40 Stunden - Kathrin Lange - E-Book

40 Stunden E-Book

Kathrin Lange

4,8
8,99 €

oder
Beschreibung

Wenn er versagt, wird Berlin brennen …

Als Faris Iskander – Ermittler einer Sondereinheit für religiös motivierte Verbrechen – ein Video erhält, in dem ein Mann ans Kreuz geschlagen wird, ahnt er nicht, dass dies der Beginn eines wahren Alptraums ist. Denn ihm bleiben nur 40 Stunden, um das Opfer zu finden. Versagt er, wird der Täter überall in Berlin Bomben zünden. Während Zehntausende von Menschen nichtsahnend den ökumenischen Kirchentag feiern, stellt sich Faris dem Wettlauf gegen die Zeit. Als er plötzlich eine Verbindung zu einem früheren Fall findet, muss er feststellen, dass der Täter ihm näher ist, als er es jemals für möglich gehalten hätte …

Ein atemberaubender Thriller, bei dem die Stunden zu Sekunden werden ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 500




Kathrin Lange

40 Stunden

Thriller

1. Auflage

Originalausgabe Februar 2014 bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © 2014 by VerlagsgruppeRandom House GmbH, München

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign

HJ ∙ Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-11124-3

www.blanvalet.de

Prolog

Dunkelheit. Wie ein Tuch hüllt sie ihn ein, umschlingt seinen Oberkörper, seine Hüften, Beine und Arme. Er glaubt sogar, sie auf der nackten Haut zu spüren.

Nackte Haut?

Der Gedanke rüttelt an den Grundfesten seines Verstandes. Warum ist er nackt? Diese Frage schneidet durch die Finsternis in seinem Geist und zieht andere nach sich. Seine Arme. Warum kann er sie nicht bewegen? Und warum reagieren die Muskeln an seinen Seiten mit einem Beben, wenn er es versucht? Etwas drückt von unten gegen seine Fußsohlen. Rau fühlt es sich an, wie grob bearbeitetes Holz. Feine Splitter bohren sich in sein Fleisch.

Er hat keine Schmerzen.

Das Zittern seiner Muskeln, die Splitter in der Haut– es sind nur vage Eindrücke. Jede Empfindung ist so zweidimensional wie ein Schattentheater.

Er beendet die zwecklosen Versuche, sich zu rühren, und konzentriert sich stattdessen auf seine Augenlider. Er ist sicher, sie angehoben zu haben, aber die Finsternis will nicht weichen. Also kneift er die Lider zusammen. Und öffnet sie wieder. Seine Wimpern sind verklebt, doch er schafft es, sie voneinander zu lösen. Die Dunkelheit ist nicht fort, aber nun schimmert ein schwaches Licht in ihr auf. Ein Funke am Ende des Tunnels. Ein verschwommenes Rechteck aus Grau.

Wo bin ich?

Diese Frage irrlichtert durch seinen Geist, versinkt jedoch gleich wieder in den Tiefen seiner Verwirrung.

Er blinzelt. Einmal. Irgendetwas läuft ihm in die Augen. Er blinzelt nochmals. Seine Augäpfel fühlen sich in ihren Höhlen an wie Steine. Beim dritten Blinzeln erkennt er, dass das graue Rechteck vor ihm eine offenstehende Tür ist. Gleichzeitig setzt auch sein Gleichgewichtssinn ein. Aber das, was er nun empfindet, widerspricht allem, was er erwartet hat. Er ist doch aus einer Ohnmacht erwacht, oder nicht? Warum liegt er dann nicht, wie es normal gewesen wäre? Er befindet sich in der Senkrechten. Nochkann sein Verstand ihm keine Erklärung dafür geben.

Also wartet er.

Sein Schädel fühlt sich an, als sei er mit Watte gefüllt, trotzdem schälen sich langsam weitere Wahrnehmungen heraus. Ein stetiges Piepsen. Ein regelmäßiger Rhythmus. Er hebt den Kopf, der ihm nach vorne auf die Brust gesunken ist. Und auf einmal kommen die Schmerzen.

