Ab 1000 Meter wird geduzt! - Willi Mathies - E-Book

Ab 1000 Meter wird geduzt! E-Book

Willi Mathies

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8,99 €

Beschreibung

Auf die Piste, fertig, los!

Willi Mathies ist Skilehrer mit Leib und Seele – und das seit über 50 Jahren. Tausenden mehr oder weniger Begabten hat er das Skifahren beigebracht, unzählige Male auf den Hütten für gute Stimmung gesorgt, zahllose unmoralische Angebote bekommen, sich acht Mal das linke Bein gebrochen und vier Menschen lebend aus Lawinen geholt. Humorvoll lässt er seine Erlebnisse mit Skihasen und »Skigolos« Revue passieren und den Mythos von Sonne, Schnee und Après-Ski aufleben. Eine Reise in die Zeit, als »Skilehrer« noch kein Klischee war.

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Seitenzahl: 276

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Willi Mathies

mit Sabine Jürgens

Ab 1000 Meter

wird geduzt!

Aus dem abgefahrenen Leben

eines Skilehrers

Wilhelm Heyne Verlag

München

Bildnachweis:

Sämtliche Abbildungen © aus dem Privatarchiv von

Willi Mathies außer das Bild "Schilehrerkalender 2012" im hinteren Teil des Bildteils © Hubertus Hohenlohe/EBSTAIR.

Originalausgabe 01/2013

Copyright © 2013 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-08864-4

www.heyne.de

Prolog

»Der Charles Bronson der Berge!«

»Der bunteste Hund vom Arlberg!«

»Ein Unikum«

»Der König der Albona!«

Was muss ein Skilehrer anstellen,

um so berühmt zu werden?

»Alles, was der Herrgott verboten hat!«

(Willi Mathies)

Für Willi Mathies ging es immer nur bergab. Auch so kann man Karriere machen. Der Österreicher hatte das Zeug zu einem ganz großen Rennläufer, doch er entschied sich für die Party im Pulverschnee und brachte seinen Skihaserln mindestens so viel Leidenschaft entgegen wie dem Skifahren selbst.

Dabei stand sein Leben schon früh auf Messers Schneide, um ein Haar hätte die Welt auf diesen einzigartigen Pistenplayboy verzichten müssen.

Willi Mathies – von Anfang an ein Leben am Abgrund:

Mit Blaulicht war er am Abend zu einem Abenteuer ausgebüxt, und mit Blaulicht wurde er nur einen Tag später ins Spital gebracht, wo die Ärzte den fast schon bewusstlosen Jungen in ihre Obhut nahmen. Nun lag der arme Bub im Gipsbett. Hohes Fieber und rasende Kopfschmerzen plagten ihn, der Nacken war steif und seine Beine teilweise gelähmt. Eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung sollte den wilden Burschen für sechs Monate ans Bett fesseln.

Nun steht er stolz in der Gondel, ein Kerl wie ein Baum. Braungebrannt, in hautengen, leuchtend roten Skihosen. Mit nacktem Oberkörper und goldenem Kettchen auf üppig behaarter Brust. Tagelang hat er Gewichte gestemmt und seine Bauchmuskeln trainiert. Das Fotoshooting für den Österreichischen Skilehrerkalender 2012 ist die Krönung im Leben von Willi Mathies. Es ist sein 69. Geburtstag, und der Fotograf, ein Jet-Set-Prinz und selber Skirennfahrer, staunt nicht schlecht als er den »alten« Mann inmitten dieser schönen jungen Models sieht.

»Kommst du etwa auch in den Skilehrerkalender?«, hatte Hubertus von Hohenlohe ihn zuvor ungläubig gefragt.

Nun ziert die Skilehrer-Legende vom Arlberg den April, jenen Monat, in dem er 1942 geboren wurde.

Genau 55 Jahre liegen zwischen der eisig kalten Nacht und dem exklusiven Fototermin: eine wilde Kindheit, seine steile Karriere als Skilehrer und Skischulleiter, unzählige Knochenbrüche und Krankheiten, Partys und amouröse Abenteuer, Katastrophen und Tragödien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg in einfachen Verhältnissen im Gebirgsdorf Stuben aufgewachsen entwickelte Willi sich rasant zum Enfant terrible des Arlbergs. Er war das Fleisch gewordene Klischee mit Sonnenbrille, Herzensbrecher und Draufgänger, auf Skiern oder im roten Porsche. Stets dabei: sein kleines Akkordeon.

Willi Mathies erzählt aus seinem nunmehr 70-jährigen Leben, das so wild, ausschweifend und unmoralisch wie spannend und amüsant ist.

Willi hat in seinem Leben eine Menge Pulverschnee aufgewirbelt – also, haltet die Luft an!

Wie kam der Sekt ins Säumerdorf?

Meine lieben Bergfreunde, Flachländer und Skihaserln, seid herzlich willkommen in Stuben am Arlberg auf 1410 Meter. Ich sag’s gleich vorweg: Ab 1000 Meter wird geduzt! Deshalb rücken wir jetzt gemütlich zusammen, nehmen erstmal eine Runde Obstler und trinken Brüderschaft. Die Hütte ist wie immer proppenvoll, im Kamin knistert das Feuer, und draußen rieseln dicke Schneeflocken vom Himmel herab. Zeit für ein paar Geschichten.

