62 - Hans Dekker - E-Book

62 E-Book

Hans Dekker

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Beschreibung

Sie dachten, er sei am Ende ... Eigentlich hat der pensionierte Polizeihauptkommissar Günther Sperl mit dem Leben abgeschlossen. Seinen 62. Geburtstag feiert er resigniert und allein in seiner Kölner Wohnung. Doch als das Geld knapp wird, bietet sich ein ungewöhnlicher Ausweg: Als ›Gentleman-Host‹ soll er auf einem Luxusliner einsame Damen unterhalten. Ein vermeintlicher Traumjob, der zum Albtraum wird, als Sperl mitten in ein tödliches Komplott gerät. Ein gnadenloser Trip durch Europa beginnt. Zwischen aristokratischen Verschwörern und illegalem Waffenhandel holen ihn die Schatten seiner eigenen Vergangenheit ein. In einem Netz aus Verrat werden seine alten Instinkte zur einzigen Überlebenschance. Ein hochbrisanter Polit-Thriller – packend, abgründig und mit einer Prise jenes trockenen Humors, den man nur hat, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.

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Seitenzahl: 704

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Titelblatt

HANS DEKKER62THRILLER

Impressum

»62« © 2025 Hans Dekker, alle Rechte vorbehalten.Umschlaggestaltung und Satz: Perpicx Media Design, www.perpicx.deVeröffentlichung: © 2026 Suspense VerlagInhaber: Jens Peter ConradiHöhenstraße 18, D-61267 Neu-AnspachE-Mail: [email protected]

chaptune

chaptune – Die musikalische Begleitungzum Buch!Hier geht es direkt zum Hörerlebnis:chaptune.de/U3WMZEF4C

Widmung

Für Heike

1. Und wenn ich nicht gestorben bin …

In der kleinen, schmuddeligen Küche brannte schwaches Licht. Abwasch türmte sich auf der Spüle, und zwei verdreckte Pfannen leisteten einem Dutzend schmutziger Teller und Tassen Gesellschaft. Ein Eierbecher war voller Zigarettenkippen. Im Schrank wartete kein Geschirr mehr.

Sperl kauerte gelangweilt auf einem Stuhl am Tischende und starrte mit leeren Augen auf ein Marzipanbrot, das auf einer Untertasse vor ihm auf dem Tisch lag. Darin steckte eine kleine, brennende Tortenkerze. Sein verlotterter Bademantel kratzte auf der alten Haut, und er fröstelte ein wenig. Die Heizung war seit den frühen Morgenstunden wieder einmal ausgefallen. Die Hausverwaltung hatte für die kommenden Tage Handwerker angekündigt, ohne den konkreten Termin zu benennen. Draußen auf der Straße riss eine Firma mit ohrenbetäubendem Lärm die Gehwege auf.

Sperl hatte nicht gefragt warum und vermutete irgendetwas mit Glasfasern.

Er feierte seinen 62. Geburtstag, mutterseelenallein, und nur ein alter Gummibaum leistete ihm Gesellschaft. In der Zwei-Zimmer-Wohnung gab Johnny Cash aus kleinen Lautsprechern mit ›Hurt‹ sein Bestes. Immer und immer wieder säuselte er seinen Song in Sperls Küche, während das Geburtstagskind mit dem Zeigefinger die Flamme der armseligen Geburtstagskerze kreuzte. Es gab schon bessere Geburtstagsfeiern für Sperl, verdammt noch mal, viel bessere.

Zwischendurch las er immer wieder den Text der Entlassungsurkunde, die ihm am Morgen postalisch per Einschreiben zugestellt worden war. Vom Kölner Polizeipräsidium hatte sich zu seiner Pensionierung niemand persönlich gemeldet. Er war wütend, hielt aber seine Emotionen im Zaum.

Ein Wunder, dass das Präsidium überhaupt daran gedacht hat.

Polizeihauptkommissar Sperl war seit Monaten im Krankenstand. Depressionen laut Attest, und sein Hausarzt hatte ihm zu einer Kur geraten. Womöglich hätte er hierbei in einem abgelegenen Eifel-Kloster mit anderen Leidensgenossen flauschige Stofftiere hin und her geworfen, und nach endlosen Therapiesitzungen wären die überforderten Therapeuten zu dem Ergebnis gekommen, dass er ein Misanthrop sei. Darauf hatte Sperl keinen Bock.

Auf seiner ehemaligen Dienststelle war er nicht mehr vermisst worden. Der Übergang zur Pension war demnach fließend. Von einem persönlichen Grußwort des Polizeipräsidenten ganz zu schweigen. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage zu beschäftigt, hieß es lapidar. Der Christopher Street Day stand an. Das hatte höhere Priorität, belehrte ihn ein knappes Begleitschreiben der Vorzimmerkraft aus dem Präsidium. Das geheuchelte Bedauern überlas er. Sechsundvierzig Jahre treu Dienst geleistet, und jetzt schickten sie ihm dieses Teil mit der Post.

»Leckt mich!«, zitierte er frei nach Götz von Berlichingen und goss sich einen lauwarmen Jägermeister ein.

Das Eisfach seines Kühlschranks war seit Wochen defekt, demnach musste die Jäger-Droge handwarm in seinen Magen.

»Wenigstens hab ich die Kohle für einen Ausstand gespart«, brummte er, ohne dass dies seine Stimmung spürbar aufgeheitert hätte.

Als Cash zum x-ten Mal sein ›Hurt‹ spielte, griff Sperl zu einem vergilbten Fotoalbum, während er den Refrain ›What have I become, my sweetest friend‹ summte.

Der ›süßeste Freund‹ war Cashs Metapher für den Tod. Das hatte Sperl im Internet nachgelesen. Er dachte zuletzt häufig an den Tod. Insbesondere, wenn er wieder einmal nach einer durchzechten Nacht verkatert aufgewacht war und die Stiche in seiner Brust nicht mehr ignorieren konnte, spürte er, wie der Sensenmann beide Hände nach ihm ausstreckte. Das letzte Mal war gerade einmal drei Tage her, nach der Beerdigung eines ehemaligen Kollegen. In dieser melancholischen Stimmung war es wieder einmal Zeit für einen Blick ins Familienalbum. Gut aussehende Frau, Sandkastenliebe, zwei tolle Kinder, Tochter und Sohn, Italienurlaube, Kommunion, das erste Mofa des Juniors, Silberhochzeit und so weiter.

Im Verlauf seiner Ehe gab es immer mal Schwierigkeiten, eigentlich nur Banalitäten, nichts Erschütterndes. Geldsorgen, die üblichen Eifersüchteleien, abnehmende Wahrnehmung und Wertschätzung, wie überall. Am Ende war die Liebe aber erloschen. Sperls Ehefrau gestand ihm eine Affäre mit einem jüngeren Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando aus dem Polizeipräsidium. Das hätte er nie erwartet. Er selbst hatte während der langen Ehe unzählige Affären, die unbemerkt geblieben waren. Lisa war aber tatsächlich die Liebe seines Lebens.

Seine Kinder gingen eigene Wege. Ein Aschehaufen ausgeglühter Leidenschaft. Aus, vorbei! Gefühlte einhundert Jahre Ehe mit allen Höhen und Tiefen nahmen unweigerlich ihr Ende. Als Lisa ihrem Sperl weiland mit kalter Mimik das Aus erklärte, nahm er dies stoisch hin, ohne einen Versuch zu unternehmen, sie umzustimmen. Kurz darauf wurde das mühsam finanzierte Reihenhaus verkauft und die Restschulden aus dem Erlös getilgt, Lisa ausgezahlt und wenig später bezog Sperl diese Zwei-Zimmer-Wohnung im Kölner Stadtteil Zollstock.

Er befand sich wieder am Anfang, als er vor über vierzig Jahren als junger Polizeihauptwachtmeister in die kleine miese Wohnung im Kölner Stadtteil Sülz gezogen war. Was blieb jetzt von seiner Lebensleistung? Der städtische Kölner Friedhof lag in der Nähe. Sperl schaute in den Abgrund. Die Nachbarschaft in seinem neuen Umfeld war heruntergekommen, aber das störte ihn bald nicht mehr. Im Grunde genommen war er dies auch. Überdies rief seit Kurzem ein Muezzin von einer nahe gelegenen Moschee die islamischen Gläubigen zum Freitagsgebet zusammen. Ganz in der Nähe seiner Wohnung befand sich auch ein städtisch betriebenes Hospiz.

»Habe ich später nicht weit zu laufen«, scherzte er bei gelegentlichen Telefonaten mit seinen Kindern.

Die fanden das nicht besonders lustig. Vorschläge zu Alternativen blieben aber aus. Der Messenger-Dienst auf seinem Smartphone war ihm immer noch nicht geheuer.

»Teufelswerk, versteht kein Mensch«, maulte er, und es fehlte die Motivation, sich damit vertraut zu machen.

Es war ruhig geworden um den ehemaligen Polizeihauptkommissar in dieser heruntergekommenen, spärlich möblierten Zwei-Zimmer-Wohnung. Keine Kritik mehr wegen mangelnder Aufmerksamkeit, keine Nörgelei wegen jeder Kleinigkeit, aber auch keine Vertrautheit und menschliche Wärme mehr. Sperl musste sich neu orientieren. Er konnte jetzt Fußballspiele im TV ungestört ansehen und nach Herzenslust pöbeln. Über Unterhaltungssendungen bei den Privatsendern regte er sich jetzt alleine auf.

Warum töten Serienkiller immer nur Unschuldige und kümmern sich nicht um diese talentfreien Fernsehunterhalter oder dümmlichen Talkmaster?

Einen Hund wollte Sperl nicht. Zu viel Arbeit, und das Gesabber widerte ihn an. Die letzten Dienstjahre verrichtete er missmutig als Kontaktbeamter in der Kölner Südstadt Dienst. Schlecht bezahltes Spazierengehen nannte er es. Den Wechsel zur Kripo hatte er irgendwann einmal verpasst. Eigentlich sah er sich immer noch als Schutzmann, wenngleich es zu einer gefühlten Degradierung der dienstlichen Anerkennung führte. Bei »Aktenzeichen XY« trugen nur Kripobeamte ihre Fälle vor. Die Arbeit der Schutzpolizei interessierte keinen Menschen. Viele seiner alten Schutzmann-Kollegen, harte und erfahrene Jungs mit der Überzeugung, dass der Schutzmann das Maß aller Dinge sei, wurden in Außenbereiche von Köln entsorgt. Dort dämmerten sie als Polizei-Kasper ihrer Pensionierung entgegen, gefühlt eine Stufe höher als Schülerlotsen. Zumindest ermöglichten die täglichen Streifengänge Rabatte auf den Wochenmärkten, in Bäckereien und diversen Getränkemärkten. Espressi und Kaffee musste er in vielen Bistros nie bezahlen.

