5 Tage im Sommer - Kate Pepper - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Fünf Tage Zeit, bis der Täter wieder zuschlägt
Auf dem Parkplatz eines Supermarktes verschwindet eine junge Mutter. Als ihr Ehemann eine Vermisstenanzeige aufgeben will, nimmt ihn die Polizei nicht ernst.
Nur John Geary, ein Ex-FBI-Agent, ist alarmiert. Vor genau sieben Jahren wurde eine andere Frau entführt. Fünf Tage danach verschwand ihr siebenjähriger Sohn. Und tauchte nie wieder auf. Im Gegensatz zu seiner Mutter. Doch die hat seitdem kein einziges Wort gesprochen.

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Zeit:6 Std. 41 min

Sprecher:Johannes Steck


Kate Pepper

5 Tage im Sommer

Thriller

Deutsch von Teja Schwaner

PROLOG

Fünf Spritzen liegen in Reih und Glied auf dem blitzblanken Tresen. Fünf Injektionen, fünf Tage. Keine Nahrung, kein Wasser, nur absolute Dunkelheit und das Wogen der Wellen. Fünf Tage lang. Dann wird er die Augenbinde entfernen. Die Muskellähmung wird eingesetzt haben. Sie wird sich nicht mehr bewegen können. Sie wird ihre Augen nicht mehr schließen können. Sie wird nur noch das sehen, was sich direkt vor ihren Augen befindet. Sonst nichts.

Was sie sehen wird, wird sie in Angst und Schrecken versetzen.

Er richtet das Boot her, putzt sämtliche Oberflächen in der Kabine, bis die langen, hölzernen Bänke, aus deren Kissen er den Staub geschüttelt hat, vor Sauberkeit glänzen. Die Kombüse blitzt, als sei nie ein Hauch feuchter Meeresluft eingedrungen. Im Laufe der Jahre hat er viele Boote besessen, aber dies ist ihm das liebste: Für den Fluss gebaut, ist es doch robust genug, um mit den launischen Gegenströmungen in den Mündungen, Buchten und Meerbusen fertig zu werden.

In der Kajüte ist es trotz der sommerlichen Hitze kühl und feucht. Ein leichter Modergeruch ist geblieben, obwohl er die Luke den gesamten Nachmittag offen gelassen hat. In den folgenden Tagen wird er schlimmer werden. Er wird ihre Qual verstärken. Dieser Geruch, die Dunkelheit und die feuchte Kälte, das Verrinnen ihres Lebens. All das gehört zu seinem Plan.

Er kontrolliert seine Gerätschaften: unter der einen Bank in der Kajüte der zusammengerollte Schlauch, unter der anderen ein Beil, scharf und geölt. Speiseöl auf der Schneide sorgt für einen glatten Schnitt. Ein wenig Recherche, mehr braucht man nicht, um diese Dinge in Erfahrung zu bringen – und natürlich auch Praxis. Ein Schlachtermesser. Ein Schälmesser. Eine normale Schere, eine Gartenschere. Lange Metallspieße. Flaschen mit destilliertem Wasser. Ein aufgerolltes Seil.

Die kleineren Utensilien befinden sich in der Schublade unter dem Tresen in der Kombüse. Ein Stück schwarzer Stoff, akkurat zusammengefaltet. Zusätzliche Spritzen. Einhundert Stecknadeln, in gleichem Abstand voneinander in den weichen Stoff eines Nadelkissens gesteckt, das wie eine aufgeblähte Erdbeere aussieht. Ein lächerliches Ding, dem er jedoch nicht hatte widerstehen können. Genauso wie damals, als er das Nadelkissen im Nähkästchen seiner Mutter entdeckt hatte. Er hatte die in aller Hast hineingesteckten Nadeln entfernt und es als Ball benutzt. Einige Stunden danach war er selbst das Nadelkissen gewesen.

Erst Jahre später hatte seine Brustbehaarung die Narben verdeckt.

Der kleine Kühlschrank unter dem Tresen ist sauber und kalt. Phiolen mit Pancuronium und Trifluoperazin stehen darin aufgereiht wie kleine Zinnsoldaten.

Er hatte sieben Jahre gewartet.

ERSTER TAG

KAPITEL 1

Emily kam aus dem Wasser und ließ den Blick über den Juniper Pond schweifen. Es war windstill, und ein ruhiger Himmel hing über dem glitzernden See. Kiefern und Schilf säumten das Ufer, unzählige kleine Buchten, die kein Mensch je betreten hatte. Emily hatte jeden Sommer ihres Lebens hier verbracht, aber noch immer gab es Stellen an diesem See, die sie noch nie gesehen hatte. Sie hob die Hand, um die Augen gegen die Nachmittagssonne abzuschirmen. Sam, ihr jüngerer Sohn, torkelte aus dem Wasser und stellte sich tropfend neben sie.

«Warum macht er das?»

Sam zeigte auf den Baum, den sie mittlerweile nur noch den «Greifer» nannten. Die alte Kiefer stand schräg nach vorn gebeugt einige hundert Meter entfernt in einer benachbarten Bucht. Am Fuß ihres Stammes war sie stark gekrümmt, als ob sie mit all ihren Ästen nach etwas greifen wollte, was sich in der Mitte des Sees befand.

«Da muss etwas sein, das der Baum braucht», erwiderte Emily.

«Oder haben will.» David, ihr Ältester, war herangeschwommen. Emily musste lächeln. «Was will der Baum?», war die rituelle Frage gewesen, die sie als Kind ihrer Mutter jeden Sommer gestellt hatte.

«Ich nehme an, er will alles», hatte Sarah stets geantwortet.

Emily entschied sich für eine neue Antwort. «Vielleicht will er ja fliegen», sagte sie zu ihren Söhnen und wollte Sams nasse Haare zerzausen. Aber er war schon wieder im Wasser und versuchte, den davonschwimmenden David einzuholen.

Einen Moment lang schob sich eine Wolke vor die Sonne. Wasser schwappte um Emilys Zehen. Wie gerne würde sie nochmals mit ihrer Mutter und den Kindern schwimmen gehen, aber sie hatte die Einkaufsfahrt zu lange aufgeschoben. Es musste bereits drei Uhr sein, vielleicht sogar später. Morgen würde sie mit den Kindern zurück nach New York fahren – die Jungen mussten wieder in die Schule–, und sie wollte ihrer Mutter als Dank für den wunderschönen Aufenthalt Lebensmittelvorräte zurücklassen.

Emily hob den Arm und winkte zum Abschied. Metall klirrte an ihrem Handgelenk; das Schloss ihres silbernen Armbands mit den Glücksbringern war wieder aufgegangen. Sie ließ es zuschnappen und rief Sarah zu: «Erinnere mich daran, dass ich mein Armband reparieren lasse.»

