Ab die Post - Terry Pratchett - E-Book

Ab die Post E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Der Gauner Feucht von Lipwig wird dazu verdonnert, die heruntergekommene Post der Scheibenwelt wieder auf Vordermann zu bringen, denn im alten Postamt von Ankh-Morpork ruht die Arbeit seit vielen Jahren. Feucht ist dabei so erfolgreich, dass er sich den Zorn der Konkurrenz vom Großen Strang der Klacker zuzieht. Ein öffentlicher Wettstreit soll die Entscheidung bringen: „Postkutsche gegen Klacker“ – wer kann eine Nachricht schneller in das zweitausend Meilen entfernte Gennua bringen?

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Seitenzahl: 608

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Terry Pratchett, geboren 1948, ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart . Von seinen Romanen wurden weltweit rund 65 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke in 37 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

Informationen zu Terry Pratchett auch unter www.pratchett-buecher.de und www.pratchett-fanclub.de.

Terry Pratchett bei Goldmann und Manhattan:

Die Romane von der bizarren Scheibenwelt:

Voll im Bildet ∙ Alles Sense! ∙ Total verhext ∙ Einfach göttlich ∙ Lords und Ladies Helle Barden ∙ Rollende Steine ∙ Echt zauberhaft ∙ Mummenschanz ∙ Hohle Köpfe Schweinsgalopp ∙ Fliegende Fetzen ∙ Heiße Hüpfer ∙ Ruhig Blut! ∙ Der fünfte Elefant Die volle Wahrheit ∙ Der Zeitdieb ∙ Die Nachtwächter ∙ Weiberregiment ∙ Ab die Post ∙ Klonk! ∙ Schöne Scheine ∙ Der Club der unsichtbaren Gelehrten ∙ Steife Prise

Märchen von der Scheibenwelt:

Maurice, der Kalter ∙ Kleine freie Männer ∙ Ein Hut voller Sterine ∙ Der Winterschmied ∙ Das Mitternachtskleid

Zwei Scheibenwelt-Romane in einem Band:

Total verhext/Einfach göttlich ∙ Lords und Ladies/Helle Barden ∙ Rollende Steine/ Echt zauberhaft ∙ Mummenschanz/Hohle Köpfe ∙ Schweinsgalopp/Fliegende Fetzen

Von der Scheibenwelt außerdem erschienen:

Wahre Helden. Ein illustrierter Scheibenwelt-Roman ∙ Die Kunst der Scheibenwelt Das Scheibenwelt-Album. Illustriert von Paul Kidby ∙ Mort. Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins ∙ Wachen! Wachen! Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins ∙ Nanny Oggs Kochbuch. Mit Rezepten von Tina Hannan. Illustriert von Paul Kidby ∙ Die Straßen von Ankh-Morpork. Eine Scheibenwelt-Karte ∙ Die Scheibenwelt von A - Z ∙ Mythen und Legenden der Scheibenwelt ∙ Witz und Weisheit der Scheibenwelt ∙ Narren, Diebe und Vampire. Die besten Geschichten aus zehn Jahren Scheibenwelt-Kalender

Dazu ist erschienen:

Die gemeine Hauskatze. Illustriert von Gray Jolliffe ∙ Eine Insel. Roman

Außerdem sind Johnny-Maxwell-Romane von Terry Pratchett erschienen:

Nur du kannst die Menschheit retten/Nur du kannst sie verstehen/Nur du hast den Schlüssel. Drei Romane in einem Band

Weitere Bücher von Terry Pratchett sind in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

Der 9000-Jahr-PrologDer Ein-Monat-Prolog1 - Der Engel2 - Das PostamtCopyright

Der 9000-Jahr-Prolog

Die Flottillen der Toten segelten auf Flüssen unter Wasser um die Welt.

Fast niemand wusste von ihnen. Aber die Theorie ist leicht zu verstehen.

Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft. Und es ist bekannt, dass die Luft umso dichter wird, je tiefer man kommt, und umso leichter, je höher man fliegt. Wenn ein Schiff im Sturm untergeht und sinkt, so erreicht es irgendwann eine Tiefe, in der das Wasser unter ihm dickflüssig genug ist, um es zu tragen.

Dort hört es auf zu sinken und schwimmt auf einer Oberfläche unter Wasser, außerhalb der Reichweite der Stürme, aber ein ganzes Stück über dem Meeresgrund.

Stille herrscht dort. Tödliche Stille.

Manche der gesunkenen Schiffe tragen noch ihre Takelage, einige sogar noch ihre Segel. Auf vielen weilt noch die Besatzung, in der Takelage verheddert oder ans Ruderrad gebunden.

Und die Reisen gehen weiter, ziellos, ohne einen Hafen in Sicht, denn Strömungen ziehen durchs Meer. Die gesunkenen Schiffe mit ihren toten Besatzungen segeln um die Welt, über versunkene Städte hinweg und zwischen Bergen, die vom Grund des Ozeans aufragen, bis Fäulnis und Bohrwürmer sie auseinander brechen lassen.

Manchmal fällt ein Anker bis hinab zu der dunklen, kalten Stille der tiefen Ebene und stört dort die Ruhe der Jahrhunderte, indem er eine Wolke Schlamm aufwirbelt.

Einer hätte fast Anghammarad getroffen, der dort unten saß und die weit oben dahinziehenden Schiffe beobachtete.

Er erinnerte sich daran, denn es war das einzig Interessante, das in neuntausend Jahren geschah.

Der Ein-Monat-Prolog

Unter den Klackerleuten grassierte eine ... Krankheit. Sie ähnelte dem Leiden, das Seeleute »Sonnenstich« und »Tropenfieber« nannten: Nach Wochen auf einem spiegelglatten Meer, unter sengender Sonne, glaubten sie plötzlich, das Schiff wäre von grünen Feldern umgeben, und dann gingen sie über Bord.

Manchmal glaubten die Klackerleute, dass sie fliegen konnten.

Der Abstand zwischen den großen Semaphortürmen betrug etwa acht Meilen, und ganz oben befand man sich etwa fünfzig Meter über der Ebene. Es hieß, wenn man dort zu lange ohne Hut arbeitete, so wurde der Turm immer höher, und der nächste Turm kam immer näher, und dann dachte man vielleicht, dass man von einem Turm zum anderen springen oder auf den unsichtbaren Nachrichten reiten konnte, die zwischen ihnen unterwegs waren. Oder man hielt sich selbst für eine Nachricht. Manche glaubten, es wäre nur eine Funktionsstörung des Gehirns, verursacht vom Wind in der Takelung. Niemand wusste es genau. Wer fünfzig Meter über dem Boden in leere Luft tritt, hat nur selten Gelegenheit, später von seinen Erfahrungen zu berichten.

Die Türme bewegten sich ein wenig im Wind, aber das war in Ordnung. Dieser Turm war völlig neu konstruiert. Er speicherte die Kraft des Winds für seine Mechanismen, und er bog sich, anstatt zu brechen. Er verhielt sich mehr wie ein Baum und weniger wie eine Festung. Man konnte den größten Teil davon auf dem Boden bauen und ihn in nur einer Stunde aufrichten. Es war ein Gebilde voller Anmut und Schönheit. Und mit dem neuen Klappensystem und den bunten Lichtern konnte dieser Turm Mitteilungen viermal schneller übermitteln als die alten.

Besser gesagt: Er hätte sie viermal schneller übermitteln können, wenn es gelungen wäre, einige Probleme zu lösen ...

Der junge Mann kletterte schnell bis zum höchsten Punkt des Turms. Den größten Teil des Wegs nach oben legte er in grauem Morgendunst zurück, dann erreichte er herrlichen Sonnenschein, und der Dunst breitete sich unter ihm aus, reichte wie ein Meer bis zum Horizont.

Er schenkte der Aussicht keine Beachtung. Er hatte nie davon geträumt zu fliegen. Stattdessen träumte er von Mechanismen, davon, sie besser funktionieren zu lassen als jemals zuvor.

Derzeit wollte er herausfinden, warum das neue Klappensystem erneut klemmte. Er ölte die Schieber, überprüfte die Spannung der Drähte und schwang sich dann über die frische Luft, um die eigentlichen Klappen zu kontrollieren. Das war normalerweise nicht vorgesehen, aber jeder Klackermann wusste, dass man nur so weiterkam. Außerdem war es überhaupt nicht gefährlich, wenn man ...

Etwas klirrte. Der junge Mann blickte zurück und stellte fest, dass der Schnappverschluss der Sicherheitsleine auf dem Laufgang lag. Er sah den Schatten, fühlte den grässlichen Schmerz in den Fingern, hörte den Schrei und fiel ...

... wie ein Anker.

1

Der Engel

Unser Held erfährt Hoffnung, das größte Geschenk –Das Schinkenbrötchen des Bedauerns – Ernste Reflexioneneines Henkers über die Todesstrafe – Berühmte letzteWorte – Unser Held stirbt – Gespräch über Engel – DieUnratsamkeit unangebrachter Angebote in Hinsicht aufBesenstiele – Ein unerwarteter Ritt – Eine Welt frei vonehrlichen Leuten – Ein humpelnder Mann – Man hatimmer eine Wahl

Es heißt, die Aussicht, am Morgen gehängt zu werden, hilft dem Geist eines Mannes, sich zu konzentrieren. Leider konzentriert er sich unweigerlich darauf, dass er in einem Körper steckt, der am Morgen gehängt werden soll.

