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Heronimus Faun, Professor für Nuklearphysik an den Universitäten in Hamburg und Auckland, arbeitet seit Jahren an der Entwicklung neuer Techniken zur Energieerzeugung. Unter strengster Geheimhaltung wurde in Auckland ein Forschungslabor zu Testzwecken gebaut. Das Team um Prof. Faun steht kurz vor dem Durchbruch, als sich ein Entführungsfall bei einer deutschen befreundeten Familie in Shanghai ereignet. Bestehen hier Zusammenhänge? Kanzleramt und Geheimdienste der BRD werden eingeschaltet und arbeiten fieberhaft daran, den Forderungen der Entführer zu begegnen. In Auckland werden Mitarbeitern des Instituts bei einem privaten Abendessen ihre Unterlagen gestohlen, ein guter Freund und Berater Fauns wird bei einer Vortragsreise ebenfalls beraubt und auch ein enger Berater im Kanzleramt wird auf dem Weg zu Faun überfallen. Es scheint eine undichte Stelle im engsten Freundeskreis oder in einem der Institute zu geben. Da kommt es zu einer Bedrohung mit der niemand gerechnet hat.
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Cornelius Dettmering
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Roman
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Mein ganz besonderer Dank geht an Guilia, die mir immer wieder mit Rat und Tat beiseite stand. Nicht vergessen sind meine engsten Freunde, die meiner ersten Lesung gelauscht haben und mich nie nach dem Titel dieses Buches fragten.
Dieses Buch ist ein Roman.
Personen und Ereignisse sind frei erfunden.
Heronimus Faun bewegte sich mit 260 kt/h in 8000 Fuß über einer geschlossenen Wolkendecke. Über ihm strahlte die Sonne am tiefblauen Firmament.
Es war 16:00 Uhr an diesem Donnerstag und seine nächste Verabredung fand bereits in drei Stunden statt und war diesmal privat.
Er liebte Florenz im Frühling, und freute sich auf die nächsten vier Tage, um in seinem Lieblingshotel in
Siena, 70 Kilometer südlich von Florenz unterzutauchen, denn genau dies brauchte er gerade jetzt, da die Dinge eine Wendung nahmen, die niemand auch nur in seinen kühnsten Träumen sich vorzustellen vermocht hatte. Seit Wochen hatte sich ausschließlich alles um sein Projekt gedreht und er freute sich wie ein kleiner Junge auf sein Treffen mit Fiorenza. Als Professor für Nuklearphysik an der Universität Hamburg und Auckland pendelte er immer ein wenig zwischen den Welten. Es bereitete ihm Freude, die unterschiedlichen Kulturkreise in seinen Forschungsteams zu beobachten und interessante Schlußfolgerungen aus deren Sichtweisen weiter zu verfolgen. Aber hier in Europa war er wirklich zu Hause. Hier in Italien traf er sich immer gerne mit seiner Frau auf deren elterlichen Anwesen in Siena, in der Villa Scacciapensieri die schon seit vielen Jahren zum Hotel umgebaut worden war. Dies war auch heute wieder sein Ziel auf dem Flug von Hamburg nach Florenz.
Er schaltete den Autopilot aus, ging auf Kurs 180, und folgte den Anweisungen des Towers, der ihn auf 6000 Fuß sinken ließ. Nun sah er unter sich München in einem seltsam schönen Nachmittagslicht.
Nachdem er die Stadt überflogen und hinter sich gelassen hatte, ging er wieder, den Anweisungen folgend, in den Steigflug und beendete diesen in Flugfläche 230. Nun war es nicht mehr weit bis Florenz und er überprüfte noch einmal alle Instrumente und übermittelte die geschätzte Ankunftszeit an die Flugsicherung.
Er landete planmäßig und rollte langsam zu der ihm zugewiesenen Parkposition. Nachdem er die Maschine auf Florenz Amerigo Vespucci abgestellt hatte, fuhr er direkt nach Siena in die Villa seiner Schwiegereltern. Fiorenza, seine Frau hatte die Suite für ihn reservieren lassen, da zu dieser Jahreszeit das Hotel immer sehr gut besucht war. Heronimus hatte auch schon einmal mit einem kleinen Zimmer im Dachgeschoss vorlieb nehmen müssen, was ihm allerdings besser gefiel als Stella seiner Schwiegermutter. Ihr war so etwas immer sehr unangenehm und sie entschuldigte sich mehrmals bei Heronimus für dieses Ungemach, wie sie es nannte. Den obligatorischen Obstkorb brachte man ihm aber auch auf seine Kammer im Dachgeschoss, was ihm dann auch ein wahres Schmunzeln entlockte, er fühlte sich auch hier oben wohl. Aber davon einmal abgesehen, die Suite war eben doch ein wenig komfortabler.
„Signore Faun, herzlich willkommen in der Villa Scacciapensieri – hatten Sie einen angenehmen Flug?“
Fiorenza selbst war nicht anwesend aber ihre Mama, Stella, und sie verstand es immer wieder ihn innerhalb kürzester Zeit ins Italienische „umzustellen“ wie sie es nannte.
Auch daß sie ihn hin und wieder mit Signore ansprach, fand er inzwischen ganz normal.
„Grazie, liebste Stella, die Reise in diese schöne Stadt bereitet mir immer wieder große Freude.“
„Wir haben die Zimmer schon richten lassen und der Kaffee steht auf deiner Terrasse bereit.“
„Vielen Dank, ich darf mich auch direkt zurückziehen?!“
„Aber natürlich, Heronimus.“
Antwortete Stella während sie ein paar Teller, die sie aus der Küche mitgebracht hatte, auf der Anrichte abstellte.
Er nahm von seinem Gepäck nur seine Aktentasche und begab sich in den ersten Stock, wo er immer die gleichen Zimmer erhielt, wenn er hier wohnte.
Die Terrassentür stand weit offen, und die frühabendliche Luft strich sanft in den Raum.
Heronimus begab sich, nachdem er sein Jackett über den Stuhl gelegt hatte, auf die Terrasse seiner Suite und erfreute sich an dem wundervollen Anblick der alten Stadt, die im Sonnenuntergang so friedlich ausgebreitet vor ihm lag.
Wie würde es weitergehen, fragte er sich, während er es sich auf seinem Liegestuhl bequem machte und blickte versonnen über die Stadt – wird die Lawine, die er ins Rollen gebracht hatte, alles unter sich begraben oder würde das Eis rechtzeitig schmelzen?
Das Telefon klingelte aber er beschloß die nächsten 30 Minuten für sich zu nutzen, um hier auch anzukommen, denn sein Flugzeug reiste meist schneller als er selbst es vermochte.