Ich hatte, ob ihr es glaubt oder nicht, eine wirklich gute Kinderstube. Es könnten Zweifel aufkommen, spätestens wenn man am Ende des Buches angelangt ist, doch meine Heimat Stuben am Arlberg war vielleicht das Beste, was einem wie mir passieren konnte. Dass aus Stuben ein fideler Partykeller wurde, hat es zu einem Großteil mir zu verdanken, doch den Grundstein dafür legten andere. Ich übernehme die Verantwortung für vieles, aber nicht für alles.

In diesem verschneiten Bergdorf am westlichsten Zipfel Österreichs erblickte ich also am 15. April 1942 das Licht der Welt. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wäre ich in einer großen Stadt wie Innsbruck, Salzburg oder Wien geboren.

Möglicherweise wäre ich in die falschen Kreise geraten, hätte entweder mehrere Jahre im Knast gesessen oder läge längst unter der Erde. Aber mein friedliches Dörfchen hat mich beschützt, denn das gute Stuben ist ein besonderes Fleckchen Erde mit einer ganz eigenen Geschichte. Solche Typen wie mich hatte es hier noch nie gegeben, und das »Ploppen« von Sektkorken und Livemusik war ebenfalls nicht vorgesehen.

Dass ich in diesem von der restlichen Welt ziemlich abgeschnittenen Dorf einmal als der »Charles Bronson der Berge« zu einer Berühmtheit werden würde, hätte ich selber nie für möglich gehalten.

Die Vorstellung, dass dieses arme Gebirgsdorf einmal Jahr für Jahr von begeisterten Wintersportfans bevölkert würde, die am Abend in einer kleinen Wirtsstube Après-Ski bis zum Morgengrauen feiern, war völlig abwegig. Die braven Stubner gingen früh zu Bett, schufteten von morgens bis abends, Vergnügen kannte man hier nicht. »Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd!« Diese Zeiten änderten sich vor allem in den 1960er-Jahren, als meine Skilehrerkarriere begann.

Früher rumpelten hier klapprige Fuhrwerke über die Wege, heute stehen Nobelkarossen auf dem Hotelparkplatz. Coole Skilehrer wie ich, die ihre Sonnenbrillen höchstens zum Schlafen absetzten, beherrschten das Dorfbild. Wir waren die Kings, und ich setzte dem Ganzen noch die Krone auf, indem ich mal lässig einem Porsche, mal einem Lamborghini entstieg.

Bevor ich erzähle, was mir in meinen 70 Jahren so alles passiert ist, möchte ich euch dieses Gebirgsdorf und seine Geschichte vorstellen, nur so kann man mein Leben verstehen, denn beides ist untrennbar miteinander verbunden:

Das kleine Örtchen liegt am Fuße des Arlbergs, einem 300 Meter höher gelegenen Pass, der die österreichischen Bundesländer Vorarlberg (Westen) und Tirol (Osten) miteinander verbindet.

Nur eine Straße führt über Klösterle zu uns hinauf, die, hat man Stuben hinter sich gelassen (und das geht verdammt schnell), zum Flexenpass 300 Höhenmeter weiter nördlich führt. Über ihn erreicht man den Nobelskiort Zürs, mit dem ich, einer unerfüllten Liebe ähnlich, schicksalhaft verbunden bin. Aber dazu später mehr. Knapp 300 Höhenmeter talwärts von Zürs liegt Lech, ebenfalls ein berühmter Skiort für die »Schönen und Reichen«. Südöstlich, auf 1765 Meter, befindet sich St. Christoph, auch ein beliebter Wintersportort, und von dort 300 Höhenmeter tiefer ist St. Anton angesiedelt. Das sind die fünf Arlbergorte – und Stuben mittendrin ist der kleinste.

Ringsum thronen felsig und zerklüftet der Trittkopf (2720 Meter), die Albona, unser 2391 Meter hoher Hausberg, die Schindlerspitze (2648 Meter) und natürlich die Valluga, mit 2809 Metern der höchste Gipfel im Arlberggebiet, genau auf der Grenze zwischen Vorarlberg und Tirol.

In der fünfmonatigen Wintersaison strömen Ski- und Snowboardfreunde aus aller Welt hierher, besonders der europäische Hochadel hat die Arlbergregion in der Wintersaison fest im Griff. Aber auch Schauspieler, Rennfahrer und berühmte Popstars sind hier seit Jahrzehnten gern gesehene Gäste. Für die exklusiven Urlauber werden ganze Hotelflügel gemietet, jede Menge Extrawürste gebraten, und Helikopter fliegen die reichen Gäste morgens auf die Pisten, mittags zu ihrer Lieblingshütte und abends zurück ins Tal. Der Champagner fließt in Strömen, kulinarisch bleiben keine Wünsche offen. Es gibt Austern, Kaviar und Hummer im Überfluss, aber auch knusprigen Schweinsbraten, dicke Knödel und warmen Topfenstrudel.

Dabei war die Region mal bitterarm. Besonders das kleine Stuben. Unten im Tal duckten sich früher lediglich eine Hand voll einfache Häuser an die mächtigen Felswände, es gab ein paar Viehställe und eine kleine Kapelle, an der Pilger, Kaufleute und Wanderer stille Einkehr hielten. Die Menschen ernährten sich von dem, was sie selber erwirtschafteten. Und das war beileibe nicht viel.

Das Leben hier war schon immer abhängig von den widrigen klimatischen Verhältnissen und wirtschaftlichen Gegebenheiten, die sich aus der besonderen geografischen Lage ergaben.