Zuerst sind sie dumpf und fern. Ein gleichmäßiges Brennen in Händen und Füßen, das mit nichts vergleichbar ist, was er je zuvor erlitten hat.

Ein Zittern rinnt durch seinen Körper. Ein Schluchzen hängt in seiner Kehle, als er endlich zu begreifen beginnt, was geschehen ist. Noch einmal blinzelt er. Kneift die Augen diesmal so fest zusammen, wie es geht. Reißt sie wieder auf. Und dann klärt sich sein Blick: Vor ihm ist eine Wand. Graue Fliesen, offenbar uralt. Die offene Tür. Fahles Licht strömt herein, doch er kann nicht erkennen, was sich dahinter befindet.

Er wendet den Kopf nach rechts, schaut an seinem eigenen ausgestreckten Arm entlang. Etwas Rotes erscheint in seinem Blickfeld, und er hat keine Ahnung, was es sein mag. Dann erblickt er seine Hand. Verkrümmt ragt sie in die Luft, eine Klaue, jeder Muskel angespannt.

Das Zittern seines Körpers wird stärker.

Er blickt in die andere Richtung. Dieselbe grausige Szenerie: ein lang ausgestreckter Arm, dieses rote Ding, das er jetzt undeutlich als ein Seil erkennt, das seinen Oberarm umspannt. Die gekrümmten Finger, und in der Mitte der Handfläche wie ein Schmuckstück– das Eisengrau eines Gegenstandes. Nein!, will sein Verstand kreischen, doch er hindert ihn daran.

Er wirft den Kopf zurück. Sein Schädel stößt gegen etwas Hartes. Er schaut an sich hinunter. Sein Leib ist ebenso langgestreckt wie seine Arme. Sein erster Eindruck hat ihn nicht getrogen: Er ist tatsächlich fast nackt. Nur ein Tuch ist um seine Hüften geschlungen, mehr nicht. Eine Gänsehaut bedeckt seine bloße Brust, und rote Rinnsale laufen darüber. Helle Flecken tanzen vor seinen Augen, und er hält sie für Sinnestäuschungen. Und dann entdeckt er noch etwas.

Wie gebannt klebt sein Blick an einem dritten eisengrauen Ding. Jenem, das aus seinen übereinandergelegten Füßen ragt.

Das nervenzehrende Piepsen hallt in seinen Ohren wider. Ein Tropf hängt seitlich neben seinem Gesicht, der Schlauch kitzelt ihn an der Wange. Und nun begreift er auch, was das Piepsen zu bedeuten hat. Es kommt von einem Herzmonitor. Wenn er den Hals so weit wie möglich verrenkt, kann er ihn sehen. Die hellen Flecken auf seiner Brust! Sie sind keine Sinnestäuschung. Es sind die Elektroden, mit denen seine Herzfunktionen aufgezeichnet werden.

Er legt den Kopf zurück an das Holz.

Und endlich bahnt sich die alles entscheidende Erkenntnis ihren Weg durch die Nebel seines Verstandes. Die eisengrauen Dinger: Es sind Nägel.

Er öffnet den Mund.

Und lacht.

1. Teil – Stunde 1 bis Stunde 14

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lukas 23,34)

Kapitel 1

Faris Iskanders Augen brannten. Bleierne Müdigkeit hielt ihn in ihrem Griff, seit Monaten schon. Monate, in denen er nur noch stundenweise geschlafen hatte. Monate, in denen er jedes Mal, wenn er endlich zur Ruhe gefunden hatte, mit einem panischen Schrei aus dem immer gleichen Albtraum aufschreckte.

