A Fairy Tale - Anja Stephan - E-Book
Beschreibung

Aus ist es mit seinem ruhigen Leben im Quartier Latin in Paris! Als Scott McKenzie seiner Erzfeindin aus Jugendtagen über den Weg läuft, weiß er sofort, dass es das Schicksal nicht gut mit ihm meint. Dabei hat sich der Halbelf aus einst hohem Hause in den letzten hundert Jahren mit einem gut gehenden Antiquariat eine ausgezeichnete Reputation aufgebaut. Aber nun zieht ihn die eigenwillige Gwendolyn von Cleve in ein Abenteuer in die Pariser Unterwelt hinein, das ihn völlig überfordert. Auf der Suche nach dem blauen Herzen muss er sich mit der Vergangenheit der beiden verfeindeten Familien auseinandersetzen und sich gegen einen unbekannten Feind behaupten. Dabei wird ihm bewusst, dass sich sein Leben für immer verändern wird – und das Fräulein von Cleve ist schuld daran.

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Anja Stephan

A Fairy Tale

Die Suche nach dem blauen Herz

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Title Page

 

 

 

ANJA STEPHAN

 

 

A FAIRY TALE

 

DIE SUCHE NACH DEM BLAUEN HERZ

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Texte: © Copyright by Anja Stephan Covergestaltung: www.fiverr.com - germancreative Verlag: Bookrix GmbH & Co. KG, Sonnenstraße 23, 80331 München

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

 

ISBN 978-3-7450-5006-6

Printed in Germany

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Inhalt

 

DAS SCHICKSAL IN PERSON

EIN MANN AUS BESTEM HAUSE

DAS SCHLECHTE QUARTO

VON DER KUNST, RECHT ZU BEHALTEN

EIN MANN UND EINE FRAU

DIE PRINZESSIN VON CLEVE

DIE DREI ORANGENKERNE

DAS KALTE HERZ

DAS FEHLENDE GLIED IN DER KETTE

DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL

DIE WELT VON GESTERN

TEXT UND KONTEXT

AQUARELL

NÄCHTE DER TOTEN

SZENEN EINER EHE

IRRUNGEN UND WIRRUNGEN

NEUES VOM HEXER

DER MAGIER

PORTRAIT DES KÜNSTLERS ALS JUNGER MANN

DIE BLAUE GALERIE

JÄGER DES VERLORENEN HERZENS

EINE DAME VON WELT

DAS PRINZIP ALLER DINGE

DOKTOR WER?

STURMHÖHE

DIE KUGELWESEN

DIE RATTENKÖNIGIN

DER SCHWARZE ZIRKUS

WER HAT ANGST VORM SCHWARZEN MANN

WO SIND ALL DIE HELDEN HIN?

DER KÖNIGIN IHR HERZ

EIN TRAUERSPIEL

ALLES ÜBER MEINE MUTTER

DER TOD UND DAS MÄDCHEN

DER BLAUE KARFUNKELSTEIN

DANKSAGUNG

 

 

 

 

 

Das Schicksal In Person

Kapitel 1

DAS SCHICKSAL IN PERSON

 

Zufälle sind unvorhergesehene Ereignisse, die einen Sinn haben.1

Paris war groß und wenn man jemandem aus dem Weg gehen wollte, brauchte man sich nicht sehr viel Mühe geben. Scott McKenzie hatte sich an diesem Winterabend aus seinem Antiquariat herausgewagt, hinaus in die verschneite Stadt, um ein Konzert zu besuchen. Den Halbelfen zog es nicht oft hinaus und besonders nicht in dieser Witterung, aber für Chopin riss er sich gern von seinen Büchern los. Mit seinem Lehrling Charles im Schlepptau saß er in der Metro und studierte das Konzertprogramm. Und obwohl die Metro recht voll war, wollte sich niemand zu ihnen setzen. Vielmehr scharten sich die Fahrgäste sehr auffällig um einen Platz weiter hinten.

„Im Vergleich zu dieser Person dort hinten sehen wir doch viel seriöser aus“, sagte Charles verwundert.

Scott blickte von dem Konzertprogramm auf. Noch nie hatte er so viele Farben auf einmal an einer Frau gesehen. Sie stand an eine Stange gelehnt und blickte nach unten. Zunächst fiel der grasgrüne Wollmantel auf, den sie fest um sich zog. Dazu trug sie rote Winterstiefel mit Fellbesatz. Aus ihrer violetten Umhängetasche lugten gelbe Handschuhe. Der dicke Wollschal war aus mehrfarbiger Wolle gestrickt und die Mütze in Gelb gab einen außergewöhnlichen Kontrast zu ihren roten Haaren, die an den Seiten herausfielen. Sie stand nur da, mit geschlossenen Augen, als würde sie im Stehen schlafen.

„Es gibt einen Grund, warum ich Schwarz trage“, meinte Scott McKenzie mit hochgezogenen Augenbrauen.

Er wollte sein Programm weiterstudieren, als ihm etwas auffiel. An der Hand, mit der sich die Frau an der Stange festhielt, blitzte ein großer Siegelring, den jeder Laie auf zehn Meter Entfernung erkennen würde. Scott zog die Luft ein. Jetzt erst sprangen ihm die Details geradezu ins Auge. Die spitzen Ohren, die nur halb von der Mütze verdeckt wurden. Die gerade Nase, die so typisch war für ihre Familie. Die Menschen zog es gern in die Nähe der Hochelfen. Sie taten es unbewusst. Es hieß, es läge an der besonderen Aura der Elfen. Wiederum andere glaubten, dass es an den Menschen selbst läge. Denn nur Menschen, die an Elfen glaubten, könnten sie auch erkennen. Meist waren es die Kinder, die noch nicht desillusioniert waren wie die Erwachsenen, sondern mit einem offenen Herzen durch die Welt zogen. Für den Rest – und das war leider die große Mehrheit – sahen sie aus wie ganz normale Menschen.

Scott beugte sich zu Charles herüber. „Wenn du abfällige Bemerkungen über sie machst, kann dich das teuer zu stehen kommen.“

Charles sah ihn verwirrt an.

„Siehst du den Siegelring an ihrer Hand? Das ist das Siegel der ehrwürdigen Familie von Cleve.“

Charles öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus.

„Die Dame dort ist Gwendolyn von Cleve.“

„Ich dachte, die hätte sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.“ Charles wusste genauestens Bescheid, weil er sich doch so gern mit der Klatschpresse befasste. Eine Schande für jeden ehrbaren Buchhändler. Er wusste genau, wer mit wem verheiratet war oder geschieden wurde, mysteriöse Todesfälle, alte Fehden und missglückte Intrigen. Nur leider hatte er nie einen Angehörigen einer ehrwürdigen Familie persönlich getroffen. Das Fräulein von Cleve hatte zwar deutsche Wurzeln und ihre blaublütige Verwandtschaft verstreute sich über ganz Europa, sie lebte jedoch schon beinahe ihr ganzes Leben in Paris. Charles wusste aus sicherer bunter Quelle, dass sie ebenfalls auf das berühmte Collège gegangen war, genau wie er. Sie hatte mehrere Ehen hinter sich gebracht, war aber nie aus dieser Stadt weggezogen.

„Hast du sie denn je zu Gesicht bekommen?“

„Nein.“

„Siehst du.“

Scott McKenzie lehnte sich zurück und konzentrierte sich wieder auf das Programmheft. Sein Lehrling jedoch schien fasziniert vom Fräulein von Cleve. Er sah verstohlen zu ihr herüber. Eine Dame aus hohem Hause hatte er sich anders vorgestellt. Völlig anders. Irgendwie stilvoller. Und nicht so bunt. Er erinnerte sich an einen Zeitungsartikel, der das Fräulein bei einer Benefizveranstaltung zeigte. Sie war so schön gewesen auf dem Bild. So elegant und erhaben. Und jetzt sah sie aus wie in einen Farbkasten gefallen. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Charles fragte sich, wo sie in diesem Aufzug wohl hinwollte. Vielleicht traf sie sich mit einer Freundin. Ob das Fräulein von Cleve viele Freundinnen hatte? Er stellte sie sich in einem Kreis kichernder Frauen vor, die über Mode tratschten und ihren Schmuck tauschten, so wie es seine Freundin immer tat. Doch irgendwie schien das nicht zu der Person zu passen, die hier mit ihnen in der Metro fuhr. Er überlegte kurz, ob er sie ansprechen sollte, aber das wäre unvorstellbar.

Die Metro fuhr in den nächsten Bahnhof ein: L’Odéon. Mit einem Ruck kam sie zum Stehen. Gwendolyn von Cleve hob ihren Kopf und schritt, ohne zu zögern, in die hell erleuchtete Station. Die Menschen, die um sie herum gestanden hatten, wunderten sich plötzlich, warum sie dicht gedrängt im hinteren Teil des Waggons standen, und begannen, sich auf die Sitzplätze zu verteilen. Mit den Händen in den Manteltaschen ging die Dame ein paar Schritte auf dem Gleis entlang, blieb dann aber unvermittelt stehen. Langsam drehte sie den Kopf in Richtung McKenzies und blickte ihn über die Schulter hinweg verwundert an. Ihr Blick verfinsterte sich. Es war, als würde ein Schatten über ihr Gesicht huschen und dann urplötzlich wieder verschwinden. Die Warnsignale ertönten und die Metro fuhr weiter.