Angefangen hat alles im Jahre 1330, als Stuben zum ersten Mal erwähnt wurde. Johanniter errichteten hier für Reisende Schutz und Wärme bietende Unterkünfte, bevor sie den beschwerlichen Arlbergpass überquerten. Später zu Habsburer Zeiten wurde der Ort »des Kaisers größte Stube« genannt. Der Name Stuben stammt nach Überlieferungen also tatsächlich von der Bezeichnung »Wärmestube« ab. Die alten Hütten wurden leider von Lawinen zerstört. Diese immer wiederkehrenden Naturereignisse sind für uns ein großes Übel, von dem ich aber noch ausführlich berichten werde.

Im 13. und 14. Jahrhundert waren die Stubner als Säumer tätig, sie erledigten über die Passhöhe am Arlberg den Warentransport zwischen Tirol und Vorarlberg.Später profitierten sie als Fuhrleute vom florierenden Salzhandel zwischen Innsbruck und der Schweiz, dann wurde Stuben für fast ein ganzes Jahrhundert lang kaiserliche Poststation. Wenn die Postillione mit ihren Kutschen beim »Posteck« ankamen, ließen sie die Peitsche so oft knallen, wie Gäste in ihrem Postwagen saßen. So wusste man im Einkehrgasthof »Post«, wie viele Mahlzeiten vorzubereiten waren. Romantische Zeiten …

Mit dem Bau der Arlbergstraße 1785 kamen die Kaufleute mit ihren Fuhrwerken von weit her, nahmen den Weg über Danöfen, Klösterle und Langen und nutzten unseren Ort auf ihrer Durchreise als Raststätte, denn Stuben war nicht nur »Handelsbrücke«, es vermittelte auch Geborgenheit und Schutz, ein heimeliges Gefühl – und das bis heute.

Als man dann den Arlbergtunnel baute, wurde es etwas ruhiger in Stuben, denn die Bahn von Langen nach St. Anton ermöglichte einen billigeren und schnelleren Warentransport. Handel und Verkehr gingen stetig zurück und versiegten irgendwann fast ganz. Unser kleines Örtchen drohte vollkommen in Vergessenheit zu geraten. Es hatte seine Bestimmung verloren.

Doch auch wenn Stuben klein sein mag, es ist nicht kleinzukriegen. Die Bewohner haben es seit jeher geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden und somit sich selbst und ihre Heimat am Leben zu erhalten, was aufgrund vieler lauernder Naturgewalten nicht immer einfach war. Denn die Lage des Dorfes hat so ihre Tücken: Wir haben besonders häufig mit heftigen Schneefällen und starkem Regen zu kämpfen. Dadurch bringen uns im Sommer Erdrutsche und ein schnell talwärts fließender Strom aus Schlamm und gröberem Gesteinsmaterial (Muren) in arge Nöte. Und im gut fünf Monate langen Winter gefährden Lawinen Verkehrswege und Ortschaften, weil die steilen Hänge über Wochen und Monate Schneemassen ansammeln, die unser kleines Tal bedrohen.

Stuben hatte schon mit allen Arten von Lawinen zu kämpfen: Mal geht der Schnee im Ganzen, also wie ein Brett, ab (Schneebrettlawine), mal fängt die Lawine an einem Punkt langsam an und nimmt im Laufe an Fahrt und Schneemasse zu (Lockerschneelawine). Staublawinen sind besonders gefährlich, weil sie rasante 300 Stundenkilometer erreichen können und das Schnee-Luft-Gemisch in der Lunge oftmals zum Erstickungstod führt. Und dann sind da noch die Hanglawinen, die zwar Stuben nicht erreichen, weil sie vorher zum Stillstand kommen, Skifahrern aber natürlich ebenfalls zum Verhängnis werden können.

Eines der schlimmsten Lawinenunglücke ereignete sich in Stuben 1807, als an den nordöstlichen Hängen mehrere gleichzeitig losgingen. Häuser und Ställe wurden zerstört; Kühe, Rinder und Pferde getötet; 16 Menschen verloren ihr Leben. Inzwischen machen Entwicklung und Forschung es zwar möglich, Lawinengefahren früher zu erkennen und mit gezielten Sprengungen kontrollierte Abgänge zu erreichen. (Was leider auch nicht immer gelingt, von einer »kontrollierten Katastrophe« werde ich in diesem Buch berichten.) Auch Lawinenverbauungen dämmen die Gefahr etwas ein, sogar eine mächtige Lawinenmauer schützt uns vor den schlimmen Naturereignissen, gänzlich verhindern kann man sie jedoch nicht.

In meiner Heimat treffen aber nicht nur verschiedene Naturgewalten aufeinander. Am Flexen- und Arlbergpass verläuft auch noch die europäische Wasserscheide der Alpen, der Grenzverlauf der Flusssysteme von Rhein und Donau, und die inneralpine Klimascheide, an der kalte Polarluft von Norden auf warme, mediterrane Luft von Süden trifft.

Trotz der außergewöhnlichen Lage ist dieses Tal mit seinen wenigen Häusern und Menschen aber so versteckt, dass man es fast übersehen könnte. Wie war es also möglich, dass ausgerechnet aus diesem armen Säumerdorf plötzlich ein Ski-Eldorado werden konnte und man Stuben heute die Wiege der Skifahrt nennt?

