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Wer ist Killer, wer ist Opfer? Eine Kleinstadt jagt einen Serienmörder.
Eine Kleinstadt im australischen Outback. Glühende Hitze. Wildnis. Police Sergeant Chandler ist stolz darauf, für Ruhe und Sicherheit zu sorgen. Bis ein Mann im Revier auftaucht. Außer Atem. Blutüberströmt. Er erzählt von einem Serienmörder namens Heath, dem er entkommen sei. Chandler bringt den Fremden in Sicherheit. Doch bevor er sich auf die Suche nach dem Mörder machen kann, wird Chandler ins Revier gerufen: Ein Mann ist dort aufgetaucht, der sich Heath nennt. Außer Atem. Blutüberströmt. Er erzählt von einem Serienmörder, dem er entkommen sei ...
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2020
DASBUCH
»Chandler dachte an Gabriel. Im Revier war er noch das verängstigte Opfer gewesen, dann, auf der Fahrt zum Hotel, hatte er plötzlich diese ruhige, sonore Stimme gehabt. Kurz kam ihm der Gedanke, dass Gabriel womöglich alles frei erfunden hatte. Vielleicht schlug er blinden Alarm, um Aufmerksamkeit zu erregen, um etwas Nervenkitzel in sein ansonsten ödes Dasein zu bringen. Vielleicht wollte er berühmt werden oder auch berüchtigt. So wie ein Serienkiller. Andererseits hatte der junge Mann auf ihn wirklich tief verängstigt gewirkt. Auch das Blut und die blauen Flecken waren echt gewesen. Ebenso wie die aufgerissene Haut um die Handgelenke und die Blasen auf den Händen. Und wenn das alles nicht nur Schauspielerei war … dann blieb nur die sehr reale Möglichkeit, dass da draußen tatsächlich ein Killer frei herumlief.«
DERAUTOR
James Delargy, geboren in Irland, verbrachte viele abenteuerliche Jahre in Südafrika, Australien und Schottland, bevor es ihn ins ländliche England verschlug. Die Erfahrungen, die er mit den unterschiedlichsten Menschen und Lebensweisen gemacht hat, sind seine wichtigste Inspirationsquelle. »55 – Jedes Opfer zählt« ist das Romandebüt von James Delargy.
JAMES
DELARGY
55
JEDES OPFER ZÄHLT
Aus dem australischen Englisch
von Alexander Wagner
WILHELMHEYNEVERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe 55 erschien erstmals 2019
bei Simon & Schuster, London.
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Copyright © 2019 by James Delargy
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Lars Zwickies
Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München,
unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock
(Kan Kankavee, Audrius Merfeldas, C Salisbury,
PixDeluxe, pashabo, Gordan)
Satz: Leingärtner, Nabburg
e-ISBN: 978-3-641-24215-2V001
www.heyne.de
Für alle, die nie eine Chance hatten
1
SeineLungen brannten, als würden sie keinen Sauerstoff mehr atmen, sondern nur den dichten roten Staub, der bei jedem seiner Schritte emporwirbelte. Schritte, die nirgendwohin führten. Das hier war das Nirgendwo. So viel stand fest. Er befand sich mitten im Nirgendwo, und noch immer schien die Welt ihn erwürgen zu wollen, die tief hängenden Zweige drohten das Fleisch von seinen Knochen zu peitschen, um ihn dauerhaft in ihrer Gegend willkommen zu heißen.
Beinahe wäre es aus gewesen. Aber er war entkommen. Jetzt rannte er um sein Leben. Eine Redewendung, die er sicher schon dutzendmal gehört hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass sie irgendwann auf ihn selbst zutreffen könnte. Doch nun kämpfte er verzweifelt um das restliche bisschen Leben, das er noch in sich spürte. Die panische Angst, eingeholt zu werden, ließ alles andere in den Hintergrund treten. Seine ganze Aufmerksamkeit lag auf dem nächsten Schritt, während er über Steinbrocken stolperte und sich unter Bäumen hindurchduckte. Er fühlte sich wie ein Tier, reduziert auf die primitivsten Überlebensinstinkte, die nur noch zwischen gefährlich oder ungefährlich unterschieden.
Die langen Finger der unerbittlichen Sonne bohrten sich durch die Äste der Bäume, heizten den Boden auf, übersäten die nackte Erde mit flimmernden Lichtpunkten, wiesen ihm aber keinen Weg in die Freiheit. Da waren nur Bäume und Felsen und noch mehr verfluchte Bäume und Felsen. Er hatte keine Ahnung, ob er in Richtung Zivilisation unterwegs war oder weiter hinaus in die Wildnis.
Während er um einen weiteren von der Sonne verbrannten Felsen kletterte, verkrampften sich seine Waden, als würden noch immer Eisenketten daran zerren. Das kalte rostige Metall, mit dem er gefesselt gewesen war, in Erwartung, dass dieser Irre ihn bald töten würde. Er durfte nicht stehen bleiben. Trotz der Schmerzen, der Müdigkeit und der keuchenden Lunge durfte er nicht stehen bleiben. Innehalten bedeutete den Tod.
Ein Stück vor ihm lichteten sich die Bäume. Er hoffte auf das Ende dieser Hölle, vielleicht eine Straße, eine Farm, einen Feldweg – irgendein Anzeichen der realen Welt. Er saugte mehr Luft in seine Lungen und rannte auf die Öffnung im Dickicht zu. Dabei stieß er mit dem Fuß gegen einen Stein, der vermutlich schon seit Urzeiten völlig ungestört dort gelegen hatte. Er verlor die Balance und riss Halt suchend einen Arm hoch. Er griff ins Leere. Dann prallte er mit der Schulter gegen einen Baumstamm, der erzitterte, aber aufrecht stehen blieb. Und irgendwie gelang ihm selbst das Gleiche.
Endlich keine Bäume mehr. Das Sonnenlicht stach ihm in die Augen, doch seine Hoffnung, wieder in der Zivilisation zu sein, wurde schlagartig zunichtegemacht. Er befand sich auf einer kleinen Lichtung, auf der an fünf oder sechs Stellen die Erde aufgewühlt war; rechteckige Flecken, die aussahen wie … Gräber. Wenn er sich jetzt nicht aufraffte, würde er schon bald in einem davon landen.
Er riss sich zusammen. Sein ganzer Körper schmerzte. Seine Kleidung war schweißdurchtränkt. Ohne den Blick von den Gräbern zu wenden, rannte er um sie herum, hinein in einen Wald mit noch mehr Felsen. Es war fast so, als wäre er im Kreis gelaufen.
Das Terrain stieg wieder an, und seine Beine protestierten nun ebenso wie seine Lungen gegen die anhaltende Überforderung. In der Ferne deutete der schwache blaue Schimmer eines wolkenlosen Horizonts auf die Spitze eines Hügels hin; möglicherweise konnte er sich von dort aus orientieren.
Er unterdrückte die Rebellion in seinen Beinen und Lungen, wobei er eine aus dem Boden ragende Baumwurzel übersah. Er stürzte, keine weiche Erde milderte seinen Fall, er knallte bäuchlings auf den festgebackenen Boden und schluckte Staub. Mühsam verkniff er sich einen Schmerzensschrei, um seine Position nicht zu verraten. Aber bereits sein unterdrücktes Aufstöhnen hallte überlaut in seinen Ohren wider, schien die Vögel, Insekten und die Geräusche des Killers zu übertönen, der ihn jagte.
Als er endlich die Hügelkuppe erreichte, erwartete ihn eine weitere bittere Enttäuschung. Es gab keinen Aussichtspunkt, nur eine steile, metertief abfallende Felswand direkt vor ihm. Panische Blicke nach beiden Seiten bestätigten ihm, dass es keinen sicheren Weg nach unten gab.
Ihm blieb keine Zeit für die Suche nach einem Ausweg. Ein harter Stoß traf ihn im Rücken, und er landete im Staub. Als er sich herumrollte, krachten Fingerknöchel gegen seine linke Wange. Der Schlag streifte ihn nur, aber er war so hart, dass er kurz die Augen schloss. Er ballte die Faust und erwiderte den Hieb. Er traf etwas Hartes – möglicherweise eine Schulter. Worauf sein Angreifer ihm sein spitzes Knie in den Oberschenkel rammte. Der Schmerz ließ ihn die Augen aufreißen, doch er sah nur verschwommen. Wahllos schlug er um sich. Einige Hiebe trafen ihr Ziel, andere nur Luft. Und für jeden ausgeteilten Schlag steckte er doppelt so viele ein. Es waren harte, dumpfe Treffer auf Kopf und Hals, die hinter seinen Augen grelle Lichtblitze aufzucken ließen. Sein Verfolger riss an seinem Haar und donnerte seinen Kopf gegen den unnachgiebigen Boden. Schwärze stieg an den Rändern seines Bewusstseins auf und drohte, es auszuschalten. Wenn er jetzt ohnmächtig wurde, war er erledigt. Er griff nach der dunklen Silhouette über sich, packte die Arme seines Angreifers, rollte zur Seite und versuchte, die Hebelwirkung auszunutzen.