Charles versank in seinem Sitz. „Das war eine ganz merkwürdige Person.“ Ihm drehte sich der Magen um.

„Nicht halb so merkwürdig wie wir.“ Scott runzelte die Stirn. Wieso hatte sie das Fräulein so merkwürdig angesehen? Dann kam ihm ein unvorstellbarer Gedanke und er sah Charles strafend an. „Du hast doch nicht etwa versucht, in ihre Seele zu gelangen?“

Charles zog die Augenbraue hoch und zog laut Luft ein, was Scott als unmissverständliche Bejahung auffasste. Er war entsetzt über so viel Dummheit seines Lehrlings und gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Du Idiot! Was hast du dir gedacht? Dass sie dir alle Türen öffnet und dich bei ihr im Oberstübchen herumstöbern lässt?“

Charles hob die Schultern. Er war sich sehr wohl bewusst, dass sein Versuch gehörig danebengegangen war und dass ihn das Fräulein sogar anzeigen und für einen nicht unerheblichen Zeitraum hinter Schloss und Riegel bringen konnte. Es war nicht verboten, in den Geist anderer Personen zu dringen, solange es die andere Person ebenso wollte. Gewaltsam in die Gedanken einer anderen Person zu dringen, gegen deren Willen, kam nahezu einer Vergewaltigung gleich. Und es war etwas besonders Unfeines, es ungefragt bei einer Angehörigen einer ehrwürdigen Familie zu versuchen – und dann auch noch kläglich zu scheitern. Scott überlegte, seine Lehrmethoden zu verbessern.

„Vielleicht hatte sie heute einen besonders guten Tag und belässt es bei einem Bösen Blick.“

Er würde wohl in den nächsten Tagen nicht viel mit seinem Lehrling anfangen können. Kopfschmerzen, Übelkeit und leichte Depressionen waren die Auswirkungen eines Bösen Blicks. Er konnte nur hoffen, dass das Fräulein nicht allzu sehr verärgert war. Scott drückte Charles das Programmheft in die Hand. „Sie sollten das Programm studieren, Monsieur Foix, sonst blamieren Sie sich wieder vor Ihrer Schwester.“

Er verzog das Gesicht. „Mein Problem wird eher darin bestehen, dass mich dieses Geklimper so müde machen wird, dass ich einschlafen werde.“

„Charles, du bist nicht einen Funken musisch veranlagt! Bist du dir sicher, dass du mit deiner Schwester verwandt bist?“

Charles warf missmutig einen Blick auf das Programmheft. „Warum hat sie mich überhaupt eingeladen?“

Sein Meister grinste ihn an. „Hat sie nicht. Aber ich nehme dich mit, weil ich die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben habe, dein Herz für die klassische Musik zu öffnen.“

„Bei mir ist Hopfen und Malz verloren, Monsieur McKenzie.“ Charles drückte ihm das Heftchen wieder in die Hand.

Die Metro fuhr quietschend in den nächsten Bahnhof ein: Saint-Germain-des-Prés. Hier stiegen sie aus und suchten durch die verschlungenen, unterirdischen Pfade der Metro einen Weg nach oben. An weiß gekachelten Wänden vorbei trieben sie mit der Menschenmasse an die Oberfläche, wo man endlich wieder frei atmen konnte. Es war kalt in Paris. Schneeflocken fielen langsam tanzend zu Boden. Sie spazierten, tief in ihre Mäntel vergraben, die Rue Bonaparte entlang.

„Kennen Sie die Dame von Cleve persönlich?“

Scott grummelte. „Ich bin mit ihr zur Schule gegangen.“ An diese Zeit mochte er sich lieber nicht erinnern. Doch Charles lachte. „Ehrlich? Erzählen Sie mir was.“

„Nein.“

Die unheimliche Begegnung mit Gwendolyn von Cleve sollte ihn den gesamten Abend nicht loslassen. Während sie in der Bar La Grenouille den wunderbaren Klängen der Nocturnes von Chopin lauschten, die Marléne auf dem Piano zauberte, dachte er an seine Schulzeit auf dem Collège de Clermont. Scott hatte seine Jugend immer als sehr schön empfunden, allerdings nicht die Zeit, die er im Collège verbracht hatte. Er konnte sich noch sehr gut entsinnen, wie er beim Direktor gesessen hatte, in seinen grauen Hosen und der dunkelblauen Jacke mit dem Schulwappen, weil ihn Gwendolyn von Cleve wieder angeschwärzt hatte. Dabei meinte er sich zu erinnern, dass sie ihn am Anfang sogar gemocht hatte. Jeder Ärger, den es gab, jeder Schülerstreich wurde ihm zugeschoben. Er hörte die Hänseleien seiner Mitschüler über seine Herkunft und es versetzte ihm heute genauso wie damals einen Stich in sein Herz. Er hatte gehofft, sie nie wiederzusehen.

Er war nach der Schulzeit beim Altmeister Jacques Danton in die Lehre gegangen. Seinen Vater hatte es sehr viel Mühe gekostet, Danton zu überreden, ihn als Lehrling aufzunehmen. Scott wusste, dass er seine Entscheidung nie bereut hatte.

Er schaute zu Charles hinüber. Er war fast eingenickt und so stieß er ihn an, dass er die Augen aufriss und erschrocken hochfuhr. Das Konzert war vorbei und Charles’ Schwester erntete viel Beifall. Charles überhäufte sie mit Komplimenten, obwohl er überhaupt keine Ahnung hatte, was Scott belustigte. Alles in allem war es ein gelungener Abend.

 

 

 

Wenn sich Zufälle häuften, ging irgendetwas vor sich. Man brauchte eigentlich nur abzuwarten und sehen, was passierte. Die Begegnung mit Gwendolyn von Cleve in der Metro sollte nicht die letzte gewesen sein. Novalis sagte: Auch der Zufall ist nicht unergründlich – er hat seine Regelmäßigkeit.2 Ob Novalis mehr vom Schicksal wusste, als er je zugegeben hatte?

Bei ihrer nächsten Begegnung lief sie in seine Arme, als sie mit einem Baguette unter dem Arm aus einer Boulangerie stürzte. Scott war gerade auf dem Heimweg von einem Hausbesuch bei einem Kunden, als sich die Tür öffnete und das Fräulein direkt mit ihm zusammenstieß. Im ersten Moment erkannte er sie nicht einmal. Erst als sie sich flüchtig bei ihm entschuldigte und, ohne ihn anzusehen, weiterging, wusste er, wer sie war. Dem Fräulein musste es genauso gegangen sein. Ein paar Schritte weiter blieb sie abrupt stehen und drehte sich langsam um. Als sie McKenzie erblickte, seufzte sie und verdrehte die Augen. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, setzte sie ihren Weg – wohin auch immer – fort.

Ein weiteres Mal standen sie sich auf verschiedenen Straßenseiten gegenüber. Scott war gerade auf dem Weg zum Mittagessen mit Ephraim Degas, als er sie von Weitem an ihrem grünen Mantel erkannte. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und betrachtete ein Schaufenster einer bekannten Galerie, die dadurch auffiel, dass die Fassade blau war. Sie entfernte sich ein paar Schritte, dann näherte sie sich wieder dem Schaufenster. Ein großes Plakat kündete eine Ausstellung einer Künstlerin mit dem Namen Pollyana Hymne an und versprach eine Präsentation ihres Lebenswerks. Das Fräulein musste sein Spiegelbild im Schaufenster entdeckt haben, als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an der Ampel, wartete. Sie drehte sich so schnell und fahrig herum, dass sie den Schnee unter ihren Füßen aufwirbelte. Als ihre Blicke sich trafen, konnte er eine Mischung aus Panik und Wut auf ihrem Gesicht entdecken. Sie flüchtete regelrecht in die Galerie hinein. Scott dagegen blieb ruhig und sah sich tatsächlich noch das Plakat im Schaufenster an. Pollyana Hymne. Ihr Name stand im Register der Musen, da war er sich sicher. Er hatte für die bildenden Künste nicht viel übrig. Für ihn waren Bilder dafür da, nett auszusehen und um ein Zimmer zu verschönern. Allerdings hatte er nun definitiv die Bestätigung, dass etwas vor sich ging. Galerie bleu. Inhaberin: Gwendolyn H. W. A. von Cleve.

Und anscheinend war das Fräulein zu derselben Schlussfolgerung gelangt.

Die dritte Begegnung ereilte sich in der Oper. Don Giovanni. Sehr klassisch. Genau nach seinem Geschmack. Er hatte einen der begehrten Balkons ergattert und blickte ungeduldig auf die Besucher hinunter, als sich unerwartet – es war zwei Minuten vor Beginn – der Vorhang des Balkons ihm gegenüber bewegte. Das Fräulein erschien in Begleitung eines hochgewachsenen blonden Mannes, der in der Gesellschaft einen recht zweifelhaften Ruf genoss. Sie ging zum Geländer und beugte sich leicht vor, um auf das Publikum hinunterzuschauen. Selbst von seiner Position aus hätte Scott ihr durch ihren Ausschnitt bis zum Bauchnabel schauen können, wenn er denn gewollt hätte. Er konnte also daraus schließen, dass die Oper nicht als Höhepunkt des Abends festgelegt war. Als sie aufsah und ihn erblickte, versteinerten sich ihre Gesichtszüge. Sie richtete sich auf und sprach etwas mit ihrem Begleiter, der, so schien es, beschwichtigend auf sie einredete. Ihre Gesten wurden hektischer und ihr Blick wanderte kreuz und quer durch den Innenraum. Doch als das Licht gedämmt wurde und sie sich setzte, blickte sie lange direkt zu Scotts Balkon hinüber, bis sie sich dem Geschehen auf der Bühne widmete.

