A Place to Grow - Lilly Lucas - E-Book
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A Place to Grow E-Book

Lilly Lucas

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Beschreibung

From Enemies to Lovers In »A Place to Grow«, dem 2. New-Adult-Roman der Reihe »Cherry Hill« von Bestseller-Autorin Lilly Lucas, gerät Lilac McCarthy mit ihrem attraktiven Erzrivalen aneinander. Für Lilac McCarthy (24) ist Cherry Hill, die Obstfarm ihrer Familie, der schönste Platz auf Erden. Sie liebt ihren kleinen Farmladen, in dem sie Selbstgemachtes verkauft, und natürlich das jährliche Peach Festival, das sie als Vorsitzende des Veranstaltungskomitees hingebungsvoll organisiert. Doch dieses Jahr droht alles anders zu werden: Bo Radisson, der Erbe der größten Obstfarm vor Ort, ist nach seinem Auslandsstudium zurück in der Stadt. Bo hat Lilacs Leben schon einmal auf den Kopf gestellt. Nun verfolgt er große Änderungspläne für ihr geliebtes Peach Festival. Es dauert nicht lange, bis Bo und Lilac darüber kräftig aneinandergeraten, und Lilac feststellen muss, dass ihr Herz in Bos Nähe verräterisch schnell klopft … Mit der Obstfarm Cherry Hill im ländlichen Colorado hat Bestseller-Autorin Lilly Lucas (»Green Valley Love«-Reihe) wieder ein zauberhaftes Setting geschaffen, in dem man sich sofort zu Hause fühlt. In jedem Liebesroman der New-Adult-Reihe steht eine der McCarthy-Schwestern im Mittelpunkt. In Teil 1, »A Place to Love«, ist es die älteste Schwester June McCarthy.

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Seitenzahl: 382

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Lilly Lucas

A Place to Grow

Roman

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Für Lilac McCarthy (24) ist Cherry Hill, die Obstfarm ihrer Familie, der schönste Platz auf Erden. Sie liebt ihren kleinen Farmladen, in dem sie Selbstgemachtes verkauft, und natürlich das jährliche Peach Festival, das sie als Vorsitzende des Veranstaltungskomitees hingebungsvoll organisiert. Doch dieses Jahr droht alles anders zu werden: Bo Radisson, der Erbe der größten Obstfarm vor Ort, ist nach seinem Auslandsstudium zurück in der Stadt. Bo hat Lilacs Leben schon einmal auf den Kopf gestellt. Nun verfolgt er große Änderungspläne für ihr geliebtes Peach Festival. Es dauert nicht lange, bis Bo und Lilac darüber kräftig aneinandergeraten, und Lilac feststellen muss, dass ihr Herz in Bos Nähe verräterisch schnell klopft …

 

Inhaltsübersicht

Widmung

Lilacs Country Favorites

Motto

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Danksagung

Für Kyra und Kathinka

Lilacs Country Favorites

Dustin Lynch feat. MacKenzie Porter – Thinking ’Bout You

LANCO – Greatest Love Story

Hailey Whitters – Everything She Ain’t

Johnny Cash – I Won’t Back Down

Chris Stapleton – Starting Over

Jen Fodor – Some Kind of Beautiful

Taylor Swift – Love Story

Amos Lee – Wait Up For Me

Priscilla Block – My Bar

Blake Shelton feat. Gwen Stefani – Go Ahead and Break My Heart

Kane Brown – Whiskey Sour

Jake Owen – Made For You

Spencer Crandall – My Person

George Birge – Mind On You

Dolly Parton – I Will Always Love You

»Cause I’m what you wanted and you’re what I need,

so let’s meet in between.

We’re gonna be the greatest love story this town has ever seen.«

 

LANCO, Greatest Love Story

Kapitel 1

Die Ladenglocke bimmelte, als ich das Blech mit den dampfenden Blaubeercookies aus dem Ofen zog. Überrascht sah ich zur Tür. Es war bereits nach neun, und der Farm Store hatte längst geschlossen.

»Hey«, begrüßte ich meine Schwester Juniper, die sich in diesem Moment ihren schwarzen Cowboyhut vom Kopf zog. »Ich dachte, du bist beim Farmerverbandstreffen.«

»Da komm ich gerade her. Ging heute nur eine Stunde.« Sie schloss die Tür hinter sich und schnupperte. »Wow, was riecht hier so gut?«

Ich kam um den Tresen herum und hielt ihr das Blech mit den Cookies hin, und sie fasste es als Erlaubnis auf, sich zu bedienen.

»Autsch!«, stieß sie leise aus, als sie sich mit den Fingerspitzen einen Keks vom Blech zog. Vorsichtig biss sie hinein und streckte den Daumen in die Höhe, während sie genüsslich kaute. Nachdem sie runtergeschluckt hatte, sagte sie: »Ich hab einen kleinen Anschlag auf dich vor. George Radisson hat mich gerade gefragt, ob wir morgen Vormittag zwei Reisebusse von ihnen übernehmen könnten. Eine Seniorengruppe aus Denver und ein Bingo-Club aus Salt Lake.«

»Morgen Vormittag?«

Entschuldigend zog sie die Nase kraus. »Ich weiß, da hast du eigentlich geschlossen, aber …«

»… es sind zwei Busse«, führte ich ihren Satz zu Ende und schmunzelte, weil ich die Kasse in ihrem Kopf klingeln hören konnte. Zwei Reisebusse, das waren locker 100 Besucher, die June erst über unsere Obstfarm und dann in den Farmladen führen konnte, wo sie erfahrungsgemäß jede Menge Geld ließen. Geld, das wir gut gebrauchen konnten. Auch wenn Cherry Hill nach ein paar schwierigen Jahren langsam wieder schwarze Zahlen schrieb, waren wir noch lange nicht über den Berg. Und außerhalb der Erntesaison waren es nun einmal die Einnahmen aus dem Farm Store, die unsere Rechnungen bezahlten und die Bank zufriedenstellten. Die Kuchen und Kekse, die ich hier verkaufte. Die Marmeladen, Säfte, Essige, Liköre und Obstbrände. »Du kannst ihm zusagen.«

»Sicher?« Sie schielte auf die leer gefegte Vitrine zu meiner Linken. Die letzten zwei Stücke Apfelkuchen hatte ich kurz vor Ladenschluss an Mrs. Holden verkauft, eine meiner Stammkundinnen, die regelmäßig aus dem 30 Minuten entfernten Grand Junction angefahren kam. Dass sich meine Backwaren inzwischen auch weit über die Stadtgrenze von Palisade hinaus großer Beliebtheit erfreuten, machte mich unfassbar stolz.

»Sicher«, erwiderte ich zwinkernd. »Ich back einfach noch zwei Kuchen und eine Ladung Kekse. Das sollte reichen.«

»Ich kann dir helfen«, bot June an, aus deren Gesicht noch immer das schlechte Gewissen sprach.

