Abschüssig - Rebecca Michéle - E-Book
  • Herausgeber: Silberburg
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Rottweil: Was zuerst wie ein tragisches Busunglück aussieht, entpuppt sich als gezielter Mordanschlag: Die Bremsen des Oldtimerbusses, der bei "Franke-Reisen" für Feste und Veranstaltungen eingesetzt wird, wurden manipuliert - Der Fahrer Robert Mager kommt dabei ums Leben. Schnell haben die beiden Kommissare Jürgen Riedlinger und Wolfgang Mozer eine ganze Reihe von Motiven beisammen: Mager galt als ausgemachter Weiberheld, der auch vor verheirateten Frauen nicht Halt machte. Magers geschiedene Frau gerät ebenfalls ins Visier, wurde sie von ihrem Ex-Mann doch nach Strich und Faden betrogen und hintergangen. Als beim jährlichen Sommerfest des Busunternehmens Franke ein zweiter Anschlag geschieht, stehen die Kommissare wieder am Anfang. Wer wird das nächste Opfer des unberechenbaren Mörders sein?

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Seitenzahl:344

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Rebecca Michéle

Abschüssig

Ein Baden-Württemberg-Krimi

Rebecca Michéle, geboren 1963 in Rottweil, lebt seit 1983 im Kreis Esslingen, aktuell in Kirchheim unter Teck. Die ausgebildete Arzthelferin entschloss sich vor zwölf Jahren, nur noch zu schreiben. Mit zahlreichen historischen Romanen (Pseudonym: Ricarda Martin) hat sie sich bereits einen Namen gemacht. Nun hat sie ihre Liebe zum Krimi entdeckt.

Die Personen und die Handlung dieses Romans sind frei erfunden, ebenso die Ortschaft Oberlautern. Eventuelle Übereinstimmungen mit real existierenden Menschen und/oder Geschehnissen wären zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

© 2012 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.

Coverfoto: © Cameron Whitman – iStockphoto.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1530-7

E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1531-4

Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1214-6

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Prolog

Ungeduldig warf Robert Mager den Rest seiner Zigarette zu Boden, trat die Kippe mit der Schuhspitze aus und seufzte. Es war bereits die fünfte Zigarette in einer Stunde, und er musste dem Drang, sich gleich die nächste anzuzünden, heftig widerstehen. Er rauchte zu viel, das wusste er, doch wie sonst sollte er diese elendige Warterei überbrücken? Anstatt erneut nach dem Päckchen in seiner Jackentasche zu greifen, ging er um den Bus herum, um ein letztes Mal zu kontrollieren, ob alles in Ordnung war. Mit einem süffisanten Lächeln betrachtete er das große Schild im Heckfenster, auf dem in roter Farbe die verschnörkelten Worte Just married prangten, und die roten und rosafarbenen Herzchenluftballons auf dem Dach des Busses. Er fand die Aufmachung zwar furchtbar kitschig, der Kundenwunsch war jedoch Befehl. Beim Unternehmen Franke-Reisen war der Kunde König, auch wenn nicht immer alle Wünsche erfüllt werden konnten. Grundsätzlich fand Robert Mager die Idee, statt mit einer klassischen Hochzeitskutsche – die sich heutzutage ja fast jeder leisten konnte – mit einem restaurierten Oldtimerbus aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Kirche ins Lokal zu fahren, originell – wenn bloß diese kitschige Dekoration nicht gewesen wäre. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, dachte Mager, der für romantische Anwandlungen noch nie etwas übrig gehabt hatte. Kopfschüttelnd stieg er in den Bus und kontrollierte ein letztes Mal den Zustand der Sitze, und ob die Müllbehälter leer waren, obwohl er das Fahrzeug in einwandfreiem Zustand übernommen hatte.

