Abgezockt - Wolfgang Kammer - E-Book

Abgezockt E-Book

Wolfgang Kammer

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Beschreibung

Als Maja nach einem Besuch bei ihrer Großmutter mit dem Fahrrad auf dem Heimweg ist, wird sie von drei Jugendlichen überfallen. Da Maja kein Geld bei sich hat, nehmen sie ihr ihre teure neue Jacke weg. Was sie nicht wissen, in der Tasche der Jacke befindet sich ein goldenes Armband, dass Maja gerade von ihrer Großmutter geschenkt bekommen hat und das ein Andenken an ihren Großvater ist. Dieses Armband will Maja um jeden Preis wiederhaben. Die Familie beschließt, den Vorfall zur Anzeige zu bringen, aber Maja und ihr Bruder Jendrik sind nicht sicher, ob das etwas bringt. Sie beginnen, zusammen mit Majas Freundinnen Susanne und Svenja, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Auch wenn ihr Vorgehen anfangs kaum Aussichten auf Erfolg zu haben scheint, bestärkt ein weiterer Überfall, den Maja beobachtet, die Freunde in ihrem Entschluss. Bald sind sie sicher, genügend Beweise gegen die drei Jugendlichen und die Bande, der diese angehören, in der Hand zu haben und entwickeln einen Plan. Doch die Bande ist nicht so ahnungslos, wie die Freunde glauben und so gerät ihr Vorhaben aus dem Ruder.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Widmung

Für meine Enkel Lina, Lotta und Moritz. Ich wünsche euch und allen Kindern auf der Welt ein Leben in Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit.

Euer Opa

Inhaltsverzeichnis

Kapitel: Ein Kettchen für Maja - Ein dreister Überfall - Zwei Rentner sind empört

Kapitel: Familie Schmittbauer erstattet Anzeige - Was Maja vergessen hat - Ein nächtliches Gespräch

Kapitel: Maja und die Metamorphose - Eine gute Idee - Ein Gespräch im Jugendamt

Kapitel: Eine Radtour mit Alonso - Das Café Greyhound - Ein Koloss namens Bernie

Kapitel: Ein Tag am Hauptbahnhof - Wer Kranich heißt, kann manchmal auch ein rettender Engel sein - Eine gute Idee

Kapitel: Die Basis des Zusammenlebens - Von Bikern und Pilzen - Was in alten Zeitungen steht - Die Seespinne

Kapitel: Eine Geschichtsstunde - Jendrik zerlegt einen Motor - Überfall im Park - Drei Portionen Gyros

Kapitel: Ein Besuch in der Seespinne - Die falsche Jacke - Eine Gang spielt Billard - Eine seltsame Ausdrucksweise

Kapitel: Susanne gehört zur Familie - Gerüche im Treppenhaus - Frau Striemitzer kommt zu Besuch - Was Jendrik erfährt

Kapitel: Ein geordneter Abzug - Treffpunkt am Hafen - Susanne bekommt einen Tritt in den Bauch

Kapitel: Von Krabbeltieren und Puppenwiegen – Treffpunkt Rattenloch - Der Kerl heißt Hundertmark

Kapitel: Ein Brief ohne Anrede – Das Ultimatum – Treffpunkt Springbrunnen – Ein entscheidender Kampf

Kapitel: Der Motor läuft - Eine freudige Botschaft - Was Herr Kranich bedauert - In den Greyhound mit dem Fahrrad

1. Kapitel Ein Kettchen für Maja - Ein dreister Überfall - Zwei Rentner sind empört

Ein freundlich frischer Herbstwind schob Maja von der Saseler Allee über die Pinneberger Straße fast bis in den Poppenbütteler Park. In einem Drahtkorb, der auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades befestigt war, lagen ein großes Stück selbstgebackener Apfelkuchen, ein Schälchen mit frisch geschlagener Sahne und ein kleiner Strauß bunter Astern. Ein wenig kam sich Maja vor wie Rotkäppchen, denn auch sie war unterwegs zu ihrer Oma, die sie besuchen und mit der sie zusammen Kaffee trinken wollte. Maja fuhr vorsichtig. Sie lenkte ihr Rad durch einen schmalen Weg, der sie zuerst unter schattigen Kastanien hindurch und dann an die Alster führte, den kleinen Fluss, der ruhig und friedlich in Richtung Hamburg floss. In Höhe des Springbrunnens, der sich am Ende der Allee befand, fasste sie nach hinten und prüfte, ob mit dem Korb noch alles in Ordnung war. Wenige Minuten später verließ sie den Park, fuhr über die Eimsbütteler Straße und erreichte dann die gelb gestrichene Villa der Oma.

