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Abendlied erzählt so realistisch wie herzerwärmend über das Altern, über Solidarität und Gemeinschaft. Vier ältere Frauen in Pittsburgh, die zusammenhalten und sich vom Alter nicht unterkriegen lassen: Emily, Krimileserin und Hundeliebhaberin, Arlene, seit Langem pensionierte Lehrerin, die von ihrem Gedächtnis im Stich gelassen wird, Kitzi, die sich allzu gerne für andere aufopfert. Und schließlich Susie, mit 63 die Jüngste der vier, die nach ihrer Scheidung langsam den Weg zurück ins Leben und sogar eine neue, aufregende Liebe findet. Die vier kennen sich aus dem Chor und treffen sich zum Bridge, vor allem aber betreiben sie den Humpty Dumpty Club, eine Selbsthilfeorganisation von und für alte Frauen. Gemeinsam navigieren sie durch familiäre Katastrophen, organisieren Krankenhausbesuche, besuchen Konzerte und halten trotz aller Differenzen zusammen. Und keiner weiß besser als Emily, Arlene, Kitzi und Susie, wie man eine Beerdigung organisiert. In Abendlied knüpft Erfolgsautor Stewart O'Nan an seine Romane Emily, allein und Henry, persönlich an und macht aus alltäglichen Begebenheiten große Literatur.
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2026
Stewart O’Nan
Roman
Vier unvergessliche ältere Frauen, die das Leben zwar nicht auf die leichte Schulter, aber mit Humor nehmen. Emily, Arlene, Kitzi und Susie haben sich geschworen, füreinander und andere da zu sein, sich umeinander zu kümmern, zusammenzuhalten und sich nicht unterkriegen zu lassen: Sie sind der «Humpty Dumpty Club». Gemeinsam navigieren sie durch familiäre Katastrophen, teilen die Liebe zur Musik und organisieren den Alltag. Vor allem beweisen sie, dass Altern in Würde möglich ist und dass das Ende des Lebens erfüllt, selbstbestimmt und sinnhaft sein kann.
«Aus scheinbar ganz gewöhnlichen Momenten ganz große Geschichten machen – das kann niemand besser als Stewart ONan.» Brigitte
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Für seinen Debütroman Engel im Schnee erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Er veröffentlichte zahlreiche von der Kritik gefeierte Romane, darunter Emily, allein und Die Chance, und eroberte sich eine große Leserschaft. Stewart O’Nan lebt in Boston.
Thomas Gunkel, 1956 in Treysa geboren, arbeitete mehrere Jahre als Erzieher. Nach seinem Studium der Germanistik und Geografie in Marburg begann er, englischsprachige literarische Werke ins Deutsche zu übertragen. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören u.a. Larry Brown, John Cheever, Stewart O’Nan, William Trevor und Richard Yates. Thomas Gunkel lebt und arbeitet in Schwalmstadt (Hessen).
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel «Evensong» bei Grove Press, New York.
Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Roman wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«Evensong» Copyright © 2025 by Stewart O'Nan
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München, nach dem Original von Grove Atlantic, Inc.
Coverabbildung Alex Lowery 2024 courtesy of Sladers Yard Ltd
ISBN 978-3-644-02483-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für die echten Humpty Dumpties in Pittsburgh – und überall
Ach, das Mysterium des Ganzen –
Leben, Tod und das Vergehen der Zeit.
Barbara Pym
Zeit vergeht.
Virginia Woolf
Es war ein Albtraum, bereits im Clubnamen enthalten, ein verheerender Sturz, jedoch nicht von den Zinnen einer Burg, sondern kopfüber eine Treppe hinunter, Joan Hargrove, ihre kluge, strukturierte Anführerin, Königin des Textmarkers und des farblich gegliederten Hefters, die ihre Buchführungskenntnisse bei jeder Aktivität des Clubs zum Einsatz brachte. Noch nie hatten sie eine andere Vorsitzende gehabt.
Am Donnerstag war sie nicht zum Bridge bei Emily erschienen, was keine Überraschung war. Alle wussten, dass sie mit einer hartnäckigen Sommererkältung kämpfte, die sie sich in Chautauqua zugezogen hatte. Susie hatte ihr eine Kürbiscremesuppe aus der Co-op vorbeigebracht, und Joan, noch in Morgenmantel und Slippern, in der Hand eine Packung Papiertaschentücher, hatte ein bisschen müde gewirkt, doch davon abgesehen schien es ihr gut zu gehen. Warum sie abends beschlossen hatte, den Abfall in die Garage hinunterzubringen, war allen ein Rätsel, obschon Kitzi und Emily genauso penibel waren. Der Müll wurde erst am Montag abgeholt, und wenn der Abfalleimer in der Küche voll war, hätte sie doch Susie darum bitten können. Sie hatte bis zum Morgen dagelegen, und ihr Kater Oscar hatte verstört gemaunzt.
«Aus diesem Grund sollte man immer sein Telefon dabeihaben», sagte Kitzi und spielte Trumpf aus.
«Das geht nicht immer», sagte Emily, die Telefone lästig fand.
«Deshalb hab ich meinen Notfallknopf», sagte Arlene und zog den Plastikanhänger mit dem roten Alarmknopf aus ihrer Bluse hervor. Sie hatte niedrigen Blutdruck, ein Leiden, das sie ständig erwähnte, obwohl der letzte Vorfall schon Jahre zurücklag. Sie war auch deshalb dem Club beigetreten, um nicht mehr so abhängig von ihrer Schwägerin Emily zu sein. Obwohl sie, auch ohne irgendwelchen Gruppen anzugehören, ein Leben lang glücklich gewesen war, gefiel ihr der Gedanke, dass Frauen sich zusammenschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Sie und Kitzi waren Gründungsmitglieder gewesen, zusammen mit einem Dutzend anderer aus ihrem Kirchenchor, die inzwischen größtenteils tot waren. Nach Henrys Tod hatte sie Emily angeworben, wobei sie Bridge als Anreiz nutzte. Die beiden konnten sich nicht ausstehen und waren dennoch unzertrennlich. Da kommen die Maxwell-Schwestern, scherzten ihre Freundinnen, und es stimmte, im Lauf der Zeit waren sie sich immer ähnlicher geworden, eine Beobachtung, die Emily, die früher eine Schönheit gewesen war, störte.
«Und Slipper auf der Treppe?», sagte Kitzi. «Eine gefährliche Kombination.»
«Ich hab sie an dem Morgen angerufen, um zu sehen, ob sie irgendwas braucht», sagte Susie. «Ich dachte, sie schläft.»
Sie stellten sich vor, wie oben in der blitzsauberen Eigentumswohnung das Telefon klingelte, während Joan verletzt und hilflos am Fuß der Treppe lag und die Katze an dem ringsum verstreuten Müll schnupperte.
«Ich hätte rübergehen sollen.»
«Nein», widersprachen die anderen.