Liebevolle, aber unkluge Eltern hatten dem Mann, der gehängt werden sollte, den Namen Feucht von Lipwig gegeben, doch er wollte seinem Namen keine Schande bereiten – falls das noch möglich war –, indem er damit starb. Für die Welt im Allgemeinen und die des Todesurteils im Besonderen war er Albert Spangler.

Er ging positiv an die Situation heran und hatte sich auf die Vorstellung konzentriert, am Morgen nicht gehängt zu werden, besonders darauf, mit einem Löffel all den Mörtel um einen Stein in der Wand seiner Zelle zu entfernen. Seit fünf Wochen arbeitete er daran, und der Löffel war inzwischen so abgenutzt, dass er einer Nagelfeile ähnelte. Glücklicherweise kam an diesen Ort niemand, um die Bettwäsche zu wechseln, sonst wäre die schwerste Matratze der Welt entdeckt worden.

Der große und schwere Stein beanspruchte derzeit all seine Aufmerksamkeit. Ein großer Eisenring war darin eingelassen, um Handschellen daran zu befestigen.

Feucht nahm vor der Wand Platz, griff mit beiden Händen nach dem Ring, stemmte die Beine gegen die Steine zu beiden Seiten und zog.

Seine Schultern fingen Feuer, und roter Dunst bildete sich vor seinen Augen, aber der Steinblock glitt aus der Wand, begleitet von einem leisen und unpassenden Klimpern. Feucht schaffte es, ihn beiseite zu ziehen, und blickte dann in das Loch.

Am anderen Ende sah er einen weiteren Steinblock, und der Mörtel darum herum wirkte verdächtig stark und frisch.

Direkt davor lag ein neuer Löffel. Er glänzte.

Während Feucht ihn noch betrachtete, klatschte es hinter ihm. Er drehte den Kopf, wobei die Sehnen ein kleines Riff der Agonie zupften, und sah mehrere Wärter auf der anderen Seite des Gitters.

»Bravo, Herr Spangler!«, sagte einer von ihnen. »Ron hier schuldet mir fünf Dollar. Ich habe ihm gesagt, dass du ein zäher Bursche bist! Er ist ein zäher Bursche, habe ich ihm gesagt!«

»Du hast dies alles arrangiert, Herr Wilkinson?«, fragte Feucht schwach und beobachtete, wie der Löffel das Licht reflektierte.

»Nicht wir. Lord Vetinari hat es angeordnet. Er besteht darauf, allen verurteilten Gefangenen die Aussicht auf Freiheit zu bieten.«

»Freiheit? Aber da steckt ein großer Stein drin!«

»Ja, das stimmt, in der Tat«, bestätigte der Wärter. »Es geht nur um die Aussicht, verstehst du? Nicht um die Freiheit als solche. Das wäre ein wenig dumm, nicht wahr?«

»Ich denke schon«, sagte Feucht. Er sagte nicht »ihr Mistkerle«. Während der vergangenen sechs Wochen hatten ihn die Wärter recht gut behandelt, und er legte Wert darauf, mit Leuten auszukommen. Darauf verstand er sich sehr gut. Menschenkenntnis gehörte zu seinem Handwerkszeug; darauf lief praktisch alles hinaus.

Außerdem hatten die Wärter große Knüppel. Deshalb wählte Feucht seine Worte sorgfältig, als er hinzufügte: »Manche Leute könnten dies für grausam halten, Herr Wilkinson.«

»Ja, darauf haben wir ihn hingewiesen, aber er meinte, von Grausamkeit könne keine Rede sein. Er sprach von ...« Er runzelte die Stirn. »... Be-schäff-tigungs-thera-pieh und gesunder Bewegung. Außerdem meinte er, es würde dem Trübsalblasen vorbeugen und dir den größten aller Schätze geben, nämlich Hoffnung.«

»Hoffnung«, brummte Feucht bedrückt.

»Du bist doch nicht verärgert?«

»Warum sollte ich verärgert sein, Herr Wilkinson?«

»Der letzte Bursche, den wir in dieser Zelle hatten, ist durch den Abfluss entkommen. Sehr kleiner Mann. Sehr agil.«

Feucht blickte auf das kleine Gitter im Boden. Er hatte es sofort von der Liste der Möglichkeiten gestrichen.

»Führt es zum Fluss?«, fragte er.

Der Wärter lächelte. »Das sollte man glauben. Er war sehr verärgert, als wir ihn herausfischten. Es freut mich, dass du mit der richtigen Einstellung dabei warst. Du hast uns allen ein gutes Beispiel gegeben, so wie du weitergemacht hast. Den Mörtelstaub in der Matratze zu verstecken ... sehr clever, sehr sauber. Gut überlegt. Es war uns wirklich eine Freude, dich hier gehabt zu haben. Übrigens, Frau Wilkinson dankt dir für den Obstkorb. Sehr feudal. Sogar mit Kumquats drin.«

»Nicht der Rede wert, Herr Wilkinson.«

»Der Direktor war ein bisschen enttäuscht wegen der Kumquats, denn er hatte nur Datteln in seinem Korb, aber ich habe ihm gesagt, mit Obstkörben ist das wie mit dem Leben: Solange man nicht die Ananas ganz oben weggenommen hat, weiß man nicht, was darunter ist. Er bedankt sich ebenfalls.«

»Freut mich, dass ihm der Korb gefallen hat, Herr Wilkinson«, sagte Feucht geistesabwesend. Mehrere seiner früheren Pensionswirtinnen hatten Geschenke für den »armen verwirrten Jungen« gekauft, und Feucht investierte immer in Großzügigkeit. Eine Karriere wie die seine verlangte Stil.

»Da es nun so weit ist«, sagte Herr Wilkinson, »die Jungs und ich, wir haben uns gefragt, ob du vielleicht dein Gewissen erleichtern und den Ort mit der Stelle des Platzes nennen möchtest, wo du, um nicht lange um die Sache herumzureden, all das gestohlene Geld versteckt hast ...«

Es wurde still im Gefängnis. Selbst die Kakerlaken lauschten.

»Nein, das kann ich nicht, Herr Wilkinson«, sagte Feucht laut nach einer dramatischen Pause. Er klopfte auf seine Jackentasche, hob den Finger und zwinkerte.

Die Wärter lächelten.

»Das verstehen wir natürlich. Nun, du solltest dich jetzt ein wenig ausruhen, denn in einer halben Stunde hängen die dich«, sagte Herr Wilkinson.

»He, bekomme ich kein Frühstück?«

»Frühstück gibt’s erst um sieben«, erwiderte der Wärter vorwurfsvoll. »Aber weißt du was? Ich besorge dir ein Schinkenbrötchen. Weil du es bist, Herr Spangler.«

Und jetzt war es einige Minuten vor Morgengrauen, und er wurde durch den kurzen Flur und in den kleinen Raum unter dem Gerüst gebracht. Feucht stellte fest, dass er sich selbst aus einer gewissen Entfernung sah, als schwebte ein Teil von ihm wie der Luftballon eines Kindes außerhalb des Körpers und wartete darauf, dass er die Schnur losließ.

Das Licht in dem Raum kam durch Ritzen im Gerüstboden weiter oben, vor allem von den Rändern der großen Falltür. Ein Mann mit Kapuze ölte die Angeln der besagten Tür.

Der Mann unterbrach seine Tätigkeit, als die Gruppe eintraf. »Guten Morgen, Herr Spangler«, sagte er und hob die Kapuze. »Ich bin’s, Daniel >Ein Fall< Truper. Ich bin heute dein Henker. Sei unbesorgt. Ich habe Duzende von Leuten gehängt. Wir schaffen dich schnell aus dieser Welt.«

»Stimmt es, dass ein Mann nach drei vergeblichen Hinrichtungsversuchen begnadigt wird, Dan?«, fragte Feucht, als sich der Mann die Hände sorgfältig an einem Lappen abputzte.

»Davon habe ich gehört. Aber man nennt mich nicht ohne Grund >Ein Fall‹. Möchtest du mit dem schwarzen Beutel von uns gehen?«

»Wird es dadurch leichter?«

»Manche Leute glauben, dass sie damit schneidiger aussehen. Und dann sieht niemand die Augen aus den Höhlen treten. Eigentlich ist der Beutel vor allem für die Zuschauer da. Da draußen haben sich heute Morgen ziemlich viele eingefunden. Gestern hat die Times einen netten Artikel über dich gebracht. Die Leute reden darüber, was du doch für ein netter junger Mann warst und so. Äh ... wärst du so freundlich, das Seil vorher zu signieren? Ich meine, es hat ja wenig Sinn, dich nachher darum zu bitten?«

»Du möchtest, dass ich das Seil signiere?«, fragte Feucht.

»Ja«, bestätigte der Henker. »Es ist so eine Art Tradition. Dort draußen gibt es viele Leute, die alte Seile kaufen. Spezielle Sammler, könnte man sagen. Ein bisschen seltsam, aber es gibt eben solche und solche. Signiert ist das Seil natürlich mehr wert.« Er holte ein dickes Seil hervor. »Ich habe hier einen Stift, mit dem man darauf schreiben kann. Eine Unterschrift alle fünf Zentimeter? Eine einfache Unterschrift, ohne Widmung. Ist echtes Geld für mich. Ich wäre dir sehr dankbar.«

»So dankbar, dass du mich nicht hängst?«, fragte Feucht und nahm den Stift.