Wo ihm der Boden Widerstand hätte bieten sollen, war plötzlich nichts mehr, er rollte eine gefühlte Ewigkeit weiter, völlig schwerelos, als hätten ihn die Schläge auf den Kopf von der Wirkung der Naturgesetze befreit. Ein fast surreales Glücksgefühl überschwemmte ihn. Es war vorbei. Er musste tot sein. Er glaubte, hinüberzudriften in ein jenseitiges Reich.
Dann kam der Aufprall.
Der Boden presste gewaltsam den Atem aus seinem Körper. Als ob seine Seele entweichen würde. Als er die Augen öffnete, türmte sich über ihm die graubraune Felswand, darüber Schleier verblassten Blaus. Das Braun, das Grau und das Blau verdüsterten sich, und er verlor das Bewusstsein.
2
Die Stadt Wilbrook war Chandler Jenkins’ Lebensmittelpunkt. War es schon immer gewesen. Seit zweiunddreißig langen Jahren hing er hier fest, auf dem Pilbara-Plateau im Landesinneren von Westaustralien, einer Landmasse, die konservativ geschätzt zweieinhalb Milliarden Jahre alt und einst Teil des Kontinents Ur gewesen war. An manchen Tagen glaubte Chandler, die prähistorischen Atome hätten sich in seinen Knochen abgelagert und ihn vorzeitig altern lassen. Der kupferrote Staub, der ringsum das verbrannte Land bedeckte, hatte bei vielen Menschen diese Wirkung.
Die Stadt lag hundert Kilometer entfernt von Portman, der nächsten menschlichen Siedlung, und war damit nur durch eine Straße verbunden, die sich wand wie ein endloser Drachenschwanz. Wilbrook selbst war nicht alt, selbst nach australischen Maßstäben. Der Ort war erst Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und nach einem berühmten Goldsucher aus Albany benannt worden, der das üppige grüne Weinland im Süden verlassen hatte, um hier oben im Dreck nach Reichtum zu wühlen. Und er war fündig geworden. Eine fette Ablagerung von Gold; die Nuggets ragten aus der Erde wie Marshmallows aus einem Kinder-Frühstücksmüsli. Einige Goldbrocken konnte man nur mit beiden Händen heben. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und bald schossen Hütten aus dem Boden, windige Holzkonstruktionen, die allen Gesetzen der Schwerkraft und des guten Geschmacks trotzten. Den Hütten folgten die Geschäfte: Bars, Saloons, Bordelle. Die Bevölkerung explodierte, Tausende gierten nach Reichtum, Zeitungsartikel priesen Wilbrook als den Ort, an dem Träume wahr würden. Doch schon bald war der Traum ausgeträumt, die vermeintlich fette Beute schrumpfte rasch zu ein paar armseligen Bröseln zusammen, die in den verrosteten Pfannen zurückblieben. Dennoch kamen immer mehr, die in den Bächen verzweifelt Steine und Dreck durchwühlten, bevor sie ihre Sorgen mit Whisky und Frauen betäubten, für die sie nicht bezahlen konnten. Mit den Schulden wuchsen auch die Spannungen.
Das Ergebnis war ein Pulverfass, das schließlich in einer Sommernacht explodierte. Auf der Main Street kam es zu einer Schießerei zwischen zehn Männern; der einzige Überlebende, Tomato Tom Kelly, starb am nächsten Tag an der durchlöcherten Arterie in seiner Schulter. Und während die Gewalt zunahm, schwanden die Aussichten auf schnellen Reichtum. Die Ärzte, Anwälte und Kaufleute gingen als Erste, um sich woanders auf die Jagd nach dem Gold zu machen. Rasch schrumpfte die einst blühende und fast fünftausend Einwohner zählende Stadt auf knapp ein Fünftel, was zumindest ein paar Bars und Bordellen das Überleben garantierte. Nichts war besser für das Geschäft als Verzweiflung.
Da es nun kein Gold mehr gab, sahen sich die Familien gezwungen, dem kargen Boden eine Existenz abzutrotzen, was für sie genauso hart war wie für die Tiere, die sie zu halten versuchten. So blieb es fast vierzig Jahre lang. Die Stadt atmete kaum noch. Dann wurden unter der vernarbten Erde Eisenerz und Asbest entdeckt. Ein neuer Boom begann, die Bergbaukonzerne kauften große Landstriche zu Preisen, die zu gut waren, um sie abzulehnen. Es folgte eine rasante Expansion, und in der Stadt wurden die ersten Backsteingebäude errichtet. Doch wie schon zuvor gingen auch diesmal die Rohstoffvorkommen plötzlich zur Neige und die rücksichtslosen Unternehmen verlagerten den Betrieb ein paar Stunden weiter in Richtung Portman. Wie eine Schlange ließen sie ihre alte Haut zurück.
Chandler und seine Familie lebten in dieser leeren Hülle, und trotz ihrer Mängel war er stolz auf die Stadt. Es war seine Stadt. Er war Polizeisergeant und zugleich Sheriff des Ortes; passend zu der Tatsache, dass die Stadt teilweise immer noch aussah wie zur Wende des 19. Jahrhunderts. Immerhin konnte sich die breite Hauptstraße inzwischen einer weißlich schimmernden Asphaltdecke rühmen, wo sich einst nur eine staubige, löchrige Piste befunden hatte. Eine lange Betoninsel in ihrer Mitte bot Zuflucht vor dem kaum vorhandenen Verkehr. Bunte Veranden überdachten die Fußwege, boten Schutz vor der Sonne und der unnachgiebigen Hitze, und ihre kunstvoll gearbeiteten Metallsäulen waren seit dem letzten Jahrhundert unverändert, Bastionen einer längst vergangenen Zeit.
Chandler hielt vor dem Betonbau des Polizeireviers und blickte in den Spiegel. Das zunehmend rundlicher werdende Gesicht, das zurückstarrte, war das eines attraktiven Mannes Mitte dreißig. Es war ein Gesicht, in dem lange Nachtdienste und das Leben als alleinerziehender Vater Spuren hinterlassen hatten. Sein blondes Haar hatte bereits an Fülle, wenn nicht gar an Territorium eingebüßt. Das helle Blond und seine gebräunte Haut gaben ihm das Aussehen eines alternden Surfers, auch wenn nichts von der Wahrheit hätte weiter entfernt sein können. Chandler mied das Meer, so gut er nur konnte. Kaum etwas war ihm so unheimlich wie die gefräßigen Kreaturen, die sich in den australischen Gewässern tummelten.
Bill Ashcroft, der alte Senior Sergeant, war im Juni letzten Jahres in Pension gegangen und hatte Chandler das vorläufige Kommando übergeben. Nicht, dass es für die fünf Polizisten viel zu tun gegeben hätte: ein paar Verkehrswidrigkeiten, familiäre Streitigkeiten oder ein gelegentlicher Fall von Körperverletzung in einer der drei Kneipen der Stadt, die nicht miteinander konkurrierten, sondern einfach alle diejenigen willkommen hießen, die woanders gerade Lokalverbot hatten. Dennoch waren für das Revier fünf volle Stellen vorgesehen, und die westaustralische Polizei kämpfte um deren Erhalt, da sie befürchtete, beim Verlust eines Postens könnten auch die anderen wie Dominosteine fallen.
Als Chandler das Revier betrat, saß Nick Kyriakos, sein junger Constable, hinter dem Empfangstresen. Chandler hatte ihm diesen Platz zugewiesen, bis er sich sicher sein konnte, dass der Junge für den Außendienst bereit war. Er wollte nicht riskieren, einen bewaffneten Zwanzigjährigen auf Streife zu schicken, auch wenn Nick bisher einen guten Eindruck hinterlassen hatte. Ein wacher, neugieriger junger Mann, bereit sich anzupassen und zu lernen, wenn man einmal von seinem übersteigerten Interesse an den Biografien von Serienkillern absah.
Tanya, Senior Constable und Chandlers direkte Stellvertreterin, saß bereits an ihrem Schreibtisch. Sie kam nie zu spät, und ihre Dienstauffassung war so streng wie ihr straff nach hinten gebundener Pferdeschwanz. Sie machte Frühschichten, damit sie ihre drei Kinder nach der Schule am anderen Ende der Stadt abholen konnte; die Kinder waren in rascher Folge während einer erst vor Kurzem beendeten, fünfjährigen Auszeit auf die Welt gekommen. Alle drei durch einen klinischen Eingriff, wie Chandler vermutete. Es war Tanyas Art, Dinge durchzuziehen wie eine militärische Operation. Wenn er befördert würde, würde er auch sie dafür empfehlen. Sie hatte es mehr als verdient. Jeder, der Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen musste, hatte sich gewisse Erleichterungen verdient. Er konnte ein Lied davon singen. Er hatte selbst zwei Kinder. Und Tanya hatte wenigstens noch einen Partner, der sie unterstützte.