Das verzweifelte Weinen eines Kindes. Feuer, das ihn einhüllt…

Mit Daumen und Zeigefinger rieb er sich die Nasenwurzel. Seit Stunden schon stand er mit einem Porzellanbecher in der Hand am Schlafzimmerfenster und starrte in die düstere Nacht hinaus, die langsam einem ebenso finsteren Morgen wich. Im Hintergrund lief eine alte CD von Metallica. Aus Rücksicht auf die anderen Mieter des Hauses hatte er sie leise gedreht, trotzdem konnte Faris James Hetfield Ride the lightning singen hören. Er hatte den Titel auf Dauerschleife gestellt. Er schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, weil es sich anfühlte, als seien seine Lider aus Sandpapier. Die Sonne würde erst in knapp einer Stunde aufgehen. Außer Unterhose und T-Shirt trug er nichts weiter als das Lederarmband, das ihm Laura in einem gemeinsamen Urlaub in Ägypten geschenkt hatte und das er niemals ablegte. Die darin eingebrannten arabischen Schriftzeichen– Laura und Faris– waren kaum noch zu lesen, und das schien ihm ein passendes Bild für ihre Beziehung zu sein. Laura hatte ihn verlassen, gut zwei Jahre war das nun her. Selbst die Explosion, die Faris beinahe in Stücke gerissen hätte, hatte sie nicht zur Rückkehr bewegen können.

Flash before my eyes, sang Hetfield. Now it’s time to die.

In den vergangenen Tagen war es brütend heiß gewesen in der Stadt, fast wie im Hochsommer, aber am Abend zuvor war ein Gewitter über Berlin niedergegangen, und es hatte sich merklich abgekühlt. So sehr, dass Faris in der Nacht das Fenster geschlossen hatte, weil er fror. Jetzt spiegelte sich seine Gestalt in der Scheibe. Sein Gesicht war ein bleiches Oval, das geisterhaft in der Dunkelheit schwebte, umgeben von etwas zu langen schwarzen Haaren. Der V-Ausschnitt des T-Shirts enthüllte einen Teil der dunkelroten Brandnarbe, die seinen Brustkorb und den rechten Bizeps überzog. Er konnte den Blick nicht davon abwenden. Als es draußen zu dämmern begann, verblasste sein Umriss zunehmend. Er seufzte und wurde sich wieder des Bechers in seinen Händen bewusst. Mit einem müden Grinsen prostete er sich selbst zu, setzte das Gefäß an die Lippen und trank es bis zur Neige aus.

Bitter rann ihm die Flüssigkeit die Kehle hinunter, und er zog eine Grimasse.

In dem Metallica-Song erwachte der Protagonist aus seinem Albtraum, und Faris beneidete ihn dafür. Der Karton fiel ihm ein, der auf dem oberen Regalbrett seines Schrankes stand und der gewöhnlich seine Waffe enthielt. Er stieß Luft durch die Nase. Im Moment war dieser Karton leer, da man Faris kürzlich von seinem Dienst als Beamter des Landeskriminalamts suspendiert hatte.

Reiß dich zusammen!, mahnte er sich. Nichts war schlimmer als Menschen, die in Selbstmitleid versanken. Doch in diesen Stunden kurz vor Tagesanbruch war auch er nicht davor gefeit. Dann schlichen sich die Erinnerungen an ihn heran, um ihn zu quälen, und die Bilder und Geräusche, die er seit zehn Monaten in sich trug, ließen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Das Weinen des Kindes. Eine Feuerwalze, die auf ihn zurollte. Dann Blut und Leichen. Leises Stöhnen. Verzweifelte Schreie…

Faris kniff die Augen zu und rieb sich die Stirn. Wieder einmal hatte er sich in seinen Grübeleien verloren. Draußen war es inzwischen vollständig hell geworden. Im Hintergrund lief immer noch Metallica. Drei Etagen unter ihm hatten die Berliner längst ihr Tagwerk begonnen, und wie gern hätte er es ihnen gleichgetan.