Das brachte ihm ein anerkennendes Lachen ein. Herr Truper beobachtete, wie er das Seil signierte, und er nickte zufrieden.

»Ausgezeichnet, du signierst da meine Altersversorgung. Und nun ... Sind alle bereit?«

»Ich nicht!«, sagte Feucht schnell, was ihm eine weitere Runde amüsierten Gelächters einbrachte.

»Du bist vielleicht ein Spaßvogel, Herr Spangler«, sagte Herr Wilkinson. »Ohne dich wird es hier nicht mehr so sein wie früher, im Ernst.«

»Zumindest nicht für mich«, sagte Feucht. Auch diese Worte wurden wie das Maximum an Scharfsinn und Witz aufgenommen. »Glaubst du wirklich, dass dies abschreckend wirkt und Verbrechen vorbeugt, Herr Truper?«, fragte er.

»Ich schätze, im Allgemeinen lässt sich das kaum feststellen, denn es dürfte schwer sein, Hinweise auf nicht verübte Verbrechen zu finden«, antwortete der Henker und überprüfte die Falltür ein letztes Mal. »Aber im Besonderen denke ich, dass es gut funktioniert, ja.«

»Wie meinst du das?«, fragte Feucht.

»Ich meine damit, dass ich hier oben nie jemanden mehr als einmal gesehen habe. Sollen wir gehen?«

Unruhe entstand, als sie in die kühle Morgenluft emporstiegen, gefolgt von einigen Buhrufen und sogar ein wenig Applaus. Die Leute waren seltsam. Wer fünf Dollar stahl, war ein Dieb. Wer tausende von Dollar stahl, war entweder eine Regierung oder ein Held.

Feucht blickte nach vorn, während man die Liste seiner Verbrechen verlas. Irgendwie fand er alles unfair. Er hatte niemandem auch nur an den Kopf getippt. Er hatte nie eine Tür aufgebrochen. Er hatte das eine oder andere Schloss geknackt, es aber nie versäumt, hinter sich wieder abzuschließen. Abgesehen von den Enteignungen, Bankrotten und plötzlichen Insolvenzen – was hatte er Schlechtes getan? Er hatte nur Zahlen bewegt.

»Ein gutes Publikum«, sagte Herr Truper, warf das Ende des Seils über den Balken und knüpfte den Knoten. »Es sind auch viele Leute von der Presse da. Wer baumelt? erstattet natürlich immer Bericht, und Reporter von der Times und vom Pseudo-polis-Boten, vermutlich wegen des dortigen Bankenkrachs, und ich habe gehört, dass auch jemand vom Sto-Ebene-Anzeiger gekommen ist. Hat einen guten Wirtschaftsteil – ich achte immer auf die Preise für gebrauchte Stricke. Es scheint viele Leute zu geben, die dich tot sehen wollen.«

Feucht bemerkte eine schwarze Kutsche, die hinter der Menge hielt. Auf der Tür war kein Wappen, es sei denn, man kannte das Geheimnis: Lord Vetinaris Wappen bestand aus einem schwarzen Schild. Schwarz auf Schwarz. Man musste zugeben, der Mistkerl hatte Stil ...

»Wie? Was?«, fragte Feucht, als er angestoßen wurde.

»Ich habe gefragt, ob du noch einige letzte Worte sprechen möchtest, Herr Spangler?«, fragte der Henker. »Das ist so üblich. Hast du dir welche überlegt?«

»Ich habe gar nicht damit gerechnet zu sterben«, erwiderte Feucht. Und das stimmte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er die Möglichkeit des Todes nicht in Erwägung gezogen. Er war sicher gewesen, dass irgendetwas geschehen würde.

»Nicht schlecht«, kommentierte Herr Wilkinson. »Du wirst also damit von uns scheiden.«

Feucht kniff die Augen zusammen. Die Gardine am Kutschenfenster zitterte – die Tür der Kutsche hatte sich geöffnet. Hoffnung, der größte aller Schätze, wagte ein kleines Funkeln.

»Nein, das sind nicht meine richtigen letzten Worte«, sagte er. »Lass mich nachdenken ...«

Eine schmächtige Gestalt, die nach einem Sekretär aussah, verließ die Kutsche.

»Äh ... mal sehen, geeignete letzte Worte ... äh ...« Es ergab durchaus einen Sinn. Vetinari wollte ihm einen Schrecken einjagen, so sah’s aus. Typisch für ihn, nach dem, was Feucht über ihn gehört hatte. Es wird eine Begnadigung geben!

»Ich ... äh ... ich ...«

Unten fiel es dem Sekretär schwer, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

»Könntest du dich vielleicht beeilen, Herr Spangler?«, fragte der Henker. »Gerechtigkeit muss sein.«

»Ich möchte es richtig hinbekommen«, erwiderte Feucht hochmütig und beobachtete, wie der Sekretär einem großen Troll auswich.

»Ja, aber alles hat seine Grenzen«, sagte der Henker, verärgert über diesen Verstoß gegen die Etikette. »Sonst könntest du ja, äh, Tage hier stehen. Kurz und bündig, so gehört es sich.«

»Na schön, na schön«, sagte Spangler. »Äh ... oh, sieh nur, der Mann dort! Er winkt dir zu!«

Der Henker blickte auf den Sekretär hinab, der nach vorn drängte.

»Ich bringe eine Nachricht von Lord Vetinari!«, rief der Mann.

»Na bitte!«, entfuhr es Feucht.

»Er sagt, der Tag hat längst begonnen und ihr sollt es endlich hinter euch bringen!«, rief der Sekretär.

»Oh«, sagte Feucht und blickte zu der schwarzen Kutsche. Der verdammte Vetinari hatte auch den Humor eines Wärters.

»Na los, Herr Spangler, du möchtest mich doch nicht in Schwierigkeiten bringen, oder?«, sagte der Henker und klopfte ihm auf die Schulter. »Nur einige Worte, und dann können wir alle unser Leben fortsetzen. Du natürlich ausgeschlossen.«

Dies war es also. Auf sonderbare Weise fühlte es sich befreiend an. Man brauchte nicht mehr zu befürchten, dass das Schlimmste geschah, denn es geschah bereits, und es war fast vorbei. Der Wärter hatte Recht. Man musste in diesem Leben an der Ananas vorbeikommen, dachte Feucht. Sie war groß und schwer und knubbelig, aber vielleicht lagen Pfirsiche darunter. Es war ein Mythos, nach dem man leben konnte, und jetzt nützte er überhaupt nichts mehr.

»Wenn das so ist ...«, sagte Feucht von Lipwig. »Ich übergebe meine Seele dem Gott, der sie finden kann.«

»Nett«, sagte der Henker und zog den Hebel.

Albert Spangler starb.

Man war allgemein der Ansicht, dass er gute letzte Worte gesprochen hatte.

»Ah, Herr Lipwig«, erklang eine Stimme in der Ferne und kam dann näher. »Wie ich sehe, bist du wach. Und noch am Leben, derzeit.«

Die besondere Betonung des letzten Wortes wies Feucht darauf hin, dass die Länge des derzeit ganz vom Sprecher abhing.

Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er auf einem bequemen Stuhl saß. Am Schreibtisch ihm gegenüber, die Fingerspitzen nachdenklich aneinander gepresst, saß Havelock, Lord Vetinari, unter dessen despotischer Herrschaft Ankh-Morpork zu einer Stadt geworden war, in der aus irgendeinem rätselhaften Grund alle leben wollten.

Ein animalisches Gespür teilte Feucht mit, dass andere Leute hinter dem bequemen Stuhl standen, der sehr unbequem werden konnte, wenn er sich plötzlich bewegte. Aber sie waren gewiss nicht so schrecklich wie der dünne, in Schwarz gekleidete Mann mit dem sorgfältig gestutzten Bart und den Händen eines Pianisten, der ihn beobachtete.

»Soll ich dir von Engeln erzählen, Herr Lipwig?«, fragte der Patrizier freundlich. »Ich kenne zwei interessante Fakten über sie.«

Feucht ächzte. Vorne sah er keine möglichen Fluchtwege, und er wollte nicht versuchen, sich umzudrehen. Sein Hals tat schrecklich weh.

»Oh, ja. Du bist gehängt worden«, sagte Lord Vetinari. »Eine sehr präzise Wissenschaft, das Hängen. Herr Truper ist ein Meister. Schlupf und Dicke des Seils, ob der Knoten hier und nicht dort sitzt, das Verhältnis von Gewicht und Entfernung ... Ich bin sicher, der Mann könnte ein Buch darüber schreiben. Ein halber Zoll hat dich vom Tod getrennt, wie ich hörte. Nur ein direkt neben dir stehender Fachmann hätte das bemerkt, und in diesem Fall war der Fachmann unser Freund Herr Truper. Nein, Albert Spangler ist tot, Herr Lipwig. Dreihundert Personen können schwören, dass sie gesehen haben, wie er starb.« Er beugte sich vor. »Und deshalb ist es nur angemessen, dass ich dir von Engeln erzähle.«

Feucht brachte ein weiteres Stöhnen hervor.

