man wie Marius nicht allein teilnehmen, sondern in einer Gruppe oder zumindest zusammen mit einer anderen Person mitmachen will.

»Sorry, es sieht leider schlecht aus. Aber ich informiere euch, wenn ich etwas Neues erfahre.« Bert seufzt, weil er mir anmerkt, dass mich diese Nachricht traurig stimmt. Ich würde Marius so gerne Tickets besorgen, und jetzt, da ich meine Bluse bald an den Nagel hängen muss, schwinden die Chancen.

Ein lautes Klatschen holt mich aus den Gedanken, dann nimmt Jade neben mir meine Hand. Der Kreis, ja natürlich. Wir sind insgesamt sieben Schauspielende, auch wenn ich die einzige Person bin, die über diesen Job hinaus auf Theaterbühnen steht. Es ist nicht das Gleiche, aber es ist witzig und kommt immerhin annähernd an das heran, was ich beruflich gelernt habe. Jedenfalls ist es tausendmal besser, als wieder im Tesco an der Kasse zu stehen.

»Wir sind gut. Wir sind stark. Wir rocken das!«, sagen wir gleichzeitig und lassen einander nach dem letzten Wort los. An unserem Ritual vor der Show geht nichts vorbei, und es gibt mir ein gutes Gefühl.

Quatschend verlassen wir den Pausenraum und begeben uns durch die Flure auf unsere Posten. Da ich als Einzige im ersten Rätselraum positioniert bin, wird es um mich herum totenstill, kaum dass ich die Tür knarzend öffne. Ich schalte hinter einem großen Glaskasten das Licht an, um mich besser zu orientieren, kurz die Umgebung zu prüfen und meinen Weg in jenes Gerüst aus Glas zu finden. Dann warte ich, vielleicht fünf oder zehn Minuten, bis ich im Flur Schritte vernehme. In Gedanken zähle ich bis drei und grinse, als auf den Punkt genau laute Schreie aus den Kehlen der Besucher*innen dringen. Gerade wurden sie von Bert, der eine Schweinemaske über das Gesicht gezogen hat, im engen Flur überrascht. Das ist mein Zeichen. Ich setze mich ordentlich hin und drücke einen versteckten Knopf, der die Sequenz startet. Jetzt muss ich schnell sein, damit die Handschellen, die mich an die Rückenlehne meines Stuhls binden, um meine Handgelenke zuschnappen. Es macht klick, dann geht das Licht aus, und für einen kurzen Augenblick bin ich vollkommen in der Dunkelheit gefangen.

Let the show begin.

Wieder knarzt die Tür, als sie dieses Mal von einer anderen Hand aufgeschoben wird. Eine Gruppe von Menschen tritt ein und ist unfassbar still. Die meisten Leute quatschen, manche lachen sogar, aber diese Abenteurer scheinen beinahe die Luft anzuhalten, weswegen ich mir ein Grinsen verkneifen muss.

Das wird umso lustiger!

»Hilfe!«, schreie ich urplötzlich und winde mich in meinen Fesseln.

»Ist da jemand?«, höre ich eine tiefe Stimme fragen. Sie müssen erst begreifen, wie das Licht angeht, um zu erkennen, was sie in diesem Raum vorfinden. Nur das Notausgangschild am anderen Ende des mit Regalen und Krimskrams vollgestellten Zimmers lässt sie zumindest Silhouetten erkennen.

»Ja, ich bin hier!«, rufe ich erneut und lege Panik in meine Stimme.

»Los, kommt alle hier rein«, sagt die gleiche Person, die als Erstes gesprochen hat, und es folgen zögernde Fußschritte. »Wir müssen die Tür hinter uns schließen, haben die doch am Anfang gesagt«, meint jemand anderes nicht weit entfernt von mir. Ächzend wird die Tür zugeschoben, und plötzlich geht an der Decke das winzige Licht einer nackten Glühbirne an. Es passiert, was jedes Mal passiert: Die Leute drehen sich zu mir um, machen erschrockene Laute, dann schauen sie unmittelbar zu dem Timer an der nächsten Tür, der erbarmungslos abläuft.