Mit dreiundsechzig war Susie das Nesthäkchen der Gruppe, aktives Mitglied des Chors, für den die anderen längst zu alt waren, neu aufgenommen nach einer späten Scheidung. Als frischgebackene Pescetarierin, die vorbildlich ihren Müll trennte, machte sie sich Sorgen wegen des Ozonlochs, der Meere und der ukrainischen Geflüchteten und hatte immerzu Angst, ein Umstand, den die drei anderen, die einer zuversichtlicheren Generation angehörten, ihrer Jugend anlasteten. Ihr Exmann hatte als Anwalt für US Steel gearbeitet und sich den Gewerkschaften und der Umweltschutzbehörde entgegengestellt. Jetzt, wo sie von ihm getrennt war, versuchte sie, den Schaden Schritt für Schritt wiedergutzumachen.
«Wie hättest du es denn wissen sollen?», fragte Emily.
«So was kommt vor», sagte Kitzi und spielte das Ass aus. Sie würden ihre vier Cœurstiche problemlos machen; hätte Arlene ihr signalisiert, dass sie den König hatte, hätten sie fünf reizen können, doch Arlenes Spiel war, genau wie ihr Gehör, nicht mehr so gut wie früher. Sie verzählte sich und verschenkte einfache Stiche, reizte zaghaft und überließ das Spiel Kitzi, zufrieden mit ihrer Rolle als Statistin.
Zu ihrer aller Schande war es ein Nachbar gewesen, der Joan auf seinem Morgenspaziergang entdeckt hatte, misstrauisch angesichts des offenen Garagentors, das in ihrer bewachten Wohnsiedlung nichts Gutes verhieß. Sie hatte sich den Arm und das Bein gebrochen, war aber noch am Leben.
«Erstaunlich, wie die Dinge laufen, oder?», sagte Susie. «Irgendwie ist es ein Wunder.»
«So weit würde ich nicht gehen», sagte Emily. Es war ein komplizierter Bruch, und aus dem Gips ragte eine Apparatur aus Edelstahlstangen hervor. Joan war auf der Pitt gewesen und hatte 1955 ihren Abschluss gemacht, zwei Jahre nach ihr selbst. Ihr Orthopäde in Shadyside sagte, ihr ständen sieben Monate Krankengymnastik bevor, was Emily, schockiert von Joans verschorftem, geschwollenem Gesicht, so verstand, dass sie nie mehr würde laufen können. Sie würde in eine Einrichtung für betreutes Wohnen ziehen, Emilys größte Angst, obwohl viele frühere Mitglieder auf Longwood schworen. Wenn Emily dort jemanden besuchte, was nicht oft vorkam, war es stets sauber und freundlich, wenn auch nicht das Walhalla, das ihre Freundinnen von der Calvary Church und dem University Club darin sahen. Das halbe East End wohnte dort und brachte das Erbe der eigenen Kinder durch. Als ihr Sohn Kenny diese Möglichkeit ansprach, spottete sie darüber und sagte, das könne sie sich nicht leisten, eine Ausrede, die nicht mal er richtig glaubte.
«Ich besuche sie nach der Probe», sagte Susie.
«Warst du nicht gestern Abend erst da?», fragte Kitzi, die sie bisher nur ein einziges Mal besucht hatte, weil sie mit Martin und ihren Wahlvorstandspflichten beschäftigt war. «Und du kümmerst dich ja auch noch um Oscar.»
«Oscar ist ein Schatz», sagte Susie.
«Ich kann morgen tagsüber hinfahren», erbot sich Arlene.
«Ach, morgen sind es schon genug», sagte Kitzi. Unter Joan hatte sich der Club so gut entwickelt, dass ein stetiger Strom derzeitiger und früherer Mitglieder ihr seine Aufwartung machte und das Fensterbrett voller Karten und Blumen war.
Kitzi spielte die Zehn und legte dann ihr Blatt hin. Die letzten Stiche gehörten alle ihr.
«Ihr hättet den kleinen Schlemm schaffen können», sagte Emily.
«Ich war mir beim König nicht sicher.»
«Wann reist Darcy wieder ab?», fragte Arlene, womit sie Joans Tochter meinte, eine Wirtschaftsprofessorin, die aus Austin hergeflogen war und zum Beginn des Herbstsemesters wieder zurück sein musste. Sie fanden alle, dass sie länger bleiben sollte, doch während Joan im Krankenhaus lag, konnte, wie sie durch den Dunstschleier der Schmerzmittel selbst gesagt hatte, eigentlich niemand etwas für sie tun.
«Nicht vor Sonntag», sagte Susie.
«Ich kann den Montag übernehmen», sagte Arlene. «Da hab ich nichts vor.»
«Gut», sagte Kitzi und notierte es.
«Morgen fahre ich mit Francine zur Fußpflegerin», sagte Emily. «Was steht sonst noch an?»
Kitzi hatte allen den Plan für September geschickt, nachdem sie in Joans E-Mail-Account gelangt war, und dennoch sahen alle sie an, als trüge nun sie die Verantwortung. Sie erwartete nicht, dass Arlene oder Susie die Zügel in die Hand nahmen, hatte aber gedacht, Emily, mit ihren entschiedenen Ansichten zu allem und jedem, würde die Verantwortung vielleicht zusammen mit ihr auf sich nehmen, das Notwendige mit dem Gewollten verbinden, und sei es auch nur aus Stolz. Doch jetzt hatte es den Anschein, als sei ihr diese Aufgabe einfach zugefallen.
«Jemand muss Peggy Follansbees Medikamente im Giant Eagle abholen.»
«Wann braucht sie sie denn?», fragte Arlene.
«Hier steht bloß, dass sie morgen abgeholt werden müssen.»
«Ist es das Squirrel Hill Jyggle», fragte Emily hilflos, «oder das in Edgewood?»
«Ich glaube, das in Squirrel Hill.»
«Es könnte auch das Market District in Oakland sein», sagte Susie. «Peggy ist gerade nach Webster Hall gezogen.»
«Hast du ihre Nummer?», fragte Kitzi.
«Roberta dürfte sie haben. Ich kann sie anrufen.»
«Schon gut», sagte Kitzi. «Joan hat sie bestimmt irgendwo.»
«Sie könnte neu sein.»
«Ich kann die Fahrt übernehmen, wenn ich weiß, wo ich sie abholen muss», sagte Arlene.
«Ich finde es raus», sagte Kitzi.
Es war drei, sie waren fertig. Emily sagte, sie sollten das Geschirr stehen lassen, doch sie brachten ihre Tassen und Untertassen pflichtbewusst in die Küche, wo sie versuchte, ihnen die zuckerfreien Zuckerkekse aufzudrängen, die niemand mochte. Es war ein Ritual, und Kitzi ließ sich schließlich erweichen, sagte, sie nehme ein paar für Martin mit, und Emily stopfte sie in einen Vakuumbeutel.
Als sie sich in der Diele versammelten, drang aus ihrem Schlafzimmer ein warnendes Bellen von Angus herunter. Draußen war es mild, und der Honigdorn der Oldhams wogte im Wind. Susie hatte sie irgendwie überredet, zusammen in ihrem kleinen Hybridauto zu fahren, da sie aus derselben Richtung kamen, was Emily, besonders wegen Arlenes Fahrstil, klug fand. Sie sah im Briefkasten nach – die Post war noch nicht da – und winkte ihnen zum Abschied, bevor sie ins Haus zurückging.