Gerade, als er wieder ausgestiegen war und sich nun doch noch eine Zigarette anzündete, sah er an der Ecke der Straßenkreuzung einen Mann winken. Das war das verabredete Zeichen. Erleichtert warf Mager die Kippe fort, schwang sich hinters Lenkrad und startete den Motor. Langsam begann der Bus anzurollen. Obwohl der Oldtimer mit seinen dreiundzwanzig Sitzplätzen im Vergleich zu den Linien- und Reisebussen, die Mager sonst fuhr, recht klein war, musste er seine ganze Konzentration aufbringen, das Gefährt durch die engen Gassen zu chauffieren, ohne an einer Hausecke hängen zu bleiben. Der Bus war von Freunden als Überraschung für das Brautpaar gebucht worden. Deshalb hatte Robert nicht direkt vor dem Heiligkreuzmünster, sondern zwei Seitengassen weiter parken müssen, um ja nicht vorzeitig entdeckt zu werden.

Die Engelgasse, eine der schmalsten Straßen im historischen Stadtkern Rottweils, hatte Mager gut bewältigt, nun bog er in die Oberamteigasse ein, gerade in dem Moment, als das Brautpaar aus dem Kirchenportal trat. Auf den großen Platz vor das Münster zu fahren, war nicht erlaubt. Robert Mager setzte sein charmantestes Lächeln auf und trat dem glücklichen Paar entgegen. Wie lange diese Ehe wohl halten würde? Heute waren die beiden jungen Leute, kaum älter als Mitte zwanzig, wohl die glücklichsten Menschen unter der Sonne und meinten, nichts und niemand könne sie jemals trennen. Waren die Flitterwochen jedoch vorbei und der Alltag in die Ehe eingezogen, würde das Hochgefühl so nach und nach verschwinden. Robert ärgerte sich, dass er gerade jetzt an seine Exfrau denken musste, dabei lag die Scheidung bereits drei Jahre zurück. Auch sie hatten einst geglaubt, das Glück für immer und ewig gepachtet zu haben, und nun saß er allein in einer Einzimmerwohnung und sah seine Kinder nur alle vierzehn Tage am Wochenende.

Nachdem das Brautpaar Magers Glückwünsche entgegengenommen hatte, stieß die junge Frau einen leisen Schrei aus, als sie den Bus entdeckte. »Der ist ja süß!«

Der Bräutigam nickte, schlug seinem Freund, dem er diese Überraschung zu verdanken hatte, auf die Schulter und meinte: »Voll krass, Alter! Das ist ja mal was anderes.«

Robert rollte verstohlen mit den Augen. Sicher, der Oldtimerbus war der ganze Stolz der Firma, und mit den dunkel- und hellblauen Streifen auf weißem Untergrund ein absoluter Hingucker, aber als süß hatte den Bus noch nie jemand bezeichnet. Nun, so waren sie eben, die jungen Leute. Obwohl Robert gerade erst vierzig geworden war und sich noch lange nicht zum alten Eisen zählte, fand er es manchmal schwierig, den Jargon der jungen Generation zu verstehen.

Das Brautpaar, die Eltern und Trauzeugen sowie ein paar enge Freunde stiegen unter lautem Gelächter in den Bus. Robert hörte das Knallen von Sektkorken und hoffte, dass nichts verschüttet wurde. Sein Chef würde fuchsteufelswild werden, wenn sein Lieblingsbus Schaden litt, und er selbst würde den ganzen Abend die Sauerei putzen müssen.

Mit den Freunden des Brautpaares, die den Bus gebucht hatten, war im Vorfeld abgesprochen worden, nicht auf direktem Weg ins Hotel Johanniterbad zu fahren, da die Fahrt sonst nur wenige Minuten gedauert hätte, sondern eine kleine Stadtrundfahrt zu machen. Routiniert lenkte Robert den Bus erst zum Friedrichsplatz, dann die untere Hauptstraße hinunter über das Viadukt, über das Berner Feld und die Duttenhoferstraße zurück zum Kriegsdamm und durch die Flöttlinstorstraße vorbei am Schwarzen Tor, dem Wahrzeichen der ehemaligen freien Reichsstadt, um dann durch die Schramberger, Marx- und Hochbrückstraße zum Hotel zu gelangen.