Das vierte Mal zog es sie tatsächlich in sein Antiquariat. Sie stand plötzlich im Raum und war völlig entsetzt, als Scott hinter einem Bücherberg auftauchte. Sie atmete schwer, als würde sie jeden Moment platzen vor Wut. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und ihre Lippen formten sich zu einem dünnen Strich. Dann drehte sie sich um und verließ seinen Laden so geräuschvoll, wie sie lautlos gekommen war.

Seit seiner Schulzeit lebte Scott in Paris. Nie war er hier jemandem begegnet, dem er nicht begegnen wollte. In Paris konnte man sich herrlich leicht aus dem Weg gehen. Es musste schon mit wunderlichen Dingen zugehen, wenn man einer Person, die man nicht einmal leiden konnte, die man seit seiner Schulzeit nicht gesehen hatte, plötzlich derart oft über den Weg lief. Es blieb ihm nur, einfach abzuwarten.

 

 

 

Er brauchte nicht lange zu warten. Etwa eine Woche später besuchte ihn sein langjähriger Freund Ephraim Degas in seinem Antiquariat. Er war ihm in den vielen Jahren ihrer Zusammenarbeit ein guter Freund geworden. Ephraim begrüßte ihn überschwänglich. Degas arbeitete im Louvre. Eine leitende Position, wie er sagte. Er war der Museumsleiter. Der Chef, verantwortlich für alles und er hielt auch für alles den Kopf hin, wenn etwas nicht optimal lief. Von solchen Situationen hatte Scott allerdings nie gehört. Unter Ephraims Leitung schien einfach nichts schiefzugehen.

„Scott!“ Er breitete die Arme aus und umarmte ihn. „Wir haben uns ja eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.“

Genau genommen waren es zwei Wochen. Das machte ihn stutzig. Noch dazu, obwohl Ephraim wusste, dass er derartige Begrüßungsrituale verabscheute.

„Ephraim, wie kann ich dir helfen?“

„Glaubst du etwa, ich komme dich nur besuchen, weil ich etwas von dir will?“

„Soll ich ehrlich sein?“

Scott deutete auf die Sitzecke am Fenster und bat ihn, sich zu setzen. Charles schickte er, ihnen Kaffee zu bringen. Dabei grummelte er etwas vor sich hin, was Scott nicht verstand. Auch wenn Elfen grundsätzlich ein besseres Gehör hatten als Menschen, war Scott durch eine Hörminderung beeinträchtigt. Die machte ihm zwar generell keine Probleme, das Getuschel seines Lehrlings jedoch konnte er nicht verstehen. Ephraim setzte sich in den großen Ohrensessel, während Scott auf der Chaiselongue Platz nahm.

„Um genau zu sein, du musst mir einen Gefallen tun.“

Hatte er es sich doch gedacht.

„Ich habe ein Gemälde für den Louvre erstanden.“ Er reichte ihm eine Fotografie des Gemäldes. Man konnte kaum etwas darauf erkennen. Scott drehte es in verschiedene Richtungen, doch das Motiv wollte sich ihm einfach nicht erschließen. Natürlich musste man betonen, dass er noch nie großes Interesse für die Malerei gehegt hatte.

„Was soll das sein?“

„Eben.“ Ephraim gestikulierte heftig. „Das Bild muss dringend restauriert werden! Es ist sehr wertvoll für Sammler. Wenn wir es im Louvre ausstellen könnten, wäre das eine Sensation! Das Problem dabei ist, dass ich es nur einer einzigen Person zutraue, und diese Person kann ich unmöglich darum bitten.“

Scott fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er brauchte wirklich nicht lange zu warten. Das Schicksal wusste genau, was es tat. „Lass mich raten: Gwendolyn von Cleve.“

Ephraim wollte etwas sagen, hielt dann aber inne. „Woher weißt du das?“, fragte er verdutzt.

„Das Fräulein von Cleve ist uns in letzter Zeit häufig über den Weg gelaufen.“ Charles brachte zwei Tassen Kaffee auf einem Tablett und stellte das Gedeck auf den Tisch. Scott blickte Charles strafend an. Auch wenn er Ephraim Degas gut kannte, hatte er sich dennoch nicht in geschäftliche Gespräche einzumischen.

„Wenn du mich jetzt darum bitten möchtest, dass ich an deiner Stelle zu ihr gehe, muss ich entschieden ablehnen.“

Ephraim tat entsetzt. „Aber Scott! Ihr wart doch zusammen in einer Klasse. Sie wird sich sicher an dich erinnern.“

„Eben.“ Scott trank einen Schluck Kaffee. Ephraim im Ohrensessel schwieg.

„Wieso gehst du nicht selbst?“

Ephraim winkte ab. „Das geht nicht. Sie wird mich nicht einmal in ihren Vorgarten lassen, geschweige denn, dass ich mit ihr reden darf.“

Das glaubte er kaum. „Du bist ein Degas! Natürlich wird sie dich einlassen.“ Ephraim gehörte einer sehr einflussreichen Familie an. Natürlich würde das Fräulein seinen Freund empfangen wollen.

Doch Ephraim schüttelte verneinend den Kopf.

Scott reagierte aufgebracht, erinnerte er sich doch noch sehr gut an die Bösartigkeiten und Hetzerei in der Schulzeit. „Ich bin ein Halbelf! Vor nicht allzu langer Zeit wäre ich nicht einmal würdig gewesen, ihre Schuhe zu putzen!“

„Gwendolyn hat sich während der Umbrüche in den Sechzigern sehr für die Rechte der Halbelfen eingesetzt.“

Scott schüttelte den Kopf. Er konnte seinen Worten kaum Glauben schenken. „Sie hat mich gehasst auf dem Collège!“

Doch Ephraim ließ sich nicht abwimmeln. „Bis letztes Jahr durfte ich mich ihr laut eines Beschlusses des Hohen Gerichts lediglich auf zwanzig Meter nähern.“

Wie bitte? „Was zum Henker hast du angestellt?“

Ephraim schwieg zunächst. Dann schien er sich einen Ruck zu geben und begann zu erzählen. „Die Verfügung wurde vor einigen Jahren ausgestellt, noch bevor ich dich kennenlernte. Sie hat sie mir zusammen mit den Scheidungspapieren auf den Esstisch gelegt und ist gegangen. Seitdem hab ich sie nicht wieder gesehen, außer in den Zeitungen.“

Damit hatte Scott nicht gerechnet. Er war beinahe erschrocken. Und zugleich spiegelte diese Geschichte genau die Gwendolyn von Cleve wider, die er am Collège kennengelernt hatte. Dabei hatte er nicht mal gewusst, dass Ephraim schon einmal mit einer anderen Frau verheiratet gewesen war als mit Madeleine, mit der er vier Kinder hatte. Wie gut kannte man seine Freunde eigentlich? Er wollte etwas sagen, doch Ephraim wies ihm mit einer Handbewegung zu schweigen.

„Ich habe sie nicht gut behandelt. Es war meine Schuld. Und ich weiß von ihrem Bruder, dass sie selbst sehr gelitten hat.“

Das sah ihm gar nicht ähnlich. Scott hatte ihn oft zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern erlebt. Er schien ein guter Ehemann und liebevoller Vater zu sein. Er fragte sich, was wohl schiefgelaufen war. Aber Ephraim machte überhaupt keine Anstalten, ihm eine Erklärung zu geben. Stattdessen kam er wieder auf das eigentliche Thema zurück.

„Dieses Gemälde ist wirklich sehr wichtig für mich. Für Sammler ist es sehr wertvoll, fast unbezahlbar. Der Louvre würde jeden Preis zahlen, den sie verlangt.“

Scott rieb langsam die Handflächen aneinander. „Ich bin mir nicht sicher, was du von mir erwartest“, fragte er resigniert. Man konnte sich eben doch nicht gegen das Schicksal wehren.

„Es wäre schön, wenn du dich zu einem Besuch bei Gwendolyn von Cleve bereit erklären würdest.“ Dann schob er das Foto noch ein Stück in seine Richtung. „Bitte. Überrede sie zu dieser Arbeit.“

Scott seufzte. Er gab sich geschlagen.

„Ich habe sie als sehr verständnisvolle und liebenswürdige Person kennengelernt.“ Ephraim erhob sich und spazierte aus dem Geschäft. „Sag mir Bescheid.“

Zehn Minuten später saß Scott immer noch an derselben Stelle. Er starrte auf das Foto und malte sich aus, was geschehen könnte, wenn er tatsächlich zu ihr fahren würde. Was wohl aus ihr geworden war? Er meinte, ihre Eltern hätten sehr große Pläne mir ihr gehabt. Und er glaubte, sich zu erinnern, kurz nach dem Abschluss eine Hochzeitsanzeige von ihr und einem Kerl mit mehreren Vornamen und einem sehr wichtigen Nachnamen gelesen zu haben. Mittlerweile hatte Charles im Ohrensessel Platz genommen. Er blätterte in dem alten Jahrbuch seines Meisters. Ab und zu kicherte er. Sie würde ihn wahrscheinlich auf der Türschwelle verrotten lassen, vermutete Scott. Und sie würde ihn so herablassend und arrogant behandeln, wie sie es früher getan hatte. Das musste er sich doch kein zweites Mal antun. Charles gluckste, als er seinen Meister auf dem Gruppenfoto erkannte, und dieser nahm ihm das Buch aus der Hand.