Die Inhaber waren froh, wenn Sperl dort regelmäßig uniformiert seine Runden drehte, weil es immer häufiger Ärger gab. Einen Arabischkurs, dienstzeitbegleitend, hatte er abgelehnt. Zu große Mühe. Der Türkischkurs war permanent ausgebucht. Zuweilen war Sperl auch als Fahrradstreife unterwegs, was seinen Einsatzradius aber nicht wesentlich erweiterte. Neue, dienstliche E-Bikes hatten nur eine Handvoll anderer Bezirksdienst-Kollegen; Sperl natürlich nicht.

›Toleranz ist, wenn man sich nicht über Vorgänge aufregt, die man ohnehin nicht ändern kann‹ wurde zu seinem Mantra.

Er war bis zuletzt der klassische Kölsche Schutzmann an der Ecke und lebte das konsequenterweise aus. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Substanzielles im Sinne notwendiger Strafverfolgung, Kriminalitätsbekämpfung, Vollzug von Haftbefehlen oder dem Schreiben von Knöllchen leistete er nicht mehr. Weil er zwei Jahre vor seiner Pensionierung nicht mehr dienstlich beurteilt werden musste, war es ihm auch völlig egal. In seiner Stammkneipe war Sperl noch beliebt, selbst wenn die Hälfte der Saufkumpanen einen Haftbefehl fürchten musste, Diebesgut verscherbelte oder einfach nur über die blöden Bullen lästerte. Wenn er betrunken in Uniform nach Hause fuhr, musste er die Kollegen nicht fürchten. Krähen und Augen.

»Betrunken fahr ich eh am besten«, lachte Sperl häufig im Scherz.

In seiner neuen Umgebung kannte er indes niemanden, und den Kontakt zu alten Freunden und Bekannten hatte er mit der Zeit bis auf wenige Ausnahmen nahezu eingestellt. Es blieben nur eine Handvoll ehemaliger Kegelkollegen und Kumpel Nauen. Gelegentlich hatte er überlegt, sich der Boule-Truppe anzuschließen, die zweimal die Woche hinter einem Kinderspielplatz in seiner Nachbarschaft zusammenkam und stundenlang die Bocciakugeln wie wild nach diesem kleinen Gummiball warf. Die Typen waren aber mindestens so alt wie Kanzler Adenauer und tranken nur heißen Kamillentee aus Thermoskannen. Das war nicht seine Liga.

Was also sollte er mit seinen Tagen anfangen? Münzen oder Briefmarken sammeln, Rosen in einem Kleingarten züchten? Ein Theater-Abo? Im Kölner Grüngürtel in der Sonne dösen und attraktiven Frauen bei ihrem Spaziergang hinterhersehen? Nichts von dem riss ihn auch nur ansatzweise vom Hocker. Seine Tristesse konnte Sperl überwiegend nur mithilfe harter Schnäpse erträglicher machen, und immer häufiger bestand sein Frühstück aus russischem Wodka mit Rinderkraftbrühe.

Nachmittags schien zuweilen für ein knappes Stündchen die Sonne durch das vergilbte Fenster. An der Wand hinter der Couch hing ein altes Foto seiner verstorbenen Eltern, in der kleinen Küche eines seiner Kinder, ohne Ehefrau. Wenigstens wohnte er nicht auf der anderen Rheinseite. Von Fairness im Leben hatte sich Sperl verabschiedet. Er war nicht mehr fit und gesundheitlich spürbar angeschlagen. Er fühlte sich kraftlos. Seit Wochen schlief er schlecht, und seine Tage begannen oft mit heftigen Wadenkrämpfen. Überdies hatten Kölner Kardiologen in den letzten Jahren vier Stents in seine Arterien gepumpt. Sperl war schon lange nicht mehr im Spiel.

Als Johnny Cash wieder von vorne begann, dröhnte Sperls Smartphone. Eine SMS seiner Tochter, Psychologin in einer Gemeinschaftspraxis in Köln.

›Sorry Dad.‹

Kurz regte er sich über dieses alberne ›Dad‹ auf.

›Alles Gute zum Geburtstag. Melde mich die Tage. Feiere schön! Liebe dich!‹ schob sie ein paar nette Zeilen hinterher.

Wenigstens hat sie ihn nicht vergessen, beruhigte er sich. Dad? Sperl grummelte. Kann die nicht Vati, Papa oder gerne auch Paps schreiben, wie zu ihrer Schulzeit? Das hörte sich so bescheuert amerikanisch an, ärgerte er sich noch länger.

Er zählte seine Tochter zum Lager der Ex-Ehefrau. Sein Sohn hatte sich noch nicht gemeldet. Der war als Bundeswehr-Offizier auf einer Auslandsmission. Friedenssicherung oder irgendwas in dieser Art. Auch deshalb war Sperl stolz auf seinen Filius.

Vermutlich liegt es an der schlechten Verbindung nach Deutschland, redete er sich ein.

Geburtstagsgrüße seiner Ex-Frau erwartete er nicht. Sperl blätterte weiter gedankenverloren in dem vergilbten Familienalbum und konnte Anflüge von Sentimentalität nur mit Mühe unterdrücken. Vielleicht sollte er seinen Nachbarn auf einen Drink einladen? Der war offenbar auch alleinstehend, dem Aussehen nach gleichaltrig und wäre einem Alk-Booster gewiss nicht abgeneigt gewesen. Bei den flüchtigen Begegnungen im Hausflur grüßte er stets freundlich mit einem seltsamen Flöten in der Stimme. Sein bizarres Grinsen bereitete Sperl allerdings etwas Unbehagen. Der Kerl erinnerte Sperl an diesen Serienkiller Jeffrey Dahmer, und er wollte keinen Blick in des Nachbars Tiefkühltruhe werfen.

Am Ende beschloss das Geburtstagskind, seinen Ehrentag alleine zu beenden, und schwor wieder einmal, am nächsten Tag sein Leben zu ändern. Die städtische Müllabfuhr auf der Straße riss Sperl am nächsten Morgen aus den Träumen. Schlaftrunken griff er zu einer Flasche Mineralwasser neben dem Nachttisch, trank einen großen Schluck und erhob sich mühsam aus seinem Bett. Arme, Beine und sein Rücken waren steif und schmerzten.

»Von Doppelverglasung haben die in diesem Scheiß-Mietshaus auch noch nichts gehört«, grummelnd trottete er in das kleine Bad.

Er ließ minutenlang eiskaltes Wasser über die Stirn laufen. Als er wieder aufrecht vor dem Spiegel stand, kniff er ein Auge zu und betrachtete sich mit dem anderen.

»Immerhin lebst du noch«, murmelte er und schnitt Grimassen wie ein Fünfjähriger. »Was ist nur aus dir geworden? Soll das jetzt schon alles gewesen sein?«

Er erinnerte sich an den Spruch eines verstorbenen Onkels, wonach Selbstgespräche ein Dialog mit Engeln seien. Weit gefehlt. Nachdem er eine Ibuprofen 600 eingeworfen hatte, stieg er in die Dusche und sang ein paar Songs von Johnny Cash. Als er aus der Duschkabine gestolpert war, kehrten einige Lebensgeister zurück. Ihm war nur noch etwas schwindelig. Auf eine Rasur verzichtete er. Neue Rasierklingen lagen noch im REWE-Markt in der Vorgebirgsstraße. Außerdem gefielen ihm seine Bartstoppeln. Während er vor dem Spiegel noch die Nasenhaare herausfräste, zog er weiter lustige Grimassen und sortierte seine Gedanken, wie er den angebrochenen Tag totschlagen konnte.

Nachdem er in seine Klamotten geschlüpft war, goss er den Gummibaum in der Küche, steckte ein paar Euro ein und verließ nach einem hastigen Kaffee seine Wohnung. Gegenüber der Mietskaserne war eine Bäckerei mit angeschlossenem Frühstücksbistro. Der Vormittag war kühl und verhangen, vereinzelt fielen ein paar Regentropfen. Er überquerte die Straße bei Rotlicht an einer Fußgängerampel und wäre fast von einem DHL-Boten angefahren worden, der nur mit Mühe ausweichen konnte. Der Fahrer stoppte kurz, rief etwas Unflätiges zu Sperl herüber und raste davon.

»Arschloch, komm zurück! Kriegst was auf die Fresse«, brauste Sperl kurz, aber heftig auf und grüßte mit dem Mittelfinger seiner rechten Hand zurück.

Sogleich betrat er die Bäckerei. Seit Wochen interessierte ihn eine Verkäuferin, ungefähr Mitte fünfzig, weizenblond, genau sein Geschmack. Sie war immer gut gelaunt. Ihm gefiel besonders ihre süße kleine Nase, und ihre Fingernägel waren in verführerischem Rot lackiert. Sperl stand schon immer auf rot lackierte Fingernägel. Sie erinnerte ihn an Yvette Mimieux aus dem Film »Die Zeitmaschine« mit Rod Taylor, einem von Sperls Lieblingsfilmen. Einen Ehering trug sie nicht.

Geschieden oder Witwe?, spekulierte er, während er ein Frühstück bestellte. Vielleicht auch beides.

Witwe wäre ihm im Grunde genommen lieber gewesen. Möglicherweise hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht oder ein Einfamilienhaus abbezahlt. Geschiedene Frauen haben keine Kohle, und auf ständige Sparsamkeit hatte Sperl einfach keinen Bock mehr. Noch war es aber nicht so weit. Bevor er das Frühstücksangebot, bestehend aus einem hart gekochten Ei, einer Tasse Filterkaffee und Mehrkornbrötchen mit gekochtem Schinken zum Super-Sparpreis von 2,80 Euro serviert bekam, wurde er auf einen übellaunigen, kleinwüchsigen Mann aufmerksam, der unmittelbar nach Betreten des Bistros die liebenswürdige Kellnerin in einer Art und Weise anraunzte, dass Handlungsbedarf geboten schien. Er durfte kaum älter als Sperl gewesen sein. Als der Rüpel-Senior die freundliche Frage der netten Kellnerin: »Ob er einen Löffel zum Kaffee wünschte?«, krakeelend mit: »Eh, klar, Löffel!«, quittierte und sie nicht sofort reagierte, legte der Kerl nach.