Maja klingelte und wartete. Dann hörte sie Schritte. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür wurde geöffnet.

„Schon da?“, fragte Oma Schmittbauer mit ganz erstauntem Gesicht. „Wir hatten doch gerade noch miteinander telefoniert.“

Statt einer Antwort gab Maja ihrer Großmutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange und überreichte ihr den kleinen Blumenstrauß. „Die Blumen sind für dich“, sagte sie, „die sind von der Mama.“

Oma Schmittbauer strahlte, nahm ihre Enkeltochter in die Arme, drückte sie an sich und ließ sie eintreten. „Schön, dass du mich ausgerechnet heute besuchst, am zehnten Todestag von unserem Opa.“

Die Oma holte für die Blumen eine passende Vase, schenkte danach Kaffee und Kakao in die bereitgestellten Tassen und verteilte die Sahne auf dem Kuchen.

„Setz dich bitte!“, sagte sie. „Jetzt lassen wie es uns aber schmecken.“

Maja schielte nach der Zigarrenkiste, die auf dem Tisch stand und voller alter Fotografien war. Mit der Oma Fotos anzuschauen, war immer ein Abenteuer, denn zu jedem der Bilder gehörte auch eine persönliche Geschichte. Und die Oma ließ Maja nicht lange warten. Sie nahm die Kiste, öffnete den Deckel und zog wahllos verschiedene Bilder heraus.

„Hier“, sagte sie stolz und zeigte auf ein sehr altes Bild. „Das war ungefähr, als ich so alt war, wie du jetzt bist.“

Maja kannte das Bild. Sie hatte es schon einige Male gesehen. Trotzdem musste sie lachen. Denn auf dem Foto war ein hübsches dreizehnjähriges Mädchen abgebildet, das in einem langen Kleid und in Schnürstiefelchen steckte. Ihr Haar war zu einem Zopf geflochten und wie ein Kranz um ihre Stirn gelegt. Über Majas Lachen ärgerte sich die Oma nicht. Im Gegenteil. Auch sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Immer wieder griff sie in die Kiste; mal hatte sie den Opa als Bergsteiger in der Hand, mal erwischte sie ihn in seinem ersten Auto. Das Foto von einer kleinen schwarzweißen Maus stimmte die Oma ein wenig traurig.

„Das war Quadrilla, meine Tanzmaus“, erklärte sie. „Ich hatte sie immer bei mir in der Schürzentasche. Einmal spielte ich mit meinen Freunden Nachlaufen, da passierte es. Ich stürzte und fiel so ungeschickt auf die kleine Quadrilla, dass sie dabei ums Leben kam.“

Maja besah sich das niedliche Tier ganz genau. „Und?“, fragte sie, „Hast du eine neue Maus bekommen?“

Die Oma schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete sie. „Von da ab durfte ich kein Tier mehr haben.“

Die Zeit verging wie im Fluge. Als Maja und die Oma das letzte Bild betrachteten, war es schon sechs Uhr. Die Oma legte die Bilder zurück in die Kiste, klappte den Deckel zu und stellte sie in den Schrank. Dann öffnete sie eine Schublade und entnahm ihr etwas, was Maja nicht sofort erkannte. Sie nahm lediglich ein kurzes Blinken und Blitzen wahr.

Die Oma kam zurück an den Tisch und strich ihrer Enkeltochter über das Haar. „Ich will dir etwas schenken“, sagte sie. „Weil …, weil ich dich sehr lieb habe, und weil das einem jungen Mädchen viel besser steht als einer alten Frau.“

Die Oma Schmittbauer öffnete ihre Hand, griff nach Majas Arm und legte ein Armband darum, das aus einer Unzahl von sechseckigen, schuppig aussehenden, kleinen, goldenen Gliedern bestand. Maja war sprachlos. Dann aber, als sie anfing zu begreifen, fiel sie ihrer Oma um den Hals. „Für mich?“, fragte sie ungläubig. „Das ist wirklich für mich?“

Oma Schmittbauer nickte.