»Hilfe, ich werde sonst sterben!« Ich muss ihnen nicht erklären, dass es ihre Aufgabe ist, mich zu befreien, denn die Gruppe schnallt sofort und verteilt sich in dem engen Raum, um in den Regalen nach Hinweisen zu suchen. In der Zeit kann ich ein bisschen improvisieren und muss nicht eins zu eins dem Skript folgen. Natürlich will ich versuchen, ihnen bei der Lösung des Rätsels zu helfen. Sie haben nur wenige Minuten Zeit, in denen sie erfahren, dass ich, Miss Stewart, zu einer Baufirma gehöre und keinen Schimmer davon habe, wie ich in diesen Glaskasten gelangt bin.

»Los, ihr müsst mich hier rausholen!«, rufe ich ihnen zu, als die letzten zehn Sekunden ablaufen und die Gruppe immer noch nicht darauf gekommen ist, was sie tun müssen. Schade für sie, aber spaßig für mich, denn das, was nun folgt, ist mein absolutes Highlight bei diesem Job. Sobald die Zeit um ist, fange ich an, hysterisch über das Rasseln einer Kettensäge zu schreien, winde mich so sehr, dass ich fast von dem Stuhl kippe. An meinem Rücken spritzt eine versteckte Apparatur Kunstblut an die Scheibe, dann wird es für ein, zwei Sekunden stockduster im Raum. Unter meinem Stuhl öffnet sich eine Luke, und ich werde hinabgefahren, damit ich bei der massiven Explosion des Kunstblutbeutels in der Kabine nicht nass werde.

Und genau das mache ich wieder und wieder, bis auch die letzte Gruppe mein Schreien vernimmt.

Da ich als Erste von uns fertig bin, sehe ich niemanden im Pausenraum und ziehe mich in aller Ruhe um. Kaum öffne ich meinen Rucksack, fallen mir die Zettel, die ich vor einigen Stunden geschrieben habe, in die Hand. Dieses Mal denke ich tatsächlich daran, auf dem Weg zum Fahrrad die Mails zu prüfen, und finde neben einer Spam-Mail, die mir verspricht, dass mit Wundertabletten mein nicht vorhandener Penis um das Doppelte wachsen wird, auch die Nachricht meiner Agentin. Erleichtert stelle ich fest, dass die Proben erst in knapp elf Wochen in London beginnen werden und ich damit noch genug Zeit habe. Sie dauern drei Wochen an, das heißt, bis Oktober muss ich jemanden zur Untermiete gefunden und meinen Scheiß geregelt haben.

Das sollte machbar sein. Zumindest sage ich mir das immer wieder, denn alles andere gefährdet meinen Traum, den ich unter keinen Umständen aufgeben will.

Kapitel 2

oder

Gefallener Engel

Elijah

»Ich erwarte, dass du tust, was ich sage.«

Die herrische Stimme meines Vaters verbietet mir jegliche Widerrede, dabei habe ich die Lippen bereits geöffnet, und auf meiner Zunge liegen so viele Worte, die ich ihm unbedingt mitteilen will.

»Wir hören uns, mein Sohn.«

Seine Verabschiedung ist kalt und wird abgelöst von dem ständigen Tuten, das wie ein Warnsignal aus dem Lautsprecher meines Handys kommt. Seufzend beende ich den Anruf und fahre mir wie im Reflex durch das Haar.

Verdammte Scheiße!

Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Mit einem Kloß im Hals stehe ich vom frisch gemachten Bett auf und werfe das Handy, ohne darüber nachzudenken, auf die Matratze. Obwohl ich weder heute noch morgen, okay, zugegeben, die ganze Woche nichts vorhabe, spannt sich mein Körper wie unter Zeitdruck an, und ich tigere durch das Schlafzimmer. Immer wieder richtet sich mein Blick auf das einzige Farbenfrohe im Raum: mein Motivationsboard, das an der Rückseite der Tür hängt. Ich habe so gut wie nie Besuch, trotzdem ist es so platziert, dass ich es sofort abnehmen und im Kleiderschrank verstecken kann. Das Theaterprogrammheft meiner ersten Schulaufführung und ein Einlassbändchen für eine Award-Show, bei der ich nominiert war, erzählen von meiner Vergangenheit. Die Fotos, auf denen ich mit meinen Freund*innen in meiner Heimat Surrey lachend beim Stadtfest bin, zeugen von einer unbeschwerten Zeit.