Er schaute in den leeren Becher und seufzte, dann wandte er sich vom Fenster ab, verließ das Schlafzimmer. Er durchquerte den winzigen Flur, ohne einen Blick in den Spiegel an der Garderobe zu werfen. Er wusste auch so, dass seine Augen den brennenden Ausdruck von einem Junkie auf Entzug hatten. Schlafmangel war auf Dauer schlimmer als jeder Cold Turkey. In der Küche trat er an die Arbeitsplatte und griff nach der Glaskanne, um sich Nachschub einzugießen. Der Kaffee schmorte seit Stunden auf der Warmhalteplatte vor sich hin und schmeckte mittlerweile wie Altöl. Egal! Wenigstens war er heiß.

Während Faris den nächsten Schluck trank, schnitt ein zirpendes Geräusch durch seine Gedanken. Im ersten Moment hatte er keine Ahnung, woher es kam, aber als es lauter wurde, erkannte er es. Es kam von dem neuen Smartphone, das er sich am Vortag gekauft hatte.

Faris warf einen missmutigen Blick auf die Kaffeemaschine. Dann schaltete er sie aus, stellte den Becher beiseite und machte sich auf die Suche nach dem Handy. Es befand sich nicht in seiner Lederjacke und auch nicht in der Jeans, die er am Abend zuvor achtlos auf den Sessel im Schlafzimmer geworfen hatte. Schließlich entdeckte er es unter dem aufgeschlagenen Roman von Haruki Murakami auf dem Nachttisch. Er angelte es hervor, starrte verdrossen auf das in rhythmischem Blau aufblinkende Display. Unbekannter Teilnehmer stand dort. Nachdem er sich gestern zwei Stunden lang damit herumgeärgert hatte, all die unnützen Funktionen des Gerätes zu begreifen, hatte er keine Lust mehr gehabt, seine wenigen Kontakte in den Speicher einzugeben. Aber selbst wenn er es getan hätte, hätte es ihm jetzt nichts genützt: Der Anrufer hatte seine Nummer unterdrückt.

Während Faris zurück ans Schlafzimmerfenster trat und einen Blick in sein inzwischen kaum noch zu erkennendes Spiegelbild in der Scheibe warf, nahm er das Gespräch an. »Iskander?«

»As-samu alaikum, Faris.« Die Stimme war elektronisch zu einem tiefen Dröhnen verzerrt.

In Faris’ Adern gefror das Blut.

2. Kapitel

As-samu alaikum.

Diese Worte hatte Faris zum letzten Mal vor zehn Monaten gehört, und nun katapultierten sie ihn schlagartig wieder zurück in die Vergangenheit. Auf einmal stand er nicht mehr in seinem Schlafzimmer, sondern in der Eingangshalle des Klersch-Museums. Die Blaulichter unzähliger Einsatzwagen zuckten über die Wände neben ihm. Sein Magen hatte sich verkrampft, und der Kopfhörer, den die Kollegen vom Kriminaltechnischen Institut, kurz KTI, ihm gegeben hatten, drückte hinter seinem Ohr. Vor ihm, auf der anderen Seite einer mit Ornamenten versehenen doppelflügeligen Tür, hinter der der Kidnapper sich mit seinen Geiseln verschanzt hatte, weinte ein Kind. Es war das leise, hoffnungslose Geräusch, das jemand ausstieß, der ahnte, dass er sterben würde.

»Eine Frage, Faris.« Faris hörte Verzweiflung, die in der Stimme des Geiselnehmers mitklang. »Ein Mann mit dunkler Haut, ein Gürtel, zehn Kilo Sprengstoff. Was ergibt das?«

In einem vergeblichen Versuch, die innere Anspannung unter Kontrolle zu halten, ballte Faris die Rechte zur Faust. Er musste ruhig klingen, das wusste er. Langsam befeuchtete er die Lippen mit der Zunge. »Lassen Sie uns reden«, sagte er. »Ich wurde in Alexandria geboren. Ich bin Muslim, wie Sie…«

Doch der Geiselnehmer unterbrach ihn mitten im Satz. »Falsche Antwort.« Der Klang der Stimme brachte etwas in Faris’ Brust zum Erzittern.