„Danke Omichen“, sagte Maja. „Danke. Oh, ich freue mich so. Ich werde darauf aufpassen, wie auf meinen Augapfel.“

Die Oma, die sich durch Majas Freude in die Situation zurückversetzt sah, als sie selbst das Kettchen geschenkt bekommen hatte, stellte etwas verlegen das Geschirr zusammen. „Ich weiß, ich weiß“, murmelte sie, „und nun wird es Zeit, dass du dich auf die Socken machst. Immerhin ist es schon kurz vor sechs.“

Maja besah sich das Kettchen noch einmal ganz genau, dann nahm sie es vom Arm und ging damit zur Garderobe. Dort steckte sie es in die obere Tasche ihrer Jacke und zog den Reißverschluss zu. „Sicher ist sicher“, sagte sie. „Und zu Hause kommt die Kette in Papas Tresor.“

Dann nahm Maja ihren Korb, gab der Oma einen Kuss und verließ das Haus.

Der Wind hatte sich inzwischen gelegt. Maja öffnete das Fahrradschloss und radelte los. Sie nahm den gleichen Weg zurück, den sie gekommen war. Überglücklich fuhr sie in den Park, radelte dann auf die Alster zu und am Springbrunnen vorbei, bis sie zu den alten Kastanien kam. Fröhlich pfeifend schaute sie nach vorn.

Doch was war das? Komisch. Sie glaubte an der Stelle, wo sich der Weg gabelte, huschende Bewegungen gesehen zu haben. Was konnte das gewesen sein? Gefühle, die sie sonst nicht kannte, überfielen sie. Unsicherheit und Furcht. Maja richtete sich auf, straffte ihren Körper und versuchte, diese fremden Gefühle zu ignorieren. Mutig radelte sie weiter. Fünfzig Meter, hundert Meter. Und dann passierte es doch. Hinter den Bäumen, die sie respektvoll im Auge behalten hatte, traten plötzlich drei Gestalten hervor, die ihr den Weg versperrten. Es waren Jugendliche, nicht viel älter als sie selbst. Sie hatten sich Schirmmützen ganz tief in ihre Gesichter gezogen. Maja trat mit aller Kraft in die Bremse und kam mit quietschendem Hinterreifen zum Stehen. Stumm schauten die drei Typen sie an. Was wollten die von ihr? Langsam und zögerlich kamen sie bis auf Armlänge näher.

„Was soll das?“, schimpfte Maja. „Habt ihr sie noch alle auf der Reihe?“

Die drei Jugendlichen grinsten frech. Einer von ihnen schnalzte lässig mit der Zunge, ein zweiter schob sich kraftstrotzend seine Hemdsärmel hoch und der Dritte, der einen hellen, fein gerippten Pullover trug, sagte einfach: „Kohle.“

In ihrer Aufregung verstand Maja nicht so schnell, was der Typ meinte. Dann aber, als er mit Daumen und Zeigefinger eine eindeutige Bewegung machte, wusste sie Bescheid. Doch was sollte sie tun? Hilfesuchend schaute sie sich um. Der Park schien leer zu sein, leer und von allen Menschen verlassen. Das ist kein Spaß, dachte sie und umspannte den Lenker ihres Rades so fest, dass ihre Knöchel weiß heraustraten.

„Was ist?“, fragte der, der die Kohle gefordert hatte. „Wie lange sollen wir noch warten?“

In Maja lehnte sich etwas auf. So leicht wollte sie sich nicht unterkriegen lassen. Energisch schob sie ihr Fahrrad auf die Jugendlichen zu. „Lasst mich durch!“, schrie sie. „Ich habe nichts, ich gebe euch nichts und ich habe auch nichts mit euch zu schaffen.“

Der Junge mit dem feinen Pullover stieß einen spitzen Pfiff zwischen den Zähnen hervor und trat plötzlich mit einem Fuß und mit aller Kraft heftig in die Speichen von Majas Vorderrad. Der Tritt war so stark, dass Maja ihr Fahrrad fallen lassen musste. Eingeschüchtert sah sie ein, dass sie dieser Gewalt nicht gewachsen war.

„Ihr könnt das Fahrrad haben“, hörte sie sich selber sagen, „ich schenke es euch.“

Die drei Typen lachten schäbig.

„Willst du uns verarschen?“, fragte der mit dem hellen Pullover. Er ging drohend einen Schritt auf Maja zu. „Entweder Kohle oder deine Jacke! Ist doch eine prima Marke, hat bestimmt einen Haufen Geld gekostet. Los Markus, kralle sie dir!“

Noch ehe es Maja verhindern konnte, bekam sie von hinten einen unerwarteten Schubs. Sie strauchelte. Dann spürte sie, wie jemand versuchte, ihr die Jacke von den Schultern zu reißen. Sie drehte sich um. Es war der mit den hochgeschobenen Ärmeln. Er war tätowiert. Er trug auf dem Unterarm ein eintätowiertes Schwert und darunter noch irgendein längeres Wort. Doch bevor sie genauer hingucken konnte, drehte ihr einer der anderen einen Arm um. Maja hatte keine Chance und ohne weitere Gegenwehr ließ sie sich die Jacke von den Schultern ziehen.