Als ich den Anblick meines jüngeren Ichs nicht länger ertragen kann, beschließe ich, in die Küche zu gehen und mir einen Tee zu machen. Kaum verlasse ich das Schlafzimmer, verhöhnt mich jedoch mein jetziges Ich, dem ich im Flur begegne. Eigentlich sollte das NETFLIX-Poster, das mich in einer Nahaufnahme zeigt, eine Erinnerung an das sein, was ich bereits erreicht habe, doch in diesem Moment stechen die blassen Augen, die mich wie in einem Horrorfilm ansehen, mir einen Dolch durchs Herz.

Jetzt wäre ich gerne schlagfertig wie der junge Mann Simon, den ich in der erfolgreichen Thriller-Serie Until You Fall Silent gespielt habe, doch ich sehe ein, dass ich mit der Rolle nichts gemeinsam habe. Ich bin kein Cop mit Durchblick, sondern ein Schauspieler mit sich anbahnenden Kopfschmerzen.

Du musst dich wieder nach oben kämpfen, höre ich meinen Vater in meinem Kopf befehlen, während ich genau das Gegenteil mache, nämlich die Treppen hinabgehe.

Der tiefe Fall von Elijah Weatherford. Das wird der Titel meiner nächsten Schlagzeile werden, wenn ich Dad nicht gehorche.

Unbeirrt schüttele ich die Gedanken ab und konzentriere mich auf das, was jetzt gerade vor mir ist: der rauschende Wasserkocher und die Tasse zu meiner Rechten, die mir Will zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Auf dem Porzellan gafft mich mit aufgerissenen Augen Russell Crowe als Inspektor Javert an. Sein riesiger dunkelblauer Polizeihut nimmt beinahe die Hälfte des Motivs ein, was das Bild von ihm noch absurder macht. In großen Lettern umrundet das Zitat AND I’M JAVERTaus der Verfilmung von Les Misérables die Tasse, und meine Mundwinkel zucken.

Sie erinnert mich daran, die kleinen Momente im Leben festzuhalten, wie mir auch meine Therapeutin stets gepredigt hat. Allerdings macht mir ihre Stimme in Gedanken prompt ein schlechtes Gewissen, denn das letzte Mal, dass ich mit Will telefoniert habe, ist schon wieder viel zu lange her. Was soll ich ihm auch sagen? Dass ich absolut gar nichts in Aussicht habe außer dieser bescheidenen kleinen Rolle bei einer weiteren Musical-Tour?

Verdammte Scheiße, ich bin letztens erst von einer spektakulären Tournee zurückgekommen. Ich war für einen Olivier Award nominiert! Endlich hatte ich nach meiner Zeit im Fernsehen wieder Fuß im Theater gefasst, dort, wohin ich wirklich gehöre.

Und jetzt bin ich nur eine Person in der Masse, nicht gut genug für die Hauptrolle.

Der Kessel pfeift, ich mache mir meinen Tee und denke darüber nach, warum ich mich ständig zu motivieren versuche, wenn ich dann doch wieder zehn Schritte rückwärtsgehe. Vielleicht ist mein Hirn einfach nicht dafür gemacht, zu verstehen, dass ich zum ersten Mal in meinem eigenen Leben nur eine Nebenrolle spiele.

Ich verlasse die offene Küche, die unmittelbar mit dem Wohnzimmer verbunden ist, und setze mich auf das schwarze Ledersofa. Es quietscht leise, als meine Jogginghose darüber reibt. Paparazzi hätten für diesen Anblick ihre Seele an den Teufel verkauft, doch mein Vater hat schon vor Jahren, als ich das Designerhaus in einer abgeschiedenen Ecke Londons bezog, für strenge Sicherheitsmaßnahmen gesorgt. Kameras im Außenbereich, getönte Fensterscheiben, durch die man zwar auf die meist eher verlassene Straße sehen kann, aber nicht ins Haus hinein, und natürlich das Fehlen meines Namens am Briefkasten. Ich habe es schon immer absurd gefunden, dass meine Post nicht hier, sondern in der Agentur meines Managers landet: auf dem Schreibtisch meines Vaters.