Chandler ging in sein Büro. Die Klimaanlage hatte wieder einmal den Geist aufgegeben, das Revier war feuchtheiß, und alles fühlte sich klebrig an. Er ließ sich auf seinem Platz nieder und blickte aus dem Fenster auf den Gardner’s Hill in der Ferne, einen felsigen, bewaldeten Hügel, benannt nach dem ersten Bürgermeister der Stadt.
Aus der Entfernung wirkte der Hill einladend, an der von der Stadt aus sichtbaren Bergflanke ragten Bäume in den Himmel, eine üppige grüne Oase in einem ansonsten roten Land. Jenseits des Bergrückens lagen Tausende Hektar Wildnis. Eine Wildnis, welche die Menschen schon immer angelockt hatte. Aber selbst erfahrene und an extreme Bedingungen gewöhnte Wanderer hatten dort ihre Schwierigkeiten. Diese Gegend zog vor allem Leute an, die sich selbst finden wollten. Oder sich manchmal auch selbst verlieren wollten.
Für Chandler begann der Tag wie jeder andere, ruhig und beschaulich. Doch das sollte sich schlagartig ändern.
Lärm drang durch die offene Tür. Draußen ertönte eine Stimme, die ihm unbekannt war, aber irgendwie verzweifelt klang. Er versuchte, ihren Akzent zu bestimmen – eindeutig jemand aus dem Süden, aus dem tiefen Süden, vielleicht aus Perth. Wenn das zutraf, war die Person – ein Mann – weit weg von zu Hause.
»Sarge, ich denke, wir brauchen Sie hier«, rief Tanya. Ihre sonst stets gelassene Stimme klang leicht beunruhigt.
Chandler schwang die Füße vom Tisch und rückte den Gürtel über seinem Bauch zurecht. In den Jahren nach der Trennung von Teri hatte er an Gewicht zugelegt, als würde sein Körper so den Verlust ausgleichen wollen.
Er betrat das Hauptbüro. Vor Tanyas Schreibtisch – nach dem hohen Empfangstresen der erste Anlaufpunkt im Revier – saß ein nervöser junger Mann Mitte zwanzig. Die Blutflecken auf seinem T-Shirt und seiner Jeans deuteten darauf hin, dass er ordentlich Prügel eingesteckt hatte.
Chandler überprüfte seinen Hemdkragen und fluchte. Er hatte seine Ansteckkrawatte vergessen. Er war zwar nicht sonderlich pedantisch, was die Uniform betraf, trotzdem zog er es vor, in der Öffentlichkeit eine Krawatte zu tragen. Sie verlieh ihm eine gewisse Autorität.
»Erwecke immer den Eindruck, als würde der Laden dir gehören«, hatte Bill ihm eingeschärft, »und verhalte dich so, als hättest du das Sagen.«
Als er sich ihm näherte, stand Tanya neben dem Schreibtisch und hatte ein wachsames Auge auf den Mann. Sogar Nick war in seinem Bürostuhl herbeigerollt, als würde er allein durch die sitzende Position weiter die ihm zugewiesene Aufgabe versehen.
Der Besucher erhob sich. Sofort trat Tanya einen Schritt zurück, um jederzeit eingreifen zu können. Die angespannte Stimmung des jungen Mannes schien auf die anderen im Büro überzugreifen. Chandler registrierte, dass der Mann etwa gleich groß war wie er selbst, allerdings von einer völlig anderen Statur. Seine Nervosität zeigte sich vor allem in den Augen, die zwischen Chandler, den Wänden und der Tür hin und her zuckten, als wären sie beständig auf der Suche nach einem Fluchtweg. Der Mann wirkte, als litte er unter Schmerzen.
»Er wollte mich zur Nummer fünfundfünfzig machen«, stammelte er und sah dabei Chandler zum ersten Mal direkt an. Dann erschauderte er und kniff die Augen fest zusammen.
Chandler machte sich innerlich ein paar Notizen. Definitiv ein Perth-Akzent. Schlecht rasiert. Vermutlich ein Wanderarbeiter; geistig zu klar und ein wenig zu frisch für einen Obdachlosen.
»Wovon reden Sie?«, fragte Chandler ruhig, auch wenn ihn das plötzliche Auftauchen des verstörten Fremden selbst etwas aus dem Konzept gebracht hatte.
»Fünfundfünfzig«, wiederholte der Mann.
Chandler blickte Tanya fragend an. Sie schüttelte den Kopf.
»Fünfundfünfzig … was?« Chandler verspürte den Drang, seine Hand beruhigend auf die Schulter des Mannes zu legen, fürchtete aber, es könnte ihn verschrecken.
»Der K-K-Kerl. Der Killer.«
»Welcher Killer?«
»Der mich entführt hat. Hat mich … dorthin geschafft. Die Wälder … die Bäume.« Der junge Mann deutete auf die Wand. Chandler wurde klar, dass dort hinter der Ziegelmauer Gardner’s Hill liegen musste.
»Was für ein Kill–«
»Ein Irrer.«
Die Beine des jungen Mannes zuckten. An seiner Jeans klebte Blut, aber es war nicht frisch, sondern offenbar in der Sonne getrocknet. Chandler war nicht sonderlich scharf darauf, dass er mitten im Revier zusammenklappte. Er streckte die Hand aus und berührte den Arm des Mannes, der vor Schmerzen zusammenzuckte.
»Alles in Ordnung, wir sind hier, um Ihnen zu helfen.« Nachdem er ihn sanft zurück in den Stuhl gedrückt hatte, fühlte sich Chandler wieder mehr als Herr der Lage. »Wie ist Ihr Name?«, fragte er.
»Gabriel.«
»Sehr gut, Gabriel. Ich bin Chandler. Ich bin hier der zuständige Sergeant. Wissen Sie, wo Sie sich befinden?«
Gabriel schüttelte den Kopf.
»Sie sind in Wilbrook.«
Er bemerkte ein Aufblitzen in Gabriels Augen, das er als Hoffnungsschimmer deutete. Die Hoffnung, endlich in Sicherheit zu sein. Um ihn in diesem Gefühl zu bestärken, lieferte Chandler ihm weitere Informationen.
»Wilbrook, Westaustralien. Das ist Tanya, mein Senior Constable, und Nick, ebenfalls Constable. Woher kommen Sie?«
Erneut deutete ein zitternder Finger auf die Wand. »Von dort.«
Chandler bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln. »Ich meine, wo wohnen Sie?«
»Perth … bin aber viel unterwegs.«
Der Mann sackte im Stuhl zusammen. Für einen Moment schien er direkt auf den Boden rutschen zu wollen.
»Haben Sie einen Ausweis?«
»Er hat ihn gestohlen.«
Chandler nickte. »Kennen Sie seinen Namen, Gabriel?«
Der junge Mann schwieg. Die vorher panisch umherzuckenden Augen schlossen sich langsam. Chandler musterte noch einmal Gabriels Kleidung. Den Blutflecken nach zu urteilen, waren seine Wunden nicht allzu tief, allerdings bestand natürlich immer die Gefahr innerer Blutungen.
»Haben Sie …«
»Heeeeath«, stöhnte Gabriel.
»Heath?« Chandler nickte Tanya zu, die den Namen bereits auf einen Block kritzelte.
Gabriel nickte. »Der Irre. Er nannte sich Heath. Er hat meinen Ausweis gestohlen.«
Sein erschlaffter Körper straffte sich plötzlich wieder, und er versuchte, sich zu erheben. »Ich muss hier raus.«
Chandler machte einen Schritt auf ihn zu und schob ihn sanft zurück in den Stuhl. Dieser Drang zu fliehen war eine vertraute Reaktion. Viele Menschen hatten es eilig, das Polizeirevier wieder zu verlassen, aus Furcht, sie könnten hier früher oder später wegen irgendetwas belangt werden.
»Bleiben Sie hier, und wir veranlassen, dass Sie medizinisch versorgt werden.«
»Nein«, erwiderte Gabriel mit weit aufgerissenen Augen. »Ich will Ihnen erzählen, was passiert ist, und dann wieder verschwinden. Für den Fall, dass er zurückkommt.«
»Sie sind jetzt in Sicherheit«, versicherte Chandler ihm.
»Erst wenn ich von hier weg bin.«
Gabriel holte tief Luft, um gegen seine Unruhe anzukämpfen, zuckte aber sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Offenbar hatte er übel geprellte Rippen.
»Wir können einen Arzt holen«, erklärte Tanya und bewegte sich kaum merklich auf ihn zu.
»Nein, ich will Ihnen erzählen, was passiert ist.«
3
Der winzige Vernehmungsraum lag direkt hinter dem Empfangsbereich und wurde fast ausschließlich für die Mittagspause genutzt. Statt in sommerlichem Gelb wie die übrigen Büros waren seine Wände dunkelgrün gestrichen. Chandler hatte irgendwo gelesen, dass diese Farbe die Menschen angeblich zum Reden animierte.
Der dünne Plastikstuhl ächzte unter dem Gewicht ihres Besuchers. Chandler saß auf der anderen Seite des Tischs, dessen graue Plastikoberfläche mit Senf verschmiert war. Er musste herausfinden, wer mit Saubermachen an der Reihe war – vermutlich er selbst.