»Eh, bist du taub oder watt! Watt is mit dem Löffel? Tue watt für dein Geld!«

Es war Zeit für Sperl, sich einzumischen. Er erhob sich schweigsam von seinem kleinen Ecktisch und schlenderte lässig zu diesem Kerl herüber. Angekommen hielt er kurz inne und verzog hochmütig die Augenbrauen. Sperl steckte den Mittelfinger seiner rechten Hand in den Kaffee des Randale-Rentners, ohne den Blick von ihm zu lassen. Mit stoischer Ruhe begann Sperl, den Kaffee mit seinem Mittelfinger umzurühren. Unbeeindruckt von dessen stummer Fassungslosigkeit forderte er ihn mit aufdringlicher Gelassenheit auf:

»Du stehst jetzt auf, gehst rüber und entschuldigst dich!«

Für Augenblicke war es totenstill im Bistro. Man hörte nur das leichte Gurgeln der Kaffeemaschine. Der Pöbel-Rentner erhob sich Augenblicke später schweigend mit herunterhängenden Schultern von seinem Sitzplatz, ging zur Theke und entschuldigte sich für jedermann wahrnehmbar bei ihr. Zugleich zahlte er seinen Kaffee und gewährte ein großzügiges Trinkgeld. Sperl blieb noch auf dessen Platz sitzen und nahm die Körperhaltung eines vierhundert Kilogramm schweren Gorillas ein.

»Ihr Frühstück geht auf mich«, flüsterte die Verkäuferin, als der Rüpel-Opa die Bäckerei verlassen hatte, und zwinkerte Sperl neckisch zu.

Für einen Moment überlegte er, sie nach ihrer Arbeit auf ein Bier einzuladen, fand aber nicht den Mut.

Alles braucht seine Zeit, redete er sich ein.

Diese Heldentat sollte erst mal bei ihr wirken. Zumindest war ein Anfang gemacht.

Vielleicht baggere ich sie in den nächsten zwei bis drei Wochen an, überlegte er und spürte die Flügelschläge von einem kleinen Schmetterling in seinem Bauch.

»Ich bin die Eva«, verabschiedete sie ihn lächelnd, als er das Bistro verließ.

So lächelt keine Witwe, eher geschieden. Aus dem Paradies würde er sich mit ihr jederzeit vertreiben lassen, auch wenn er keine Äpfel und Schlangen mochte.

Nach der oberflächlichen Zeitungslektüre in seiner Küche – Bayern München hatte wieder mit dem üblichen Dusel gewonnen und Schalke 04 zum dritten Mal in einem Jahr den Trainer entlassen – überlegte er noch kurz, an Preisausschreiben diverser Discounter teilzunehmen. Die Werbeflyer türmten sich auf seinem Küchentisch. Mit den möglichen Preisen konnte Sperl überhaupt nichts anfangen. Elektrische Gasgrills, ein Rasenmäher-Roboter, ein romantisches Wochenende zu zweit an der Mosel und ein Benzingutschein für ein Jahr gab es zu gewinnen. Lösungswörter waren: ›Playboy‹, ›Pusteblume‹, ›Fußballspiel‹ und‹ Suppenkasper‹.

Sperl warf die Zettel mit den Lösungen in den Mülleimer und gönnte sich erst einmal einen ordentlichen Mittagsschlaf.

2. Kein Tag ist wie der andere

Ein Anruf riss ihn jäh aus den Träumen.

»Eh, alter Knabe«, dröhnte es aus dem Smartphone. »Happy Birthday to you! Alles Gute zum Geburtstag.«

»Nauen?«, fragte Sperl mürrisch und verschlafen.

»Bingo, noch nicht völlig dement. Du erkennst noch deine Anrufer. Glückwunsch!«, lachte es in Sperls Ohr.

Im Gegensatz zu Sperl war sein Kumpel bemerkenswert gut gelaunt.

»Bingo, Bingo, alter Sack, was machst du heute Abend?«

»Weiß noch nicht. Vielleicht mal so richtig besaufen! Was auch sonst«, gab Sperl spöttisch zurück.

»Geht klar, bin dabei. Bin auch nicht davon ausgegangen, dass du ein Museum oder die Oper besuchst«, lachte Nauen wieder. »Wie früher? Findest du mit deinem alten Kopf noch unsere Kneipe?«, feixte er. »Die senilen Jungs haben heute wieder ihren Kegelabend. Hast du das vergessen? Ein paar Pensionäre sind wie immer auch dabei. Lass uns noch mal die Sau rauslassen! So jung kommen wir nie wieder zusammen«, und sang dazu ›Echte Fründe ston tesamme‹ im unverwechselbaren Kölner Dialekt.

»Geht klar«, stimmte Sperl zu, nachdem er kurz gezögert hatte. »Meine Abos für das Römisch-Germanische Museum und die Oper sind ohnehin abgelaufen«, konterte er jetzt ein wenig besser gelaunt. »Bin gegen sieben da und du zahlst!«

Ein Date mit Eva aus dem Bistro war erst einmal aus dem Kopf.

»Bis gleich, freue mich.«

Nauen legte grußlos auf. Dass er seinen Geburtstag nicht vergessen hatte, hellte Sperls Laune ein wenig auf. Mit ihm war er über zwanzig Jahre Streife gefahren. Die beiden hatten alles erlebt, was ein Polizistenleben in dieser Zeit bieten konnte. Sperl schätzte wenige Ex-Kollegen, aber Nauen mochte er. Er war der geborene Lokalpatriot, immer bereit, eine Lanze für die kölsche Mentalität zu brechen. Er war ihm stets ein Freund und Vertrauter gewesen. Unzählige Schlägereien, vereinzelte Schusswaffengebräuche, gebrochene Knochen, Unfälle bei Blaulichtfahrten, Verfahren wegen Körperverletzung im Amt, Freiheitsberaubungen, Nötigungen, und, und, und.

Als sich Nauen vor Jahren aus dem aktiven Polizeidienst verabschiedet und den Job als Einstellungsberater angetreten hatte, verloren sie sich allerdings aus den Augen.

Einstellungsberater ist was für Weicheier, lästerte Sperl damals, und dieses Weichei war jetzt der Einzige, der ihm persönlich zum Geburtstag gratulierte.

Drei Stunden später stand er vor dem ›Weißen Horn‹, einer typischen kölschen Kneipe nahe dem Chlodwigplatz. Hier war er schon lange nicht mehr gewesen, und im Schankraum fiel ihm auf, dass sich seither auch nicht viel verändert hatte. Selbst das vergilbte Poster an der Tür zur Herrentoilette, auf dem eine Ente abgebildet war, die mit weit geöffnetem Schnabel einem nackten Pinocchio nachstellte, hing noch dort. Der typisch säuerliche Kneipendunst fing ihn sofort wieder ein. Kneipier Willi brauchte ein paar Minuten, bis er sich an Sperl erinnern konnte. Sein fettes Kinn fiel in Falten über den Kragen seines weißen Wollpullovers, der sich über seinen Bauch spannte.

»Sperl?«, überlegte er und musterte ihn mit fragendem Stirnrunzeln. »Mein Gott, Sperl, das ist ja ewig her. Bist du noch Bulle oder schon in Rente, alter Knabe? Schön, dich wiederzusehen.«

»Pension!«, räusperte Sperl knapp im Stakkato, aber immerhin freundlich. »Wurde auch langsam Zeit.«

Er schaute sich in der Kneipe um.

»Wie früher?«, glotzte Willi amüsiert und spülte Biergläser.

»Was sonst, alter Gauner, es ist nach vier Uhr«, und wenige Augenblicke später langweilten sich ein großes Pils und ein weißer Korn vor ihm auf dem Tresen.

Nauen und die Kegelbrüder waren noch nicht eingetroffen. Der Geldspielautomat »Joker« neben der Theke leuchtete wie immer verlockend.

»Wie geht’s dir, alter Junge?«, erkundigte sich Willi, während er wie ein humanoider Roboter unentwegt Bier zapfte.

Sperl antwortete zunächst nicht und überlegte, aus Langeweile ein paar Euro in den Geldspielautomaten zu werfen.

»Ich hatte hier ganz andere Probleme«, fuhr Willi trocken fort, und Sperl sendete nonverbal zurück, dass es ihn vielleicht interessieren könnte. Ihm war langweilig.

»Also«, erklärte Willi. »Hatte ’ne tote Ratte in der Klimaanlage. Der Schwanz hing aus der Lüftung raus und war einen halben Meter lang.«

Sperl langweilte die Rattenstory, aber er hörte weiter geduldig zu. Willi belohnte diese Aufmerksamkeit mit einem weiteren Gedeck auf Kosten des Hauses.

»Hatten Mehl ausgestreut, und den Spuren nach zu urteilen, musste noch ein Vieh in der Küche unterwegs sein.«

Sperl klopfte mit dem Zeigefinger leicht auf die Theke, ein verstecktes Signal an Willi, sich kurzzufassen. Der blieb unbeeindruckt.

»Herkömmliche Rattenfallen und Gift halfen nicht.«

Sperl durchsuchte zwischenzeitlich seine Hosentaschen nach Kleingeld für den Geldspielautomaten. Willi stieß mit Sperl an.

»Prost, alter Junge! Trinke zwar seit zwei Jahren keinen Schnaps mehr, aber bei dir mache ich eine Ausnahme. Siehst gut aus …«

Sperl nickte, kaufte Willi die zweijährige Schnapsabstinenz aber nicht ab. Nachdem der weitere zehn Bier gezapft hatte, fuhr er fort.

»Mein Schwiegersohn bastelte eine Metallplatte mit Speck an einem Kupferstift und schloss es am Strom an.«

Sperl schaute ihn jetzt interessierter an, sagte aber immer noch nichts.

»Damit hatte dieses Mistvieh nicht gerechnet. Satte 220 Volt schossen durch den verseuchten Rattenpelz«, und mit der letzten Silbe schlug er mit seiner Faust so heftig auf die Theke, als hätte er soeben Wimbledon gewonnen.

Sperl nickte anerkennend, kommentierte es aber nicht.

»Ich könnte auch tot sein«, grunzte er und nahm den nächsten weißen Korn auf ex. »Hab wohl noch ein paar Tage. Was macht deine Kneipe sonst? Hat sich ja nicht viel verändert.«

Die Schnäpse machten ihn allmählich weicher.

»Na, na, na, alter Junge. Es kommen wieder bessere Zeiten. Freu dich, dass du die Pension gepackt hast und kein kleiner Zettel an deinem dicken Zeh angebunden ist. Ruhestand könnte ich mir nicht leisten«, übertrieb er verschmitzt lächelnd. »Das könnt nur ihr Bullen.«

Sperl schüttelte den Kopf und hob die Augenbrauen.