So erging es ihm immer wieder einmal auf Reisen, er musste gar nicht um die halbe Welt fliegen, um dieses Phänomen zu erfahren, seine Seele benötigte meist etwas länger, um auch wirklich anzukommen, auch wenn er schon den einen oder anderen Tag an seinem Ziel angekommen war. Wenn er mit dem Zug unterwegs war, kam dieses Gefühl nicht auf, dies schien eine Geschwindigkeit zu sein, der sein Geist noch zu folgen imstande schien. Es amüsierte ihn immer wieder aufs Neue.
Er empfand es als das Selbstverständlichste auf der Welt von einer leisen Begrüßung, die in sein Ohr gemurmelt wurde, seinem kurzen Schlaf entrissen zu werden. Fiorenza stand zu ihm heruntergebeugt, neben ihm, und hatte sich, wie es fast immer ihre Art war, in sein Zimmer geschlichen um ihn zu begrüßen.
„Ciao Hero“, hauchte sie ihm ins Ohr.
Sie betonte diese Abkürzung immer wieder aufs Neue bewußt falsch ins englische, was ihm so gar nicht behagte.
„Habe mich sofort ins Auto gesetzt und bin von Milano hier hergefahren – wie lange bleibst du?“
„Ich denke – vier Tage auf jeden Fall.“
„Wunderbar, dann können wir ja am Wochenende bei den Castillianis vorbeisehen – du erinnerst dich, das schöne Bild von ihm – du wolltest es dir noch einmal überlegen.“
„Fiorenza, ich weiß nicht, ob ich die Zeit finden werde.“
Er richtete sich ein wenig auf, streckte sich und sah sie an. Ja das Bild. Diese wunderbare Darstellung einer Schlafenden, eingehüllt in ein zerfließendes Blau, so unvorstellbar blau, wie man es nur den Tiefen der Meere entringen könnte. Voll der Sinnlichkeit und doch so unberührbar. Ganz der Welt entrückt. So hatte er dieses Bild vor Augen. Wann immer er bei den Castillianis weilte, stand er lange vor diesem Werk und sog es regelrecht in sich auf, fühlte den unendlichen Frieden, den dieses Bild ausstrahlte. Schon so viele Jahre wollte er dieses Bild besitzen und nun stand es zum Verkauf, er brauchte nur ja zu sagen, kein anderer bekam den Zuschlag, solange er nicht abgelehnt hatte, dies hatten sie ihm versprochen. Aber es hatte einen stolzen Preis. Verhandeln konnte er in genau diesem Falle nicht – zu viel bedeutete es ihm, da war kein Verhandeln möglich. Das überließ er Fiorenza und sie machte es mit einer unvorstellbaren Leichtigkeit einfach so nebenbei.
Alle in der Familie wussten, wie sehr Heronimus dieses Bild liebte. Es konnte sich nur noch um einen kurzen Zeitraum handeln, ehe der Handel abgeschlossen werden konnte.
„Du siehst wunderschön aus, wer hat dich mit diesem neuen Haarschnitt geadelt?“
„Paulini musste sich unbedingt wieder etwas Neues einfallen lassen – nur die Farbe empfinde ich ein wenig zu hart, meinst du nicht auch?“
„Keinesfalls, sie ist wunderbar – Schwarz steht Dir nun einmal am besten.“
„Sage, ist es wirklich so schlimm was du am Telefon erwähnt hast?“
Sie ging ans andere Ende der Terrasse und nahm ihre unnachahmliche Haltung ein, wenn sie seinen Erzählungen gespannt lauschte. Das Kinn leicht auf die schräg nach hinten abgewinkelte offene Handfläche der linken Hand gelehnt, während der angewinkelte Arm immer den Eindruck bei ihm hinterließ jeden Moment wegzurutschen und doch Aufrecht und voll der Spannung ihres gesamten Oberkörpers in dieser Stellung verharrte.
„Schlimm, nein schlimm ist es nicht, es ist eben nur ärgerlich wenn du Berechnungen, von denen du glaubtest, sie stimmen noch einmal machen mußt weil dem leider nicht so war. Hatte mit Felix gesprochen, der hielt das Ganze für so unglaublich, daß er darüber ein Buch verfassen möchte. Kannst du dir das vorstellen, Felix will einen Roman darüber schreiben!“
Fragte Heronimus ihren Arm beobachtend, wann er nun zur Seite kippen würde. Tat er aber nicht.
„Nun warum auch nicht, ein gutes Gefühl dabei habe ich aber nicht. Seine lyrischen Geschichten sind ja doch ein wenig anders in ihren Abläufen.“
Fiorenza stammte aus einer alten italienischen Familie. Die d’Agusteros hatten sich vor vielen Generationen aus Córdoba kommend in Venedig niedergelassen und in Siena eine Sommerresidenz gekauft, um dem Treiben in Venedig auch einmal ausweichen zu können. In Siena war das Klima im Sommer angenehmer und sie konnten ebenso von hier auch ihren lebhaften Handel bis weit nach Asien und in die Mongolei hinein betreiben. Dies war nur ein Grund ihres feurigen und doch überlegten Charakters. Sie war für eine Italienerin hochgewachsen, hatte einen zarten goldbräunlichen Teint und glühende grüne Augen. Ihre langen gewellten Haare fielen ihr immer einmal wieder in ihr Gesicht, was sie oft ärgerte und sie mit bösen Flüchen belegte. Ihr wacher Verstand ließ keine Ungenauigkeiten ihrer Gesprächspartner zu und ließ sich auch von ihnen immer sehr genau die Zusammenhänge darlegen und hinterfragte die jeweils andere Seite.
Meistens trug sie schlichte Kleider und liebte es sich dieser für einen raschen Sprung ins Schwimmbad genauso schnell entledigen zu können, wie dann auch schnell wieder in sie hineinzuschlüpfen. Sie hatte in Italien die Schulen besucht und war dann zum Studium in die Schweiz gezogen. Dort konnte sie weiter in ihren Lieblingssprachen Italienisch und Spanisch studieren und widmete sich der Kunstgeschichte und der Volkswirtschaft.
Sie wechselte noch ein paar Mal Ihren Platz, bis sie es sich ihm gegenüber eingerichtet hatte und Heronimus erzählte ihr seine Erlebnisse der vergangenen zwei Tage in Hamburg.
*
Fast zeitgleich klingelte das Telefon im Kanzlerpavillon in Berlin und eine Stimme verlangte nach der Nummer drei Deutschlands.
„Sind Sie über die Gespräche, die Faun mit dem spanischen Gesandten in Bahrain geführt hat, informiert?“
„Nein“, sagte der Kanzler und lehnte sich zurück.
„Was haben Sie unternommen, Kronen, um diese Situation wieder in geordnete Bahnen zu bringen?“
„Herr Bundeskanzler, wie mir soeben der MAD berichtet hat, sind die Zahlungen ordnungsgemäß abgewickelt worden. Sicherheitsstufe drei wurde bestätigt und von allen Beteiligten eingehalten.“
Ein Klicken in der Leitung veranlasste beide das Thema zu wechseln.