Als sie wieder allein und es im Haus ringsum still war, dachte sie nicht an Joan in ihrem Krankenhaushemd, sondern an Henry, die Infusionsnadel in seiner von blauen Flecken entstellten Armbeuge, wie er sie gebeten hatte, sich um Arlene zu kümmern und ihre Tochter Margaret nicht abzuschreiben, Forderungen, die ihr auch jetzt noch unfair, wenn nicht sogar unerfüllbar vorkamen. Worum würde sie bitten und wen – Gott? Sonst war niemand mehr da.
Angus bellte, und sie runzelte die Stirn, versuchte, an dem Gedanken festzuhalten, so traurig er auch war. Sie musste das Geschirr spülen und das Abendessen vorbereiten.
«Okay, Mr. Dussel», sagte sie und stieg die Treppe hinauf. «Ich komm dich retten.»
Am Sonntagnachmittag wartete Susie, bis Darcy weg war, bevor sie zu Joans Wohnung fuhr. Susie hatte ihr angeboten, sie zum Flughafen zu bringen, aber Darcy sagte, sie würde ein Uber nehmen, und bedankte sich für alles, was sie getan hatte – aufrichtig, dachte Susie, doch hinter ihrer Dankbarkeit spürte sie das gleiche Unbehagen, das die ganze Woche von ihr ausgegangen war. Wer bist du und was hast du bei meiner Mutter zu suchen?
Da sie selbst eine Tochter war, verstand Susie diese Art von Ureifersucht, fand aber, dass Darcys Radar falsch eingestellt war. Susie und Joan waren nie eng befreundet gewesen. Sie war kein Eindringling, der sich schamlos ins Testament einschlich, sie wohnte bloß zufällig ein paar Straßen weiter, nur wenige Gehminuten von der Calvary Church entfernt. Eigentlich hätte es Kitzi, Joans Stellvertreterin und ältester Freundin, zufallen müssen, sich um die Wohnung zu kümmern, doch Kitzi wohnte in Squirrel Hill und hatte mit ihrem Mann und der Leitung des Clubs alle Hände voll zu tun. Es war praktischer, dass Susie sich darum kümmerte, und hätte Darcy wirklich das Blut ihrer Mutter aufwischen wollen?
Joan lebte hinter der Kirche in Shadyside Village, einer Enklave aus luxuriösen Stadthäusern, von East Liberty durch eine hohe Backsteinmauer getrennt, während Susie direkt auf der anderen Seite der Walnut Street im Kenmawr wohnte, einem einst exklusiven Vorkriegsgebäude, über das Emily und Arlene spotteten, indem sie den Namen mit dem arroganten Akzent der Alteingesessenen aussprachen, als wäre es noch immer von weltgewandten Paaren aus ihrer Generation statt von gebrechlichen alten Leuten und mürrischen chinesischen CMU-Studenten bewohnt, die am Semesterende verschwanden und neben den Müllcontainern aufgehäufte Ikea-Möbel hinterließen. Sie und Joan waren Zugezogene, die sich beide wesentlich verkleinert hatten, nachdem ihre Kinder und in Susies Fall, größtenteils zum Glück, auch ihr Mann weggegangen waren.
Bevor sie Joan kennengelernt hatte, war sie nur in Shadyside Village gewesen, um an Weihnachten mit dem Kinderchor zu singen. Jetzt ging sie jeden Tag hin, und sobald sie sich an dem Wachhäuschen angemeldet hatte, betrat sie eine Insel der Ruhe, ließ die verfallenden, in Wohnungen aufgeteilten Foursquare-Backsteinhäuser, die Stoßstange an Stoßstange geparkten Autos mit Kennzeichen aus anderen Bundesstaaten und die mit Graffiti besprühten Mülltonnen hinter sich. Die kreisförmigen Straßen dort waren wohltuend, weißer Beton statt Asphalt, und die Briefkästen standen wie in der Vorstadt am Gehsteig. Die Häuser waren schmucklos, die Seitenwände in identischem Schokoladenbraun gehalten, jedes mit seiner eigenen Kutschenlampe aus Messing und einer kurzen Einfahrt mit Garage. Es gab keine Parkplätze. Das Gras, die Büsche, ja sogar die Bäume waren einheitlich, gleichmäßig verteilt, das einzige Zugeständnis an das Chaos städtischen Lebens waren die knallroten Hydranten.
Wie immer war alles seltsam entvölkert, obwohl sie den Verkehrslärm der Penn Avenue hören konnte, die hinter der Mauer lag. Sie hatte am Morgen bei beiden Gottesdiensten gesungen, und ihr tat der Rücken weh. Wohl wissend, dass sie später noch zu Joan fahren musste, hatte sie ein CBD-Gummibärchen statt einer Vicodin genommen, was diese Scheinwelt noch unwirklicher machte. Wer wollte schon an so einem Ort leben? Die Frage war irrelevant – auch mit der großzügigen Summe von Richard hätte sie es sich niemals leisten können –, dennoch stellte sie sich immer noch vor, wie sich das Garagentor öffnete, wenn sie nach Hause kam, und sie wie all die Jahre in ihrem weitläufigen Haus im Kolonialstil draußen in Fox Chapel willkommen hieß. Das war das beschauliche Leben, das sie für das Kenmawr zurückgelassen hatte; es war zu spät, um es zurückzufordern. Als sie der Biegung der Straße folgte, näherte sich ein Porsche-Geländewagen mit getönten Scheiben, der vor einer Fahrbahnschwelle das Tempo drosselte. Sie winkte trotzig, kam sich wie ein unbefugter Eindringling vor und war überzeugt, dass jemand sie irgendwo durch eine Kamera beobachtete.
Joans Garagencode war ihr Geburtstag, das sollte sie unbedingt ändern, dachte Susie. Das würde sie ihr klarmachen müssen. Das Tor rollte hoch, ihr alter verstaubter Forester kam zum Vorschein, und die Mülltonne an der Rückwand rief ihr ins Gedächtnis, dass heute Abholtag war. Sie hob den Deckel: leer. Das Ganze war kein Wettkampf – eigentlich war es albern –, und dennoch freute sie sich, dass Darcy es vergessen hatte, falls sie es überhaupt wusste.
Es war schon eine Woche her, doch im Treppenhaus roch es noch immer nach Blut und Raumspray. Sie hatte den Teppich abgeschrubbt, bis nur noch ein schwacher Umriss zu sehen war. Sie war nicht abergläubisch, hielt sich aber nah an der Wand, wich der Stelle aus, an der Joan gelegen hatte, und als sie sich am Geländer hochzog, staunte sie, wie tief Joan gestürzt war. In einem Monat wurde Joan neunundachtzig. Es war wirklich ein Wunder, egal, was Emily sagte.
Oben schob sie die Tür einen Spalt auf und spähte für den Fall, dass Oscar zu entwischen versuchte, in die Wohnung. Joan stellte ihn als Ausbrecherkönig dar, doch bisher war er schreckhaft gewesen und hatte sich im Gästezimmer unterm Bett verkrochen, bis sie ihm sein Futter hinstellte. Die Diele war leer und grau, auch die Küche, das Wohnzimmer.
«Hey, Kumpel», sagte sie. «Ich bin’s bloß.»