Die Stubner waren schon immer tüchtige Skifahrer gewesen, weil es für die Menschen, die in dieser Region lebten, einfach lebensnotwendig war. Keiner hier hatte jedoch das Bedürfnis Durchreisenden und Gästen das Skifahren beizubringen – nur so zum Vergnügen. Doch das Schicksal Stubens wurde am 24. Juni 1890 besiegelt, als der Skipionier und Gründer der ersten Skischule am Arlberg, Hannes Schneider, in einer der 13 Stuben geboren wurde: Der kleine Hannes hatte eine große Leidenschaft, die er unbedingt mit anderen teilen wollte. Doch erst einmal musste er gegen Vorurteile, Spott und Häme ankämpfen (ein Schicksal, das Skilehrer nur zu gut kennen), denn als er im Alter von zehn Jahren Fassdauben (Längshölzer aus denen der Küfer Holzfässer für Wein oder Bier herstellt) unter seinen Schuhen befestigte und damit über den Schnee schlitterte, lachten die anderen Kinder im Dorf ihn aus. Und so übte er am Abend heimlich im Schutze der Dunkelheit, bis er drei Jahre später seine ersten »richtigen« Skier geschenkt bekam, von keinem Geringeren als Professor Weiser, dem späteren Obmann des deutsch-österreichischem Alpenvereins.

Doch Hannes Schneider war nicht nur außergewöhnlich talentiert, er wollte auch den Ruf des noch weitgehend verspotteten »Brettelrutschens« und »Narrenholzgleitens« verbessern, das zu jener Zeit lediglich Akademikern und Unternehmern vorbehalten war, weshalb die ersten Rennen auch Herrenschnellfahren genannt wurden, obwohl die Schnellsten eine halbe Stunde brauchten, um eine relativ kurze Buckelpiste herunterzufahren. Das hat sich inzwischen glücklicherweise mit verbessertem Material und optimaler Pistenbeschaffenheit geändert.

1906 nahm Schneider dann an dem ersten Skikurs für Einheimische in Zürs teil, startete nur ein Jahr später bei seinem ersten Rennen in der Schweiz und bekam mit nur 17 Jahren das Angebot, Skilehrer im Nachbarort St. Anton zu werden, um den vornehmen Gästen vom Hotel Post das Skilaufen beizubringen. Erstmals wurden die Schüler nach ihrem Können in Gruppen eingeteilt, die festen Lehrplänen folgten.

So entwickelte sich hier Anfang des 20. Jahrhunderts der Wintersport und zog den damit verbundenen lukrativen Fremdenverkehr nach sich. Auch wenn der Andrang damals noch überschaubar war, hatte eine Erfolgsgeschichte begonnen, und dank Hannes Schneider (der später auch als Schauspieler berühmt wurde und in Filmen wie Die weiße Hölle am Piz Palü, Wunder des Schneeschuhs, Der weiße Rausch mitspielte) begeisterten sich immer mehr für die Bretter. Seine Arlbergtechnik, vom Stemmbogen zum Parallelschwung, wurde weit über Österreichs Grenzen bis nach Amerika, Australien und Japan bekannt, und die Arlberg-Region hatte ihre neue Bestimmung gefunden.

Stuben hat Hannes Schneider also viel zu verdanken. Und auch mein Leben wäre anders verlaufen, wenn er sich nicht ein Paar einfache Dauben unter die Schuhe geschnallt hätte. Er ist der Urvater aller Skilehrer, und noch heute findet ihm zu Ehren jedes Jahr an Fasching das Stubner Fassdaubenrennen statt. Es ist herrlich zu beobachten, wie moderne Menschen, Groß und Klein, mit originalen Fassdauben unter den Schuhen versuchen, die Rennstrecke zu bewältigen, um den begehrten Wanderpokal zu gewinnen.

Diese Längshölzer der Wein- und Bierfässer sind die Basis des Skisports, kein Wunder also, dass mit dem Skifahren auch immer eine feuchtfröhliche Tradition verbunden war. Zu Schneiders Zeiten war allerdings von Après-Ski noch keine Rede – zumindest ist nichts dergleichen überliefert. Es wundert mich aber auch nicht, schließlich fuhren ja nur die Herren Ski …

Stuben selbst hat sich in all den Jahren nicht so verändert, wie man es vielleicht vermuten könnte: Luxusherbergen, Bettenburgen, Shoppingmeile? Fehlanzeige. Schon aufgrund seiner Lage kann es sich gar nicht weiter ausdehnen und wird immer ein idyllisches Dörfchen bleiben. Lediglich ein paar kleinere Hotels und Pensionen, heute ungefähr 40, sind hinzugekommen. Die Zahl der Einwohner bewegt sich seit Jahrhunderten ziemlich konstant zwischen 80 und 100, dafür gibt es aber mittlerweile 700 Gästebetten.

An diesem einfachen, kleinen und den Launen der Natur vollständig ausgelieferten Ort, inmitten dieser schroffen Felslandschaft, wurde ich also an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch im April, drei Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges als viertes von fünf Kindern geboren. Und den besonderen Eigenschaften dieses Dorfs ist es wohl zu verdanken, dass ich vor nichts und niemandem Angst hatte. In 70 Jahren habe ich von Kälte, Hunger, harter körperlicher Arbeit bis hin zu ausschweifenden Partys und heißen Affären in Stuben alles erlebt. Es zog mich oft raus in die Welt, aber ich kehrte immer wieder zurück, denn hier bin ich zu Hause. Die Gefahr war mein ständiger Begleiter, nicht nur die Naturgewalten der Alpen, vor allem selbst gewählte Grenzerfahrungen gehörten dazu.

Heute blicke ich auf ein reiches und erfülltes Leben zurück; ich habe viel erlebt, aber auch erlitten. In diesem malerischen Dörfchen, mit seinen schmalen Straßen und wenigen Häusern, habe ich als Bub wahrscheinlich mehr Unfug angestellt, als so mancher Großstadtbengel es tut. Denn schon als kleiner Junge versuchte ich wohl die dortige Enge und Begrenztheit zu überwinden, indem ich tat, was ich wollte. Ohne die Konsequenzen zu überdenken. Frei wollte ich sein. Gleichzeitig gaben der überschaubare Ort und die hohen Berge mir Schutz.

