666 Der Tod des Hexers - Micha Krämer - E-Book + Hörbuch

666 Der Tod des Hexers E-Book und Hörbuch

Micha Krämer

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Beschreibung

Nina Morettis 12. Fall Lichterloh brennt der Scheiterhaufen auf einem alten Richtplatz aus der Zeit der Hexenverfolgung. Das verbrannte Opfer ist Sänger einer Heavy Metal Band. In einem Video gesteht er, ein Hexer zu sein, und beschuldigt die übrigen Mitglieder seiner Band ebenfalls der Hexerei. Musste der junge Mann wegen seiner okkulten Liedtexte sterben oder steckt doch etwas ganz anderes hinter der Tat? Nach ersten Recherchen ist Kriminalhauptkommissarin Nina Moretti sich sicher: Der Henker wird weiter morden …

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Zeit:11 Std. 34 min

Sprecher:Micha Krämer

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Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8408-5

Micha Krämer666Der Tod des Hexers

Prolog

August 2021

Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe. Ich weiß, wer sie sind, und spüre ihre Anwesenheit. Vor mir können sie sich nicht verstecken. Sie sind unter uns. Schon seit alten Zeiten. Nur, die meisten der dummen Menschlein haben es vergessen. Nicht immer verbirgt sich der Teufel hinter den Masken der Weiber. Manchmal sind es auch die Hexer, die den Satan in sich tragen. Die ihn heraufbeschwören, ihm huldigen und opfern. All die Jahre wurde dem Hexentreiben tatenlos zugesehen. Doch damit ist nun Schluss! Ich werde sie suchen, finden und zur Strecke bringen. Werde den Beelzebub in ihnen austreiben. Mit dem Schwert und dem Feuer, genauso wie es geschrieben steht. Ich habe die Zeilen gelesen. Schwarz auf Weiß steht es da, dass die Hexen Unzucht mit Luzifer und seinen Dämonen treiben. Der Teufel belohnt sie dann mit Hexenkraft für ihre unzüchtigen Liebesdienste.

Es schockiert mich, mit anzusehen, wie die dummen Menschlein sie auch noch feiern und ihnen zujubeln. Wie sie tanzen, lachen und mit den Hexen singen … ihnen applaudieren. Doch ich werde ihnen die Augen öffnen. Das, was sich dort unten im Tal auf der Bühne abspielt, hat nichts mit anständiger Musik zu tun, sondern ist lediglich eine Huldigung des Bösen.

Die Band gefiel Nina Moretti. Die Musik von Witchwar war melodisch, schnell und erinnerte ein wenig an die alten Songs von Helloween, Iron Maiden oder Metallica. Eine Mischung, die Nina außerordentlich gut gefiel. Und ja, sie war gerade irgendwie mächtig stolz auf die junge Frau mit der neonfarbenen Gitarre, deren Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die Saiten des Instruments flitzten. Von dem, was der Frontmann der Band in sein Mikrofon schrie, verstand sie hingegen kein Wort. Was nicht daran lag, dass dieser auf Englisch sang. Ninas Englisch war im Grunde gar nicht mal so schlecht. Es war sogar wesentlich besser als das Italienisch, welches ihr väterlicherseits in die Wiege gelegt worden war. Nein, sie war sich sicher, dass man den Sänger auch nicht verstehen könnte, wenn er auf Deutsch singen würde. Wobei Gesang im Heavy Metal sowieso vollkommen überbewertet wurde. Klar, wenn man sich die Songs der diversen Metal Bands in gut abgemischter Studioqualität anhörte, konnte man den meisten Texten wunderbar folgen. Live, bei einem Open Air, funktionierte dies allerdings in den seltensten Fällen.

„Und was meinst du?“, schrie sie Klaus, ihrem Mann, ins Ohr, der neben ihr an der Theke der Bierbude lehnte und das Geschehen auf der Bühne am Fuße des Weiselsteiner Hanges aufmerksam beobachtete.

„Na ja“, schrie er zurück, zuckte mit den Schultern und schaute dabei ein wenig skeptisch. Nina blickte ihn erstaunt an. Sie hätte gewettet, dass es ihm gefallen würde, was die Band da auf der Bühne fabrizierte. Dem schien allerdings nicht so. Klar, sie war im Gegensatz zu ihm keine Musikerin. Dennoch glaubte sie erkennen zu können, ob eine Band gut war oder nicht. Und die vier jungen Frauen um den Sänger waren gut. Gerade endete ein Stück, womit der Geräuschpegel natürlich massiv nach unten ging. Nina nutzte die Gelegenheit weiterzufragen.

„Gefällt’s dir nicht?“

Klaus schüttelte den Kopf.

„Mit dem Sänger und den Texten gibt das nichts“, fand er.

„Wieso? Man versteht doch eh nichts“, wandte Nina ein.

„Na, zum Glück. Das ist echt unterste Schublade. Teufel hier … Hölle da … alles ziemlich abgedroschener Satanskram“, erklärte er.

„Und woher weißt du das, wenn man den Sänger doch gar nicht versteht?“, interessierte es Nina.

„Weil ich die Texte gelesen habe, mein Schatz. Sarika hat sie neulich im Proberaum liegen lassen“, gestand er und grinste nun wieder.

Eine weitere Konversation mit ihm war nicht möglich, da die Band gerade wieder mit dem nächsten Stück einsetzte.

Klaus hatte also die Texte gelesen, die seine erwachsene Tochter im Proberaum hatte liegen lassen. War das okay?, kam es ihr kurz in den Sinn. Natürlich war das okay. Immerhin brüllte der Typ da vorne eben diese Songtexte gerade ziemlich öffentlich in die Menschenmenge. Solange Klaus nicht auch noch Sarikas Tagebuch oder ihre Post checkte, war doch alles okay. Im Grunde war es ja sogar sehr großzügig von ihm, dass er die Band seiner Tochter im Gartenhaus der Villa, das er vor Jahren mit seinen eigenen Bandkumpels zum Übungsraum ausgebaut hatte, üben ließ. Nicht alle Eltern wären damit einverstanden, wenn die Heavy Metal Band ihrer Zöglinge im heimischen Garten übte. Wenn die Kids dann mal ihre Noten und Texte liegen ließen, durften sie sich auch nicht beschweren, wenn die Altrocker aus Papas Kapelle mal einen Blick darauf warfen.

Applaus brandete auf, nachdem Sarika mit einem atemberaubenden Gitarrensolo das letzte Stück beendete und die Band dann hastig von der Bühne eilte, auf der sofort eine Schar von Technikern einfiel, um das Equipment abzubauen und durch anderes zu ersetzen. Nina war neugierig, welche Combo als Nächstes das abgelegene Tälchen bei dem kleinen Ort Weiselstein beschallen würde. Das Programm bei „Rock am Hang“ war wie immer bunt gemischt. Von Blues, über Deutschrock bis hin zu Metal war alles dabei.

Interessieren würde Nina im Moment aber mehr, was ihre Stieftochter Sarika gerade mit dem Sänger ihrer Combo diskutierte. Obwohl die beiden sich rechts neben der Bühne ziemlich lautstark stritten, konnte sie wegen der Umgebungsgeräusche auf so einem Festival kein einziges Wort verstehen.

„Was ist denn da los?“, fragte Klaus neben ihr, der den Streit nun ebenfalls bemerkt zu haben schien.

„Keine Ahnung. Aber wie es ausschaut, haben die beiden mächtig Stress miteinander“, schilderte Nina ihre Eindrücke.

Der lange blonde Sänger fasste Sarika nun am Arm und zog sie zu sich. Es schien fast, als wolle er sie küssen. Doch so weit kam es nicht mehr, da das Mädchen ihm ihr Knie in die Weichteile rammte, woraufhin er mit schmerzerfülltem Gesicht zu Boden ging.

„Jetzt reicht’s“, hörte Nina Klaus sagen, der seine Bierflasche auf die Theke knallte und Anstalten machte, zu seiner Tochter zu rennen. Nina fasste ihn hinten am T-Shirt und zog ihn zurück.

„Du bleibst schön hier, mein Lieber“, raunte sie ihm dabei zu.

„Aber …“

„Nix aber“, unterbrach sie ihn. „Deine Tochter ist alt und tough genug, um solche Probleme selbst zu klären“, erklärte sie und beobachte weiter. Sarika hatte sich abgewandt und ging nun in den Pavillon neben der Bühne, wo sie in aller Seelenruhe ihre Gitarre in den dazugehörigen Koffer packte. Die Schlagzeugerin der Band, ein dünnes, blasses Mädchen mit langen, gelockten Haaren, trat zu ihr, klopfte ihr auf die Schulter und sagte etwas. Der Sänger, Nina glaubte sich zu erinnern, dass der Fabrice hieß, ließ sich von einem Nina unbekannten langhaarigen Mann um die dreißig aufhelfen.

„Die Mädels sollten sich schleunigst einen anderen Frontmann besorgen“, fand Klaus derweil und nippte nun wieder an seinem Bier.

„Warum Frontmann? Eine Frontfrau würde doch viel besser zu den vier Mädels passen“, erwiderte Nina.

Klaus schüttelte den Kopf.