»Bloß nicht!« Ich schüttelte so entsetzt den Kopf, dass sie zu lachen begann. Meine Schwester war eine gute Farmerin, aber eine absolute Null in der Küche. In dieser Hinsicht waren die Gene bei uns klar verteilt worden. June kam nach unserem Vater, ich nach unserer Mom. Sie hatte Dads große, schlanke Statur geerbt, seine dunklen Haare und Augen. Ich war das Ebenbild meiner Mutter, hatte dasselbe rotbraune Haar, dieselbe helle Haut und ihre weichen Kurven. Dad hatte immer gescherzt, dass er wie durch einen Spiegel in die Vergangenheit blickte, wenn ich vor ihm stand. Die Erinnerung an ihn ließ mein Herz krampfen. Inzwischen waren fast vier Jahre vergangen, seit er einen Herzinfarkt erlitten hatte und gestorben war. Seit wir unsere Obstfarm Cherry Hill ohne ihn führen mussten.

»Tut mir leid, dass ich dir deinen Feierabend ruiniere«, holte mich Junes Stimme zurück ins Jetzt.

»Schon okay, ich hatte eh nichts mehr vor.«

Das war gelogen. Ich hatte mich den halben Nachmittag darauf gefreut, heute Abend endlich mit der zweiten Staffel von »Bridgerton« zu beginnen. In meine bequemste Schlabberhose zu schlüpfen und mit einer Tüte Doritos auf dem Schoß zu verfolgen, wie Anthony Bridgerton auf Brautschau ging. Aber die Farm ging vor. Meine Familie ging vor. Immer.

»Du bist toll, weißt du das?«, sagte June, als hätte sie einen Blick in meinen Kopf geworfen. Sie beugte sich zu mir vor und hauchte mir einen Kuss auf die Wange, und diese für sie so untypische Geste zeigte mir wieder einmal, wie sehr sich meine Schwester im letzten halben Jahr verändert hatte. Wie gut es ihr tat, mit ihrer großen Liebe Henry zusammen zu sein. Sie wirkte so viel gelöster und unbeschwerter, als hätte man ihr ein tonnenschweres Gewicht von den Schultern genommen. Vergangenen Sommer hatten die beiden nach jahrelanger Funkstille wieder zueinandergefunden. Seitdem lebte Henry hier bei uns auf Cherry Hill und führte eine Cider-Kelterei in Palisade. Im Moment besuchte er allerdings seine Familie in Wales, nachdem seine Schwester kürzlich Zwillinge zur Welt gebracht hatte.

»Wann kommt Henry eigentlich zurück?«

»Am Sonntag.« Junes Gesicht begann zu strahlen, und ich beneidete sie um dieses ganz besondere Glücksgefühl, das ein anderer Mensch in einem auslösen konnte. Es war lange her, dass ich so empfunden hatte. Jahre. Seitdem hatte es in meinem Leben nur ein paar langweilige Dates und unspektakuläre One-Night-Stands gegeben. Und Benjamin, mit dem ich eine Weile ausgegangen war, dann aber festgestellt hatte, dass ich sogar Rührkuchen spannender fand als Unterhaltungen mit ihm. »Ich will ihn mit einem Abendessen überraschen«, fügte sie hinzu.

»Lass es!«

June lachte. »Keine Sorge, ich hol Burritos aus dem Grill.« Sie streckte die Hand aus, um sich einen weiteren Keks zu schnappen, aber diesmal zog ich ihr das Blech unter der Nase weg.

»Die müssen für morgen reichen«, sagte ich gespielt tadelnd und lief um den Verkaufstresen herum. Ich stellte das Tablett ab, schlüpfte aus den Ofenhandschuhen und zog meine Schürze vom Haken. Sie war mintgrün und mit kitschigen Rosen bedruckt und hatte früher meiner Grandma Phyllis gehört, die den Farm Store vor mir geführt hatte. Ich hatte einen Großteil meiner Kindheit hier verbracht, am Zipfel genau dieser Schürze hängend, den Finger immer halb in der Teigschüssel.

»Okay, dann lass ich dich mal zaubern«, seufzte June, als ich mir die Schürze umband. Sie warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Blech und erntete rigoroses Kopfschütteln von mir. Mit einem Murren verabschiedete sie sich.

»Hey June«, sagte ich, als ihre Hand bereits auf der Türklinke lag.

Sie warf einen Blick über ihre Schulter.

»Warum übernehmen die Radissons die Busgruppen eigentlich nicht selbst?«

Die Radissons waren nicht nur unsere direkten Nachbarn, sondern auch unsere direkten Konkurrenten. Sie besaßen die größte Obstplantage in Palisade und Radisson Vineyards and Winery, ein exklusives Weingut mit Gäste-Lodge. Wir gingen fair miteinander um, aber wir schenkten uns nichts.

»Keine Ahnung, hab ich gar nicht gefragt.« Sie runzelte die Stirn, zuckte aber mit den Schultern. »Vielleicht wegen Bo.«

Ich blinzelte und kämpfte gegen den Anflug von Herzrasen, den dieser Name bei mir auslöste. Immer noch. »Wegen Bo?«

In ihrem Gesicht blitzte Überraschung auf. »Du weißt es noch gar nicht?«

»Was?«, krächzte ich.

Sie zögerte. Dabei konnte sie nicht wissen, dass mich der folgende Satz mit der Wucht eines Vorschlaghammers treffen würde. »Er ist wieder da.«

Kapitel 2

Er ist wieder da. Auch als June längst gegangen war, hallte dieser Satz noch in meinem Kopf nach. Sprang wie ein Gummiball auf und ab. Fahrig blätterte ich in meinem Rezeptbuch, während mein überfordertes Gehirn immer wieder denselben Dialog abspielte.

»Was meinst du mit ›Wieder da‹?«

»Er ist zurück aus Frankreich.«

»Seit wann?«

»Gestern. Ich dachte, du wüsstest es. Die ganze Stadt spricht von nichts anderem.«

»Ich war heute nicht in der Stadt.«

»Ist … alles okay bei dir?«

»Klar, was soll sein?«

Auch wenn June mir meine Gleichgültigkeit nicht abgekauft hatte, war ich damit davongekommen. Sie war nicht der Typ, der bohrte oder einem Geheimnisse entlockte. Vielleicht weil sie wusste, wie es war, welche zu haben. Erst letztes Jahr hatten wir erfahren, dass sie während ihrer Studienzeit in Portland geheiratet hatte – als Henry wie ein Geist aus der Vergangenheit hier auf Cherry Hill aufgetaucht war. Mein Geist aus der Vergangenheit hieß Bo Radisson. Bevor er weiter in meine Gegenwart drängen konnte, lenkte ich meine Konzentration krampfhaft auf die Frage, was ich für die beiden Busgruppen backen wollte. Die Wahl fiel auf einen Triple Chocolate Cherry Cake und einen Double Crust Apple Pie mit Pekannüssen. Ich suchte mir die Zutaten zusammen und öffnete das Keramikgefäß, in dem ich das Mehl aufbewahrte.