Doch auch als Erwachsener hörte ich damit nicht auf – schließlich mangelte es mir weder an Gelegenheiten noch an blühender Fantasie. Ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, mein Sündenregister ist lang, denn das harmlose ehemalige Säumerdorf Stuben verwandelte sich während meiner wildesten Jahre bei Nacht (und manchmal auch am Tag) in ein kleines Sündenpfuhl. Ich war ein hervorragender und erfolgreicher Skiläufer, hatte die schönsten Frauen und die schnellsten Autos – und damit macht man sich nicht nur Freunde.

Über Papst Johann XXIII. (als höchst umstrittener »Gegenpapst« von 1410–1415 in Amt und Würden) wurde einmal gesagt:

»Von den Gegnern als moralisches Scheusal gebrandmarkt wurde er von anderen mit Lob überhäuft. Sosehr auch die Anschuldigungen (…) übertrieben sein mögen, so bleiben doch die Flecken der Habsucht, Grausamkeit, Wollust und Gewalttätigkeit an ihm haften, Laster, die zum Teil in jener verderbten Zeit nicht besonders hoch angeschlagen wurden (…)«

Auch wenn ich sicher nicht viel mit einem Papst gemeinsam habe, könnte dies so oder so ähnlich auch über mich gesagt worden sein. Denn eins kann ich euch versichern: Im Skizirkus wird man nicht zur Legende, wenn man ein Heiliger ist.

Vorväter, Vorbilder, Vorurteile

Nun, da wir gerade so gemütlich beisammensitzen und uns ein wenig kennengelernt haben, möchte ich euch meine Verwandtschaft vorstellen – und die kann man sich ja bekanntermaßen nicht aussuchen! Ich aber habe Glück gehabt, wahrscheinlich hätte ich genau diese Burschen ausgewählt. Denn bevor ich in Stuben mein Unwesen trieb, haben schon meine Vorväter, zähe Burschen, Draufgänger, Überlebenskünstler – und Weiberhelden –, hier ihre Spuren hinterlassen. Vorbilder, von denen ich lernte, und Fußstapfen, in die ich trat …

Wer nach Stuben am Arlberg kommt, trifft früher oder später auf den Namen Mathies. Geschichten, Anekdoten und Legenden ranken sich um die Männer meiner Familie. Ja, es waren immer die Männer, die von sich reden machten. Die Frauen lenkten die Geschicke im Hintergrund, kümmerten sich um das Wohl der Familie und hielten »den Laden zusammen«. Denn die Herren der Schöpfung stürzten sich gerne kopfüber in waghalsige Unternehmungen und riskante Abenteuer. Sie waren einfache Fuhrleute, die sich täglich bei Wind und Wetter die lebensgefährlichen Pässe rauf- und runterplagten, um so ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie waren die ersten Bergführer, ausgerüstet mit einfachen Schuhen und leichter Wollkleidung, die ihre unerfahrenen Gäste auf die begehrten Gipfel und sich selbst damit auch immer an den Rand des Abgrunds brachten. Sie waren Hüttenwarte, die monatelang in einfachsten Unterkünften hausten, Gegend und Gefahren kannten wie ihre Westentasche und trotzdem nicht vor ihnen gefeit waren. Aber sie liebten dieses Leben und die damit verbundenen Risiken.

Mir wurden also viele Charaktereigenschaften schon in die Wiege gelegt, einige habe ich allerdings erfolgreich selber entwickelt. Und so gibt es heute zahlreiche Anekdoten über die Männer der Familie Mathies, und die erste haben wir meinem Großonkel zu verdanken, der damit sogar zur Legende wurde.

Sterben kommt nicht in Frage

Vor mehr als 125 Jahren wurde Franz-Josef, der Onkel meines Vaters, weit über die Grenzen des Arlbergs hinaus bekannt. 1864 in diese bitterarme Gegend am Fuße des Arlbergs geboren kannten Franz-Josef und seine 15 Geschwister vor allem Kälte, Krankheiten und Hunger. Doch Aufgeben kam nicht in Frage. Der ehrgeizige Bursche hatte sich mit seinem Pferdefuhrwerk einige Frachtaufträge gesichert. Und im Alter von ungefähr 20 Jahren begann er lebensnotwendige Güter vom heimischen Warth über den alten Flexenpass nach Langen zu transportieren. Das war besonders in den Wintermonaten ein lebensgefährliches Unterfangen, denn an der steilsten und engsten Stelle des Tales gingen mörderische Lawinen ab.

Ausgerechnet in einem vergleichsweise schneearmen Jahr ereignete sich die Katastrophe, die meinen Großonkel zur Legende werden ließ. Am frühen Morgen des 21. Dezember verließ Franz-Josef, 22 Jahre jung, mit seinem treuen Hund eine Herberge in Stuben, in der er übernachtet hatte, denn er musste schleunigst über den Flexenpass zurück nach Warth. Dicke Schneeflocken tanzten vom Himmel herunter. Gut 20 Zentimeter Neuschnee bedeckten den winzigen Ort, und der Postwirt schickte ihm eine Warnung hinterher: »Wenn man im Neuschnee einen Hahn spürt, ist es im Flexen droben nimmer sicher. Und wer einen Schneesturm im Flexen überlebt, der hat wahrscheinlich einen Todfeind weniger.« (Diese sehr alte Redensart, die sich auf den Auerhahn bezieht, hört man heute vereinzelt immer noch, wenn das Wetter schlecht wird.)