Sie war zu höflich, um es laut auszusprechen, aber Oscar war ein ziemliches Miststück. An ihrem ersten Tag im Haus hatte er einen Buckel gemacht und sie angefaucht, hatte seine Krallen gezeigt und dann aus Protest mitten auf Joans Bett einen kleinen Kackhaufen hinterlassen. «Ich weiß», hatte sie gesagt, «du willst zu deiner Mami, aber die ist nicht da. Du musst mit mir vorliebnehmen.» Sie begriff, dass er traumatisiert und sie eine Fremde war, aber musste er unbedingt sein Wasser verschütten und sein Trockenfutter in der ganzen Küche verteilen? Die meiste Zeit versteckte er sich. Wenn er aus der Deckung kam, hielt er Abstand, setzte sich und starrte sie aus dem Flur an wie ein böser Geist aus einer Stephen-King-Verfilmung. Er erinnerte sie an Richard, erwartete, dass sie alles für ihn tat, und ignorierte sie dann.
Als er nicht kam, nahm sie seinen leeren Napf und klopfte damit ein paarmal auf die Küchentheke, bevor sie ihn auffüllte und zurück auf die Matte stellte.
«Oscar!» Sie schüttelte die Futterschachtel wie eine Maraca. «Komm schon, Kumpel, hol dir dein Futter.»
Manchmal brauchte er eine Weile, also stellte sie sich ans Spülbecken, ließ die Gießkanne volllaufen und versuchte ihn mit Kussgeräuschen hervorzulocken.
Wie vermutet, hatte Darcy die Pflanzen nicht gegossen. Sie ging im Uhrzeigersinn vor, begann mit den Usambaraveilchen auf dem Fensterbrett, und die Tropfen perlten wie Quecksilber auf die ausgetrocknete Erde. Sie neigte dazu, ihren eigenen Pflanzen zu viel Wasser zu geben, und bemühte sich, sparsam zu sein.
Im Gästezimmer stellte sie die Gießkanne auf den Boden und kniete sich hin, um unters Bett zu schauen, darauf vorbereitet, dass Oscar mit funkelndem Blick zurückstarrte, doch da war nur Staub.
«Du bist gerissen», sagte sie und richtete sich auf. «Los, komm raus, wo auch immer du bist!»
Er würde sich zeigen, wenn er bereit war, vielleicht hinter ihr hereinschlüpfen, wenn sie mit dem Efeu in der Gästetoilette beschäftigt war, aber als sie die Gießkanne wieder auffüllen wollte, war er nirgends zu sehen.
Sie schüttelte die Schachtel. «Na los, Oscar Mayer, Essenszeit.»
Sie wartete und horchte. Die Fenster waren doppelt verglast und schützten sie wie die schweren Vorhänge und der Teppichboden vor der großen, weiten Welt. In ihrer eigenen Wohnung hörte sie bei Tag und Nacht Busse, Sirenen, Kirchenglocken. Hier gab es nichts als eine ununterbrochen wimmernde Stille, wie ein Klingeln in den Ohren. Sie schloss die Augen und hatte das Gefühl, im Weltall zu schweben.
«Du willst, dass ich nach dir suche, stimmt’s?»
Ihr Rücken tat weh, und obwohl sie es lächerlich fand, stellte sie die Gießkanne ins Spülbecken, ging ins Wohnzimmer, kniete sich auf den Boden und hob den Volant an, um unters Sofa zu schauen. Dann rappelte sie sich wieder auf, verzog das Gesicht und rieb sich die Hüfte. Später würde sie eine Vicodin einnehmen, um schlafen zu können, eine schädliche, vielleicht auch richtig gefährliche Gewohnheit, das wusste sie, aber sonst würde sie die ganze Nacht wach liegen und sich anhören, wie die Glocken die Stunden zählten.
«Ich geb’s auf», sagte sie. «Verstecken ist vorbei, du kannst jetzt rauskommen.»
In Joans Zimmer schloss sie die Tür hinter sich, damit er nicht flüchten konnte.
«Wo bist du?»
Vielleicht auf dem Balkon. Er grenzte an den der Nachbarn. Vielleicht hatte Darcy ihn versehentlich ausgesperrt, aber dort war er auch nicht.
Genauso wenig wie unter dem Schreibtisch in Joans Arbeitszimmer oder in ihrem kleinen Wäscheschrank. Ihr gingen allmählich die Ideen aus, und sie überlegte, wie sie es Joan erklären sollte. Es war Darcys Schuld, doch sie musste die Nachricht überbringen. Aber vielleicht auch nicht. Sie konnte ihn finden. Oder es zumindest versuchen. Als sie angefangen hatte, auf Oscar aufzupassen, hatte sie Joan Bilder geschickt, auf denen er fraß oder niedlich aussah. Sie würde ein gutes Foto aussuchen, es ausdrucken und die Zettel an Telefonmasten hängen – nur dass es in Shadyside Village keine Telefonmasten gab. Wahrscheinlich hatten sie hier sowieso eine Vorschrift gegen Flugblätter. Sie müsste von Haus zu Haus gehen und ihre Schuld eingestehen. Wie lange hatte Staples geöffnet?
Sie sah gerade im Wäscheschrank am Ende des Flurs nach, als es mit einem einzigen langen Ton klingelte. Sie hielt inne, fühlte sich ertappt, als sollte sie nicht in der Wohnung sein. Sie überlegte, nicht zu öffnen. Vielleicht würde der Besucher wieder verschwinden.
Es klingelte immer noch.
Vielleicht wurde etwas geliefert, noch mehr Blumen oder etwas, wofür sie unterschreiben musste, doch sie hatte keinen Lieferwagen gehört. Es war Sonntag. Die Stille machte ihr – wie im Wäscheraum des Kenmawr oder nachts im Aufzug – deutlich bewusst, dass sie allein war.
Wieder klingelte es.
«Okay, okay, immer mit der Ruhe.»
Sie benutzte das Garagentor, weil das sichtbarer war, für den Fall, dass sie Zeugen brauchte. Als es hinaufrollte, kam, bevor sie erkennen konnte, wer geklingelt hatte, Oscar hereinspaziert, zuckte im Vorbeigehen mit den Hüften und ignorierte sie völlig.
Der Mann, der schließlich zum Vorschein kam, war älter als Joan. Er war über einen Gehstock gebeugt und trug einen taubengrauen Filzhut und einen weiten dunkelblauen Anzug, seine Hand ein Gewirr aus Adern und Altersflecken mit einem Freimaurerring. Auf den ersten Blick dachte sie, er sei blind, weil seine Brille schwarz und überdimensioniert war, an den Seiten als Schutz vor dem Licht eng anliegend wie eine Schweißerbrille. Seine Wangen und sein Mund waren eingefallen, die feuchten Lippen zitterten.
«Vermissen Sie was?», fragte er.
«Ja, danke. Wo haben Sie ihn gefunden?»
«Er ist hinter jedem Rockzipfel her, genau wie ich. Schien hungrig zu sein. Wie geht’s Ihrer Mutter? Wir denken alle an sie, sie ist so eine gute Seele.»
Er hielt sie für Darcy, und obwohl sie sich gar nicht ähnlich sahen, fühlte sie sich geschmeichelt. Sie fand es einfacher, den Irrtum nicht aufzuklären. Hauptsache, Oscar war wieder da.
«Sie erholt sich», sagte sie.
«Ich hoffe, es geht ihr bald besser.»
«Danke, ich richte es aus.»