»Mist«, murmelte ich mit Blick auf den armseligen Rest, der gerade so den Boden des Behältnisses bedeckte. Offenbar hatte ich vergessen, Mehl nachzubestellen. Ich bezog es direkt von Harvey’s Mill, einer Bio-Farm in der Nähe, die ihr Getreide besonders schonend verarbeitete, wodurch es einen hohen Gehalt an Ballaststoffen beibehielt. Um diese Zeit würde ich dort allerdings niemanden mehr antreffen. Kurz dachte ich nach. Vielleicht hatte meine Mom noch Vorräte in der Küche. Weil ich keine Lust hatte, rüber zum Haus zu laufen, rief ich sie auf dem Handy an. Leider hatte auch sie nicht mehr ausreichend Mehl im Küchenschrank. Ich musste wohl oder übel in die Stadt fahren und welches besorgen. Seufzend schnappte ich mir die Autoschlüssel, löschte das Licht und sperrte den Laden zu. Draußen war es bereits dunkel. Es roch nach Frühling. Nach jungem Gras und den ersten Knospen. Nach den Fliedersträuchern, die vor dem Farm Store blühten. Ihnen verdankte ich meinen Namen. Als meine Mutter mit mir schwanger gewesen war, hatte ihr der Arzt in den letzten Wochen Bettruhe verordnet. Dad hatte ihr in dieser Zeit jeden Tag frischen Flieder ins Zimmer gestellt, und sie hatte sich so in den Duft verliebt, dass er schließlich zu meinem Namen wurde: Lilac. Mit einem wehmütigen Lächeln dachte ich daran, wie Dad diese Geschichte immer zum Besten gegeben hatte, und nahm mir fest vor, ihm gleich morgen einen Strauß Flieder ans Grab zu bringen.

Ich lief den kurzen Weg zu unserem Wohnhaus und stieg in Dads alten Truck, der wie immer vor der Veranda parkte und mich mit einem altersschwachen Zuckeln begrüßte, als ich den Schlüssel ins Zündschloss steckte. In gemächlichem Tempo holperte ich über die lange Schottereinfahrt, die Cherry Hill mit der Hauptstraße verband. Der Außenwelt. Nachts war alles in uniformes Schwarz getaucht, aber tagsüber erstreckten sich hier zu beiden Seiten blühende Obstbäume und Wildblumenwiesen, und wenn man in den Rückspiegel sah, ragten die Book Cliffs wie rote Riesen hinter unserem Haus auf.

Ich passierte unseren Briefkasten und bog auf die Hauptstraße nach Palisade ab. Nachdem ich über die Brücke gefahren war, die sich über den Palisade Creek spannte, erreichte ich den Ortseingang. Welcome to Palisade – Where life tastes good all year long, begrüßte mich das Ortsschild, das die Form eines Obstkorbs hatte. Manche fanden diesen Spruch kitschig, aber in meinen Augen passte er wie kein anderer zu meiner Heimatstadt. Malerisch eingebettet zwischen den Book Cliffs im Norden, dem Grand Mesa Tafelberg im Osten und dem Colorado National Monument im Süden war Palisade vor allem für eins bekannt: Obst. Auf 2500 Einwohner kamen mehr als 30 Plantagen und Weinberge, die die Luft mit ihrem unverkennbaren Duft tränkten. Für mich war Palisade der schönste Fleck auf Erden, und ich empfand es als pures Glück, hier leben zu dürfen. An einem Ort, an dem die Skyline eine Gebirgskette war, an dem die Wolkenkratzer Apfel- und Kirschbäume waren und der Himmel nachts noch Sterne hatte. An dem Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht nur leere Worte waren. Man kümmerte sich umeinander, man stand füreinander ein. Als mein Vater gestorben war, hatte meine Familie das deutlicher denn je gespürt. Über Wochen waren wir von Freunden und Nachbarn mit Essen und Lebensmitteln versorgt und auf der Farm unterstützt worden. Aber auch vorher hatte ich nie mit dem Gedanken gespielt, von hier wegzugehen, nicht einmal während der Highschool, als alle meine Freundinnen von einem aufregenderen Leben geträumt und ihre Collegebewerbungen davon abhängig gemacht hatten, wie weit das College von Palisade entfernt war. Einige hatten sich inzwischen woanders ein Leben aufgebaut, manche waren wieder zurückgekommen. Kurz blitzte Bos Gesicht vor meinen Augen auf, aber ich blinzelte es weg und verdrängte die vielen Emotionen, die damit einhergingen. Die Wut und den Schmerz, den Kummer und die Scham, die Verzweiflung und die Einsamkeit.

Ich parkte den Truck an der Straße und betrat Archie’s Groceries, ein Lebensmittelgeschäft in der Main Street, das hauptsächlich regionale Produkte vertrieb. In den Sommer- und Herbstmonaten konnte man hier auch unser Bio-Obst kaufen. Unsere Pfirsiche und Nektarinen, die Äpfel, Birnen und Pflaumen, die wir auf Cherry Hill anbauten. Munteres Radiogedudel drang aus den Lautsprechern.

»Hey Paula«, grüßte ich die Kassiererin im Vorbeigehen und passierte das Drehkreuz. Paula Muldoon hatte bereits bei Archie’s gearbeitet, als mein Dad noch ein Teenager gewesen war. Sie gehörte zur Stadt wie das Ortsschild, und ich liebte sie für ihre herrlich direkte Art.

»Abend, Schätzchen«, trällerte sie, während sie die Einkäufe seelenruhig über den Warenscanner zog. An der Kasse war um diese Zeit nicht mehr viel los, und auch im restlichen Laden ging es gemächlich zu.

Ich steuerte das Regal mit den Backzutaten an und grüßte den Ladenbesitzer, Mr. Kowalski, der mir mit einem altmodischen Klemmbrett in der Hand entgegenkam. Die Auswahl hier im Supermarkt war überschaubar, aber man bekam alles, was man brauchte. Ich bückte mich und zog die letzten beiden Päckchen eines Bio-Weizenmehls aus dem Regal. Dabei erhaschte ich eher zufällig einen Blick auf den gegenüberliegenden Flur … und erstarrte. Mein Fluchtreflex setzte ein, ehe ich darüber nachdenken konnte, ob er es wirklich war. Ob da wirklich Bo Radisson stand und seelenruhig das Etikett einer Weinflasche betrachtete. Ich richtete mich viel zu schnell auf, fuhr viel zu schnell herum und prallte mit Mr. Diggle zusammen, der seinen Arm gerade nach einem Päckchen Zucker ausgestreckt hatte. Vor lauter Schreck ließ ich das Mehl fallen, das mit einem dumpfen Plumps zu Boden fiel und staubte.

»Hoppla! Lilac!«, sagte der alte Mann verdutzt – und viel zu laut.

»Entschuldigen Sie, Mr. Diggle«, stammelte ich überfordert, lief in schnellen Schritten den Gang entlang und bog zur Kasse ab. Mit etwas Glück hatte Bo mich nicht gehört. Mit etwas Glück würde ich …

»Lilac McCarthy.«

Es war mehr Feststellung als Frage. Ich blieb stehen und schloss die Augen. Nahm mir einen Moment, um mich zu sammeln. Ich hatte diese Stimme Jahre nicht mehr gehört, und es ärgerte mich, dass sie mir immer noch so unter die Haut ging.