„Ich rufe Sie in zwei Minuten zurück.“
Kronen wählte sofort die Nummer des Rechenzentrums des MAD und ließ sich mit Edward Gertsch verbinden, dem Spezialist für Abhörtechnik überhaupt.
„Gertsch“, vernahm er die etwas unfreundlich anmutende Stimme.
„Grüße Sie Gertsch, haben Sie eben Leitung drei mitgeschnitten?“
„Ja, wir mussten die Konfiguration der Sicherheitsserver neu aufsetzen.“
„Gut, löschen Sie die letzten und die nächsten zehn Minuten und grüßen Sie Ihre Frau von mir, das Essen gestern Abend war wieder einmal phantastisch.“
Kronen wählte die drei auf dem Nummernspeicher seines Telefons und zündete sich eine Zigarre an.
„Ja“ – meldete sich der Kanzler am anderen Ende der Leitung.
"Herr Bundeskanzler, entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber ich musste kurz mit dem Rechenzentrum Rücksprache halten bezüglich unserer kleinen Störung.
Folgendes, unsere spanischen Freunde sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Osterweiterung der EU auf jeden Fall vorangetrieben werden muss um die wirtschaftlichen Eckdaten unseres Landes, oder besser gesagt die der Gründerländer, zu verbessern. Habe aufgrund dieser Einsicht das spanische Königshaus gebeten als „Treuhänder“ dieser anstehenden Summen zu agieren.“
„Ich war der Meinung, daß die Spanier diese Bürde nicht tragen wollten, oder wie haben Sie den Finanzminister Spaniens davon überzeugen können die Transaktionen über die königlichen Konten abzuwickeln, Kronen?“
„Herr Bundeskanzler“, Kronen parkte seine Zigarre auf dem Rand seines Wasserglases und beobachtete diese, ob sie rollen wollte oder nicht.
„Wir haben ihm Unterstützung bei der Rückführung Gibraltars zugesagt. Soweit mir bekannt ist, haben Sie dies doch bereits mit dem Premier Englands ausgehandelt?!“
„Wo um Himmels willen Kronen, haben Sie diese Information denn schon wieder herausgefiltert? Nun - behalten Sie es für sich, aber es richtig, und der Schachzug hätte auch von mir kommen können. Machen Sie´s gut Kronen, wir sehen uns ja morgen auf der Sitzung um 10.00 Uhr.“
„Bis Morgen – guten Abend, Herr Bundeskanzler.“
Piet Kronen war zum Kanzlerberater geworden, wie so manche Dame zu ihrem Kinde gekommen war, nämlich nicht ahnend nur an das Gute der Menschheit glaubend.
Wild gelockte Haare betteten seinen Kopf und die flinken Augen verfolgten immer sofort alles was es in ihrem Blickwinkel wahrzunehmen galt. Und doch formulierte er ruhig und überlegt, manches Mal etwas zu opulent aber immer auf den Punkt gebracht, einmal mit spitzer und einmal mit diplomatischer Couleur gelang es ihm immer die Fakten wohlverpackt zu vermarkten. Damit hatte er sich schon zu Studienzeiten einen Namen gemacht und manch ein internationaler Konzernlenker hätte ihn gerne in seinem engsten Mitarbeiterstab gewusst. Er war immer da, wenn der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ihn brauchte, und stand ihm mit Rat und Tat zur Seite.
Vor einigen Jahren fädelte er aufgrund seiner guten Beziehungen mit dem spanischen Königshaus, einen perfekt abgestimmten Zeitplan für die Rückgabe diverser Kunstgegenstände aus der Zeit des 1. Weltkrieges ein. Er hatte seinerzeit Juan Carlos, dem heutigen König von Spanien, bei einem Rechtsstreit mit einem Onkel dritten Grades, bei dem es um riesige Ländereien und den damit verbundenen Summen in Milliardenhöhe ging, mit einem pikanten und geschickten Winkelzug den für Juan Carlos entscheidenden Rechtsbeistand bieten können.
*
In Siena war es immer noch wunderbar warm auf der Terrasse des kleinen Palazzo und Fiorenza holte bereits die zweite Flasche Wein aus dem Keller des Hauses. Dieser Keller belieferte ausschließlich die Familie mit den besten Weinen, die Italien zu bieten hatte, und nicht das Restaurant für den Hotelbetrieb.
„Vielleicht kommst du deshalb so gerne nach Siena.“
Sagte Fiorenza mit einem Lächeln auf den Lippen zu Heronimus, als sie die Flasche auf den Tisch stellte.
„Da könnte etwas Wahres dran sein Fio, kommst du mit zum Pool, ich würde gerne noch ein paar Runden schwimmen, ehe wir zu Rahel gehen.“
Heronimus war inzwischen aufgestanden und ging in Richtung Dusche, um von dort direkt vom Beckenrand in die Fluten verschwinden zu können.
„Warte einen Moment, ich komme sofort“,
-steckte ihre Haare hoch, entledigte sich mit einer raschen Handbewegung ihres Kleides und rannte zu Heronimus herüber. Dieser war aber bereits ins Wasser gesprungen und winkte ihr mit den Armen, ihm ohne Umwege zu folgen.
„Wer wird denn heute Abend alles erwartet? – Kommt Irina eigentlich auch?“
„Weiß ich nicht, seit sie ihren Laden in der Altstadt vergrößert hat, ist sie kaum noch bei Rahel anzutreffen.“
„Schade“, sagte er und zerrte an ihren Füßen.
„Lass´ uns einfach eine Stunde später dort erscheinen“
Sprach´s, und tauchte unter ihr hindurch, um am gegenüberliegenden Beckenende wieder aufzutauchen.
„Das geht nicht Heronimus, man hat mich dieses Mal ausdrücklich um pünktliches Erscheinen gebeten“, sagte Fiorenza und paddelte ein wenig in Rückenlage mit ihren Händen um sich über Wasser zu halten.
„Nun, wenn das so ist, dann müssen wir unseren Erfrischungsausflug jetzt beenden“, nahm sie in die Arme und hob sie aus dem Wasser.
Er war ein wenig enttäuscht über diese kurze sportliche Einlage. Hatte er sich doch auf diese Art der Fortbewegung gefreut. In Deutschland war es noch lange nicht warm genug um sich in einem ungeheizten Schwimmbecken zu dieser Jahreszeit vergnügen zu können. Aber er war ja noch ein paar Tage hier in diesen südlichen Gefilden um sich dieser Erfrischung hingeben zu können.
*
Das Licht der Scheinwerfer strahlte an jedem zweiten Baum senkrecht in die Baumkronen der Allee.
Schön war es anzusehen, über die Allee zu gleiten – an deren Ende man das alte Herrenhaus in mildes Scheinwerferlicht getaucht erblicken konnte.