»Der erste interessante Aspekt von Engeln ist dieser, Herr Lipwig: Wenn es jemandem gelungen ist, sein Leben so sehr durcheinander zu bringen und zu ruinieren, dass der Tod der einzige Ausweg zu sein scheint, kommt es manchmal – sehr selten  – vor, dass ihm ein Engel erscheint und ihm anbietet, an die Stelle zurückzukehren, bevor alles schief ging, und es diesmal richtig zu machen. Herr Lipwig, ich möchte, dass du eine Art ... Engel in mir siehst.«

Feucht starrte. Er hatte den Ruck des Seils gespürt, die Schlinge, die sich um seinen Hals zuzog! Er hatte gesehen, wie es um ihn herum dunkel geworden war! Er war gestorben!

»Ich biete dir eine Arbeit an, Herr Lipwig. Albert Spangler ist begraben, aber Herr Lipwig hat eine Zukunft. Sie könnte natürlich sehr kurz sein, wenn er dumm ist. Eine Arbeit, Herr Lipwig. Die es dir ermöglicht, auf ehrliche Weise Geld zu verdienen. Ein Konzept, mit dem du nicht vertraut bist, wie ich sehr wohl weiß.«

Ich kenne so was nur als eine Art Hölle, dachte Feucht.

»Ich biete dir an, Postminister des Postamts von Ankh-Morpork zu werden.«

Feucht starrte weiter.

»Ich möchte hinzufügen, Herr Lipwig, dass sich hinter dir eine Tür befindet. Wenn du irgendwann während dieses Gesprächs den Wunsch verspürst zu gehen, brauchst du sie nur zu durchschreiten und wirst nie wieder etwas von mir hören.«

Feucht legte diese Worte unter »sehr verdächtig« ab.

»Zu deinen Aufgaben als Postminister gehört die Renovierung des Postamts, der Postzustelldienst, die Vorbereitung internationaler Pakete, die Instandhaltung aller Dinge, die dem Postamt gehören, und so weiter und so fort ...«

»Wenn du mir einen Besen in den Hintern schiebst, könnte ich vielleicht auch den Boden fegen«, sagte eine Stimme. Feucht begriff, dass es seine eigene war. In seinem Kopf herrschte Chaos. Es war ein Schock zu erfahren, dass das Leben nach dem Tod so beschaffen war.

Lord Vetinari bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick.

»Wenn du möchtest ...«, sagte er und wandte sich an den in der Nähe wartenden Sekretär. »Drumknott, gibt es in diesem Stock einen Besenschrank?«

»O ja, Euer Lordschaft«, erwiderte der Sekretär. »Soll ich ...«

»Es war ein Scherz!«, platzte es aus Feucht heraus.

»Oh, entschuldige, das habe ich nicht bemerkt«, sagte Lord Vetinari und wandte sich wieder an Feucht. »Bitte gib mir Bescheid, wenn du erneut scherzen möchtest.«

»Ich weiß nicht, was hier geschieht«, sagte Feucht, »aber ich habe nicht die geringste Ahnung vom Postdienst!«

»Lieber Herr Lipwig, heute Morgen hattest du auch noch keine Ahnung davon, tot zu sein, und trotzdem wärst du ohne mein Eingreifen sehr gut darin«, entgegnete Lord Vetinari scharf. »Was zeigt: Man weiß es nie, bevor man es nicht ausprobiert hat.«

»Aber als du mich verurteilt hast ...«

Vetinari hob eine blasse Hand. »Ah?«

Feuchts Gehirn erkannte, dass hier ein wenig Arbeit geleistet werden musste, woraufhin es aktiv wurde. »Äh ... als du ... Albert Spangler verurteilt hast ...«

»Bravo. Ich bin ganz Ohr.«

»... hast du ihn als geborenen Kriminellen, Betrüger durch innere Berufung, gewohnheitsmäßigen Lügner, perverses Genie und absolut nicht vertrauenswürdig bezeichnet!«

»Nimmst du mein Angebot an, Herr Lipwig?«, fragte Vetinari scharf.

Feucht sah ihn an. »Entschuldigung«, sagte er und stand auf. »Ich möchte nur etwas überprüfen.«

Zwei ebenfalls in Schwarz gekleidete Männer standen hinter dem Stuhl. Es war kein besonders sauberes Schwarz, eher das Schwarz von Leuten, die nichts von sich zeigen wollen. Sie sahen wie Sekretäre aus, bis man in ihre Augen blickte.

Sie traten beiseite, als Feucht zur Tür ging, die tatsächlich existierte. Er öffnete sie vorsichtig. Dahinter gab es nichts, auch keinen Boden. In der Art eines Mannes, der alle Möglichkeiten ausprobiert, zog er den Rest des Löffels aus der Tasche und ließ ihn fallen. Es dauerte eine Weile, bis er das Klirren hörte.

Er kehrte zum Stuhl zurück und nahm wieder Platz.

»Die Aussicht von Freiheit?«, fragte er.

»Genau«, bestätigte Vetinari. »Man hat immer eine Wahl.«

»Du meinst ... ich hätte den sicheren Tod wählen können?«

»Es ist eine Wahl«, sagte Vetinari. »Oder vielleicht eine Alternative. Weißt du, ich glaube an Freiheit, Herr Lipwig. Nicht viele Leute glauben daran, obwohl sie etwas anderes behaupten. Und keine praktische Definition der Freiheit wäre komplett ohne die Freiheit, die Konsequenzen zu tragen. Es ist die Freiheit, auf der alle anderen Freiheiten basieren. Und nun ... Übernimmst du die Arbeit? Niemand wird dich erkennen, da bin ich sicher. Mir scheint, du wirst nie erkannt.«

Feucht zuckte mit den Schultern. »Na schön. Ich akzeptiere dein Angebot als geborener Krimineller, Betrüger durch innere Berufung, gewohnheitsmäßiger Lügner, perverses Genie und jemand, der absolut nicht vertrauenswürdig ist.«

»Großartig! Willkommen im Dienst der Regierung!«, sagte Lord Vetinari und streckte die Hand aus. »Ich bin stolz auf meine Fähigkeit, den richtigen Mann auszuwählen. Der Lohn beträgt zwanzig Dollar die Woche, und ich glaube, dem Postminister steht eine kleine Wohnung im Hauptgebäude zur Verfügung. Soweit ich weiß, bekommt er auch einen Hut. Ich erwarte regelmäßige Berichte. Guten Tag.«

Er sah auf seine Unterlagen hinab. Und blickte wieder auf.

»Offenbar bist du noch da, Postminister?«

»Das ist alles?«, fragte Feucht verdutzt. »Im einen Augenblick werde ich gehängt, und im nächsten stellst du mich ein?«

»Mal sehen ... Ja, ich denke schon. Das heißt, da fällt mir ein ... Drumknott, gib Herrn Lipwig seine Schlüssel.«

Der Sekretär trat vor und reichte Feucht einen großen, rostigen Schlüsselring voller Schlüssel. Dann hob er ein Klemmbrett. »Bitte unterschreib hier, Postminister.«

Einen Moment, dachte Feucht. Dies ist nur eine Stadt. Sie hat Tore. Sie ist vollständig von unterschiedlichen Richtungen umgeben, in die man laufen kann. Spielt es eine Rolle, was ich unterschreibe?

»Natürlich«, sagte er und kritzelte seinen Namen.

»Bitte mit deinem richtigen Namen«, sagte Lord Vetinari, ohne vom Schreibtisch aufzusehen. »Mit welchem Namen hat er unterschrieben, Drumknott?«

Der Sekretär reckte den Hals. »Äh ... Ethel Schlange, wenn ich das richtig lese.«

»Bitte versuch, dich zu konzentrieren, Herr Lipwig«, sagte Lord Vetinari müde und schien noch immer in seinen Unterlagen zu lesen.

Feucht unterschrieb erneut. Was spielte es letztendlich für eine Rolle? Er hatte ohnehin die Absicht, eine möglichst große Entfernung zwischen sich und den Namen auf dem Papier zu bringen.

»Dann wäre da nur noch die Sache mit deinem Bewährungshelfer«, sagte Lord Vetinari, der weiter den Eindruck erweckte, in die Dokumente auf dem Schreibtisch vertieft zu sein.

»Bewährungshelfer?«

»Ja. Ich bin nicht dumm, Herr Lipwig. Er erwartet dich in zehn Minuten vor dem Postamt. Guten Tag.«

Als Feucht gegangen war, hüstelte Drumknott höflich und fragte: »Glaubst du, er wird im Postamt erscheinen, Euer Lordschaft?«

»Man muss immer an die Psychologie des Individuums denken«, sagte Vetinari und korrigierte die Orthographie eines offiziellen Berichts. »Das mache ich die ganze Zeit über und du leider nicht immer, Drumknott. Deshalb hat er deinen Stift mitgenommen.«

Immer schnell sein. Man weiß nie, was einen einzuholen versucht.

Zehn Minuten später befand sich Feucht von Lipwig bereits ein ganzes Stück außerhalb der Stadt. Er hatte ein Pferd gekauft, was ihm ein wenig peinlich war, aber es kam vor allem auf Schnelligkeit an, und er hatte nur Zeit gefunden, eins der Notfallpäckchen aus dem Versteck zu holen und den dürren alten Klepper in der Gelegenheitsbox von Hobsons Mietstall zu kaufen. Wenigstens bedeutete es, dass kein zorniger Bürger zur Wache laufen würde.