»Bo«, sagte ich so gelassen wie nur möglich, als ich mich zu ihm umdrehte. Sein Gesicht war mir so vertraut, als hätte es die letzten Jahre nicht gegeben. Als hätte er mir erst heute Morgen beim Frühstück gegenübergesessen. Dabei hatte es sich verändert, war kantiger geworden. Das Jungenhafte war aus seinen Zügen verschwunden, und sein Kinn zierte jetzt ein gepflegter Dreitagebart. Nur seine Augen sahen aus wie immer. Goldbraun. Und seine Haut hatte nach wie vor diese gesunde Bräune, die man bekam, wenn man viel an der frischen Luft war. Soweit ich wusste – und soweit Instagram nicht log –, hatte er die letzten Jahre auf einem Weingut in der Provence gearbeitet, irgendwo im Süden von Frankreich. Seine Augen verengten sich leicht, und mir wurde bewusst, dass ich ihn viel zu offensichtlich musterte. Ich räusperte mich. »Wusste gar nicht, dass du in der Stadt bist.«

Seine Mundwinkel zuckten, als würde er mir kein Wort glauben. »Ich bin seit gestern wieder hier«, sagte er mit neutraler, völlig entspannter Stimme. Dass ihn unsere spontane Begegnung hier nicht ansatzweise so aus der Fassung brachte wie mich, war zwar nicht weiter verwunderlich, aber es ärgerte mich trotzdem. Da war schon immer dieses stille Selbstbewusstsein gewesen, das ihn umgeben hatte. Eine Selbstsicherheit, die er ausstrahlte, weil er genau wusste, wer er war und wie er auf andere wirkte.

»Tja, dann … willkommen zu Hause«, erwiderte ich knapp und kramte in meiner Tasche, um äußerst beschäftigt zu wirken. »Ich muss dann mal wieder.«

»Backen?«

Verdutzt runzelte ich die Stirn.

Er schmunzelte. »Du hast eine Schürze um.«

Ertappt sah ich an mir herab. Oh nein, ich hatte in der Eile die Schürze anbehalten! Und was noch viel schlimmer war: Ich trug auch nach wie vor meine Birkenstock-Schlappen! Nicht die hippen mit den zwei Riemen, die es auf Laufstege schafften, sondern die geschlossenen aus Filz, in denen die Füße so schön warm blieben. Die niemand außerhalb seiner vier Wände trug. Niemand außer mir. Hitze schoss mir in die Wangen.

»Mir … äh … ist das Mehl ausgegangen.« Das Mehl!, stöhnte ich in mich hinein und hätte am liebsten meinen Kopf gegen eins der Regale geschlagen. Jetzt musste ich zurück und …

»Lilac«, ertönte in diesem Moment eine tiefe Männerstimme, und hinter Bo tauchte Mr. Diggle mit seinem Einkaufswagen auf. »Hier, das hast du fallen lassen.« Sein Lächeln war warm, seine Stimme freundlich. Dass derselbe Mann noch vor zehn Jahren Angst und Schrecken auf dem Baseballfeld verbreitet hatte und mit seiner 120-Dezibel-Pfeife Innenohren zum Platzen gebracht hatte, konnte man sich in diesem Moment nur sehr schwer vorstellen. »Geht es dir gut? Du warst gerade so …«

»Ja, alles gut«, erwiderte ich rasch und setzte ein Lächeln auf. »Danke, Mr. Diggle.« Ich nahm die beiden Päckchen Mehl entgegen, während meine Wangen immer heißer wurden. Mr. Diggles Blick huschte indessen zu Bo, und seine Augen begannen zu strahlen.

»Bo Radisson!«, sagte er und betonte Vor- und Nachnamen gleichermaßen. »Hab schon gehört, dass du wieder da bist!« Er trat auf ihn zu und klopfte ihm väterlich auf die Schulter. »Gut siehst du aus, mein Junge!«

»Hey Coach, schön, Sie zu sehen«, erwiderte Bo mit einem Lächeln, das viel echter war als meins. Ich wusste, dass er seinen Trainer immer gemocht hatte, auch wenn der ihn damals hart rangenommen hatte.

»Maisie hatte recht. Aus dir ist ein echter Mann von Welt geworden!«

Mr. Diggle betrachtete ihn mit einem anerkennenden Nicken, und ich verdrehte die Augen, konnte aber nicht widerstehen, Bo einer weiteren Musterung zu unterziehen. Er trug schmal geschnittene Jeans, ein beerenfarbenes Shirt und darüber ein offenes Jeanshemd. Dazu Schnürboots aus Wildleder. Diesen Look als weltmännisch zu betrachten, war die Übertreibung des Jahrhunderts – aber zweifellos eine Verbesserung zu Highschool-Bo, der den ganzen Tag in Baseball-Trainingsklamotten durch die Gegend gelaufen war. Auch seine Frisur war anders, stellte ich fest. Vielleicht weil er zum ersten Mal eine hatte. Statt des Kurzhaarschnitts von früher, war sein hellbraunes Haar nun länger und leicht mit Gel in Form gebracht. Ich ertappte mich bei der Frage, wie es sich jetzt anfühlen würde, mit den Fingern hindurchzufahren, und gab mir eine innerliche Ohrfeige.

Bo und Mr. Diggle unterhielten sich inzwischen über Baseball, und ich witterte eine Gelegenheit, mich unauffällig davonzustehlen, als ein Handy zu klingeln begann. Aus einem Reflex heraus fasste ich mir an die Hosentasche, erinnerte mich aber sofort wieder daran, dass mein Handy auf dem Beifahrersitz lag. Und mein Klingelton nicht »I Won’t Back Down« war. Obwohl das ein ziemlich guter Song war. Die Version von Johnny Cash mochte ich zwar mehr als die von Tom Petty, aber …

»Ja, Maisie-Darling?«, riss Mr. Diggles Stimme mich aus meinen Gedanken. Seinem Gesichtsausdruck nach musste er sich eine Standpauke anhören. »Ich bin gleich zu Hause«, versprach er ungewohnt kleinlaut. Offenbar hing die Trillerpfeife inzwischen um Mrs. Diggles Hals. »Meine Maisie wartet auf die Tomaten«, erklärte er uns, nachdem er aufgelegt hatte. »Sie hat sich in den Kopf gesetzt, heute noch einen Hühnchensalat für deine Willkommensparty zu machen«, seufzte er ins Bos Richtung. »Danke übrigens für die Einladung. Wir kommen sehr gern.«

Bo lächelte, ein wenig angestrengter als zuvor.

»Dann euch beiden noch einen schönen Abend.«

Ehe ich anmerken konnte, dass es »euch beide« nicht gab und der Abend nach dieser Begegnung hier alles andere als schön werden würde, verabschiedete Mr. Diggle sich und schob seinen Wagen zur Kasse. Natürlich nicht, ohne Bo vorher noch einmal ordentlich auf die Schulter geklopft und »Bis morgen!« gesagt zu haben.

»Du schmeißt dir selbst eine Willkommensparty? Wow … Das ist sogar für dich ein neues Level von Selbstverliebtheit.«

Bo ertrug meinen Spott mit einem Schmunzeln. »Meine Eltern haben dazu eingeladen. Willst du auch kommen?«

Ich gab vor nachzudenken. »Nein, danke.«

»Es gibt Hotdogs.«

»Toll. Spielen wir auch Apfelschnappen und das Seifenblasenspiel?«

Seine Mundwinkel zuckten. »Früher mochtest du Hotdogs.«

»Früher mochte ich auch dich.«

Kurz blitzte etwas in seinen Augen auf, aber ich wusste nicht, was es war. Wenn ich ehrlich war, hatte ich Bo noch nie lesen können. Sein Gesicht, seine Körperhaltung. Er war wie ein Land, das ich nur zu einem Achtel bereist hatte. Dessen Sprache ich nicht fließend sprach.

»Ich hätte sowieso keine Zeit. Dienstags trifft sich immer das Veranstaltungskomitee.«

»Du bist immer noch in diesem albernen Komitee?«, bemerkte er belustigt.