«Bestellen Sie ihr Grüße von Gloria und Bill.»
«Mach ich», sagte sie, bedankte sich noch mal und vergewisserte sich, dass Oscar in der Garage war, bevor sie das Tor schloss. Grüße von Gloria und Bill. Was für ein Typ, dachte sie, einfach so im Sonntagsstaat durch das Viertel zu streifen.
«Okay», sagte sie, «dann will ich dir mal was zu fressen geben.»
Oscar blieb am Fuß der Treppe stehen, um am Teppich zu schnuppern.
«Weg mit dir!», sagte sie und scheuchte ihn nach oben.
Für Joan machte sie ein Foto von ihm am Napf – der Beweis, dass er lebte. Er futterte mit Behagen, als wäre nichts passiert, genau wie Richard immer nach ihrer Paartherapie, sein Appetit nicht zu bändigen. Warum ließ sie sich von ihm ärgern? Joan hatte sie gewarnt – es lag einfach in seiner Natur und hatte nichts mit ihr zu tun, genau wie bei Richard. Während sie die restlichen Pflanzen goss, dachte sie, dass es Menschen gab, die sich kümmerten, und andere, die das nicht taten, und sie war froh, zur ersten Kategorie zu gehören, auch wenn es manchmal bedeutete, dass man nicht gut schlief.
Oscar war fertig und leckte sich die Pfoten.
«War das gut? Ja, das glaube ich.»
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, schlich er den Flur entlang zum Gästezimmer.
«Okay. Bis bald.»
Das Licht draußen wurde schwächer. Sie säuberte sein Katzenklo und brachte den Müll runter, spülte die Plastikbehälter des chinesischen Restaurants aus, die Darcy im Kühlschrank stehen lassen hatte, und füllte Oscars Wassernapf auf, bevor sie abschloss und die Mülltonne zum Bordstein schob.
Bill hatte wohl seinen Spaziergang beendet und war zu Gloria nach Hause gegangen, denn das Village war wieder menschenleer, bis auf den Sicherheitsmann, der an seinem Telefon klebte. An der Walnut Street veranstaltete eine Gruppe Studenten eine Gartengrillparty, und der Geruch der Holzkohle regte ihren Appetit an. Der Tag war zu Ende, und obwohl ihr Oscar einen Schreck eingejagt hatte, war er letztlich erfolgreich verlaufen. Sie hatte zweimal gesungen, war draußen gewesen, hatte sich um Joans Wohnung gekümmert und einen neuen, interessanten Menschen kennengelernt, außerdem konnte sie sich auf den Besuch am Abend freuen, auf die Vicodin vor dem Zubettgehen und die barmherzige Erlösung des Schlafs. Während sie nach Hause ging und sich die Glockentöne der Calvary und der Sacred Heart über den Bäumen miteinander vermischten, war sie zufrieden mit allem, was sie an diesem Sonntag erledigt hatte, doch als sie zurück im Kenmawr war und allein die Reste ihres Baba Ghanoush aß, verfiel sie in eine ernüchternde Schwermut, die auch noch anhielt, während sie ihre Tasche packte und dann zum Krankenhaus fuhr, und als sie an den schicken neuen Hochhauswohnungen an der Centre Avenue vorbeikam, dachte sie wieder, wie aufregend sie es gefunden hatte, ihr Leben umzugestalten, und wie rätselhaft es war, dass es diese Form angenommen hatte.
Sie musste im Flur warten, und als die Krankenschwester ihr die Tür öffnete, hatte Joan einen Schlauch in der Nase.
Es war Sauerstoff. Sie hatten Angst, ihre Lunge könnte kollabiert sein. Joan zuckte mit den Schultern, als wäre es nur eine weitere Unannehmlichkeit. «Ist Darcy gut weggekommen?»
Susie fand, Darcy hätte ruhig anrufen können. «Ich glaube schon. Sie war schon weg, als ich kam.»
«Wie geht’s meinem Süßen?»
«Gut», sagte sie, doch als sie Joan betrachtete, die verhärmt und blass auf ihrem Kissen lag, mit einem Schlauch in der Nase, konnte sie nicht lügen. «Er war nach draußen entwischt. Ich weiß nicht, wie das passiert ist.»
Joan lachte und verschluckte sich an einem Hustenanfall. «Ich hab’s dir ja gesagt, er ist wie Houdini.»
«Einer deiner Nachbarn hat ihn zurückgebracht. Bill.»
«Wie geht’s ihm?»
«Dem Anschein nach gut. Er und Gloria lassen dich grüßen.»
«Weißt du, dass er es war, der mich gefunden hat? Wahrscheinlich hat er mir das Leben gerettet.»
«Nein», sagte Susie und versuchte, es sich vorzustellen.
«Hab ich ein Paket von Zappos bekommen?»
«Ich hab keins gesehen.»
Sie hatte neue Turnschuhe bestellt, die bei der Krankengymnastik hilfreich sein sollten. «Es könnte hinter dem Schlauch-Dingens an der Seite der Garage liegen», sagte sie, und Susie wunderte sich, wie leicht sie ihr Absolution erteilt hatte – ganz abgesehen davon, dass es Darcys Schuld war. Susie erzählte, dass Bill sie für Darcy gehalten hatte, und sie mussten beide lachen. Sie sprachen darüber, wie Kitzi zurechtkam und wie die nächste Woche für den Club aussah. Obwohl sie unter Schmerzmitteln stand, kannte Joan jedes Detail des Übersichtsplans, als würde sie wie Gott ihrer aller Leben aus der Ferne bestimmen. Wie bist du so stark geworden?, hätte Susie am liebsten gefragt, doch sie hörte nur zu, folgte ihren Worten, und auch als Joan sagte, sie sei müde, und die Augen schloss, saß Susie da, sah ihr beim Atmen zu und blieb über die Besuchszeit hinaus, bis eine der Schwestern den Kopf hereinstreckte und sagte, sie sehe aus, als könnte sie auch etwas Ruhe vertragen.
«Wer übernimmt Jean und Gene?», fragte Kitzi in den Raum. «Freiwillige vor.»
Niemand meldete sich. Es war ihr großer September-Bridgeclub mit mehr als zwanzig beständigen Mitgliedern, die sogar aus Churchill und Mt. Lebanon hergekommen waren, um ihre Unterstützung für Joan zum Ausdruck zu bringen. Kitzi hatte die alten Kartentische aus dem Keller heraufholen müssen und dabei Martins Angebot, sie zu schleppen, freundlich abgelehnt. Er wollte bloß helfen. Doch auch an seinen besten Tagen war die Treppe zu viel für ihn, sie nahm ihm den Atem und ließ seinen Herzmonitor ausgehen. Er hatte sich bei geschlossener Tür im Fernsehzimmer verschanzt und sah sich eine seiner Survival-Sendungen an.
Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen wie eine Auktionatorin. Es war fast ein Witz, wäre es nicht so traurig gewesen. «Irgendwer?»
Sie wichen ihrem Blick aus, nur zum Teil aus Scham. Emily rührte ihren Kaffee um. Arlene zog ihre Armbanduhr auf. Susie tippte auf ihrem Telefon.