Er wandte sich seinem Besucher zu.
»Wir haben den 23. November 2012. Bitte nennen Sie fürs Protokoll Ihren vollen Namen.«
»Gabriel Johnson.«
»Woher kommen Sie?«
»Ursprünglich aus Perth, aber jetzt bin ich … wie nennen Sie das? Ohne …?«
»Ohne festen Wohnsitz?«
»Genau. Ohne festen Wohnsitz. Tut mir leid, ich bin ein bisschen durcheinander …« Gabriels Blick huschte durch den Raum, als wollte er sich ein gründliches Bild von der Einrichtung machen. Es gab nicht viel zu sehen.
»Alter?«
»Dreißig.«
Er klang müde, was für Chandler darauf hindeutete, dass er harte Zeiten durchgemacht hatte. Seine Haut war stark gebräunt, was die tiefen Aknenarben auf seinen immer noch jugendlichen Wangen etwas kaschierte.
»Und was tun Sie hier oben?«
»Arbeit suchen.«
»Als was?«
»Aushilfskraft, Landwirtschaftshelfer, egal was. Ich dachte, ich versuche es mal bei den Farmen hier draußen.«
»Hatten Sie irgendwelche besonderen Farmen im Auge?«
»Nein. Aber ich habe gehört, es soll hier in der Gegend einige geben.«
Gabriel lag nicht falsch. In den weiten Ebenen gab es viele riesige Rinderfarmen. Und tatsächlich hatte Gabriel den zähen, drahtigen Körperbau, den man für die Arbeit dort brauchte. Die Helfer ernährten sich fast ausschließlich von Fleisch und mussten sämtliche anfallenden Arbeiten verrichten können, von der Kontrolle der Bohrlöcher bis hin zum Einfangen der Rinder und dem Anbringen von Brandzeichen.
»Und wo sind Sie ihm begegnet, diesem … Heath?«
Bei der Erwähnung des Namens zuckte ihr Besucher zusammen und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen.
»In Port Hedland. Am Vortag hatte mich ein Trucker aus Exmouth mit dorthin genommen.«
»Haben Sie dessen Namen?«
Gabriel zuckte mit den Achseln, als ob das keinerlei Rolle spielen würde. »Lee irgendwas. Ein Chinese in den Fünfzigern. Fett, hat Selbstgedrehte geraucht, die unter der Sonnenblende steckten. Mehr kann ich nicht über ihn sagen.«
»Und er hat Sie in Port Hedland abgesetzt?«, fragte Chandler.
»Ja, er war auf dem Weg nach Darwin.«
»Was haben Sie in Port Hedland gemacht?«
»Ich habe mir einen Schlafplatz gesucht.«
»Wo?«
»Im Park.«
»Welcher Park?«
Gabriel schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich war nicht auf Besichtigungstour. Es gab Gras, Bäume, eine Bank. Sie wissen schon, wie Parks eben so sind.«
Chandler machte sich eine Notiz, der Sache weiter nachzugehen. »Fahren Sie fort.«
Die Stimme des jungen Mannes hatte sich etwas beruhigt, kippte aber immer noch gelegentlich um, wie das Bellen eines nervösen Hundes. »Am nächsten Tag habe ich beschlossen, weiter ins Landesinnere zu fahren und mich nach Arbeit umzuschauen.«
»Warum nicht an der Küste?«
»Ein Typ in Exmouth sagte mir, im Inland hätte man bessere Chancen. Er meinte, die meisten Leute blieben wegen der günstigeren Verkehrsanbindung an der Küste, aber die Konkurrenz sei da einfach so groß, dass die Bosse einen mies bezahlen. Außerdem dachte ich, es wäre mal was anderes.«
An diesem Punkt hielt Gabriel inne, als ob er den Faden verloren hätte. Chandler beschloss, ihm Zeit zu lassen.
Gabriel blinzelte und fuhr fort. »Ich war auf dem Highway, der aus der Stadt führt …« Er hielt inne und sah Chandler an. »Keine Ahnung, was das für ein Highway war.«
Chandler kannte ihn. Es war der Highway 1, die schwarze Ader, von der irgendwann die 95 abbog, die nach Wilbrook führte. Eine Straße, die er häufig benutzt hatte, vor allem nachdem er Teri kennengelernt hatte, die damals ein unternehmungslustiges Partygirl an der Küste gewesen war. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt, dass die Küste sie niemals loslassen würde.
»Ich war per Anhalter unterwegs und konnte wegen der blendenden Sonne kaum erkennen, was auf mich zukam. Als ich von hinten ein Dröhnen hörte, habe ich meinen Daumen rausgehalten. Zwei waren an diesem Morgen schon vorbeigerauscht, also habe ich erwartet, dass der auch weiterfährt … aber er hat angehalten.«
»Können Sie den Wagen beschreiben?« Chandler sah zu dem Einwegspiegel und hoffte, dass Tanya das alles aufzeichnete. Es war fast ein Jahr her, seit sie hier drinnen die letzte Vernehmung durchgeführt hatten. Dabei war es um häusliche Gewalt gegangen. June Tiendali hatte es ihrem Mann übel genommen, dass er seine Zeit abends lieber mit seinen Tauben statt mit ihr verbrachte, worauf sie ihm mit einem Hockeyschläger den Arm gebrochen hatte.
»Ein kastenförmiger Wagen. Ich erinnere mich nicht an die Marke. Die Plakette war abgefallen, glaube ich. Dunkelbraun … aber das könnte der Staub gewesen sein, der sogar die Fenster bedeckt hat. Eines der Bremslichter war kaputt, daran erinnere ich mich. Ich bin rasch hingelaufen, aus Sorge, er könnte gleich wieder wegfahren.« Gabriel sah Chandler verzweifelt an. »Ich wünschte, er hätte es getan.«
»Kennzeichen?«
Gabriel schüttelte den Kopf. »Auch mit Staub bedeckt. Vielleicht absichtlich.«
»In Ordnung, erzählen Sie weiter.«
»Ich bin dann eingestiegen. Vielleicht hätte ich ihn zuerst genauer unter die Lupe nehmen sollen, aber ich musste schnell eine Arbeit finden. Ich brauchte eine Unterkunft und was zu essen.«
»Gut, und wie hat dieser Heath ausgesehen?« Chandler nahm seinen Stift, um sich die Personenbeschreibung zu notieren. Er hoffte, sie würde etwas detaillierter ausfallen als die des Wagens: unbekannte Marke, unbekanntes Kennzeichen, ein staubiges, kastenförmiges Fahrzeug. Klang genau so wie der Großteil der Schrottkisten auf den Straßen hier.
Gabriel schloss die Augen und atmete tief durch. Chandler ließ die Stille wirken. Er warf einen Blick zu der verspiegelten Scheibe. Ein müder Polizist starrte zurück.
»Eher klein … ein paar Zentimeter kleiner als ich. Braun gebrannt, als hätte er viel im Freien gearbeitet. Und stämmig. Er sagte, er wäre dreißig, so wie ich, und er schien irgendwie, ich weiß nicht … nervös.« Gabriel hielt inne. »Wahrscheinlich hätte ich damals gleich erkennen müssen, dass er etwas Düsteres an sich hatte.«
»Was meinen Sie mit ›etwas Düsteres‹?«
»Etwas … Abseitiges«, erwiderte Gabriel. »Sein Bart hat seine Gesichtszüge verborgen. Als würde er langsam zu einem Schatten werden.«
Gabriel starrte Chandler so an, als erwarte er von ihm die Bestätigung, dass diese Worte außerhalb seines Schädels einen Sinn ergaben.
»Und Sie müssen mich jetzt nicht belehren, wie dumm es ist, hier in der Gegend zu trampen«, fügte er plötzlich defensiv hinzu. »Er schien mir in Ordnung zu sein. Ich wusste oder ich bildete mir zumindest ein, dass ich mich verteidigen könnte, wenn er mir blöd käme. Er sagte, sein Name sei Heath und er wäre auf dem Rückweg von Einkäufen in der Stadt. Auch das beruhigte mich. Ich meine, Killer stellen sich nicht vor, oder?«
Wieder blickte er auf. Chandler nickte, war sich aber nicht sicher, ob er dem wirklich beipflichtete. Wenn es ohnehin Heaths Absicht gewesen war, ihn zu töten, warum sollte er dann etwas verbergen? Doch sein Verhalten verriet ihm eins: Wenn Heath sich ungezwungen und selbstbewusst mit seinem potenziellen Opfer unterhielt, dann sprach das in Chandlers Augen tatsächlich dafür, dass er etwas Derartiges schon oft getan hatte. Der Kerl war entspannt genug, die Führung zu übernehmen, selbstsicher genug, um mit seinem Opfer offen zu reden: mit Nummer fünfundfünfzig. Gefühle von Erregung und Schrecken erzeugten ein Flattern in Chandlers Bauch, Schmetterlinge von der Größe eines Raubvogels. Das könnte ein großer Fall werden. Er musste mehr Details aus seinem Zeugen herausbekommen, bevor dieser sich wieder verschloss wie eine Auster.