»Ich bin immer noch in diesem albernen Komitee, du bist immer noch ein Arsch. Die Welt ist im Lot.«

Ehe er etwas erwidern konnte, tauchte eine Frau neben ihm auf. Sie war nicht älter als meine Schwester Poppy, vielleicht 18 oder 19, und hatte einen platinblonden Pixie. Zur weißen Culotte trug sie einen Oversize-Pullover, der vorne im Hosenbund steckte, dazu Lack-Loafer. Ich war noch damit beschäftigt, sie anzustarren, als Bo etwas auf Französisch zu ihr sagte. Sie nickte und wedelte lächelnd mit einer Packung pinkfarbener Einwegrasierer. Es war seltsam, Bo eine Fremdsprache sprechen zu hören. Als stünde ein anderer Mensch vor mir. Meine Irritation darüber übertraf sogar diesen Hauch von Eifersucht, den ich plötzlich empfand. Er hatte also eine Freundin. Natürlich hatte er eine. Und sie sah auch noch aus wie das Covergirl der Vogue. Teen Vogue, spöttelte eine Stimme in meinem Kopf.

»Lilac … Delphine … Delphine … Lilac«, unterbrach Bo das unangenehme Schweigen. Er sagte etwas auf Französisch zu ihr, und sie betrachtete mich und scannte meine Schürze und die Hausschuhe. Es war kein abwertendes Scannen, trotzdem wollte ich mich auf der Stelle in Luft auflösen oder alternativ von einer herunterfallenden Konserve erschlagen werden.

»Tja, dann … schönen Abend noch«, beeilte ich mich, zu sagen, und setzte, ohne eine Reaktion abzuwarten, meinen Weg fort. Das Mehl wie ein Neugeborenes an meine Brust gedrückt, steuerte ich die Kasse an, hörte Bo noch über irgendetwas lachen. Über mich? Ich verdrängte den Gedanken und legte die beiden Päckchen aufs Band.

»So spät noch am Arbeiten?«, fragte Paula mit Blick auf meine Schürze und zog eine Braue nach oben.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, erwiderte ich zwinkernd.

Sie lachte kehlig und rief übertrieben laut in Mr. Kowalskis Richtung: »Wenigstens wirst du nicht so mies bezahlt.«

»Ich bezahl dir mehr als den Mindestlohn«, kam es miesepetrig von den Regalen zurück.

»Der zweite Porsche ist schon bestellt«, grummelte sie.

Ich schmunzelte, weil ich diesen Dialog inzwischen mitsprechen konnte. Paula zog die Waren über den Scanner, und ich reichte ihr einen Zehndollarschein. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich Bo und seine Freundin der Kasse näherten. Sie hatte den Arm bei ihm eingehakt und schlug ihr wippendes Becken lachend gegen seine Seite.

»Stimmt so«, murmelte ich, nahm hastig das Mehl und verabschiedete mich. Als ich hinaus ins Freie trat, hörte ich noch, wie sie »So, so, Golden Boy Radisson beehrt uns also wieder mit seiner Anwesenheit« zu ihm sagte – und liebte sie noch ein bisschen mehr. In meine Lunge strömte kühle Abendluft, und ich hatte das Gefühl, das Fenster in einem stickigen Raum aufgerissen zu haben.

Im Truck nahm ich mir einen Moment, um mich wieder zu fangen. Das Gefühl zu verdauen, dass mir gerade ein Pflaster viel zu schnell abgezogen worden war. Als sich mein Herzschlag beruhigt hatte, schnallte ich mich an und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Der Motor stotterte, sprang aber an. Ich setzte den Blinker und bog aus dem Parkplatz, sah noch im Rückspiegel, wie Bo und seine Freundin mit einer braunen Papiertüte im Arm aus dem Laden schlenderten. Er war also wieder da. Er war wirklich wieder da.

Kapitel 3

Völlig übermüdet stierte ich am nächsten Morgen in meinen Kaffee. Ich hatte bis ein Uhr gebacken und den Rest der Nacht über die Begegnung mit Bo gegrübelt, sie im Kopf hin- und hergeschoben, vor- und zurückgespult. Mich gefragt, was es bedeutete, dass er wieder hier war. Und warum es mich so dermaßen aus dem Konzept brachte. Schließlich war es abzusehen gewesen, dass er irgendwann zurückkommen würde. George Radisson hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er den Stab zeitnah an seinen Sohn übergeben wollte. Und trotzdem zog sich in mir alles zusammen, wenn ich mir vorstellte, Bo fortan ständig beim Einkaufen und Tanken zu begegnen, im Grill oder im Very Berry. Immer damit rechnen zu müssen, dass er dort aufkreuzte, wo ich war. Das hier war schließlich Palisade. Eine Kleinstadt, in der man sich nicht aus dem Weg gehen konnte. Betrübt nahm ich einen Schluck Kaffee, während Mom, June und Poppy die Aufgaben besprachen, die heute auf der Farm anfielen. Abgesehen von unserem Vorarbeiter Javier und ein paar Saisonkräften, die zu den Erntehochphasen anrückten, war Cherry Hill seit Generationen ein reiner Familienbetrieb. Jeder musste mitanpacken, auch wenn wir gewisse Bereiche unter uns aufgeteilt hatten. June kümmerte sich um die Leitung und Verwaltung von Cherry Hill. Poppy unterstützte sie bei der Farmarbeit und trieb zusätzlich den Ausbau unseres Baumhaushotels voran. Mom führte hauptsächlich den Haushalt. Nachdem bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert worden war, hatte sie etwas zurückfahren müssen. Ihr letzter Schub war zwar Jahre her, aber wir wussten alle, dass die Krankheit nur schlief und jederzeit wieder aufwachen konnte. Ich selbst hatte nach der Highschool Grandmas alten Farmladen wiedereröffnet und verkaufte dort unser Obst und selbst gemachte Produkte. Wenn Not am Mann war oder die Ernte anstand, half ich meinen Schwestern jedoch auch bei der Farmarbeit.

»Lilac?«, riss Moms Stimme mich aus meinen Gedanken.

»Hm?«

»Ob es reicht, wenn Poppy dir später im Laden hilft? Ich muss noch einen Kuchen für die Feier heute Abend backen.«

»Welche Feier?«

Sie verengte die Augen und musterte mich. »Hab ich doch gerade erzählt. Bei den Radissons steigt eine Willkommensparty für Bo. Wir sind alle eingeladen.«

Ich erstarrte. »Seit wann?«

»Er hat vorhin angerufen«, antwortete Mom in einem Tonfall, der deutlich machte, dass sie auch das bereits erzählt hatte.

»Bo?«, entgegnete ich ungläubig.

Mom nickte. »Er hat sich entschuldigt, dass es so kurzfristig kommt. Ich soll euch aber ausrichten, dass ihr alle herzlich eingeladen seid.«

Mein leises Schnauben wurde von Poppys verzücktem Seufzen übertönt. »Ich wollte schon immer mal sehen, wie die Radissons wohnen.«

»Sie sind keine Royals«, bemerkte June amüsiert und biss ein Stück Toast ab.

»Aber reich«, kam es sehnsüchtig aus dem Mund meiner jüngsten Schwester.