„Du solltest deinem Lehrmeister ein wenig mehr Respekt zollen.“

Er sah sich das Foto an. La Terminale de 1867 stand in großen goldenen Lettern darüber. Er war gerade zwanzig Jahre alt gewesen und erinnerte sich, dass ihn die Lehrerin einen Tag vorher zum Haareschneiden gezerrt hatte, weil lange Haare sich nicht schickten. Ernst sah er aus auf dem Foto. Und verärgert. Über seine neue Haarlänge. Man hatte ihn in die letzte Reihe ganz nach außen gestellt. Dahin, wo er immer hingehört hatte: ins Abseits. Er suchte nach Gwendolyn von Cleve und fand sie dort, wo er sie vermutet hatte. Sie saß auf einem Stuhl in der ersten Reihe, gleich neben ihrem Zwillingsbruder. Wie alle Mädchen trug sie ein dunkelblaues Kleid mit weißem Kragen, das bis auf den Boden reichte. Die Haare waren streng gescheitelt und zu einem Kranz geflochten. Doch im Gegensatz zu ihrem Bruder, der frech in die Kamera grinste, war ihr Gesichtsausdruck wie versteinert, ihre Augen waren leer. Ob sie Familie hatte, Kinder und vielleicht sogar schon Enkel? Wenn er das Foto so betrachtete, waren sie beide die einzigen Personen, die an diesem Tag nichts zu lachen hatten. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits von der Hochzeit mit dem Prinzen gewusst und war darüber nicht sehr erfreut gewesen. Er konnte sich erinnern, wie sie es an diesem Nachmittag zu ihm gesagt hatte.

„Ich werde heiraten. Gleich nach dem Abschluss.“ Müde und resigniert hatte sie geklungen. Dabei sollte doch eine Heirat etwas sein, auf das man sich freute. In den Kreisen, in denen sich Gwendolyn von Cleve bewegte, war es auch heute noch üblich, die Heirat zu arrangieren. Wenn seine Vermutung stimmte, war sie nicht sonderlich glücklich darüber. Im Gegensatz zu ihrer Mutter. Sogar die alte Lehrerin, Madame Dupont, lächelte zufrieden auf dem Foto. Dann fiel sein Blick wieder auf das Foto von dem Gemälde, das immer noch vor ihm auf dem Tisch lag.

Die Neugier siegte doch. Und so beschloss er, das Fräulein von Cleve zu besuchen. Er beugte sich vor und sah seinen Lehrling ernst an.

„Gut. Erzähl mir was“, forderte er ihn auf. Da Charles es liebte, in den Privatleben von Prominenten zu wühlen, sollte er genauestens über das Fräulein Bescheid wissen. Und so war es auch. Charles strahlte über beide Ohren und legte sofort los.

„Gerade das Leben von Gwendolyn von Cleve bietet sehr viel Stoff für die Boulevardpresse. Sie war insgesamt sechs Mal verheiratet und jedes Mal hatte sie selbst die Scheidung eingereicht.“

„Selbst die erste?“

Charles nickte. „Ja. Es war ein furchtbarer Skandal. Ihre Mutter war beinahe außer sich, aber aus irgendeinem Grund hatte die Familie des Verlassenen überhaupt keine Einwände.“

„Das ist in der Tat merkwürdig“, bestätigte Scott.

„Das richtig Merkwürdige ist aber, dass sie aus keiner ihrer Ehen Kinder hervorgebracht hat. Während ihr Bruder eine Fußballmannschaft gezeugt hat.“

Scott hob die Schultern. „Sie wollte eben keine Kinder. Was ist daran so merkwürdig? Ich hab ja auch keine.“

Sein Lehrling grinste allwissend. „In den Kreisen des Fräuleins legen die Männer sehr viel Wert auf männlichen Nachwuchs. Eine Freundin aus der Schule hat mir erzählt, dass es eine Zeit lang wilde Spekulationen über die Kinderlosigkeit der von Cleve gab. Es wurde getratscht, dass sie keine Kinder kriegen könne. Oder auch das Gerücht, dass sie sich weigere, mit den Männern den ehelichen Beischlaf auszuüben. Oder dass die Männer sie misshandelt hätten.“

Scott zog die Augenbraue hoch. „Der letzte Punkt passt zu Ephraims Aussage, er hätte sie nicht gut behandelt. Doch ich weigere mich zu glauben, dass er dazu in der Lage wäre.“

„Vielleicht war es ja umgekehrt?“, stellte Charles die unglaubwürdige Vermutung auf.

Scott schwieg. Ein völlig abwegiger Gedanke.

„Was kannst du mir noch erzählen, Charles?“

„Sie hat irgendwas mit Kunst gemacht.“ Charles dachte eine Weile nach. „Ich glaube, sie war Künstlerin. Aber nach der letzten Scheidung, die von Monsieur Degas, hat sie sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Sie tritt häufiger als Mäzenin für diverse Kunstprojekte auf. Aber sonst sieht man sie nicht mehr oft in der Öffentlichkeit.“

„Sie soll wahrscheinlich einen guten Restaurator für dieses Gemälde finden. Sie hat bestimmt überall Kontakte in der Kunstszene“, schlussfolgerte Scott mit Blick auf das Foto, welches immer noch vor ihm lag. Dann erinnerte er sich an die Begleitung des Fräuleins in der Oper. Sie hatte zu viel Rouge und zu wenig Kleid getragen. Das war bei Frauen immer ein Zeichen von Verzweiflung.

„Was sagt denn die Presse über ihren derzeitigen Beziehungsstatus?“

Charles grinste. „Das ein besonders schönes Thema. Sie wird ständig mit anderen Männern gesehen. Letzte Woche wurde sie mit einem Kerl, der als Gigolo bekannt ist, in der Oper gesehen.“ Charles stutzte. „Waren Sie nicht auch in Don Giovanni?“

Scott nickte. „Ich hab den Mann gesehen.“

Charles beugte sich vor. „Und?“

„Was? Und?“

Manchmal glaubte Charles, sein Lehrmeister wäre entweder völlig weltfremd oder einfach nur zu anständig. „Na, haben Sie was gesehen?“

„Klar“, sagte Scott ruhig, beinahe gleichgültig. Doch Charles’ freudige Erwartung wurde nicht bestätigt. „Die Oper!“ Was sollte er sich auch für die Liebschaften irgendeiner Frau interessieren. Damit klappte er das Buch zu und steckte das Foto in seine Brieftasche.

Charles folgte seinem Meister mit den Blicken.

„Vielleicht sollten Sie mal in den Louvre gehen.“

„Bitte?“, erwiderte Scott und stellte sich vor einen Bücherstapel, auf dem er ein offenes Buch abgelegt hatte.

„Na ja, bevor Sie sich vor dem Fräulein blamieren, weil Sie offensichtlich keinen blassen Schimmer von Kunst haben, sollten Sie vielleicht vorher ein wenig Ihren Horizont erweitern.“

Scott zog die Augenbraue hoch.

„Wenn Sie sich beeilen, kommen Sie noch rein, ab siebzehn Uhr lassen die dort keinen mehr durch.“

Scott warf einen Blick auf die große Standuhr: Es war kurz vor vier Uhr. Wenn er mit der Metro fuhr, käme er noch rechtzeitig dort an.

„Hat Ihnen Monsieur Degas nicht sogar einmal Freikarten geschenkt?“

Ach ja! Die Freikarten. Die hatte er seit letztem Jahr in seiner Brieftasche. Laut Datum waren sie noch gültig. Scott klappte das Buch zu. „Na gut“, sagte er. „Du bleibst hier!“

Charles grinste. „Hey, vielleicht treffen Sie ja das Fräulein im Louvre.“

Scott schnaufte, während er sich seinen Mantel überstreifte. „Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass sie zur gleichen Zeit wie ich in den Louvre geht – noch dazu, wo sie dort ihrem Exmann begegnen könnte.“

Verschwindend gering, würde der Statistiker berechnen. Doch das Schicksal rechnete mit anderen Variablen.

Und so kam es, dass Scott völlig überrascht war, als plötzlich Gwendolyn von Cleve neben ihm stand und sich in die Skulptur von Amor und Psyche, geschaffen von Antonio Canova, vertiefte. Sie registrierte ihn nicht einmal. Und um ehrlich zu sein, hätte er sie ebenfalls nicht beachtet, wäre da nicht ihr Duft gewesen. Sie roch nach frischer Luft. Ihr Haar, ihre Kleidung, ihre Haut rochen nach frischer Luft. In einem Raum voller menschlicher Gerüche und künstlichem Parfüm war es eine Wohltat, einfache, frische Luft zu atmen. Scott zuckte beinahe zusammen, als er einen Blick neben sich warf und den wundervollen Duft dem rothaarigen Geschöpf zuordnen musste. Sie sah völlig anders aus als das letzte Mal in der Oper und auch in der Metro. Doch heute trug sie ein schlichtes Kleid in einem satten Lila, ihr Make-up war sehr dezent und ihre Haare waren zu einem Zopf geflochten, der an ihrem Rücken umherbaumelte. Er überlegte, ob er sie ansprechen sollte. Sie waren auf neutralem Boden und um sie herum wimmelte es von asiatischen Touristen. Sie würde es nicht wagen, handgreiflich zu werden. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihm fielen keine Worte ein. Seine Hände wurden feucht.