Fiorenza lackierte sich nur noch schnell den letzten kleinen Nagel ihrer linken Hand, wedelte mit dieser hin und her, um dann mit einem Seufzer ihre Utensilien in ihrer Handtasche verschwinden zu lassen.
Der Wagenschlag wurde durch einen livrierten jungen Mann geöffnet und Heronimus geleitete sie die prachtvolle Treppe hinauf. Oben stand Rahel und begrüßte ihre Gäste.
„Hallo Fio, schön daß ihr es einrichten konntet, hatte nicht damit gerechnet Euch heute Abend hier begrüßen zu dürfen, wolltet ihr nicht in Porto Alegre sein?“
„Ja wollten wir, aber du kennst ja den Stand der Dinge – wir werden dies in zwei Wochen nachholen, denke ich – hoffe ich“ korrigierte sie sich.
„Hallo Heronimus, wie geht es Dir? Hast du mir von diesen vorzüglichen Krabben mitgebracht?“
„Habe ich nicht vergessen, wurden heute Morgen frisch für Dich angeliefert, frisch gefangen und geschält, und sollten bereits in deiner Küche gelandet sein. Du siehst gut aus Rahel, ist dein lieber Bruder auch schon eingetroffen?“
„Ja, ja ist er. Sie sind, glaube ich, alle im Garten.“
Rahel van Saia, geborene Castilliani, war mit dem Premierminister von England verheiratet und war eine enge Freundin von Fiorenza. Sie waren gemeinsam hier in Siena zur Schule gegangen, beide durchlebten eine behütete Kindheit, bis sie sich durch Studium und Familie ein wenig aus den Augen verloren hatten. Aber durch ihrer beider Elternhäuser hier in der Stadt, trafen sie sich immer wieder, egal welchen Winkel der Erde sie beide gerade bereist hatten.
Rahel konnte ebenso wenig wie Fiorenza von Italien lassen und verbrachte die meiste Zeit des Jahres hier in Siena in ihrem Elternhaus. Sie hatte es mit viel Geschmack sanieren lassen, nachdem ihre Eltern verstorben waren, und lebte gerne hier mit Ihrer Familie, wann immer sie Zeit dazu fanden. Ihr Mann fand die Anreise so manches Mal ein wenig zu aufwendig - musste er doch beruflich oft genug weite Wege gehen und hätte gerne sein altes Herrenhaus in England dieser italienischen Variante den Vorzug gegeben. Aber auch er hatte sich mit der Zeit an die italienische Lebensart gewöhnt, der man hier sehr schnell verfallen konnte, und nahm die langen Anreisen gerne in Kauf.
Da er im Jahr Tausende von Kilometern hinter sich brachte um sein Land angemessen in der Welt zu vertreten und zu repräsentieren und seine Geschicke zum Wohle des englischen Volkes zu lenken kam es ihm auf diese geringen Entfernungen auch nicht mehr an. Er zog es inzwischen gerne vor hier und nicht in einem dieser alten und meist kalten englischen Herrenhäuser auszuspannen. Er war es zwar seit Kindesbeinen gewöhnt, war aber inzwischen sehr froh darüber diesen Kästen auch einmal entfliehen zu können.
Sie betraten die etwas kühl gehaltene Halle, um ihre Mäntel abzulegen.
An den alten Sandsteinwänden brach sich das warme Licht der aufgestellten Fackeln.
„Darf ich ihnen ihre Mäntel abnehmen?“
Fragte die Dame hinter dem Tresen Heronimus mit einem entzückenden Lächeln um ihre Mundwinkel.
„Sehr gerne.“ Erwiderte er abwesend den Blick zum Garten gewandt.
Sekunden später erreichte die Stimme seines Gegenübers sein Bewusstsein und er wendete sich der lieblichen Mantelabnehmerin zu.
„Was für reizende Ohrringe Sie tragen, haben Sie noch mehr dieser netten Accessoires?“
Sie quittierte seine Schmeichelei mit einem hinreißenden Niederschlag Ihrer Augenlieder, lang und schwarz waren diese und hatten schon so manches Männerherz erobert, und wandte sich ab.
„Wollen wir uns zu den anderen gesellen, soll ich Dir etwas zu trinken holen oder willst du kurz nach oben gehen, um Deine Schwestern zu begrüßen?“
Fragte er Fiorenza, die von hinten an ihn getreten war und ihm belustigt zugeschaut hatte.
„Nein, ich komme mit Dir ´raus – es ist ein wunderbarer Abend, und wir werden noch früh genug hinein müssen. Aber zu einem Cocktail lasse ich mich gerne von Dir überreden, die haben sicher den einen oder anderen leckeren für mich. Hast du Sir Gender gesehen, der sieht ja wieder umwerfend aus – hat sich bestimmt seinen Anzug wieder hier in Italien arbeiten lassen, so wie ich ihn kenne.“
„Mag sein mein Liebes, aber die Farben finde ich immer ein wenig unpassend – alles ein wenig zu schrill.“
„Mein lieber Heronimus – schön Dich auch mal wieder hier zu sehen. Wie lange bist du schon hier in Siena – ich hoffe nicht zu lange, da ich Dir sonst den Garaus machen müsste.“
Von hinten hatte sie sich herangeschlichen, und ihm ihre Hände auf seine Augen gelegt. Anastasia gehörte zu den liebenswerten Menschen, denen man es nie verübeln konnte immer ein wenig zu weit gegangen zu sein, auf jeden Fall war sie immer eine Spur zu laut.
„Nie würde ich es wagen, mich nicht bei Dir gemeldet zu haben, aber du mußt mir verzeihen, ich bin erst ein paar Stunden hier in dieser Stadt. Wie geht es Dir, hat Dich Dein Mann einmal mehr hier alleine zurückgelassen um sich in der sibirischen Einöde sein Süppchen zu kochen? Oder wohin hat es ihn zurzeit verschlagen?“
„Ach, du kennst ihn doch nur zu gut, Heronimus, er ist seit vier Monaten auf einer Forschungsreise zum Südpol unterwegs um sich dort mit ein paar Eisbären die Zeit zu vertreiben. Manchmal denke ich, er liebt sie eben doch ein wenig mehr als mich, meinst du nicht auch?“
Sprach´s, und nahm Heronimus an ihre Hand als wolle sie ihn zum nächsten Tisch entführen. Das war Anastasia. Meist fragte sie nicht lange, sondern verwickelte ihre Begleiter sofort in ein sehr persönliches Gespräch oder wie in diesem Falle zog Heronimus einfach hinter sich her.
„Komm´ ich geleite dich zum Premierminister, der wollte dich heute unbedingt sprechen, um dir ein paar bohrende Fragen stellen zu können, so hat er sich wenigstens bei mir ausgedrückt.