«Pass auf, dass du es nicht im Wasser verlierst, Liebes», rief Sarah zurück. Sie stand bis zur Taille im Wasser und hielt die zappelnde einjährige Maxi auf dem Arm. Die breite Krempe von Sarahs Strohhut warf Punkte aus Licht und Schatten auf Maxis pausbäckiges Gesicht.

Gerade als Emily endgültig aufbrechen wollte, planschte Sam vor ihr herum, um ihre Aufmerksamkeit für seine Schwimmversuche zu erheischen.

«Sammy, du musst deine Bewegungen genauer kontrollieren.» Emily deutete auf David. «Sieh nur.»

David bewegte sich mühelos im Wasser. Er war vollkommen in seinem Element – genau wie sie mit elf Jahren. Sams Schwimmversuche waren hingegen noch nicht von Erfolg gekrönt. Emily beschloss, dass das Einkaufen ruhig noch fünf Minuten warten konnte. Sie watete in den See hinaus, und Sam warf sich ihr so ungestüm in die Arme, dass sie fast hintenüber gefallen wäre.

«Versuch es mal so, mein Kleiner.»

Sie schwamm um ihn herum, ließ die Arme rotieren und warf das Gesicht hin und her, um Luft zu schnappen. David schwamm wie ein junger Delphin an ihre Seite und imitierte ihre Bewegungen. Mit einem Augenzwinkern in Davids Richtung ergriff sie Sams Hand, schwamm rückwärts und zog ihn mit sich. Er strampelte planschend mit den Beinen, unbändige Lebensfreude blitzte in seinen braunen Augen auf.

Sie paddelten hinüber zu Sarah und Maxi, die sofort ihre Arme um Emilys Schultern schlang. Emily zog ihr kleinstes Kind an sich, küsste und drückte es. «Mommy fährt einkaufen, Oma wird schön auf euch aufpassen.»

«Nein!» Eine seidenweiche Wange schmiegte sich an Emilys Hals.

«Mom ist doch gleich wieder da. Ich habe dich lieb. Pass schön auf Grandma auf, solange ich weg bin.»

«Nein!»

«Doch!» Sam spritzte Maxi nass, die sich lachend revanchierte.

«Vorsicht wegen Maxis entzündetem Ohr», mahnte Emily.

Sarah drehte Maxi zur Seite, und Sam startete einen neuen Schwimmversuch.

«Mom», sagte David. Er war geschickt und unbemerkt neben sie geglitten. Sie strich ihm eine nasse Strähne aus der Stirn. «Erdbeereis, okay?»

«Brauchen wir noch Waffeln?»

«Ja», antwortete Sarah.

«Ich versuch daran zu denken.»

«Fahr lieber los, Liebes. Sieh nur den Himmel.»

Emily blickte nach oben. Eine Phalanx von Wolken war dabei, sich vor die Sonne zu schieben. Ein unerwartetes Unwetter braute sich zusammen. Ihr Vater hatte immer Witze darüber gemacht, dass die Wettervorhersage der Cape Cod Times Tag für Tag lautete: «bewölkt, sonnig und trocken mit Regenschauern». Wenn sie Glück hatte, war sie vom Einkaufen zurück, bevor das Gewitter losbrach.

Sie winkte Sarah und den Kindern ein letztes Mal zu und durchquerte das Wäldchen, das zwischen See und Haus lag. Kaum hatte sie den breiten Graspfad betreten, war sie in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Auf dem Weg hinauf zum Haus, einem der fürs Cape so typischen verwitterten Holzhäuser mit rückwärtiger Veranda, verspürte sie ein Prickeln, als würde sie sich in einen Südseeurlaub davonstehlen oder mitten am Tag ins Kino gehen. Immer wenn sie die Kinder zurückließ, verspürte sie dieselben widerstreitenden Gefühle von schmerzlichem Verlust und verführerischer Freiheit. Vielleicht würde sie bei Starbucks vorfahren und sich einen Eistee holen.

Einen Eistee. Wie leicht ließ sich inzwischen der Tag versüßen. Bevor die Kinder zur Welt gekommen waren, hatte sie als Cellistin der New Yorker Philharmoniker die Welt bereist und war manchmal innerhalb einer einzigen Woche in drei verschiedenen Ländern aufgetreten. Als junge Musikerin hatte sie alles gegeben. Das hatte sie zumindest angenommen. Bis sie sich in Will verliebt hatte. Bis sie Mutter geworden war. Jetzt war sie Hausfrau und nur noch einmal wöchentlich unterwegs, um eine Musikkolumne für den Observer zu schreiben. Sie besprach alle Arten von Musik und konnte dabei so subjektiv und respektlos verfahren, wie sie wollte. Ein perfekter Job: Will hatte einen Abend ganz für sich mit den Kindern, ohne dass sie ihm über die Schulter sah, und sie kam mal heraus und wurde für dieses Vergnügen auch noch bezahlt.

Emily erreichte den erfrischend kühlen Schatten der Veranda. Es war einfacher, das Haus durch die Hintertür im Parterre zu betreten. Sie atmete den süßlichen Geruch des Geißblatts ein, das Sarah so gezogen hatte, dass es die Veranda emporrankte. Der Garten, den ihre Mutter angelegt hatte, war grandios, und in welche Richtung man auch blickte, überall stand etwas in Blüte. In diesem Sommer jedoch hatte Sarah den Garten etwas vernachlässigt. Der Tod ihres Mannes Jonah lastete schwer auf ihr, auch Emily vermisste ihren Vater sehr. Das Unkraut, der aufgeschossene Salat, die zu hohen Gräser und verwelkten Blüten, all das beschwor ihn herauf.

Spielsachen lagen verstreut im Wohnzimmer auf dem Boden herum. Emily bahnte sich mit Fußtritten einen Weg und betrat ihr Zimmer, das seit den Sommern ihrer Kindheit zum Gästequartier umgewandelt worden war. All die hübschen Farben hatten einem neutralen Anstrich weichen müssen, die Poster aus ihrer Jugendzeit waren von den Wänden verschwunden. Über dem Bett hing eins der Gemälde, die Sarah von Emily gemalt hatte. Es zeigte sie als kleines Mädchen an der Hand ihres Vaters, der vom Rahmenrand her ins Bild trat. Zwischen den Fenstern hingen zwei gerahmte Fotos: Emily auf der Bühne der Carnegie Hall und Jonah neben seinem ersten Oldtimer.

Emily öffnete die untere Kommodenschublade und erinnerte sich, dass sie bei der großen Wäsche war. Die meisten Kleidungsstücke befanden sich oben in der Kammer neben der Küche, drehten sich in der Maschine oder warteten gestapelt auf dem Fußboden. Sie stieg aus ihrem Badeanzug und zog dieselben Unterhosen und Khakishorts an, die sie schon zum Mittagessen getragen hatte. Dann hielt sie sich ihr blaues Hemd vor die Brust und ging nach oben in die Kammer, um in den Wäschestapeln nach einem BH zu suchen. Anscheinend waren all ihre BHs mit der Weißwäsche in der Maschine gelandet, die sich gegenwärtig durch den Hauptwaschgang quälte. Also schön, sie würde alle Vorsicht in den Wind schlagen und ohne BH gehen; wenn jemand unbedingt hinschauen musste, war es eben sein Problem. Sie schlüpfte in ihre Ledersandalen und vergaß auch ihre Sonnenbrille nicht, bevor sie zur Tür hinausging.