»Schauspieler! Du schwimmst doch im Geld. Würde gerne einmal deine goldenen Wasserhähne im Bad sehen«, frotzelte er und pfiff durch die Zähne. »Du scheißt doch das ganze Veedel mit Hunderter-Scheinen zu.«

Willi lächelte plump, als fühlte er sich ertappt.

»Reisen, ausschlafen, kein Scheiß-Dienst mehr. Dein Leben erfindet sich wieder neu. Mach watt draus!«, kam heiter vom Wirt.

Sperl blickte ihn mürrisch mit seinen hellblauen Augen an.

»Wusste gar nicht, dass du zwischendurch zum Lebensberater umgeschult hast«, zischte er und schüttete ein weiteres Bier ex hinunter.

Augenblicke später spürte er, wie der Alkohol seine Gelassenheit aus dem Dornröschenschlaf aufweckte. Es ging ihm jetzt deutlich besser.

»Ach komm, alter Bulle«, lachte Willi schallend nach einer kleinen Pause. »Das nächste Gedeck geht auch auf mich. Freu dich, dass du wieder in meiner Kneipe bist«, und stellte Sperl sogleich eine neue Pils-Korn-Einheit auf die Theke, ohne Striche auf seinen Deckel zu kritzeln.

Sperl lächelte zum ersten Mal.

»Na dann …«, nuschelte er, verstummte und blickte gedankenverloren durch den dicht verqualmten Schankraum.

Bei Willi durfte noch geraucht werden. Ausnahmegenehmigung.

»Deine alten Kumpels müssten auch bald hier sein. Verstehe gar nicht, wo die bleiben. Die sind aber alle ruhiger geworden. Sind ja auch schon ein paar Greise dabei. Wenn ich an früher denke. Mein lieber Scholli«, schwelgte er mit langanhaltendem Grinsen in Erinnerungen.

Sperl schaute sich weiter gelangweilt in der Kneipe um und beobachtete die anderen Gäste. Nauen erschien verspätet mit drei ehemaligen Kollegen in der Kneipe. Zu den Begrüßungsritualen zählten ein breites Grinsen, Schulterklopfer und ein blöder Spruch, überwiegend sexistisch. Hierauf folgte das übliche Warm-up-Gedeck, ex und hopp, und der Ortswechsel auf die Kegelbahn. Nach und nach trafen die anderen Kegler ein, und der feuchtfröhliche Abend konnte endlich beginnen. Aus den Lautsprechern dröhnte Westernhagen mit seinem Song ›Der Junge auf dem weißen Pferd‹.

Sperl musste grinsen. Er liebte diesen Song. Wie immer brodelte die Gerüchteküche; wirre Verschwörungstheorien und belanglose Neuigkeiten wurden ausgetauscht, während Sperl mit einem lauten Knall zum ersten Mal alle neun Kegel abräumte. Viele waren mittlerweile ebenfalls pensioniert oder konnten die Tage bis zu ihrem Ruhestand an fünf Fingern abzählen. Je mehr Alkohol floss, desto offenherziger wurden die Themen: Prostatabeschwerden, künstliche Hüftgelenke, diverse Knoten an nicht einsehbaren Körperteilen, Haarausfall, Blut im Urin, Potenzprobleme, Ärger mit den erwachsenen Kindern, nachlassende Libido, Testosteronschwund und obendrein natürlich die ständigen Geldprobleme.

Finanzielle Probleme trieben alle um. Jahrzehntelang hatten sie für Recht und Ordnung ihre Knochen hingehalten, um im Ruhestand festzustellen, dass es mit ihrer Pension vorne und hinten nicht reichen würde. Was half es, wenn man nach dreißig Jahren mietfrei wohnen konnte, aber für fünfstellige Eurobeträge die umweltschädliche Ölheizung ausgetauscht werden musste. Wärmepumpen waren der aktuelle Investitionshorror, wenngleich niemand so recht das Prinzip verstanden hatte. So verdiente sich der ehemalige Fachlehrer für Verkehrsrecht, Zorck, ein Zubrot, indem er bei einem Lebensmitteldiscounter Einkaufswagen zusammenschob oder älteren Damen die Einkaufstüten zu ihren Fahrzeugen schleppte. Polizeihauptmeister a. D. Harald Möller kratzte als Aufsicht in einem billigen Spielcasino ein paar Euro zusammen. Andere Pensionäre verzweifelten neben finanziellen und gesundheitlichen Problemen vor allen Dingen an dem Stumpfsinn des Ruhestandes; quälende Langeweile. Für ehrenamtliche Tätigkeiten fehlte die soziale Kompetenz. Polizisten sind in der Mehrzahl Misanthropen. Alternativen wie Karnevalsvereine oder Angelclubs kamen selten infrage, da Humor und Geduld nicht besonders ausgeprägt waren. Im Verlaufe dieses Abends breitete sich demnach eine düstere Stimmung aus. Vorbei waren die Zeiten, als mit Trinkspielen ausgelassen gefeiert und mit Freundinnen auf den Tischen getanzt wurde. Gelegentlich hatten auch Joints die Runde gemacht, um das grau verdrossene Ambiente von Willis Kegelbahn mit anderer Wahrnehmung zu erleben. Insbesondere Sperls Kumpel Nauen, mit Leib und Seele Polizist, schien wegen der bevorstehenden Pensionierung besorgt. Mittellos, auf finanzielle Unterstützung sozialer Strukturen angewiesen? Nicht mit ihm. Aber was tun?

Heimlich studierte er bereits Stellenanzeigen für Nebentätigkeiten in den Zeitungen. Zwei Vorstellungstermine bei einer Vermittlungsfirma verliefen allerdings ernüchternd. Die Polizeikegler kamen zu der Erkenntnis, dass bürgerliche Werte heutzutage nur noch den Rang von Geschmacksfragen hatten, und schimpften schließlich auf alles und jedermann. Dies trug nicht unbedingt zur Stimmung bei Sperl bei. Kurz vor Mitternacht hatten sich die Reihen auf der Kegelbahn deutlich gelichtet. Ein paar Pensionäre ließen sich von ihren übermüdeten Ehefrauen abholen. Andere zogen weiter in die Altstadt oder verabredeten sich mit ihren Liebschaften, die auch in die Jahre gekommen waren.

Sperl und Nauen blieben wie gewöhnlich länger und hockten nach dem Kegeln an der Theke im Schrankraum.

»Wir sollten dringend etwas ändern«, lallte Nauen, ohne Sperl anzusehen. »So kann es nicht weitergehen. Uns läuft allmählich die Zeit davon. Schau dir die Kollegen an! Eines Tages ergeht es uns wie ihnen.«

Sperl fingerte ein paar trockene Nüsse aus der Schale vor ihm. Er hatte nicht zugehört.

»Jünger werden die übrigens auch nicht mehr. Hatte schon ewig keinen One-Night-Stand mehr, die unter fünfzig war, und bei dem Warm-up drehen sich die Gespräche nur noch um Bandscheibenvorfälle, Alterszucker oder Arthrose. Wie willst du da noch tiefenentspannt Sex haben?«

»Sex sagt man heute, glaube ich, nicht mehr; politisch unkorrekt«, korrigierte Sperl und runzelte die Stirn.

Jetzt hatte Nauen nicht zugehört, erzählte aber weiter.

»Kürzlich hab ich in der Altstadt ’ne geschätzt 55-Jährige aufgerissen. Die war schon vierfache Oma und hatte ihr Hörgerät vergessen.«

»Was? Du brauchst neuerdings ein Hörgerät?«, erkundigte sich Sperl und beugte sich vertraulich vor.

Er hatte immer noch nicht zugehört.

»Quatsch, hörst du mir eigentlich zu?«, kam bockig von Nauen zurück.

Sperl nickte verlegen.

»Werde in einem halben Jahr pensioniert, du bist es schon. Bis dahin sollten wir unbedingt was ändern! Im Moment geht es ja noch, aber wenn ich erst einmal im Ruhestand bin, beginnt der Scheiß. Sperl? Was ist mit dir?«

Der schwieg, griff wieder in die Schale mit den Nüssen, und Nauen schimpfte weiter.

»Wenn du nach der Freien Heilfürsorge in die private Krankenversicherung übernommen wirst, gehen achtzig Prozent deiner Rente für Arztkosten oder medizinischen Schnickschnack drauf. Es sei denn, du reißt mal ’ne Apothekerin auf, die dir das Zeug für lau hinstellt.«

Sperl überlegte kurz. Er kannte keine Apothekerin.

»Die musst du aber erst einmal finden. Außerdem sind die zu anspruchsvoll. Denen sind wir Bullen einfach zu doof«, maulte er weiter und griff jetzt nach den Nüssen.

Nauen schüttete seinen Schnaps auf ex rein und bestellte zwei weitere Einheiten. Im Hintergrund dröhnte ›Everywhere‹ von Fleetwood Mac aus der Jukebox.

»Also, was mich betrifft«, fuhr Nauen fort, »werde ich irgendetwas unternehmen oder springe gleich von der Deutzer Brücke auf das vorbeifahrende Köln-Düsseldorfer Ausflugsschiff und versaue einigen betuchten Ausflüglern wenigstens noch den Tag, indem ich wie ein Kamikaze kopfüber in ihren Scheiß Käsekuchen hineinrausche. Plitsch-Platsch!«, zischte er und hob bedauernd die Schultern. »Wir haben unseren Tribut an diese Gesellschaft geleistet, jetzt sind wir einmal dran. Vielleicht haben wir noch zehn Jahre, vielleicht nur fünf, mit Pech nur noch ein bis zwei Jahre. Wachst morgens auf und hast irgendeinen Scheiß Krebs, ohne Ansage, einfach so. Die Zeit werde ich nicht mit Trübsal verbringen, ganz sicher nicht. Dafür brauche ich aber Kohle. Basta! Nun sag schon! Habe ich recht oder habe ich recht?«

Nauen drängelte.

»Wenn ich an meine Pensionierung denke, wird mir kotzübel. Nicht, dass ich noch knapper bei Kasse sein werde. Den ganzen Tag zu Hause, das halte ich keine zwei Monate aus. Früher oder später geht es mir wie Kollegen Schmitz. Der verteilte nach seiner Pensionierung auf der Hohe Straße in einem Osterhasenkostüm Flyer für eine bescheuerte Handyfirma.«

»Ganzjährig?«, lenkte Sperl ungläubig ein, schaute seinen Kumpel an und musste zum ersten Mal grinsen.