Einmal in der Woche schickt er jemanden, der die Post bei mir einwirft. Die meiste Zeit war ich an Filmsets, schlief in Hotels oder Ferienwohnungen, die man für mich gebucht hatte, sodass sich die Umschläge sammelten, bevor ich auch nur einen einzigen Brief öffnen konnte. Mein Vater besteht darauf, niemanden wissen zu lassen, wo ich wohne. Es schüttelt mich, wenn ich an das Geheimhaltungsschreiben denke, das meine Nachbar*innen unterzeichnen mussten, als er das Haus gekauft hat.

Sprich mit niemandem, sei einfach unsichtbar – so lautet die Regel. Nur eine einzige Ausnahme mache ich, und diese sehe ich gerade durch das Fenster auf meine Haustür zuspazieren.

»Engel, was machst du für ein langes Gesicht?«

Mein Herz macht einen Satz, als ich Mrs Dingelhouper öffne und sich der Geruch ihres Parfüms mit dem von frisch gebackenen Keksen vermischt. Sie hält die offene Dose in der Hand und unwillkürlich lächele ich.

»Geht doch«, sagt sie unvermittelt, und ich begreife, dass sich mein Miesepetergesicht allein bei ihrem Anblick gewandelt hat.

»Wie geht es Ihnen?«, ignoriere ich ihre Eingangsfrage und lasse die ältere Dame ein.

»Mir würde es besser gehen, wenn du dieser Bude endlich mal einen Farbanstrich geben könntest! Kein Wunder, dass du so dreinschaust. Grau, Grau und Grau, wohin man hier auch sieht.«

»Das ist nicht ganz korrekt, mein Sofa ist schwarz«, kontere ich und merke, wie meine schlechte Laune bei ihrem hellen Giggeln abebbt.

Mrs Dingelhouper hält nicht viel davon, sich an die Anweisungen meines Vaters zu halten, und so bewahren wir Stillschweigen darüber, dass wir uns sehen, wenn ich zugegen bin.

»Du bist mir einer«, meint sie und schüttelt kichernd den Kopf. Sie schuldet mir noch eine Antwort, doch als ich sehe, wie sie hinkend vor mir durch den Flur in das Wohnzimmer geht, weiß ich, dass sie nur wieder von ihren Krankheiten ablenken wird. Ihr Gehstock trifft hart auf die blitzsauberen Fliesen.

»Was haben Sie dieses Mal gebacken?«, frage ich also und folge ihr absichtlich langsam, damit sie sich nicht gedrängelt fühlt.

»Bananen-Zimt-Cookies mit einem Hauch Macadamia.«

Allein bei der Vorstellung, mir endlich einen Keks zu nehmen und die Krümel auf der Zunge zergehen zu lassen, schwebe ich auf Wolken.

»Was würde ich nur dafür geben, in die Vergangenheit zu reisen, um Sie in Ihrer Konditorei zu besuchen«, sage ich verträumt und stelle mir Mrs Dingelhouper als junge Bäckerin vor, die gerade ein Blech mit allerlei frisch dampfendem Gebäck aus dem altmodischen Ofen zieht.

»Wäre ich damals nicht schon verheiratet gewesen, hätte ich dich vernascht wie eine Sahnetorte, Engelchen.«

Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu grinsen, und bin froh, dass sie nicht sieht, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Dabei sollte ich daran gewöhnt sein, ständig Komplimente zu bekommen. Wenn ich auf Fans treffe, strecken sie die Hände nach mir aus, um mich zu berühren. In Interviews betont mein Gegenüber wirklich jedes Mal, wie unglaublich meine Augenfarbe ist. Dabei weiß ich selbst nie, ob meine Augen grau oder blau sind. Aber all das sind Worte von Menschen, die ich nicht kenne. Sie schmeicheln mir, doch im Endeffekt prallt all das von mir ab wie ein Tropfen auf einem Regenschirm.

Ich rücke den eleganten Lederstuhl links von der Couch zur Seite, um meinem Besuch Platz zu machen, doch Mrs Dingelhouper lässt sich stattdessen auf dem Sofa nieder und klopft auf das leere Polster neben sich. Natürlich gehorche ich, so wie ich es immer tue.