Jean und Gene waren Messies. Ansonsten waren sie ein schönes Paar – beide hervorragende Pianisten und emeritierte Musikprofessoren der Chatham University –, aber sich in ihr Haus zu wagen, war nichts für Zartbesaitete. Irgendwo unter den Schichten von Zeitschriften, Einkaufstüten und Postwurfsendungen befanden sich angeblich zwei Steinway-Stutzflügel, deren Saiten verzogen und nicht mehr spielbar waren. Sie hatten auch Katzen, niemand wusste, wie viele, da keine von ihnen sterilisiert war. Gene hatte durch Diabetes ein Bein verloren, und Jean fuhr wegen ihres mangelnden Sehvermögens nicht mehr Auto. Normalerweise war Joan ihr Bindeglied – wie Kitzi bei Martin – und brachte ihnen ihre Medikamente und Neuigkeiten aus der Welt, weil es sonst niemand tat.
Als nun der gesamte Club sie boykottierte, wurde Kitzi deutlich bewusst, dass sie nicht Joan war. Sie hatte den Fehler begangen, Jean und Gene bis zum Schluss aufzusparen, und sie klappte frustriert Joans Notizbuch zu, als wäre die Zeit abgelaufen, dankte allen, dass sie gekommen waren, und schloss die Versammlung.
«Ich kann gehen», erbot sich Susie im Keller, als sie die Tische wegbrachten, aber es war zu spät.
«Ist schon gut», sagte Kitzi. «Ich meine, sie wohnen ganz in der Nähe.»
Obwohl sie und Martin jahrzehntelang in Squirrel Hill gewohnt hatten, war sie Jean und Gene nie begegnet, doch sie erinnerte sich, dass sie die beiden einmal an der Chatham University hatte spielen sehen, vielleicht in den Achtzigern, als Emily, Henry und einige ihrer Freunde dort Konzertabos hatten. Gene hatte einen Smoking und Jean ein schwarzes Spitzentuch über einem fließenden, bodenlangen Abendkleid getragen, hinter dem Ohr eine Gardenie. Sie war Engländerin, knapp eins achtzig groß und gertenschlank, ihre Figur eine Zielscheibe unverhüllten Neids unter den Frauen. Er war Russe und klein – kleinwüchsig, würde man heute sagen. In Wirklichkeit hieß er Jewgeni und hatte eine üppige schwarze Mähne und Koteletten wie ein Rockstar. Ihre Flügel standen sich gegenüber, und die Rundungen passten perfekt zusammen, Yin und Yang. An den Tasten strahlten sie Ruhe aus, nickten feierlich, während sie Phrasen austauschten, die Melodien miteinander verwoben, wobei Tempo und Lautstärke allmählich anstiegen, aufeinanderprallten und übersprudelten, die Akkorde bombastisch explodierten – und dennoch bewahrten sie eine formale Zurückhaltung, schwankten höchstens ganz leicht, und ihre Gesichter verrieten kaum etwas, während sie kraftvoll weiterspielten. Vielleicht war es Liszt gewesen, sie wusste es nicht mehr genau, doch sie hatte damals gedacht, wie romantisch es sein musste, durch die Leidenschaft für Musik verbunden zu sein. Sie und Martin waren so unterschiedlich, von Anfang an völlig gegensätzlich. Sogar als er noch gesund war, musste sie ihn zu allem außer einem Baseballspiel stets überreden. In einer zweiten, unendlich reichen Sprache miteinander kommunizieren zu können, kam ihr wahnsinnig aufregend vor.
Sie beschloss, nachmittags hinzugehen, denn dann hielt Martin sein Nickerchen. Sie vergewisserte sich, dass er alles hatte, was er brauchte, und rief die beiden dann an, um sich anzukündigen. Während es im Hörer minutenlang tutete, stellte sie sich vor, wie Jean sich ihren Weg zwischen den Stapeln bahnte, das Telefon, genau wie die Flügel, unter Bergen von durchweichtem Abfall begraben. Sie erwartete, dass der Anrufbeantworter sich einschalten würde, doch das passierte nicht. Ein paar Minuten später probierte sie es noch mal. Als niemand ranging, sagte sie sich, das sei nicht ungewöhnlich. Vielleicht hörte Jean schlecht oder war auf der Toilette, ein Dilemma, das sie nur zu gut kannte.
Zum Abholen der Medikamente brauchte sie ihre Geburtsdaten und fand sie hinten in Joans Notizbuch, genau wie ihre Medicare-Pläne. Die gegenüberliegenden Seiten waren aufgebaut wie Tabellenkalkulationen. Hausärzte, Allergien, Treuekarten für Giant Eagle, CVS und Walgreens – Joan besaß eine unglaubliche Datenmenge. Aus Neugier sah Kitzi bei sich selbst und Martin nach, zusammen aufgelistet mit allen, die sie kannten, wie im Kirchenbuch. Martins Eintrag glich dem von Jean und Gene, aber hinter ihrem hatte Joan am rechten Seitenrand, wie ein Häftling, der die Tage zählt, vierzehn Striche gemacht, teils mit schwarzer und teils mit blauer Tinte.
Stirnrunzelnd sah sie die Seite durch und fand auch neben Emilys Eintrag eine Menge Striche: zehn.
Bei Susie waren es zwei, bei Arlene drei. Kein anderer hatte mehr als fünf.
Was bedeuteten sie, und warum schmeichelte es ihr, dass sie die meisten hatte, als wäre die Hilfe für andere ein Wettkampf?
Sie nahm das Notizbuch mit zu CVS an der Wilkins Avenue, wo sie wartete, bis die Frau hinterm Tresen einer masketragenden Asiatin eine Corona-Auffrischimpfung verabreicht hatte, etwas, das sie auch selbst benötigte. Jahrelang war an dieser Straßenecke Merge Motors beheimatet gewesen. Als das CVS gebaut wurde, hatte Kitzi sich erst gefreut, eins in nächster Nähe zu haben, doch das Grundstück war zu klein. Der Parkplatz war eine Katastrophe, die Gänge waren zu schmal, und auf dem Teppichboden prangten schwarze Kaugummiflecke. Niemand schien die Verantwortung zu tragen oder sich zu kümmern, und mit den Pillen von Jean und Gene dauerte es eine halbe Ewigkeit.
Die beiden bekamen zusammen elf Medikamente. Beiden war Oxycodon verschrieben, und Kitzi wunderte sich, wie Jean zurechtkam. Es war schon schwer genug, für jemanden zu sorgen, wenn man nicht unter Schmerzmitteln stand.
Sie war gerade an der Ampel in der Negley Avenue, als Martin ihr eine Nachricht schickte: Salzreduzierte Sojasauce.
«Nein», sagte sie und wischte ihn weg.
Sie drosselte das Tempo, um zur Chatham University abzubiegen, und wartete auf eine Lücke in der Autoschlange auf der Gegenspur. Weiter vorn erhob sich zur Rechten unübersehbar die Tree-of-Life-Synagoge, vier Jahre nach dem Massaker immer noch abgesperrt, der Maschendrahtzaun mit Plakaten geschmückt, die von Schulkindern aus der Gegend gemalt worden waren. Die Liebe überwindet alles. Zusammen sind wir stark. Squirrel Hill war vermutlich das sicherste Viertel in Pittsburgh. Doch es brauchte nur einen einzigen Waffenfanatiker, um ihnen das wegzunehmen, und jedes Mal, wenn Kitzi vorbeifuhr, hasste sie diesen Mann dafür, dass er sie – wenn auch nur für einen Moment – die Todesstrafe wieder in Betracht ziehen ließ.