Unbeirrt machte sich Franz-Josef auf den Weg. Doch es kam, wie es kommen musste: Mitten auf der Flexenstraße donnerte eine Schneedecke den Hang hinunter und begrub meinen Großonkel mitsamt Fuhrwerk unter sich. Dann herrschte Stille, die Minuten vergingen, und noch mehr Schnee deckte das Unheil zu. Nach einer halben Stunde kam ein Gendarm über den Flexenpass und entdeckte beim Kurzkehrtobel (ein Tobel ist ein trichterförmiges Tal) das herrenlose Fuhrwerk. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Er schaute sich um und bemerkte Franz-Josefs Hund, der am Unglücksort kauerte. Jetzt war der Gendarm sicher, hier musste etwas passiert sein. Mittlerweile hatte das Schneetreiben zugenommen, ein eisiger Wind gesellte sich hinzu und machte den unwirtlichen Ort noch ein wenig ungemütlicher. Der Gendarm schlug den Kragen des Mantels hoch, nahm den Hund an die Leine und stampfte, sich tapfer gegen den Wind stemmend, in das nächste Dorf: Stuben. Flugs organisierte er die Rettung, doch durch den starken Schneesturm behindert kamen die Retter Stunden später und somit erst am frühen Abend am Unglücksort an. An eine erfolgsversprechende Suche war bei diesem Wetter nicht zu denken. Vor Franz-Josef lag eine lange kalte Nacht. Ob er überhaupt noch lebte? Von seinem Fuhrwerk stak noch hie und da ein Stück heraus, ein Rad, ein Holzteil, der Rest lag tief unter dem Schnee begraben. Und es schneite ununterbrochen weiter.

Am nächsten Morgen hatte es endlich aufgehört, bei strahlend blauem Himmel machte sich eine neue Suchmannschaft auf, um den Verschütteten zu finden. Wahrscheinlich glaubte schon da keiner mehr an eine Rettung. Doch Franz-Josef lebte noch. Er hatte sein Gesicht ein wenig vom Schnee befreien können und sich so Luft verschafft. Der Rest war wie einbetoniert. Es wurde höchste Zeit, er lag nun bereits 24 Stunden in seinem eisigen Grab. Doch die Retter hatten keine Chance. Noch bevor sie an Ort und Stelle ankamen, rauschte abermals eine sechs Meter hohe Lawine den Berg herunter und über Franz-Josef und sein Fuhrwerk hinweg. Nun brach die zweite kalte Nacht für den armen Kerl an. Die Lage war also hoffnungslos? Nicht für meinen Großonkel, er dachte gar nicht daran zu sterben!

Auch den Arlbergern ließ der verschüttete junge Mann keine Ruhe. Sie wollten den Burschen finden. Es war der Tag vor Heiligabend, als sie gegen Mittag endlich erfolgreich waren. Mit letzter Kraft gruben die Männer rund ums zertrümmerte Fuhrwerk im tiefen Schnee. Ein paar Schaulustige hatten sich versammelt, einige Frauen beteten, da rief plötzlich jemand: »Ich hab ihn!« Doch hatte Franz-Josef Mathies, Fuhrmann aus Warth, tatsächlich 30 Stunden unter Schneemassen überlebt? Ja! Nun, mehr tot als lebendig, zog man ihn heraus. Nur langsam erholten sich die erfrorenen Glieder, und der Arme litt noch so manche Stunde unsägliche Schmerzen, bis man ihn nach Warth überführen konnte. Dennoch hatte mein Großonkel unsagbares Glück gehabt, er trug lediglich einen gebrochenen Oberschenkel davon, und schon kurze Zeit später saß er wieder auf seinem Pferdefuhrwerk und rumpelte mit seinem Wagen über die holprigen und gefährlichen Passstraßen.

1880 übersiedelte die Familie nach Stuben, der Ort seiner Wiedergeburt. Im Winter 1891 nahm Franz-Josef an einer Rettungsaktion teil und wurde erneut unter einer Lawine begraben, aus der er sich aber selbst befreien konnte. Sechs Jahre später pachtete der fleißige Fuhrmann die Verpflegungsstation »Alpenrose« in Zürs und legte den gastronomischen Grundstein der Familie. Doch er blieb auch immer ein leidenschaftlicher Fuhrwerker, das Lawinenunglück hatte bei ihm keine Spuren hinterlassen.

Für unsere Region hatte Franz-Josefs Erlebnis bedeutende Folgen: 1900 wurde endlich die neue Flexenstraße fertiggestellt und somit die Lawinengefahr auf der Strecke etwas eingedämmt. Übrigens: Das Grab meines Großonkels, der 1937 in seinem warmen Bett für immer friedlich einschlief, findet man natürlich heute noch in Stuben. Denn von hier war er schließlich an jenem Tag im Dezember 1886 aufgebrochen, bevor er als »Lawinen-Franz-Josef« zur Legende vom Arlberg wurde.

Von nun an machte die Mathies-Sippe von sich reden, aber nicht alle mussten glücklicherweise für ihre Berühmtheit einen derartig hohen bzw. lebensgefährlichen Preis zahlen. Man wurde durch Talent und Können auf sie aufmerksam:

1906 gab Viktor Sohm, ein Vetter meines Vaters, in Zürs den ersten Skikurs für Einheimische, an dem, wie bereits oben erwähnt, auch der große Hannes Schneider teilnahm.