»Jetzt erzähl mal, Engelchen. Was war bei dir los? Ich möchte jedes schmutzige Detail hören, verstanden?« Sie reicht mir die Keksdose, richtet ihre schwere Brille auf der Nase und lehnt sich tief zurück. Der Gehstock ruht auf ihrem Bauch. Sie hat nicht vor, zu gehen, bevor sie nicht das bekommt, was sie will. Diese sture, wunderbare Frau. Manchmal glaube ich, sie ist für mich mehr Familie, als meine je sein könnte.

»Ich habe ein neues Arrangement erhalten«, beginne ich und nehme mir einen Keks. Für das, was jetzt kommt, brauche ich Nervennahrung.

»Glückwunsch, das ist doch wunderbar!«

Doch kaum bemerkt sie meinen geknickten Blick, ahnt sie offenbar, dass ich mit dem neuen Job nicht gerade glücklich bin.

»Ja, danke …«, entgegne ich eher beiläufig, bevor ich mich fange und weiterspreche. »Es ist nur so, dass ich das erste Mal in meinem Leben nicht das Angebot für die Hauptrolle bekommen habe. Sie wollen, dass ich im Ensemble spiele.«

»Und warum ist das etwas Schlechtes?«, will sie wissen.

Ja, Elijah … Solltest du nicht froh sein, überhaupt als Schauspieler arbeiten zu können? Schau dir deine Kolleg*innen an, die ständig irgendwelche Nebenjobs im Einzelhandel annehmen müssen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.

Ich zwinge meine Gedanken zum Schweigen.

»Es ist nicht schlecht«, gebe ich zu und sehe auf meine Hand hinunter, in der immer noch der unberührte Keks liegt. Vorsichtig recke ich mein Kinn, und als sich mein Blick mit dem von Mrs Dingelhouper kreuzt, weist sie mich mit einem Nicken an, zuerst zu kosten, bevor ich weiterrede. Vom Keks abzubeißen, ist noch himmlischer, als ich es mir vorgestellt habe. Der Bananengeschmack ist ganz leicht und geht sofort, als der weiche Keks in meinem Mund zerbröselt, in eine zimtige Note über. Kurz schließe ich die Augen, genieße, doch kaum öffne ich die Lider, bin ich wieder im Hier und Jetzt und soll über all das reden, was mich plagt. Manchmal ist Mrs Dingelhouper eindringlicher als meine Therapeutin.

»Es wird Schlagzeilen geben, sobald öffentlich wird, wer mitspielt«, erkläre ich.

Sie nickt. »Was glaubst du, werden sie schreiben?«

»Ich weiß nicht … So etwas wie ›Erlischt das Licht von Surreys Sternchen?‹ vielleicht?« Mit der freien Hand gestikuliere ich in der Luft, ehe ich wieder vom Keks nasche.

»Sag mal, was ist denn anstrengender? Eine Hauptrolle zu spielen oder im Ensemble zu sein?«

Ihre direkte Frage sorgt für Falten auf meiner Stirn.

»Na ja, im Ensemble muss man einiges mehr an Choreografien lernen. Immerhin ist man in vielen Szenen dabei. Generell hat man zwar weniger Text, aber dafür muss man mehr Songs mitsingen, auch hinter der Bühne. Und dann wären da natürlich noch die ganzen anderen Rollen, die man können muss, wenn die Hauptfiguren krank sind oder Urlaub haben.« Je weiter ich rede, desto eher verstehe ich, worauf sie hinauswill.

»Also ist es viel anspruchsvoller.«

»So direkt kann man das nicht sagen.«

Immerhin ist jedes Stück und jede Show anders. Doch wenn ich daran zurückdenke, wie hart meine Kolleg*innen im Ensemble gearbeitet haben und wie oft ich im Gegensatz zu ihnen Urlaub nehmen konnte … Der Gedanke bricht ab, und ich schaue auf meine leeren Hände.