„Nee, Schatz, beim besten Willen nicht. Zu einer ordentlichen Metal Band gehört ein Sänger und keine Piepsemaus“, meinte er und sah sie dabei ziemlich empört an.

Nina, die gerade einen Schluck trinken wollte, setzte ihre Flasche wieder ab.

„Sag mal, geht’s noch? Machst du hier jetzt einen auf Obermacho?“, schimpfte sie.

„Nein, aber nenn mir doch mal eine erfolgreiche Metal Band mit Sängerin“, fragte er und klang dabei sehr siegessicher.

Nina musste nicht lange überlegen. „Warlock mit Doro Pesch, Lita Ford“, wusste sie gleich zwei starke Powerfrauen. „Nightwich“, mischte sich ein Riese mit Glatze ein.

„Super, Thilo, fall du mir auch noch in den Rücken“, meckerte Klaus den Bassmann der Gebrüder Poweronoff an und musste dann selber lachen.

„Und das ist tatsächlich deine Tochter?“, wollte Thilo indes wissen und deutete mit einer Kopfbewegung auf Sarika, die mit ihrem Gitarrenkoffer in der Hand nun direkt auf den Bierstand zukam.

„Jepp, das ist tatsächlich meine Tochter … von der ich zugegebenermaßen erst vor anderthalb Jahren erfahren habe, dass es sie gibt“, erklärte Klaus.

Thilo nickte und streckte Sarika nun die Hand hin.

„Hallo, super gespielt. Ich bin Thilo Heß“, stellte er sich vor.

Sarika lächelte. „Sarika Zielner. Ich hab’ dich schon mal mit deinen Gebrüdern gesehen … find ich echt stark, was ihr da macht, so diese Klassik mit Stromgitarren“, erwiderte das Mädchen.

„Na ja, du und deine Mädels seid aber auch nicht übel. Schade, dass wir Brüder vollzählig sind und gerade keine Schwester Poweronoff benötigen“, flachste der große Mann mit dem in der Sonne glänzenden haarlosen Haupt.

Sarika verzog das Gesicht.

„Na ja, so gut fand ich uns jetzt gar nicht. Vor allem gesangstechnisch ist bei uns noch eine Menge Luft nach oben“, räumte sie ein und verdrehte die Augen.

„Hab’ ich dir schon nach eurer letzten Probe gesagt. Am besten, ihr serviert den Idioten ab und sucht euch jemanden, der es auch draufhat“, gab Klaus seine Meinung zum Besten.

Sarika nickte und reichte ihm dann den Koffer mit dem Instrument.

„Du, Papa, kannst du die mit nach Hause nehmen? Ich möchte noch mit den anderen zu Selina nach Friesenhagen. Wir müssen den Gig mal in Ruhe analysieren und bequatschen, wie es weitergehen soll.“

Klaus sah sie mit großen Augen an.

„Wie, ihr wollt schon los? Es spielen doch noch drei andere Bands“, fragte er erstaunt. Auch Nina war ein wenig enttäuscht, dass ihre Stieftochter nicht noch bleiben wollte. Sie mochte die junge Frau, die vor knapp anderthalb Jahren wie ein Orkan in ihr Leben geweht worden war. Die Tochter ihres Mannes aus einer längst vergessenen Beziehung, lange bevor Nina und er zusammengekommen waren.

„Okay, klar nehme ich die Gitarre mit“, antwortete Klaus und nahm den Koffer entgegen.

„Danke, Papa“, freute Sarika sich, sprang Klaus förmlich an den Hals, gab ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand in der Menschenmenge.

„Aber fahr nicht mehr, falls du was trinkst“, rief Klaus ihr, wie Nina fand unnötigerweise, hinterher. Zum einen, weil Sarika überhaupt nicht mit ihrem Wagen unterwegs war, der stand zu Hause im Carport, und zum anderen, weil das Mädchen für ihr Alter wirklich sehr vernünftig war.

„Tja, die Jugend von heute, wir waren früher immer die Letzten, die nach einem Auftritt die Kneipe verlassen haben“, fand Thilo.

„Und genau deshalb bestell ich uns jetzt auch noch ein Bier“, beschloss Nina und orderte dem Bassmann gleich eins mit.

Kapitel 1

Sonntag, 8. August 2021, 7:52 UhrBetzdorf/Villa Schmitz

Ninas Schädel fühlte sich an, als habe man ihn in einen Schraubstock eingeklemmt. Sie mochte „Eyes without a face“ von Billy Idol. Aber nicht mitten in der Nacht.

„Magst du nicht mal an dein Handy gehen?“, hörte sie Klaus hinter sich brummen.

Nein, Nina mochte jetzt nicht an ihr Handy gehen. Heute war Sonntag, da ging man nicht vor dem Aufstehen ans Telefon. Dennoch tastete sie nun auf dem Nachttisch nach dem Störenfried und nahm das Gespräch, ohne auf das Display zu sehen, an.

„Ja“, hauchte sie in das Gerät.

„Moin, Nina“, erkannte sie die Stimme ihres Kollegen Thomas Kübler.

„Sag mal, hast du eine Ahnung, wie spät das ist?“, fragte sie.

„Ja, gleich acht Uhr“, gab Kübler Auskunft.

„Okay … Danke für die Info“, erwiderte sie und schlug nun endlich auch die Augen auf. Durch die Ritzen der Rollläden drang spärlich Licht in das Zimmer. Draußen war es tatsächlich schon hell.

„Sieh zu, dass du in Wallung kommst, Nina. Ich bin in etwa zehn Minuten bei dir, um dich abzuholen“, meinte er, als sei dies ausgemachte Sache. Sie schwang sich aus dem Bett.

„Was? Nee … Warum das? Ich hab frei … Sonntag“, widersprach sie ihm und drückte mit der freien Hand gegen ihre Schläfe. Ein sinnloses Unterfangen, das die Kopfschmerzen auch nicht vertrieb. Sie vertrug einfach keinen Alkohol mehr. Vor zehn Jahren hätten ihr die paar Bier und Schnäpse überhaupt nichts ausgemacht.

„Wir haben einen Toten in Friesenhagen, und so, wie die Kollegen von der Streife den Fall schildern, möchtest du dir das bestimmt selbst ansehen“, antwortete er.

„Will ich das? Was ist denn los?“, wollte sie nicht wirklich wissen.

„Ja, willst du. Alles andere gleich im Wagen. Mach hin“, fand er und hatte, bevor Nina noch etwas fragen konnte, bereits aufgelegt.

„Musst du weg?“, fragte Klaus.

„Scheint so“, antwortete sie und überlegte dann tatsächlich kurz, sich noch einmal für eine Minute hinzulegen. Vielleicht hätte sie es auch getan, wenn da nicht ein Wort von Kübler gewesen wäre, das eine Unruhe in ihr verursachte. Friesenhagen! Hatte Sarika da nicht gestern am Abend noch hingewollt? Ja, hatte sie.

Nina erhob sich und tapste durch das Halbdunkel bis zur Schlafzimmertüre, wo sie noch einmal kurz stehen blieb.

„Bist du so lieb und kochst mir einen Kaffee, während ich mich anziehe?“

Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, da sie sich sicher war, dass Klaus ihrem Wunsch nachkommen würde. Stattdessen trat sie auf den Flur und warf erst einmal einen Blick über das Geländer nach unten in die Diele. Vor der Garderobe auf dem Boden lagen Sarikas Schuhe und ihre Lederjacke. Das war gut. Nicht, dass sie es toll fand, dass ihre Stieftochter ihre Klamotten auf den Boden warf. Nein, es erleichterte sie nur ungemein, dass Sarika überhaupt zu Hause war. Die Vorstellung, einmal zu einem Tatort oder Todesfall gerufen zu werden, an dem ein von ihr geliebter Mensch ums Leben gekommen war, verfolgte sie ständig.

Als Nina mit noch feuchten Haaren und einem großen Becher dampfenden Kaffees aus dem Haus kam, wartete Kübler bereits im Dienstwagen in der Einfahrt.

„Moin“, begrüßte sie ihn, als sie die Tür öffnete und sich auf den mit Lammfell überzogenen Beifahrersitz fallen ließ. Seinen Blick auf den Kaffeepott bemerkte sie sofort.

„Eh, muss das sein?“, kam auch nun prompt die Frage.

Nina antwortete nicht. Sie wusste genau, was er meinte.

Kübler hasste es, wenn sie ihren Kaffee während der Fahrt im Wagen trank. Angeblich aus Angst, sie würde die Sitze einsauen. Wobei es auf einen Fleck mehr oder weniger in der Kiste wirklich nicht ankam. Niemand, der die Karre so sah, konnte sich auch nur im Ansatz vorstellen, wie die originalen Polster unter den alten Lammfellschonbezügen aussahen. Der rote Porsche 911 Turbo hatte nämlich zuvor einem Zuhälter gehört, der seinem Beifahrer bei einem Streit während der Fahrt ein Messer in die Halsschlagader gerammt hatte. Eine Wahnsinnssauerei. Flecke, die aus dem hellen Leder nie mehr rausgehen würden.

„Also, was gibt es denn, was ich mir bestimmt selbst anschauen möchte?“, kam sie, während sie sich anschnallte, lieber sofort zum Wesentlichen.