Mein Großonkel Albert (Lawinen-Franz-Josefs Bruder) war der erste Skilehrer dort und damit Begründer einer neuen Ära am Arlberg, was ihm natürlich Ruhm und Ehre einbrachte. Man kann also sagen, dass Hannes Schneider zwar den Wintersport populär gemacht hat, aber durch meine talentierten Ahnen das Skifahren erst (noch besser) gelernt hat – keine schlechten Voraussetzungen für die Nachkommen der Familie Mathies. Schon die Vorfahren meines Vaters waren also allesamt Pioniere und Wegbereiter. Doch die Erfolgsgeschichte ging weiter: Anton, mein Großvater väterlicherseits, war der erste Bergführer am Arlberg und Hüttenwart der 1912 erbauten Ravensburger Hütte (auf 1948 Meter) am Fuße des Spuller Schafbergs, ganz in der Nähe des Arlbergpasses.

In diese traditionsreiche Familie wurde mein Vater Robert Mathies im Januar 1908 als einziger Junge von insgesamt zehn Kindern geboren. (Sein anderer Bruder starb als Kleinkind.) Somit wurde ihm gleich der richtige Umgang mit dem weiblichen Geschlecht in die Wiege gelegt. Sich als einziger Bub inmitten von acht Schwestern zu behaupten, das geht nur mit viel Charme. Heute würde man ihn wahrscheinlich »Frauenversteher« nennen. Neben dem Skifahren und Bergsteigen hat nämlich auch das bei uns eindeutig Familientradition, denn ein Herzensbrecher und Schürzenjäger war auch Robert Mathies: »Richtige Gigolos waren wir damals. Die Skihaserln sind uns nachgelaufen und wir ihnen.« Doch auch er hat natürlich mal »klein angefangen«:

Mein Vater ist, genau wie Hannes Schneider, in Stuben geboren und aufgewachsen. Vielleicht war es kein Zufall, dass die beiden gleich nebeneinander wohnten. Schon als Vierjähriger stand klein Robert auf den Brettern, die für ihn das Leben bedeuteten. Skifahren ist für ein Kind, das in den Bergen aufwächst, nichts Besonderes. »Das erste Mal« ist kein einschneidendes Erlebnis, an das man sich besonders gut erinnert. Außergewöhnlich hingegen ist es, wenn man schon als 14-Jähriger als Stuntman auf Skiern in einem Film mitspielt.

So geschehen 1922, als Robert für den Streifen Fuchsjagd im Engadin engagiert wurde, in dem auch Hannes Schneider agierte. (Leider hat mein Vater den Film selbst nie gesehen.) Filmangebote schmeicheln, besonders in diesem Alter, und so ein Erlebnis prägt natürlich den Charakter eines Menschen. Den Mathies-Männern wurden seit jeher solche Ehren zuteil, und sie haben sicher auch zu ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein geführt. Aber meinem Vater fiel nicht alles in den Schoß. Genau wie seine Vorfahren hat er immer hart und fleißig gearbeitet.

Im Winter, neben seiner Skilehrertätigkeit, schuftete er, wie schon der alte Lawinen-Franz-Josef, als Säumer. Im Auftrag fremder Kaufleute und auf eigene Rechnung fuhr er die Strecke von Langen nach Zürs; mit dem Pferdeschlitten beförderte er zudem Lebensmittel und das Gepäck der Gäste auf die Ulmer Hütte, hoch auf 2288 Meter in den Lechtaler Alpen gelegen. 1926 holte ihn sein Onkel Albert nach Zürs, wo er zunächst als Hilfsskilehrer unterrichtete und 1930 erfolgreich seine Prüfung bei Hannes Schneider ablegte, der zehn Jahre zuvor in St. Anton die erste Skischule Österreichs gegründet hatte.

Damals gab es nur eine Handvoll Skilehrer und einfache Gasthäuser für die noch relativ wenigen Skifreunde. Robert und seine Kollegen mussten noch selbst die Piste platt laufen, denn moderne Pistenraupen gab es nicht. Aber: »Damals war alles lockerer, es gab keine Hektik und keinen Stress«, erinnerte er sich oft mit Wehmut an alte Zeiten.

Doch das damalige Skilehrerdasein war weiß Gott kein Zuckerschlecken: eine einfache Unterkunft ohne Heizung, das tägliche Körperbad im Freien mit Schnee und Kernseife. Immerhin wurde gut bezahlt. Robert verdiente fünf Schilling am Tag (heute knapp 40 Cent) und war zufrieden damit. Und natürlich frönte man auch schon dem Après-Ski, was damals aber noch ganz harmlos »five o clock« hieß und bedeutete, dass sich Skilehrer und Gäste am Nachmittag gesittet bei Livemusik in den Hotels amüsierten, immer der »Anstandslehre« gehorchend. Schließlich trugen damals die Skilehrer auch auf der Piste eine Krawatte.

Die Gigolos waren auch Gentlemen. Mein Vater geleitete seine Skilehrlinge, wie er sie nannte, immer wieder sicher ins Tal, manchmal auf etwas unkonventionelle Weise: »Wir sind, so lange es ging, schräg die Hänge entlanggefahren. Wenn dann doch eine Kurve fällig war, habe ich die Herrschaften umgeworfen, kopfüber umgedreht, und das immer wieder, bis wir im Tal waren.« Einen Stemmbogen fahren konnten damals nämlich nur die wenigsten, da musste sich ein Skilehrer zu helfen wissen. Wenn es nötig war, trug Robert seine verletzten Gäste sogar ins Tal, eine Geste, die ich später selbst in mein Repertoire aufnahm.