»Beide Seiten sind nicht leicht. Das eine ist nicht besser oder schlechter. Vielleicht solltest du das Ganze mal aus einer anderen Perspektive betrachten.«

Ihren Ratschlag würde ich gerne annehmen, doch ich habe aus vielerlei Gründen kaum Kontakt zu meinen ehemaligen Kolleg*innen. Nach einem Auftrag sage ich Bye. Manchmal sehe ich die ein oder andere Person in einem nächsten Job wieder, doch das ist eher selten. Je dringender sie versuchen, meine Freundschaft zu gewinnen, desto schneller laufe ich davon. Das ist das Leben, das mir in die Wiege gelegt wurde.

»Hm«, mache ich, weil mir die Worte fehlen und ich nach einem weiteren Keks lange. Mein Mund soll eine Beschäftigung haben, die nicht mit Reden zu tun hat.

»Ich finde es gut, dass du wieder etwas zu tun bekommst.« Mrs Dingelhouper will mich damit nicht aufmuntern, das spüre ich in ihrem Blick, sie sagt einfach nur das, was ihr im Kopf herumspukt. »Nach dieser letzten großen Tour hast du dir deine Auszeit redlich verdient, aber nach dem Ruhen kommt die Arbeit. Die nächste Postkarte, die du mir schickst, muss dann eben nicht den langen Weg von Dubai hierher machen. Wo geht es bei der Tour als Erstes hin?«

»Manchester«, erwidere ich noch etwas mürrisch, weil das im Vergleich zu Dubai wirklich erbärmlich klingt.

»Und wann verlässt du mich?« Sie macht wirklich keine Umschweife.

»Am 29. September ist Probenstart, aber da bin ich dann noch drei Wochen hier in London.«

»Bis wann?«

»In vier Monaten komme ich wieder zurück«, antworte ich und hänge in Gedanken an: Falls ich das überlebe und nicht vor Scham sterbe.

Dabei ist Somebody to Love eine tolle Show. Die grandiose Rockmusik lädt dazu ein, im Takt mitzuwippen, die Nostalgie versetzt in andere Zeiten, und die Kostüme aus Lack und Leder machen aus allen in der Show Stars. So sehr wünsche ich mir, das Gute darin zu sehen. Mich einfach darüber zu freuen, dass ich gecastet wurde. Doch die Angst vor dem, was die Leute sagen, ist mächtiger.

»Und dann bekommst du so viele Kekse, wie du willst«, verspricht mir Mrs Dingelhouper.

Immerhin ein kleiner Silberstreifen am Horizont, Elijah …

Kapitel 3

oder

A Star Is Born

Ari

Kaum öffne ich die Haustür, fliegt mir eine bunte Luftschlange ins Gesicht. Ich wedele sie mit der Hand fort, wie ich einen üblen Geruch vertreiben würde.

»KING-QUEEN IST ZURÜCK!«, ruft Marius in einem melodischen Singsang und entlockt mir sofort ein breites Grinsen. Er pustet eine weitere Luftschlange in meine Richtung. Dieses Mal landet sie wie ein Schal über meinen Schultern.

»Melde mich zum Dienst«, erwidere ich gespielt geschäftsmäßig und salutiere im Spaß, wobei ich gleichzeitig versuche, meine Schuhe abzustreifen.

»Hast du gefragt, ob –«, setzt Marius an, aber als ich vom Boden aufblicke und wir uns ansehen, verstummt er, weil er begreift, dass ich nicht so schnell an Tickets für ihn herankommen werde.

»Tut mir leid.«

»Nicht so schlimm. Ich kann warten.« Seine zum Lächeln aufeinandergepressten Lippen verraten mir, dass ihn die Absage dennoch trifft. Weil Marius aber so gut wie nie zum Trauerkloß mutiert, übergeht er das Ticket-Debakel und schiebt mich an den Schultern rüber in die Küche. »Der Sekt steht schon kalt, alle sind da.«

Was ich auf dem Küchentisch erblicke, sorgt für ein warmes Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Jemand, vermutlich Danbi, hat ein Pappschild gebastelt und es mit Sternchen verziert.

»Ari Superstar«, flüstere ich und spüre sofort wieder die Vorfreude auf die Tour.

»Hey, Superstar«, begrüßt mich jetzt auch Hans. Er steht vom Stuhl auf und fragt mich nach einem Knuddler. Nur zu gern nehme ich an. Wenn Hans einen an sich drückt, fühlt es sich immer ein bisschen so an, als würde man von Hulk persönlich umarmt werden. Vermutlich haben die anderen bereits von den guten Nachrichten berichtet.