Kübler stöhnte recht theatralisch und fuhr los.

„Kennst du die rote Kapelle bei Friesenhagen?“, fragte er.

„Nein. Muss ich die kennen?“, entgegnete sie.

„Ja, als heimatverbundener Mensch solltest du die kennen“, meinte er.

„Ich bin Halbitalienerin. Da muss ich nur halb so viele Orte kennen wie du – oder warst du schon mal in der Via Santa Maria del Pianto?“

Sie bemerkte, wie er fragen wollte, was das sei.

„Kübler, was ist da in Friesenhagen los?“, wiegelte sie jedoch ab, bevor er den Mund aufmachen konnte.

„Unweit der Kapelle wurde heute Morgen von mehreren Personen ein Feuer gemeldet. Irgendwer hat einen Polder mit Holz angezündet. Die Feuerwehr ist ausgerückt, um zu löschen, und hat vor Ort einen oder eine Tote gefunden … genau kann man das wohl ohne einen Gerichtsmediziner nicht mehr feststellen“, berichtete er.

„So stark verkokelt?“, hakte sie nach und nippte an ihrem Kaffee, der gerade wirklich äußerst guttat. Es war verdammt spät geworden die letzte Nacht.

Bis Friesenhagen fuhren sie schweigend. Nina schlürfte ihren Kaffee und las dabei auf ihrem Mobiltelefon. Die Zwillinge, Chiara und Matteo, hatten ihr geschrieben. Natürlich nicht sie selbst. Die beiden gingen ja erst in die Kita und konnten weder schreiben noch besaßen sie ein Handy. Nein, Oma Inge, bei denen die beiden letzte Nacht geschlafen hatten, hatte das erledigt. Sogar mit einigen Fotos, die die beiden am Frühstückstisch mit Opa Hans Peter zeigten.

„Da oben ist die Kapelle“, meinte Kübler, als sie von Engelshäuschen kommend kurz vor Friesenhagen aus dem Wald kamen. Nina entdeckte die kleine rote Kirche auf dem Hügel hinter dem Dorf sofort. Sie war nicht zu übersehen, obwohl es bis dorthin vermutlich noch zwei bis drei Kilometer Luftlinie waren. Das rot angemalte Gebäude, mit den Bäumen und den Löschfahrzeugen der Feuerwehr daneben, hob sich vom ansonsten strahlend blauen Himmel ab.

„Warum muss man das Kapellchen eigentlich kennen? Von solchen Kapellen gibt es doch bestimmt Hunderte oder gar Tausende in ganz Deutschland?“, fragte sie und reckte sich nach hinten, um den leeren Kaffeebecher hinter den Fahrersitz zu stellen.

„Wegen der Vorgeschichte“, antwortete Kübler und verzog missbilligend das Gesicht.

„Aha“, meinte sie nur, da sie immer noch nicht verstand, was er ihr damit sagen wollte.

„Da, wo heute die Kapelle steht, war früher eine Richtstätte. Im siebzehnten Jahrhundert wurden dort verurteilte Hexen verbrannt“, legte Kübler nach.

Nina blickte ihn an.

„Nicht dein Ernst, oder? Hexenverbrennung? Hier bei uns?“

„Doch, klar. Hier war es sogar besonders schlimm. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurden da, wo heute die Kapelle steht, an die zweihundert angebliche Hexen hingerichtet“, wusste er.

„Und du meinst, der oder die Tote da oben …“, Nina deutete den Hügel hinauf. Sie fuhren nun durch den Ort. Von hier aus konnte man die Kapelle wegen der Häuser gerade nicht sehen.

„Ich mein gar nichts … Erst mal schauen, was da genau los ist“, winkte Kübler ab.

Nina musste zugeben, dass sie nun doch irgendwie neugierig auf diesen Fall war. Dennoch war ihr mulmig zumute, und auch diese seltsame nicht zu beschreibende Nervosität war nun wieder da. Als sie mit gerade mal zwanzig zu ihrem ersten Tatort fuhr, hatte sie diese Unruhe zum ersten Mal gespürt. Damals hatte sie noch geglaubt, es würde sich irgendwann legen – dass der Tod eines Menschen irgendwann zur Normalität werden könnte. Heute wusste sie, dass dies niemals so sein würde. Der gewaltsame Tod eines Menschen war nicht normal und könnte es, zumindest für sie, niemals werden. Ja, sie war Profi. Ein alter Hase. Doch selbst Gesichter aus Fällen, die schon lange zurücklagen, kamen sie gelegentlich in ihren Träumen besuchen. Das Einzige, was sie als Polizistin für die Verstorbenen noch tun konnte, war, deren Mörder zu finden. Darin waren sie und ihr Team gut. Ihre Aufklärungsrate überdurchschnittlich.

Auf der Bergkuppe angekommen, ging es nach links in einen geteerten Forstweg. Nina fiel ein Schild an der Abzweigung auf. Bis Wildenburg, dem kleinen Ort mit der Burg, die ihm den Namen gab, war es nur noch ein Kilometer. Dort war sie schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Das Wildenburger Land war ein Zipfel des Landkreises, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Kleine Orte, einzelne Höfe, eine Burg, das Wasserschloss Crottorf. Ein Paradies für Wanderer und Menschen, die bergige Natur liebten.

Die verkohlten Überreste des Holzpolders, auf dem der verbrannte Körper lag, strahlten immer noch Restwärme aus, als Nina den Platz mit der mächtigen Linde vor der kleinen Kapelle betrat.

Gerichtsmediziner Doktor Sebastian Wagner beugte sich gerade über die Überreste.

„Moin, Sebastian“, begrüßte sie ihn freundlich und fragte sich, warum der Pathologe eigentlich fast immer vor ihr an den Tatorten war. Hatte der einen siebten Sinn oder waren sie und Kübler einfach immer nur zu langsam?

„Guten Morgen, liebe Nina … guten Morgen, Herr Kübler“, grüßte der Arzt froh gelaunt mit den Worten zurück, die Nina sich gerade verkniffen hatte. Heute war nämlich gar kein guter Morgen. Vor ihr lag eine Leiche, und ihr Kopf fühlte sich immer noch an, als wäre sie gegen eine Wand gerannt. An Tagen wie heute reichte ein einfaches Morgen oder Moin.

„Ohne dass ich drängeln möchte, Sebastian, was können Sie denn schon sagen?“, erkundigte Nina sich vorsichtig.

„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass der Mann bereits tot war, als man ihn angezündet hat“, antwortete Wagner.

„Es ist also ein Mann?“, schlussfolgerte Nina.

„Ja, ich denke, das ist ziemlich eindeutig. Der Körper ist bei Weitem nicht so stark verbrannt, wie es auf den ersten Blick scheint“, erklärte der Arzt.

„Was ist das denn da auf seiner Brust?“, wollte Kübler wissen und deutete auf die Stelle. Nina wusste sofort, was das war, glaubte aber ihren Augen nicht zu trauen.

„Das ist sein Kopf. Er wurde enthauptet, bevor man ihn verbrannt hat – daher auch die Annahme, dass er tot war, bevor man ihn anzündete“, bestätigte Wagner recht sarkastisch, was sie bereits vermutete.

„Dann würde ich mal sagen, dass es nichts mit dem Ort und diesem alten Hexenglauben zu tun hat“, schlussfolgerte Thomas wie immer ziemlich voreilig.

„Thomas, wir sind noch keine Minute hier und du schließt irgendetwas aus. Meinst du nicht, das wäre ein wenig voreilig?“, rügte sie ihn deshalb.

„Nee, mein ich nicht. Aber jeder weiß doch, dass Hexen immer an einem Stück und lebendig verbrannt wurden“, erwiderte er.

„Und das weiß jeder woher?“, wurde sie nun schon etwas grantig. Sie hasste diese Art von Diskussionen mit ihm. Kübler war belesen und bestimmt nicht dumm. Dennoch erinnerte er sie gelegentlich an dieses Schweinchen Schlau aus den Cartoons.

„Das weiß man eben!“, ließ er nicht locker.

„Seltsam, einer der Feuerwehrleute hier aus dem Ort hat mir eben berichtet, dass bei den damaligen Hexenverbrennungen an dieser Stelle die Delinquenten zuerst enthauptet wurden, bevor man sie verbrannte“, mischte sich nun Doktor Wagner ein.

„Na, dann hat der eben keine Ahnung“, beharrte Kübler.

„Soll angeblich so in den Gerichtsakten stehen, die gibt es als Buch veröffentlicht“, legte Wagner noch einen drauf.

Es war dem Mediziner anzusehen, dass es ihm einen Heidenspaß machte, Kübler zu belehren. Ein Spaß, der Nina in Anbetracht des verkohlten Leichnams doch sehr makaber und nicht angebracht erschien.