Die Schlange riss ab, und Kitzi ließ die Synagoge hinter sich und folgte der Woodland Road durch eine kurvige, belaubte Schlucht, die an Fox Chapel erinnerte, bis zum versteckten grünen Becken des Chatham-Campus. Das Semester war noch jung, und die Studenten sonnten sich auf dem langen Hügel, wo die Kinder im Winter Schlitten fuhren. Die Stahlbarone hatten ihre Töchter nach Chatham geschickt, und obwohl die neue koedukative Universität unironisch das Vermächtnis ihrer berühmtesten Absolventin Rachel Carson pflegte, bewahrte sie durch die Kapelle mit ihrem weißen Turm, die roten Backsteingebäude in föderalistischem Stil und die mit ionischen Säulen ausgestatteten Herrenhäuser das bukolische Flair des 19. Jahrhunderts. Wie Chautauqua war es eine Welt, die Kitzi wegen ihrer Zeitlosigkeit liebte, als wäre zumindest hier die Vergangenheit noch nicht gänzlich vorbei.
Jeans und Genes Haus stand auf halber Höhe des Hangs gegenüber dem College, ein charaktervolles Holzgebäude im Gothic-Stil, das in den Schatten alter Kastanien gebettet war. Als sie die Einfahrt hinauffuhr, knirschten unter ihren Reifen die Früchte. Die Garage, eine Remise mit einem Wetterhahn auf der Lamellenkuppel, war geschlossen. Sie nahm die Tasche vom Beifahrersitz und machte sich nicht die Mühe, den Wagen abzuschließen. Auf den Verandastufen lagen mehrere mit Plastikfolie umhüllte, zusammengefaltete Zeitungen. Als sie näher kam, sah sie, dass sie durchnässt waren, obwohl es seit Wochen nicht mehr geregnet hatte. An der Haustür hing ein herzförmig gewundener Kranz. Die Spitzenvorhänge hinderten sie daran hineinzuspähen, doch als sie den Kopf drehte und sich vorbeugte, hörte sie leise eine langsame Abfolge von Tönen, wie bei einem Kind, das Tonleitern übt.
Sie klingelte, und die Musik verstummte.
Sie wartete auf Schritte. Doch die Musik setzte wieder ein, geriet ins Stocken, verstummte.
Sie klingelte noch mal und trat ein wenig zurück, bereit, Jean die Tüte zu zeigen, die der Grund war, warum sie sie beim Üben störte.
Wieder die Phrase, die wie eine Frage klang und in einem falschen Ton endete.
«Hallo?», rief sie. «Jean?» Sie drehte den Knauf, doch die Tür war verschlossen.
Die Musik setzte wieder ein.
Kitzi war überzeugt, dass Jean sie gehört hatte, und drückte ein weiteres Mal auf den Klingelknopf, diesmal so fest, dass es trillerte. Als sie losließ, war die Musik verstummt.
Sie glaubte das Rascheln von Papieren und das Klopfen von etwas Hölzernem zu hören. Dann nichts mehr. Hinter ihr brauste ein Motorrad den Hügel hinunter. Als es weg war, hörte sie jemanden kommen. Durch den Vorhang sah sie, wie sich ein hagerer Schatten näherte und dann stehen blieb, den Kopf gebeugt, als würde er horchen.
«Wer ist da?» Die Stimme der Frau war hoch und nicht von dieser Welt, ein affektierter britischer Sopran, der sie an Glinda, die gute Hexe, erinnerte.
«Ich bin’s, Kitzi – vom Humpty Dumpty Club? Tut mir leid, dass ich störe. Ich habe Ihre Medikamente.»
«Wer sind Sie noch mal?»
«Kitzi von den Humpty Dumpties.»
Trotzdem wollte sie nicht aufmachen. «Normalerweise bringt uns Joan unsere Sachen.»
«Ich weiß, aber sie konnte nicht kommen.»
Wieder Stille, obwohl der Schatten sich nicht bewegte. «Danke, Kitzi. Bitte stellen Sie sie einfach vor die Tür.»
«Ist alles in Ordnung?»
«Alles gut. Danke der Nachfrage.»
«Hier liegen auch Zeitungen.»
«Danke, das weiß ich.»
Sie klang ziemlich vernünftig, war angesichts von jemandem, den sie nicht kannte, verständlicherweise misstrauisch. Kitzi fand, dass sie nicht gehen sollte, ohne die beiden gesehen zu haben. Doch zugleich war sie neu und konnte sich nicht annähernd auf Joans Autorität berufen.
«Joan liegt im Krankenhaus», erklärte sie. «Sie ist schwer gestürzt, aber es geht ihr schon besser.»
«Das tut mir leid. Grüßen Sie sie von uns.»
«Mach ich», sagte Kitzi. «Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?»
«Uns geht’s gut, danke.»
«Für den Fall, dass Sie etwas brauchen, gebe ich Ihnen meine Nummer. Ich schreibe sie auf die Tüte.»
«Das ist nicht nötig.»
Sie schrieb sie trotzdem auf. «Ich stelle sie einfach hierhin.»
Drinnen miaute eine Katze, als wollte sie hinausgelassen werden. Der Schatten bückte sich, um sie hochzunehmen, und bevor Kitzi irgendwas sagen konnte, verschwand er ins Haus und ließ nur den weißen Vorhang zurück.
«Schön, Sie kennenzulernen», rief Kitzi der Frau nach, doch es kam keine Antwort. Zu spät begriff sie, dass sie das Oxycodon nicht hier draußen stehen lassen durfte, wo es sich jeder nehmen konnte, aber der Moment, Jean das zu erklären, war vorüber. Die Musik begann wieder, dieselbe zaghafte Phrase, die am Ende misslang, und statt noch mal zu klingeln, trat Kitzi den Rückzug an.
Schämte sich Jean, dass jemand, den sie nicht kannte, den Zustand ihres Hauses sah? Außer den Zeitungen gab es kein Anzeichen für das Chaos im Innern, und die Außenseite war eine Art Maske. Es gab keinen Grund, warum Kitzi gekränkt sein sollte, doch als sie die idyllische Universität hinter sich ließ, um zur Tree of Life und in die Gegenwart zurückzukehren, nagte die Zurückweisung an ihr wie eine unvollendete Aufgabe. Erst als sie nach Hause kam und nach Martin sah, der friedlich in Defibrillatorweste und Boxershorts schlief, begriff sie, dass auch sie sich die Außenwelt vom Leibe hielt.
Sie rief Joan an, und Arlene meldete sich.
«Wie war’s bei Jean und Gene?», fragte sie.
«Seltsam. Ist Joan wach?»
Arlene bejahte und gab das Telefon weiter.
«Lässt sie dich ins Haus?», fragte Kitzi Joan.
«Ja, aber es hat eine Weile gedauert. Ich versuche, Gene zu besuchen und zu sehen, was sie im Kühlschrank haben. Ich hab Angst, dass sie nichts essen.»
«Kannst du sie mal anrufen? Bei mir sind sie nicht rangegangen.»
«Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das Telefon nicht mehr benutzen. Ich kann dir eine Nachricht für sie schreiben.»