»Deswegen ist man auch nicht zwangsläufig glücklich«, murmelte Mom und nahm einen Schluck Kaffee. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte Lukes Gesicht vor meinen Augen auf. Bos jüngerer Bruder war einer meiner besten Freunde gewesen, bis er mit 15 an den Folgen einer Herzoperation gestorben war. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles verändert. Die Glaskugel aus Unbeschwertheit und Leichtigkeit, die uns bis dahin umgeben hatte, war zerplatzt.

»Ich finde es jedenfalls sehr nett von Bo, dass er uns eingeladen hat. Wir sollten hingehen und ihn willkommen heißen«, holte mich Moms Stimme zurück ins Jetzt. An den Frühstückstisch der Familie McCarthy.

»Ich hab Sitzung«, sagte ich rasch.

»Ah, stimmt. Heute ist ja Dienstag. Wie schade. Bo hätte sich bestimmt gefreut, dich zu sehen.«

»Wir haben uns gestern Abend schon gesehen.«

»Ah ja?«, fragte June und hob die Brauen.

»Nur ganz kurz. Bei Archie's. Ich hatte kein Mehl mehr und musste noch einkaufen gehen«, wiegelte ich ab.

»Angeblich spricht er jetzt fließend Französisch«, sagte meine Mutter hörbar beeindruckt.

»Mit mir hat er Englisch gesprochen«, erwiderte ich knapp.

Poppy gluckste.

»Was hast du nur immer«, seufzte Mom. »Als Kinder habt ihr so schön miteinander gespielt.«

June lachte. »Nein, er hat sie an den Haaren gezogen und Lila genannt.«

»Erinner mich nicht daran«, murrte ich mit finsterem Gesicht.

»Aber das ist doch ewig her.« Meine Mutter runzelte die Stirn. »Ihr seid inzwischen beide erwachsen. Und Bo hat wirklich eine beeindruckende Karriere hingelegt.«

Im Gegensatz zu mir hatte Bo Palisade nach der Highschool verlassen, um Wine Business Management an der California State zu studieren. Für seinen Master war er nach Frankreich gezogen, wo er nach dem Abschluss einen Job auf einem Weingut angenommen hatte. Zumindest war es das, was man sich in Palisade erzählte. Was Google erzählte. Instagram. Meistens hatte ich dem Drang widerstanden, seinen Namen in die Suchmaschine einzugeben, aber ab und an war ich schwach geworden. Und nie hatte ich mich danach gut gefühlt.

»Wie gesagt, ich kann heute nicht«, murmelte ich.

»Es reicht doch, wenn Poppy und ich dich begleiten, Mom«, kam June mir zu Hilfe. »Lilac kann ja nachkommen, wenn es nicht so lange dauert.« Verstohlen zwinkerte sie mir zu. Ich hatte ihr nie erzählt, was in jenem Sommer zwischen Bo und mir passiert war, aber manchmal glaubte ich, sie hatte eine Ahnung.

»Was zieht man denn da an?«, dachte Poppy laut nach.

»Na ja, vielleicht ein bisschen mehr als jetzt«, bemerkte Mom mit Blick auf Poppys Pyjama-Shorts und ihr dünnes Trägertop. »Willst du nicht mal langsam ins Bad? Der erste Bus kommt in zehn Minuten.«

Poppys Blick huschte zur Wanduhr. »Ups.« Hastig stopfte sie sich das restliche Stück Bagel in den Mund und sprang vom Tisch auf. Kurz darauf hörten wir sie die Treppe nach oben in ihr Zimmer poltern.

»Wann wird das nur jemals anders«, seufzte Mom halb im Spaß, doppelt im Ernst.

Mit einem Schmunzeln setzte ich die Tasse an und trank sie aus. Seit Poppy ihr Studium geschmissen hatte und wieder bei uns auf Cherry Hill lebte, sorgte sie mit ihrer chaotischen Art und ihren spontanen Einfällen dafür, dass nie Langweile aufkam. Aber auch wenn sie und June anfangs häufiger aneinandergeraten waren und Poppy den Alltag hier gehörig durcheinandergebracht hatte, konnte ich mir Cherry Hill ohne sie nicht mehr vorstellen.

»Ich geh schon mal in den Laden«, sagte ich und erhob mich vom Tisch. »Bis gleich!«

June nickte mir zu. »Bis gleich!«

Ich verließ das Haus über die Veranda und tätschelte unserer Labradorhündin Coco den Kopf. Wie so oft hatte sie es sich vor der Fliegengittertür gemütlich gemacht und beobachtete mit treuen braunen Augen, was um sie herum geschah. Nicht viel. Zumindest um diese Uhrzeit. Es war ein kühler Frühlingsmorgen. Der Himmel über Cherry Hill war bilderbuchblau, und die Sonne schimmerte durch den Nebel, der noch in den Bäumen hing. Ein paar Vögel zwitscherten, ansonsten war es ruhig. Ich lief zum Farm Store und schnupperte kurz am Flieder, der einen unnachahmlichen Duft verströmte.

Von außen sah der Farmladen wie eine Miniaturausgabe unseres Hauses aus. Rote Holzverkleidung, weiße Fensterläden und eine Veranda, von deren Überbau Blumenkübel baumelten. Nur die Hängeschaukel und der riesige Esstisch fehlten. Ich schloss die Ladentür auf und hängte sie ein, damit sie offenblieb und frische Morgenluft in den Raum dringen konnte. Ein Gefühl von Wärme überkam mich, als ich den Farm Store betrat. Als würde ich von meinem einen Zuhause in mein anderes Zuhause kommen. Auf den ersten Blick sah der Laden aus wie früher, als Grandma ihn geführt hatte. Auf den zweiten Blick entdeckte man die kleinen Details, in die ich viel Zeit und Herzblut gesteckt hatte. Die cremefarben gestrichenen Wände, die abgeschliffenen Holzregale, der aufgearbeitete Dielenboden, der neu geölte Verkaufstresen. Auch den Backofen hatte ich ausgetauscht und durch ein leistungsfähigeres, energiesparendes Modell ersetzt. Nur von Grandmas alter Kasse hatte ich mich nicht trennen können. Auch wenn sie aussah, als hätte man sie aus einem Museum entwendet, liebte ich den Klang, wenn sie aufsprang. Dieses Pling, das mich von einem Moment auf den anderen in meine Kindheit zurückversetzen konnte.

Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und scrollte auf Spotify zu meiner Lieblingsplaylist. »First Time« von Trace Bradley drang aus dem Lautsprecher, nachdem ich ihn mit meinem Handy verbunden hatte. Es war einer seiner neueren Songs, und ich erinnerte mich daran, wie ich ihn letztes Jahr auf dem Peach Festival zum ersten Mal live gehört hatte. Auch dieses Jahr würde Trace dort auftreten, das hatte ich in meiner Funktion als Vorsitzende des Veranstaltungskomitees bereits mit ihm vereinbart. Nachdem er hier in Palisade aufgewachsen war und der Stadt mit seinem Hit »Small Town Love« ein Denkmal gesetzt hatte, war er so etwas wie unser Local Hero.

Vor mich hin summend trug ich die Obstkörbe auf die Veranda und platzierte sie rechts und links vom Eingang. Danach ging ich kurz die Regale durch und versicherte mich, dass sie ordentlich und aufgefüllt wirkten, dass die Etiketten der Marmeladengläser gut lesbar waren und die Saftflaschen in Reih und Glied standen. Ich legte den Kopf schief und kontrollierte die Kuchenvitrine auf Schlieren, hauchte gegen das Glas und rieb mit dem Ärmel darüber.