„Ich denke, wir sollten uns erst einmal das nähere Umfeld ansehen. Vielleicht finden wir ja noch Spuren, die nicht vom Löschwasser hinfortgespült oder von den Feuerwehrleuten zertrampelt wurden. Besser, du rufst den Rest der Truppe zusammen. Wir brauchen hier das gesamte Team und am besten noch eine Hundertschaft, um das Gelände weiträumig abzusuchen“, schlug Nina an Kübler gewandt vor. Der Kollege nickte und zückte sein Handy. Nina ging derweil zu den beiden uniformierten Kollegen der Schutzpolizei, die abseits bei einem Streifenwagen standen und sich mit einem Feuerwehrmann unterhielten. Dabei überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf. Die dringlichste Frage war derzeit, um wen es sich bei dem Toten handelte. Seine Kleidung, soweit er welche getragen hatte, schien das Feuer bereits komplett vernichtet zu haben. So etwas ging immer sehr schnell. Ein Körper hingegen brannte nur äußerst schlecht. In Filmen wurde das immer ziemlich simpel dargestellt. Da reichte oft schon ein Kanister Benzin, um einen Leichnam zu verbrennen. In der Realität sah dies allerdings anders aus. Es brauchte eine Menge Energie und Brennstoff, um einen Leichnam zu beseitigen. Sollte der Tote Ausweispapiere dabeigehabt haben, waren diese vermutlich vollständig verbrannt oder lagen vielleicht noch irgendwo in der Umgebung. Sie würden alle Kräfte benötigen, die sie zusammenziehen konnten, um jeden Stein und jeden Grashalm im näheren Umkreis umzudrehen. Außerdem würden sie checken müssen, ob in den letzten Stunden jemand als vermisst gemeldet worden war. Alles in allem wartete eine Menge Arbeit auf sie und das Team.

Sarika ging es mies. Wenn sie nicht so nötig aufs Klo gemusst hätte, wäre sie auch nicht aufgestanden, sondern hätte vermutlich den ganzen Tag verpennt. Sie schlurfte zur Toilette, erledigte, was zu erledigen war, und trottete dann weiter in die Küche, um ein Glas Wasser gegen ihren Mordsdurst zu trinken.

„Guten Morgen, mein Sonnenschein“, begrüßte ihr Papa Klaus sie.

Sie presste etwas hervor, das entfernt an ein „Moin“ erinnerte, und nahm sich ein Glas aus dem Schrank. Wie konnte einer am frühen Sonntagmittag nur so gut gelaunt sein, wie ihr Erzeuger es immer war?

„Und wie war dein Abend noch?“, wollte er nun auch noch wissen.

„Ganz nett“, antwortete sie jetzt einfach mal. Was sollte sie auch sonst sagen? Sie hatten bis spät in die Nacht bei ihrer Freundin Selina im Garten gefeiert. Außer der Band war auch noch so ziemlich ihre komplette Abistufe dort gewesen. Irgendwann hatte Sarika dann keinen Bock mehr gehabt und nur noch nach Hause gewollt. Leon Balke, ein Schulkamerad von ihr, der, warum auch immer, ebenfalls auf der Fete gewesen war, hatte sich angeboten, sie nach Hause zu fahren. Eine nette Geste des Jungen, mit dem sie in den letzten anderthalb Jahren, seit sie auf diese Schule ging, noch kein Wort gewechselt hatte. Eine Konversation auf dem nächtlichen Nachhauseweg war ebenfalls gescheitert, da sie, kaum bei ihm eingestiegen, auch zum ersten Mal weggenickt war und er sie erst hier in der Einfahrt wieder geweckt hatte.

Sie füllte das Glas randvoll mit Leitungswasser, tapste zum Tisch und ließ sich auf die Eckbank sinken.

„Es gibt auch noch Kaffee“, sagte Klaus.

Sarika nickte. Ein Kaffee käme nach dem Wasser ganz gut. Der trockene Geschmack in ihrem Mund war widerlich.

„Mit Milch und einer Kopfschmerztablette dabei?“, erkundigte Klaus sich. Sie sah ihn an und zwang sich zu einem Lächeln.

„Boahhhh, Papa … Das is echt nicht komisch“, sagte sie und trank dann einen Schluck. Er kicherte und erhob sich.

Sarika legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie hörte, wie er eine Tasse aus dem Schrank nahm, sie füllte und die Milch einrührte.

„Bitte schön“, sagte er schließlich und stellte die Tasse vor sie auf den Tisch. Als Sarika hinsah, lagen neben dem Kaffeepott tatsächlich eine weiße Tablette und ihr Handy.

„Danke, Papa. Wo kommt denen jetzt mein Handy her?“, wunderte sie sich. Vorhin in ihrem Zimmer war ihr zwar kurz aufgefallen, dass es nicht da war, den noch hatte sie keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.

„Das steckte noch in deiner Jeansjacke. Zusammen mit deinem Portemonnaie, einigen Schmierzetteln und benutztem Kaugummipapier“, erwiderte er und setzte sich wieder zu ihr an den Tisch. Erst jetzt bemerkte sie die Gitarre, die neben Werk- und Reinigungszeugs vor ihm lag. Es handelte sich um ihre pinkfarbene Jem 777 Steve Vai Signature. Die, die sie gestern beim Auftritt gespielt hatte.

„Ähm … Warum wühlst du in meinen Taschen? Und was machst du da mit meiner Ibanez?“, erkundigte sie sich leicht irritiert.

„Die Jacke lag total verdreckt auf dem Boden vor der Garderobe. Ich hab’ die Taschen entleert und sie zusammen mit der anderen Wäsche in die Waschmaschine gesteckt“, antwortete er und hob dann die Gitarre ein Stück an, damit sie die Oberfläche sehen konnte. Das Instrument war, um es gelinde auszudrücken, total versifft. Schweiß, Bier und Haare klebten auf dem neonpinken Lack. Die Saiten waren bräunlich angelaufen. Der ganz normale Wahnsinn nach einem Gig bei fünfunddreißig Grad im Schatten.

„Ich dachte, ich mach sie mal sauber und zieh dir neue Saiten auf.“

„Ohhh“, antwortete sie nur, beugte sich dann zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange.

„Danke, Paps. Wär’ aber nicht nötig gewesen. Ich hätte, solange die Ibanez dreckig ist, halt eine von deinen Klampfen benutzt“, unkte sie.

„Jepp, und genau deshalb hab’ ich mir gedacht, ich erledige das eben schnell für dich“, lästerte er zurück.

Mit dem letzten Schluck Wasser nahm sie die Tablette ein und nahm sich dann des Kaffees an. Er tat wahrlich gut. Zwar half der nicht gegen den Kater, doch zumindest der pelzige Geschmack auf ihrer Zunge ließ ein wenig nach.

„Sag mal, Sarika, war das Blut auf deiner Jacke eigentlich von dir? Hattest du wieder Nasenbluten?“, fragte Klaus, während er den Body der Gitarre mit einem feuchten Tuch abwischte.

„Ach das … Nee, das war nicht von mir“, antwortete sie und musste nun automatisch wieder an den kleinen Eklat am gestrigen Abend denken.

Klaus nickte zufrieden, schien aber immer noch auf eine Erklärung zu warten. Obwohl Sarika ihren Vater erst seit etwas über anderthalb Jahren kannte, waren da ein sehr inniges Band und eine große Vertrautheit zwischen ihnen beiden. Ständig bekam sie mit, dass Freunde und Bekannte in ihrem Alter Stress mit den Eltern hatten. Bei ihr war das nicht so. Vielleicht lag es daran, dass sie Klaus erst kennengelernt hatte, als sie bereits erwachsen war. Er war mehr ein guter Freund als ihr Vater. Sie beide hatten so viel gemeinsam. Nicht nur die Musik. Wobei die schon einen besonderen Stellenwert zwischen ihnen einnahm. Musik war einfach ihr beider Ding. Auch das Verhältnis zu ihrer Stiefmutter Nina würde Sarika als ausgesprochen gut bezeichnen. Nina hatte sie, die Tochter aus einer früheren Beziehung ihres Mannes, mit offenen Armen aufgenommen und respektierte sie so, wie sie war. Klar waren sie nicht immer einer Meinung. Gelegentlich krachte es auch schon mal. Doch nach Regen kam bekanntermaßen auch immer wieder Sonnenschein. Kurzum, Sarika war gerne hier bei ihrem Vater und dessen Familie im Westerwald.

„Das Blut stammt von Fabrice“, gab sie deshalb zu.

„Eurem Gesangstalent?“, höhnte Klaus.

„Ja … nee … Das hat sich gestern Abend ausgesungen mit dem Arsch“, erklärte sie.

„Ihr habt ihn also endlich gefeuert?“ Die schadenfrohe Erleichterung in seiner Stimme war überdeutlich zu vernehmen. Sarika wusste, dass ihr Vater Fabrice vom ersten Moment an nicht hatte leiden können. Sie hatte das zuerst anders gesehen … anders sehen wollen. Der Typ sah gut aus, seine Gesangsstimme war nicht schlecht, taugte aber für die Art von Musik, die sie machen wollten, nicht wirklich. Fabrice wäre vermutlich in einer Schlagercombo besser aufgehoben. Wenn er lauter oder höher sang, wie es im Metal häufig vorkam, kippte seine Stimme und war nur noch Geschrei abseits der Tonlage. Sarika hatte sich von ihm blenden lassen. Ja, sie hatte sogar einen Moment geglaubt, etwas für ihn zu empfinden. Doch da war sie nicht die Einzige gewesen. Fabrice hatte alles angegraben, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

„Ja, haben wir“, bestätigte sie, obwohl es nicht ganz dem entsprach, was geschehen war. Doch was zählte, war schließlich das Endergebnis.