Niemand hatte versucht, ihn aufzuhalten. Niemand hatte ihm mehr als nur beiläufige Beachtung geschenkt, wie üblich. Die weite Ebene erstreckte sich vor ihm, voller Möglichkeiten. Und er verstand sich darauf, aus nichts Gewinn zu schlagen. Im ersten kleinen Ort, den er erreichte, wollte er den Wert dieses alten Gauls mit einigen kleinen Methoden und Ingredienzien verdoppeln, für mindestens zwanzig Minuten, oder bis es regnete. Zwanzig Minuten würden genügen, um ihn zu verkaufen und mit ein wenig Glück ein anderes Pferd zu kaufen, das ein wenig mehr wert war als der Angebotspreis. Im nächsten Ort würde er das Ganze wiederholen und auf diese Weise in drei oder vier Tagen zu einem anständigen Pferd kommen.

Aber das war nur eine Nebentätigkeit, die allein dazu diente, nicht aus der Übung zu kommen. Das Futter seines Mantels enthielt drei fast echte Diamantringe. Ein echter steckte in einer geheimen Ärmeltasche, und in den Kragen eingenäht war ein fast echter Golddollar. Für ihn hatten diese Dinge die gleiche Bedeutung wie Säge und Hammer für einen Tischler. Es waren primitive Werkzeuge, aber sie würden ihn wieder ins Geschäft bringen.

Es heißt: »Einen ehrlichen Mann kann man nicht betrügen«, und das wird oft von Leuten behauptet, die viel Geld damit verdienen, ehrliche Leute zu betrügen. Das hatte Feucht nie versucht. Wenn man einen ehrlichen Mann betrog, neigte der Betreffende dazu, sich bei der örtlichen Wache zu beklagen, und heutzutage ließen sich die Wächter schwerer bestechen. Es war viel sicherer, unehrliche Leute zu betrügen, und auch sportlicher. Außerdem gab es viel mehr von ihnen. Man brauchte sie kaum zu suchen.

Eine halbe Stunde nach der Ankunft in Happlich, von wo aus Ankh-Morpork als ein Turm aus Rauch am Horizont zu sehen war, saß Feucht niedergeschlagen vor einer Taverne, mit nichts in der Hand als einem echten Diamanten im Wert von hundert Dollar und der dringenden Notwendigkeit, nach Gennua heimzukehren, wo seine arme alte Mutter an Kribbelitis starb. Elf Minuten später stand er geduldig vor einem Juwelierladen, in dem der Juwelier einem mitfühlenden Bürger mitteilte, dass der Ring, den der Fremde für zwanzig Dollar verkaufen wollte, fünfundsiebzig wert war (auch Juweliere mussten von etwas leben). Fünfunddreißig Minuten danach ritt Feucht mit einem besseren Pferd los, hatte fünf Dollar in der Tasche und ließ einen hämischen mitfühlenden Bürger zurück, der zwar klug genug gewesen war, Feuchts Hände zu beobachten, aber versuchen würde, dem Juwelier für fünfundsiebzig Dollar einen glänzenden Messingring mit einem Stein aus Glas zu verkaufen, der höchstens fünfzig Cent wert war.

Die Welt war herrlich frei von ehrlichen Leuten und wundervoll voll von Leuten, die glaubten, zwischen einem ehrlichen Mann und einem Gauner unterscheiden zu können.

Feucht klopfte auf seine Jackentasche. Die Wärter hatten ihm natürlich die Karte abgenommen, vermutlich als er damit beschäftigt gewesen war, tot zu sein. Es war eine gute Karte, und ihr Studium würde Herrn Wilkinson und seinen Kollegen viel über Dechiffrierung, Geographie und unaufrichtige Kartographie lehren. Sie würden mit ihrer Hilfe keinen Betrag von 150.000 Ankh-Morpork-Dollar in verschiedenen Währungen finden, weil die sehr komplex gezeichnete Karte frei erfunden war. Feucht fühlte Wärme bei der Vorstellung, dass Wilkinson und die anderen für einige Zeit den größten aller Schätze besaßen, nämlich Hoffnung.

Wer sich nicht daran erinnern konnte, wo er viel Geld versteckt hatte, der verdiente es Feuchts Meinung nach, sein Vermögen zu verlieren. Doch derzeit musste er sich davon fern halten, konnte sich aber wenigstens darauf freuen ...

Den Namen des nächsten Ortes merkte er sich nicht einmal. Er hatte ein Gasthaus, und das genügte. Feucht nahm ein Zimmer mit Blick in eine leere Gasse, vergewisserte sich, dass das Fenster leicht aufschwang, aß eine ordentliche Mahlzeit und ging früh zu Bett.

Gar nicht schlecht, dachte er. Am Morgen hatte er unter einem Galgen gestanden, mit einer Schlinge um den Hals, und am Abend war er wieder im Geschäft. Jetzt brauchte er sich nur noch einen Bart wachsen zu lassen und Ankh-Morpork sechs Monate zu meiden. Oder vielleicht nur drei.

Feucht hatte ein Talent. Außerdem hatte er sich gewisse Fähigkeiten so gründlich angeeignet, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren. Er hatte gelernt, sympathisch zu sein, doch etwas in seinen Genen bewirkte, dass man sich nicht an ihn erinnerte. Er verfügte über das Talent, nicht aufzufallen, nur ein Gesicht in der Menge zu sein. Anderen Leuten fiel es schwer, ihn zu beschreiben. Er war ... »ungefähr«. Er war ungefähr zwanzig oder ungefähr dreißig. In Berichten der Wache überall auf dem Kontinent war er zwischen ungefähr eins siebzig bis ungefähr eins achtzig groß, und der Farbton seiner Haare reichte von mittelbraun bis blond, und der Mangel an besonderen Merkmalen betraf sein ganzes Gesicht. Er war ungefähr ... Durchschnitt. An was sich die Leute erinnerten, war die Ausstattung, Dinge wie Brille und Bart, deshalb trug er immer einiges davon bei sich. Sie erinnerten sich an Namen und Manieriertheiten, und davon hatte er hunderte.

Und sie erinnerten sich daran, dass sie vor der Begegnung mit ihm reicher gewesen waren.

Um drei Uhr morgens platzte die Tür auf. Sie platzte wirklich  – Holzteile rasselten von der Wand. Aber Feucht war bereits aus dem Bett und sprang zum Fenster, noch bevor der erste Holzsplitter auf den Boden fiel. Es war eine automatische Reaktion, die keine Gedanken erforderte. Außerdem hatte er nachgesehen, bevor er zu Bett gegangen war: Draußen stand ein großes Wasserfass, das eine weiche Landung ermöglichen würde.

Jetzt war es nicht mehr da.

Wer auch immer es gestohlen hatte: Den Boden hatte er zurückgelassen, und die Landung war nicht weich, sondern so hart, dass sich Feucht den Fuß verstauchte.

Er stöhnte leise, als er wieder auf die Beine kam, durch die Gasse humpelte und sich dabei an der Wand abstützte. Der Stall lag hinter dem Gasthaus. Er brauchte sich nur auf ein Pferd zu ziehen, irgendein Pferd ...

»Herr Lipwig?«, donnerte eine große Stimme.

Bei den Göttern, es war ein Troll, es hörte sich nach einem Troll an, und nach einem ziemlich großen noch dazu, er hatte nicht gewusst, dass es sie auch außerhalb der Städte gab ...

»Du Kannst Nicht Weglaufen, Und Du Kannst Dich Nicht Verstecken, Herr Lipwig!«

Moment mal, in diesem Ort hatte er niemandem seinen wahren Namen genannt. Doch diese Überlegungen regten sich im Hintergrund. Jemand war hinter ihm her, und deshalb lief er. Oder humpelte.

Als er das Stalltor erreichte, riskierte er einen Blick zurück. Ein rotes Glühen zeigte sich in seinem Zimmer. Sie würden doch nicht alles niederbrennen, nur wegen ein paar Dollar? Wie dumm! Wenn man auf eine Fälschung hereingefallen war, drehte man sie bei nächster Gelegenheit einem anderen Trottel an, das wusste jeder. Einigen Leuten konnte man wirklich nicht helfen.

Sein Pferd stand allein im Stall und schien unbeeindruckt davon zu sein, ihn wiederzusehen. Er legte ihm das Zaumzeug an und hüpfte dabei auf einem Bein. Auf den Sattel verzichtete er. Er wusste, wie man ohne Sattel ritt. Einmal war er sogar ohne Hose geritten, aber all der Teer und die Federn hatten ihn glücklicherweise am Pferd festgeklebt. Er war der Weltmeister des schnellen Verlassens von Orten.

Feucht wollte das Pferd aus dem Stall führen, als er ein Klirren hörte.

Er blickte nach unten und trat etwas Stroh beiseite.

Sein Blick fiel auf eine gelbe Stange, mit kurzen Ketten an beiden Enden, jede davon mit einer gelben Schelle für einen Vorderlauf ausgestattet. Sein Pferd konnte den Stall nur hüpfend verlassen, wie er selbst.

Sie hatten dem Pferden Schellen angelegt. Dem Pferd ...