»Hören Sie…«, rief er.

Aber es war zu spät.

»As-samu alaikum, Faris Iskander«, sagte der Geiselnehmer.

Eine Sekunde darauf explodierte die Tür in einem Regen aus Holzsplittern, eine Feuerwalze rollte auf Faris zu und hüllte ihn ein…

Die Erinnerung an die Detonation und die unbarmherzigen Schmerzen, die darauf gefolgt waren, ließ Faris jetzt in seinem Schlafzimmer aufkeuchen.

Der Anrufer am anderen Ende der Leitung lachte, aufgrund der Verzerrung der Stimme hörte es sich an wie ein Rasseln. »Du erinnerst dich.«

Faris’ Herz hämmerte. Er schloss die Augen, atmete einmal tief ein. »Hören Sie…«, begann er, und ihm wurde kalt, als er bemerkte, dass dies auch die letzten Worte gewesen waren, die er damals zu dem Bombenattentäter gesagt hatte.

»Tz, tz«, machte der Anrufer abfällig. »Man könnte meinen, du hättest dazugelernt.«

Faris biss die Zähne zusammen. »Wer sind Sie?«

Die Reaktion des Anrufers kam mit einer leichten Verzögerung. »Hast du keine Idee?«

Die Explosion im Museum… Faris sah sich durch die Luft fliegen, gegen die Mauer prallen… Er war zu schwer verletzt gewesen, um sich wieder aufzurappeln, aber bevor er das Bewusstsein verlor, hatte er einen Blick durch die Öffnung geworfen, dorthin, wo kurz zuvor noch die Tür gewesen war. Rauch hatte ihm die Sicht verwehrt, und als die Männer des Sondereinsatzkommandos die Halle stürmten, hatte ihn die Kraft verlassen. Er war zusammengebrochen. Das Letzte, was er gesehen hatte, war ein abgerissener Finger mit rot lackiertem Nagel gewesen, der direkt vor ihm auf den geschwärzten Fliesen lag und auf ihn wies, als wollte er ihn anklagen…

Faris räusperte sich. Ruhig bleiben! Dieser unbekannte Anrufer konnte nicht der Bombenleger von damals sein. Das war unmöglich! »Die Kollegen von der Spurensicherung haben uns versichert, dass niemand eine derartige Explosion überleben kann«, murmelte er. Ben Schneider, einer der Experten vom KTI, hatte es drastischer ausgedrückt: »Das Schwein hat es in Stücke gerissen«, hatte er gesagt.

Der Mann lachte abermals.

Faris schluckte schwer. »Was wollen Sie?«

»Check deine Mails!«

Faris presste die Lippen zusammen und tippte auf den kleinen Bildschirm seines Smartphones. Er startete die entsprechende App, loggte sich bei seinem E-Mail-Provider ein, und eine Eingangsliste erschien. Nur eine einzige Mail war darin. Faris öffnete sie. Sie enthielt keine Nachricht, lediglich eine Datei war angehängt. Faris klickte sie an.

Ein Film begann zu laufen.

In den ersten drei, vier Sekunden war das Bild unscharf. Nichts außer einem Haufen verwaschener Flecken in Grau und Schwarz und ein wenig Grün und Blau. Schweres Atmen war zu hören, ein Geräusch wie ein unterdrücktes Schluchzen. Dann unverständliches Gemurmel. Im nächsten Moment wurde die Darstellung scharf.

Und Faris erstarrte.