»Hat er Ihnen etwas über sich selbst erzählt?«
»Nur, dass er hier in der Nähe wohnt.«
»In Wilbrook?« Chandler konnte sich an niemanden namens Heath aus der Gegend erinnern, obwohl es natürlich auch ein Deckname sein konnte. Dann überlegte er, wer in Wilbrook imstande wäre, so viele Menschen zu töten. Es mangelte sicher nicht an schrägen Gestalten, aber keiner hatte genug Grips und Energie, so etwas durchzuziehen.
»Nein … keine Ahnung. Einfach von hier, meinte er. Dem Akzent nach kam er aus dem Osten. Jedenfalls schien er einigermaßen in Ordnung zu sein. Schließlich suchte ich ja nach einer Mitfahrgelegenheit und nicht nach einem Seelenverwandten.«
Chandler forderte ihn mit einem Nicken zum Weiterreden auf.
»Ich habe ihm erzählt, dass ich aus Perth komme. Als er daraufhin meinte, ich sei weit weg von zu Hause, erklärte ich ihm, ich müsste dorthin, wo was zu verdienen sei. Ich sagte, hier oben sei es zwar ziemlich karg, aber auch auf ganz eigene Weise sehr schön.« Gabriel zuckte mit den Achseln und zog eine Grimasse. »Das war zwar eine Lüge, aber ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, dem Fahrer zu schmeicheln. Wie eine Nutte, nehme ich an.«
Chandler musterte den jungen Mann. Seine Grimasse verriet ihm, dass das kein Witz war, sondern eine Art praktische Lebensphilosophie.
»Nach etwa einer Stunde kamen wir an ein paar Abzweigungen zu Farmen vorbei. Ich erklärte ihm, die seien in Ordnung für mich, aber er meinte, dort würde es jeder versuchen. Er sagte: ›Das ist so, als würde man gleich an der ersten Wasserstelle trinken, der großen, wo die Tiere das Wasser bereits verschmutzt haben.‹ Er behauptete, sie würden beschissen bezahlen und weiter im Landesinneren wäre es besser. Ich fragte ihn, ob er dort schon mal gearbeitet hätte, um ihm vielleicht einen Tipp zu entlocken. Aber er antwortete nicht. Ich dachte mir: Vielleicht hat er mal dort gearbeitet, aber es ist etwas passiert, worüber er nicht reden will.«
Chandler machte sich eine Notiz, bei einigen der Farmen nach diesem Heath zu fragen; vielleicht würde man sich dort an ihn erinnern.
»Wir fuhren noch eine halbe Stunde weiter, und die Landschaft ging langsam in eine staubige Wüste über. Ich begann mich zu fragen, wie da draußen irgendetwas überleben konnte, ganz zu schweigen von einer großen Rinderherde. Ich bekam Durst. Selbst bei heruntergekurbelten Fenstern kochte die Luft. Er musste meine Miene bemerkt haben. Jedenfalls meinte er, hinten auf der Rückbank liege Wasser, wenn ich welches wollte. So hat er mich außer Gefecht gesetzt.«
»Mit dem Wasser?«
Gabriel nickte. »Schmeckte gut, vielleicht ein wenig kalkig, aber das war mir egal. Es war Wasser, und ich hatte furchtbaren Durst.« Er blickte Chandler an, als ob er sich vor sich selbst ekeln würde. »Kurz darauf fühlte ich mich schläfrig. Zuerst dachte ich, es wäre die Erschöpfung oder die Hitze, aber es wurde immer schlimmer. Ich versuchte, meine Arme zu heben. Keine Chance. Sie fühlten sich an, als würden sie nicht mehr zu meinem Körper gehören. Ich erinnere mich, dass ich mich Heath zuwandte. Er starrte mich an, als wäre alles in bester Ordnung. Als wäre es ein ganz normaler Vorgang, den er schon oft beobachtet hatte. Er schaute nicht mal auf die Straße, nur auf mich, eine gefühlte Ewigkeit lang. Dann fiel ein Schatten über sein Gesicht, bis ich nur noch den Umriss seines Schädels wahrnahm. Ich wurde ohnmächtig, glaube ich. Er muss irgendwas in das Wasser getan haben.«
Erneut huschten Gabriels Augen unruhig umher. Chandler kannte diesen Blick. Das verwirrte Opfer, das vergeblich Erinnerungslücken zu füllen versuchte.
»Ich erwachte in einem Holzschuppen. Keine Ahnung, wie lange ich ohnmächtig gewesen war, aber es fiel immer noch Licht herein, also vermutlich nur ein paar Stunden.« Plötzlich wirkte er besorgt. »Es sei denn, es ist schon Freitag …«
»Nein, Donnerstag«, versicherte ihm Chandler.
Das schien Gabriel zu erleichtern. Er hatte keinen Tag seines Lebens verloren. Vor allem war er überhaupt noch am Leben.
»Er hatte meine Handgelenke an die Wand gefesselt.«
»Gefesselt?«, fragte Chandler.
»Ja, mit diesen dicken Eisenteilen. Zwei D-förmige Schellen, die miteinander verbunden und mit einer Kette an der Wand befestigt waren. Dieselben Dinger hatte ich um die Knöchel. Die waren zwar nirgendwo befestigt, aber ich konnte mich keinen Millimeter darin bewegen. Keine Chance zu entkommen. Dafür hatte er gesorgt.«
»Waren Sie auf einer Farm? Im Wald? In einer Scheune?«
»Da oben«, sagte Gabriel. »Auf diesem Hügel. Ich konnte zwischen den Latten hindurch die Bäume sehen. Gefesselt in einem Holzschuppen mit Sägen und Beilen und so. Eigentlich ganz normale Werkzeuge, aber weil ich angekettet war, sahen sie alle tödlich aus.«
»Können Sie mir Genaueres über den Ort sagen? Geräusche? Gerüche?«
Gabriel zuckte mit den Achseln. »Lehmboden. Brennholzvorrat in der Ecke. Ich konnte hören, wie sich nebenan jemand bewegte, also war ich vermutlich neben einer bewohnten Blockhütte angekettet. Ich rief um Hilfe. Kurz darauf tauchte Heath auf. Ich fragte ihn, wo ich war – zu Hause, meinte er. Ich bat ihn, mich gehen zu lassen, ich würde auch niemandem erzählen, was er getan hatte. Er meinte nur, ich solle mich beruhigen. Er klang wütend, so als hätte ich ihn bei etwas Wichtigem gestört.«
Gabriels Beine begannen, unter dem Tisch zu wippen. Erneut suchten seine Augen den Raum ab, als wolle er flüchten.
»Entschuldigung, ich … ich fühle mich nur etwas eingesperrt.«
»Sollen wir die Tür aufmachen?«
»Bitte.«
Chandler erhob sich und öffnete die Tür, durch die man in das Büro dahinter und auf eine Reihe kleiner Fenster über grauen Aktenschränken sah. Gabriel starrte in Richtung der Fenster.
»Ich hatte Panik, dass er mir etwas antun würde. Er kam direkt auf mich zu. Und genau in dem Moment sagte er das mit der Nummer fünfundfünfzig. Dann zog er sich zurück in Richtung Tür. Ich hatte Angst, ihn zu fragen, was er damit meinte. Aber ich nahm an … «
Gabriel zögerte.
»Was nahmen Sie an?«, hakte Chandler nach, begierig darauf, seine eigene Vermutung laut ausgesprochen zu hören.
»Dass ich sein fünfundfünfzigstes Opfer sein würde.«
Obwohl der Tag heiß genug war, um Plastik zum Schmelzen zu bringen, lief Chandler ein kalter Schauer über den Rücken. Gabriel schien die Geschichte beim Erzählen erneut zu durchleben, seine drahtigen Muskeln spannten sich unter dem blutbefleckten T-Shirt, die Sehnen seiner Unterarme zuckten. Nackte Panik.
»Und dann bestätigte er meine Vermutung. Er meinte, ich sollte mir keinen Kopf machen, ob ich getötet würde oder nicht«, fuhr Gabriel fort. »Er sagte: Natürlich werde ich dich töten. So steht es geschrieben.«
»Was kann er mit ›So steht es geschrieben‹ gemeint haben?«, fragte Chandler.
Gabriel zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich genauso wenig wie Sie, Officer.«
»Okay, fahren Sie fort«, forderte Chandler ihn auf und notierte sich den Satz.