Es war Labor Day, und auf der gesamten Route 151 herrschte dichter Verkehr bis zum Stop & Shop. Als sie das Einkaufszentrum endlich erreichte, hatte sich das Gefühl des willkommenen Ausbruchs in der Hitze vollständig verflüchtigt. Sie würde den Einkauf so schnell wie möglich hinter sich bringen und nach Hause fahren. Vorsichtig lenkte sie ihren weißen Volvo Kombi durch die Reihen der parkenden Autos, bis sie in der äußersten Ecke einen Platz fand. Anscheinend hatten alle anderen die Wolken in der Ferne ebenfalls gesehen und sich auf den Weg gemacht, um dem Regen zuvorzukommen. Im Augenblick jedoch konnte sie keine Wolke mehr sehen, der Himmel war blau.

Im Laden machte sie ihre übliche Runde und ging zunächst in die Feinkostabteilung. Dort gab es einen neuen Computer, der den Einkauf erleichterte: Statt sich in einer langen Schlange anzustellen, tippte man einfach seine Bestellung ein. Sie würde von dem Aufschnitt und dem Schnittkäse, den ihre Mutter so gerne mochte, so viel kaufen, dass diese bis zum Ende der Woche damit auskommen würde. Sarah blieb stets bis Ende September auf dem Cape, bevor sie in ihre eigene Wohnung in Manhattan zurückkehrte, und Emily hatte sie gedrängt, bei dieser Gewohnheit zu bleiben, obwohl Jonah nicht mehr da war. Der Computer der Feinkostabteilung spuckte einen Bon aus, auf dem stand, dass Emily ihre Sachen in zwanzig Minuten an der Ausgabestelle abholen konnte.

Als sie den Gang mit Gemüse erreichte, entschied sie sich spontan, beim Abendessen Mais zum gegrillten Lachs zu machen. Sie blieb bei dem Behälter mit frischen Maiskolben stehen, wo ein Mann damit beschäftigt war, seine Kolben mit großer Sorgfalt auszuwählen. Er tastete jeden einzelnen ab, als würde er ein Ritual vollziehen. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Der Mann schien in den Fünfzigern zu sein und hatte teigig graue Haut, die zu seinem weißen Haar passte. Eine marineblaue Matrosenmütze saß schief auf seinem Kopf. Er hatte eine weiße Windjacke an und war damit außer den Angestellten in der Fleischabteilung der Einzige im ganzen Geschäft, der an diesem heißen Sommertag eine Jacke trug. Als sie sich schließlich abwandte, um nicht länger ihre Zeit zu verschwenden, sagte er schroff: «Das wär’s. Ich bin fertig.»

Er blickte auf und starrte ihre Brüste an. In diesem Moment bereute sie ihre tapfere Entscheidung, auf einen BH zu verzichten. Dann senkte der Mann den Blick, berührte drei weitere Maiskolben, legte die Tüte in den Einkaufswagen und schlurfte davon. Zu Hause in Manhattan hätte sie mit einem gleichgesinnten Käufer einen wissenden Blick ausgetauscht und «So was gibt’s eben nur in New York» gemurmelt. Aber hier auf dem Cape, in diesem etwas außerhalb gelegenen überfüllten Supermarkt kam sie sich allein vor. Dieser Mann war höchst sonderbar.

Emily musste mindestens ein Dutzend Maiskolben in die Hand nehmen, bis sie endlich sechs gute gefunden hatte, und dann war der seltsame Mann zu ihrer Erleichterung nicht mehr zu sehen. Sie machte sich daran, ihren Einkaufszettel abzuarbeiten. Thunfisch und Erdnussbutter für die Sandwiches für die morgige Heimfahrt. Cracker, damit Maxi ihr Knabbervergnügen hatte. Diese grässlichen Fruchtgummis, die die Jungen so gern mochten. Kartons mit Fruchtsaft. Kleine Wasserflaschen. Eine Extradose mit Sarahs Tee, für den Fall, dass ihr Vorrat zur Neige ging.

Emily steuerte gerade den Gang mit Brot an, um die Lieblingssorte ihrer Mutter zu suchen, als sie den Maismann wieder sah. Langsam schob er seinen Wagen voran, den Blick starr nach vorn gerichtet. Sie überholte ihn zügig, unsicher, ob er sie bemerkt hatte. Am Ende des Ganges fand sie das gewünschte Brot und war unverhältnismäßig erleichtert.

«Haben Sie nicht bemerkt, dass es weg war?»

Eine ältere Frau mit blond gebleichtem Haar und zu viel Make-up stand neben Emily und hielt ihr das silberne Armband entgegen.

«Mir ist es vorhin bei Ihnen aufgefallen, weil ich auch so eins habe.» Die Frau hob ihr Handgelenk, um ihr eigenes Armband zu zeigen, an dem doppelt so viele Glücksanhänger baumelten wie an Emilys, alle aus Gold. «Es ist direkt in den Maisbehälter hineingerutscht. Da haben Sie aber Glück gehabt, dass ich gleich nach Ihnen kam. Ich bin Ihnen extra gefolgt.»

Emily nahm ihr Armband samt Anhängern – ein Schwimmer, ein Cello, ein Schwert, ein Herz, drei Babys und eine Münze – und schloss die Hand darum. Sie genoss das Gefühl des kühlen Silbers auf der Innenfläche ihrer Hand. Nach Davids Geburt hatte sie das Armband von Will geschenkt bekommen und es seither jeden Tag getragen.

«Ich verstehe gar nicht, wie mir das passieren konnte», sagte Emily. «Ich habe nicht mal gemerkt, dass es weg war.»

«Ich hüte meins wie meinen Augapfel», sagte die Frau.

«Wie viele Kinder haben Sie denn?» Emily war aufgefallen, dass die meisten der goldenen Anhänger Babys waren.

«Vier Kinder, neun Enkelkinder. Und noch kein Ende abzusehen.» Die Frau zwinkerte ihr zu. «Lassen Sie es reparieren, bevor Sie es wieder tragen.»

«Bestimmt.» Emily ließ das Armband in die Tasche ihrer Shorts gleiten. «Ich habe es immer wieder verschoben, den Verschluss reparieren zu lassen. Das war jetzt ein Alarmsignal.»

«Ich sag immer, das Leben ist eine Kette von Alarmsignalen.»

«Da haben Sie Recht.»

Die beiden verabschiedeten sich, und Emily sagte sich, dass sie sich deshalb vorher so seltsam gefühlt hatte. Es hatte nicht an dem Maismann gelegen. Sie hatte ihr Lieblingsarmband verloren, das sie niemals abnahm, und sie hatte es nicht bemerkt, zumindest nicht bewusst. Beeindruckend, wie der Verstand unterschwellig Dinge registrierte, die einem selbst erst später bewusst wurden.