Ein Mann war zu sehen. Er lag mit ausgebreiteten Armen auf einer kreuzförmigen Balkenkonstruktion. Das Bild zoomte auf sein bleiches Gesicht, das überströmt war von Blut, das unter einer Dornenkrone hervorquoll. Die Augen waren vor Entsetzen unnatürlich weit aufgerissen. Die Kamera schwenkte am Körper des Mannes hinunter, auf dessen Brust nun helle Kreise zu erkennen waren, die auf den ersten Blick völlig fehl am Platz wirkten. Beim zweiten Hinsehen begriff Faris jedoch, dass es sich um Elektroden handelte.

Das Bild zoomte wieder auf.

Ein weiterer Mann erschien in dem Bildausschnitt, aber während man den ersten deutlich erkennen konnte, wandte dieser hier der Kamera den Rücken zu. Die Kapuze eines Sweatshirts war ihm so tief über die Stirn gezogen, dass sie sein Gesicht vollständig verbarg. In der Hand hielt er einen spannenlangen Nagel und einen schweren Hammer.

Faris zog scharf die Luft durch die Zähne. Ohnmächtig sah er mit an, wie der Mann mit der Kapuze sich neben dem anderen auf ein Knie niederließ. Wie er die Spitze des Nagels mitten auf die Handfläche des Opfers setzte.

Und mit dem Hammer ausholte.

Der Schlag war wuchtig ausgeführt, und er trieb den Nagel durch Fleisch und Knochen und tief in den Holzbalken darunter.

Voller Entsetzen riss Faris die Augen auf.

Das Opfer warf den Kopf zur Seite, aber es schrie nicht, sondern stöhnte nur leise. Blut quoll aus der Wunde. Es wirkte fast schwarz.

»Scheiße!«, murmelte Faris.

Der Täter nagelte auch die andere Hand fest. Als er sich den Füßen seines Opfers zuwandte, begann er jedoch zu zittern. Diesmal gelang ihm der Hieb nicht präzise genug, um den Nagel bis in das Holz zu treiben. Der Mann musste neu ausholen.

Der Gekreuzigte stöhnte abermals, als sich der Nagel weiter durch die Füße bohrte.

Schwer atmend legte der Täter den Hammer beiseite. Mehrere Sekunden lang kniete er einfach da. Schließlich nahm er zwei rote Seile, die sorgsam zusammengerollt neben dem Kreuz lagen. Jeweils eines schlang er um den Oberarm seines Opfers und knüpfte einen Knoten. Dann befestigte er ein ganzes Bündel Kabel an den Elektroden auf der Brust des Gekreuzigten und verband sie mit einem kleinen Kästchen, das er an dessen Lendenschurz klemmte.

Erst danach erhob er sich mit einer schwerfälligen Bewegung. Er trat zur Seite, verschwand aus dem Bild. Ein gleichmäßiges, schnelles Piepsen setzte ein, und Faris vermutete, dass ein Herzmonitor angeschaltet worden war.

Eine schwere Kette rasselte.

Das Kreuz richtete sich auf. Kurz zoomte das Bild direkt auf das Gesicht des Opfers, und Faris konnte den Blick nicht von dessen Augen wenden. Zu dem Entsetzen, das in ihnen glitzerte, war etwas anderes hinzugekommen– eine Art Abwesenheit, die darauf hindeutete, dass der Mann unter Drogen stand. Vermutlich war das der Grund dafür, dass er nicht vor Schmerzen brüllte. Das Bild weitete sich und erfasste wieder die ganze Szenerie. Als das Kreuz beinahe die Senkrechte erreicht hatte und die Schwerkraft begann, an dem Körper des Mannes zu ziehen, warf er den Kopf zurück und stieß einen Schrei aus. Das Piepsen des Herzmonitors beschleunigte sich. Faris’ Magen drehte sich um.

Einen Moment lang zeichnete die Kamera noch das Bild des Gekreuzigten auf, dann wurde das Fenster schwarz. Der Film war zu Ende.

Faris starrte auf den kleinen Bildschirm. Mit der freien Hand strich er sich die Haare aus der verschwitzten Stirn.