„Und? Habt ihr schon jemand Neuen?“, wollte Klaus wissen. Sarika verdrehte die Augen. Irgendwie war ihr das heute Morgen viel zu viel Konversation.

„Nee, wir überlegen noch. Es gibt Ideen, is aber jetzt auch nicht so wichtig“, wich sie aus und griff sich ihr Mobiltelefon vom Tisch, um zu schauen, ob es eventuell Kommentare oder Posts zu dem gestrigen Auftritt bei Instagram, Facebook und Co. gab.

Bereits einer der ersten Beiträge in ihrer Timeline erweckte Sarikas Aufmerksamkeit. Fabrice, ihr Ex-Frontmann, hatte ein Video auf der Fanpage der Band hochgeladen und geteilt. Sie klickte darauf und schaltete den Ton ein. Der würde doch jetzt hoffentlich nicht öffentlich über seinen Abgang aus der Band lamentieren. So ein Mist. Sie hätte ihm gestern Abend noch die Adminrechte auf die Witchwar-Page aberkennen sollen.

Das Filmchen war von schlechter Qualität. Alles viel zu dunkel. Das Einzige, was man erkennen konnte, war Fabrices Gesicht. Sein Auge war zugeschwollen und blutunterlaufen. Hatte sie tatsächlich so hart zugeschlagen? Vielleicht wegen des Schlüsselbundes? Auf seiner Stirn war, vermutlich mit Blut, die Zahl 666 geschmiert oder sogar eingeritzt worden. Das Licht flackerte auf seinem ansonsten blassen Antlitz. Sarika kniff die Augen zusammen und sah genau hin. Ja, das schienen eindeutig Kerzen zu sein, die sich in seinen glasigen Pupillen spiegelten. Fabrice weinte. Wobei das nichts heißen musste, da er dies, wie Sarika glaubte, auf Kommando konnte. Der Typ war ein Waschweib sondergleichen.

„Mein Name ist Fabrice Gladenberg. Ich bekenne mich schuldig der Hexerei. Ich habe dem Zauberlaster gefrönt und mehrfach bösen Zauber getan. Ich habe mit dem Teufel gebuhlt und bin von Gott abgefallen“, wimmerte Fabrice. Sarika starrte mit aufgerissenem Mund gebannt auf den kleinen Bildschirm. So eine Wahnsinnsshow und ein schauspielerisches Talent hätte sie dem Depp gar nicht zugetraut. Die Frage war nur, was er damit bezweckte. Sie merkte, wie Klaus sich erhob und sich zu ihr auf die Eckbank schob, und hielt das Gerät nun so, dass er mitschauen konnte.

„Auf den Tanzplätzen habe ich mit den anderen Hexen und Hexern unzüchtig getanzt, getrunken und gebuhlt. Gesehen habe ich dort Lena Binenbacher, Selina Marksdorf, Fabienne Luca und Sarika Zielner“, stammelte er nun auch noch die Namen der kompletten Bandmitglieder herunter. Dann war das Video zu Ende.

Sarika zitterte vor Wut. Was zum Kuckuck sollte dieser Mist?

„Spiel das bitte noch mal ab“, bat Klaus sie. Sarika wollte schon den Play-Button betätigen, als das Telefon in ihren Händen zu vibrieren begann. Der Anruf kam von Selina. Sarika konnte sich denken, was die Bassistin wollte. Vermutlich hatte sie das Video ebenfalls gerade gesehen.

Kapitel 2

Sonntag, 8. August 2021, 9:13 UhrFriesenhagen/Rote Kapelle

Nina nutzte die Zeit bis zum Eintreffen der Kollegen von der KTU, um sich die Umgebung anzusehen. Thomas war zum Auto gegangen, um seine Kamera zu holen. So etwas brauchte Nina nicht. Teure Kameras wurden ihrer Meinung nach heutzutage, wo es Mobiltelefone mit einer solchen Funktion gab, vollkommen überbewertet. Sie war selbst immer wieder erstaunt, wie toll zum Beispiel die letzten Urlaubsfotos geworden waren. Super Farben und alles gestochen scharf. Wenn sie da an solche Bilder aus ihrer Jugend dachte, die mit einem für damalige Verhältnisse super Fotoapparat gemacht worden waren, dann war das kein Vergleich mehr.

Sie zückte also ihr Handy und begann zu fotografieren. Die beiden Bäume vor der Kapelle, die Kapelle selbst, die Hinweistafel aus Holz, auf der auf die Hexenprozesse vor beinahe vierhundert Jahren eingegangen wurde.

Bilder vom Tatort und der Umgebung konnte man nie genug haben. Außerdem kosteten Handyfotos ja nichts, da man anders als früher keinen Film entwickeln musste.

Sie ging zur Kapelle, betrachtete die Tür und stutzte, als sie die Blutstropfen auf der steinernen Stufe und dem Basaltpflaster davor entdeckte. Nina beugte sich vor und sah durch die kleine Scheibe. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass die Kapelle so hübsch eingerichtet war. Alles sah aus, wie man es auch in einer richtigen Kirche erwarten würde. Der Boden war aus Steinplatten, auf denen zwei Teppichläufer lagen. Der eine von der Türe zum Altar. Der andere quer vor selbigem. Rechts und links an der Wand standen Klappstühle aus Holz mit roten Sitzkissen. Im gleichen Rot wie das Tuch auf dem Altar. In der Nische, hinter dem mit frischen Blumen und Kerzen geschmückten Altar, thronte lebensgroß die Gottesmutter. Wobei …nein. Eine Marienstatue konnte das eigentlich nicht sein, da diese ja das Jesuskind im Arm gehalten hätte. Stattdessen hielt diese Frau ein offenes Buch in den Händen. Zu ihren Füßen kniete ein Kind. Vermutlich irgendeine Heilige und für den Fall nicht weiter wichtig.

Aus einer Eingebung heraus drückte Nina die Klinke der Tür herunter und war nicht wirklich erstaunt, dass das kleine Gotteshaus nicht verschlossen war. Sie zerrte das Paar Einweghandschuhe, das sie sich aus Küblers Wagen mitgenommen hatte, aus der rechten vorderen Tasche ihrer Jeans und streifte sie über. Erst dann betrat sie die Kapelle.

„Och, Mensch, Nina, muss das sein?“, hörte sie hinter sich die Stimme von Torsten Liebig sagen. Sie drehte sich um und sah ihn an. Er steckte wie immer, wenn er einen Tatort betrat, in einem der Einwegpapieranzüge.

„Wieso, was meinst du?“, erkundigte sie sich, obwohl sie genau wusste, was er meinte. Wenn es in der Kapelle etwas zu finden gab, wenn hier ein Tatort war, dann war sie gerade dabei, ihn mit ihren Spuren zu kontaminieren. Dass hier etwas geschehen war, schien ihr beinahe außer Frage.

„Das weißt du ganz genau“, beschied der Kollege sie derweil.

Nina ließ sich nicht beirren und blickte sich um. Mitten in dem Raum stand außer einem der Klappstühle ein Gestell für Opferkerzen. Rechts neben dem Altar lagen auf einen Haufen geworfen Kleidungsstücke und ein abgegriffener Rucksack. Überall auf dem steinernen Fußboden rechts und links des Teppichs befanden sich kleinere Blutspritzer. Zumindest ging sie nicht davon aus, dass hier jemand Farbe verspritzt hatte.

„Nina, jetzt komm da raus“, quengelte Torsten.

„Jaja … schon gut. Aber ich möchte als Erstes gerne wissen, was da in dem Rucksack ist“, antwortete sie, deutete auf das Objekt der Begierde und bewegte sich dabei langsam rückwärts in Richtung Ausgang.

„Nina, kommst du mal?“, hörte sie Thomas rufen, der zusammen mit Kriminaloberkommissarin Heike Friedrich-Liebig, der Frau von Torsten, an der Motorhaube eines Streifenwagens lehnte und auf ein Computertablet starrte.

Nina ging zu ihnen hin und begrüßte erst einmal Heike mit einer freundschaftlich angedeuteten Umarmung. Die Beziehung zu der Kollegin war noch nie so gut gewesen wie in den letzten Monaten. Anfangs, damals bei ihrer ersten Begegnung, hatte Nina die blonde Frau mit der Wuschelmähne überhaupt nicht leiden können. Doch mittlerweile war da eine richtige Freundschaft gewachsen.

„Moin, Heike, was gibt’s denn?“, wollte Nina wissen, da Heike irgendwie besorgt dreinschaute. Die Kollegin deutete auf das iPad in Küblers Händen. „Vorhin hat eine ziemlich aufgelöste Mutter auf der Dienststelle angerufen. Ihr Sohn ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen. Auf der Facebookseite seiner Band hat er ein ziemlich verstörendes Video hochgeladen. Die Frau hat Angst, er könne sich etwas antun … Aber schau es dir mal besser selbst an“, erklärte Heike, während Thomas den Film startete.