Ihr Einkaufswagen war voll, und es wurde Zeit, zum Feinkosttresen zurückzukehren, um die Bestellung abzuholen. Sie bahnte sich den Weg und staunte über die Warenvielfalt, die in diesen Megastores auf dem Land angeboten wurde. Wegen der Raumknappheit hatten die Läden in der Großstadt nichts auch nur annähernd Entsprechendes zu bieten. Sie blieb bei einer Tonne stehen, die mit rosa, gelben und blauen Plastikbechern gefüllt war. Ein Schild erklärte, dass es sich um «Zauberbecher» handele, die ihre Farbe änderten, wenn kalte Getränke eingefüllt würden. Sie wusste, dass die Kinder davon begeistert sein würden und kaufte von jeder Farbe zwei.

Emily hatte den Feinkosttresen fast erreicht, als sie ihn wieder sah. Der Maismann stand wieder vor dem Mais. In dem Moment, als sie ihn bemerkte, hob er den Kopf und erblickte sie. Schnell schaute er weg und berührte drei weitere Kolben. Emily las die Nummer auf ihrem Bon, holte sich ihren Aufschnitt an der entsprechenden Ausgabe und ging zwei Gänge weiter, um dem Maismann an der Kasse nicht nochmals zu begegnen.

Das merkwürdige Gefühl von vorhin war wieder da, von dem sie gehofft hatte, dass es nicht mehr wiederkehren würde. Instinktiv griff sie in die Tasche ihrer Shorts und suchte nach dem Armband. Es war noch da.

Glücklicherweise waren die Warteschlangen jetzt nicht mehr so lang, und Emily erreichte schnell die Kasse. Sie stellte ihre Einkäufe auf dem Transportband ab und verstaute sie in Tüten, sobald sie ihr auf der schrägen Ablage entgegengerutscht kamen. Sie war damit fast fertig, als sie bemerkte, dass der Maismann direkt hinter ihr an der Kasse stand. Sein Einkaufswagen war halb voll, ausschließlich mit Maiskolben. Mit akribischer Genauigkeit legte er jeweils drei Kolben nebeneinander auf das Transportband. Der Teenager an der Kasse, dunkel gebräunt mit Ringen an jedem Finger, verdrehte die Augen, und Emily nickte zustimmend. Sie wartete schweigend, bis die Kassiererin die Kreditkarte mit dem typisch ratschenden Geräusch durchgezogen hatte und die Maschine den Bon ausdruckte. Emily kritzelte ihre Unterschrift auf die Quittung und schob ihren Einkaufswagen dann in aller Eile zum Ausgang.

Es war eine Erleichterung, wieder im Freien zu sein und diesen seltsamen Mann hinter sich gelassen zu haben. Sie konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen. Als ihr beim Öffnen der Kofferraumtür ein Schwall abgestandener Hitze ins Gesicht schlug, nahm sie sich vor, unbedingt noch einmal zu schwimmen. Vor ihrem geistigen Auge sprang sie in ihrem roten Badeanzug in den kühlen See. In ihren Ohren klang bereits das Gelächter ihrer Kinder.

Das Crescendo ihres Handyklingelns holte sie in die Gegenwart zurück. Sie grub in ihrer Tasche, fand das Telefon und nahm das Gespräch an.

«Sie haben unser Angebot akzeptiert!» Will war am Apparat.

«Was für ein Angebot?»

«Das ich gestern für das Haus gemacht habe. Ich wollte dir nichts sagen. Es sollte eine Überraschung sein.»

«Das ist es tatsächlich. Heißt das, dass du den Job bekommen hast?»

«Mein drittes Vorstellungsgespräch ist für Mittwoch angesetzt.»

«Aber Will…»

«Schatz, die laden mich nicht dreimal ein, wenn sie mich nicht wirklich haben wollen.»

«Ich finde nur, wir sollten mit dem Haus warten, bis du den Job definitiv hast. Du weißt doch, dass wir es uns nicht leisten können…»

«Häuser wie das gehen in null Komma nichts weg, Em. Es ist doch nur ein Angebot. Im schlimmsten Fall verlieren wir unsere Anzahlung, aber das sind nur ein paar tausend Dollar, und das Risiko ist es doch wert, meinst du nicht?»

«Wenn du den Job kriegst, dann schon.»

«Mach dir keine Sorgen, manchmal muss man eben mit hohem Einsatz spielen.»

Emily sah sein attraktives Gesicht mit den vielen Lachfalten vor sich. Sie spürte seine Zuversicht, seinen Mut, sich ins Ungewisse zu stürzen. Bisher waren sie immer wieder auf den Füßen gelandet.

«Ich weiß, Will, wer nicht wagt, der nicht gewinnt.» Sie lud die Eiscreme in eine schattige Ecke des Kofferraums.

«Mach dir keine Sorgen. Bevor wir keinen Vertrag unterschrieben haben, ist nichts endgültig. Und bis dahin wird sich auch entschieden haben, ob ich den Job bekomme.»

«Weißt du was?» Emily räumte mit ihrer freien Hand automatisch die Einkäufe in den Kofferraum: Toilettenpapier und Snacks. Milch und Aufschnitt. Zauberbecher. «Ich bin ja sicher, dass es klappen wird, das habe ich im Gefühl.» Sie wusste, wie sehr ihn das Haus in Brooklyn Heights mit seinen weitläufigen Zimmern und den stuckverzierten Decken reizte. Sie würden endlich genügend Platz für alle haben und darüber hinaus den Ausblick auf den East River, der sich um die Südspitze von Manhattan schlängelte.

«Genau, immer positiv denken», sagte er. «Wo bist du gerade?»

«Auf dem Parkplatz vom Supermarkt. Und es ist so heiß hier.»

«Fahr nach Hause, Schatz. Gib den Kindern einen Kuss von mir. Ich muss noch ein paar Anrufe erledigen, bevor es hier richtig voll wird. Der neue Manager kommt ohne mich noch immer nicht zurecht.»

«Was können Sie mir heute empfehlen?», fragte sie in dem Ton, in dem die Jungen immer die neuesten Witze erzählten.

«Wenn heute Montag ist…»

«…dann ist die Spezialität des Hauses wie immer Fisch!»

Beide lachten. Emily schlug den Kofferraum zu.

«Also gut, Liebster», sagte sie. «Ich muss zurück zu Sarah. Wir reden später.»

Er schickte ihr übers Telefon einen hörbaren Kuss, was er nur machte, wenn es noch ruhig im Restaurant war. Auch wenn das Madison Square Café ihn nicht als neuen geschäftsführenden Direktor anstellen würde, würde er sich im geschäftigen Tohuwabohu bei Rolf’s weiterhin wohl fühlen, das wusste sie genau. Obwohl sie ihr Traumhaus dann abschreiben mussten.