»Oh, Herr Lipppppwig!« Die Stimme donnerte über den Stallhof. »Möchtest Du Die Regeln Kennen Lernen, Herr Lipwig?«

Feucht sah sich verzweifelt um. Der Stall enthielt nichts, das sich als Waffe verwenden ließ, außerdem machten ihn Waffen nervös, weshalb er nie eine bei sich trug. Waffen trieben den Einsatz zu sehr in die Höhe. Viel besser war es, seiner Fähigkeit zu vertrauen, sich herauszureden und Verwirrung zu stiften, oder, wenn das nicht funktionierte, sich auf Schuhe mit guten Sohlen und den Ruf »He, was ist das dort?« zu verlassen.

Diesmal hatte er jedoch das Gefühl, dass er so viel reden konnte, wie er wollte – niemand würde ihm zuhören. Und was schnelles Laufen betraf ... Mehr als Hoppeln kam nicht infrage.

In einer Ecke entdeckte er einen Besen und einen hölzernen Futtereimer. Er schob sich das borstige Ende des Besens unter den Arm, um ihn als Krücke zu benutzen, und schloss die Hand um den Henkel des Eimers, während sich schwere Schritte der Stalltür näherten. Als sie sich öffnete, holte er mit dem Eimer aus, schlug mit aller Kraft zu und hörte, wie er zerbrach. Splitter flogen durch die Luft, und einen Moment später prallte ein massiger Körper auf den Boden.

Feucht sprang darüber hinweg und wankte durch die Dunkelheit.

Etwas Hartes und Festes wie eine Schelle schloss sich um die Knöchel seines unverletzten Fußes. Feucht hing eine Sekunde lang am Besen und brach dann zusammen.

»Ich Hege Keinen Groll Gegen Dich, Herr Lipwig!«, donnerte die Stimme munter.

Feucht ächzte. Der Besen schien allein zur Zierde da zu sein, denn eins stand fest: Man hatte ihn nicht oft benutzt, um das wegzufegen, was sich auf dem Stallhof angesammelt hatte. Wenn man die Sache von der positiven Seite sah, war er in etwas Weiches gefallen. Und wenn man es von der negativen betrachtete, war er in etwas Weiches gefallen.

Jemand nahm eine Hand voll von seinem Mantel und zog ihn aus dem Dung.

»Auf Die Beine, Herr Lipwig!«

»Es wird >Lipwig< ausgesprochen, du Idiot«, stöhnte Feucht. »Nicht >Lipwich<!«

»Auf Die Beine, Herr Lipwick!«, wiederholte die donnernde Stimme, und die Besenkrücke wurde Feucht unter den Arm geschoben.

»Was zum Teufel bist du?«, brachte Lipwig hervor.

»Ich Bin Dein Bewährungshelfer, Herr Lipwick!«

Feucht drehte sich mühsam um, sah nach oben, und noch weiter nach oben, in das Gesicht einer Lebkuchenfigur mit zwei rot glühenden Augen. Als die Gestalt sprach, stand in ihrem Mund das Leuchten der Hölle.

»Ein Golem? Du bist ein verdammter Golem?«

Das Ding hob Feucht mit einer Hand hoch und legte ihn sich über die Schulter. Es duckte sich in den Stall, und Feucht, mit dem Kopf nach unten und die Nase an den Terrakottakörper gepresst, begriff, dass der Golem mit der anderen Hand nach seinem Pferd griff. Er hörte ein kurzes Wiehern.

»Wir Müssen Uns Beeilen, Herr Lipwick! Um Acht Uhr Erwartet Dich Lord Vetinari! Und Um Neun Sollst Du Mit Der Arbeit Beginnen!«

Feucht stöhnte.

»Ah, Herr Lipwig«, sagte Lord Vetinari. »Bedauerlicherweise sehen wir uns erneut.«

Es war acht Uhr morgens. Feucht schwankte. Dem verstauchten Fuß ging es besser, was die anderen Teile von ihm nicht behaupten konnten.

»Es ist die ganze Nacht marschiert«, sagte er. »Die ganze verdammte Nacht! Und es hat auch ein Pferd getragen!«

»Setz dich, Herr Lipwig«, sagte Vetinari, sah vom Schreibtisch auf und deutete auf den Stuhl. »Übrigens ist es kein Es, sondern ein Er. In diesem Fall handelt es sich natürlich um einen Ehrentitel, aber ich setze große Hoffnungen in Herrn Pumpe.«

Feucht sah den Widerschein an den Wänden, als der Golem hinter ihm lächelte.

Vetinari senkte den Blick und schien für einen Moment das Interesse an Feucht zu verlieren. Eine Steinplatte beanspruchte den größten Teil des Platzes auf dem Schreibtisch. Darauf standen die kleinen, geschnitzten Figuren von Zwergen und Trollen. Es sah wie ein Spiel aus.

»Herr Pumpe?«, fragte Feucht.

»Hmm?« Vetinari neigte den Kopf und sah aus einem leicht veränderten Blickwinkel auf die Platte.

Feucht beugte sich zum Patrizier vor und deutete mit dem Daumen in Richtung des Golems.

»Das dort ist Herr Pumpe?«, fragte er.

»Nein«, erwiderte Lord Vetinari. Er beugte sich ebenfalls vor, konzentrierte ganz plötzlich und auf beunruhigende Weise seine ganze Aufmerksamkeit auf Feucht. »Er ... ist Herr Pumpe. Herr Pumpe ist ein Regierungsbeamter. Herr Pumpe schläft nicht. Herr Pumpe isst nicht. Und Herr Pumpe ruht nicht, Postminister.«

»Und was soll das bedeuten?«

»Es bedeutet: Wenn du zum Beispiel daran denkst, an Bord eines Schiffes zu gehen und nach Viericks zu reisen, unter der Annahme, dass Herr Pumpe groß und schwer ist und nur langsam vorankommt, so kannst du davon ausgehen, dass dir Herr Pumpe folgen wird. Du musst schlafen. Herr Pumpe nicht. Herr Pumpe braucht nicht zu atmen. Die tiefen Ebenen des Meeres sind kein Hindernis für Herrn Pumpe. Vier Meilen in der Stunde, das sind sechshundertzweiundsiebzig Meilen in der Woche. Es summiert sich. Und wenn Herr Pumpe dich erreicht ...«

»Wenn ich dich an dieser Stelle unterbrechen darf ...« Feucht hob den Finger. »Ich weiß, dass Golems Menschen nicht verletzen dürfen!«

Lord Vetinari hob die Brauen. »Meine Güte, wo hast du das denn gehört?«

»Es steht ... auf etwas geschrieben, in ihren Köpfen! Auf einer Schriftrolle oder so. Das stimmt doch, oder?«, fragte Feucht, der immer unsicherer wurde.

»Na so was.« Der Patrizier seufzte. »Herr Pumpe, bitte sei so gut und brich einen von Herr Lipwigs Fingern. Ein glatter Bruch.«

»Ja, Euer Lordschaft.« Der Golem wankte nach vorn.

»He! Nein! Was?« Feucht winkte hastig und stieß dabei einige Figuren um. »Warte! Warte! Es gibt da eine vorschrift! Ein Golem darf einen Menschen nicht verletzen oder zulassen, dass ein Mensch verletzt wird!«

Lord Vetinari hob den Zeigefinger. »Bitte warte einen Moment, Herr Pumpe. Nun, Herr Lipwig, kennst du auch den nächsten Teil?«

»Den nächsten Teil?«, wiederholte Feucht. »Welchen nächsten Teil? Es gibt keinen nächsten Teil!«

Lord Vetinari wölbte eine Braue. »Herr Pumpe?«, fragte er.

»>... Es sei denn, verfassungsgemäße Behörden erteilen ihm entsprechende Anweisungen‹«, sagte der Golem.

»Das habe ich noch nie gehört!«, entfuhr es Feucht.

»Tatsächlich nicht?«, fragte Lord Vetinari wie überrascht. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand vergessen hat, diesen Teil hinzuzufügen. Ein Hammer darf sich doch nicht weigern, den Nagel auf den Kopf zu treffen, und eine Säge sich moralische Urteile über die Art des Holzes erlauben. Wie dem auch sei ... Gelegentlich greife ich auf die Dienste bestimmter Personen zurück, so zum Beispiel auf die des Henkers Herrn Truper, den du ja kennst, der Stadtwache, der Regimenter und ... anderer Spezialisten, die befugt sind, aus Notwehr oder zur Verteidigung der Stadt und ihrer Interessen zu töten.« Vetinari griff nach den umgefallenen Figuren und stellte sie wieder auf die Platte. »Warum sollte es bei Herrn Pumpe anders sein, nur weil er aus Ton besteht? Letztendlich sind wir alle daraus gemacht. Herr Pumpe wird dich zu deinem Arbeitsplatz begleiten. Angeblich ist er dein Leibwächter, wie es einem hohen Regierungsbeamten gebührt. Nur wir beide wissen, dass er ... weitere Befehle hat. Golems sind von Natur aus sehr moralische Geschöpfe, Herr Lipwig, aber du findest ihre Moral vielleicht ein wenig... altmodisch?«

»Weitere Befehle?«, fragte Feucht. »Und hättest du etwas dagegen, mir zu sagen, was es mit diesen weiteren Befehlen auf sich hat?«

»Ja.« Der Patrizier pustete ein Staubkorn von einem kleinen steinernen Troll und setzte ihn auf sein Feld.

»Und?«, fragte Feucht nach einer kurzen Pause.