Schau´, da vorne steht er, der Kerl mit dem altertümlichen Monokel in der Augenhöhle.“
„Anastasia, ich kenne van Saia doch schon viele Jahre, nicht erst seit er Premierminister von England geworden ist, aber dieses Monokel muss er irgendwo ausgegraben haben, mit diesem Ding hätte ich ihn fast nicht erkannt. Warte doch bitte einen Moment, und lasse mich noch mein Glas kurz abstellen.“
Heronimus konnte gerade noch sein Weinglas auf einem Tisch positionieren ehe Anastasia ihn weiterzog.
Zu Fiorenza gewandt rief er ihr zu:
„Bin gleich wieder zurück, schau´ den Herren nur nicht zu sehr auf ihre Anzüge.“
van Saia stand in einer kleinen Gruppe unweit einem kleinen Teich in denen sich feuerrote fette Karpfen tummelten und winkte Anastasia und Heronimus herbei.
„Mein lieber Faun, Sie machen sich ja zurzeit sehr rar, Sie arbeiten zu viel und nehmen sich zu wenig Zeit für das Leben.“
Wendete er sich mit einem tiefen Lachen Heronimus zu.
„Was muss ich da hören, Sie sind nur ein paar Stunden hier in Siena?“
„Hier hat man Sie falsch informiert Herr Premierminister.“
Erwiderte Faun mit einem jovialen Lächeln, das die Frauen an ihm so liebten.
„Werde mich durchaus ein wenig länger hier in Siena aufhalten, wie wäre es mit einer Partie Golf die nächsten Tage – wollen Sie mich anrufen wenn es ihnen passt?“
„Sehr gerne Faun wie wäre es gleich Morgen gegen 11.00?“
„Schön, um 11.00 Uhr, dann können wir alles Weitere zum Stand meiner Forschung in Ruhe besprechen, und müssen nicht diesen netten Abend hierfür missbrauchen.“
Die beiden lösten sich langsam aus der kleinen Gruppe und schlenderten ein wenig aus dem Trubel heraus Richtung Waldrand. Es gab viel zu erzählen, hatten sie sich doch schon längere Zeit nicht gesehen.
Während die Gesellschaft diesen Abend weiter in der lauen Sommernacht genoss, wurden 200 km südlich von Auckland, am anderen Ende der Welt die Weichen für ein Spektakel der ganz besonderen Art gestellt.
Faun war gerade in ein hochinteressantes Gespräch mit der Gastgeberin vertieft als er von Salmersen, dem persönlichen Sekretär des Premier van Saia, zum Telefon gebeten wurde.
„Herr Faun, Telefon für Sie.“
„Danke Salmersen, Faun, wer spricht?“
Ein Klicken in der Leitung und er hörte seinen besten Freund Benjamin Slim in der Ohrmuschel.
„Benjamin, was ist los bei Euch, daß du mich hier anrufen mußt?“
Stille in der Leitung, dann die tiefe Stimme des Freundes, die immer sehr überlegt und ihm oft zu langsam entgegen stieg.
„Faun“, auch er nannte ihn meist nur bei seinem Nachnamen,
„Es ist uns gelungen die Systeme vier Stunden laufen zu lassen, und alles ohne Unterbrechung! Vier Stunden wie findest du das?“
„Ich kann es gar nicht glauben Benjamin – wir haben es geschafft, was meint unser kleiner Japaner dazu?“
„Er ist ganz aus dem Häuschen, andauernd springt er in die Luft und schreit laut vor sich hin viel Stunden, viel Stunden Sugato war dabei, viel Stunden.“
„Phantastisch, Benjamin lasse uns Morgen weiter darüber reden, du mußt mir vor allem die Zahlen senden, das sind ja tolle Nachrichten, hatte selbst nicht damit gerechnet, daß ihr so schnell seid. Wie habt ihr das nur angestellt? Hast du dein Team aufgestockt oder hast du nur wieder gezaubert? Wir müssen unbedingt Morgen länger telefonieren, hier auf dem Fest finde ich keine ruhige Ecke. Gute Nacht oder muss ich besser sagen Guten Morgen? – Hoffentlich kannst du ein wenig schlafen.“
„Gute Nacht.“
So manchem anderen Wissenschaftler hätte es nun gedrängt seinen engsten Vertrauten von dieser so wichtigen Nachricht zu erzählen. Nicht so Heronimus, er war nicht der Mensch vieler Worte, er konnte sich auch so freuen, die Minuten des Triumphes genießen, ja sie gerade in sich aufsaugen, jeden einzelnen Tropfen.
Sein Blick legte sich zufrieden über das Anwesen hier, und er lehnte sich innerlich zurück – er hatte es gewusst, er hatte die Zahlen dem Team zur Verfügung gestellt – es musste funktionieren viele Abende hatte er über den letzten Problemen gebrütet, bis er die Lösung vor Augen hatte, nun wurde er für die vielen Stunden belohnt.
Die Konsequenzen aber die diese Arbeit mit sich bringen würden - vor ihnen hatte er stets mit Respekt einen Abstand eingenommen - weil es ihm bewußt war, was dies für die Welt, die Menschheit bedeuten würde – ganze Industrien würden über Nacht bedeutungslos – Hunderttausende würden ihre Arbeit verlieren feste Strukturen, die sich über Jahrhunderte gebildet und etabliert hatten, würden ihrer Existenz hinterfragt werden müssen – nicht wenige dabei zerbrechen.
Es war nicht abzusehen was es an Veränderungen nach sich ziehen würde – er mochte jetzt nicht daran denken, und wandte sich seinen Freunden zu die ihn bereits suchten.
Er begab sich ein paar Stufen tiefer zu der kleinen Gruppe um den Premierminister van Saia. Inzwischen hatte sich auch Fiorenza dazugesellt.
„Nun Faun, haben Sie schon den neuen Jahrgang aus meinem Weinkeller probiert?“
van Saia trat auf ihn zu und legte seinen Arm auf Fauns Schulter - in diesem Moment sahen sie aus wie zwei alte Schulfreunde, die etwas Großes zu feiern hatten.
„War mir leider noch nicht vergönnt, Herr Premierminister“
„Herrgott Faun, dann bitte machen Sie mir die Freude und trinken ein Gläschen mit mir, Salmersen, bringen Sie dem Herrn doch bitte ein Glas vom Null Dreier Hochgewächs. Sagen Sie Faun, ist das war, was man so hört, bezüglich ihres Projektes?“
Sie waren inzwischen wieder ein wenig Abseits der Gesellschaft, am Waldrand angekommen und die Stimme van Saias hatte sich immer weiter in der Lautstärke abgesenkt, um nur ja kein Wort an falsche Ohren dringen zu lassen.