Die Fahrgäste bekamen jedoch gar nicht mit, wohin die Fahrt ging, denn sie feierten bereits ausgelassen. Nach einer halben Stunde hielt Robert vor dem Hotel, in dem die Hochzeitsfeier stattfand, und rief: »Meine Damen und Herren, bitte alle aussteigen. Die Fahrt endet hier!«

Er erntete Gelächter, und der Bräutigam lud ihn ein, auf ein Glas mit hineinzukommen. Beim Gedanken an ein kühles Helles mit einer weißen Schaumkrone lief Robert das Wasser im Mund zusammen, aber er lehnte dankend ab. Da für Busfahrer die 0-Promille-Grenze galt, wäre er sofort seinen Job los, wenn ihn seine beiden Chefs beim Trinken erwischen würden.

»Aber ein Wasser oder ein Schorle können wir Ihnen doch anbieten? Oder ein alkoholfreies Bier?«, fragte der junge Mann.

Robert ließ sich überreden. Für Juni war der Tag sehr heiß, und die Temperatur hatte bestimmt schon die Dreißig-Grad-Marke überschritten. Warum sollte er nicht ein oder zwei Apfelsaftschorle trinken, bevor er den Bus zur Firma in Oberlautern zurückbrachte? Heute wurde der Oldie, wie der Setra S 6 in der Firma allgemein genannt wurde, ohnehin nicht mehr gebraucht. Sorgfältig schloss Mager den Bus ab und folgte dem Brautpaar in das angenehm klimatisierte Foyer des Hotels.

Wider Erwarten amüsierte sich Mager sehr gut, denn eine junge Frau, die offenbar schon das eine oder andere Glas Sekt getrunken hatte, begann mit ihm zu flirten. Robert ging darauf ein. Warum auch nicht? Er war frei und ungebunden, und die Frau war hübsch. Der schmale Goldreif am Ringfinger ihrer rechten Hand störte Mager nicht. Auf mehr als einen Flirt würde er sich ohnehin nicht einlassen, denn von festen Beziehungen oder gar einer Ehe hatte er die Nase gestrichen voll.

Erst als sich die Hochzeitsgesellschaft an die Kaffeetafel setzte, verabschiedete er sich von seiner sexy Gesprächspartnerin – nicht ohne ihre Handynummer in der Tasche zu haben. Vielleicht würde er sie tatsächlich einmal anrufen, um mit ihr einen Abend und möglicherweise auch eine heiße Nacht zu verbringen.

Langsam lenkte Robert den Bus die enge Kameralamtsgasse hinauf und bog nach rechts in die Hochbrücktorstraße ein. Das Busunternehmen Franke-Reisen war in der Gemeinde Oberlautern ansässig, zwanzig Kilometer außerhalb von Rottweil, und gehörte damit zum Landkreis Balingen. Das alteingesessene Familienunternehmen war jedoch weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt, und besonders der Oldtimerbus wurde in der ganzen Region der südlichen Alb und des Südschwarzwalds oft und gerne gebucht.