Gwendolyn legte den Kopf schief, ging um die Skulptur herum, beugte sich vor und betrachtete mit in Falten gelegter Stirn die Rückseite des Kunstwerks. Scott seufzte. Sie war so schön wie früher. Er sah das Mädchen vor sich, mit dem Haarkranz und dem Stapel Bücher unter dem Arm, wie sie vor ihm in der Schulbibliothek stand und ihn mit gerunzelter Stirn ansah. Sie stand im Schatten der Bücherregale und brachte kein Wort heraus, aber ihre roten Haare glänzten sogar im Dunkeln wie Gold.

Sie hatte ihn immer noch nicht registriert. Scott räusperte sich. Sie sah kurz zu ihm auf und wollte sich weiter ihren Studien widmen, als ihr gewahr wurde, wer vor ihr stand. Sie verspannte sich, schloss für ein paar Sekunden die Augen. Ihr Herz begann zu zittern. Dann richtete sie sich auf, straffte die Schultern und sah ihn aus schmalen Augenschlitzen an.

„Was wollen Sie von mir?“, zischte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

Scott McKenzie schüttelte den Kopf. Was sollte er darauf antworten?

„Stalken Sie mich etwa?“

McKenzie sah sie entsetzt an. „Bitte? Nein!“

Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Raus mit der Sprache!“, befahl sie.

„Ephraim Degas schickt mich zu Ihnen.“ Scott hatte schneller gesprochen, als ihm lieb war. Es war ja nicht so, dass er Angst vor ihr hatte. Nein. Es war vielmehr ein tief sitzendes Gefühl von … verdammt … ja … er hatte Angst vor ihr.

Das Fräulein schien wie vom Schlag getroffen. Sie hielt sich an dem Sockel der Skulptur fest und senkte den Blick für kurze Zeit auf den Boden. Ausgerechnet der! Was wollte er nach all den Jahren noch von ihr? Hatte er sie denn nicht genug gequält? Die Schläge ihres Herzens stachen gewaltig. Und was schickte er auch noch McKenzie? Ephraim, dieser Feigling, hatte sich tatsächlich nicht selbst zu ihr getraut. Das Unglück ihres Lebens schien kein Ende zu nehmen. Dann fasste sie sich wieder.

„Worum geht es?“ Sie hob ihren Blick und sah den Halbelfen an. Er sah gut aus. Hatte sich kaum verändert. Seine Haare waren nicht mehr so lang wie früher, jedoch schien es, als hätte er seine Locken immer noch nicht in den Griff bekommen. Sie waren so unbeständig wie früher.

„Der Louvre hat ein Gemälde erstanden. Ephraim Degas würde sich sehr glücklich schätzen, wenn Sie sich darum kümmern würden.“ Niemals hätte er gedacht, dass sie die bloße Erwähnung seines Namens so mitnehmen würde. Und jetzt verstand er auch, warum Ephraim nicht selbst zu ihr gehen wollte. Wahrscheinlich wäre sie kollabiert, wenn sie ihn persönlich getroffen hätte.

„Warum ich? Er soll zu Cailliaux gehen!“

„Nun. Degas will unbedingt Sie. Sie sind anscheinend die fähigste Person, die die Gilde zu bieten hat.“

Sie runzelte die Stirn. „Sie Lügner!“ Dann setzte sie hinzu: „Ich habe seit Jahren mein Werkzeug nicht in die Hand genommen. Der Louvre müsste mir schon einiges bieten, bevor ich wieder damit beginne, alte Bilder zu bearbeiten.“

Sie war selbst Restauratorin? An diese Möglichkeit hatte er nicht gedacht. Dass Töchter aus hohem Hause malten und zeichneten, gehörte zu ihrer Ausbildung. Aquarelle von Blumen und Gestecken, Stillleben oder Gartenanlagen. Aber das Handwerk eines Restaurators erforderte Fähigkeiten, weit über das Geschick, mit dem Pinsel zu hantieren, hinausgehend. Er hatte tatsächlich ein wenig Bewunderung für sie übrig.

„Der Louvre weiß Ihre Fähigkeiten zu schätzen und wird Ihren Wünschen daher sehr entgegenkommen.“ Er wusste selbst nicht, ob er sich damit nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte.

Gwendolyn von Cleve lachte und der bittere Unterton entging Scott keineswegs. „Natürlich!“

Scott fiel ein, dass er das Foto von dem Gemälde noch immer bei sich trug. Es könnte sie überzeugen, doch noch einzuwilligen. Er öffnete seine Brieftasche, zog die Fotografie heraus und hielt sie ihr über den Marmorsockel hin. Sie zog die Augenbraue hoch. Ihre Blicke wanderten zwischen Scott und dem Polaroid hin und her. Die Neugier siegte und so entschied sie sich doch noch, das Foto zu betrachten, und nahm es in die Hand. Gwendolyn von Cleve zog scharf die Luft ein, dann verzog sie das Gesicht, schürzte die Lippen. Sie warf Scott einen prüfenden Blick zu und lächelte belustigt.

„Sie haben keine Ahnung, was das für ein Bild ist, hab ich recht?“

Erwischt. „Nun, ich bin Antiquar, kein Kunsthistoriker.“

Sie nickte. „Ich will es sehen, bevor ich mich entscheide, ob ich es bearbeite.“ Natürlich hatte sie sich längst entschieden. Doch das musste ihr Gegenüber nicht wissen. Sie wollte es nur so schnell wie möglich mit eigenen Augen sehen. Vielleicht war es doch eine Fälschung.

Scott hob die Schultern. „Ich werde es Ephraim ausrichten.“

„Nein“, sagte sie entschieden und steckte die Fotografie in ihre Handtasche. „Das mache ich schon selbst.“ Dann sah sie ihn auffordernd an. „Ich werde morgen zu ihm gehen. Sie werden mich begleiten, Monsieur McKenzie.“

Scott fiel die Kinnlade herunter. „Bitte?“

Sie lachte bitter. „Hören Sie, ich werde auf keinen Fall auch nur eine Minute allein mit diesem Kerl in einem Raum verbringen!“ Sie stemmte die Hände in die Hüfte.

Vom ersten Schrecken erholt, straffte Scott seine Schultern. „Ich werde nicht das Kindermädchen spielen! Wenn Sie nicht miteinander klarkommen, ist das Ihr Problem, nicht meins.“

Gwendolyn lächelte herablassend. „Sie werden mich begleiten!“

„Warum sollte ich das tun?“ Scott knirschte mit den Zähnen. Es war ein Befehl einer Hochelfe, dazu noch mit einem Stammbaum, der Louis XVI. neidisch gemacht hätte, theoretisch musste er Folge leisten. Er verschränkte die Arme.

„Wenn es wirklich das ist, wofür ich es halte, dürften Sie sich glücklich schätzen, mein Lieber, mir bei der Recherche zu assistieren.“

„Ha!“, lachte Scott. „Wie kommen Sie darauf, dass ich das mache?“

Gwendolyn spürte die Verspannung im Kiefer. „Weil Ihr Vater eine Menschenfrau gevögelt hat und Sie jetzt am untersten Ende der Nahrungskette stehen. Darum!“ Sie wandte sich zum Gehen, doch dann setzte sie hinzu: „Und daran ändern auch die Gesetze von 1968 nichts!“

Scott hätte ihr am liebsten den Hals umgedreht. Wären Amor und Psyche nicht zwischen ihnen gewesen, hätte er sicher die Beherrschung verloren.

Nimm, Psyche, und sei fortan unsterblich! Nie wird sich Cupido aus den Banden, die ihn an dich knüpfen, lösen, sondern ihr seid vermählt in Ewigkeit.3

 

 

 

 

 

1 Diogenes von Sinope, (um 400 - 323 v. Chr.), altgriechischer Philosoph und Satiriker

2 Novalis, (1772 - 1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg, deutscher Lyriker

3 Apuleius – Amor & Psyche, (um 125 n. Chr. - um 170 n. Chr.), griechischer Schriftsteller und Philosoph

Ein Mann aus bestem Hause

Kapitel 2

EIN MANN AUS BESTEM HAUSE

 

 

Der Brief lag vor ihr auf dem Tisch. Er war hellblau, zweimal gefaltet worden und trug das Siegel des elfischen Hochgerichts. Verdammt, sie hatte es vergessen. Der Gerichtstermin trug das Datum nächster Woche und war nicht verhandelbar. Gwen atmete tief ein und geräuschvoll wieder aus. Sie schielte zum Telefon. Als es klingelte, seufzte sie wieder und nahm den Hörer ab.

„Hallo“, meldete sie sich.

„Ich bin’s“, sagte die Stimme ihres Bruders.

„Wer sollte es sonst sein. Ich nehme an, du hast den Brief ebenfalls erhalten?“

Am anderen Ende rauschte es.

„Was sollen wir machen?“, fragte Gwen.