Nina erkannte den Jungen sofort. Es war Fabrice, der Sänger von Sarikas Band. Er sah übel aus. Ein Auge war blutunterlaufen, daneben eine Platzwunde. Die langen Haare klebten auf seiner verschwitzten Stirn, auf der Zahlen zu erkennen waren. Was er zu sagen hatte, klang wirr, aber in Anbetracht dessen, was sie heute Morgen hier an diesem Ort schon gesehen hatte, irgendwie logisch. Nachdem das Video geendet hatte, ruhte Ninas Blick noch eine gefühlte Ewigkeit auf dem Scheiterhaufen mit den verkohlten menschlichen Überresten. Mit einem Mal war ihr auch klar, woher sie den Rucksack kannte, der neben dem Altar in der Kapelle lag.

„Wann hat er das Video hochgeladen?“, erkundigte sie sich bei Kübler, der ebenfalls sehr still und nachdenklich war.

„Ähm …“, er tippte auf dem Display des iPads herum, bis er fand, was er suchte.

„Laut dem, was hier steht, vor einer Dreiviertelstunde. Genauer gesagt, vor siebenundvierzig Minuten“, las er ab.

Nina schüttelte unmerklich den Kopf. Das konnte nicht sein. Vor einer Dreiviertelstunde war der Mann auf dem Scheiterhaufen schon tot gewesen. Der Brand war bereits vor fast zwei Stunden gemeldet worden. Dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass der verbrannte Körper der von Fabrice Gladenberg, dem Sänger der Band Witchwar, war.

„Thomas, finde heraus, von wo und wann das genau hochgeladen wurde. Heike und ich fahren gleich zu Frau Gladenberg. Das ist die Mutter von Fabrice“, gab sie Anweisung und rannte dann zurück zu der Kapelle. Sie musste jetzt wissen, was in dem Rucksack war und von wem er stammte.

Die Dusche hatte Sarika gutgetan. Wobei es natürlich auch an dem Kaffee und der Kopfschmerztablette liegen konnte, die sie genommen hatte. Die Sache mit Fabrice lag ihr schwer im Magen, und ihr Entschluss stand fest. Sie würde jetzt zu ihm fahren und ihm das Passende sagen. Die Adminrechte für die Facebook- und Instagram-Pages der Band hatte sie ihm, direkt nachdem sie das Video angeschaut hatte, entzogen. Der Link zum Video selbst war auf der Seite entfernt. Dennoch war es immer noch im Netz über die private Seite von Fabrice zu sehen. Da er nicht an sein Telefon ging und die Gladenbergs keinen Festnetzanschluss besaßen, musste sie also wohl oder übel zu ihm hinfahren und ihn auffordern, den Mist unverzüglich zu löschen. Als sie in die Küche kam, um Klaus zu sagen, dass sie kurz weg sei, war der nicht mehr da. Ein Blick aus dem Fenster in die Einfahrt brachte Klarheit, da der orangene VW Bulli ihres Vaters gerade aus der Einfahrt rollte. Vermutlich war er los, um die Zwillinge abzuholen, die bei Ninas Mutter übernachtet hatten.

Sie schnappte sich also noch eine Banane als Frühstück von der Anrichte und verließ dann ebenfalls das Haus. Keine Minute später bog sie mit ihrem bereits ziemlich betagten Mercedes SLK auf die Steinerother Straße in Richtung Betzdorf. Als sie an der roten Ampel in Höhe der Post hielt, kam ihr der Gedanke, dass sie vermutlich ja noch gar nicht hätte selbst fahren dürfen. Die letzte Wodka Cola hatte sie gegen zwei Uhr morgens getrunken. Obwohl sie sich nicht mehr betrunken fühlte, war sie dennoch fast sicher, dass, wenn die Polizei sie anhielt und ins Messröhrchen blasen ließ, es eng werden könnte für ihren Führerschein. Einen Moment überlegte sie daher umzudrehen. Aber nein, sie musste das mit Fabrice jetzt ein für alle Mal klären. Warum sollten die Bullen sie auch anhalten, wenn sie ordentlich fuhr? Per Knopfdruck öffnete sie das Verdeck. Sicher war sicher, so konnte es im Wagen unmöglich nach Alkohol riechen, sollte sie doch noch gestoppt werden.

Bis Harbach, so hieß der Ort, in dem die Gladenbergs lebten, brauchte sie keine zehn Minuten. Als sie in die Einfahrt zu dem alten Fachwerkhaus bog, war sie im ersten Moment ein wenig irritiert, da dort bereits ein roter 911er Porsche parkte, den sie nur zu gut kannte und den sie hier auf gar keinen Fall vermutet hätte. Was machte ein Dienstwagen der Kriminalpolizei vor dem Haus der Gladenbergs? Waren Kübler und Nina vielleicht bei Fabrice? Aber weshalb? Klaus hatte ihr vorhin erzählt, die beiden hätten zu einem Todesfall nach Friesenhagen gemusst. Ihr Restalkohol fiel ihr wieder ein. Nina würde ihr vermutlich nicht den Kopf abreißen. Bei Kübler war sie sich da allerdings nicht so sicher. Der Typ war irgendwie ein Spießer und ging bestimmt zum Lachen in den Keller. Nein, es würde wohl das Beste sein, wenn sie hier schnellstens wieder die Biege machte. Sie legte den Rückwärtsgang ein und schoss dann mit durchdrehenden Rädern zurück auf die Straße. Gerade als sie am Ortsausgang das Ortsschild passierte, klingelte ihr Telefon. Der Name des Anrufers wurde auf der Anzeige neben dem Tacho angezeigt. Sie hätte es sich denken können, dass Nina sie gerade gesehen hatte. Sie nahm das Gespräch also an und meldete sich lediglich mit einem: „Ja hallo?“

„Sarika, Liebes … Würdest du bitte wenden und zurück­kommen?“, wies ihre Stiefmutter sie an.

„Ja, okay“, willigte sie ein und wendete den Wagen bei der nächsten Gelegenheit in einem Forstweg.

Frau Gladenberg war sichtlich besorgt um ihren Jungen. Wozu sie natürlich allen Grund hatte. Nina und Heike hatten auf der Fahrt nach Harbach besprochen, den Eltern gegenüber erst einmal noch nichts von dem verbrannten Leichnam zu sagen. Vorerst war der Junge ja nur verschwunden. Der Rucksack in der Kapelle gehörte, dieser Verdacht hatte sich bestätigt, Fabrice Gladenberg. Dieser Umstand bedeute allerdings noch lange nicht, dass er auch das Mordopfer war. Dass es sich um einen Mord handelte, war für Nina ebenfalls eine unumstößliche Tatsache. Niemand enthauptete sich selbst und legte sich auf einen Scheiterhaufen. Nein, für so etwas gehörten immer noch mehrere dazu. Das Zimmer von Fabrice, bei dem es sich eindeutig um die Höhle eines pubertierenden Musikfans handelte, lag zur Straße. Heike war es, die den kleinen blauen Wagen in der Einfahrt zuerst bemerkte.

„Sag mal, Nina, ist das nicht deine Stieftochter?“, fragte sie verwundert.

Nina trat ebenfalls ans Fenster und blickte in die von wilden Rosen eingefasste Einfahrt, in der hinter Küblers Dienstporsche ein dunkelblaues Mercedes Cabriolet hielt. Da das Verdeck geöffnet war, konnte man auch wunderbar die Fahrerin erkennen. Eindeutig Sarika.

„Hmmm“, antwortete sie lediglich und beobachtete, wie der kleine Wagen wieder zurücksetzte, ziemlich hastig auf die Straße schlidderte und mit quietschenden Reifen davonschoss.

„Die hat es aber sehr eilig“, fand Heike.

Nina antwortete nicht, sondern wählte stattdessen Sarikas Nummer. Sie hatte Glück. Das Mädchen nahm das Gespräch bereits nach dreimal Läuten an.

„Sie kommt zurück“, antwortete Nina nach dem Gespräch, ging dann an Frau Gladenberg vorbei in den Flur, rannte die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Bereits wenige Sekunden später knirschten zum zweiten Mal für diesen Tag die Räder von Sarikas kleinem Benz in der Einfahrt.

Nina trat an den Wagen und beugte sich über die Front- und Seitenscheibe.

„Moin, Sari“, begrüßte sie ihre Stieftochter, zu der sie tatsächlich, und anders als es in den Grimmschen Märchen erzählt wurde, ein sehr gutes Verhältnis hatte.

„Moin, Nina“, erwiderte diese und sah sie mit geröteten Augen über den Rand ihrer Sonnenbrille an. Scheinbar hatten sie beide heute Morgen das gleiche Problem.

„Du wolltest zu Fabrice?“, mutmaßte Nina einfach mal.

„Klar … Was soll ich hier sonst wollen?“, schnaufte Sarika verächtlich.

„Immer noch Stress mit ihm?“, erkundigte Nina sich weiter und traf, wie es schien, genau ins Schwarze.

„Der Arsch hat so ein blödes Video hochgeladen und auf der Witchwar-Seite bei Facebook und Insta geteilt“, zischte sie und hieb dann wütend auf das Lenkrad des Wägelchens.

Nina dachte einen Moment nach, was sie sagen konnte und was nicht. Sarika war definitiv eine Zeugin, die sie früher oder später befragen mussten. Dummerweise war sie aber auch ihre Stieftochter. Nina ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür, hob Sarikas Handtasche vom Sitz, ließ sich nieder und zog die Türe zu.