Sie beendete das Gespräch und ließ das Handy wieder in ihre Handtasche fallen. Ein Schatten zog über sie hinweg, und in der Erwartung, dass die Wolken sich wieder zusammengezogen hatten, blickte sie hinauf in den Himmel. Sie registrierte gerade noch, dass er blau war, bevor ein ätzender Lappen auf ihr Gesicht gepresst wurde. Dann wurde es dunkel.

KAPITEL 2

Es war schon fast Mitternacht, als Will zu Hause anfing zu kochen. Der süßliche Geruch gebratener Zwiebeln erinnerte ihn an seine Junggesellentage, als Mahlzeiten zu den unmöglichsten Zeiten stattfanden und man nie wusste, wann die nächste sein würde. Damals hatte er meistens in jeweils dem Restaurant gegessen, in dem er gerade arbeitete. Als aufstrebendem Schauspieler hatten ihm Gratismahlzeiten und nicht zu versteuernde Trinkgelder geholfen zu überleben. Inzwischen hatten vertane Jahre in dieser Tretmühle seine Sehnsucht nach den Bühnenbrettern gedämpft, und er wusste, was ein guter Job mit Vergünstigungen und Zukunftschancen wert war. Genauso wusste er nun eine Mahlzeit in der ruhigen Geborgenheit eines richtigen Zuhauses zu schätzen. Hier zu kochen hatte nichts mit Kunst zu tun; es war Heimat. Obwohl ihm Emily und die Kinder während ihrer langen Sommerferien fehlten und er sie jedes Mal besuchte, wenn er dem Restaurant ein paar Tage lang fernbleiben konnte, ging doch nichts darüber allein in der Küche zu stehen und zu kochen. Gedankenverloren sah er auf die Pfanne, in der die Zwiebeln langsam braun wurden. Jeans, Kochen, Musik; so könnte er ewig jung bleiben. Heute Abend waren es Louis Armstrong und Jack Teagarden, deren kratzige Stimmen sich vermischten.

Als er das Gemüse klein schnitt, riefen das Kochen und die Musik und sogar die kalten Küchenfliesen unter seinen bloßen Füßen ein Gefühl wach, das er nicht entschlüsseln konnte. Doch das war nichts Neues für ihn. Es war Teil eines Lebens, an das er sich nicht mehr erinnern konnte. Das Leben vor dem Tag vor sechsunddreißig Jahren. Dem Tag, an dem seine Eltern bei einem Autounfall gestorben waren. Er war gerade vier gewesen, seine Schwester Caroline neun. An manchen Tagen prasselten Salven von Déjàvu auf ihn ein, Fetzen von Bildern, die er doch nie vervollständigen konnte. Er hatte gelernt, dass das Einzige, was half, Ablenkung war. Dennoch blieb ein Eindruck des Losgelöstseins. Und so war er als junger Mann in Emilys Arme geschwebt, sie hatte ihn verankert. Nun, als Vater und Ehemann hatte er entdeckt, dass seine Fähigkeiten vielfältiger waren, als er gedacht hatte. Offensichtlich hatten ihm seine Eltern doch mehr mitgegeben, als ihm bewusst gewesen war.

Will und Emily lebten bereits seit sechzehn Jahren in dieser Wohnung, seit ihrer Studentenzeit. Sie war schon vor Jahren zu klein geworden, aber erst jetzt, oder doch zumindest bald würde ihr Einkommen ihnen einen Umzug erlauben; in zwei Tagen würde er es mit Sicherheit wissen. Der neue Arbeitsvertrag war der erste Schritt auf dem Weg zu ihrem eigenen Haus. Er sah seine neue Küche bereits vor sich: eine Kochmulde von Viking mit sechs Brennern, ein Doppelbackofen, Arbeitsplatten aus Granit und Einbauschränke aus hellem Holz, vielleicht Birke. In diesem Haus würden sie ihre Kinder groß ziehen, bis sie erwachsen waren. Und wenn sie beide alt waren, Emily und er, würden sie sich auf dem Cape zur Ruhe setzen.

Will nahm eine Hand voll Brechbohnen aus dem Sieb, legte sie in einer Linie auf dem Schneidebrett aus und schnitt erst das eine Ende ab und dann das andere. In einer Glasschüssel hatte er einen Regenbogen aus Karottenscheiben, gelber Paprika und Brokkoliröschen arrangiert. Dann schaute er nach dem Wasser für die Pasta: Eine Blase waberte auf dem Topfboden, war aber noch nicht an die Oberfläche gesprudelt. Er schloss den Deckel, rührte in den Zwiebeln und setzte sich, um einen Blick in die Zeitung zu werfen. Der vordere Teil war voll von den immer gleichen Geschichten, innenpolitischen Problemen und Krisenherden im Ausland. Nach einem kurzen Durchblättern legte er die Zeitung beiseite.

Sams Zeichnung drohte sich von der Wand zu lösen. Will streckte den Arm aus, um sie fester an die Mauer zu drücken. Schon seit Monaten hatte er sich vorgenommen, die Bilder seiner Kinder mit neuem Klebeband zu befestigen, aber in der Hektik des Alltags war er nie dazu gekommen. Jetzt holte er das Klebeband hervor und machte sich an die Arbeit: Fabelwesen und Aliens von Sam, Escherähnliche Transformationen von Fischen in Ninjas und Ähnliches von David; Maxis Kritzeleien und schließlich Wills liebevolle Karikaturen der Kinder. Alle Bilder hingen in Augenhöhe, damit sie beim Essen ihren Spaß daran hatten. Er war gerade bei der letzten Zeichnung, als das Telefon klingelte. Ziemlich spät für einen Anruf.

Will griff nach dem schwarzen Funktelefon, das auf der Anrichte lag. Das Display zeigte ihm, dass der Anruf von Sarahs Anschluss kam. Wahrscheinlich Emily, die ihm eine gute Nacht wünschen wollte.

«Du würdest stolz auf mich sein», begrüßte er sie.

«Will?» Es war nicht Emily. «Will, hier ist Sarah. Ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen.»

«Ich bin gerade erst nach Hause gekommen und habe den Anrufbeantworter noch nicht abgehört. Weshalb bist du denn noch auf?» Normalerweise ging sie um halb zehn schlafen.

«Du solltest mir eine Nummer geben, damit ich dich bei der Arbeit erreichen kann. Hast du nicht auch ein Handy? Ich müsste alle eure Nummern haben. Ich müsste eine Liste mit sämtlichen Nummern haben, unter denen ich euch beide erreichen kann.»

So angespannt und verwirrt hatte sich seine Schwiegermutter zuletzt nach Jonahs Tod angehört, als sie sich an Nichtigkeiten festgehalten hatte, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

«Emily hat alle meine Nummern.»

Schweigen.

«Sarah?»

«Ich weiß nicht, wo sie ist.»