So schnell, wie der Überfall erfolgt war, so schnell war er auch wieder vorbei. Die jugendlichen Räuber ließen von ihr ab. Sie schwangen Majas Jacke hoch über ihren Köpfen und verließen grölend den Park.

Maja war fix und fertig. Eine ganze Zeit lang blieb sie noch mit weinend auf der Erde sitzen. Der Schock war zu groß. Einerseits spürte sie Erleichterung darüber, dass ihr nichts Schlimmeres passiert war. Aber andererseits konnte sie nun die Tränen nicht mehr zurückhalten. Nicht wegen der gestohlenen Jacke. Es war die Erniedrigung, es war die Tatsache, unschuldig Gewalt erfahren zu haben. Maja beruhigte sie nur langsam. Sie raffte sich auf und setzte sich erschöpft auf eine in der Nähe stehende Bank.

Ein älteres Ehepaar, das einen greisen Beagle an der Leine führte, kam von der Alster her den Weg entlang spaziert. Mit missbilligenden, vorwurfsvollen Blicken blieben sie einen Moment vor Majas Fahrrad stehen, dann gingen sie, ohne ein Wort zu sagen, weiter.

2. Kapitel Familie Schmittbauer erstattet Anzeige - Was Maja vergessen hat - Ein nächtliches Gespräch

„In welch einer Welt leben wir?“, schimpfte Herr Schmittbauer, der sich als Letzter an den Tisch gesetzt hatte und reichlich von dem Eintopf nahm, den seine Frau frisch gekocht und heiß auf den Tisch gestellt hatte. „Wo leben wir denn, wenn schon die Jugend nicht mehr weiß, was Recht und Ordnung ist, wenn sie hemmungslos stiehlt und raubt, obwohl sie es gar nicht nötig hat?“

Maja fühlte sich angesprochen. „Das habe ich der Mama schon alles erzählt“, sagte sie. „Es stimmt, die Jungen sahen nicht so aus, als wenn es ihnen schlecht ginge.“

Herr Schmittbauer nickte und löffelte sein Essen in sich hinein. Majas Bruder, Jendrik, schaute zu seiner Mutter. „Majas Jacke war doch noch ganz neu und ziemlich teuer …“, sagte er.

Frau Schmittbauer machte eine abweisende Handbewegung. „Ach, darum geht es eigentlich gar nicht. Es geht nicht um das Geld und nicht um die Jacke. Es geht darum, dass Menschen, die so etwas erleben, sich vielleicht niemals mehr alleine in einen Park trauen.“

„Dann müsst ihr zur Polizei gehen und Anzeige erstatten“, folgerte Jendrik. „Vielleicht plant die Gang ja noch andere Überfälle.“

„Jendrik hat Recht“, sagte Herr Schmittbauer. Er tupfte sich mit seiner Serviette über die Lippen. „Aber es gibt auch noch eine andere Betrachtungsweise.“

„Welche denn?“, fragte Maja. „Bin ich etwa nicht überfallen und beraubt worden? Hat mir niemand brutal den Arm umgedreht und hat mir niemand in die Speichen getreten?“ Sie machte eine Pause. „Hätte ich ein Handy gehabt, dann …“

„… dann wäre das auch passiert“, fuhr Frau Schmittbauer ihrer Tochter ins Wort, „und das Handy wäre dann auch noch weggewesen.“

„Ist jetzt auch egal“, sagte Herr Schmittbauer. Er legte seiner Tochter verständnisvoll eine Hand auf die Schulter. „Natürlich, dir soll ja Recht geschehen. Aber wenn die Polizei die Burschen wirklich schnappt, kommt es auch zu einer Gegenüberstellung. Das solltest du wissen. Du musst die Täter identifizieren.

Sie erfahren deinen Namen, unsere Telefonnummer und unsere Anschrift.“ Herr Schmittbauer machte eine bedeutungsvolle Pause. „… und dann rächen sie sich an dir, an deinem Bruder, an uns oder an unserer Spedition. Und am Ende ist der Schaden vielleicht um vieles größer und der Ärger insgesamt auch.“

Frau Schmittbauer nickte. „Es stimmt, was Papa sagt.