„Was gibt das jetzt? Soll ich dich wohin fahren?“, fragte Sarika irritiert.

„Nein, wir müssen reden. Mach das Dach und die Fenster zu“, wies Nina sie an.

„Was ist denn los?“, wollte Sarika wissen, schloss aber wie gewünscht das Dach und die Seitenscheiben.

Nina wartete geduldig. Es musste nicht jeder mitbekommen, was sie dem Mädchen zu sagen hatte.

„Du bleibst jetzt bitte ganz ruhig und hörst mir zu. Es kann sein, dass Fabrice etwas zugestoßen ist. Heute Morgen wurde oberhalb von Friesenhagen die Leiche eines Mannes gefunden. Es gibt Hinweise, die darauf schließen lassen, dass es sich dabei um Fabrice handeln könnte“, kam sie direkt zur Sache und beobachtete dabei genau Sarikas Reaktion. Sie fiel aus, wie Nina es erwartet hatte. Ihrer Stieftochter entglitten sämtliche Gesichtszüge. Ihre Hände verkrampften sich zitternd um das Lenkrad.

„What the Fuck …“, stammelte sie. Nina griff ihren Arm.

„Sarika, wir wissen noch nicht, was genau passiert ist und ob es sich tatsächlich um den Sänger eurer Band handelt. Es ist jetzt ganz wichtig, dass du mir alles erzählst, was du weißt und was gestern nach dem Konzert vorgefallen ist“, schilderte Nina ihr sehr eindringlich die derzeitige Lage.

Sarika nickte.

Oberkommissarin Heike Friedrich-Liebig stand am Fenster und sah hinunter in die Einfahrt. Bei dem Gespräch zwischen Nina und ihrer Stieftochter wäre sie jetzt gerne mal als lauschendes Mäuschen dabei. Worüber die beiden sprachen, war ihr ziemlich klar. Dass Sarika und der vermeintlich verstorbene Junge sich kannten, war mehr als offensichtlich.

Die Wand gegenüber dem Fenster war komplett schwarz angemalt worden. Darauf in Weiß das Logo einer Heavy-Metal-Band namens Witchwar, was ja so viel bedeutet wie Hexenkrieg. Ein, wie Heike fand, selten dummer Name. Um das Logo herum verteilt waren Dutzende von Fotos. Einige zeigten auch Sarika Zielner, Ninas Stieftochter. Wobei Nina ihr aber auch schon auf der Fahrt hierher erzählt hatte, woher sie den verschwundenen Jungen kannte. Dass Nina das Mädchen gerade alleine befragte, war aus Ermittlersicht nicht gut. Andererseits konnte Heike es durchaus verstehen. Sie war selbst Mutter. Würde ihre Tochter Florentina da unten in dem Wagen sitzen, hätte Heike auch zuerst alleine mit ihr sprechen wollen und war sich sicher, dass Nina dies ebenfalls respektieren würde. Heike wandte sich ab und ging zu dem Schreibtisch rechts neben dem großen Bett, auf dem ein Laptop stand. Sie klappte das Gerät zu und zog die Stecker für das Netzteil und die Maus heraus. Auf dem Regal über dem Schreibtisch lag eine externe Festplatte. Die würden sie genau wie auch das Notebook mitnehmen.

„Meinen Sie, das ist nötig? Fabrice wird das, wenn er nach Hause kommt, bestimmt nicht gutheißen, dass Sie seinen Computer mitgenommen haben“, sagte Frau Gladenberg, die mit besorgtem Blick in der Türe stand und Heike beobachtete.

„Das muss leider sein, Frau Gladenberg. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass die Kollegen von der Technik sorgsam mit dem Gerät umgehen und Sie es wohlbehalten wiederbekommen“, erwiderte Heike. Dass Fabrice den Computer vermutlich nicht mehr brauchen würde, verschwieg sie weiterhin. Offiziell waren sie hier, weil die Mutter den Jungen als vermisst gemeldet hatte. So lange nicht feststand, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Fabrice handelte, würden sie dies auch so belassen. Ein Umstand, der Heike schwerfiel. Doch was war besser? Sollten sie mutmaßen, dass der Sohn tot war, und der stand gleich dann doch plötzlich quicklebendig auf der Matte … oder sollten sie erst einmal die Klappe halten und abwarten, bis sie mehr wussten? Für sie nicht wirklich eine Frage.

„Was ist eigentlich mit dem Vater von Fabrice?“, lenkte sie das Gespräch nun erst einmal in eine andere Richtung.

„Wir leben getrennt. Schon lange“, antwortete die Frau mit den graublonden Haaren, die vermutlich nur ein paar Jährchen älter war als Heike selbst. Sie war eine, wenn man sich die Sorgen aus ihrem Gesicht einmal wegdachte, sehr hübsche Frau.

„Das heißt, Sie und Fabrice leben alleine in diesem Haus?“, fragte Heike weiter.

„Ja … nein. Meine Tochter Anne hat noch ein Zimmer hier im Haus. Sie studiert seit letztem Jahr in München und besucht uns nur noch selten. Nur für das Wochenende lohnt sich die weite Fahrt ja nicht“, antwortete Frau Gladenberg.

„Hat Fabrice Kontakt zu seinem Vater? Könnte er bei ihm oder bei Anne sein?“, erkundigte Heike sich der Form halber und betrachtete weiter die Fotos, die mit Reißzwecken rund um das Bandlogo von Witchwar auf die schwarze Wand gepinnt worden waren. Auf den Bildern waren auffallend viele Mädchen zu sehen. Heike stutzte. Wenn man es genau nahm. waren da überhaupt keine Jungs drauf.

„Wie ist es mit Freunden, Kumpels oder Klassenkameraden? Gibt es da jemanden, der wissen könnte, wo sich Ihr Sohn befindet?“, forschte Heike weiter.

Frau Gladenberg überlegte einen Moment. „Eigentlich kämen da nur die Mädchen aus der Band infrage. Einen Freund, also so einen richtigen besten Kumpel, den gibt es soweit ich weiß nicht. Wie es sich mit seinen Klassenkameraden verhält, kann ich nicht sagen. Hier bei uns ist noch nie jemand von denen gewesen. Ich denke, mit denen hat er nicht so viel am Hut“, antwortete sie.

„Wie kommt das? Ich meine, wenn ich die Fotos betrachte, sehe ich hier nur Mädchen“, interessierte es Heike nun doch brennend. Jungs hingen doch normal mit anderen Jungs ab, oder nicht? Zumindest kannte sie es nur so.

„Fabrice hatte schon immer einen besseren Draht zu Mädchen. Das war schon im Kindergarten so … und, nein, er ist nicht schwul … falls Sie das jetzt denken.“

Zugegeben, der Gedanke war Heike schon kurz gekommen. Überhaupt machte Fabrice auf sie einen eher femininen Eindruck. Sie nahm ein Foto von der Wand, auf dem er mit den vier Mädchen seiner Band abgelichtet war. Fabrice war darauf, genau wie seine Bandkolleginnen, eindeutig und ziemlich stark geschminkt. Er erinnerte sie ein wenig an den Sänger von Tokio Hotel. Wie hatte der noch gleich geheißen? Egal. Alles in allem schien Fabrice Gladenberg keine graue Maus gewesen zu sein. Die Bezeichnung „Paradiesvogel“ würde ihn wohl am besten umschreiben. Heike ließ ihren Blick weiter über die Wände schweifen. Über dem Bett hing ein Kreuz mit dem angeschlagenen Heiland daran. Das Besondere an dem Kreuz war der Umstand, dass der Gekreuzigte samt dem Kreuz verkehrt herum aufgehängt worden war. Was es bedeutete, war ihr schon klar. Neben dem Bett ein Regal mit Schallplatten und CDs. So etwas sah man heutzutage nur noch selten. Selbst zu ihrer Jugendzeit hatte es nur noch wenige Platten aus Vinyl gegeben. Sie wusste aber, dass es für diese Art Tonträger auch heute noch viele Sammler gab. Fabrice besaß, grob geschätzt, einige Hundert davon. Draußen vor dem Haus wurde ein Wagen gestartet. Heike blickte kurz aus dem Fenster und sah Nina, die zurück zum Haus ging. Eigentlich hatte Heike gehofft, dass sie sich gleich noch einmal gemeinsam mit Sarika unterhalten könnten. Aber gut, das Mädchen lief ihnen nicht weg. Eines nach dem anderen. Jetzt waren sie erst einmal hier, um sich umzuschauen. Heike trat vor, zog eine Plattenhülle aus dem Regal heraus, las den Namen der Band und betrachtete das Bild. Es zeigte einen Dämon vor einem rot glühenden Himmel, der eine Kette schwang, an deren Ende sich ein ertrinkender Priester befand.

„Fabrice lebt für seine Musik“, hörte Heike die Mutter sagen und blickte zur Tür, in der nun auch Nina erschien.

„Ohh, Dio, Holy Diver“, sagte diese direkt und lächelte wissend.

„Du kennst die Platte?“, wunderte Heike sich, da sie selbst noch nie davon gehört hatte und auch mit dieser Art von Musik überhaupt nichts anfangen konnte. Zu ihrer Teenagerzeit war es in gewesen, Take That oder Backstreet Boys zu hören.