Das Wasser begann zu kochen. Der Topfdeckel vibrierte. Heißes Öl spritzte aus der Pfanne, in der die Zwiebeln langsam anbrannten.

«Was soll das heißen?»

«Ich weiß nicht, wo sie ist.»

«Wann ist sie denn vom Einkaufen zurückgekommen?»

Er hörte Sarahs Atem. «Gar nicht.»

«Aber ich habe doch mit ihr gesprochen. Ich habe sie auf dem Handy angerufen, und sie stand auf dem Parkplatz. Sie hat gesagt, sie sei auf dem Heimweg.»

«Du hast mit ihr gesprochen? Erinnerst du dich, wann das war? Die Polizei…»

«Du hast die Polizei angerufen?»

«Meinst du nicht, dass das richtig war?»

Natürlich war es richtig. Ihm leuchtete nur nicht ein, warum Emily nicht nach Hause gekommen war. Emily kam immer nach Hause, und wenn nicht, dann wusste er stets ganz genau, wo sie war. Sie hatte nichts zu verbergen, und sie mochte keine Geheimnisse.

Wenn sie nicht zu Hause war, musste sie irgendwo sein.

«Ich ruf ihr Handy an», sagte er.

«Das habe ich schon den ganzen Abend lang versucht, Will. Sie geht nicht dran. Es kommt immer nur die Mailbox.»

«Was hast du der Polizei gesagt?»

«Dass sie zum Stop & Shop gefahren ist. Dass sie normalerweise nach zwei Stunden wieder zu Hause ist. Und dass sie immer anruft, wenn es später wird.»

Wills Körper bewegte sich mechanisch zum Kühlschrank und löste den blauen Marker von der magnetischen Pinnwand.

«Mit wem hast du bei der Polizei gesprochen?»

«Detective Al Snow. Ich habe seine Nummer.»

Will schrieb Namen und Nummer auf die Tafel, unter seine übertrieben große Notiz MITTWOCH, 15.00, MADISON SQUARE CAFÉ und Emilys Vals Party Anfang Nov. planen. Daneben waren noch Reste einer Zeichnung, die er von seinen drei Kindern gemacht hatte: Unten stand David auf einem Bein und mit ausgebreiteten Armen, um sein Gleichgewichtsvermögen zu demonstrieren; auf ihm saß Sam, Sprechblasen blubbernd; und ganz oben kam schließlich Maxi, die sich mit einer Hand an Sams Haare klammerte und in der anderen Hand ihren Teddybär schwenkte.

«Wissen die Kinder es schon?» Will bemerkte, dass seine Stimme gefasst klang, und erinnerte sich an den Augenblick, als er vom Unfall seiner Eltern erfahren hatte. Er hatte gerade vor dem Haus Basketball gespielt und war quer über den kurz geschnittenen Rasen gerannt, den sein Vater am selben Morgen noch gemäht hatte. Am Ende des Vorgartens war er Mrs.Simon von nebenan in die Arme gelaufen. Sie weinte. Die Polizei hatte sie angerufen.

«Ich habe vor den Kindern so getan, als würde ich mit Emily telefonieren», sagte Sarah. «Ich wusste nicht, was ich machen sollte.»

«Richtig. Sag ihnen nichts. Wahrscheinlich ist ja gar nichts vorgefallen. Sie wird bestimmt zur Tür hereinkommen, sobald wir aufgelegt haben. Aber für den Fall…»

«Kommst du her, Will?»

Will hatte für morgen einen weiteren langen Tag im Restaurant eingeplant, damit er sich am Mittwoch für sein Bewerbungsgespräch ein paar Stunden frei nehmen konnte. Am Donnerstag wollte er die Jungen morgens zur Schule bringen und nachmittags wieder abholen. Das war Familientradition: Der erste Tag des Schuljahres war eine große Sache, das wollte er auf gar keinen Fall verpassen.

«Ich ruf jetzt gleich den Detective an. Sobald ich mehr weiß, ruf ich dich zurück.»

«In Ordnung.»

«Und Sarah: Gib mir bitte sofort Bescheid, falls Emily in der Zwischenzeit auftaucht.»

«Aber natürlich.»

In der festen Überzeugung, dass Emily lebte, legte Will das Telefon auf. Ihr durfte einfach nichts zugestoßen sein. Seine Seele würde einen zweiten solchen Schlag nicht verkraften.

Detective Al Snow meldete sich beim dritten Klingeln.

«Detective Snow, was kann ich für Sie tun?»

«Will Parker hier. Ich rufe an, weil…»

«Ja, Mister Parker, Ihre Mutter hat mich bereits angerufen.»

«Meine Schwiegermutter. Es geht um meine Frau.»

«Mrs.Parker hat mir bereits alles berichtet.»

«Das war Mrs.Goodman. Mrs.Parker ist nie nach Hause gekommen.»

Der Detective hielt einen Moment inne. «Es tut mir Leid, Mister Parker, ja, ich habe hier alles notiert.»

«Ich rufe an, weil…»

«Ich verstehe», sagte Detective Snow in sanftem, aber auch bestimmtem Ton, als habe er das alles schon einmal gehört. «In neun von zehn Fällen taucht die vermisste Person wieder auf, das heißt, dass sie gar nicht vermisst war.»

«Aber wir haben schon seit acht Stunden nichts mehr von ihr gehört», sagte Will, «und sie befand sich bereits auf dem Heimweg.»

«Ich verstehe Sie, Mister Parker. Ich habe den Vorgang aufgenommen. Er liegt vor mir. Ihre Frau wird als vermisst zu den Akten genommen.»

«Zu den Akten?»

«Es handelt sich um eine offene Akte, Mister Parker. Wir befassen uns damit.»

Und warum – Wills Gedanken rasten, als ihm plötzlich klar wurde, dass Emily tatsächlich verschwunden war – sitzen Sie dann an Ihrem Schreibtisch und telefonieren? Reden mit mir?

«Sind Streifen unterwegs, die meine Frau suchen?»

«Ja, Mr.Parker, jetzt im Augenblick, während wir miteinander reden. Aber ich kann nicht genug betonen, dass sich diese Fälle normalerweise von alleine aufklären. Das erklären wir immer den Angehörigen, damit sich niemand zu Tode ängstigt. Deshalb lassen wir auch vierundzwanzig Stunden verstreichen, bevor wir die Person offiziell für vermisst erklären.»

Will gefiel weder das Aber noch das Normalerweise oder die vierundzwanzig Stunden. Er verabschiedete sich von dem Detective und legte auf. Dann rief er Sarah an und sagte ihr, dass er käme. Mit bebender Stimme fragte er bei der Autovermietung um die Ecke nach einem Leihwagen. Sie konnten ihm nur einen mit allen Schikanen ausgestatteten SUV anbieten. Vermutlich wollten sie seine Nervosität ausnutzen. Doch ihm war jetzt alles egal. Und wenn er die ganze Nacht fahren müsste, nur um Emily schlafend in ihrem Bett vorzufinden, er musste es tun.