Vetinari seufzte. »Ja, ich habe etwas dagegen, dir zu sagen, was es damit auf sich hat. Du hast in dieser Sache keine Rechte. Übrigens haben wir dein Pferd beschlagnahmt, da es bei einem Verbrechen verwendet wurde.«

»Dies ist eine grausame und sehr ungewöhnliche Strafe!«, sagte Feucht.

»Glaubst du?«, erwiderte Vetinari. »Ich biete dir einen leichten Schreibtischjob, vergleichsweise große Bewegungsfreiheit, Arbeit an der frischen Luft ... Mein Angebot mag ungewöhnlich sein, aber grausam? Ich glaube nicht. Aber unten im Keller gibt es einige alte Strafmethoden, die sehr grausam und in vielen Fällen auch recht ungewöhnlich sind. Vielleicht möchtest du sie ausprobieren, um zu vergleichen. Und natürlich gibt es immer die Möglichkeit, den Sisal-Twostepp zu tanzen.«

»Den was?«, fragte Feucht.

Drumknott beugte sich zum Schreibtisch und flüsterte dem Patrizier etwas ins Ohr.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Vetinari. »Ich meine natürlich den Hanf-Fandango oder, anders ausgedrückt, den Galgenstricktanz. Man hat immer eine Wahl, Herr Lipwig. Oh, und da fällt mir ein ... Kennst du den zweiten interessanten Aspekt von Engeln?«

»Von welchen Engeln?«, fragte Feucht verärgert und verwundert.

»Meine Güte, manche Leute passen einfach nicht auf«, sagte Vetinari. »Weißt du nicht mehr? Die erste interessante Sache über Engel? Von der ich dir gestern erzählt habe? Vielleicht hast du an etwas anderes gedacht. Die zweite interessante Sache über Engel Herr Lipwig, ist, dass man immer nur einen bekommt.«

2

Das Postamt

Wir lernen die Mitarbeiter kennen – Die Dnkelheit derNact – Dissertation über reimenden Slang – »Du hättestdabei sein sollen!« – Die toten Briefe – Das Leben einesGolems – Das Buch der Vorschriften

Es gab immer einen Trick. Es gab immer eine Möglichkeit. Und sieh es mal so, dachte Feucht: Sicherer Tod ist durch ungewissen ersetzt worden – das ist eine Verbesserung. Er konnte frei umherlaufen ... beziehungsweise umherhumpeln. Und vielleicht war irgendwo in dieser Angelegenheit ein Gewinn verborgen. Das war möglich. Er verstand es gut, Gelegenheiten dort zu erkennen, wo andere Leute nur leeren Boden sahen. Es konnte also nicht schaden, es einige Tage lang ruhig angehen zu lassen. Dann wurde sein Fuß besser, und er konnte die Situation überblicken und Pläne schmieden. Vielleicht fand er sogar heraus, wie unzerstörbar Golems waren. Immerhin bestanden sie aus Keramik. Vielleicht zerbrach das eine oder andere.

Feucht von Lipwig hob den Blick und betrachtete seine Zukunft.

Das zentrale Postamt von Ankh-Morpork hatte eine kahle Vorderfront. Es war ein Gebäude, das einen Zweck erfüllte. Deshalb war es praktisch nur ein großer Kasten, in dem Leute arbeiteten, mit zwei rückwärtigen Flügeln, die den großen Stallhof umfassten. Einige billige Säulen waren in der Mitte durchgeschnitten und an der Außenseite befestigt worden. Diverse steinerne Nymphen hatte man in Nischen untergebracht und der Brüstung einige Urnen hinzugefügt. Das Ergebnis war Architektur.

In Anerkennung der guten Absichten, die darin zum Ausdruck kamen, hatten die guten Bürger beziehungsweise ihre Kinder die Wände bis zu einer Höhe von ein Meter achtzig mit aufregend bunten Graffiti bedeckt.

Oben an der Vorderfront standen bronzene Buchstaben in einem Band, darunter hatten sich braune und grüne Flecken an der Fassade gebildet.

»›WEDER RE EN NOCH SCHNEE ODER DIE D NKELHEIT DER NAC T KANN DIE E BOTEN V N IHRER PFLICHT ABHALTEN‹«, las Feucht laut. »Was zum Teufel soll das denn bedeuten?«

»Das Postamt War Einst Eine Stolze Institution«, sagte Herr Pumpe.

»Und das da?« Feucht streckte die Hand aus. Auf einer Tafel ein ganzes Stück tiefer an der Vorderfront bildete abblätternde Farbe weniger heroische Worte:

FRAGT UNS NICH NACH:

FelsenTrolle mit KnüppelnAlle Arten von DrachenFrau KuchenGrose grüne Wesen mit ZähnenAlle Arten von schwarzen Hunden mit orangefarbenenBrauenSpanielregenNebel

Frau Kuchen

»Ich Habe Gesagt, Es War Eine Stolze Institution«, grollte der Golem.

»Wer ist Frau Kuchen?«

»Da Kann Ich Dir Leider Nicht Helfen, Herr Lipwick.«

»Offenbar war sie gefürchtet.«

»So Scheint Es, Herr Lipwick.«

Feucht sah sich auf dieser geschäftigen Kreuzung in dieser geschäftigen Stadt um. Die Leute schenkten ihm keine Beachtung, aber dem Golem galten gelegentliche Blicke, die nicht sehr freundlich zu sein schienen.

Das war alles zu seltsam. Zum letzten Mal hatte er seinen wahren Namen benutzt, als er wie alt gewesen war? Vierzehn? Und allein der Himmel wusste, wann er zum letzten Mal ohne leicht zu entfernende besondere Merkmale nach draußen gegangen war. Er fühlte sich nackt. Nackt und unbemerkt.

Niemand zeigte Interesse, als er die fleckigen Stufen hochging und den Schlüssel im Schloss drehte. Erstaunlicherweise ließ er sich leicht bewegen, und die mit Farbe bespritzte Tür schwang ohne Knarren auf.

Hinter Feucht erklang ein rhythmisches, hohles Geräusch. Herr Pumpe klatschte.

»Bravo, Herr Lipwick. Der Erste Schritt Deiner Neuen Laufbahn, Die Sowohl Dir Nützt Als Auch Dem Wohlergehen Der Stadt Dient!«

»Ja, ja«, brummte Lipwig.

Er trat in die große, düstere Eingangshalle, die Licht nur von der zwar großen, aber schmutzigen Kuppel in der Decke empfing. Hier konnte es nie mehr als Zwielicht geben, selbst am Mittag. Die Graffiti-Künstler waren auch hier am Werk gewesen.

In der Düsternis sah Feucht einen langen, an mehreren Stellen zerbrochenen Schaltertresen mit Türen und Fächern dahinter.

Sie sahen wie Taubenlöcher aus, und zwar aus gutem Grund. Tauben nisteten darin. Der bittere, salzige Geruch von altem Guano erfüllte die Luft, und als Marmorfliesen unter Feuchts Füßen klackten, stiegen mehrere hundert erschrockene Tauben auf und flogen zu einem zerbrochenen Fenster in der Decke empor.

»O Scheiße«, sagte er.

»Ordinäre Ausdrücke Hören Wir Nicht Gern, Herr Lipwick«, sagte Herr Pumpe hinter ihm.

»Warum? Es steht an den Wänden! Außerdem ist es eine Beschreibung, Herr Pumpe! Guano! Es müssen Tonnen von dem Zeug sein!« Feucht hörte, wie seine Stimme von den fernen Wänden widerhallte. »Wann war dieses Postamt zum letzten Mal geöffnet?«

»Vor zwanzig Jahren, Postminister!«

Feucht sah sich um. »Wer hat das gesagt?«, fragte er. Die Stimme schien von überall gekommen zu sein.

Jemand schlurfte, ein Gehstock klickte, und eine gebeugte Gestalt erschien in der grauen, toten, staubigen Luft.

»Grütze, Herr«, schnaufte der Alte. »Junior-Postbote Grütze, Herr. Zu deinen Diensten, Herr. Ein Wort von dir, Herr, und ich springe, Herr, ich springe in den Einsatz, Herr.« Der Alte blieb stehen und hustete hingebungsvoll, was sich anhörte wie eine Wand, die mehrmals von einem Beutel voller Steine getroffen wurde. Er hatte einen kurzen, borstigen Bart, so dass er aussah, als hätte er einen Igel zur Hälfte verspeist.

»Junior-Postbote Grütze?«, fragte Feucht.

»Ja, Herr. Es ist nie jemand lange genug hier geblieben, um mich zu befördern, Herr. Inzwischen sollte ich längst Senior-Postbote Grütze sein, Herr«, fügte der Alte bedeutungsvoll hinzu und hustete vulkanisch.

Wohl eher Expostbote, dachte Feucht. Laut sagte er: »Und du arbeitest hier?«

»Ja, Herr, das tun wir, Herr. Jetzt sind nur noch der Junge und ich hier, Herr. Er ist tüchtig, Herr. Wir halten alles sauber, Herr. So wie es die Vorschriften verlangen.«

Feucht konnte nicht aufhören zu starren. Herr Grütze trug ein Toupet. Vielleicht gab es tatsächlich irgendwo einen Mann, dem ein Toupet stand, aber wer auch immer das sein mochte, er hieß nicht Herr Grütze. Es war kastanienbraun, hatte die falsche Größe, die falsche Form, den falschen Stil und war, alles zusammengefasst, falsch.