„Herr Premierminister, Sie werden sicher verstehen, daß ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Anlass zu weiteren Spekulationen geben möchte, die das Projekt q20 gefährden könnten. Nur soviel sei Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten, wir machen gute Fortschritte in dem Projekt, und wenn nichts dazwischen kommt, sollten wir in absehbarer Zeit in den Regelbetrieb übergehen können.“
„Das ist ja nahezu phantastisch Faun, ist ihnen klar was das bedeutet?“
„Nur zu gut Herr Premierminister, mir ist nicht wohl bei diesem Gedanken – habe leider zu spät damit begonnen mich unter diesem Gesichtspunkt mit meinem Projekt auseinanderzusetzen, aber manchmal ist es vielleicht auch besser sich nicht durch ethische und moralische Bedenken von seinem Vorhaben abhalten zu lassen – wer kann das schon mit Bestimmtheit von sich behaupten?“
Sie waren inzwischen wieder bei der kleinen Gruppe angekommen, und seine Worte waren ebenso leise wie beschwörerisch geworden, beide wussten, daß kein Wort ihres Gesprächs weitergetragen werden würde, und sie begaben sich wortlos zurück in den Kreis der Gesellschaft.
Es war wieder einmal eines der schöneren Feste. Oft ging die Konversation auf solchen Festen nicht über belangloses Geplapper über Politik und Wirtschaft hinaus. Zu viele Gäste wollten ungebeten ihrer Meinung freien Lauf lassen und machten vor keinem Thema halt.
*
Am nächsten Morgen schlugen sie beide fast Zeitgleich ihre Augen auf und ließen sich das Frühstück aufs Zimmer kommen, um dieses gemeinsam im Bett einzunehmen. Fiorenza hatte sich zwei riesige Kissen hinter ihren Rücken gestopft, um bequem zu sitzen, Heronimus genügte eines und er reichte ihr den Brotkorb mit den Worten:
„Oben oder Unten?“
„Unten“, sagte sie mit einem Lächeln, und griff nach der Unterseite eines Brötchens.
„Seit wann magst du nicht mehr die Oberseite“, fragte er verwundert.
„Seit heute“, antwortete sie schelmisch und griff nach dem Butterfass.
„Schön zu hören, weiß schon gar nicht mehr, wie die Oberseiten hier in Italien so schmecken“.
Und so ging es hin und her wie ein jungverliebtes Paar zogen sie sich gegenseitig auf. Nach dem Frühstück machte sich Heronimus auf den Weg zum Golfplatz, während Fiorenza es sich in ihrem Liegestuhl bequem machte, um ein wenig in ihrem Buch zu schmökern.
Der Golfplatz lag umsäumt von altem Baumbestand, in einem Tal, vor den Toren der Stadt. Man benötigte nur 15 Minuten vom Hotel um seine Bälle auf dem gepflegten Grün in den Löchern zu versenken.
Im Clubhaus erwartete ihn bereits van Saia, der in einem der Clubsessel versunken telefonierend an seinen Schlägerköpfen herumdrehte. Faun setzte sich ihm gegenüber und nahm sich die neueste Ausgabe des Clubmagazins, um ein wenig Gedankenverloren darin zu blättern. Kaum saß er dort, beendete van Saia auch schon sein Gespräch und begrüßte ihn aufs Herzlichste.
„Hallo Faun, haben Sie schon gefrühstückt?“
„Ja, Herr Premierminister, habe mit Fiorenza ausgiebig gefrühstückt.“
„Haben Sie schon die Neuigkeiten aus Hamburg vernommen?“
„Nein, ich hatte eigentlich gehofft von den Unannehmlichkeiten zumindest an diesem Ort verschont zu werden.“
„Nun Faun, es holt uns immer wieder ein, daß wissen wir beide doch nur zu genau, sagen Sie, ist das eigentlich war, was mir der Innenminister geflüstert hat?“
Van Saia hatte es sich inzwischen auf dem Rücksitz des Clubcars gemütlich gemacht und sah erwartungsvoll in Richtung des grünen Horizonts, der am Ende des Golfplatzes zu sehen war.
„Nun, wenn Sie mir verraten, was er ihnen ins Ohr geflüstert hat, will ich Ihnen keine Antwort schuldig bleiben.“
„Die Sache mit ihrer Versuchsanordnung – Sie wissen doch sehr genau, worüber ich die ganze Zeit spreche, Faun. Wir hatten dieses Thema doch bereits gestern Abend im Park.“
„Sie sind richtig unterrichtet, mein Team in Auckland hat in der vergangenen Nacht den Durchbruch erzielt, wir sind einen großen Schritt weitergekommen. Nun können die Testreihen mit der konstanten Belastung gefahren werden. Ich bin sicher, daß alle Testreihen in spätestens sechs bis vierzehn Monaten abgeschlossen sind.“
„Ich glaube das nicht, wie soll die Industrie bei Ihrem Tempo denn mithalten?“
„Nun, das soll sie doch gar nicht. Die Herren haben doch alles verschlafen. Anstatt in Forschung zu investieren, ruhen sie sich auf ihren bestehenden Anlagen einfach aus, nehmen kein Geld in die Hand, sondern erhöhen statt dessen die Preise ohne irgendeinen erkennbaren Mehrwert auch nur in Aussicht zu stellen. Und unsere Regierungen lassen sich dies alles gefallen oder noch besser, sitzen in deren Aufsichtsräten, lassen sich von ihnen bezahlen. Habe auch mit Richard Pfingsten, unserem Bundeskanzler immer wieder dieses Thema angesprochen. Er sieht es ähnlich aber ihm sind immer wieder die Hände gebunden, weil ihm die passenden Mitarbeiter fehlen oder sie von der Farbe ihres Parteibuches behindert werden.
Was soll ich davon als Wissenschaftler denn halten, wenn ich jeden Pfennig viermal belegen muss, um die nächsten Gelder bewilligt zu bekommen? Nein dies ist der falsche Weg und es wird Zeit, daß sich diese Verschiebungen, wenn ich sie einmal so nennen darf, ändern.
Aber das wirklich revolutionäre erlaube ich mir noch nicht an die Öffentlichkeit zu geben, aber ich darf Ihnen versichern, das Projekt ist erst der Anfang einer absolut neuen Zeitrechnung. Ich habe mich leider selbst mit diesem Thema noch gar nicht genügend befasst, da ich mit einer derartig schnellen Realisierung meines Projektes nicht gerechnet habe, aber alles deutet darauf hin, daß ich hier noch so manches Defizit aufarbeiten muss.“
Sie waren inzwischen auf dem Abschlagsplatz angekommen, und schickten sich an, ihren ersten Schlag an diesem Tag zu tätigen. Es war fast Windstill, und es herrschte eine angenehme Temperatur. Die Luft war klar und frisch, und es duftete nach frisch geschnittenem Gras. Heronimus liebte diesen Geruch, erinnerte er ihn doch an seine Zeit in den Bayrischen Bergen, wo er oft genug zwischen frisch gemähten Wiesen unter einem Schatten spendenden Baum gelegen hatte um sich die Grundbegriffe der Physik und der Mathematik anzueignen. Ihm gelang das immer sehr gut, als ob ihn dieser Geruch darin unterstützte.