»Ich hole den Sekt«, lässt uns Danbi wissen, und schon stößt sie mit einer dunkelgrünen Flasche wieder zu uns. »Willst du?«

Ich schäle mich aus Hans’ Umarmung, dann nehme ich die Sektflasche entgegen und entkorke sie schwungvoll. Zum Glück läuft nichts über. Normalerweise würde mich Danbi nie die Flasche öffnen lassen, doch vermutlich soll das ein Liebesbeweis von ihr sein, um mir zu zeigen, wie stolz sie ist.

Die Flasche reiche ich zurück, denn für das Einschütten möchte ich garantiert nicht verantwortlich sein, und kaum sind die Sektgläser voll, stoßen wir an.

»Auf Ari«, meint Hans, und Danbi und Marius wiederholen den Trinkspruch.

»Danke, Leute«, sage ich gerührt und dankbar. Der Sekt prickelt ungewohnt in meinem Mund, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das ganze Glas überhaupt austrinken will. Irgendwie schmeckt der Sekt sehr trocken, und ich bin nicht der Typ dafür.

Lange kann ich die Lobpreisung nicht aushalten, denn mein Kopf ist schon wieder damit beschäftigt, über die To-do-Liste nachzudenken, die ich mir am Morgen geschrieben habe.

»Also …«, beginne ich und nehme am Esstisch Platz. Die anderen tun es mir gleich. »Jetzt zu den unschönen Dingen. Ich muss bis Oktober jemanden gefunden haben, der oder die mein Zimmer für ein paar Monate übernehmen will. Wenn ihr also jemanden kennt … Ihr wisst Bescheid.« Mich erreicht ein Nicken von jeder Seite. »Falls ich niemanden zur Untermiete kriege, wovon ich erst mal nicht ausgehe, zahle ich natürlich weiterhin die Miete.«

In einem Film würden meine Mitbewohner*innen jetzt vielleicht Protest einlegen, doch die knallharte Realität sieht anders aus: Niemand von ihnen kann es sich leisten, auf meinen Anteil der Miete zu verzichten.

»Mach dir darüber keine Sorgen, es ist noch genug Zeit bis dahin«, wirft Marius ein. »Ich frage auch mal rum.«

»Ich kann eine Online-Anzeige aufgeben, wenn du willst«, bietet Danbi an. Sie stellt ihr Glas ab und zupft an ihrem Cardigan.

»Danke, das wäre cool.«

»Und dann bist du echt im ganzen Land unterwegs, ich beneide dich so!« Marius lenkt von den Unannehmlichkeiten, die ich durch den neuen Job mitbringe, gekonnt ab. Verträumt stemmt er die Ellenbogen auf den Tisch und legt sein Kinn in die weichen Hände, auf denen ich einen kleinen goldenen Strich glitzern sehe, der wohl vom Make-up kommt.

»Weißt du schon, welche Städte du sehen wirst?«, fragt Hans, dem ich die Neugierde von der Nasenspitze ablesen kann.

»Zuerst geht es nach Manchester, dann, glaube ich, York, Newcastle, Edinburgh …«, beginne ich die Aufzählung und komme schnell ins Stocken. »Überallhin halt.« Natürlich könnte ich online nachsehen, doch ich will jetzt nicht auf meinem Smartphone scrollen. Ich will mehr von dieser Aufregung spüren, von dem Guten. »Am meisten freue ich mich aber irgendwie auf London. Ist das seltsam?«

»Wieso?«, fragt mich Danbi.

»Na ja, ich sollte mich doch eher auf die Städte freuen, in denen ich noch gar nicht war, oder?«

»Quatsch«, wirft Marius ein und löst sich aus seiner Haltung. »Das ist doch grandios! Ich meine, wir kommen dich dann alle besuchen und sehen unseren Star im Rampenlicht!« Er formt einen imaginären Regenbogen in der Luft und bringt mich zum Lächeln.

Das wird ein wilder Ritt, ich kann es spüren.

»Dann bringen wir dir Blumen zur Stage Door und feiern die ganze Nacht«, fährt Marius fort. Er ist schon tausend Schritte weiter als ich, und da fällt mir ein weiterer Punkt von meiner Liste ein.