Robert sah auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, konnte er rechtzeitig zum Beginn der Sportschau zu Hause sein. Er favorisierte den VfB Stuttgart, der heute gegen Schalke spielte – und das Spiel, das Premiere in voller Länge zeigte, wollte er sich nicht entgehen lassen. Nach wenigen Minuten verließ er die Tempo-20-Zone der Unteren Hauptstraße und drückte aufs Gaspedal. Auf der alten B 27 nach Balingen herrschte wenig Verkehr, seit die neue Umgehungsstraße gebaut worden war. In diesem Moment erklang die Melodie des Songs TNT von AC/DC, und Robert runzelte die Stirn. Er hatte das Radio doch gar nicht eingeschaltet. Es war auch nicht sein Handy, denn er war kein Liebhaber von Hard Rock. Nach einem kurzen Seitenblick entdeckte er das Mobiltelefon seines Chefs Andreas Franke in der Ablage an seiner linken Seite. Robert schmunzelte. Bestimmt würde der sein Handy schon vermissen, denn er war kaum ohne das Ding anzutreffen, das neben Telefon auch Navigationsgerät, Adressbuch, Musicplayer und Minicomputer war. Robert beschloss, ihm das Telefon zu Hause vorbeizubringen, nachdem er den Bus in der Firma abgestellt hatte, denn die Inhaber des Unternehmens wohnten beide in unmittelbarer Nähe des Betriebsgeländes. Dadurch würde er allerdings den Anfang des Fußballspiels verpassen; er hatte mit Franke jedoch ohnehin etwas zu besprechen.

Robert konzentrierte sich wieder auf die Straße. Nachdem er das Viadukt, das hier den noch jungen Neckar überquerte, passiert hatte, schaltete er zwei Gänge zurück, um die Geschwindigkeit zu verringern, was den Motor des Oldies zum Knattern brachte. Die Straße fiel nun steil ab und mündete in eine scharfe Linkskurve. Immer wieder kam es an dieser Stelle zu Verkehrsunfällen, besonders in den Wochenendnächten, wenn jugendliche Raser unter Alkoholeinfluss durch die enge Kurve heizten. Vor der gefährlichen Stelle trat er auf die Bremse, denn diese Kurve musste er mit dem Bus in Schrittgeschwindigkeit nehmen. Er kannte die Strecke wie seine Westentasche – immerhin fuhr er seit rund zehn Jahren für das Busunternehmen.

Im Bruchteil einer Sekunde, weniger als ein Lidschlag, registrierte Robert, dass sein Fuß ins Leere trat.

»Scheiße!«, entfuhr es ihm, und er versuchte es erneut, doch die Bremse reagierte nicht. Seit Jahren regelmäßig geschult, alle Widrigkeiten zu überwinden, kuppelte Robert und schaltete einen Gang herunter, um die Geschwindigkeit weiter zu verringern. Das Getriebe knirschte, aber die Bremswirkung setzte nicht ein, im Gegenteil – der Bus wurde immer schneller. Robert sah die Haarnadelkurve mit der hohen Betonmauer, die den darüberliegenden Hang stützte, mit rasender Geschwindigkeit auf sich zukommen. Mit schweißnasser Hand zog er die Handbremse, darauf vorbereitet, jeden Moment ins Schleudern zu geraten, aber auch diese Bremse schlug nicht an. Hektisch lenkte er den Bus nach links.

Das Letzte, was Robert Mager wahrnahm, war ein grässliches Knirschen, als der Bus die Mauer entlangschrammte, die Windschutzscheibe in tausend Scherben splitterte und sich die Glasscherben in sein Gesicht bohrten. Dass sich der Bus danach zweimal überschlug und auf dem Dach liegenblieb, bemerkte er schon nicht mehr.

1

Kriminalhauptkommissar Jürgen Riedlinger hatte die Lehne seines Bürostuhls nach hinten gekippt und lag, die Füße auf dem Schreibtisch, entspannt und mit geschlossenen Augen da. Er dachte nach. Das konnte er in dieser Stellung am besten, auch wenn es aussah, als schliefe er. Sein Vorgesetzter würde das, falls er es jemals sähe, bestimmt missbilligen. Zum Glück war Riedlinger von Udo Vogel, dem Leiter der Polizeidirektion Rottweil, noch nie in dieser misszuverstehenden Position angetroffen worden.

Als sich die Tür zu seinem Büro öffnete, zuckte Riedlinger schuldbewusst zusammen. Es war jedoch nicht Vogel, der eintrat, sondern ein braungebrannter und drahtiger Mann Mitte vierzig.