Faun legte sich seinen Ball zurecht, und mit einem gewaltigen Abschlag beschleunigte dieser in einem Winkel von nicht mehr als 50° in den wolkenlosen Himmel als wollte er gar nicht mehr aufhören zu steigen und immer weiter zu fliegen, bis er endlich unweit des 1. Lochs vom Himmel fiel.
„Phänomenal“, raunte van Saia.
“Welch´ interessante Technik, hätte auch von mir sein können, dieser Schlag. Wenn das so weitergeht – schicke ich besser meine Frau hierher.“
„Aber, aber Herr Premierminister, dies war ein reiner Zufallstreffer, glaube, es liegt an meinem neuen Schläger, alleine für diesen Schlag, finde ich, hat sich der Kauf bereits gelohnt.“
„Das kann man wohl sagen, wo sagten Sie kommt dieses gute Stück her?“
„Habe ich mir aus Hamburg mitgebracht, manchmal schlage ich damit auch Walnüsse im Garten, hat mir seinerzeit eine Freundin geraten, als uns die Bälle ausgegangen sind, aber in der Regel steht er schon eher teilnahmslos in der Tasche.“
van Saia schickte sich an mit wildem Getänzel einen festen Standort für seinen Abschlag zu finden, was ziemlich abenteuerlich anmutete, da er mehrmals um den Ball herumlief, dann aber einen befriedigenden Platz für sein Schuhwerk fand.
Klack, mit dem unnachahmlich satten Klang eines perfekt getroffenen Golfballs verließ dieser das Tee und vollzog eine nicht minder gelungene Flugbahn in die geplante Richtung des 1. Lochs.
„Nun, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen, habe schon schlimmstes befürchtet.“
Murmelte der Premier vor sich hin und Faun konnte nicht verhindern, daß seine Mundwinkel von einem kurzen Lächeln durchzogen wurden.
„Perfekt, Herr van Saia, spielt Rahel eigentlich auch noch?“
„Nein, sie hat sich einmal mit dem eigenen Schläger fast selbst den Schädel zertrümmert, seither meidet sie diesen Sport. Allerdings dem restlichen „Drumherum“ ist sie nicht abgeneigt.“
Während die beiden ins Gespräch vertieft ihren Weg auf dem Grün fortsetzten, wurden sie von einem Augenpaar stetig verfolgt, ohne daß sie dies bemerkten. Die Augen gehörten einer äußerst attraktiven langbeinigen Dame, die mit sportlicher Eleganz und der dazugehörigen Leichtigkeit die beiden Herren geradezu verfolgte.
Bemerkt wurde sie dabei nicht, zumindest nicht von den Beobachteten, sondern von Fallada, der wiederum ihr schon seit geraumer Zeit gefolgt war, ohne daß wiederum sie davon Kenntnis besaß.
Fallada verfolgte die angenehm duftende Dame aus zweierlei Gründen. Zum einen blieb ihm gar nichts anderes übrig, da er vor seiner eigenen Haustür von eben dieser Dame ausgesperrt worden war. Zum anderen machte es ihm Spaß soviel Auslauf an diesem Morgen zu haben, ohne sich an irgendeiner Leine herumführen lassen zu müssen.
Fallada, ein schöner goldbrauner flauschiger Pelz auf vier Beinen versuchte nur seinem Frauchen zu folgen, eben jener langbeinigen Schönen, um nur ja nicht das Öffnen der Haustür, was ja früher oder später durchaus wieder zur Diskussion stand zu verpassen, um damit die Chance wahrnehmen zu können im eigenen Garten wieder in aller Ruhe die zwei Schildkröten zu ärgern, was zurzeit zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte.
Nun befand Fallada es nur zu unverständlich, daß diese Menschen immer wieder nach einem kleinen weißen Ball Ausschau hielten, den sie dann erneut mit ihrem Schläger in die Büsche schlugen. Also nahm er diesen eben geschlagenen und brachte ihn seinem Schläger zurück, wie er es so oft mit Frauchen geübt hatte.
Van Saia staunte nicht schlecht, als dieses Pelzbündel aus dem nahen Gehölz herausbrechend auf ihn zulief, um ihm seinen Golfball vor seine Füße zu legen.
Kaum hatte Fallada sein Beutestück abgeliefert verschwand er auch schon wieder im Gehölz, war aber von seinem Frauchen gesichtet und erkannt worden, die ihn mit einem kurzen Ruf an Ihre Seite beorderte um sodann die Gelegenheit zu nutzen mit den beiden Herren ins Gespräch zu kommen.
Genial eingefädelt dachte sich derweil Fallada und beschränkte sich auf einen gütigen, treuen Blick.
„Ist das Ihr Hund? Meine Dame, darf ich mich vorstellen, Saia mein Name, was verschafft meinem Freund und mir die Ehre dieser angenehmen Erscheinung“.
Er ließ es bewußt offen, welche Erscheinung er meinte, die des Hundes oder die seiner Herrin.
„Meine Herren, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, daß mein Hund Ihnen solchen Ärger bereitet hat, es tut mir sehr leid. Darf ich sie beide nach Ihrem Spiel auf einen Drink einladen, um sie mit dem Ausgang des Spieles versöhnlich stimmen zu können?“
„Das nehmen wir gerne an, kann aber noch die eine oder andere Stunde dauern, bis wir den Kurs hinter uns gebracht habe“, antwortete Faun mit einem Lächeln um seinen Mund.
Er fand Gefallen an dieser Frau, erinnerte sie ihn doch an Fiorenza, sie hätte es nicht anders angefangen mit ihm ins Gespräch zu kommen – dies amüsierte ihn, und er kam zu dem Schluss, daß es an der Zeit sei mit Fiorenza, die Entwicklungen der letzten Nacht sein Projekt betreffend, zu feiern.
Er empfand es als unhöflich just in dieser Minute sein Handy aus seiner Tasche zu nehmen, um einen Tisch bei Augustino für heute Abend zu bestellen, dachte aber sogleich nicht weiter darüber nach, drehte sich von den beiden ab, und bestellte diesen Tisch für heute Abend um 20.45 Uhr.
„Faun, das ist Gabriela Curatori, die Künstlerin von der Dir Rahel kürzlich vorgeschwärmt hat.“ Sagte van Saia zu Heronimus, indem er sich zu ihm umdrehte.
Heronimus hatte den Tisch für heute Abend reserviert und hatte sich den beiden bereits wieder zugewandt.
„Ist mir eine Ehre Frau Curatori, wann darf ich mir ein Bild von Ihren Werken machen?“
Faun streckte ihr seine linke Hand entgegen, so wie er es manches Mal machte wenn er einen Menschen sofort mochte.
Sie griff seine Hand und drückte sie sehr herzlich, so wie er es vermutet hatte, daß sie es täte.