Er brauchte sechs Minuten, um den Herd abzuschalten, das Essen in den Kühlschrank zu stellen beziehungsweise in den Abfall zu werfen, die wichtigsten Anziehsachen in eine Leinentasche zu stopfen und die Wohnung abzuschließen; zwei Minuten, um zur Autovermietung zu kommen und dort viel Geld für ein Riesenauto hinzulegen. Dann warf er die Tasche auf den Beifahrersitz und gab Gas: die West End Avenue hinunter zur Auffahrt auf den Henry Hudson Parkway in Richtung Norden.

Zwanzig Minuten später raste Will über den Hutchinson Parkway. Er hatte alle Fenster geöffnet, und die kühle Sommerluft rauschte durch den SUV. Will hielt das Lenkrad krampfhaft fest und musste sich daran erinnern zu atmen. Als beide Hände zu kribbeln begannen, schüttelte er erst die eine und dann die andere aus. Die Mischung aus Adrenalin und Erschöpfung schlug ihm auf den Magen. Das Wichtigste war, wach zu bleiben. Nachdem er die Bronx durchquert hatte und nach Westchester kam, wichen die Blocks aus Backsteingebäuden und das Glimmen der Stadt, in der das Licht nie erlosch, mit einem Mal völliger Dunkelheit. Die Scheinwerfer entgegenkommender Autos tauchten auf und erloschen hinter der nächsten Kurve. Erst als er die Stille jenseits der Straße riechen konnte, wusste er, dass er einige Entfernung hinter sich gebracht hatte.

Bei der ersten Raststätte in Connecticut machte er eine Pause, um einen Becher bitteren Imbiss-Kaffee zu kaufen. Er kippte ihn hinunter und fuhr weiter. Nach einer Weile schaltete er das Radio ein, konnte sich aber nicht auf das Programm konzentrieren. Er versuchte zu singen, aber seine Stimme klang dünn und einsam. Es hieß, wenn ein Mensch, den man liebte, tot war, dann spüre man es. Er hatte gleich am ersten Tag gewusst, dass seine Eltern nicht mehr wiederkommen würden. Aber Emily war nicht tot. Er spürte, dass sie noch lebte. Sie konnte nicht einfach verschwunden sein. Er sah sie vor sich, wie sie sich in ihrem abgetragenen GI-Kampfanzug mit dem fest gezurrten schwarzen Gürtel in der Luft überschlug und auf beiden Füßen landete.

Ihre Kampfkünste waren beeindruckend, das hatte Will bei ihrem ersten Treffen am eigenen Leibe erfahren, als sie ihn im Dojo auf die Matte befördert hatte. Er hatte ihren Gesichtsausdruck, als sie einander zum ersten Mal sahen und als Aikido-Partner berührten, nie vergessen: konzentriert und entschlossen, eine Kraft heraufbeschwörend, die über die physische hinausging. An jenem Abend hatte er ihre Augen für schwarz gehalten, aber sie waren haselnussbraun. Er hatte sie für groß gehalten, aber sie maß nur eins fünfundsechzig. Er dachte, sie hätte kurzes blondes Haar, doch es fiel ihr bis über die Schultern. Als er auf der Matte landete, sah er, dass sie die sexysten Knöchel hatte, die ihm je begegnet waren. Es waren damals die Jahre, in denen man miteinander «ging», und ihm war noch nie eine Frau begegnet, die so wenig Angst hatte, seine Witze einfach zu übergehen, wenn sie nicht komisch waren. Er war kein Dummkopf. Er erkannte sie auf Anhieb, und neun Monate später waren sie verheiratet.

Kurz vor New Haven fuhr er auf die 95North ab. Normalerweise kam es bei New Haven und bei Providence zu Staus, nicht jedoch in dieser Nacht. Nirgends Familien mit Fahrrädern hinten auf ihren Minivans, keine Anhänger mit Booten, nur Lasterwagen und ein paar Irrläufer wie er. Die Luft wurde kühler, und er schloss die Fenster. Bei Nacht auf der Straße zu sein war ihm immer leichter gefallen als das Fahren zur Hauptverkehrszeit. Seine Eltern waren auf einem Highway verunglückt, mitten in der Rushhour.

Als er sich dem Cape näherte, begann es erst zu regnen, dann sogar zu schütten. Seine Scheibenwischer wurden der Sturzbäche, die gegen die Windschutzscheibe prasselten, kaum Herr. Er zwang sich, langsamer zu fahren. Schließlich überquerte er die Bourne Bridge. Nach weiteren zwanzig Minuten kam Juniper Pond in Sicht. Um zum Haus zu kommen, musste man den Gooseberry Way hinunterfahren, eine unbefestigte Straße, die in ihrer privaten Sackgasse endete. Es war vier Uhr morgens, aber der Mond schien so hell, dass er den See hinter den Bäumen sehen konnte. Der Regen hatte so plötzlich aufgehört, wie er hereingebrochen war. Die Luft war unbeschreiblich süß.

Das Haus war dunkel bis auf einen Lichtschein an der Seite, wo die Küche lag. Die Tür der Garage war hochgerollt. Drinnen parkte nur ein einziger Wagen, der von Sarah.

Sarah kam ihm auf halbem Weg entgegen. In ihren Augen standen Tränen, die sie zu verbergen suchte. Sie zitterte.

Will schloss sie in die Arme und streichelte ihren Rücken. Er musste all seine Kraft zusammennehmen, um nicht auch in Tränen auszubrechen. Sie hatten nicht den geringsten Grund, gleich das Schlimmste anzunehmen. Er durfte einfach nicht so reagieren, als wäre Emily tot. Sie wurde vermisst. Mehr wussten sie nicht.

«Warum legst du dich nicht schlafen, Sarah?»

«Wie könnte ich das? Bei all den Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.»

«Ich fahr zur Polizeiwache.» Will blickte sie beschwörend an. «Tu mir den Gefallen und ruh dich etwas aus, damit du dich morgen um die Kinder kümmern kannst.»

«Ach, Will, ich kann einfach nicht schlafen.»

«Hast du noch ein paar von den Schlaftabletten übrig?» Sarah nickte.

«Nimm eine davon. Die Kinder werden erst in ein paar Stunden wach. Dann bist du zwar etwas kaputt, aber das ist besser, als gar nicht zu schlafen.»

«Ich bin ja so froh, dass du gekommen bist.»

Ihre Augen waren blutunterlaufen, als wäre ein Blutgefäß geplatzt. Emily war ihr einziges Kind. Alles, was sie noch hatte, außer ihren Enkelkindern. Und Will. Er wusste, dass sie ihm misstraut hatte, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Es war eine Sache, dass Emily Musikerin war – Sarah selbst war schließlich Malerin. Aber dass Emily sich ausgerechnet in einen Schauspieler verliebt hatte – das war Sarah zu viel der Unsicherheit gewesen. Will hatte einmal mitbekommen, dass sie ihn voller Abscheu einen Kellner genannt hatte. Bis heute strebte er nach ihrer Anerkennung, obwohl er wusste, dass sie ihr Urteil schon lange revidiert hatte. Er hatte sich als der Ehemann ihrer Tochter und Vater ihrer Enkelkinder bewährt, und sie waren zu einer Familie zusammengewachsen.