Langsam hob er das Smartphone wieder ans Ohr.

»Hast du dir das Video angesehen?«, erklang die Stimme des Anrufers.

Faris bejahte.

»Gut«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung. »Du kannst dir sicher denken, dass es echt ist.«

Darauf antwortete Faris nicht.

Der Anrufer stieß ein spöttisches Schnauben aus. »Dieser Mann am Kreuz befindet sich in meiner Gewalt. Und ich will jetzt, dass du Folgendes tust: Gehe zur U-Bahn-Station in der Bismarckstraße. Und zwar sofort!«

Faris krampfte die Finger um das Mobiltelefon. »Und dann?«

»Alles Weitere sage ich dir, wenn du da bist. Ach, und Faris: Solltest du deine Kollegen oder irgendwen sonst informieren, werde ich das erfahren!«

Faris schwieg. Einen Augenblick lang war es sehr still in der Leitung. Dann lachte der Anrufer erneut. »Widerspenstig, Faris? Denk an die Explosion im Museum!«

Die Haut in Faris’ Genick begann zu kribbeln.

»Keine Kollegen zunächst«, wiederholte der Unbekannte.

Zunächst?

Faris’ Verstand stolperte über das Wort, er hatte aber keine Gelegenheit, sich Gedanken darüber zu machen, denn nun zischte der Anrufer: »U-Bahn-Station Bismarckstraße. Du hast fünf Minuten!« Ohne ein weiteres Wort legte er auf.

Alexander

DASBÖSEISTDERPREISDERFREIHEIT, sagte die Stimme aus dem Licht.

Alexander ließ den Hammer sinken und blinzelte. Er wollte einen Schritt vorwärts machen, wollte sehen, wie die Gestalt aussah, die sich hinter der grellen Aureole vor ihm verbarg. Aber die Stimme hatte es ihm verboten. SCHAUMICHNICHTAN!, hatte sie gesagt.

Und Alexander gehorchte.

Statt in das Licht schaute er nun zu dem Gekreuzigten auf. Etwas Warmes kribbelte auf seinem Gesicht, und er wischte sich über die Stirn.

JA, sagte die Stimme. ESISTVOLLBRACHT.

Zitternd holte Alexander Luft. Sein Blick ruhte auf dem Mann am Kreuz. »Es ist nicht richtig«, murmelte er. Sein steinernes Herz hämmerte so heftig, dass ihm schlecht davon wurde.

ESISTALLES, WIEESSEINMUSS, entgegnete die Stimme. VERTRAUMIR!

Alexander würgte, doch dann nickte er. Tränen machten ihn blind, und er spürte, wie sie ihm die Wangen hinunterrannen. Sie fühlten sich kalt an. Kalt wie der Stein in seiner Brust.

Der Gekreuzigte blickte ihn an. Alexander konnte die Schmerzen in den vertrauten Augen sehen.

ERWIRDNICHTLEIDEN, hatte die Stimme aus dem Licht ihm versichert. DAFÜRSORGEICH.

Aber war das richtig? Alexander stöhnte unter dem Anfall von Übelkeit, der ihn packte. Ein feines Geräusch hallte in seinem Kopf wider. Ein rhythmisches, durchdringendes Piepsen. Er krümmte sich.

DUMUSSTSTARKSEIN!, befahl die Stimme.

Er richtete sich auf. »Ja«, flüsterte er. »Das will ich!«

DANNGEHJETZT. REINIGEDICH! DUBISTGANZSCHMUTZIG!

Er gehorchte. Er verließ den niedrigen gekachelten Raum, in dem sich nichts befand außer dem Kreuz, dem Mann daran, dem grellen Licht. Und seinem eigenen Entsetzen. Er stellte sich vor eines der Waschbecken, die in einer Reihe vor halb erblindeten Spiegeln an der Wand aufgehängt waren. Das Licht fiel von hinten auf ihn, er konnte undeutlich sehen, dass die Stimme recht hatte. Blut war quer über sein Gesicht gespritzt, sprenkelte die blasse Haut, als hätte ein Maler mit einem Pinselquast voller Farbe nach ihm geschlagen.