„Wann immer es Ihnen beliebt“, sagte sie warm lächelnd und schlug dabei ihre Augenlieder ein wenig nieder, aber eben nur ein wenig.
„Kennen Sie die Via Panale, dort wo sich der kleine Schuhladen befindet, an dieser Ecke ist meine Galerie Sie sind mir immer herzlich Willkommen.“
„Gerne werden wir dieser Einladung folgen, nicht Faun?“
van Saia war ganz versessen darauf noch im Beisein von Gabriela Curatori seinen nächsten Abschlag zu tätigen und tänzelte bereits wieder um seinen Ball.
„Darf ich Ihnen sagen, Frau Curatori, daß Ihr Hund, wie war noch einmal sein Name?“
„Fallada“
„Ja, Fallada ist immer herzlich willkommen, unsere Bälle hier zu apportieren, solange er am Platzwart vorbeikommt. Meinen Sie nicht auch Faun?“
„Gewiss, ist eine nette Abwechslung in dieser Einöde hier.“
Heronimus Faun hatte sich Fallada genähert um ihm das Fell zwischen den Ohren zu kraulen, wie es alle seine Hunde immer gemocht haben, und sie hatten viele gehabt in seiner Kindheit, immer waren sie um die Kinder herum gewesen und hatten prächtig mit sich spielen lassen.
Fallada ließ es geschehen, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, und begab sich in die Horizontale.
*
Es war bereits 19.00 Uhr, und Faun hatte bereits viermal mit Benjamin telefoniert um sich die Daten des Versuchsfeldes der vergangenen Nacht durchgeben zu lassen. Es waren exakt die Daten die er seinem Team nach nächtelangen Studien zukommen ließ um diese in der nächsten Versuchsanordnung umzusetzen. Voller Befriedigung schrieb er die Daten und Formeln noch einmal an die große Tafel, die er sich hier in einer alten Schule in Siena schon vor langer Zeit besorgt hatte.
Es war eine dieser großen alten Schiefertafeln die er noch als kleiner Junge der dritten Klasse, in der Schule alleine vor der ganzen Klasse stehend, mit mathematischen Grundrechenarten beschreiben musste.
Er benutzte diese Art der Niederschrift immer gerne, da er hier die Formeln in übergroßer Darstellung immer vor Augen hatte, ohne immer wieder in Papieren blättern zu müssen.
„Kommst du Hero?“ Fragte Fiorenza.
„Bin gleich soweit.“ Antwortete er.
„Muss nur noch eine Berechnung überprüfen, wieviel Uhr ist es denn?“
„Schon 20.00 Uhr, hattest du den Tisch nicht für 20.45 bestellt?“
„Ja, hatte ich.“
„Soll ich das lange schwarze oder das kurze dunkelgrüne anziehen?“
Wie immer konnte sie sich nicht entscheiden, wenn es um das Kleidungsstück ging, was gerade ausgeführt werden wollte.
„Das dunkelgrüne passt besser zu Deinen Augen.“
Sie hatte katzengrüne Augen, um die Sie so manche Frau beneidete, sie glühten förmlich vor Feuer und so mancher verbrannte in ihnen bevor er wusste wie ihm geschah. Heronimus fragte sich immer wieder ob ein Smaragd oder die Augen seiner Frau das fundamentalste, phänomenalste, ergreifendste grün hätten. Er war bis heute dieser Antwort keinen Schritt näher gekommen – war nun auch wirklich nicht schlimm dachte er sich gerade wieder als er sich wieder bei dieser Frage überraschte.
Heronimus hatte Sie nicht zuletzt wegen dieser Augen kennen lernen wollen als er Sie zum allerersten Mal an der Universität in Verona traf. Danach zermarterte er sich den Kopf wie er Sie wiedertreffen sollte, was sich allerdings bereits nach nur wenigen Stunden ergab. Während eines gemeinsamen Kaffeeklatsches bei einer Freundin kreuzte Sie unerwarteter weise seinen Weg und es fiel Ihm nicht schwer Sie in ein Gespräch über die typischen Kompositionsmerkmale Beethovens zu verwickeln.
Der Nachmittag mündete in den Abend, und beide sagten ihre jeweiligen Verabredungen mit Freunden ab um das gemeinsame Gespräch über Musik, Literatur, Malerei und die Erinnerung an Ihre Schulzeit bis tief in die Nacht weiterführen zu können.
Es war einer jener Abende an denen die Stunden verflogen und die Zeit stillzustehen schien. So manches Mal musste er sich mit seiner Meinung was die Politik betraf etwas zurücknehmen, da er schnell festgestellt hatte, daß dieses Thema dem harmonischen Abend eher weniger zuträglich war als viele andere Themen, die im Verlauf des Abends von ihnen angeschnitten worden waren.
„Bist du dann auch fertig?“ rief sie von unten herauf.
„Wir können los“, antwortete er ihr.
Sie verbrachten einen schönen Abend hoch über den Dächern der Stadt. Das Sternenzelt breitete sich über das Land, und an den Bäumen regte sich kein Blättchen mehr.
Sie sah phantastisch aus in ihrem grünen Kleid. Das Kerzenlicht spielte in ihren Augen, und ihre kunstvoll geformten Wangenknochen unterstrichen ihre italienische Abstammung, einer der letzten Dogen von Venedig war ihr Ur Ur Ur-Großvater, er wäre genauso bezaubert von ihrer Anmut gewesen wie der ihr jetzt gegenübersitzende Mann aus Hamburg.
Den passenden Rahmen für dieses wundervolle Panorama lieferten ihre leicht gewellten rabenschwarzen Haare, das Mondlicht ließ sie leicht blau schimmern während sie sanft ihre Züge umschmeichelten.
Hingerissen von diesem Anblick, versunken in diesen Moment bemerkte Faun nicht, wie sich die Füße seines Gegenübers um seine Waden schlängelten, um ihn alsdann mit einer schnellen Bewegung seiner Schuhe zu entledigen.
„Ich werde mich verkühlen, Fio, wenn du so weiter machst, dann werde ich niesend und prustend über die Brüstung purzeln, und die Industrie wird mir ein Denkmal an dieser Stelle setzen lassen und diese vom Papst weihen lassen“.
„Das hättest du wohl gerne, Dich so aus dem Staub zu machen ohne die Welt aus den Angeln gehoben zu haben“.
„Nein, natürlich nicht, was gibt es Reizvolleres, als an Deiner Seite ein wenig der Welt das Fürchten zu lehren?“
Während er dies sagte, verbog er sich halb kriechend unter den Tisch, um seine Socken und Schuhe wieder einzusammeln.
„Sage mir, war das Kleid nicht einmal länger - oder was hast du damit gemacht?“
„Habe es einfach heute Abend abgeschnitten.“
Sagte sie mit einem leicht verschmitzten Lächeln um ihre Mundwinkel.