»Gibt’s noch was zu tun?«, ertönte Poppys Stimme hinter mir. »Der erste Bus ist schon da.«

»Alles startklar«, murmelte ich und tupfte ein paar Krümel von der Kuchenplatte.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie sich auf den Tresen schwang und die Beine baumeln ließ, die in Skinny Jeans und groben Boots steckten. Ihr rotes Shirt hatte sie in der Taille verknotet und ihr blondes Haar zu zwei langen Zöpfen geflochten, die unter einem schwarzen Stetson hervorlugten. Kurz fragte ich mich, wie dieser Hut an mir aussehen würde, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Im Gegensatz zu meinen Schwestern trug ich nie Cowboyhüte – außer bei der Ernte, wenn die Sonne so kräftig brannte, dass ich nur mit Lichtschutzfaktor 50 aus dem Haus konnte. Und selbst dann kam ich mir verkleidet vor. Anders als June und Poppy liebte ich Kleider, Röcke und Blusen, leichte, flatternde Stoffe mit Paisleymuster und Blumenprints.

»I remember the first time I saw you«, trällerte Poppy übertrieben inbrünstig und kassierte einen Blick von mir. In einer theatralischen Geste fasste sie sich ans Herz. »The minute my life changed forever.«

Ich verdrehte die Augen und beschloss, nicht auf ihre kleine Provokation einzugehen. Meine Schwester konnte Countrymusik nicht ausstehen und ließ keine Gelegenheit aus, mir unter die Nase zu reiben, dass Typen wie Trace Bradley nur Hillbillys im Flanellhemd waren, die schmalzige Schlager als Cowboy-Romantik verkauften.

»Mein Laden, meine Musik«, sagte ich mit einem süßlichen Lächeln und lief um den Tresen herum.

»Ja, aber meine Ohren.« Sie verzog das Gesicht und schwang sich vom Tresen. »Am Ende fangen die Omis noch zu Square Dancen an, wenn sie hier reinkommen.«

Sie machte ein paar typische Tanzschritte, und ich schmunzelte und schielte auf die Uhr. Je nachdem, wie viel Zeit June sich heute ließ, würde die Gruppe in 20 bis 30 Minuten im Farm Store aufschlagen.

»Ist auf jeden Fall verkaufsfördernder als das, was du so hörst.«

Poppy und ich bewohnten das gleiche Stockwerk und hatten unsere Zimmer nebeneinander. Die Wände waren nicht sonderlich dick und Poppys Musik nie sonderlich leise.

Der Song war unterdessen zu Ende gegangen. Nach einer zweisekündigen Pause ertönte Josh Turners unverkennbare Stimme. Ein tiefer Bariton, der mir jedes Mal unter die Haut ging und Poppy dazu veranlasste, den Kopf stöhnend in den Nacken sinken zu lassen.

Als die Senioren schließlich einfielen – anders konnte man es nicht nennen, wenn eine Horde schnatternder, tratschender Ü70er meinen kleinen Laden stürmte –, arbeiteten Poppy und ich Hand in Hand. Ich verkaufte, sie kassierte. Ich reichte Kuchen über die Theke, sie packte Marmeladengläser in Geschenktüten. Die Regale leerten sich in Lichtgeschwindigkeit, und ich musste mehrmals Nachschub aus dem Lagerraum holen. Fast eine Stunde lang erfüllte das Klingeln der alten Kasse den Farm Store. Die Schublade ging auf und zu, Münzen klimperten, und Kreditkarten wurden durch das Gerät gezogen.

»Sie haben einen ganz besonderen Laden, meine Liebe«, sagte meine letzte Kundin an diesem Vormittag, eine ältere Dame mit schlohweißem Haar und gutmütigen braunen Augen, die ein Glas Marmelade als Mitbringsel für ihre Tochter gekauft hatte.

»Danke«, erwiderte ich breit lächelnd. Weil sie recht hatte. In diesen vier Wänden steckte mein ganzes Herzblut. Meine Leidenschaft. Die Arbeit hier hatte mir dabei geholfen, Moms Krankheit zu verarbeiten, Dads Tod zu verkraften. Bo zu vergessen. In den dunkelsten Stunden meines Lebens hatte mir dieser Laden Licht geschenkt, und dafür würde ich ihm auf ewig dankbar sein.

 

Während Mom und meine Schwestern am Abend mit einem frisch gebackenen Apfelkuchen zu den Radissons aufbrachen, fuhr ich zum Treffen des Veranstaltungskomitees im Rathaus von Palisade. In den Monaten vor dem Peach Festival, dem größten Event des Jahres, trafen wir uns meist zweiwöchentlich. Normalerweise waren die Sitzungen gut besucht, weshalb ich stutzte, als ich lediglich meine Freundin Freya im Gemeindesaal antraf. Mit dem Rücken zu mir lümmelte sie auf einem der Stühle und wischte auf ihrem Smartphone herum. Ihr tiefschwarzes Haar fiel wie ein Schleier über die Lehne.

»Ist außer dir noch niemand da?« Irritiert schielte ich auf die Uhr. »Was ist denn heute los?«

Sie blickte über ihre Schulter. »Bo ist los«, antwortete sie mit einem trockenen Lachen.

Ich brauchte ein, zwei Sekunden, bis ich begriff. »Die sind alle bei seiner Willkommensparty?«

»Na ja, die halbe Stadt ist eingeladen. Du nicht?«

»Doch.«

Abwartend hob sie die dunklen Brauen.

»Ich lasse garantiert nicht das Verbandstreffen sausen, weil Bo Radisson sich selbst feiern will.«

Ihr Blick huschte durch den Raum. »Alle anderen offenbar schon.«

Ein genervter Laut kam mir über die Lippen. »Was ist mit dir? Hat er dich nicht eingeladen?«

Nachdem Freya im letzten Jahr das Hotel ihrer shimá sání übernommen hatte – ihre Großmutter bestand darauf, dass Freya wenigstens ein kleines bisschen Navajo in ihren Sprachgebrauch einbaute und sie so nannte –, zählte sie zu dem kleinen Kreis von Hoteliers in Palisade, dem auch die Radissons angehörten. Auch wenn das Dancing Moon weder hinsichtlich Größe noch Komfort mit Radisson Vineyards and Winery mithalten konnte, war es ein beliebtes und gut gebuchtes Kleinstadthotel mit 4,5 Sternen bei TripAdvisor.

»Doch, aber irgendwie hatte ich so das Gefühl, dass wir in den nächsten Monaten noch genug von Bo Radisson zu sehen bekommen.«

»Ich hab jetzt schon genug von ihm zu sehen bekommen«, seufzte ich.

Fragend sah sie mich an.

»Wir sind uns gestern beim Einkaufen über den Weg gelaufen.«

In Freyas Augen blitzte etwas auf. »Und?«

»Was? Und?«

»Na, wie sah er aus?«

»Hab nicht so genau hingeschaut.«

Meine Gleichgültigkeit nahm sie mir nicht ab. »Komm schon, Lilac. Gib mir ein paar Adjektive.«

Ich verdrehte die Augen. »Er sah … älter aus.«

»Ach, nee …«

»Warum interessiert dich das so?«

Genau wie ich hatte auch Freya zu Highschool-Zeiten nicht zum Dunstkreis von Bo Radisson gezählt, der hauptsächlich aus Baseballspielern und Cheerleadern bestanden hatte. Sie war erst in der neunten Klasse zu uns gestoßen, hatte vorher die Schule im Reservat besucht.