»Mir war klar, dass ich schnellstmöglich da wegmusste, und als er gegangen war, versuchte ich, mich aus den Handschellen zu befreien.« Gabriel zeigte seine Handflächen voller Blasen, die ringsum blutigen Handgelenke, die aufgeschürfte Haut. »Ich zerrte daran, versuchte, sie aus der Wand zu reißen. Ich schrie immer wieder um Hilfe. Er tauchte nicht wieder auf. Offenbar machte er sich keinerlei Sorgen, dass mich jemand hören könnte. Da wusste ich, dass ich mitten im Nirgendwo war. Ich zerrte weiter und schaffte es schließlich, eines der Schlösser aufzubrechen, aber eine Hand war immer noch an die Wand gefesselt. Ich griff mit der freien Hand nach der Werkbank, um eines der Werkzeuge zu packen. Dabei habe ich mir fast die Schulter ausgerenkt, aber schließlich bekam ich ein Beil zu fassen. Ich versuchte, den zweiten Eisenring zu knacken, ohne mein Handgelenk zu verletzen. Ich hatte Angst, dass er reinkommen und mich dabei erwischen würde. Ich wollte mich unbedingt befreien. Ich wollte überleben. Ich schrie nicht mehr, aber dann befürchtete ich, dass gerade das seine Aufmerksamkeit erregen würde. Also brüllte ich weiter, um die Geräusche des Beils zu übertönen, das auf das Metall traf und dabei wie eine verdammte Kirchenglocke klang.« Er blickte auf.
Wieder forderte Chandler ihn mit einem Kopfnicken dazu auf fortzufahren. Er war völlig gebannt von den lebhaften Erinnerungen des jungen Mannes, aus dem die Worte jetzt nur so heraussprudelten.
»Irgendwie schaffte ich es, das Metall zu verbiegen, als hätte ich übermenschliche Kräfte, und ich befreite meine zweite Hand. Der Schlüssel für die Fußeisen hing an einem Nagel, also war ich in ein paar Sekunden komplett frei. Aber ich hatte plötzlich mehr Angst als zuvor, als ich noch angekettet gewesen war. Ich erinnere mich, dass ich am Tor des Schuppens rüttelte, aber es war mit einem massiven Vorhängeschloss verriegelt. Der einzige andere Ausgang führte direkt ins Nebenhaus. Es war die Tür, durch die er gekommen war. Ich sah keinen anderen Ausweg. Also öffnete ich sie so leise wie möglich. Dahinter waren alle möglichen Vorräte gestapelt.
Gabriel atmete tief aus. Als hätte er die ganze Zeit die Luft angehalten.
»Und Heath?«, fragte Chandler.
»Er saß am anderen Ende des Raums an einem Schreibtisch, der mit Papieren und Landkarten übersät war. An der Wand hing ein großes Kreuz. Gleich links von mir war die Vordertür, also schlich ich auf Zehenspitzen dorthin, aber als ich sie öffnete, quietschten die Scharniere. Er drehte sich um. Wir starrten einander einen Augenblick lang an. Dann begann die Jagd. Ich schaffte es nach draußen, befand mich aber offenbar mitten in einer Senke. Ringsum nur Bäume. Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich rennen sollte, also entschied ich mich für rechts.«
»Warum rechts?«
»Keine Ahnung. Vielleicht weil ich Rechtshänder bin. Ich weiß nicht genau, warum. Es sah in jede Richtung gleich aus. Meine Beine waren steif, weil sie so lange gefesselt gewesen waren, aber ich wusste, ich musste mich rasch bewegen, da er möglicherweise eine Waffe hatte.«
Chandler glaubte, Gabriels Herz unter dem T-Shirt pochen zu sehen. Die Erinnerungen des Mannes kehrten zurück, intensiv und unkontrolliert. Nach einem tiefen Atemzug, der den letzten Rest Sauerstoff aus dem stickigen Raum zu saugen schien, fuhr er fort.
»Ich lief auf einen Hügel zu. Als ich mich umblickte, war er etwa zehn Meter hinter mir. Ich rannte und rannte, bis ich auf eine kleine Lichtung stolperte. Dort war überall die Erde aufgewühlt worden.« Gabriel starrte ihn an. »Es waren Gräber.«
Die Luft im Raum schien noch drückender zu werden.
»Gräber?«, Chandler runzelte die Stirn. »Woher wollen Sie das wissen?«
Gabriel schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher. Ich erinnere mich nur, dass es irgendwie nach Gräbern aussah. Schätzungsweise fünf, sechs, sieben … rechteckige Stellen.« Er hielt inne und fixierte Chandler, als wäre ihm gerade erst bewusst geworden, wie knapp er dem Tod entkommen war.
»Ich rappelte mich auf, lief weiter und erreichte die Spitze des Hügels. Ich hoffte, ich könnte mich dort oben umschauen, aber auf der anderen Seite war nur ein Steilhang. Ich hätte nicht stehen bleiben sollen.«
Ein weiterer tiefer Atemzug. Er riss sich zusammen. Seine Kiefermuskeln spannten sich an.
»Er warf sich auf mich. Ich schlug um mich, erwischte ihn aber nicht. Jedenfalls nicht so, dass es ihn aufgehalten hätte. Wir rollten ein ganzes Stück über den Boden … dann stürzte ich ins Leere. Als wäre ich schwerelos. Haben Sie so was schon mal erlebt?« Gabriel sah Chandler an.
»Nein, nicht wirklich.«
»Ein merkwürdig erlösendes Gefühl. Bis zur Landung. Die fühlte sich an, als wäre ich von einem Zug überrollt worden. Als ob ich meinen Körper komplett verlassen hätte. Ich dachte, das war’s, jetzt bin ich im Himmel.« Wieder blickte er Bestätigung suchend zu Chandler.
Obwohl Chandlers Eltern versucht hatten, ihn und später seine beiden Kinder im christlichen Glauben zu erziehen, war er nie wirklich tiefgläubig gewesen. Religion war für ihn wieselbst gezüchtete Tomaten. Eine schöne Sache, solange man sich nicht ausschließlich davon ernähren musste. Er erinnerte sich daran, dass seine älteste Tochter Sarah am nächsten Tag ihre Erstkommunion haben würde. Heute Abend sollte er ihr bei der Vorbereitung helfen, mit ihr üben, welche Sätze sie sprechen, wann sie knien, wann sie aufstehen musste …
»Irgendwann wachte ich auf, und zum zweiten Mal an diesem Tag hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich war. Ich sah die Steilwand über mir, und mir wurde klar, dass ich heruntergestürzt war. Der Schmerz des Aufpralls kehrte zurück, und dann fiel mir Heath wieder ein. Er lag neben mir, mit dem Gesicht auf dem Boden. Und der Staub um uns herum war blutbespritzt.«
»War er tot?« Ein toter Verdächtiger würde den Fall eindeutig erleichtern.
»Keine Ahnung.«
»Was meinen Sie mit ›keine Ahnung‹?«
»Ich weiß nicht, ob er noch am Leben war oder nicht. Ich habe mich nicht in seine Nähe getraut, für den Fall, dass er sich nur tot stellte. Ich habe das in Filmen gesehen, Officer. Ich musste weg. Also habe ich mich aufgerappelt und bin weggelaufen.«
»Und Sie haben ihn dort zurückgelassen?«
Gabriel nickte. Es gab also keine definitive Bestätigung für den Tod des Mannes. Chandler musste davon ausgehen, dass Heath überlebt hatte. Diese Unklarheit war frustrierend. Er musste eine Fahndung nach einem Verletzten organisieren; ausgerechnet in diesem Wald. Aber wenn Gabriel es in ein paar Stunden in die Stadt geschafft hatte, dann konnte Heath nicht allzu weit gekommen sein. Es bestand durchaus die Chance, ihn aufzuspüren, medizinisch zu versorgen und zu verhaften.
»Wie haben Sie es in die Stadt geschafft?«, fragte Chandler.
»Glück. Ich humpelte ein paar Stunden weiter, bis ich auf einen Feldweg stieß. Ich folgte dem Weg, begegnete aber niemandem, den ich um Hilfe hätte bitten können. Irgendwann stieß ich auf ein altes Fahrrad. Es war verrostet, aber besser als nichts. Damit schaffte ich es bis zum Ende des Feldwegs, entdeckte die Stadt in der Ferne und hielt darauf zu, voller Angst vor jedem vorbeifahrenden Auto. Ich fürchtete, Heath könnte herausspringen oder mich einfach über den Haufen fahren.«
»Welche Straße war das?«, wollte Chandler wissen. Die Information würde ihre Suche eingrenzen.
Gabriel schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. In meiner Erinnerung verschwimmt alles, Officer. Schätze, die Straße hatte keinen Namen. Es war eher ein Feldweg. Und ich wurde verfolgt. Dieser Killer … war hinter mir her. Aber ich habe es geschafft.«
Gabriel sank in seinen Stuhl zurück, erschöpft von seiner Erzählung. Chandler beobachtete ihn aufmerksam. Der junge Mann hielt die Augen geschlossen. Er schien sich vorsichtig zu entspannen, als wäre nach einer langen Phase quälender Anspannung eine Last von ihm abgefallen.
»Sie sind jetzt in Sicherheit.«
Gabriel schlug die Augen wieder auf. Dann öffnete sich sein Mund. Sein Lächeln war müde und schief, aber eine Reihe perfekter Zähne blitzte auf: gute Gene oder ausgezeichnete kieferorthopädische Arbeit.
»Ich will nur noch nach Hause«, sagte Gabriel.