Will küsste Sarah auf die Stirn. «Ich werde mit Detective Snow sprechen. Und herausfinden, was geschehen ist. Wir finden sie, Sarah. Das verspreche ich.»

«Aber, Will, soll ich nicht…?»

«Nein, bleib hier. Emily kommt bestimmt gleich zur Tür hineinspaziert. Mach dich nicht verrückt.»

«Ich versuch zu schlafen.» Sarah küsste Will auf die Wange. «Hast du überhaupt was gegessen?»

«Das kann warten. Erzähl den Kindern nicht, dass ich hier war. Ich überlege mir, was wir ihnen sagen können.»

«Emily merkt es immer, wenn eines der Kinder Kummer hat», sagte Sarah.

Will nickte. «Da hast du Recht.»

«Ich bin selbst auch Mutter, vergiss das nicht.»

ZWEITER TAG

KAPITEL 3

Von außen betrachtet, war es eine der hübschesten Polizeiwachen, die John Geary je gesehen hatte, besonders im pfirsichfarbenen Licht des Sonnenaufgangs. Ein Backsteingebäude mit dem für New England so typischen weißen Fachwerk. Davor ein großer Rasen, der es von der Route 151 abtrennte, die direkt in den Sommerhimmel zu führen schien. Geary ließ seinen Wagen auf dem Besucherparkplatz und ging den gepflasterten Weg zum Haupteingang hinauf. Er war erst zum zweiten Mal hier, um die Akten des Mashpee Police Department zu plündern, da konnte er den offiziellen Parkplatz hinter dem Gebäude noch nicht benutzen.

Der Empfang der Wache war so schlicht und kühl wie die Vorderfront hübsch. Geary waren die treuen hässlichen und viel benutzten Gebäude lieber. Am liebsten war ihm der Ausbildungscampus des FBI in Quantico, Virginia. Er hatte sein kleines Büro im Souterrain geschätzt. Dort hatte er all seine Bücher und die Akten, die er im Laufe von sechsundzwanzig Jahren angehäuft hatte, gesammelt. Schließlich war auch ein Computer dazugekommen, der ihn mit der ständig wachsenden Informationsbasis der Behavioral Science Unit (BSU), der Abteilung für Verhaltensforschung, verband. Er hatte als Mann mittleren Alters beim FBI angefangen, ausgebrannt vom Streifendienst in Bostons South Side, mit einem frischen Doktortitel in Psychologie in der Tasche. Die Gründung des BSU war seine Idee gewesen, er hatte Profiling zu einer Wissenschaft gemacht. Die besten Jahre seines Lebens hatte er in Quantico verbracht. Doch nun war er alt, im Ruhestand. Aber was hatte der schon zu bieten? Ohne Ruthie machten die freien Tage keinen Spaß.

Sein alter Freund Roger Bell hatte ihn auf die Idee gebracht ein Buch über Mörder zu schreiben, die nie gefasst worden waren. Dafür recherchierte er alte Fälle nach und analysierte sie. Die Arbeit würde seinen Geist beweglich halten und ihm eine Aufgabe geben. Bell hatte sich verpflichtet gefühlt, John zu helfen; schließlich hatte er die Gearys in diese Gegend gelockt, als John in den Ruhestand gegangen war. Einen Monat nachdem sie ihr neues Haus bezogen hatten, war Ruth an einem Herzschlag gestorben. Seither arbeitete John Geary von morgens bis abends an seinem Buch.

Geary nickte der Polizistin zu, die hinter der Glasscheibe an ihrem Empfangstisch saß. Ihre blaue Uniform war adrett und ordentlich, aber ihre Marke war verkehrt herum angesteckt. Das war wahrscheinlich der Grund, warum sie am Empfang gelandet war. Auf einem der braunen Kunstlederstühle saß zusammengekauert ein ungefähr vierzig Jahre alter Mann. Er wirkte nervös, und als er John sah, sprang er auf.

«Detective Snow?»

«Tut mir Leid, da haben Sie den Falschen erwischt.»

«Ich warte jetzt schon über eine Stunde. Er hat gesagt, er wäre hier.»

«Wissen Sie was», sagte Geary. «Ich werde mal nachschauen, ob er an seinem Schreibtisch ist.»

«Vielen Dank. Sagen Sie ihm, dass Will Parker wartet. Sagen Sie ihm, dass ich schon…»

«Seit einer Stunde hier sitze. Kapiert.»

Will Parker trug blaue Jeans und ein weißes Hemd, in dem er geschlafen zu haben schien. Seinem zerfurchten Gesicht nach zu urteilen hatte er allerdings überhaupt nicht geschlafen. Obwohl sein braunes Haar extrem kurz war, wirkte es völlig zerzaust, außerdem hatte er sich seit mindestens vierundzwanzig Stunden nicht mehr rasiert. Geary fragte sich, was dieser Mann wohl auf dem Herzen hatte, nahm sich aber nicht die Zeit nachzufragen.

Er ging links den Korridor hinunter, am Archiv vorbei zur Einsatzzentrale. Eine junge Frau, die noch aussah wie eine Studentin, tippte gerade etwas in ihren Computer. Sie war ihm gestern vorgestellt worden, wenn er sich recht erinnerte, sogar als Detective. Das schien ihm allerdings höchst unwahrscheinlich. Mit ihrem langen dunklen Haar und ihrer guten Figur war sie viel zu hübsch für einen Cop.

«Morgen!»

«Ihnen auch einen guten Morgen», erwiderte die Frau knapp.

Diesen Ton gewöhnte man sich wahrscheinlich an, wenn man ständig lüsternen Blicken ausgesetzt war.

«Ich suche Detective Snow. Schon gesehen?»

«Ist wegen einer Vermisstenanzeige unterwegs.»

«Draußen am Empfang ist ein Typ, der ihn ziemlich dringend sprechen will. Wahrscheinlich ein Verwandter.»

«Ich sag ihm Bescheid, wenn ich ihn sehe.»

Geary überlegte kurz, ob er zurückgehen und Will Parker Bescheid sagen sollte, beschloss aber, sich nicht einzumischen. Al Snow würde schon auftauchen.

Er machte sich auf den Weg ins Archiv. Nur die Fälle der letzten zwanzig Jahre waren im Computer gespeichert, das hieß, dass noch eine ganze Menge ungelöster Fälle in Akten archiviert waren. Geary schaute sich jeden einzelnen ungelösten Fall an, immer auf der Suche nach Mustern und Wiederholungen. Das Mashpee Police Department war bereits seine siebte Station, angefangen hatte er in Framingham bei der Middleboro State Police.