„Ich habe bereits vor einiger Zeit mit Hannah gesprochen. Wir haben Louise gewählt, sie ist stark und versteht die Situation. Sie wird …“

„Das kannst du nicht machen!“, fuhr ihn Gwendolyn an. Sie saß stocksteif und kerzengerade auf ihrem Stuhl und ballte die Hand zu einer Faust. „Du kannst nicht eine deiner Töchter opfern!“

Gilbert schnaufte. „Opfern kann man das ja wohl nicht nennen. Sie muss irgendwann sowieso heiraten.“

„Ich sehe das etwas anders.“

Ihr Bruder schwieg. Nach einer Weile seufzte er hörbar laut. „Hör mal, mir fällt es nicht leicht. Louise hat es zwar verstanden, aber ich bin mir sicher, sie liegt jetzt in ihrem Zimmer und weint sich die Augen aus. Aber das ist der Vertrag, den die Familien ausgemacht haben. Den können wir nicht ändern. Wir müssen uns fügen, sonst geht der Streit ewig so weiter. Außerdem können wir froh sein, dass wir unsere Kandidatin aussuchen dürfen, die anderen müssen sich der Wahl stellen.“

Sie wusste, dass er recht hatte. Sie sackte in sich zusammen und legte die Hand auf die Stirn, während sie sich mit dem Ellenbogen auf der Tischplatte abstützte. „Hast du die Liste gelesen?“

„Natürlich.“

„Mein Name steht auch darauf.“

Ihr Bruder lachte. „Das meinst du nicht ernst!“

„Warum nicht?“

„Gwennie, dein Alter …“

Sie gackerte. „Hey! Du willst doch nicht etwa sagen, dass ich alt bin? Ich bin in der Blüte meiner Jahre!“

„… dein Alter korrespondiert nicht mit dem Alter der verfügbaren Männer der Gegenseite!“ Gilbert war gut darin, sich auch aus brenzligen Situationen herauszureden. Sie hörte Papier rascheln. „Im Übrigen musst du ein ärztliches Gutachten einreichen, das deine Fruchtbarkeit bescheinigt. Wenn aus der Ehe keine Kinder hervorgehen, gilt der Vertrag als nicht erfüllt.“

Gwendolyn schluckte. „Nur, weil ich bisher noch keine Kinder bekommen habe, heißt es noch lange nicht, dass ich generell keine bekommen kann. Biologisch ist bei mir alles in Ordnung.“

Ihr Bruder stöhnte. „Warum willst du dir das denn antun? Hast du nicht schon genug schreckliche Ehen hinter dir?“

„Vielleicht ist die Sieben meine Glückszahl?“ Sie versuchte zu lächeln.

„Nein“, sagte Gilbert bestimmt.

„Warum nicht? Willst du lieber deine älteste Tochter an irgend so einen dahergelaufenen schottischen Viehhirten verkaufen, nur damit es keine Kleinkriege mehr im Parlament gibt?“

Gilbert schnappte nach Luft. „Gwen!“, rief er laut. Sie wusste, sie war zu weit gegangen. Dennoch ließ sie nicht locker. „Hannah hat sich für Louise sicher auch eine etwas andere Zukunft vorgestellt.“

„Das haben wir bereits besprochen! Natürlich ist es schrecklich für sie, aber … Gwen, warum willst du das unbedingt machen?“

Sie schwieg.

„Willst du Mutter eins damit auswischen?“

„Nein“, sagte sie kleinlaut. Und das war die Wahrheit. „Ich bin Louises Taufpatin. Ich habe versprochen, sie zu beschützen und vor Unheil zu bewahren. Ich kann doch nicht zulassen, dass sie sich ins Unglück stürzt, während ich die Lösung parat habe.“ Sie holte Luft, um wieder etwas gefasster zu klingen. „Und außerdem bin ich stark genug, um auch eine siebte Ehe durchzustehen. Und die Norne hat gesagt, die siebte sei meine letzte Ehe, die bis an mein Lebensende andauern werde.“

Ihr Bruder lachte hämisch. „Na, eine andere Wahl bleibt dir ja bei diesem Vertrag nicht.“

„Sie hat gesagt, dass sie glücklich sein würde!“

„Dann meinte sie bestimmt eine andere Ehe.“

Gwendolyn schmollte und war sich sicher, dass ihr Bruder es wusste.

„Bist du so verzweifelt, Gwen?“

Gwen brauchte eine Weile, um ihre Worte zu finden. „Ich hab es so satt, Gilbert“, begann sie. „Das ewige Suchen, das ewige Hoffen und Warten und Hoffen und Warten. Dann zusätzlich auch noch die Klatschpresse mit all ihren Vermutungen und Intrigen.“ Sie pausierte. „Ich will zur Ruhe kommen, Gilbert. Ich mag nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen und wenn ich endgültig verheiratet bin, dann halten sie vielleicht endlich ihre Klappe. Weißt du noch, als ich Ephraim geheiratet habe? Vom ersten Tag an haben sie gemutmaßt, wann ich mich scheiden lasse. Ich kann mich noch genau an die Schlagzeilen erinnern, als es fünfzehn Jahre später tatsächlich so weit war: Mal wieder geschieden! Des Fräuleins sechster Streich und der siebte folgt sogleich! Ich will nicht mehr.“

Sie schwiegen beide eine längere Zeit. Dann räusperte sich Gilbert. „Mutter wird toben vor Wut.“

„Ich weiß“, bestätigte Gwen und wusste, dass die Angelegenheit nun entschieden war. Am nächsten Tag schickte sie alle erforderlichen Unterlagen, einschließlich mehrerer Gesundheitszeugnisse, an das Hochgericht mit der Bitte, bei der Zusammenstellung der Unterlagen der heiratsfähigen männlichen Kandidaten auf das Alter zu achten.

 

„Wo sind unsere Eltern?“, flüsterte sie.

„Mutter hat sich geweigert zu kommen und Papa hält sich aus solidarischen Gründen fern. Aber er wünscht dir eine leichte Entscheidung und einen guten Ehemann. Zur Hochzeit kommt er bestimmt.“

Gwendolyn schüttelte den Kopf. Der gesamte McKenzie-Clan war anwesend und von den von Cleves waren es lediglich die Braut und ihr Bruder. Wie unangenehm. Ihre Mutter drückte mit ihrer Abwesenheit ihre Geringschätzung gegenüber der anderen Familie aus, denn schließlich war sie selbst der Grund gewesen, weswegen der Vertrag zustande gekommen war.

Das Fräulein hakte sich bei ihrem Bruder unter und gemeinsam betraten sie den Gerichtssaal. Sie gingen zwischen den Reihen durch und setzten sich in die vorderste Bank. Gwendolyn versuchte, gefasst und selbstbewusst zu wirken. Sie hörte das Wispern und Tuscheln, das nicht mehr leise war, wenn es zu viele Leute machten. Sie setzte sich kerzengerade mit gestrafften Schultern neben ihren Bruder und wartete auf den Richter. Dieser betrat nur wenige Minuten später mit wehendem Gewand den Saal und ließ mit seiner Anwesenheit das Wispern verstummen. Allein dafür war ihm Gwendolyn unendlich dankbar. Auf dem imposanten Messingschild las sie seinen Namen: Richter A. Lupin. Etwa von den Lupins? Sie verkniff sich ein Lachen. Der Sohn schlug nicht immer nach dem Vater. Ein schwarzes Schaf musste es in der Familie geben. Die Familie Lupin hatte ihrem Stammvater Arsène Lupin1, dem Meisterdieb, ihren Reichtum zu verdanken. Immer wieder tauchten Gerüchte über Katakomben voller Schätze und Diebesgut auf, die unter ihrem Anwesen liegen sollten.

Richter Lupin blätterte in den Papieren umher. Dann sah er sich im Saal um und beugte sich leicht vor.

„Ich muss gestehen, dass ich mich geehrt fühle, diesen wichtigen Schritt juristisch begleiten zu dürfen. Deshalb lege ich größten Wert auf die strikte Einhaltung aller Formalitäten. Wie ich sehe, sind alle erforderlichen Mitglieder beider Familien anwesend.“ Dann schlug er mit dem kleinen Hammer gegen den Resonanzblock, das Geräusch ließ Gwendolyn zusammenzucken. „Ich erkläre die Verhandlung für eröffnet.“

Der Richter räusperte sich. „Ich habe alle erforderlichen Unterlagen von Ihnen erhalten, Gwendolyn von Cleve. Das habe ich positiv begrüßt. Wir haben uns bemüht, rücksichtnehmend auf Ihr Alter, alle infrage kommenden Kandidaten herauszufiltern.“ Er warf einen Blick auf die Seite des Saales, auf der die Junggesellen der McKenzies saßen.

„Wir konnten Ihnen in der relativ kurzen Zeit leider keine Unterlagen zukommen lassen, deshalb darf ich Ihnen die Exposés jetzt persönlich übergeben.“ Er hielt eine dicke Akte hoch. Gwendolyn erhob sich und schritt so erhaben wie möglich an das Pult und nahm den Papierstapel entgegen.

„Wenn Sie sich mit Ihrer Familie beraten möchten, bevor Sie die Auswahl treffen, sei Ihnen dies gestattet.“

Gwendolyn überflog die Auflistung der Namen. Diese gestaltete sich, dank der Selektierung durch das Gericht, recht übersichtlich. Es waren die Namen von siebzehn Männern aufgelistet, die für eine Heirat infrage kämen. Sie stutzte. Nein! Sie wandte sich um und suchte in den Reihen der schottischen Familie das bekannte Gesicht. Als sie ihn entdeckte, schritt sie schnurstracks auf ihn zu. Er saß in der dritten Reihe, in der äußersten Ecke und sie musste ihn über mehrere Köpfe hinweg ansprechen.