Aber ich hätte ein schlechtes Gefühl dabei, wenn wir es nicht der Polizei melden. Wenn solche Dinge nicht aufgeklärt werden, wenn jeder aus Angst kneift, dann …, in solch einer Welt möchte ich nicht leben. Und darum, Maja, wollen wir dich fragen, wie siehst du das?“

Maja schaute ihre Eltern und ihren Bruder an und dachte einen Augenblick nach. „Es sind gemeine Kerle“, sagte sie voller Überzeugung. „Sie werden das immer wieder tun. Wenn es nach mir geht, dann werden sie angezeigt und bestraft.“

„Das sind klare Worte“, sagte Herr Schmittbauer, „alles, was Recht ist. Respekt, Respekt.“

Auch Frau Schmittbauer fand die Entscheidung ihrer Tochter in Ordnung. „Ich werde mich um alles kümmern“, sagte sie, „falls es nicht lieber der Papa …?“

Doch ihr Mann winkte ab. „Ich habe zu viel im Betrieb zu tun. Und außerdem, es ist immer richtig, wenn diejenigen aktiv werden, die von einer Sache am meisten überzeugt sind“, sagte er, „und das seid ja wohl ihr zwei.“ Er schaute zu seiner Tochter und dann zu seiner Frau. Und weil niemand mehr etwas sagte, schöpfte er sich in aller Ruhe noch eine Kelle von dem leckeren Eintopf auf den Teller und begann genüsslich zu essen.

Maja lag schon mehr als eine halbe Stunde im Bett, ohne einschlafen zu können. Immer wieder dachte sie an den gemeinen Überfall, an die alten Leute mit dem Hund, die ihr nicht geholfen hatten und an den Besuch bei der Oma. Das Bild von Quadrilla, der kleinen Tanzmaus, die durch Omas Schuld so früh gestorben war, fiel ihr wieder ein und dann das goldene Kettchen.

„Auweia!“, entfuhr es ihr. Wie elektrisiert saß sie plötzlich im Bett: das Kettchen! Sie hatte es ganz vergessen. Das goldene Kettchen war in der Jacke gewesen und damit genauso weg wie die Jacke selbst.

Sie knipste das Licht an und schaute auf die Uhr. Es war schon elf. Trotzdem. Sie sprang aus dem Bett, schlüpfte in ihre Pantoffeln und ging zu dem Zimmer ihrer Bruders. Ein kurzes Klopfen, dann öffnete sie die Tür. Jendrik lag auf der Seite, hatte sich die Bettdecke unter seinem Kinn zusammengezogen und schlief fest. Maja stupste ihn mit den Fingerspitzen an. Als das nichts nützte, rüttelte sie ihn und zog an seinem Arm. Jendrik wälzte sich, murmelte etwas in sich hinein und schlief weiter. Aber Maja ließ sich davon nicht abhalten. „Jendrik …!“, flüsterte sie eindringlich. „Jendrik …, wach auf! Ich muss dir noch etwas Wichtiges erzählen.“

Jendrik richtete sich auf und blinzelte gegen das Licht, das vom Flur her in sein Zimmer fiel. „Ach, du bist es“, sagte er verschlafen. „Was ist denn los?“

Maja setzte sich zu ihrem Bruder auf die Bettkante.

„Das goldene Armband ist auch weg.“, sagte sie aufgeregt. „Das schöne Armband.“

„Welches Armband? Wovon redest du?“

„Das von der Oma.“

Jendrik wusste wirklich nicht, was seine Schwester meinte. „Von einem Armband weiß ich nichts“, murmelte er schlaftrunken.

„Ach ja“, Maja seufzte. „Das weißt du ja gar nicht.

Die Oma hat mir ein goldenes Armband geschenkt, ein Kettchen. Es war ein Andenken an den Opa. Ich muss es unbedingt wieder haben.“

Jendrik begriff langsam die Zusammenhänge. „Und das Kettchen war in der roten Jacke?“

Maja nickte. „Ich hatte es in eine der Taschen mit Reißverschluss gesteckt. Das war der sicherste Platz.“

Jendrik betrachtete seine Schwester, die so traurig vor ihm saß und ihn so hilfesuchend anschaute. Was sollte er ihr antworten? Eine geraume Zeit dachte er nach.

Dann legte er einen Arm um Maja. „Wir werden die Jacke und das Kette wiederbesorgen“, sagte er zuversichtlich und voller Überzeugung, obwohl er nicht die leiseste Ahnung davon hatte, wie sie es anstellen sollten.

3. Kapitel Maja und die Metamorphose - Eine gute Idee - Ein Gespräch im Jugendamt