Das Rot schrie seine Schuld zum Himmel.

Alexander öffnete mit zitternder Hand den Wasserhahn und reinigte sich gründlich, wie die Stimme im Licht es befohlen hatte. Als er anschließend wieder aufblickte, da wusste er endlich, dass alles gut war.

Einen Augenblick lang sah er sich selbst in die Augen.

»Ich habe meinen Vater gekreuzigt«, flüsterte er.

Und übergab sich in das Waschbecken.

3. Kapitel

Herr im Himmel! Ich bin wirklich zu alt für so was!

Schwester Xaveria vom Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus war übel. Selbst schuld!, schalt sie sich. Warum hatte sie sich mit ihren fast achtzig Jahren auch auf diese Berlinreise eingelassen? Warum hockte sie hier in dieser stickigen, überfüllten U-Bahn, statt in ihrem Mutterhaus zu bleiben, wo ihr Platz war? Sie bemühte sich, ihre Übelkeit so gut es ging zu verbergen, doch trotzdem schien ihre Begleiterin, Schwester Bernadette, sie zu bemerken.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte die vierzig Jahre jüngere Nonne und beugte sich vor, um Xaveria ins Gesicht zu blicken. »Sie sind ziemlich blass um die Nase!«

Xaveria konnte sich in den Augen der anderen Frau spiegeln. Sie lächelte mühsam. »Es ist nur die Luft hier unten«, versuchte sie Schwester Bernadette zu beruhigen. »Sobald wir zurück ans Tageslicht kommen, wird es bestimmt gleich besser werden.« Im Stillen bat sie Gott um Vergebung für diese kleine Lüge, denn nicht die stickige, von Abgasen und Ölgeruch geschwängerte Luft in der U-Bahn war der Anlass dafür, dass Xaverias Magen sich bemerkbar machte. Es war die Aufregung. Die Aufregung darüber, dass sie nach zwölf Jahren ihr Mutterhaus in Trier zum ersten Mal wieder verlassen hatte. Und das auch noch für eine derartig spannende Reise.

Morgen würde sie den Papst sehen!

Wenn das kein Grund war, Schmetterlinge im Bauch zu haben, dann gäbe es wohl nichts mehr auf der Welt, das sie berührte, dachte Xaveria.

Schwester Bernadette nickte und warf zum bestimmt hundertsten Mal einen Blick auf den U-Bahn-Plan, den ihr ein fürsorglicher Mitarbeiter an der Hotelrezeption in die Hand gedrückt hatte. »An der nächsten Station müssen wir aussteigen«, sagte sie. »Dort treffen wir die anderen und müssen dann in die U2.« Auf ihrem Gesicht hatten sich hektische Flecken gebildet, und Xaveria erkannte, dass auch ihre jüngere Mitschwester nervös war. Sie hatten geplant, an einem der unzähligen Frühgottesdienste teilzunehmen, die heute überall zwischen acht und neun Uhr stattfanden. Danach wollten sie sich den Olympiapark und ein paar Sehenswürdigkeiten ansehen. Wie ganz gewöhnliche Touristen würden sie sich einen schönen Tag in Berlin machen.

Die U-Bahn ruckelte. Dann, mitten in dem pechschwarzen Tunnel, hielt sie plötzlich an. Ein Graffito fiel Xaveria ins Auge, ein verschlungenes grafisches Gebilde, das sie nicht entziffern konnte. Das Licht im Inneren der Bahn riss es aus der ewigen Finsternis, und spontan stellte Xaveria sich die Frage, wer wohl in diese dunklen Tiefen des Berliner Untergrunds hinabstieg, um die Wände zu verzieren.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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