«Meinst du, das funktioniert?»
Joan befürchtete, dass sie sich während Corona zu sehr an sie gewöhnt hatten. Es sei eine wichtige Lektion, zukünftig dafür zu sorgen, dass die Freiwilligen rotierten – und wieder spürte Kitzi die Bürde der Erwartung auf ihren Schultern. Gerade heute hätte sie am liebsten protestiert, doch stattdessen bedankte sie sich.
Das Telefon machte ein dumpfes Geräusch, als Joan es Arlene übergab.
«Soll ich es mal probieren?», fragte Arlene.
Auch wenn Kitzi mit ihrem Besuch gescheitert war, glaubte sie nicht, dass Arlene erfolgreicher wäre. Das war nicht bloß Stolz. Sosehr sie auch mit diesem Gedanken – und der Aussicht auf all die zusätzliche Arbeit – zu kämpfen hatte, sie musste akzeptieren, dass Joan die richtige Entscheidung getroffen hatte.
«Nein», sagte sie. «Ich mach das schon.»
Am Allegheny College hatte Arlene in den frühen fünfziger Jahren als Voraussetzung für ihren Bachelorabschluss in Pädagogik einen Kunstkurs belegen müssen. Ihre Verbindungsschwestern hatten sie vor Töpfern (zu langweilig) und Bildhauerei (zu schwierig) gewarnt und ihr stattdessen einen einfachen Kurs empfohlen, der «Studien aus dem Leben» hieß und von einem echten französischen Maler angeboten wurde. Es wurde gemunkelt, dass er in ihrem alten Farmhaus Beatnik-Partys veranstaltete, bei denen andere Dozenten des Fachbereichs Absinth tranken, Joints rauchten und zu voodooartigem Jazz tanzten. Für Arlene schien Professor Aragon lediglich französisch zu sein – distanziert und stoisch, geradezu desinteressiert, als wären ihre Werke seiner unwürdig, und er schlenderte im Atelier von einer Staffelei zur anderen, murmelte aus dem Stegreif irgendwelche kryptischen Kritiken («Blau blau!») und zog sich dann an ein offenes Fenster zurück, um eine Gitane zu rauchen, die er brennend auf dem Fensterbrett abgelegt hatte.
«Alles ist zu schön», sagte er einmal über eine Landschaft von ihr, was sie, da sie eine blutige Anfängerin war, als Kompliment auffasste.
«Studien aus dem Leben» wurde ihr Lieblingskurs; die gute Note war ihr egal. Sie beschäftigten sich mit der Muskulatur und zeichneten nach lebenden Modellen, was sie seltsam und aufregend fand. Oft blieb sie länger und versuchte, die winzigsten Details richtig hinzubekommen. Das fiel dem Professor auf.
«Sie malen gern», sagte er und wirkte besorgt.
«Ja, sehr.»
«Sie glauben, die Malerei macht Spaß.»
«Ja.»
«Sie macht keinen Spaß. Das werden Sie noch herausfinden.»
Sie fasste dieses Gebot nicht nur als Ermutigung auf, sondern auch als Methode zum Verständnis der Welt. Die Malerei bot die Möglichkeit, zu entschleunigen und zu sehen, nachzudenken über das Wesen der Dinge – eine Blume, einen Daumen, eine Birne, eine Schüssel –, und obschon sie keins ihrer Werke verkauft, nur ausgewählte Stücke an Freunde verschenkt hatte, war die Zeit, die sie mit der Bildkomposition verbrachte, eine der großen Erfüllungen ihres Lebens.
An diesem Morgen arbeitete sie nicht nach dem Leben, sondern nach einem von Kennys Fotos des Sommerhauses in Chautauqua, aufgenommen im letzten Sommer, bevor Emily es verkauft hatte, ein Verrat, den Arlene ihr nach zwanzig Jahren verziehen zu haben glaubte. Statt eines schmerzlichen Andenkens an ihren gemeinsamen Verlust sollte ihr Bild, wie das von Kenny, ein Quell glücklicher Erinnerungen sein. Das Original sollte Emilys Weihnachtsgeschenk werden; alle anderen würden einen Druck bekommen.
Sie skizzierte gerade die von Fliegengitter umschlossene Veranda, als das Telefon klingelte, und sie ließ, wie es ihre Gewohnheit war, den Anrufbeantworter anspringen.
«Vergiss nicht, dass du Barbara Parrish um elf zum Augenarzt bringen musst», sagte Kitzi.
Der Schock ließ sie im Pinselstrich innehalten. War das heute? Das war unmöglich, und sie eilte, Palette und Pinsel noch in der Hand, in die Küche, um auf ihrem Kalender nachzusehen.
«Oh, Mist», sagte sie.
Es war schon zehn nach zehn. Sie hatte gerade noch Zeit sauberzumachen, Barbara in der Holmes Residence abzumelden und hinüberzufahren, doch dann war eine Spur der Highland Park Bridge geschlossen, und sie kamen zu spät. Barbara wurde nächsten Monat am grauen Star operiert. Sie trug eine dunkle Brille und musste auf der Treppe vor dem Gebäude und im Eingangsbereich wie eine Blinde herumgeführt werden.
«Danke», sagte sie immer wieder und hielt sich an Arlenes Ellbogen fest.
«Jetzt geht’s nach rechts», sagte Arlene. «Das andere Rechts. So, da wären wir.»
Weil sie zu spät waren, mussten sie länger warten, und Arlene fragte sich, wie viele der anderen Patienten, die das ununterbrochene Geplapper der Nachrichten ertrugen, den Bildschirm nicht sehen konnten. Zu erblinden war eine ihrer ältesten Ängste; sie hatte sich vorgestellt, dass ihr das zustoßen würde, seit sie von Helen Keller gelesen hatte. Als ihre Klasse vor Jahren mal einen Ausflug zur Penn’s Cave gemacht hatte, hatte der Guide sie in eine abgeschiedene, gruftartige Kammer geführt und die Kinder nacheinander ihre Kerzen ausblasen lassen, bis nur noch seine eigene übrig blieb.
«Wahrscheinlich habt ihr noch nie völlige Dunkelheit erlebt», sagte er. Er spitzte die Lippen, sein Atem bog die Flamme, und dann verschwand alles.
Ein Schüler wimmerte, und Finger griffen nach ihrem Arm.
«Jetzt schließt eure Augen», sagte der Guide. «Was seht ihr?»
«So was wie ein rotes Licht», sagte einer der Jungen.
«Jetzt öffnet sie wieder.»
Sie konnte es nicht und wartete, bis der Guide sein Feuerzeug anknipste, die Flamme so hell, dass sie sich die Hand vors Gesicht halten musste.
So stellte sie sich den Tod vor, wie eine endlose, erstickende Nacht. Selbst hier in der hell erleuchteten Praxis löste allein die Möglichkeit einen Hauch von Panik aus, doch Barbara beklagte sich nie. Sie saß aufrecht und aufmerksam da, lauschte den Nachrichten und legte hin und wieder den Kopf schräg, um irgendein Gespräch aufzuschnappen. Als die Krankenschwester ihren Namen aufrief und fragte, ob Arlene mitkommen wolle, winkte Barbara ab und sagte, das sei nicht nötig.