„Was machen Sie hier?“, rief sie außer sich.

Scott seufzte und hob die Schultern. „Offensichtlich bin ich Junggeselle und im heiratsfähigen Alter.“

Seine Verwandtschaft drehte sich abrupt zu ihm um.

Gwendolyn rang nach Luft. „Machen Sie das mit Absicht?“

„Wie, dass ich Junggeselle bin? Ja, das war schon Absicht! Und ich hoffe, Sie lassen mich in diesem Zustand verweilen.“

Gwendolyn schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken überschlugen sich. Unsicher warf sie einen Blick auf die anderen Familienmitglieder. Eine Dame im vorderen Bereich erhob sich. Sie hatte schneeweiße Haare, die sie in eleganten Locken frisiert hatte, und trug einen Fuchspelz auf den Schultern. Der Fuchs hatte einmal gelebt, da war sich Gwendolyn sicher.

„Herr Richter“, begann die Frau zu sprechen. „Eine Ehe zwischen Gwendolyn von Cleve und Scott McKenzie würde von unseren Seiten sehr begrüßt werden, denn so würde eine völlige Wiedergutmachung bewirkt werden.“

Scott erhob sich abrupt. „Moment mal!“

Aus der anderen Ecke eilte Gilbert, den Gwendolyn nur als schemenhaften Schatten neben sich wahrnahm. „Herr Richter, ich halte diesen Vorschlag für völlig … irrsinnig!“

Scott wollte etwas sagen, doch die Dame mit dem Fuchspelz sprach deutlich und sehr bestimmt. „Herr Richter, der Vertrag, der zwischen unseren Familien geschlossen wurde, wurde uns aufgezwungen und über Jahre hinweg aufrecht gehalten. Wir mussten dadurch weitreichende Beeinträchtigungen in Kauf nehmen, wie etwa die unterzähligen Stimmen im Parlament oder die Verbannung eines wichtigen Familienmitgliedes aus unseren Kreisen. Als Familienoberhaupt spreche ich für die gesamte Familie McKenzie, wenn ich sage, dass eine Vermählung zwischen den Kindern der Vertragsinitiatoren nur logisch wäre und vor allem alle Schuld tilgen würde.“

Scott knetete seinen Hut in den Händen. Verdammt. Ein Blick auf Gwendolyn verriet ihm, dass sie dasselbe dachte. Verdammt. Ihr Blick schwankte zwischen Ungläubigkeit und völliger Verwirrtheit, während sie ihn immer noch ansah.

„Herr Richter!“, warf Gilbert nun ein. „Ich halte diesen Vorschlag für absolut ungültig! Wie wir alle wissen, beinhaltet der Vertrag eine Klausel, die besagt, dass der Vertrag erst mit der Geburt eines gemeinsamen Kindes als erfüllt gilt. Hochelfen sind körperlich nicht immer kompatibel zu Halbelfen. Die vorgeschlagene Konstellation könnte Komplikationen hervorrufen, sowohl gesundheitlich als auch vertraglich!“

Die Dame wandte sich an Gilbert. „Ihre Schwester hat bereits durch ihre amourösen Bekanntschaften bewiesen, dass sie durchaus kompatibel zu Halbelfen steht. Das konnten wir alle ausführlich in den Zeitungen verfolgen.“

Gwendolyn schoss das Blut in die Wangen. Sie würde die verfluchten Paparazzi irgendwann noch mal verprügeln! Peinlich berührt wich sie seinem Blick aus.

„Selbst wenn meine Schwester in ihrem Lebenslauf mit einem Halbelfen liiert war, so heißt das noch lange nicht, dass es mit diesem hier auch klappt.“

Scott verfolgte mit offenem Mund die Streiterei der beiden Parteien. Mittlerweile standen beide vor dem Richterpult und versuchten, ihre Interessen durchzusetzen, indem sie auf den Richter einredeten. Dieser war ruhig und notierte sich einige Punkte. Er wog ab, blätterte in den Unterlagen, schob Papiere zur Seite und übereinander, kreuzte hier und da etwas an. Dann schließlich hob er an, etwas zu sagen.

„Gilbert“, sprach Gwendolyn mit fester Stimme. „Es ist in Ordnung.“ Sie sah ihn nicht an, sondern vertiefte sich in Scotts Gesicht, dem in diesem Augenblick sämtliche Gesichtszüge entglitten. Sie sah ihm in die Augen und fand darin die Beständigkeit, die sie suchte, die Ehrlichkeit, die ihr fehlte, und die Loyalität, die sie vermisste.

„Fräulein“, Scott versagte die Stimme.

„Fräulein von Cleve“, setzte der Richter an. „Die Einwände Ihres Bruders bezüglich der Kompatibilität sind berechtigt.“

Halbelfen waren nun mal Halbelfen und keine Hochelfen. Ihre DNS-Struktur war geringfügig anders, je nachdem wie dominant die Gene des Hochelfen waren, der sie zur Hälfte bestimmte. Halbelfen entstanden nicht ohne Grund ausschließlich aus einem männlichen Hochelfen und einem weiblichen Menschen. Menschen waren mit weiblichen Hochelfen einfach nicht kompatibel. Das war auch der Grund, warum nicht alle Halbelfen mit allen Hochelfen rein sexuell zusammenpassten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es Komplikationen bei der Fortpflanzung geben würde, war ebenfalls recht hoch.

Gwendolyn schluckte hart und Scott bemerkte, dass ihre Unterlippe leicht zitterte. Dann wandte sie sich ab und schritt auf das Richterpult zu.

„Hochwürden, ich kann Euch versichern, dass die Kompatibilität in diesem Fall gegeben ist. Monsieur McKenzie und ich hatten bereits auf dem Collège eine … körperliche Vereinigung.“

Der Richter zog die Augenbraue hoch. Die Dame mit dem Fuchspelz sog die Luft scharf ein, konnte sich aber ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. Scott schloss die Augen und wünschte sich weit weg. Das war der Moment, in dem Gilbert völlig ausrastete. Er packte seine Schwester am Arm und schüttelte sie. „Was redest du da?“, schrie er sie an. „Mit dem da hattest du Sex? Mit dem da?“ Niemand tuschelte, niemand wisperte. Zu groß war die Überraschung, das Entsetzen. Gilberts Stimme hallte laut von den Wänden des Saals. Heutzutage wäre eine Liaison zwischen den Klassen sicherlich beinahe akzeptiert, doch damals galt es als undenkbar. Und dann auch noch eine Vereinigung zwischen einer Prinzessin und dem halbelfischen Sohn eines Verbannten. Gilbert brauchte nur Sekunden, um zu erkennen, dass der McKenzie-Spross der erste Mann im Leben seiner Schwester gewesen war. Der Erste, der sie berührt hatte. Innerlich betete er zu allen Göttern, dies möge doch bitte ein mieser Scherz seiner Schwester sein.

Der Richter versuchte, Haltung zu bewahren. „Monsieur Scott McKenzie, kommen Sie bitte nach vorn.“ Scott gehorchte und zwängte sich am Rand der Stuhlreihen nach vorn, dann schritt er zögernd auf das Pult zu, wo Gilbert ihm feindselige Blicke zuwarf, während er seine Schwester immer noch im festen Griff hatte.

„Scott McKenzie“, begann der Richter, „können Sie die Aussage von Gwendolyn von Cleve bestätigen?“

Scott schluckte. Vorsichtshalber vergrößerte er den Abstand zu Gilbert. Er versuchte, Gwendolyn in die Augen zu sehen, doch sie wich seinem Blick aus. „Ja, Hochwürden. Ich bestätige die Aussage des Fräuleins von Cleve.“

Er hörte Gilbert kurz aufschreien, dann spürte er die Faust in seinem Magen. Der Schlag ließ ihn zusammensacken und auf den Knien landen. Er musste würgen und hatte einen sauren Geschmack im Mund.

„Du warst das also!“ Gilbert schrie ihn an. Doch bevor er noch einmal zuschlagen konnte, wurde er von dem Sicherheitspersonal gepackt und unter großem Gezeter aus dem Saal entfernt. Die Dame mit dem Fuchspelz legte die Hand auf Scotts Rücken und half ihm, sich aufzurichten. Er fühlte die Wärme ihrer Hand durch seine Jacke hindurch und es ging ihm beinahe sofort wieder besser. Sein erster Blick fiel auf Gwendolyn, die mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf vor dem Pult stand und sich den Arm an der Stelle rieb, wo sie noch vor ein paar Sekunden von Gilbert festgehalten worden war.

Der Richter räusperte sich. „Wenn sich die Beteiligten nun beruhigt haben, können wir bitte mit der Verhandlung fortfahren?“ Er machte sich wiederum Notizen auf den unzähligen Blättern, die sich mittlerweile im Chaos auf dem gesamten Pult verteilten. Scott platzierte sich neben Gwendolyn, straffte die Schultern und versuchte, das Gesicht nicht vor Schmerzen zu verziehen.