Auch mein Vater machte früh Bekanntschaft mit den Gefahren: Im Jahre 1934 war er mit einer Gruppe Franzosen in den Bergen unterwegs, darunter der bekannte monegassische Autorennfahrer Louis Chiron. Es hatte viel Schnee gegeben, und der damals 26-jährige Robert spürte, dass die Lawinengefahr von Minute zu Minute anstieg. Er wollte umkehren, aber die Gäste wollten den wunderschönen Hang auskosten, und so ließ er sich überreden. (Eine Schwäche, die ich nicht übernommen habe!) Pflichtbewusst und verantwortungsvoll, wie er war, fuhr mein Vater der Gruppe voraus. Es kam, wie er es vorausgesehen hatte: Das Schneebrett im Hang brach, die Massen stürzten talwärts, doch er konnte sich mit viel Glück und Geschick an der Lawinenoberfläche halten. Auch seine Gäste kamen mit einem Schrecken davon. Für ihn war das eine Warnung: »Wenn man den Respekt vor den Bergen verliert, wird es gefährlich.«

Umso mehr genoss er die schönen Seiten seines Berufes, und dazu gehörten natürlich in erster Linie die weiblichen Gäste. Auch er war nie um einen deftigen Spruch verlegen: »Zum Skifahren brauche ich keine Stöcke, die bruchi nu zum die lästigen Weiber abwehra!« Noch mit 80 Jahren, er war bereits zwölffacher Groß- und zweifacher Urgroßvater, brachte er den Damen das Wedeln bei. Charmant und braungebrannt fuhr er mit ihnen geduldig über die Pisten, denn schon damals wusste er, dass der Skilehrer auch Unterhalter und Animateur sein musste und das Flirten einfach dazugehörte. Und auch ich wurde diesem Ruf später nur allzu gerne gerecht. Trotzdem war mein Vater froh, als sich die Zeiten änderten und der Beruf des Skilehrers mehr Anerkennung fand. »Jetzt simma keine Deppen mehr«, war sein Kommentar.

Dem unwiderstehlichen mathiesschen Charme war auch meine Mutter erlegen, als sie den Schwerenöter Robert Anfang der 1930er Jahre kennenlernte. Maria, Zimmermädchen auf der Ulmer Hütte, entstammte einer Bauernfamilie aus Pettneu am Arlberg und musste als eines von 14 Kindern sehr früh ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Die Alpenvereinshütte, in der Maria arbeitete, war schon damals für Skifahrer gut zu erreichen, sie lag direkt an der Piste, und mein Vater ging oft »zur Stubate«, um ein paar Stunden mit ihr zu verbringen. Robert hatte selbst Mitte der 1920er Jahre, bevor er Skilehrer wurde, dort oben als Bergführer und »Mädchen für alles« gearbeitet.

1932 erwarb mein Vater dann den Gasthof »Hirschen« in Danöfen, und ein Jahr später am 29. Mai wurde geheiratet. Dort wurden meine Geschwister Rudi, Anton und Inge geboren, ehe meine Familie 1938 wieder in Vaters Geburtsort Stuben übersiedelte und das elterliche Haus übernahm, wo meine Schwester Olga und ich das Licht der Welt erblickten – wir sind also echte Stubner.

Doch der Krieg machte leider auch vor dem friedlichen Arlberg nicht Halt. 1938 erteilte man Robert, wie so vielen seiner Kollegen, Berufsverbot. Das Image des Skilehrers war ein windiges, sie galten als unzuverlässig und unseriös. Um seine kleine Familie zu ernähren, zog mein Vater daher für ein paar Wochen im Jahr ins schweizerische Davos, um dort den Gästen den Parallelschwung beizubringen.

Nach den Kriegsjahren lebten wir in sehr ärmlichen Verhältnissen. In der Früh wurde eine große Gusspfanne mit Riebel, einem einfachen Maisgericht, auf den Tisch gestellt, die ganze Familie nahm rundherum Platz, und jeder langte mit seinem Löffel zu. Butter und Käse machten wir selbst, und ab und zu schlachteten wir ein Tier, wirklich Hunger leiden mussten wir gottlob nicht. Und auch Mutters kleiner Kartoffelacker sorgte für Abwechslung auf dem Speiseplan. Mein Vater arbeitete hart, doch Jammern kam nicht infrage. Neben seiner Tätigkeit als Skilehrer arbeitete er als Bergführer und erfüllte seinen Gästen den Traum vom Gipfel: Ob Monte Rosa, Piz Palü oder Silvretta, er war auf jedem Berg zu Hause. Und im Sommer bewirtschaftete mein Vater unseren Bauernhof, auf dem sich Pferde, Kühe, Schweine, Schafe und Hühner tummelten. Natürlich mussten wir Kinder ordentlich mitarbeiten.

Rechtschaffen und fleißig, wie sie waren, hatten meine Eltern Schilling um Schilling gespart, um sich eine kleine Existenz aufzubauen. Meine Mutter Maria war mittlerweile Herrin über eine kleine Zehn-Zimmer-Pension und führte zusätzlich das einzige Lebensmittelgeschäft in Stuben. Das sicher größte Glück für meinen Vater aber war, dass er ein Jahr nach dem Krieg endlich wieder als Skilehrer arbeiten durfte. Und das tat er mit viel Freude und bis ins hohe Alter. Als ältester aktiver Skilehrer Österreichs unterrichtete er bis zu seinem 82. Lebensjahr, ehe er die Bretter an den Nagel hängte.