Der Schnaps machte ihn weiter locker.

»Nein, natürlich nur zu Ostern«, erwiderte Nauen genervt.

Sperl bestellte per Handzeichen eine weitere Runde Bier und dieses Mal Jägermeister auf Eis. Willi hatte keinen billigen weißen Korn mehr in seiner Schänke, und der Kiosk an der Ecke, wo er Nachschub holen konnte, war wegen eines Trauerfalles geschlossen. Sperl kramte ein paar Münzen aus der Hosentasche und schlenderte zur Musikbox am Eingang zur Damentoilette. Als die 70er-Kultband Smokie mit dem Blockbuster ›Living Next Door to Alice‹ aus den Lautsprechern krächzte, stellte er sich breitbeinig vor die Theke, trank ein frisch gezapftes Bier in einem Zug aus und räusperte sich.

»Okay, was schlägst du vor?« Sein Blick war leer. »Ein Lotto-Systemtipp? ’Ne Kneipe in Köln-Kalk?«

Nauen hörte ihm zu, reagierte aber nicht.

»Shisha-Bar mit geschmuggeltem Tabak? Gebrauchtwagen nach Nordafrika verschieben? Irgendeine Idee, die mich gerade einmal vom Barhocker reißt? Alle, mit denen wir eben gekegelt haben, stehen oder standen vor dem gleichen Drama. Und? Die schieben immer noch Einkaufswagen zusammen, sortieren Handtücher in schmuddeligen Swingerclubs oder versuchen als abgewrackte Kaufhausdetektive irgendeinen Blödmann bei ’nem Diebstahl zu erwischen. Nein, keinen Bock.«

Kneipenwirt Willi schaute etwas missmutig drein. Er wollte heute früher Schluss machen, weil später im Fernsehen ein Boxkampf übertragen wurde. Die Außenbeleuchtung war bereits ausgeschaltet und die Eingangstür verschlossen. Die üblichen Sauereien auf den Toiletten waren dieses Mal ausgeblieben. Mittlerweile waren die drei alleine in der Kneipe, und draußen zog ein heftiges Gewitter durch die Stadt, mit sintflutartigen Regenfällen. Willi räumte weiter auf, ohne sich für das Gespräch des Duos an der Theke zu interessieren. Sperl und Nauen schwiegen am Tresen, bis die Jukebox verstummte.

»Du hast noch ein halbes Jahr Dienst vor dir. Bleib cool! Ich werde mich mal umhören. Habe Zeit und bis dahin vielleicht ’ne Idee, was wir tun können, wenn du pensioniert wirst. Ich bin gerade auch noch in der Lernphase und habe keinen Plan, wie es weitergehen soll.«

Die Nörgelei von Nauen ging Sperl langsam gehörig auf die Nerven. Es wurde Zeit zu gehen. Die beiden bezahlten ihre Deckel und verabschiedeten sich vor der Kneipe.

»Ich lass von mir hören. Bleib cool, alter Knabe!«, versicherte Sperl stoisch, und Nauen bestieg ein zufällig an der Straße stehendes Taxi.

Ein Streifenwagen raste kurz darauf mit Blaulicht und Martinshorn an ihm vorbei in Richtung Altstadt. Sperl schaute ihm nicht hinterher. Der Regen ließ nach, und Sperl fuhr mit der S-Bahn in Richtung Zollstock. Dieser Abend hatte ihm nicht viel gebracht, und von der Dauernöhlerei Nauens dröhnte ihm jetzt der Kopf. Angenehm betrunken betrat er seine Zwei-Zimmer-Wohnung und schwang sich nur wenig später ins Bett. Die Flasche Sprudelwasser befand sich in Griffnähe.

3. Hamburg

Die Tage vergingen, ohne dass sich bei Sperl der Eindruck aufdrängte, es könnte sich irgendetwas zu seinem Wohlbefinden entwickeln. Das Gegenteil war eher der Fall. Schlaf- und Antriebsstörungen und das Gefühl von Wertlosigkeit machten sich weiter breit. Es war Freitagmorgen, eine knappe Woche nach dem Kegelabend. Tristesse pur in seiner kleinen schmuddeligen Küche.

Bei der morgendlichen Lektüre der Tageszeitung blieb er nach den Todesanzeigen in der Rubrik Stellenangebote an einer Anzeige hängen. Er wollte die Zeitung eigentlich in den Papierkorb werfen, wurde dann aber neugierig. Ein renommierter Reisekonzern, überwiegend im Kreuzfahrtgeschäft unterwegs, suchte per Inserat männliche Bewerber, die als sogenannte Gentleman-Hosts auf ihren Passagierschiffen eingesetzt werden sollten.

Sperl holte sich einen Kaffee an den Küchentisch, zündete eine Zigarette an und las weiter. Es wurden sogenannte Best Ager gesucht, die an Bord einer Sieben-Meere-Kreuzfahrt betuchte Gäste während ihres Urlaubs unterhalten sollten.

Eintänzer, war Sperls spontaner Gedanke, und er erinnerte sich an seinen Tanzkurs, den er im Alter von siebzehn Jahren vorzeitig abbrechen musste, wegen Einsätzen bei Demonstrationen an den Atommeilern in Kalkar. Die Narbe auf seiner rechten Wange erinnerte ihn noch heute daran. Er stutzte kurz, las aber weiter. Qualifikation: Gentleman, kultiviert, gebildet, mit Manieren ausgestattet, charmant, eloquent, guter Tänzer und mehrsprachig, mindestens perfektes Englisch. Auf Anhieb konnte Sperl nirgendwo seinen Haken setzen. Nichts traf auf ihn zu. Gelockt wurde mit einer kostenlosen Kreuzfahrt und einem angemessenen Tageshonorar. Ein Smoking musste in die Bewerbung mit eingebracht werden. Über eine E-Mail-Anschrift und Telefonnummer war der Kontakt zum Bedarfsträger möglich. Sperl warf das Inserat vorerst nicht in den Mülleimer.

Am Nachmittag notierte er dann doch die Telefonnummer und E-Mail-Anschrift für eine Kontaktaufnahme mit der Agentur. Schaden konnte es nicht. Für lau aus dieser Zollstocker Einöde herauszukommen und über die Weltmeere zu kreuzen, überdies mit der Aussicht auf ein Taschengeld, machte ihn neugierig. Er grübelte. Im Idealfall vielleicht mit seinem alten Kumpel Nauen als Sidekick.

Sperl erinnerte sich an die Unterhaltung beim Kegelabend und hatte Bilder im Kopf, wie Nauen in einem gut sitzenden Smoking eine Millionärswitwe bei einem Walzer über das glatte Parkett schob. Er musste bei diesem Gedanken grinsen und bekam die Bilder vorerst nicht aus dem Kopf. Verrückte Nummern waren schon immer sein Ding. Am nächsten Tag rief er ihn an.

»Musst du das halbe Jahr noch voll machen oder kannst du früher raus?«, wollte er von seinem Kumpel wissen.

»Hä? Warum?«, erkundigte sich Nauen nach einer kurzen Pause. »Ich habe immer noch kein Osterhasenkostüm. Außerdem sind die nicht tailliert.« Er lachte laut.

»Ich hätte da womöglich was. Hört sich nicht schlecht an«, erklärte Sperl kryptisch.

»Was jetzt? Erzähl schon! Bin gerade in Stimmung für jedweden Scheiß.« Nauen wurde neugierig.

»Also«, begann Sperl. »Gentleman-Host: ältere, alleinstehende Damen bei Kreuzfahrten betüddeln. Tanzen, quatschen, kultiviert sein – also ganz unser Ding«, feixte Sperl. »Sind wir doch für gemacht. Die zahlen eine Kreuzfahrt auf einem luxuriösen Passagierschiff, und Taschengeld gibt es noch oben drauf.«

Sperl wartete ungeduldig auf seine Reaktion.

»Alter, jetzt hör mal«, nörgelte Nauen mürrisch. »Im Gegensatz zu dir bin ich noch verheiratet und ich will es auch bleiben. Kann es kurzfristig auch nicht ändern. Meine Frau zeigt mir ’nen riesigen Vogel. Wir haben eh gerade Stress und Funkstille, und frage jetzt bloß nicht warum!«

Sperl überlegte eine treffsichere Antwort. Sie fiel ihm spontan nicht ein.

»Wenn die mich auch noch rauswirft, kann ich mir endgültig die Kugel geben. Aber na gut, wann soll das sein?«

Sperl überlegte, wie er es Nauen schmackhaft machen konnte. Er hätte das Ding nur zu gerne mit ihm durchgezogen.

»Na ja, die Anzeige liegt vor mir. Denke bald. Also, wie weiland DDR-Schabowski ankündigte: Ich denke, ab sofort«, lachte er laut in sein Smartphone und hoffte immer noch auf Zustimmung am anderen Ende der Leitung.

»Ich will nicht für lau auf irgendwelchen Ozeanen wie Christoph Columbus für ein paar Kröten mit scharfen Omas herummachen«, kam von Nauen. Er wartete die Reaktion Sperls nicht ab. »Außerdem werde ich schon auf einer Rheinfähre seekrank und kotze alles voll. Brauche ’nen seriösen Zusatzjob, mit dem ich meine Scheiß-Fixkosten bestreiten kann«, erklärte er hörbar genervt. »Trotzdem danke, dass du an mich gedacht hast.«

»Okay, war ja nur so eine Idee. Hören und sehen uns. Melde mich«, beendete Sperl das Telefonat.

Eigentlich hatte er diese Reaktion erwartet.

»Wer ist eigentlich Schabowski?«, wollte Nauen noch hastig wissen.

Die Antwort blieb Sperl schuldig. Er hatte bereits aufgelegt.

Die Idee ließ Sperl aber nicht mehr los, auch wenn Zweifel überwogen, den hohen Anforderungen der Reederei zu entsprechen. Was hatte er zu verlieren? Die Pension, wenn auch nicht üppig, lief weiter, und Tanz und Party mit gleichaltrigen Frauen in und um Mallorca oder den Kanaren für lau? Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr konnte er sich für dieses Ding erwärmen. Warum nicht? Palmen, Cocktails, Cha-Cha-Cha. Ein Versuch war es wert, und seine Stimmung hellte sich merklich auf.