„Ja, hatte ich mal auf CD“, antwortete Nina, trat zu Heike an das Plattenregal und zog eine weitere Hülle heraus. Das Cover war ähnlich abscheulich. Allerdings hatte selbst Heike von der Band Iron Maiden schon einmal etwas gehört.

„The Number oft the Beast“, las Nina laut vor und nickte zustimmend.

„Lass mich raten … Die hattest du auch mal als CD?“, schlussfolgerte Heike.

„Nein, aber mein Göttergatte besitzt die Scheibe ebenfalls“, bestätigte Nina nur indirekt, was Heike befürchtet hatte.

„Sag mal, hat Klaus nicht auch Theologie studiert?“, fiel Heike ein.

„Ja, auf Lehramt. Warum?“, wunderte Nina sich erst, bevor sich ihr Blick aufhellte.

„Ach so, du meinst, wegen der Schallplatten …“, Nina winkte ab. „Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.“

„Meinen Sie nicht, dass Sie lieber nach meinem Sohn suchen sollten, als hier über Musik zu diskutieren?“

Die Stimme von Frau Gladenberg klang schneidend und vorwurfsvoll.

Nina wirbelte herum, zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche und hielt es der Frau hin. Heike befürchtete schon, dass Nina Frau Gladenberg das Foto des verkohlten Leichnams zeigen könnte. Doch nichts dergleichen. Das Ganze war mehr eine Geste.

„Frau Gladenberg, Sie haben das Video, das Ihr Sohn heute Morgen hochgeladen hat, selbst gesehen und befürchten, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Glauben Sie da nicht, dass es für die Polizei besser ist, zu verstehen, wie Ihr Junge tickt, bevor wir die Stecknadel im Heuhaufen suchen? Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Ihren Sohn zu finden. Gerade sind über einhundert Beamte der Bereitschaftspolizei sowie die Feuerwehr dabei, nach ihm zu suchen. Dieses Video … das hat doch offensichtlich etwas mit der Band zu tun, oder?“, fragte Nina, schien aber darauf gar keine Antwort zu erwarten, da sie nun damit begann, mit ihrem Telefon die Fotos an den Wänden abzufotografieren.

Frau Gladenberg schluckte, nickte kurz und wandte sich dann ab, um zu gehen.

„Ach, Frau Gladenberg“, fiel Heike noch etwas Wichtiges ein.

„Ja?“

„Wir bräuchten noch für einen etwaigen DNA-Abgleich die Zahnbürste Ihres Sohnes.“

Frau Gladenberg sah Heike irritiert an.

„Warum, weshalb? Das verstehe ich jetzt nicht. So etwas brauchen Sie doch nur, wenn …“ Sie schluckte. Heike sah zu Nina. Vermutlich einen Moment zu lange, sodass Frau Gladenberg sichtlich ein Verdacht kam.

„Was haben Sie gefunden? Was verheimlichen Sie mir?“ Ihre Stimme schien fast zu ersticken.

„Beruhigen Sie sich bitte, Frau Gladenberg. Noch ist nichts sicher“, ergriff Nina das Wort.

„Was haben Sie gefunden? Ist er …?“

„Wir wissen es nicht, Frau Gladenberg. Wir haben heute Morgen zwar einen Leichnam in der Gegend gefunden, in der sich Ihr Sohn gestern aufgehalten hat, glauben aber derzeit nicht, dass es sich um ihn handelt“, log Nina.

Heike bemerkte, wie die Mutter des Jungen zu zittern begann und nach der Türklinke griff.

„Ihr Sohn hat das Video gegen sieben Uhr heute Morgen gepostet. Der Tote wurde aber bereits über eine Stunde vorher gefunden. Rein rechnerisch passt das nicht“, erklärte Nina weiter, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Tatsächlich war das Video um fünf Uhr zweiundfünfzig hochgeladen worden. Vermutlich von Fabrices Mobiltelefon. Doktor Wagner hatte vorhin den Todeszeitpunkt auf fünf Uhr morgens plus/minus eine Stunde geschätzt. Das Feuer war um exakt sechs Uhr zweiundvierzig gemeldet worden.

Frau Gladenberg schien den letzten Satz von Ninas Notlüge jedoch schon nicht mehr wahrzunehmen. Ein erstickter Schrei, dann rutschte sie am Türstock hinunter zu Boden. Nina war sofort bei ihr, während Heike die Nummer des Notarztes wählte. Jetzt war genau das eingetreten, was sie unbedingt hatten vermeiden wollen.

Sarika stoppte das Cabriolet direkt an der Zufahrt zum Tüschebachsweiher, sprang hektisch aus dem Wagen und übergab sich über die Leitplanke. Die Bilder, die Gedanken an das, was Nina ihr eben im Vertrauen gesagt hatte, fraßen sich gerade in ihre Eingeweide. Fabrice war vermutlich tot. Verbrannt auf einem Scheiterhaufen an dieser Kapelle oberhalb von Friesenhagen. Die Polizei ging derzeit von einem Gewaltverbrechen aus. Die Möglichkeit, dass er sich selbst angezündet haben könnte, schloss Nina aus. Warum dies so war, wusste Sarika nicht, aber Nina würde vermutlich ihre Gründe haben. Klar, die durfte auch Sarika nicht alles erzählen, was die Polizei ermittelte. Irgendwie war sie ja vermutlich in das Ganze auch involviert. Immerhin hatte Fabrice in seinem Video bei Facebook ihren und die Namen der anderen Bandmitglieder genannt. Verdammt … wer tat so etwas Abscheuliches? Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf. Vielleicht schlief sie ja noch und alles war nur ein blöder Traum. Wobei … nein, so schlecht und mies konnte es ihr noch nicht mal in einem Traum gehen.

Nach dem Auftritt waren sie gestern alle zu Selina gefahren. Die Freundin und Bassistin der Band lebte dort in einer zu einer Wohnung umgebauten ehemaligen Stallung auf dem Hof ihrer Eltern. Insgesamt waren sie so um die zwanzig Leute gewesen. Die meisten davon hatte Sarika gekannt. Schulkameraden aus ihrer Abistufe. Einige mit Anhang, andere ohne. Es war, wie sie es erwartet hatte, zum Streit in der Band gekommen. Fabrice ging ihr schon länger auf den Keks. Dass sein Gesang für die Art von Musik, die sie machen wollten, nicht optimal war, war da noch das kleinste Problem. Nein, was Sarika am meisten an dem Typ nervte, war sein ganzes Getue. Fabrice nahm die Themen, die er in die Songtexte hineinschrieb, viel zu ernst. Der glaubte diesen ganzen Satansmüll in seinen Texten tatsächlich. Sie selbst war nicht gläubig. Weder glaubte sie an Gott noch an Satan oder sonst welche Götter. Religion war nicht ihr Ding. Dies war auch der Grund, warum es sie am Anfang nicht gestört hatte, welche Themen die Songs beinhalteten, zu denen sie die Musik geschrieben hatte. Sämtliche Gitarrenriffs und Melodien stammten aus Sarikas Feder. Okay, auch sie hatte sich von den Großen der Musikbranche inspirieren lassen, weshalb einige Passagen der Stücke schon einmal ähnlich klangen wie die Werke bekannter Metal Bands. Es war aber auch unmöglich, das Rad noch einmal neu zu erfinden. Alles war schon irgendwann zumindest ähnlich einmal dagewesen.

Fabrice war eine seltsame Type. Ein Paradiesvogel. Vermutlich war dies auch der Grund, warum es niemand lange mit ihm aushielt. Er hatte die seltene Gabe besessen, Leute einzulullen. Als sie ihn im letzten Jahr in der Oberstufe des beruflichen Gymnasiums kennenlernte, war er ihr sofort aufgefallen und auch zuerst sympathisch gewesen. Mit diesen 0815-Typen, die ihr Fähnchen nach dem Wind drehten, hatte sie noch nie etwas anfangen können. Menschen, die aus der Reihe fielen, zogen sie immer schon irgendwie an. Er hatte Sarika gleich am ersten Schultag angegraben. Ihr Avancen gemacht. Allerdings nicht nur ihr. Fabrice baggerte alles an, was nicht schnell genug auf den Bäumen war. Wie Sarika mittlerweile wusste, war es ihm in den meisten Fällen dabei auch ziemlich egal, ob es sich bei den Objekten seiner Begierden um Männlein, Weiblein oder beides gleichzeitig handelte. Seine Performance gestern bei dem Auftritt hatte bei ihr das Fass zum Überlaufen gebracht. Er war einfach nur grottenschlecht gewesen und hatte es noch nicht einmal selbst eingesehen. Der Typ war von sich und dem, was er tat, dermaßen überzeugt, dass es ihr fast hochgekommen wäre. Er war sich vorgekommen wie der King und hatte ihr und den Mädels eine ganz spezielle Aftershowparty vorgeschlagen, die sie bestimmt niemals vergessen würden. Nachdem er ihr erklärt hatte, wie er dies meinte, hatte er sich dann eine gefangen. Zusammen abhängen, feiern und trinken war das eine. Sex im Rudel das andere und überhaupt nicht ihr Ding.