»Ich bin nur neugierig. Hab ihn seit mindestens zwei Jahren nicht mehr gesehen.«

Bei mir waren es fast vier. Ein Schauer rieselte meinen Rücken hinab, als ich an unsere letzte Begegnung dachte. Den Moment, in dem ich ihn zwischen all den schwarz gekleideten Menschen entdeckt hatte. Meine Schuldgefühle darüber, dass ich ihn anstarrte, statt die Asche meines Vaters, die aus der Urne flog und im Wind tanzte.

»Das letzte Mal auf der Halloweenparty im Grill, wenn ich mich nicht täusche«, holte Freyas Stimme mich zurück ins Jetzt.

Ich erinnerte mich an diese Party. Vor allem daran, dass ich in letzter Sekunde Kopfschmerzen vorgeschoben hatte, um Bo nicht begegnen zu müssen, der mal wieder auf Heimaturlaub gewesen war.

»Er hat übrigens seine Freundin dabei«, erzählte ich ihr.

»Bo hat eine Freundin?«

Ehe ich zu einer Antwort ansetzen konnte, ging die Tür hinter uns auf. Zu meiner Ernüchterung handelte es sich lediglich um Mr. Maine, den Hausmeister des Rathauses, der mürrisch den Raum scannte. »Ist ja doch jemand hier«, brummte er, bevor er die Tür wieder schloss und verschwand. Ungläubig sahen wir ihm nach.

»Den hat Bo wohl vergessen«, gluckste Freya. »Was meinst du? Sollen wir hinfahren und uns auf Kosten der Radissons betrinken?« Sie wackelte mit den Augenbrauen.

»Nein, ich geh lieber nach Hause und schreib eine Mecker-Mail.« Mein Zeigefinger huschte durch den Raum. »Die hätten sich wenigstens abmelden können.«

»Na ja, wahrscheinlich dachten sie, das sei nicht nötig, wenn der Goldjunge einlädt«, spöttelte Freya, erhob sich vom Stuhl und zog ihre Wildlederjacke von der Lehne.

Der Goldjunge. Wenn es ein Wort gab, das für Bo Radisson erfunden worden war, dann definitiv dieses. Star des Baseballteams, Schwarm der Cheerleaderinnen, Sohn reicher Eltern. Die Sorte Kerl, mit dem alle Jungs befreundet sein wollten, obwohl alle Mädchen in ihn verschossen waren.

»Wie ist sie so?«, fragte Freya, als wir den Saal verließen.

»Hm?«

»Bos Freundin.«

Ich musste nicht lange nachdenken. »Französisch.«

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Na ja, sie sieht einfach nicht aus wie jemand von hier. Alles an ihr ist irgendwie … hipper … und stylisher«, erklärte ich, während wir den Korridor entlangliefen, vorbei an gerahmten historischen Fotografien und einer Glasvitrine mit der Gründungsurkunde der Stadt. Fünf Unterschriften prangten darauf, ganz oben Elmer Radisson. Bos Ururgroßvater, wenn ich mich nicht täuschte. Meine Familie, Einwanderer aus Schottland, hatte sich erst ein paar Jahrzehnte später in Palisade niedergelassen.

»So wie bei ›Emily in Paris‹«, holte mich Freya zurück ins Jetzt.

»Ja, genau. Und dann dieser Name. Delphine.« Ich verzog das Gesicht. »Wer heißt wie ein Säugetier?«

Sie gluckste. »Du heißt wie ein Busch, das ist dir klar, oder?«

»Ein Strauch. Und es ist ein schöner Strauch.«

»Delfine sind auch schöne Tiere«, zog sie mich auf und kassierte einen scherzhaften Stoß in die Seite. Wir nahmen die Treppe ins Erdgeschoss. »Denkst du, sie zieht fest hierher? Zu ihm?«

»Keine Ahnung«, murmelte ich stirnrunzelnd, weil mir bewusst wurde, dass ich noch nicht darüber nachgedacht hatte. Genauso wenig wie ich mir die Frage gestellt hatte, ob es einen Unterschied machte, dass es jemanden in seinem Leben gab. Würde es dadurch schmerzhafter sein, ihm zu begegnen? Oder sogar leichter? Ich war zu keinem Ergebnis gekommen, als wir meinen Wagen erreicht hatten, der direkt vor dem Rathaus parkte.

»Ich kann dich bei den Radissons absetzen«, bot ich Freya an.

»Ach, ich glaub, ich geh auch nach Hause.« Sie blies die Backen auf. »Diese Woche ist so viel liegen geblieben. Ich muss dringend mal wieder Wäsche waschen.« Sie zog eine Grimasse und seufzte etwas auf Navajo, das ich nicht verstand. Da man Freya in letzter Zeit häufiger im Büro als in ihrer Wohnung antraf, konnte ich ihr Vorhaben aber nur unterstützen. »Dann fahr ich dich.«

Sie winkte ab. »Ich geh zu Fuß. Ein paar Schritte an der frischen Luft schaden mir nicht.«

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, stieg ich in meinen Wagen und fuhr Richtung Cherry Hill. Es war bereits dunkel, weshalb ich Radisson Vineyards and Winery schon von Weitem sah. Wie eine hell erleuchtete Diskokugel strahlte es in der Ferne. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich das Fenster herunterlassen und der Musik lauschen, die garantiert durch die Nacht hallte. Sicher hatten die Radissons eine Band für Bos Willkommensparty gebucht. Und wahrscheinlich hingen überall weiße Lampions in den Bäumen. Ich stellte mir vor, wie das Servicepersonal Tabletts mit Aperitifs umhertrug, während Bo, umringt von Schulterklopfern, über seine Zeit in Europa sprach und zum Besten gab, wie er seine Freundin kennengelernt hatte. Seufzend drehte ich am Radio. Der Pick-up war so alt, dass man etwas Geduld haben musste, bis man den richtigen Sender reinbekam und Musik statt Rauschen hörte. Als ich die markante Stimme von Jake Owen vernahm, entspannte ich mich im Sitz. Ich stellte die Lautstärke höher und summte den Song mit, während meine Gedanken in die Vergangenheit entwischten.

Kapitel 4

Der Sommer vor acht Jahren

Kies staubte unter meinen Reifen, als ich die langgezogene Einfahrt von Radisson Vineyards and Winery entlangfuhr. Es war ein weiterer heißer Sommertag. Die Luft war so trocken, dass sie im Hals kitzelte, und die Sonne brannte gnadenlos auf meine Arme, die garantiert schon krebsrot gewesen wären, hätte ich sie nicht dick eingecremt. Mein geblümtes Kleid flatterte wie eine Fahne um meine nackten Beine, aber der Fahrtwind brachte kaum Abkühlung.

Weiß wie eine Südstaatenvilla ragte das Wohnhaus der Radissons vor mir in den wolkenlosen Himmel. Ich stellte mein Rad vor der säulengestützten Veranda ab und bemerkte wieder einmal, wie schäbig es mit seinen Lackschäden und Rostflecken in dieser Umgebung wirkte. Mit der Hand wischte ich mir flüchtig die Staubschicht von den Sandalen, bevor ich die wenigen Stufen nahm und auf die Klingel drückte, über der ein goldenes R