Sperl schrieb eine freundliche E-Mail an diese Agentur, in der er Interesse an dem Job bekundete, und wartete ab. Zwischendurch überlegte er, ob noch irgendwo ein passables Foto von ihm herumlag. Dies würden die Reisefuzzis ganz sicher verlangen. Notfalls war ein Fotostudio oder ein DM-Markt gleich um die Ecke.

Nicht ein einziges Element des Anforderungsprofils traf auf ihn zu. Wieder und wieder hatte er die Anzeige durchgelesen.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, redete er sich ein.

Am nächsten Tag ging er wieder in das Bistro gegenüber, um einen Versuch zu wagen, Eva auf einen Drink nach Feierabend einzuladen. Sie war nicht im Dienst – irgendeine Beerdigung im engsten Familienkreis, erfuhr er von einer Kollegin. Wer im Familienkreis Evas verstorben war, wollte Sperl aus Pietätsgründen nicht nachfragen.

Dann warte ich die sechs Wochen Trauerzeit ab, entschied er und ging wieder nach Hause.

Dort telefonierte er mit seiner Tochter, ohne etwas Substanzielles auszutauschen. Die üblichen Nettigkeiten mit einem abgehängten Vater. Von seinem Sohn hatte er immer noch nichts gehört. Er machte sich langsam Sorgen. Am Nachmittag klingelte sein Mobiltelefon. Auf dem Display entzifferte Sperl eine Hamburger Vorwahlnummer.

»Hallo, hier ist die Agentur Abendsonne im Auftrag der Reederei MTC Cruises.«

Der Kerl nannte keinen Namen. Sperl fand das unhöflich, ließ sich aber nichts anmerken.

»Vielen Dank, dass Sie sich auf unser Inserat gemeldet haben. Wir würden Sie gerne kennenlernen.«

Sperl staunte nicht schlecht, und sein Misstrauen, es könnte sich um einen betrügerischen Anruf handeln, schwand. Seinem Vernehmen nach war der Kerl am anderen Ende der Leitung zirka dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt und sprach mit einem leichten Hamburger Akzent.

»Können Sie mir am Telefon kurz etwas über Ihre Vita verraten?«, fragte er mit professioneller Höflichkeit.

Sperl stutzte. Instinktiv mochte er diesen eloquenten Typen nicht. Er sah diesen Lackaffen quasi vor sich. Es half aber nichts. Seine Amygdala musste jetzt erst einmal eine Pause einlegen. Er wollte etwas von ihm, und da war kein Platz für emotionale Ablehnung.

Erfolgsmenschen konzentrieren sich primär auf ihre Ziele und nicht auf die Menschen, mit denen sie gezwungenermaßen zusammenwirken müssen, um ihre Ziele zu erreichen, erinnerte er sich an ein Fortbildungsseminar der Gewerkschaft der Polizei.

Was sollte er erzählen, und wie konnte der Kerl am anderen Ende der Leitung aus dem Stand überzeugt werden? Sperl machte das, was er immer schon konnte: beeindrucken ohne Substanz; Inselbegabung.

»Ich bin ein jüngst pensionierter Polizeihauptkommissar, das ist in etwa wie Inspektor Barnaby, als DCI, Detective Chief Inspector«, schwafelte er devot.

In Anbetracht dessen, dass vielleicht einige der älteren Semester Fans dieses DCI Barnaby waren, wollte er mit dem gleichen Dienstgrad aufwarten. Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Sperl wartete ungeduldig eine Reaktion ab und wurde etwas nervös. Vielleicht hatte er den falschen Ton getroffen.

»Ich kenne DCI Barnaby aus dem TV. Danke für den Tipp. Meine Mutter ist ein Riesenfan. Sehen Sie auch so gut aus?«, scherzte der Reederei-Mann.

Sperl atmete tief durch. Einstieg geschafft.

»Besser«, wollte Sperl großkotzig antworten, blieb aber zurückhaltend. Dick auftragen war jetzt am Telefon nicht zielführend. »Ich müsste aber ohne DS Jones zum Bewerbungstermin erscheinen«, flötete er.

»DS Jones?«, fragte der Anrufer.

»Detective Sergeant Jones, der Assistent aus Barnaby«, erklärte Sperl.

Sein Gesprächspartner lachte zum ersten Mal, und Sperl spürte instinktiv, dass ihm eine Verbindung zu diesem Schnösel gelungen war. Der weitere Verlauf des Telefonats konnte nicht besser sein, und bei Sperl machte sich Optimismus breit.

»Also, Herr Sperl, wir würden Sie gerne zu einem Casting in Hamburg einladen.«

Bingo! Sperl haute mit der Faust auf seinen Küchentisch und bemühte sich, die Begeisterung zu unterdrücken. Nicht schlecht für den Anfang. Nach Hamburg hatte er es schon einmal gebracht.

»Prima und danke für das Vertrauen. Ich freue mich«, antwortete er höflich.

Sperl fühlte sich gut. War ihm lange nicht mehr passiert.

»Das hört sich gut an. Was muss ich tun?«, schob er zögerlich nach.

»Wir schicken Ihnen eine Einladung nach Hamburg per E-Mail zu. Darin ist auch ein Hotel-Voucher für zwei Übernachtungen in einem Mittelklassehotel nahe unserer Agentur.«

»Das war es schon?«, fragte Sperl.

»Ja, DCI Barnaby«, kam von ihm. »Der Fall ist aufgeklärt. Bis zum Termin in Hamburg.«

Wenn alles immer nur so einfach wäre. Sperl war euphorisiert. Es interessierte sich da draußen jemand für ihn. Wo dies am Ende hinführen würde, war erst einmal egal. In Köln war es aktuell niemand.

Er las die Anzeige noch einmal in Ruhe und blieb bei seinem vorläufigen Ergebnis. Das Anforderungsprofil konnte er kaum erfüllen. Es käme einem Wunder gleich, wenn sie ihn engagieren würden.

Nun gut, dachte er. Derlei gab es schon genug. Wasser wurde zu Wein, Meere wurden geteilt, und Deutschland 1954 Fußball-Weltmeister. Also warum jetzt kein Wunder bei ihm? Er erinnerte sich kurz an seinen verstorbenen Vater. Der hatte ihm einstgesagt: »Du kannst alles, mein Sohn, wenn du nur willst – und wenn du als Zauberer vor einer großen Kulisse auftreten sollst und keinen einzigen Trick kannst: Mach es einfach!«

In Hamburg war er zuletzt vor rund dreißig Jahren mit seiner Frau Lisa. Sie hatte in einem Preisausschreiben eines Discounters eine Wochenendreise gewonnen, inklusive Besuch eines Musicals, von dem Sperl noch nie etwas gehört hatte. Zuvor gewannen sie vor Jahren eine Monatsration Hundefutter, besaßen aber keinen Hund. Das Wochenende endete damals im Streit, und das Musical ging ihm gehörig auf die Nerven. Sperl hasste Musicals. Tatsächlich rechnete sich Sperl aber kaum eine Chance aus, dieses Casting zu bestehen, und speicherte das Gespräch mit dem Agenturmenschen als nette Abwechslung ab. Er war nicht der Typ für Wunder.

Drei Tage später öffnete er die E-Mail der Agentur. Mitzubringen waren angemessene Bekleidung, ein Motivationsschreiben sowie ein aussagekräftiger Lebenslauf. Kosten würden bei Erscheinen erstattet. Seine Anreise war ihm freigestellt, Auto oder Bahn. Adresse: Rotherbaumchaussee in Hamburg. Im Anhang befand sich ein Hotel-Voucher für zwei Übernachtungen. Sperl bemühte Google zu der Anschrift. Feinste Adresse in Hamburg. Termin in drei Wochen. Die Bar in dem Übernachtungshotel sah einladend aus. Er mochte diesen Stil, etwas altbacken, Siebziger-Jahre-Ambiente. Allmählich beschlichen ihn Zweifel, wie er als kultivierter, mehrsprachiger Tausendsassa, perfekt in den Tänzen dieser Welt und brillant in der Blabla-Konversation, das Auswahlverfahren bestehen sollte. Realistisch betrachtet hatte er nicht die geringste Chance. Schließlich war er alles andere als ein Kandidat für eine First-Class-Partnervermittlung, eher ein Prolet.

Sollte er vielleicht seine Tochter anrufen? Sie war Psychologin mit Master-Abschluss und hätte möglicherweise ein paar Tipps für ihn gehabt. Transaktionsanalyse, Erwachsenen-/Eltern-/Kindheits-Ich, ›Ich bin ok und du bist ok‹. Den Gedanken verwarf er schnell. Sie hätte ihn nur für bekloppt erklärt und nachdrücklich aufgefordert, nicht mehr so viel zu trinken. Der Prophet galt noch nie etwas im eigenen Land. Sie nahm ihn nach all den Jahren ohnehin nicht mehr für voll. Das passiert allen Vätern eines Tages.

Den Smoking konnte er für eine geringe Gebühr in Köln ausleihen. Er musste nur seinen Ausweis hinterlegen. Geld für gute Schuhe hatte er noch. Die größte Hürde war das Tanzen. Er hatte zeitlebens nur betrunken getanzt: zwei Schritte links, einen rechts – Foxtrott für Anfänger. Für Kegeltouren nach Rüdesheim hatte es immer gereicht. Wie aber sollte er mit Tanzschritten aus dem Profirepertoire in drei Wochen die Agentur beeindrucken?

Eva? Die hatte er immer noch nicht eingeladen. Konnte sie womöglich tanzen? Vermutlich auch nur den normalen Disco-Tanz, Bee Gees und John Travolta, aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Sperl wusste: Alle Frauen können tanzen. Ob Eva Tango konnte? Leichte Zweifel keimten auf. Was sollte er ihr erklären? Dass er einen Crashkurs von ihr benötigte, um später andere Frauen auf Kreuzfahrtschiffen zu bespaßen? Keine gute Idee. Aber sie musste es ja nicht erfahren. Außerdem war sie aktuell im Trauermodus. Schlechtes Timing.

Ein Tanzkurs, jetzt innerhalb der nächsten drei Wochen zu belegen, war ebenfalls Quatsch. Zudem waren die teuer, und auf diese Typen von Tanzlehrern hatte Sperl keinen Bock. Einen Smoking würde er organisiert bekommen, Essen mit Messer und Gabel hinkriegen, Weißwein zu Fisch und Fleischgericht zu Rotwein wusste er auch. Quatschen konnte er ohnehin wie kein Zweiter, wenngleich er derzeit bei den aktuellen Themen in der Gesellschaft und Politik etwas kalorienarm unterwegs war. Aber das ließ sich noch korrigieren.