»Oh, wie ich sehe, bewunderst du mein Haar, Herr«, sagte Grütze stolz, als sich das Toupet langsam drehte. »Es ist alles meins, weißt du, keine Pflaumen.«

»Äh ... Pflaumen?«, fragte Feucht.

»Entschuldigung, Herr, das war Slang. Pflaumen wie in >Pflaumensirup<, Herr. Dösels Slang.1 Pflaumensirup: Perücke. Nicht viele Männer in meinem Alter haben noch all ihr eigenes Haar, denkst du bestimmt. Das liegt am sauberen Leben, drinnen und draußen.«

Feucht sah durch die stinkende Luft zu den Guanohaufen. »Freut mich für dich«, brummte er. »Nun, Herr Grütze, habe ich ein Büro oder etwas in der Art?«

Für einen Moment ähnelte das sichtbare Gesicht über dem Bart einem Kaninchen im Scheinwerferlicht.

»O ja, eigentlich schon, Herr«, sagte der Alte schnell. »Aber da gehen wir nicht mehr hin, Herr, wegen des Bodens. Ist sehr gefährlich, Herr. Der Boden könnte jederzeit nachgeben, Herr. Wir benutzen stattdessen den Umkleideraum für die Mitarbeiter, Herr. Wenn du mir bitte folgen würdest, Herr?«

Feucht hätte fast laut gelacht. »Gut«, sagte er und wandte sich an den Golem. »Äh ... Herr Pumpe?«

»Ja, Herr Lipwick?«, erwiderte der Golem.

»Ist es dir gestattet, mir auf irgendeine Weise zu helfen, oder wartest du einfach nur, bis es Zeit wird, mir auf den Kopf zu schlagen?«

»Es Gibt Keinen Grund Für Verletzende Bemerkungen, Herr. Es Ist Mir Erlaubt, Angemessene Hilfe Zu Leisten.«

»Du könntest also den Taubenkot fortschaffen und mehr Licht hereinlassen?«

»Gewiss, Herr Lipwick.«

»Wirklich?«

»Ein Golem Schreckt Nicht Vor Arbeit Zurück, Herr Lipwick. Ich Werde Mir Eine Schaufel Suchen.« Herr Pumpe stapfte in Richtung des fernen Schalters, und der bärtige Junior-Postbote geriet in Panik.

»Nein!«, quiekte er und taumelte dem Golem hinterher. »Es ist keine gute Idee, diese Haufen zu berühren!«

»Weil damit zu rechnen ist, dass der Boden nachgibt, Herr Grütze?«, fragte Feucht fröhlich.

Grütze sah von Feucht zum Golem und wieder zurück. Sein Mund öffnete und schloss sich, als das Gehirn nach Worten suchte. Schließlich seufzte er.

»Ihr solltet mich besser nach unten in den Umkleideraum begleiten. Hier entlang, meine Herren.«

Als Feucht dem Alten folgte, bemerkte er Herrn Grützes Geruch. Der Geruch war nicht in dem Sinne übel, aber ... seltsam. Er hatte etwas Chemisches, vermischt mit den Aromen aller Arten von Halsmedizin, die einem Tränen in die Augen trieb, und dazu ein Hauch von alten Kartoffeln.

Wie sich herausstellte, gehörte der Umkleideraum zum Kellergeschoss des Postamts, wo der Boden vermutlich nicht nachzugeben drohte, weil unter ihm keine Etagen mehr lagen. Er war lang und schmal. Am einen Ende stand ein monströser Ofen, der Teil eines Heizungssystems gewesen war – das Postamt hatte damals als recht modern gegolten. Daneben war ein viel kleinerer, runder Ofen aufgestellt worden, der unten fast kirschrot glühte. Ein großer schwarzer Kessel stand darauf.

Die Luft wies auf Socken, billige Kohle und keine Ventilation hin. Einige mitgenommen wirkende hölzerne Spinde standen an der Wand; die Farbe der aufgemalten Namen blätterte von ihnen ab. Licht bahnte sich mühsam einen Weg durch die schmutzigen Fenster unter der Decke.

Was auch immer einst der Zweck dieses Raums gewesen sein mochte: Jetzt war er der Ort, an dem zwei Menschen lebten. Zwei Personen, die miteinander zurechtkamen, aber einen klaren Sinn für Mein und Dein hatten. Der Raum war in zwei Hälften unterteilt, auf jeder Seite stand ein schmales Bett an der Wand. Eine gemalte Linie reichte über den Boden, die Wände und die Decke. Meine Hälfte, deine Hälfte. Solange wir daran denken, gibt es keine ... Probleme, verkündete die Linie.

In der Mitte, genau auf der Linie, stand ein Tisch, die eine Hälfte auf dieser Seite und die andere auf jener. Auf beiden Seiten bemerkte Feucht jeweils einen Becher und einen Blechteller. Genau in der Mitte des Tisches stand ein Salzstreuer. Die Trennungslinie bildete um ihn herum den kleinen Kreis einer entmilitarisierten Zone.

Eine Hälfte des Raums enthielt eine unaufgeräumte große Werkbank mit Gläsern, Flaschen und alten Zeitungen – sie sah wie der Arbeitsplatz eines Chemikers aus, der die ganze Zeit über improvisierte, bis alles explodierte. In der anderen Hälfte sah Feucht einen alten Spieltisch, auf dem kleine Kästen und Rollen aus schwarzem Filz beunruhigend präzise angeordnet waren. Außerdem bemerkte er dort das größte Vergrößerungsglas, das er jemals gesehen hatte, auf einem Stativ.

Jene Seite des Raums war sauber. Diese hingegen präsentierte ein Durcheinander, das über die Linie zu quellen drohte. Wenn ein Fetzen Papier von der schmutzigen Seite nicht per se eine besondere Form hatte, so musste man annehmen, dass jemand mit Sorgfalt, Präzision und vermutlich einer Rasierklinge die Ecke abgeschnitten hatte, die zu weit gegangen war.

Ein junger Mann stand in der Mitte der sauberen Hälfte. Offenbar hatte er auf Feucht gewartet, wie auch Grütze, aber er war kein Meister der Kunst, Haltung anzunehmen. Besser gesagt: Er schien sie nur halb zu verstehen. Seine rechte Seite hatte weitaus mehr Haltung angenommen als die linke, woraus folgte, dass er wie eine Banane dastand. Doch sein breites nervöses Grinsen und die großen glänzenden Augen verrieten einen Eifer, der vielleicht über die Grenzen geistiger Gesundheit hinausging. Irgendetwas an ihm vermittelte den Eindruck, dass er beißen konnte. Und er trug ein blaues Baumwollhemd mit der Aufschrift »Frag mich nach Nadeln!«

»Äh«, sagte Feucht.

»Postbotenlehrling Stanley«, brummte Grütze. »Eine Waise, Herr. Sehr traurig. Ist aus dem Waisenhaus der Offlerschwestern zu uns gekommen, Herr. Vater und Mutter sind auf ihrem Bauernhof in der Wildnis an Kribbelitis gestorben, Herr. Wurde von Erbsen aufgezogen, Herr.«

»Du meinst sicher mit Erbsen, Herr Grütze.«

»Nein, Herr. Von Erbsen, Herr. Ein sehr ungewöhnlicher Fall. Ein guter Junge, wenn er sich nicht aufregt, neigt aber dazu, sich zur Sonne zu strecken, wenn du verstehst, was ich meine, Herr.«

»Äh ... vielleicht«, erwiderte Feucht und wandte sich schnell an Stanley »Du weißt also etwas über Nadeln?«, fragte er und hoffte, jovial zu klingen.

»Nein, Herr!«, sagte Stanley Es fehlte nur noch, dass er salutiert hätte.

»Aber auf deinem Hemd steht ...«

»Ich weiß alles über Nadeln, Herr«, sagte Stanley »Alles, was es zu wissen gibt!«

»Das ist, äh ...«, begann Feucht.

»Alle Fakten über Nadeln sind mir bekannt, Herr«, fuhr Stanley fort. »Es gibt nichts, was ich nicht über Nadeln weiß. Frag

Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Going Postal« bei Doubleday/Transworld Publishers, London.

I. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2004

by Terry and Lyn Pratchett. Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2005 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Published by arrangement with Transworld Publishers, a division of The Random House Group Ltd. All rights reserved. Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Paul Kidby KC ∙ Herstellung: Str.

eISBN 978-3-641-09736-3

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Leseprobe

1

Dösels arhythmisch reimender Slang: Verschiedene reimende Slangarten sind bekannt und haben dem Universum Begriffe geschenkt wie zum Beispiel »superduper« (erstklassig), »klar wie Kloßbrühe« (etwas, das sich von selbst versteht) und »Zunge im Zaum« (kleiner Zwischenfall beim Küssen eines Pferds). Dösels reimender Straßenslang dürfte einzigartig sein, da er sich gar nicht reimt. Niemand kennt den Grund dafür, aber bisherige Theorien gehen davon aus, dass er 1) sehr komplex ist und auf verborgenen Regeln basiert, 2) Dösel seinen Namen zu Recht trägt oder 3) erfunden wurde, um Fremde zu ärgern, was bei den meisten Slangarten der Fall ist.