»Aufwachen, Riedl, es gibt Arbeit!«

Wolfgang Mozer war der Einzige im Präsidium, der seinen Kollegen mit dessen Spitznamen, der Riedlinger seit seiner Schulzeit anhaftete, ansprechen durfte.

»Ich schlafe nicht, Motzi«, brummte Riedlinger und revanchierte sich mit dem Namen, den sein Kollege seinerseits nicht gern hörte. Er nahm die Füße vom Tisch und streckte seine Glieder ausgiebig wie eine Katze. »Ich bin den Einbruch in dem Juweliergeschäft noch mal durchgegangen und denke, wir sollten diesen … wie hieß er noch mal …?«

»Georg Kaluppka, genannt Bruch-Schorsch«, sprang Mozer in die Bresche und nickte zustimmend. »Ja, mir scheint der Typ auch nicht ganz koscher zu sein, aber er hat ein lückenloses Alibi.« Er legte eine schmale grüne Akte vor Riedlinger auf den Tisch. »Du brauchst dir deinen Kopf aber nicht länger über den Raub zu zerbrechen, den Fall sind wir los.«

Riedlinger hob fragend die Augenbrauen. »Wieso das? Okay, es ist Sache des Raubdezernats, aber …«

»Wir haben einen neuen Fall«, sagte Mozer und deutete auf die Akte.

Riedlinger schlug die erste Seite auf und runzelte die Stirn.

»Der Busunfall unten beim Viadukt? Schlimme Sache, ich hab im Schwarzwälder Boten darüber gelesen. Zum Glück waren keine Fahrgäste an Bord, aber der Busfahrer war auf der Stelle tot, nicht wahr?«

Mozer nickte und seufzte. »Leider war es kein Unfall. Gestern Abend kam der Bericht der KTU rein. Du findest ihn in der Akte. Kurz zusammengefasst: Der Bus ist verunglückt, weil die Bremsen versagt haben. Dabei hat allerdings jemand nachgeholfen.«

Riedlinger richtete sich kerzengerade auf. Nun war seine volle Aufmerksamkeit geweckt, und er überflog den fünfseitigen Bericht der kriminaltechnischen Untersuchung.

»Die Bremsen wurden manipuliert«, murmelte er schließlich. »Und zwar gründlich, selbst die Zuleitung der Handbremse wurde angeschnitten.« Er stand auf und seufzte. »Somit müssen wir von einem Tötungsdelikt ausgehen. Weiß die Staatsanwältin schon Bescheid?«

Mozer nickte. »Ich komme gerade von Frau Dr. Pfeffer. Sie hat uns mit der Aufklärung des Falles beauftragt. Dann fangen wir also mal an …«

Zwei Stunden später hatten die beiden Kommissare alle Informationen über Robert Mager durchgesehen. Die Streife, die zu dem Unglück gerufen worden war, hatte bereits das Wichtigste abgeklärt und protokolliert.

»Mager war seit drei Jahren geschieden und hat allein gelebt«, fasste Riedlinger zusammen. »Die Nachbarin, übrigens eine äußerst gesprächige ältere Dame, die Tür an Tür mit ihm wohnt, hat gemeint, er habe wechselnde Frauenbekanntschaften gehabt. Nun, der Mann war gerade mal vierzig Jahre alt und Single.«

»Vielleicht ein eifersüchtiger Ehemann?«, spekulierte Jürgen Mozer und deutete auf das Lichtbild in der Akte. »Robert Mager war ein attraktiver Mann. Vielleicht gab es unter seinen Freundinnen eine verheiratete Frau?«

Riedlinger seufzte und stand auf. »Wir werden alle seine Bekanntschaften befragen müssen. Hat man seine Wohnung bereits durchsucht? Ein Adressbuch und sein Computer wären hilfreich.«

»Die Spurensicherung ist gerade dabei«, antwortete Mozer. »Die Hausdurchsuchung hat die Staatsanwältin gleich heute Morgen veranlasst, als klar war, dass es sich nicht um einen Unfall handelt. