Verlag: 26|books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

5 Damen spielen falsch E-Book

Lola Victoria Abco  

4.9 (10)

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E-Book-Beschreibung 5 Damen spielen falsch - Lola Victoria Abco

*** Ein verlassener Geldtransporter, zwei Millionen Euro und ein Zündschlüssel - weitergehen oder wegfahren?*** Dagmar droht an ihrem Hausfrauendasein zu ersticken. Schon lange träumt sie von einem Leben ohne ihren schnarchenden Ehemann, den nervigen Hausputz und die ewigen Geldsorgen. Plötzlich bietet sich ihr eine phänomenale Chance. Nichts hält sie mehr auf, auch die letzte Brücke zu ihrem früheren Leben abzubrechen. Ihre Romméschwestern sind ebenfalls unzufrieden. Entschlossen legen die fünf Damen die Karten zur Seite und bessern heimlich ihre Haushaltskassen auf. Das nagelneue Cabrio der bankrottgeglaubten Maria zieht neugierige Blicke auf sich und die Kassiererin vom Supermarkt wird zur hofierten Mäzenin. Währenddessen schreibt die vom Dorfleben genervte Teenagerin Mareike fleißig Tagebuch und liest das anderer ebenso gerne. Kurz vor ihrem allerletzten Schritt in ein neues, unabhängiges Leben reißt vor Dagmar ein tiefer Abgrund auf. Ein Mord, ein Erpresser und die Kriminalpolizei – die Schlinge um ihren Hals zieht sich zu. Fliehen oder kämpfen, Dagmar? *** Die kultigen Figuren sind sehr unterhaltsam und ich hatte beim Lesen ständig Bilder mit Film-/Seriencharakter wie "Neues aus Büttenwarder" oder "Mord mit Aussicht" vor Augen. (Eine Leserin)

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E-Book-Leseprobe 5 Damen spielen falsch - Lola Victoria Abco

Lola Victoria Abco

 

5 Damen spielen falsch

Krimikomödie

 

 

Ein verlassener Geldtransporter, zwei Millionen Euro und ein Zündschlüssel - weitergehen oder wegfahren?

Dagmar droht an ihrem Hausfrauendasein zu ersticken. Schon lange träumt sie von einem Leben ohne ihren schnarchenden Ehemann, den nervigen Hausputz und die ewigen Geldsorgen. Plötzlich bietet sich ihr eine phänomenale Chance. Nichts hält sie mehr auf, auch die letzte Brücke zu ihrem früheren Leben abzubrechen.

Ihre Romméschwestern sind ebenfalls unzufrieden. Entschlossen legen die fünf Damen die Karten zur Seite und bessern heimlich ihre Haushaltskassen auf.

Das nagelneue Cabrio der bankrottgeglaubten Maria zieht neugierige Blicke auf sich und die Kassiererin vom Supermarkt wird zur hofierten Mäzenin. Währenddessen schreibt die vom Dorfleben genervte Teenagerin Mareike fleißig Tagebuch und liest das anderer ebenso gerne.

Kurz vor ihrem allerletzten Schritt in ein neues, unabhängiges Leben reißt vor Dagmar ein tiefer Abgrund auf. Ein Mord, ein Erpresser und die Kriminalpolizei - die Schlinge um ihren Hals zieht sich zu. Fliehen oder kämpfen, Dagmar?

 

Die kultigen Figuren sind sehr unterhaltsam und ich hatte beim Lesen ständig Bilder mit Film-/Seriencharakter wie Neues aus Büttenwarder oder Mord mit Aussicht vor Augen. (Eine Leserin)

 

Auch als Taschenbuch erhältlich

242 Seiten

7,99 €

ISBN 9781718036451

 

Über die Autorin

Letzte Sonnenstrahlen überziehen den Wald mit einem goldenen Schleier. Leise rauschend fährt der Wind durch die Baumkronen. Elche grasen bedächtig auf der Wiese davor, ohne sich von den Trollen und Elfen stören zu lassen. Es wird Abend in Lola Victoria Abcos Heimat Schweden.

Zum Repertoire der Autorin gehören Kriminalromane und Krimikomödien, Thriller sowie Belletristik. Reizvoll am Schreiben empfindet sie, die Realität am Schopfe packen zu können, ihr den Mantel namens Fiktion überzustülpen und dessen Muster selber zu kreieren.

Weitere Informationen über Lola Victoria Abco und ihre Bücher erhalten Sie unter www.Lola-Victoria-Abco.de

 

 

Copyright © 2018 26|books, Auenwald

Christine Spindler

Bert-Brecht-Weg 13

71549 Auenwald

christine@26books.de

 

Covergestaltung: © Christine Spindler und Lola Victoria Abco

Covergrafiken: © FionAngg und © pict rider - Fotolia.com

Lektorat: Christine Spindler

 

ISBN 978-3-945932-47-6

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Persönlichkeiten, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

 

Besuchen Sie uns im Internet:

http://www.26books.de

 

Inhaltsverzeichnis

5 Damen spielen falsch

Willkommen in Middeldorf

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Weitere Bücher von Lola Victoria Abco

Wohin darf es als Nächstes gehen?

In die Südsee

In den Thüringer Wald

Willkommen in Middeldorf

Postkarte von Mareike Molder, Middeldorf an Julia Krüger, Hamburg

 

Hey Juju, olles Haus!

Haste deene Leidensgenossin vergessen, Schnepfe du? Eine Karte aus HaHa wäre das Toperlebnis des Monats! Manno, warum kann sich kein Architekt in meine Mutter verlieben und sie nach Hamburg entführen? Oder wenigstens eine fiese Kiezgröße mit ´ner Bar auf der Räpperwahn?

Das Leben in Middelkaff ist wie eh und je absolut aufregend. Die Wahnsinnsreizüberflutung schafft mich! Muss morgens immer aufpassen, dass mir vor Anstrengung nicht die Zahnbürste aus der Hand fällt und mein Kopf in das Waschbecken kullert. Gähn! Selbst die Touris lassen nach. Seit dreizehn Monaten und genau zehn Tagen ist keiner mehr ertrunken. Und die letzte Wasserleiche kam vor siebzehn Monaten und elf Tagen nach Middeldoof angeschwappt.

Uuuuaaaah, deene kleene Mareike!

PeÄs: Hälp mi aut ov hir, plies.

Kapitel 1

Dagmar Molder war damit beschäftigt, ihre drei Kinder für die Schule fertig zu machen.

»Ich will kein Pausenbrot mit Leberwurst«, nörgelte ihre siebzehnjährige Tochter. »BSE lässt grüßen. Bin doch nicht blöd.«

»Bist du dir da echt sicher, Mareike?«, fragte ihr Bruder Malte. »Davon kriegst du höchstens Schweinepest.«

»Mama, Mama! Wo ist mein pinkes Sweatshirt?«, rief die zehnjährige Lisa so laut, als würde ihre Mutter nicht direkt neben ihr sitzen.

»Ich will Erdnussbutter draufhaben.«

»Kein Problem, Mareike. Du weißt, wo sie steht.«

»Dann verpass ich den Bus.« Mareike war hochaufgeschossen. Ihre halblangen Haare waren so dunkelblond wie die ihrer Mutter. Nie würde sie jedoch auch nur eine Zehenspitze vor die Tür setzen, ohne ihre Frisur modisch aufgepeppt zu haben.

»Mach halt heute eine Diät.«

»Ich? Diät? Ich seh doch nicht so aus wie du, Mama!«

»Genau, du siehst aus wie eine Bohnenstange«, stellte Lisa fest.

»Halt die Klappe, Miss Piggy!«

»Schluss jetzt, raus mit euch!«, übertönte Dagmar das Geschrei.

Polternd machten die drei sich auf den Weg. Donnernd fiel die Haustür hinter ihnen ins Schloss.

* * *

»Nein, nicht jetzt schon, noch eine Minute, bitte!«

Während ihre allerbeste Freundin ihre Kinder aus dem Haus scheuchte, tauchte Bianca Reinhardt aus den Tiefen ihres Traumes auf. Mit geschlossenen Augen schlug sie auf ihren Wecker und ließ sich vom Bett auf den Boden purzeln. Auf dem Rücken liegend, streckte sie die Beine aus und hob sie langsam vom Boden. Knisternd ging ihr Radiowecker an. Behutsam ließ sie die Beine wieder zu Boden sinken.

»… muss aber zunächst noch den Bundesrat passieren.«

Bianca hob die Beine wieder an.

»… am späten Nachmittag eine Bank überfallen. Von den Tätern fehlt jede Spur. Nach ersten Angaben wurden vierhunderttausend Euro erbeutet.«

Schnaufend setzte sie die Beine ab, während ihre Bauchdecke begann Zither zu spielen.

»Vierhunderttausend Euro. Das sind ein Porsche, ein Haus in der Karibik und für Daggi ist auch noch etwas drin.«

Gähnend erhob sie sich und nahm den Berg- und Talparcour auf ihrem Stepper wie jeden Morgen in Angriff.

»Ach, egal, ein Porsche und ein Haus irgendwo im Sonnenschein ändern nichts. Vierhunderttausend wären ein solider Anfang, aber sie würden nicht ewig reichen. Meinen Job könnte ich doch nicht an den Nagel hängen.«

Mit schweren Beinen erklomm Bianca die Bergspitze. Keuchend strich sie sich über ihre schulterlangen, blonden Haare. »Und … das … puh … Risiko.«

Minuten später trat sie aus der Dusche und begann sich einzucremen. Achtlos fuhren ihre Finger über ihre hohen Wangenknochen, während ihr Blick auf eine kelchförmige Vase aus Murano fiel. Darin verwahrte sie ihre Schminkutensilien auf.

»Soll ich meine Truppe erschrecken und geschminkt zur Arbeit kommen?« Bianca arbeitete als Projektleiterin. Ihr Spiegelbild sah sie mit vor Schalk funkelnden, grünen Augen an. »Besser nicht, das lenkt nur von den Inhalten ab.« Sie nahm die Vase und stellte sie auf die Anrichte im Flur. »Nächstes Mal nehme ich die Sachen Mareike mit. Hoffentlich sind die Mascara und der Lippenstift nicht schon eingetrocknet.«

Eilig schloss Bianca die Wohnungstür und lief die Treppe hinunter. Ein Mann blieb am Eingang stehen und hielt ihr die Tür auf. Er war einen Kopf kleiner als sie. Abschätzend musterte er Bianca. Irritiert sah er, dass sie keine Schuhe mit hohen Absätzen trug.

»Guten Morgen und danke«, sagte sie lächelnd. »Das kommt vom Sonnenregen.«

»Wie bitte, Sonnenregen?«, fragte der Mann verdutzt.

»Wenn es trotz Sonnenscheins regnet. Als Kinder haben wir gesagt, wer im Sonnenregen draußen spielt, wächst ganz tüchtig!« Bianca zwinkerte dem verlegen dreinschauenden Mann zu und ging weiter zu ihrem schwarzen Mini.

* * *

Dagmar und ihre Familie wohnten am Rand von Middeldorf. Das schlichte Einfamilienhaus war von Wiesen umgeben. Nur auf der anderen Straßenseite standen zwei weitere Häuser.

»Wir wohnen auf der falschen Seite vom Ort«, hatte Malte kürzlich zu seiner Mutter gesagt. »Auf der schönen Seite direkt am Strand, das wäre toll.«

»Das würde mir auch gefallen, aber wer kann das schon bezahlen?«

»Wieso, Bianca wohnt doch da.«

»Bianca, ja, die verdient aber auch richtig viel Geld.«

Plötzlich wurde das Haus von Stille umhüllt. Dagmar fühlte sich, als würde sie in einen tiefen Abgrund fallen. Magische Kräfte schienen sie unaufhaltsam hinabziehen zu wollen. In letzter Zeit ging es ihr immer häufiger so, sobald ihre Kinder das Haus verlassen hatten. Während sie am Morgen sofort durchstarten musste, wäre sie am liebsten im Bett liegengeblieben, fest in die Decke eingemummelt und davon träumend, wie eine Feder fortzuwehen.

Dagmar schenkte sich Kaffee nach und ließ zwei Würfel Zucker in die Tasse gleiten. Die Stille um sie herum wurde immer unerträglicher. Hastig sprang sie auf und stellte das Radio an. Zu ihrer Jeans trug sie ein hellblaues Sweatshirt. Am linken Ärmel bemerkte sie einen Kaffeefleck. Achtlos versuchte sie ihn mit ihrem Taschentuch wegzureiben. Ihre Haare waren wie jeden Tag fantasielos mit einem grünen Band zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden. Die langen, widerspenstigen Strähnen ihres Ponys hatten sie mit zwei weißen Kämmen zurückgesteckt. Ihre Nichte Nina, die eine Ausbildung zur Friseurin machte, hatte vorgeschlagen ihre Tante könnte ihr gelegentlich Modell sitzen.

»Du musst dafür nichts bezahlen, Daggi, wir können zusammen was ausprobieren. Meine Chefin hat auch immer gute Ideen«, hatte Nina sie zu überreden versucht. »Deine Haare sehen gesund aus, nur deine Frisur ist ein bisschen trist.«

Dagmar hatte abgewunken. Schon vor langem hatte sie aufgegeben, etwas aus sich zu machen.

»Make-up? Für wen?«, hatte sie resigniert ihr Spiegelbild gefragt. »Für Andi? Er bemerkt es sowieso erst, wenn ich wie Winnetou daherkomme! Na, die Kinder würde der Anblick freuen, da hätten sie was zu lachen.«

Fast jeden Morgen fuhr Dagmar mit ihrem VW-Bus zur Tankstelle, um dort stundenweise vormittags im Shop zu arbeiten. Mehr oder weniger regelmäßig, mehr oder weniger interessant, aber immerhin ein paar Euro extra. Nein, nicht extra, der Laden gehörte ihrem Mann Andi. Ihr Verdienst lag darin, dass sie für ihren Einsatz keinen weiteren Angestellten zu bezahlen brauchten.

Als Teenager hatte sich Dagmar ihr Leben genau so vorgestellt, zumindest fast so. Drei Kinder, zuerst zwei Jungen kurz hintereinander und mit etwas Abstand ein Mädchen. Das war ihr Traum von einer Familie gewesen. Inzwischen hatte sie tatsächlich drei Kinder, die siebzehnjährige Mareike; Malte war vorletzte Woche vierzehn geworden und Lisa vor zwei Monaten zehn Jahre. Zu Dagmars Vision vom trauten Glück hatten auch ein Haus und natürlich ein Hund gehört.

»Welche Sechzehnjährige malt sich in ihren kühnsten Träumen schon aus, wie viele Quadratmeter sie in ihrem Leben staubsaugen wird?«, hatte sich Dagmar gefragt, als ihr Traum Wirklichkeit geworden war.

»Sagen wir mal hundert Quadratmeter einmal die Woche.« Sie lachte höhnisch. »Einmal die Woche! Na gut. Das Ganze also dreiundfünfzig Mal pro Jahr. Über wie viele Jahre gerechnet? Hm, in dreißig Jahren wird, nein, soll die Hypothek abgezahlt sein. Dreißig mal dreiundfünfzig macht … macht … tausendfünfhundertneunzig Mal staubsaugen. Insgesamt eine Fläche von hundertneunundfünfzigtausend Quadratmetern. Echt super, und danach ist immer noch kein Ende in Sicht.«

Dagmar trank den letzten Schluck Kaffee.

»Kloputzen, habe ich davon geträumt? Nein, aber ich musste obendrein auch noch zwei Badezimmer haben. Dreitausendeinhundertachtzig Mal Kloputzen in dreißig Jahren!«

Sie atmete tief durch. Wenn nur etwas mehr Geld da wäre, würde sie sich eine Putzfrau gönnen und gelegentlich einmal in den Urlaub fahren. Bereits als Andi und sie heirateten, war ihr klar gewesen, dass sie niemals im Geld schwimmen würden. So eingeschränkt hatte sich Dagmar ihr zukünftiges Leben dennoch nicht vorgestellt. Sie hatte nur zu gut gewusst, Andreas Molder, der Firmenerbe, war beileibe kein Quandt oder Flick. Schließlich besaßen seine Eltern nur einen kleinen Landmaschinenhandel. Vier Jahre nach ihrer Hochzeit hatte er den Betrieb von seinen Eltern übernommen. Zweimal standen sie vor der Entscheidung mit Verlust zu verkaufen oder zu investieren, um sich so gegen die Konkurrenz größerer Firmenzusammenschlüsse durchzusetzen. Beide Male hatte sich ihr Mann zu ihrem Frust für die zweite Variante entschieden.

»Acht Uhr zweiundvierzig: Drei Kilometer Stau auf der A7 vor dem Elbtunnel in Richtung Norden.«

Hastig sprang Dagmar auf, schnappte sich die Autoschlüssel und raste los.

Mit siebzehn hatte sie Andi kennengelernt. Genauso alt wie ihre älteste Tochter war. Ein Freund hatte Andi auf die Geburtstagsparty von Bianca mitgebracht worden.

»Vierundzwanzig Jahre ist das nun her. Wie alt ich schon bin«, stöhnte Dagmar.

Vor fast zwanzig Jahren hatten sie geheiratet. Nach dem Abitur hatte sie sich gegen ein Studium und für eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau entschieden. Sie wollte möglichst früh eine Familie gründen und die Zeit, bis es soweit wäre, nicht an einer Universität verschwenden. Die zwei Jahre nach der Lehre bis zu ihrer Hochzeit kamen ihr im Rückblick auch heute noch paradiesisch vor. Beide verdienten sie Geld. Dagmar sogar mehr als Andi. Sie hatten sich zusammen eine hübsche Wohnung gemietet und waren viel gereist. Einmal waren sie mit dem Auto durch Neuengland gefahren und hatten einen Abstecher an die Niagarafälle gemacht. Bevor sie zurückflogen, verbrachten sie zwei Tage in New York City. Noch besser hatte ihr aber die Motorradtour auf der Highway One entlang der Küste Kaliforniens gefallen. Im Jahr darauf ging es nach Australien. Dort beschlossen sie, in den kommenden Monaten zu heiraten. Um ehrlich zu sein, musste sich Dagmar jedoch eingestehen, dass sie allein entschieden hatte, zu heiraten. Andi hatte gegen ihren Vorschlag nur keine Einwände geäußert.

»Typisch!« Dagmar schlug gegen das Lenkrad. »Wie wäre es wohl weitergegangen, wenn ich meine Hochzeitspläne nicht geäußert hätte? Ob wir trotzdem irgendwann geheiratet hätten? Oder hätten wir weiterhin tolle Reisen unternommen?«

Nachdem ihre älteste Tochter Mareike geboren wurde, gab Dagmar ihren Job bei der Versicherung auf.

Kapitel 2

Auszug aus dem Tagebuch von Mareike Molder

 

Middelofnichts, heute in einem Jahr minus zwölf Monate

 

Mama hat mich auf dem Weg zu Lisas Musikschule bei Swantje abgesetzt. Sind zusammen durchs Dorf gezogen. Maja und Miriam, die beiden Äms, haben auf dem Marktplatz rumgelungert und sich Schaufenster angeschaut. Als wenn es da was zu sehen gibt! Vielleicht hat eine ihrer Omas bald Geburtstag. Swantje hatte Ziggis mit. Haben uns auf die Bank gesetzt und gepafft. Die Äms fahren am Wochenende zu Julia nach Hamburg. Mich hat die olle Kröte nicht eingeladen. Hätte eh kein Geld für die Fahrt gehabt. Trotzdem schade.

Swantje darf im Sommer mit auf die Oberstufenfahrt nach Spanien. Muss zu Hause bleiben und in die Penne gehen. Kein Geld. Als Mama es mir sagte, hatte sie Tränen in den Augen. Ich auch!

* * *

Von Norden kommend fegten Böen über die Ostsee. Regentropfen prasselten laut gegen das Panoramafenster von Biancas Wohnzimmer. Ihre Zweizimmerwohnung war eine von acht und lag im obersten Stockwerk eines Terrassenhauses direkt an der Ostsee. In der Dunkelheit waren in der Ferne die Lichter von drei Frachtern, die Kurs auf die Kieler Förde nahmen, zu sehen.

»Vierhunderttausend Euro, wow!« Dagmar beugte sich vor, um sich eine Zigarette an der Kerze anzuzünden. »Damit könnte man schon eine Menge anfangen.«

Sie blies den Rauch in kleinen Kringeln aus. Ihr Blick schweifte versonnen durch das Zimmer und verweilte bei einer Fotografie. Zwei Katzen lagen verschlafen in einem geöffneten Fenster. Davor saß auf einer Gartenbank eine alte, runzelige Griechin, ganz in schwarz gekleidet. Das Foto hatte ihre Freundin während ihres Urlaubs auf Kreta aufgenommen.

»Im Grunde sind vierhunderttausend im Vergleich zum Risiko viel zu wenig.« Bianca streckte ihre langen Beine auf ihrem Sofa aus.

»Hm?«

»Vierhunderttausend sind für das, was man dabei riskiert, zu … hey, Katzenmensch, du hörst mir gar nicht zu!«

Dagmars Blick blieb am Spiegel mit dem Goldrahmen hängen. Sie liebte die gemütlich eingerichtete Wohnung. Verschiedene alte Möbelstücke waren kunterbunt zusammengemischt. Wann immer es ging, schaute Bianca bei Antiquitätenläden rein und stöberte über Flohmärkte. Von ihren Urlaubsreisen brachte sie gerne Andenken wie diesen Spiegel aus Florenz mit.

Dagmar seufzte sehnsüchtig. Bei ihr gab es höchstens Sticker von irgendeinem Freizeitpark, sofern sie sie gratis zur Eintrittskarte bekam. Sie hatte die Gewohnheit, sie an die Kühlschranktür zu kleben. Mehr als einen Tagesausflug mit den Kindern dann und wann ließ ihre Familienkasse nicht zu.

»Erde an Träummine! Sofort zurückkommen, deine Meinung ist gefragt.«

Dagmar fuhr erschrocken zusammen. »Welche Meinung?«

»Wie viel müsste für dich rausspringen, dass du es riskierst, eventuell ins Kittchen zu gehen?«

»Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte schon morden, wenn ich dafür die nächsten zehn Wochen nicht Klo putzen muss!«

»Ach komm, nicht diese Mitleidstour, Daggi.« Grazil schwang Bianca ihre Beine vom Sofa und setzte sich aufrecht hin. »Sagen wir vierhunderttausend. Würdest du dafür alles in die Waagschale werfen? Du landest vielleicht im Gefängnis. Kannst du dir das vorstellen: Andi allein mit den Kindern, völlig verwahrlost in eurem Haus dahinvegetierend. Er wird wahrscheinlich Alkoholiker.«

Dagmar kicherte. »Gib es zu, Bianca! Du liest die Zeitung mit den bunten Bildern und den Schlagzeilen, die so groß sind, dass sie auch ein Blinder entziffern kann!«

»Die Kinder kommen in ein Heim, nehmen Drogen und gehen auf den Strich«, malte Bianca das Bild weiter aus.

»Nein, ich weiß.« Dagmar zeigte mit dem Finger auf ihre Freundin. »Du guckst dir heimlich diese Soaps an. Daher dein tolles Wissen um die traute deutsche Familienidylle.«

»Keiner wird dich sonntags im Gefängnis besuchen kommen.«

»Doch, du schon. Du hättest bestimmt keine Probleme damit, dich mit einem Knasti abzugeben!«

»Dankeschön, aber ich kann nicht vorbeikommen. Denk nach, Daggi, wenn du geschnappt wirst, weshalb sollte ich dann nicht auch eingebuchtet werden?«

»Du? Wieso du? Würdest du denn mitmachen?«, fragte Dagmar ehrlich erstaunt.

»Na klar! Was denkst du, hey?«

»Aber du hast doch alles!«

»Was habe ich denn schon? Einen Job, der mich auffrisst. Sicherlich, das Gehalt ist nicht schlecht. Aber ich habe es satt, den ganzen Tag die taffe Karrierefrau spielen zu müssen. Immer muss ich aufpassen, dass mir niemand die Butter vom Brot nimmt! Ich habe das alles satt, so satt, Daggi.«

»Puh! Ich denke immer, wenn ich so erfolgreich wäre wie du, dann würde ich mich wie auf Rosen gebettet fühlen.«

»Ach was, es gibt keine Rose ohne Dornen, Daggi!« Bianca trank einen Schluck Sekt und versuchte die aufkeimende Erinnerung an die heftigen Auseinandersetzungen bei ihrem letzten Projektreview zu verdrängen. »Wenn ich jetzt tot umfallen würde, was würde ich hinterlassen? Keine große Lücke, das ist schon mal klar. Die paar Spuren von mir wären in zwei Wochen verwischt. Ich möchte einfach Zeit haben und das tun, was mir wirklich wichtig ist. Dafür brauche ich aber Geld.«

»Wer möchte das nicht? Dann sind aber vierhunderttausend für uns beide zusammen wirklich zu wenig.«

»Eben.« Bianca steckte sich eine Olive in den Mund. »Vielleicht gewinne ich doch noch im Lotto. Ich warte ja erst seit neunzehn Jahren! Ich hätte das eingezahlte Geld besser auf ein Sparkonto überweisen sollen.«

Mit angespannter Miene starrte nun Bianca auf das Katzenfoto. Ohne, dass sie es bemerkte, betrachtete ihre Freundin wohlwollend ihr schlichtes schwarzes Sweatshirt, die dunkle, ausgewaschene Jeans und die dicken roten Wollsocken.

»Wenn ich so etwas anziehe, wirke ich wie ein Ringer im Freizeitlook. Bei Bianca sieht es einfach gut aus«, dachte Dagmar. Sie schenkte sich noch ein Glas Sekt ein, obwohl sie ihr Limit bereits erreicht hatte, sofern sie ihren Führerschein nicht riskieren wollte.

»Egal, oder ich lasse den Bus stehen. Bewegung täte mir sowieso gut. Ich könnte ja auch hier übernachten«, ging es ihr durch den Kopf. »Ob es Andi überhaupt auffällt, wenn meine Seite vom Bett heute leer bleibt? Wo würde er mich vermuten? Bei einem anderen Mann? Wäre er eifersüchtig? Welche Chancen habe ich nach drei Kindern und fast zwanzig Jahren Ehe überhaupt noch bei anderen Männern?«

Dagmar schüttelte leicht mit dem Kopf. »Alles lächerlich. Andi würde wie ein Murmeltier schlafen und überhaupt nicht merken, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Verschlafen würde er, wenn ihn nicht eines der Kinder am Morgen wecken würde.«

»Die Banken haben immer nur einen begrenzten Betrag an Bargeld in den Filialen zur Verfügung«, ließ ihre Freundin verlauten. »Eine Million Euro bei einem Überfall auf eine Filiale zu erbeuten, ist nicht möglich. Eine Hauptstelle zu überfallen, ist aber viel zu riskant.«

»Weißt du, Bianca. Man müsste den Zeitpunkt abpassen, wenn der Geldtransporter gerade die Filiale mit Barem versorgt hat. Die Landbank im Ort bekommt ihr Geld zweimal am Tag. Einmal morgens kurz vor neun und einmal in der Mittagszeit.«

»Woher weißt du das so genau?«, fragte Bianca verblüfft.

»Wenn ich zur Tankstelle fahre, komme ich doch dort vorbei. Da habe ich schon mal angehalten und geschaut, nur mal so. Der Fahrer bleibt im Auto sitzen, während der Beifahrer immer zwei Taschen in die Geschäftsstelle bringt. Nachdem er zweimal gegen die Glastür geklopft hat, wird ihm von Herrn Schmitt geöffnet.«

»Schmitt?«

»Das ist der Kassierer.«

»Mann, du bist aber gut informiert, alle Achtung. Und du hast nur mal so geguckt?«

Die beiden Freundinnen schauten sich verschmitzt lachend an.

»Ich würde mir das Ganze auch gerne einmal anschauen, nur so aus Jux«, meinte Bianca nach einer Weile. »Hey, am Freitag habe ich meinen Gleittag genommen. Mit den Kindern wollen wir ja erst am Nachmittag zum Schwimmen gehen. Den Vormittag haben wir für uns. Sag, wie wär's, Daggi? Lass uns schauen und träumen, nur mal so!«

Kapitel 3

Der Ostwind vertrieb die letzten Wolken, während die Sonne über den Horizont lugte. Der Morgen begann mit einem Versprechen auf einen milden, sonnigen Wintertag.

»Oh Gott, solche Leute gibt es tatsächlich noch? Ich dachte, die wären schon längst ausgestorben.«

Ein älterer Herr schloss die Eingangstür der Landbank auf. Sein dunkelblauer Anzug hatte Nadelstreifen, das Haar war korrekt gescheitelt und mit Gel aus dem Gesicht gekämmt.

»Nein, das ist bestimmt Birkenwasser!«, vermutete Bianca. Die Schuhe des Mannes waren so tüchtig poliert, dass sie meinte, das Spiegelbild der Eingangstür darin erkennen zu können. Fasziniert stieß sie ihre Freundin mit dem Ellenbogen an. »Daggi, guck mal, er trägt sogar eine Fliege! Mensch, der gehört doch ins Museum.«

Die beiden Freundinnen standen schräg gegenüber der Bankfiliale auf der anderen Straßenseite. Vorsichtig schaute sich Dagmar um, ob sie sich auch nicht zu auffällig benahmen. Zu ihrer Erleichterung schien niemand von den wenigen Leuten, die in der Bahnhofstraße ihren Angelegenheiten nachgingen, Notiz von ihnen zu nehmen.

»Das ist der Filialleiter, Herr Neuendirks. Er kommt immer als erster von den Kollegen. Stimmt aber, ihm fehlen wirklich nur noch die Ärmelschoner. Der Beruf prägt den Menschen offenbar doch. Komm, lass uns weitergehen, Bianca. Wir dürfen nicht zu lange rüberstarren.«

Die beiden Frauen schlenderten die Straße ein paar Meter weiter. Vor der Auslage einer Boutique, dem einzigen Laden in Middeldorf, der diese Bezeichnung annäherungsweise verdiente, blieben sie stehen. Die Reflexionen in der Fensterscheibe machten es möglich, die Bank auf diese Weise weiterhin zu beobachten. In kurzer Folge betraten drei weitere Angestellte die Bank. Plötzlich war lautes Motorengeheul zu hören. Ein alter BMW fuhr auf den letzten freien Parkplatz vor der Bankfiliale.

»Da kommt Paul«, meinte Dagmar. »Er ist immer der Letzte. War er schon in der Schule. Typisch, Paul muss den letzten freien Parkplatz nehmen, die Kunden können ja sehen, wo sie mit ihren Autos abbleiben.«

Gemächlich flanierten sie zum nächsten Geschäft. Vor dem Blumenladen ihrer früheren Klassenkameradin Heidelinde Petersen blieben sie stehen. Orchideen und rosa und champagnerfarbene Rosen konnten ihre Aufmerksamkeit jedoch nicht erregen.

»Wer hätte gedacht, dass Heidelinde es einmal zu einem eigenen Laden bringen würde?«, fragte Bianca beiläufig, ohne eine Antwort zu erwarten.

Als sie noch zusammen zur Schule gingen, war die kleine dicke Heidi kaum in der Lage gewesen, einen vollständigen Satz herauszubringen, ohne einen roten Kopf zu bekommen. Aber auf Heidi konnten sie sich immer verlassen. Hatten Bianca und Dagmar Stift, Heft oder andere Sachen vergessen oder einfach keine Lust gehabt, ihre Hausaufgaben zu machen, sprang sie gerne mit dem Gewünschten ein. Selbst, wenn die beiden nicht genug Geld für eine Packung Zigaretten hatten, half Heidi aus. Sie schien niemals zu erwarten, irgend etwas zurückzubekommen. Heidi hatte keine eigenen Freunde und war einfach froh, wenn die zwei überhaupt Notiz von ihr nahmen und ihr gelegentlich erlaubten, mit ihnen zusammen zu sein.

»Na, ja. Wir haben sie wohl sehr ausgenutzt. Andererseits, wer in dem Alter hat schon Lust, sich mit einem kleinen, fetten Mops zu zeigen? Kinder können erbarmungslos sein«, dachte Bianca.

Urplötzlich hatte Heidi Selbstbewusstsein entwickelt. Bianca konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, ob es ihr auffiel, als Heidi plötzlich abzunehmen begann oder als sie hartnäckig darauf bestand, Heidelinde genannt zu werden. Seit der Zeit hatten die beiden Freundinnen so gut wie keinen Kontakt mehr zu ihr. Nur, wenn eine von ihnen dann und wann einen Blumenstrauß bei Heidelinde kaufte, trafen sie einander.

»Daggi, wie geht es nun weiter?«, fragte Bianca interessiert.

»Die Belegschaft ist jetzt komplett. Nun werden die Computer hochgefahren und der Schalter wird für den Publikumsverkehr hergerichtet. Sobald das Geld für den heutigen Tag gebracht worden ist, wird die Kasse aktiviert und dann ist es auch schon an der Zeit, die Tür für die Kunden zu öffnen.«

»Hey, du bist ja wirklich gut informiert.«

»Mareike hat doch im letzten Herbst in der Bank ihr Praktikum absolviert. Außerdem habe ich mir das Ganze schon an einigen Morgen angeguckt, wie gesagt.«

Bianca runzelte skeptisch die Stirn: »Ist das nicht zu auffällig?«

»Nö, bestimmt nicht! Ich habe das mit ein paar Einkäufen verbunden. In einem Dorf fällt sowieso nur das Ungewöhnliche auf. Wenn du nur an einem Tag hier zu sehen bist, ist es vielleicht kritisch, aber wenn du häufig auftauchst, fällst du keinem mehr auf.«

Bianca hakte sich bei ihrer Freundin unter. »Was wollen wir nun tun?«

»Lass uns noch den Geldtransporter abwarten. Er wird gleich kommen.«

»Okay, komm, wir gehen rüber zur Bank.«

»Bist du verrückt, Bianca?«

»Wieso? Wir können in den Vorraum gehen und uns an den Geldautomaten stellen. Geld abzuheben ist ganz normal, oder nicht? Von dort haben wir jedenfalls die beste Sicht auf die Straße.«

Ohne Eile schlenderten sie hinüber zur Bank.

»Bitte geben Sie ihre PIN ein und drücken Sie auf Bestätigung.«

Dagmar tippte »0815« ein und drückte zur Bestätigung auf den grünen Knopf. Während sie auf den Ausdruck ihrer Kontoauszüge wartete, schaute sie die Bahnhofstraße entlang, der Geldtransporter war nicht in Sicht. Bianca stand dem Fenster zugewandt neben einem übervollen Regal mit Prospekten und blätterte zum Schein in einer Broschüre über Baukredite. Ein kurzer Pfeifton signalisierte, dass die Auszüge dem Automaten entnommen werden konnten. Dagmar griff nach ihnen und stopfte sie sich in die Jackentasche. Plötzlich tauchte der von ihnen erwartete Transporter auf und hielt direkt vor der Fensterfront des Bankvorraumes. Die Beifahrertür wurde aufgestoßen und ein kleiner muskulöser Mann stieg aus. Die Jacke seiner blauen Uniform spannte sich bedenklich über seiner Brust. Langsamen Schrittes ging er zur Hecktür. Die dunklen Ränder unter seinen Augen verrieten Dagmar, dass er zur Legion der Spätaufsteher gehörte. Sie konnte gut nachvollziehen, wie wenig Spaß er daran hatte, jeden Morgen über die Dörfer fahren zu müssen und das viele Geld auszuliefern, ohne selbst davon einen Teil zu bekommen.

Die zwei Freundinnen gingen zur Tür hinaus und grüßten den Mann freundlich.

»Moin, moin. Schöner Tag heute«, meinte Dagmar jovial, während sie an ihm vorbei ging.

»Joo. Moin, moin, die Damen.« Der Mann nickte ihnen freundlich zu und schloss dabei die Hecktür auf.

»Na, junger Mann. Haben Sie auch was für uns dabei?«, fragte Bianca mit einem Augenzwinkern.

Ehe sie sich den Mund verbrannten, wollte Dagmar schnell weitergehen. Entschlossen wandte sie sich um und streckte ihrer Freundin die Hand entgegen. »Komm.«

Unvermittelt durchschnitt eine ohrenbetäubende Explosion die morgendliche Ruhe. Erschrocken fuhr Dagmar zusammen.

»Lauf! Lauf!«, hörte sie Bianca schreien.

Eine weitere Explosion folgte.

»Lauf! Lauf!«

Dagmars Füße fühlten sich plötzlich so schwer wie Blei an. Sie konnte sie nur mit Mühe vom Boden heben. Ihr Oberkörper schien jedoch wie ein Torpedo davon rasen zu wollen.

»Lauf! Lauf!«, schrie Bianca wieder und wieder.

Dagmar stürzte bäuchlings auf den Fußweg, ihr Kopf prallte hart gegen die Fensterscheibe des Bankgebäudes. Wieder hörte sie eine Explosion. Angsterfüllt kniff sie die Augen zusammen, nach einer erneuten Explosion riss sie sie weit auf. Entsetzt sah Dagmar den kleinen muskulösen Mann vor ihr auf der Straße liegen. Sein Blut hatte seine Jacke rot gefärbt. Stöhnend versuchte er sich aufzurichten. Ein weiterer Schuss ließ ihn wie eine Puppe zurücksinken. Ein Schrei blieb in Dagmars Kehle stecken.

Der Fahrer sprang aus dem Transporter. Eine Waffe in der Hand haltend, hastete er zu seinem Kollegen. Zitternd drehte sich Dagmar auf die Seite. Sie konnte drei vermummte Gestalten auf der anderen Straßenseite erkennen. Wieder war ein Schuss zu hören. Automatisch schaute sie zu den beiden Kurieren. Der Fahrer sank auf die Knie und fiel mit dem Gesicht voran zu Boden.

»Oh Gott, ich will zu meinen Kindern! Bianca!« Dagmar versuchte sich aufzurichten. Ihre Freundin war nirgendwo zu sehen. Die drei Maskierten kamen auf den Geldtransporter zu. Von Panik ergriffen, schaute sich Dagmar nach einem Versteck um.

»Der Bankvorraum«, schoss es ihr durch den Kopf. »Nein.«

Noch wurde sie von dem Transporter verdeckt. Wenn sie in den Vorraum lief, musste sie jedoch ihre Deckung aufgeben. Die drei Gangster waren nur noch wenige Meter vom Fahrzeug entfernt. Schaudernd begriff Dagmar, dass sie sie in wenigen Sekunden unweigerlich entdecken würden.

»Der Transporter!«

Mit einem Satz war sie bei der Beifahrertür. Wie eine Katze sprang sie in die Fahrerkanzel, knallte die Tür zu und duckte sich hinunter in den Fußraum. Sie hörte mehrere Schüsse und entsetzliche Schreie. Plötzlich kehrte Stille ein.

»Ist es endlich vorbei?«

Sachte richtete sich Dagmar im Fußraum auf. Ihre Augen erfassten den Autoschlüssel. Er steckte noch im Zündschloss. Langsam hob sie ihren Kopf zum Seitenfenster.

»Nein, nein!«, schrie sie verängstigt.

Zwei der Maskierten liefen direkt auf den Transporter zu. Panisch rutschte Dagmar auf den Fahrersitz, griff nach dem Zündschlüssel und drehte ihn, nichts passierte jedoch. Sie guckte noch einmal zum Seitenfenster heraus. Die beiden Maskierten hatten den Transporter bis auf drei Meter erreicht. Zwei Mündungen waren auf sie gerichtet.

»Du musst den Wagen starten!«, feuerte sie sich selbst an. »Kupplung. Gas.«

Ein Donnergrollen erfasste das Auto.

»Oh Gott. Sie haben den Wagen getroffen. Komm schon. Kupplung. Gas!«

Plötzlich war ein sonores Grummeln zu hören. Dagmar trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Mit quietschenden Reifen schleuderte sie die Bahnhofstraße entlang. Während sie das Gaspedal durchdrückte und das Lenkrad festumklammert hielt, jagten Schule, Läden und hupende Autos wie in einem Film an ihr vorbei. Ohne wahrzunehmen, was sie tat, raste sie immer weiter. Erst als sie Middeldorf weit hinter sich gelassen hatte, schaute sie gehetzt in die Spiegel.

»Ich sehe sie nicht mehr. Ich habe sie abgehängt.«

Dagmar stieß einen tiefen, erleichterten Seufzer aus. Allmählich lockerte sie den Druck auf das Gaspedal. Die Erkenntnis, den Geldtransporter entwendet zu haben, durchfuhr sie wie ein Schock.

»Ausgerechnet ich, eine Mutter von dreien. Wer wird mir glauben, dass ich mich nur in Sicherheit bringen wollte? Was sollte ich jetzt machen?« Ihre Zähne schlugen krachend aufeinander.

»Biiiiaancaaaa!«, kreischte Dagmar immer wieder. Schlagartig brachte sie das Fahrzeug zum Stehen. Verängstigt drückte sie sich in die Rückenlehne.

»Am besten ich bleibe hier stehen und versuche sie anzurufen.« Mit schweißnassen Händen durchwühlte sie ihre Jackentasche nach ihrem Handy.

»Nicht hier am Straßenrand«, sagte sie mit dünner Stimme zu sich selbst. »Was, wenn mich die Polizei hier aufspürt, bevor mir Bianca raten kann, was ich sie machen soll?«

Dagmar fuhr wieder an und bog in einen Feldweg ein. Im Schritttempo rollte sie weiter, bis man den Wagen nicht mehr von der Straße aus sehen konnte. Hinter einem Knick, der aus vielen verschiedenen Büschen bestand, hielt sie an und machte den Motor aus. Mit zitternden Händen nahm sie ihr Handy. Sie verabscheute das kleine Ding. Andi hatte es ihr zu Weihnachten geschenkt.

»Damit du für die Kinder erreichbar bist, wenn es ein Problem gibt«, hatte ihr Mann gesagt.

Dagmar hatte sich im Stillen gefragt, warum er nicht auf die Idee gekommen war, selber für die Probleme ihrer Kinder da zu sein und sich eines zulegte.

Unbeholfen rief sie die Nummer ihrer Freundin auf. Nervös zählte sie jeden Klingelton.

»Ich bin es. Bianca geh ran.«

Es klingelte weiter.

»Sie haben Bianca erwischt!«

Dagmar presste das Handy an ihr Ohr. Plötzlich war ein Knacken in der Leitung zu hören.

»Daggi, Daggi!« Die Stimme ihrer Freundin überschlug sich. »Wo bist du?«

Als der erste Schuss fiel, war Bianca blindlings losgelaufen. Ohne sich nach ihrer Freundin umzudrehen, hatte sie immer wieder geschrien: »Lauf! Lauf!«

Abermals war ein Schuss zu hören gewesen. Wenn tausend Bienen hinter ihr her gewesen wären, hätte die durchtrainierte Bianca nicht schneller rennen können. Atemlos erreichte sie den VW-Bus ihrer Freundin. Ihre rechte Hand schnellte hervor und hielt sich am Türgriff fest. In einem Satz sprang sie in das Fahrzeug hinein und ließ sich auf die Fahrerseite fallen. Mit dem Fuß stieß sie die Beifahrertür für Dagmar auf.

»Daggi?«

Erst jetzt begriff Bianca, dass ihre Freundin nicht hinter ihr her zum Auto gelaufen war. Irritiert schaute sie zur Bank hinüber und sah den kleinen, muskulösen Mann blutüberströmt auf der Straße liegen. Ihre Freundin konnte Bianca nirgendwo sehen. Ohne zu überlegen, steckte sie den Schlüssel ins Zündschloss.

»Nein. Du kannst nicht fahren. Vielleicht hat sich Daggi in einem Eingang versteckt und versucht zum Wagen zu kommen«, ermahnte sie sich.

Pure Angst schnürte Bianca den Hals zu. Sie hatte Angst, dass sie ein Querschläger treffen könnte und sie hatte noch mehr Angst davor, dass er womöglich ihre Freundin treffen würde. Sie ließ sich flach auf die Sitzflächen fallen und kniff die Augen zu.

Wieder waren Schüsse zu hören.

»Es ist nur ein Film! Es war doch nicht ernst gemeint. Wir hätten niemals eine Bank überfallen. Nur ein Scherz«, murmelte sie vor sich hin.

Mit einem Schlage kehrte Ruhe ein. Bianca presste ihre Augenlider noch fester zusammen. Die Schüsse und die Schreie waren entsetzlich gewesen, die folgende Stille war jedoch noch viel unheimlicher. Jäh heulte ein Motor auf. Das ohrenbetäubende Gejaule wurde lauter, während es direkt auf den VW-Bus zu zukommen schien. Jemand trieb den Motor zur Höchstleistung an.

Bianca rollte sich von den Sitzflächen hinunter auf den Boden. Verängstigt drückte sie ihre Hände gegen die Ohren.

Minutenlang lag sie mit geschlossenen Augen zusammengerollt wie ein Embryo im Fußraum. Ihre Ohren, die sie immer noch zuhielt, pochten schmerzhaft. Langsam öffnete Bianca die Augen und nahm die Hände von den Ohren. Vorsichtig richtete sie sich auf und lugte aus dem Fenster. Nachdem, was sie erblickte, vermutete sie, Ewigkeiten unten im Fahrerraum gekauert zu haben. Vor der Bank standen mehrere Streifenwagen und Rettungsfahrzeuge. Lautes Sirenengeheul war zu hören. Irritiert vernahm Bianca plötzlich ein weiteres Geräusch. Schrill und unerbittlich klang es in ihren Ohren. Schaudernd zuckte sie zusammen.

Erleichtert sah sie eine bekannte Nummer auf dem Display.

»Daggi, Daggi, wo bist du?«

Minuten später stand Bianca ihrer aufgewühlten Freundin gegenüber.

»Das können wir nicht machen, Bianca!«

»Du hast dein Leben riskiert.«

»Aber doch nicht, um das Geld zu bekommen. Ich hatte wahnsinnige Angst erschossen zu werden.«

»Und hier liegt die Belohnung für den Seelenschmerz vor uns, Daggi.«

»Was ist, wenn mich jemand in dem Transporter gesehen hat?«

»Ich habe dich nicht gesehen. Die Bankangestellten können dich auch nicht gesehen haben. Schließlich hängen an der Glasfront des Schalterraums Lamellen und davor ist dann noch der Vorraum mit den Geldautomaten. Ich glaube nicht, dass sich einer von der Bagage weiter vor getraut hat. Die Leute auf der Straße haben auch nur zugesehen, wie sie sich in Sicherheit bringen konnten. Mensch Daggi, wir haben doch vom großen Geld geträumt!«

»Schon, aber nur im Spaß.« Dagmar war den Tränen nahe. »Ich habe wie ein kleiner Ganove eine Bank ausspioniert, dann wäre ich bei einer Schießerei beinahe zu Tode gekommen. Obendrein habe ich auch noch einen Geldtransporter geklaut. Und nun meinst du, ich soll Geld, das mir nicht gehört, behalten!«, zählte sie jammernd auf. »Verdammt, das bin doch nicht ich. So läuft mein Leben nicht ab.«

Sie begann zu schluchzen. Bianca streichelte ihr beruhigend über den Rücken. »Daggi, wie oft musst du noch Klo putzen?«

Mit dem Handrücken wischte sich Dagmar übers Gesicht. »Was habe ich eigentlich zu verlieren? Es ist doch verständlich, dass eine Hausfrau und Mutter in dieser Situation völlig die Nerven verliert. Zumindest würde ich mildernde Umstände bekommen«, begann sie zu überlegen. »Memmen werden nicht reich und glücklich!«

»Mich hat niemand gesehen, außer dem Fahrer und dem Beifahrer«, sagte Dagmar laut. »Aber ob sie mich wiedererkennen würden? Während des Schusswechsels haben sie mich vermutlich gar nicht wahrgenommen. Die Maskierten? Ich glaube nicht, die haben mich nur kurz aus dem Seitenfenster spähen sehen. Die werden mich nicht beschreiben können, außerdem, wer würde ihnen diese Geschichte schon abnehmen? Vielleicht sind sie gar nicht mehr am Leben? Oh Gott.«