Da blieb nur ein ärztliches Attest, welches er zum Casting vorlegen könnte. Verletzungsbedingt unpässlich und Tanzen aus ärztlicher Sicht derzeit strikt untersagt – so oder so ähnlich. Zeitungen lesen, sich über das aktuelle Geschehen in der verrückten Welt zu informieren, war Programm.

Sperl kam die Idee, dass eine Maniküre seine Chancen erhöhen könnte. Irgendwann hatte er einmal gelesen, dass Frauen insbesondere auf gepflegte Hände achten würden. Auf ein gepflegtes Erscheinungsbild hatte Sperl immer schon großen Wert gelegt. Überdies konnte er mit vollem Haupthaar punkten. In der Drosselgasse zu Rüdesheim war er auch schon mal mit Robert Redford verwechselt worden, wenn auch nur kurz.

Tanzen war immer noch das größte Problem. Er bestätigte das Casting, vereinbarte einen Termin im Nagelstudio in Köln-Marienburg, orderte einen Smoking bei einem Verleih in Köln-Rodenkirchen, bestellte ein Probe-Abo der Zeit und des Spiegel und setzte bei seinen Tanzkünsten auf ein ärztliches Attest. Das Repertoire konnte er in der Kürze der Zeit nie und nimmer mehr aufholen. Es galt, Zeit zu gewinnen.

Abschließend lud er die App von einem Sprachendienst herunter, um sein Englisch aufzufrischen. Die kommenden drei Wochen paukte er hartnäckig Vokabeln und hoffte, dass seine Defizite im Perfekt und sonstigen grammatikalischen Besonderheiten nicht auffallen würden. Außerdem lief unentwegt BBC auf seinem Fernseher. Zehn Tage später war er nach Zeitungslektüre mit aktuellen politischen und gesellschaftspolitischen Themen hinreichend vertraut.

Sperl hatte sich zudem über die Königshäuser Europas informiert, wusste in etwa, wer mit wem verheiratet, geschieden oder auch getrennt lebend war, und hätte auch oberflächlich mit dem Schicksal der Zarentochter Anastasia glänzen können. Last but not least kannte er alle Hits von Marianne Rosenberg und Vicky Leandros. Einzig bei philosophischen Themen hinkte Sperl hoffnungslos hinterher. Nachdem er sich die »Kleine Philosophiegeschichte« aus der Herder-Bücherei ausgeliehen hatte, haperte es mit seinem Verstand schon bei den Anfängen. Die Probleme der Vorsokratiker, Platons Idee der Welt, die Hauptthemen der patristischen Philosophie und Kants ›Kritik der reinen Vernunft‹ waren für Sperl nicht nur böhmische Dörfer – diese Region existierte für ihn einfach nicht. Er gab das Buch in der Bücherei zurück, ohne nur Bahnhof verstanden zu haben. Sollte man ihn auf genau diese Gesprächsthemen ansprechen, war er verloren. Das nahm er zwangsläufig in Kauf. Einen Tod stirbt man immer.

Blieb noch das Problem Tanzen. Die Lösung war Dr. Harald. Seit Jahrzehnten war der Allgemeinmediziner sein Hausarzt. Er kannte jeden Zentimeter von Sperls Körper. Die Gallenblase entfernt, unzählige Prellungen, ein paar Knochenbrüche, hoher Blutdruck, Löcher in der Netzhaut, leichte Depressionen und vieles mehr stand in der Krankenakte Sperls.

Als er Harald aufsuchte und um ein Attest bat, das ihm vorübergehend Bewegungsmangel verordnete, einigten sie sich auf Meniskusschaden in beiden Knien. Tanzen vorübergehend unmöglich. Er war ihm noch einen Gefallen schuldig, über den beide ungern sprachen. Jetzt waren sie quitt. Lange hatte Sperl diesen Bonus zurückgehalten. Mit diesem Attest kam er vielleicht an der Tanzprüfung vorbei – zumindest vorerst. Die Mission konnte beginnen.

Als Sperl am Abreisetag im Kölner Hauptbahnhof den ICE bestieg und mit dem gesponserten Fahrschein der Agentur ein Erste-Klasse-Abteil betrat, war ihm ein wenig mulmig. Aber nach den Vorbereitungen und seinen Selbstkosten gab es jetzt kein Zurück mehr. Mit zunehmender Fahrtdauer baute sich sein Ego auf. Immerhin bedeutete die Einladung eine Chance, und die hatte er seiner Überzeugung nach verdient. In Hamburg angekommen, fuhr er mit einem Taxi zu seinem Hotel und ging früh schlafen.

Der Bewerbungstermin war am nächsten Morgen um 9 Uhr. Er wollte zu seiner Mission fit und erholt in der Agentur aufschlagen. Als ihn das Taxi am nächsten Morgen zu der Anschrift der Agentur in der Rotherbaumchaussee gebracht hatte, war Sperl beeindruckt. Eine noble ehemalige Fabrikantenvilla, wie sie nur in Hamburg zu bestaunen sind. Er drückte verlegen die Klingel, und Sekunden später erkundigte sich eine weibliche Stimme nach seinem Begehr.

»Guten Morgen! Mein Name ist Sperl, Günther Sperl. Ich komme zum Casting.«

Etwas Besseres fiel ihm in diesem Moment nicht ein. Einen Augenblick später forderte ihn ein dunkler Ton auf, gegen die Tür zu drücken. Er schritt hinein. Im Foyer beeilte sich eine Sekretärin, ihn zu empfangen. Sperl staunte über den riesigen Luxus-Barock-Kronleuchter, der die kunstvoll dekorierte Decke überlagerte und ein Vermögen gekostet haben durfte. Rechts und links standen jeweils zwei Schiffsmodelle als Dekoration. Noch bevor Sperl die Schilder an den Modellen lesen konnte, rief die Sekretärin:

»Links sehen Sie die Queen Mary 2, das legendäre britische Kreuzfahrtschiff der Carnival Cooperation, und rechts die Andrea Doria.«

Von der Queen Mary 2 hatte Sperl irgendwann schon mal gehört, aber Andrea Doria? Er wollte später Google bemühen.

»Willkommen in Hamburg!« Kurze Pause, in der sich Sperl sortierte. »Schön, dass Sie da sind! Hatten Sie eine gute Anreise?«, begrüßte sie ihn mit Hamburger Dialekt.

Sperl nickte wortlos. Das Namensschild an ihrem schicken Kostüm verriet den Namen: Daphne. Er mochte ihr aufdringliches Parfüm, hätte sich aber eher einen stumpfen Stil ins Auge gerammt, als dies zu erwähnen.

Gleichstellung, Diskriminierung auf das Geschlecht, Reduzierung einer Person auf Körperlichkeit und so weiter.Das hatte Sperl in der Vorbereitung gelernt. Diverse Ratgeber in den sozialen Medien waren voll mit diesen Empfehlungen.

»Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise und das Hotel entspricht Ihren Wünschen!«

Sperl nickte und sagte nichts.

»Folgen Sie mir bitte!«, ergänzte Daphne routiniert.

Sperl wurde in einen karg möblierten Warteraum gebeten. Seine Hände schwitzten, für ihn ungewohnt. Er rieb sie an den Hosenbeinen trocken. Eine zirka 35-jährige Angestellte mit blondem Kurzhaarschnitt und sündhaft teurem Kostüm bekleidet wartete bereits auf ihn. Graziler, schmaler Körperbau, aristokratisches Flair. Ihre feinen Züge wirkten sehr edel.

Sperl wurde sofort auf ihren Blick aufmerksam. Er hatte etwas Geheimnisvolles, Transzendentes. Sperl war überzeugt: Mit diesem Blick hätte sie eine freilaufende Hühnerschar hypnotisieren können. Er tippte auf Prada-Kostüm und Gucci-Schuhe. Ihre Begrüßung war leicht unterkühlt, und sie führte Sperl in einen anderen, luxuriös ausgestatteten Warteraum. Ein Namensschild an ihrem Prada-Outfit konnte Sperl nicht ausmachen.

»Sie haben Ihren Smoking mitgebracht?«, zickte sie mit einem Blick, dass er besser kein Huhn gewesen wäre.

»Natürlich …«, stotterte er wie ein Oberprimaner. »Hier in meinem Kleidersack. Soll ich den Smoking auspacken?«

»Ausgezeichnet! Dort hinten rechts ist die Umkleide. Ist ausgeschildert. Wenn Sie sich umgezogen haben, kommen Sie bitte zurück.«

Sperl folgte der Ausschilderung wie ein Lemming. Als er sich umgezogen im Spiegel betrachtete, erkannte er sich kaum wieder.

Damned bloody bastard! Er sah verdammt gut aus und hätte dem ehemaligen Bond-Darsteller Daniel Craig für einen kurzen Moment Konkurrenz machen können. Kleider machten eben immer noch Leute. Als er elegant mit Smoking bekleidet aus der Umkleide zurückgekehrt war, händigte sie ihm einen Haufen Papiere aus. Sie zeigte sich unbeeindruckt von Sperls Outfit. Augenblicke später traf er das erste Mal auf seine Mitbewerber. Sie standen harmlos lächelnd herum wie eine Gruppe Kaiserpinguine auf einer Eisscholle in der Antarktis, aber mit geputzten Schuhen. Fragebögen mit Daten zu seiner Person, Motivation, beruflichem Werdegang und Gesundheitsfragen, verbunden mit Nachfragen zu den üblichen Impfungen. Sperl war vorbereitet. Dazu wurde ihm ein Waterman mit dem Logo der Agentur gereicht.

Waterman, staunte Sperl. Der Rolls-Royce unter den Kugelschreibern. Die Welt geht immer noch nobel zugrunde.

Seine Frage, ob er den Waterman behalten durfte, blieb unbeantwortet. Zumindest hatte er aber signalisiert, Namen und Wert des luxuriösen Schreibgerätes erkannt zu haben. Vielleicht ein erster Pluspunkt? Während Sperl die Formulare ausfüllte, musterte er die Konkurrenten. Die füllten ebenso eifrig und schweigsam ihre Zettel aus. Einen persönlichen Kontakt suchte er vorerst nicht.

Jazzmusik ertönte in angemessen seichter Lautstärke aus unsichtbaren Lautsprechern. Sperl nahm die Mucke erst später wahr und versuchte, die Interpreten zu erraten. Herbie Hancock war dabei, Joe Lovano und Gregory Porter tippte er richtig. Bei Letzterem erinnerte er sich an den Titel ›Holding On‹ und summte leise mit. Er hatte es einmal während seiner Vorbereitung zum Casting gehört. Bei den anderen Stücken musste er passen. Sperl war kein ausgewiesener Jazzkenner, aber möglicherweise könnte er später zu den Interpreten befragt werden. Wie bei jedem Auswahlverfahren lag eine Spannung in der Luft, und die Kandidaten beäugten sich gegenseitig mit Argwohn. Niemand wusste, wie viele Bewerber die Agentur anstellen würde. Somit war jeder in dieser Runde ein potenzieller Gegner.

Sperl versuchte ruhig zu bleiben. Sein letztes Auswahlverfahren lag Jahrzehnte zurück, aber er verspürte plötzlich wieder den gleichen Druck, als er sich im Alter von sechzehn Jahren bei der Landespolizei beworben hatte. Es sind diese Erinnerungen, die bei gleichartigen Anlässen aus dem Unterbewusstsein wieder nach oben gespült werden, selbst wenn sie Jahrzehnte zurückliegen. In diesem Fall hing seine Zukunft aber nicht von diesem Casting ab.

Ein Schwerpunkt lag darin, ob Sperl als nobler, eloquenter, kultivierter Partylöwe mit exzellenten Manieren geeignet war, die wohlhabenden, überwiegend allein reisenden Damen zu unterhalten. Da war er sicher. Mangelndes Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie nachsagen. Es war zwar ein anderes Niveau als in der Kölner Altstadt oder an Karneval gefragt. Aber: Partylöwe bleibt Partylöwe, auch mit unterschiedlichen Umgangsformen oder kulturellem Hintergrund. Sperl war sich dessen bewusst und wollte jetzt einfach nur diesen Job.

Er zupfte die schwarze Fliege an seinem Hals zurecht. Die Kostümierung – Smoking, blütenweißes Hemd, Fliege und Lackschuhe – stand ihm gut. Er blieb konzentriert und musterte die Konkurrenten, nachdem er seine Unterlagen ausgefüllt hatte. Da war zum einen Karl-Theodor, Jahrgang 1946, Österreicher aus Schruns-Tschagguns im Montafon. Strenger Scheitel, verwitwet, keine Kinder, pensionierter Küster, Fremdsprachen Englisch und Latein fließend, Altgriechisch in Grundzügen, dazu profunde Kenntnisse im Alten und Neuen Testament. Dieser Kerl wäre Sperl nicht einmal in der nächsten Galaxie begegnet – völlig andere Welt. Er musterte ihn, um Schwächen festzustellen, sollte es später zu Gruppengesprächen im Rahmen psychologischer Tests kommen.

Karl-Theodor war bekennender Antialkoholiker. Nach Einschätzung von Sperl ein erster Malus, naschten Damen seiner Erfahrung nach in trauter Zweisamkeit den einen oder anderen Aperol Spritz. Da hätte ein stocknüchterner Küster mit seinem Latein und Altgriechisch Schwierigkeiten zu folgen. Außerdem trug Karl-Theodor orthopädische Schuhe. Komische Teile, wie von einem Sanitätshaus in Handarbeit angefertigt. Also könnte er beim Tanztest vielleicht durchfallen. Keine ernsthafte Konkurrenz, hoffte Sperl, wenngleich jeder von seinen Konkurrenten vermutlich besser tanzen konnte als er. Sperl überprüfte, ob sein Attest noch in der linken Brusttasche seines Smokings steckte. Er atmete auf. Er erinnerte sich kurz an ein paar Brocken Latein aus seiner Schulzeit. Kurz vor der Oberstufe war er aber vom Gymnasium geflogen. Auf der Hauptschule gab es keinen Lateinunterricht, sondern nur noch handfeste Prügeleien mit stumpfen Proleten auf dem Schulhof, überwiegend während der großen Pause und nach dem Unterricht.

Jürgen, Jahrgang 1948, wohnhaft in Brackwede, dreifach geschieden, vier erwachsene Kinder, drei Enkelkinder. Italienische Sprachkenntnisse aus einem heftigen Flirt mit einer Kellnerin aus Rimini im Sommer 1964. Ihren Namen hatte er vergessen. Friseurmeister im Ruhestand, zuletzt Inhaber von vier gut gehenden Salons. Klatsch-Experte, vertraut mit den Biografien von Liselotte Pulver und O. W. Fischer, Weinliebhaber, seit zwei Jahren Nichtraucher. Sperl war jeden zweiten Tag Nichtraucher, aber das behielt er erst einmal für sich. Diese Friseure waren von Natur aus immer ernst zu nehmende Konkurrenten. Erstens bekamen die über den Lesezirkel sämtliche Klatschblätter der Republik ins Haus geliefert, und außerdem laberten die das weibliche Geschlecht derart voll, dass denen das Blut aus dem Ohr lief. Jürgen war ein ernst zu nehmender Konkurrent. Aber vielleicht haperte es bei ihm mit dem Englisch.

Er schaute sich den nächsten Konkurrenten an. Dr. Hermann, Jahrgang 1932, steinalt, Historiker. Er konnte vermutlich von allen am besten den intellektuellen Anspruch der Damen auf der Reise bedienen. Experte in Sachen Drittes Reich sowie Weimarer Republik. Hermann promovierte einst über ›Die Hossbach-Niederschrift‹ und war als Vierjähriger Augenzeuge von Jesse Owens Olympiasieg im Weitsprung und der 4x100-Meter-Staffel. Darum beneidete ihn Sperl: diesen genialen Sportler tatsächlich live gesehen zu haben, als er es Hitler mal so richtig gezeigt hatte. Aber was wollte dieser Kerl, nahezu gleichaltrig wie ein Stein aus der Vulkaneifel, jetzt auf diesen Vergnügungsschiffen der Neuzeit? Verwitwet, zwei Kinder, Enkel, Urenkel, nur Biertrinker, aber Raucher.

Was würde Methusalem machen, wenn ihm eine jüngere Mitreisende beim Tanz ›I will always love you‹ in sein halbtaubes Ohr säuselt oder in die Frozen Shoulder beißt? Sperl vermutete, dass dieser Senior allenfalls beim Wunschkonzert der Wehrmacht und zu den schwülstigen Operettenklängen von Claire Waldoff das Tanzbein schwingen könnte. Vom Dritten Reich und der Weimarer Republik hatte Sperl so viel Ahnung wie vom Fliegenfischen, und die Promotion dieses Hermanns war ein echtes Pfund. Einzig das Alter ließ Sperl hoffen, dass er durchfiel.

Aber da war noch jemand anderes. Peter, Jahrgang 1958, jünger aussehend, Zahnarzt im Ruhestand. Geschieden, keine Kinder. Porsche-Boxster-Fahrer, Toupet-Träger, Binnensegler mit Sportküstenschifferschein, Hobby-Abenteurer. Angeblich befuhr er kürzlich die Panamericana mit seinem Wohnmobil. Zugleich Mitglied beim Roten Kreuz und Inhaber des Tanzabzeichens Super Goldstar Rang I im Wiener Walzer, Tango, Slowfox und Paso Doble. Einziges Malus: Diabetiker. Ein Abstauber, war Sperls erster Eindruck. Im Tanzen klar Favorit, Feierbiest eher nicht. Vielleicht würden seine Master-Mind-Fähigkeiten die Damen abschrecken. Der hätte auf hoher See die letzten Backen- und Schneidezähne ziehen oder Prothesen reinigen können. Sperl wäre nur der Verweis auf Ibuprofen 800 geblieben.

Zuletzt Hans-Walter. Ein Kerl wie ein Baum, physisch besorgniserregend. Er betrieb mehrere Dachdeckerbetriebe im Sauerland und hatte diese vor Kurzem an seine beiden Söhne übertragen. Von jetzt an wollte Walter nicht mehr bei Wind und Wetter auf Dächer aller Art steigen, sondern leben, wie er Sperl in einer kurzen, dünnen Konversation wissen ließ. Auf den Sauerland-Dialekt musste sich Sperl mühsam einstellen. Er führte ein halbes Dutzend Bestätigungen von Tanzkursen aller Art mit. Mehr war aus diesem Zyklopen nicht herauszubekommen. Seine Hände waren so groß wie Bratpfannen. Der Kerl passte so wenig in einen Smoking wie Sperl in einen Anzug für Apnoetaucher und hatte deutlich hörbare Probleme mit der deutschen Grammatik. Der gute Walter warf Präteritum, Präsens und Perfekt so sensationell wild durcheinander, dass es für eine Kabarett-Nummer in einem Kölner Waschsalon gereicht hätte. Keine Konkurrenz.

Dazwischen Sperl: Polizeihauptkommissar a. D., ohne Abitur, aber von Gnaden der Polizeireform Mitte der neunziger Jahre zum Kommissar befördert. Von Frau, Kindern und Hund, einem Neufundländer, verlassen, Teilzeitalkoholiker und bekennender Misanthrop. Und jetzt die Metamorphose. Sein Miet-Smoking saß erstauntlich gut, er war glatt rasiert, hatte sein Englisch aufpoliert und die Fingernägel glänzten wie lupenreine Diamanten. Er wollte diesen Job, der Ehrgeiz war geweckt. Für Minderwertigkeitsgefühle in diesem illustren Kreis bestand demnach kein Grund, selbst wenn gelegentlich zarte Zweifel anklopften.

Nachdem alle Formulare ausgefüllt waren, stellte sich der Geschäftsführer der Agentur vor. Bekleidet mit einem blau-schwarzen Maßanzug, sündhaft teuren Schuhen aus englischer Handarbeit und einer Rolex Oyster Perpetual 4, trat er stilsicher auf. Sperl stellte sich auf den Kerl ein. Nachdem er sich für die Teilnahme der Bewerber bedankt hatte, erklärte er den Sinn dieses Castings. Sperl hörte ausnahmsweise einmal genau zu. Hiernach bot eine renommierte Kreuzfahrtreederei alleinstehenden, kultivierten Männern im besten Alter mit guten Tanzkenntnissen die Möglichkeit, auf ausgewählten Kreuzfahrten als soziale Gastgeber zu dienen.

Dienen war in der Tat wörtlich gemeint. Sperl nickte zustimmend. Genau deswegen hatte er sich ja schließlich beworben. Profunde Kenntnisse aus den Bereichen Recht, Wirtschaft, Reisen, Finanzen, Medizin, Militär und Bildung wären wünschenswert und die Voraussetzung für ein Engagement. Die Gentleman-Hosts mussten ledig, geschieden oder verwitwet und im Herzen jung geblieben zwischen 50 und 75 Jahren alt sein. 75 Jahre fand Sperl schon recht ambitioniert.