»Hat jemand von euch einen großen Koffer, den ich mir für die Tour leihen könnte?«

Danbi schüttelt den Kopf, und Marius sieht aus, als müsste er darüber noch mal nachdenken, doch Hans kommt zur Rettung.

»Ich besorge dir einen«, sagt er knapp, wie er es immer tut.

»Du bist hier der Star, Hans«, bedanke ich mich und hebe mein Glas auf ihn, was ich besser gelassen hätte, denn nun fühle ich mich gezwungen, einen Schluck zu nehmen. Es schmeckt nicht mehr so trocken und prickelnd wie beim ersten Schluck, aber Sekt ist wohl einfach nicht mein Fall. Alkohol generell nicht.

»Du musst das nicht trinken«, bemerkt Danbi, und trotz der Schärfe in ihrem Ton weiß ich, dass sie ganz und gar nicht böse mit mir ist, wenn ich den Sekt ablehne. »Ich habe noch Cola gekauft, die ist im Kühlschrank.«

»Sorry.« Ich zucke mit den Schultern und schiebe das Glas Marius zu, der sich ohne ein weiteres Wort den Rest in seinen Trinkpokal einschenkt.

Dass mich Danbi anlächelt, räumt auch die übrigen Schuldgefühle zur Seite. Freund*innen zu haben, die einen einfach so akzeptieren, wie man ist, ist das größte Geschenk der Welt.

 

Bevor ich mich später am Abend bettfertig mache, nehme ich mir einen Moment Zeit, meiner Agentin auf ihre Mail zu antworten und alles noch mal ordentlich in meinem Notizbuch aufzuschreiben. Jedes Datum markiere ich fett und unterstrichen, sodass es mir auf keinen Fall entgehen kann. Im Hintergrund läuft über meine Kopfhörer der Soundtrack von Somebody to Love, den ich zur Einstimmung angemacht habe. Sonst fällt es mir schwer, mich auf Zahlen zu konzentrieren, aber mit der Musik funktioniert mein mathematisch schlecht ausgebildetes Hirn ganz okay. Ich weiß auch, warum: Ich kann etwas Unangenehmes wie Zahlen mit etwas Gutem, der Musik, kombinieren.

Damit müsste ich alles von meiner Liste geschafft haben, oder?

Weil ich es mir auf dem Bett gemütlich gemacht habe, bin ich zu faul, aufzustehen und nach dem Zettel in meinem Rucksack zu schauen, doch irgendetwas in mir gibt keine Ruhe, egal, wie sehr ich über die Punkte auf der Liste nachdenke.

Ich gebe auf, weil die Grübelei nur zu Kopfschmerzen führt, und bin froh, dank der kabellosen Kopfhörer nicht noch den Zwischenschritt einlegen zu müssen, um die Musik zu stoppen.

Ich nehme das Stück Papier aus dem Rucksack. Meine Finger streichen es glatt, und ich stöhne.

Mum und Dad anrufen

Wusste ich’s doch, dass ich etwas vergessen habe. Aber soll ich mich um halb zehn abends noch melden? Ich beschließe, es drauf ankommen zu lassen, und sitze nur einen Moment später mit dem Handy auf dem Bett. Das Tuten erklingt über die Lautsprecher in meinen Ohren, bevor Mum abnimmt.

»Oh, hey, Ari«, begrüßt sie mich.

»Hey, Mum, sorry, dass ich mich um die Zeit noch melde.«

»Du kannst jederzeit anrufen, das weißt du.«

Ach, Mum. Sie ist immer an meiner Seite, genau wie Dad.

»Es gibt aufregende Neuigkeiten«, verkünde ich euphorisch.

»Erzähl!«

Und dann spule ich die Kassette von vorne ab und berichte von Indras Anruf, der Tour und wie mich meine Mitbewohner*innen gefeiert haben. Mum kann es gar nicht fassen, und es ist zu niedlich, immer wieder zu hören, wie sie kurz den Hörer beiseitelegt, um Dad haarklein alle Details weiterzugeben. Ich habe ihr schon oft genug gesagt, dass sie einfach den Lautsprecherknopf nutzen kann, aber Mum stellt sich an, wenn es um Technik geht.