»Ich dachte, Sie hätten keins?«
»Habe ich auch nicht.«
»Wohin wollen Sie dann?«
»Egal. Hauptsache, weit weg von hier.«
»Zu einer anderen Farm?«
»Nein, das ist für mich gestorben.«
»Ich würde es vorziehen, wenn Sie hier in der Nähe bleiben.«
Gabriels Lächeln verschwand, und er runzelte die Stirn. Offenbar nicht das, was er hatte hören wollen.
»Warum?«
Da Gabriel seine Aussage gemacht hatte, hatte Chandler keinen triftigen Grund mehr, ihn festzuhalten, also musste er einen erfinden.
»Falls wir eine Leiche identifizieren müssen.«
So wie Gabriel ihn daraufhin anstarrte, fragte sich Chandler, ob der junge Mann seinen Vorwand durchschaute. Sein vorher so unsteter Blick wirkte jetzt ruhig und fokussiert.
»Und wo soll ich unterkommen?«
Chandler dachte sofort an die Arrestzellen, aber die würden den verängstigten Gabriel wohl kaum zum Bleiben bewegen. Aber vielleicht die Aussicht auf ein komfortables Zimmer …
»Wir haben ein ausgezeichnetes Hotel in der Stadt.«
Das war leicht übertrieben. Ollie Orlanders Absteige war alles andere als ein Palast, aber für einen Farmarbeiter, der üblicherweise in einem Schlafsaal mit zwanzig Betten nächtigte, könnte es durchaus einen Anschein von Luxus erwecken.
»Okay«, erwiderte Gabriel unverbindlich.
»Wir postieren auch jemanden zu Ihrem Schutz vor dem Hotel.«
Chandler würde Jim darauf ansetzen. Jim wäre sicher begeistert, den ganzen Tag irgendwo zu hocken und sich mit seinen Kreuzworträtseln beschäftigen zu können.
»Gibt es jemanden, den wir anrufen sollen?«, fragte Chandler.
»Nein«, erwiderte Gabriel knapp. Die vertrauensvolle Atmosphäre, die Chandler herzustellen versucht hatte, verflüchtigte sich schlagartig. Familie schien ein empfindliches Thema zu sein.
»Keine Familie?«, hakte Chandler nach.
Gabriel schüttelte nur langsam den Kopf.
»Warum?« Chandler wusste, dass er das Spiel möglicherweise zu weit trieb. Aber die Angewohnheit, Schwachpunkte auszumachen, um sie während der Vernehmung auszuspielen, ließ sich nur schwer abschalten. Manchmal nervte er damit nicht nur andere, sondern auch sich selbst.
Erneut starrte Gabriel ihn an. In seinen Augen war ein wütendes Funkeln, das Chandler auf weiteres Nachbohren verzichten ließ. Der junge Mann hatte heute bereits genug durchgemacht, warum sollte er jetzt auch noch erklären müssen, aus welchen Gründen er keine Familie hatte? Doch schließlich gab Gabriel die Antwort.
»Sie sind tot, Sergeant.«
Er sagte das völlig emotionslos, die ganze nervöse Energie war verbraucht. Nach der hektischen Flucht, dem Rennen um sein Leben, den diversen Verletzungen schien Gabriels Organismus endlich runterzufahren.
»Sergeant«, sagte er langsam, und seine sanfte Stimme verlieh seinen Worten einen merkwürdig warmen Glanz. »Wir haben bei unserer Geburt alle etwas gemeinsam: das Bedürfnis nach elterlicher Fürsorge und nach dem Trost der Religion. Ich wurde von beidem enttäuscht.«
»Was meinen Sie damit?«
Gabriel seufzte und schloss die Augen. »Nichts. Eine Familienangelegenheit. Ich bin müde, wütend, verängstigt. Ich will nur noch schlafen.«
Chandler hätte gerne noch weitere Fragen gestellt, doch Gabriel hing jetzt in seinem Stuhl wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte.
Als er Gabriel zurück ins Büro führte, schwankte der junge Mann, als könnte er sich nur mit Mühe aufrecht halten. Tanya schloss sich ihnen an und signalisierte Chandler mit einem dezenten Nicken, dass sie die Vernehmung erfolgreich aufgezeichnet hatte.
»Was haben wir kleidungstechnisch zu bieten?«, fragte Chandler sie.
»Nicht viel.« Sie wühlte in einem Karton mit alten Klamotten, die selbst der Wohlfahrtsladen nicht mehr an den Mann gebracht hätte. Sie wählte das Beste aus einem jämmerlichen Haufen aus: ein fleckiges, orangefarbenes T-Shirt mit einem kleinen Flammenlogo auf der Brust.
»Wofür soll das gut sein?«, fragte Gabriel, als Chandler es ihm reichte.
»Zum Anziehen.«
»Ich habe selbst eins.« Gabriel blickte an seinem blutbefleckten T-Shirt hinab. »Ich will Ihre Großzügigkeit nicht überstrapazieren.«
»So können Sie nicht durch die Stadt laufen. Sie würden die Leute erschrecken«, erwiderte Chandler, während sie durch den mit einer Sandsteinmauer umgebenen Innenhof des Reviers zu den Streifenwagen gingen.
Gabriel musterte ihn. Etwas von seiner abwehrenden Haltung war verschwunden.
»Ich besitze nicht viel, Sir. Und ich habe nichts davon zu verschenken. Nicht mal dieses Hemd.«
Chandler konnte ihn gut verstehen. Früher als Kind hatte er seine Sachen auch immer entschlossen verteidigt. Einmal hatte er sogar mit seinem ehemals besten Freund Mitchell um einen uralten Fußball gekämpft, der so zerbeult war, dass er über die Straße eierte wie ein Besoffener an einem Samstagabend.
»Das müssen Sie auch nicht. Nehmen Sie das T-Shirt, und ziehen Sie es an. Betrachten Sie es als Geschenk«, erwiderte Chandler.
Gabriel nahm das Shirt entgegen. »Aber zuerst werde ich duschen«, sagte er, als sie den blitzblanken weißen Streifenwagen erreichten.
4
Chandler lenkte den Wagen vom Gelände des Reviers und fuhr in Richtung Innenstadt. Die Nachmittagssonne brannte gnadenlos herab. Sie schien die Insassen des Wagens in ihren eigenen Körperflüssigkeiten garen zu wollen, während sie an ihren schwarzen Kunststoffsitzen festklebten.
Als sie an den kleinen Familienbetrieben und den verlassenen Läden entlang der Hauptstraße vorbeifuhren, spähte Chandler zu seinem Beifahrer hinüber. Gabriel starrte zurück und fläzte sich in seinen Sitz. Seine ganze Körpersprache drückte eine ruhige Gelassenheit aus. Er stand nun offiziell unter Polizeischutz, und Chandler hoffte, dass sie ihn nicht enttäuschen würden.
»Sind Sie sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen?«
»Es sind vermutlich nur Schürfwunden und Prellungen. Dagegen gibt es sowieso kein Mittel. Außerdem erinnert mich der Schmerz daran, wachsam zu bleiben.«
Chandler versuchte es mit einem Lächeln. »So denken Sie nicht mehr, wenn Sie erst mal eine Ex-Frau haben.«
Sein Beifahrer erwiderte das Lächeln knapp. »Wann haben Sie sich getrennt?«
Auch Gabriels Stimme hatte sich entspannt. Alles Schrille darin war dem sanften, einschmeichelnden Timbre eines Late-Night-Radio-DJs gewichen. Eine warme Stimme, die traurige Melodien ansagte, um die Zuhörer damit in den Schlaf zu wiegen. Es war, als säße Chandler mit einer ganz anderen Person im Auto.
Chandler rechnete nach. »Sieben … siebeneinhalb Jahre.«
»Lange Zeit. Vermissen Sie sie?«
»Nicht, seitdem sie gedroht hat, mir meine Kinder wegzunehmen.«
»Oh.« Gabriel fixierte ihn. »Hat sie irgendeinen Grund, Sie Ihnen wegzunehmen?«
Eigentlich kein Thema, über das man mit einem Wildfremden sprach; aber die Stimme war wie eine Schulter zum Ausweinen. Und Chandler war der Anrufer um Mitternacht, der nicht einschlafen konnte und seine Ängste und Nöte beichtete.
»Ich glaube nicht.«
»Wie viele Kinder haben Sie?«
»Zwei. Vielleicht das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.« Chandler lächelte und sah seinen Beifahrer an.
Es ging ihm immer an die Nieren, über Teri zu sprechen. Umso lieber schwärmte er von den Vorzügen seiner Kinder. Es war fast wie ein Ausgleich dafür, dass er nicht so viel von ihnen mitbekam, wie er es sich gewünscht hätte. Der Polizeijob forderte seinen Tribut: viele Überstunden, Nachtschichten, endloser Papierkram und Anwesenheit bei Gerichtsverfahren.