„Wenn ich das richtig sehe, sind wir bereits zu einer Einigung gekommen. Gwendolyn Harriet Wilhelmina Anna von Cleve, Sie haben also Ihre Wahl getroffen. Darf ich das amtlich beglaubigen? Bedenken Sie bitte, dass das die letzte Möglichkeit ist, die Entscheidung doch noch zu überdenken. Überlegen Sie gut, ob Sie Ihre Wahl bestätigen wollen.“

Gwendolyn sah zum Richter auf, sah ihn mit entschlossenem Blick an. „Ich bestätige. Ich wähle Scott McKenzie.“

Scott konnte sich nicht wehren. Er musste sich fügen. Das war die Entscheidung, die getroffen wurde. Zum Wohle des Clans. So wurde es beschlossen. Der Richter las noch weitere Klauseln vor, die Scott schon gar nicht mehr hörte. Er beobachtete das Fräulein, wie sie sich vom Richter über die vertraglichen Bedingungen belehren ließ und anschließend ihre Unterschrift unter das Schriftstück setzte. Als Scott seine Unterschrift neben die von Gwendolyn setzte, ging ein Raunen durch den Saal. Ein erleichtertes Seufzen aus den hinteren Reihen. Ein dankbares Stöhnen aus den vorderen Reihen der Kandidaten, an denen der Kelch der Ehe vorbeigegangen war. Die Dame mit dem Fuchspelz erklärte dem Richter, die McKenzies würden so bald wie möglich den Termin für die Hochzeit bekannt geben. Es wurden noch ein paar Formalitäten geklärt und dann schlug der Richter mit dem Hammer auf das Pult. Die Verhandlung war geschlossen. Die Entscheidung war getroffen.

Gwendolyn und Scott blieben vor dem Pult stehen. Scott sah sie an, Gwendolyn auf den Boden. Nach und nach leerte sich der Saal. Und als endlich Ruhe eingekehrt war, standen sie immer noch da und schwiegen sich an. Gwendolyn hätte sich gern wie Psyche auf dem Gemälde von Bouguereau gefühlt, auf dem sie von Amor von der Bergklippe entführt wurde. Sie lag sicher in seinen Armen und fühlte sich geborgen. Gwendolyn jedoch wusste noch nicht, ob sie nun von Amor oder vom Dämon gerettet wurde. Scott sah nicht aus wie ein Cupido.

Scott sah auf ihre Haare, das Rot, das er damals so sehr geliebt hatte.

„Du hast dein Versprechen gebrochen“, sagte er leise.

„Na ja“, er konnte ein verschmitztes Lächeln in ihrem Gesicht ausmachen. „Ich hab ja nicht alles verraten.“ Dann sah sie auf und ihm direkt ins Gesicht. Ihr Blick war freundlich, jedoch waren ihre Wangen rot und ihr Lächeln unsicher. „Die Sache mit dem Geld hab ich verschwiegen.“

 

 

Scott saß an seinem Küchentisch, vor sich die Zeitung ausgebreitet. Die Schlagzeile verriet das Ergebnis der gestrigen Verhandlung. Charles saß vor ihm und blickte betroffen auf die übergroßen roten Lettern und das Foto, welches seinen Meister und das Fräulein von Cleve zeigte, wie sie nebeneinander vor dem Gerichtsgebäude standen, beide mit ernster Miene und voneinander abgewandtem Gesicht. In dem Artikel darunter wurden vielerlei Mutmaßungen geäußert, wie die Ehe ausgehen würde, wie die Familie von Cleve darauf reagieren würde und welche verschwörerischen Absichten hinter dieser Entscheidung stecken mochten. Scott schüttelte den Kopf. Er würde niemals verstehen können, wie Charles Gefallen an derlei Klatsch und Tratsch finden konnte. Außerdem war er auf dem Foto nicht gut getroffen. Oder sah er wirklich so dünn aus?

„Wenn sie hier einzieht, muss ich dann mein Zimmer räumen?“

Scott blickte seinen Schüler überrascht an. „Bitte? Nein!“

„Aber wo soll sie denn sonst schlafen?“

Scott rieb sich mit dem Daumen über die Stirn. „Charles, ist dir schon mal eingefallen, dass sich Ehepaare ein Schlafzimmer teilen?“

Charles riss die Augen auf. „Das machen Sie wirklich?“

„Natürlich. Das ist vertraglich festgelegt.“

„Sie werden auch Sex haben?“

Scott blickte seinen Lehrling missbilligend an. „Das ist keine Frage, die ein Schüler seinem Meister stellen sollte.“ Ihm schien es wieder besser zu gehen. Allerdings hatte er ihn gestern heulend im Badezimmer vorgefunden, weil er sich für seine Unfähigkeit, Bücher ordentlich abzustauben, schämte und darüber in eine tiefe Depression stürzte. Anscheinend hatte ihn der Böse Blick mehr mitgenommen, als er zunächst angenommen hatte. Scott hatte ihn leiden lassen. Eine gerechte Strafe für sein Fehlverhalten.

„Aus der Ehe muss ein Kind hervorgehen, das schließt ein, dass wir mindestens einmal den ehelichen Beischlaf vollziehen müssen.“

Charles verzog das Gesicht. „Dann will ich lieber ein anderes Zimmer bekommen!“

„Wieso?“

„Weil ich keine Lust habe, das Fräulein stöhnen zu hören. Wer weiß, wie die sich anhört.“

Scott schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das ist genug! Zeig gefälligst Respekt!“

Charles zuckte zusammen. Er beugte sich mit rotem Gesicht über seine Müslischale.

Allerdings musste Scott zugeben, dass er recht hatte. Das Fräulein brauchte ein eigenes Zimmer. Charles musste er aber auch irgendwo unterbringen. „Wahrscheinlich müssen wir die obere Etage benutzen“, murmelte er und nahm einen Schluck Kaffee. Er musste das alles mit dem Fräulein besprechen. Wenn sie eine eigene Etage bekäme, bräuchten sie sich nicht ständig über den Weg laufen. Er sah auf die Uhr. Es war viertel nach acht. Sie wollte schon längst hier sein. Doch es wurde zehn vor neun Uhr, bis es an der Tür klingelte und Gwendolyn von Cleve in seinem Antiquariat auftauchte.

Pünktlichkeit hat den Nachteil, dass die Leute glaubten, man hätte nichts Wichtigeres zu tun.

 

 

Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer des Louvre.

„Ich komme um zehn vorbei. Sei da!“

Ephraim schwieg. Erst nach einer Weile antwortete er. „Natürlich.“

Nachdem Gwendolyn den Hörer in die Gabel gehängt hatte, verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Warum hatte sie die Muse ausgerechnet in seinen Laden geschickt? Warum hatte sie nur die Metro verpasst und musste ausgerechnet mit dem Zug fahren, in dem auch der Halbelf gesessen hatte? Und warum, bei allen Göttern, trieb er sich im Louvre umher? Wie eine böse Vorahnung war er in ihr Leben geschlichen. Tauchte hier und da auf und verschwand dann wieder, bis sich das Unglück nicht mehr vermeiden ließ.

Sie atmete tief durch. Sie hatte ihn in der Metro sofort erkannt. Natürlich. Seine wilden Locken, sein markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem ausgeprägten Mund, seine hellblauen Augen. Ob McKenzie von der Scheidung wusste? Sie wüsste gern, was Ephraim ihm erzählt hatte. Gwendolyn überlegte kurz, ob der Ratsbeschluss von damals noch galt. Theoretisch hätte Ephraim ihm nicht einmal erzählen dürfen, dass sie miteinander verheiratet gewesen waren. McKenzie in der Metro zu sehen, war eine Überraschung gewesen. Wahrscheinlich hätte sie ihn niemals entdeckt, wenn nicht sein törichter Gehilfe, oder was der blonde Bengel auch immer sein mochte, versucht hätte, in ihre Seele einzudringen. Es gab Momente, da trauerte sie den guten alten Zeiten tatsächlich nach. Dann wäre eine solche Unverschämtheit niemals zustande gekommen.

Ohne hinzusehen, griff sie ins Bücherregal und zog das Abschlussbuch ihrer Klasse heraus. Der Umschlag des Buches war schon derart abgegriffen, dass das Leder blass wurde und aus den Nähten hing. Dass er als Halbelf auf dem Collège angenommen wurde, hatte er lediglich der Herkunft seines Vaters zu verdanken. Er hatte eine Gesetzeslücke in der Schulordnung entdeckt und hatte darauf bestanden, seinen Sohn auf diese Schule zu schicken. Doch dieser hatte einfach nicht zu ihnen gehört, in die Gesellschaft. Sie konnte sich an die Tratschereien auf den Kaffeekränzchen erinnern, auf die sie ihre Mutter immer mitgeschleift hatte. Und dann erst die Begegnung auf dem Schulhof bei der Einweihungsfeier. Ihre Mutter wäre beinahe aus der Haut gefahren vor Wut.

Auf dem Gruppenfoto, das am letzten Tag ihrer Schulzeit aufgenommen worden war, sahen sie alle noch so jung aus, so erwartungsvoll. Auf der Namensliste darunter hatte sie schon mehr als die Hälfte rot eingekreist. Sie waren alle tot. Im Krieg gefallen, bei einem Unfall oder an der Grippe gestorben – Elfen konnten an die tausend Jahre alt werden, wenn ihnen ihr miserables Immunsystem keinen Strich durch die Rechnung machte. Sie betrachtete ihr Gesicht auf dem Foto. So ernst. Sie wusste schon von Anbeginn der Schulzeit von der Heirat, aber als sie dann so kurz davor stand, schien das Leben vorbei zu sein. Jedenfalls für sie. Wie konnte sie denn damals schon ahnen, was passieren würde? Sie stellte das Buch wieder zurück in das Regal.