»Wie alt?«
»Sarah ist fast elf, Jasper wird neun.«
»Sarah und Jasper. Nette Namen.«
Chandler bemerkte, dass Gabriel das merkwürdig emotionslos sagte. »Sie haben niemanden? Freundin? Brüder oder Schwestern? Cousins? Onkel oder Tanten?«
Gabriel schüttelte den Kopf. »Nein. Niemanden.« Da war er wieder, dieser harte, abweisende Tonfall von vorhin im Revier.
»Tut mir leid«, sagte Chandler. Ein Leben ohne seine Familie hätte er sich nicht vorstellen können.
Gabriel musterte ihn einige Sekunden lang schweigend. Ein merkwürdig verunsichernder Blick. Als Gabriel schließlich weitersprach, klang er resigniert.
»Ich bin daran gewöhnt.«
»Sie meinten vorhin, dass Familie und Religion Sie im Stich gelassen haben.«
Chandlers Bemerkung hing zwischen ihnen im Raum, während sie an der Statue von Stuart MacAllen vorbeifuhren, einem Schotten, der die Eisenerzvorkommen entdeckt und damit der Stadt neues Leben eingehaucht hatte. Zumindest für ein paar Jahrzehnte. Nun, da die Vorkommen erschöpft und die Minen und Stollen verlassen waren, verzog sich die Jugend langsam in wohlhabendere Gegenden der Erde. Er konnte es den jungen Leuten nicht verübeln. Sie mussten dorthin, wo die Jobs waren. Und hier gab es nur wenige.
Obwohl er Gabriel Zeit ließ, erhielt er keine Antwort. Vielleicht gab es keine, oder er wollte einen alten Familienzwist nicht vor Fremden ausbreiten. Ähnlich wie Chandler seinen bevorstehenden Krieg um das Sorgerecht.
Sie rollten an der orangefarbenen Veranda des Red Inn vorbei. Das Etablissement brüstete sich damit, seit Ende des 19. Jahrhunderts zu bestehen, obwohl es in der Zwischenzeit zweimal umgezogen war, bevor es sich schließlich 1950, als seine Mutter geboren wurde, endgültig an seinem heutigen Standort niedergelassen hatte.
Gabriel unterbrach Chandler in seinen Gedanken. »Also, was passiert als Nächstes?«
»Das übliche Vorgehen.«
»Was heißt das? Es würde mich echt beruhigen, wenn ich das Gefühl hätte, Sie wüssten, was Sie tun.«
»Sie vertrauen uns nicht?«
Gabriels dünnes Lächeln war keine echte Antwort.
»Wir wissen genau, was wir tun, Mr. Johnson. Ich mache diesen Job seit über zehn Jahren.«
»Und mit wie vielen Serienkillern hatten Sie es bereits zu tun?«
Damit sprach er einen heiklen Punkt an.
»Sobald ich Sie im Hotel untergebracht habe, gebe ich eine Meldung raus …«
»Was für eine Meldung?«, unterbrach ihn Gabriel.
»Dass alle ihre Augen nach dem Täter offen halten sollen.«
»Oh.« Gabriel zuckte mit den Achseln. »Das erscheint sinnvoll.«
»Zur Sicherheit wird die Meldung in den gesamten Staat versandt, ins Nordterritorium genau wie in den Süden. Dann organisieren wir eine Suche auf dem Gardner’s Hill, um Heath oder seine Leiche zu finden, und wir lokalisieren diese Gräber. Obwohl ich zugeben muss, dass es angesichts der Größe des Gebietes nicht ganz einfach sein wird, den Mann aufzustöbern. Vor allem, wenn er Erfahrung mit dem Überleben im Outback hat.«
Chandler wandte sich Gabriel zu. Er konnte sehen, dass seine Antwort offenbar eine gewisse Unruhe in seinem Mitfahrer ausgelöst hatte.
»Wir schicken einen Hubschrauber und ein Flugzeug, um die Gegend von oben abzusuchen.«
»So wie bei der Suche nach einer vermissten Person?«
»So in der Art. Außerdem werden wir das Gelände am Boden durchkämmen.«
»Klingt wie die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.«
Chandler zuckte mit den Achseln. »Das ist unsere Stärke, zahlenmäßige Überlegenheit – ein Mann gegen Hunderte.«
»Wie Jesus gegen die Ungläubigen.«
Chandler sah ihn an. »Sie sind also ein religiöser Mensch?«
Gabriel schnaubte leise durch die Nase. »Ich bin gläubig, wenn Sie das meinen. Und Sie?«
»Meine Eltern sind gläubig. Ich trete da wohl in ihre Fußstapfen. Es ist eine gute moralische Grundlage für die Kinder, nehme ich an. Wenn sie älter sind, werden sie in dieser Hinsicht ihre eigenen Entscheidungen treffen. Es ist ja nicht so, als hätte Gott jemanden gezwungen, ihm zu folgen.«
»Nein … wenn das nur seine Anhänger auf Erden auch immer so sehen würden.«
Für Gabriel schien das Gespräch damit beendet. Was aber kein Problem war. Sie waren am Gardner’s Palace angekommen, einem dreistöckigen Gebäude, das wie aus einem einzigen Sandsteinblock gehauen wirkte. Es leuchtete rot, heller als der Staub, der ringsum die Landschaft bedeckte. Der schwarze Teer auf dem Dach war weiß gestrichen, um etwas von der gnadenlosen Sonneneinstrahlung abzuwehren, und die hölzernen Läden vor allen Fenstern sorgten für zusätzlichen Sonnenschutz.
Die schmale Lobby war mit zwei abgewetzten Sesseln ausgestattet. Es war nicht das Ritz, aber ausreichend für die seltenen Gelegenheiten, wenn die Polizei jemanden in der Stadt unterbringen musste.
Der Hoteleigentümer Ollie Orlander, dessen Bauch sich wie überquellende Teigmasse über den Gürtel wölbte, begrüßte sie. Ollie war mehr als zufrieden, diese Art Gäste beherbergen zu können. Die Regierung zahlte pünktlich die Rechnungen, und er konnte ihnen sein teuerstes Zimmer, die sogenannte Präsidentensuite, zum vollen Preis vermieten.
Ollie musterte seinen neuen Gast skeptisch von Kopf bis Fuß, um gleich von Anfang an klarzustellen, wer der Chef des Ladens war. Ein unnötiger Einschüchterungsversuch und sicher auch ein Grund dafür, warum nur wenige Reisende ein zweites Mal hier abstiegen. Nach Chandlers Erfahrung zogen Hotelgäste einen herzlichen Empfang offenkundigem Misstrauen bei Weitem vor.
Ollies stechende Knopfaugen richteten sich auf Chandler. »Er wird ja hoffentlich keinen Schaden anrichten, oder?«
»Er ist kein Krimineller«, erwiderte Chandler.
»Warum kommt er dann mit Ihnen?«
»Er hatte wichtige Informationen für uns. Wir müssen ihn für die Nacht unterbringen.«
»Die übliche Suite?«
Chandler nickte müde. »Die übliche Suite genügt.«
»Ausgezeichnet, Sir.« Das runde Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen. Er watschelte los, um ein paar Dinge vorzubereiten, während Chandler Gabriel nach oben führte.
»Erwarten Sie nicht zu viel«, warnte Chandler.
»Wenn das Zimmer eine Badewanne und ein weiches Bett hat, reicht mir das vollkommen.«
Chandler studierte Gabriels Gesicht. Etwas von der ursprünglichen Unruhe war zurückgekehrt. Sein Blick huschte nervös umher, als ob er hinter jeder Ecke seinen Peiniger Heath erwarten würde.
»Ich postiere einen Beamten draußen.«
»Ich brauche keinen, Sergeant.«
Sie erreichten die Tür der Präsidentensuite.
»Ich bestehe darauf«, entgegnete Chandler. Er war nicht scharf darauf, dass Gabriel zum Opfer seines eigenen Heldenmuts wurde.
5
Constable Jim Fall traf ein, ausgestattet mit seinen Kreuzworträtselheften, und hievte seinen schlaksigen Körper in mehreren Etappen aus dem Streifenwagen; erst das rechte Bein, dann das linke, dann packten seine Hände das Wagendach, bevor er seinen langen Oberkörper hinaus in den Spätnachmittag zog. Wie er die qualvolle Enge in den Minenschächten überlebt hatte, war Chandler ein Rätsel. Obwohl sie nur wenige Jahre nacheinander in den Dienst eingetreten waren, hatte Jim beharrlich jede Beförderung, die über den Rang des Constable hinausging, verweigert. Für ihn war diese Verantwortung völlig ausreichend. Davon abgesehen, war der Mann absolut zuverlässig.
»Worum geht’s?«, fragte Jim und dehnte den letzten Vokal, während er sich seinen widerborstigen grauen Haarbusch kratzte.
»Behalte das Hotel im Auge. Sorge dafür, dass es unserem Gast gut geht.«
»Wird er versuchen abzuhauen?«
»Ich bin mir nicht sicher.«
Gabriel war offenbar wieder so weit bei Kräften, dass er mit dem Gedanken spielte, die Stadt zu verlassen – möglicherweise hatte er deshalb den Polizeischutz zunächst abgelehnt.
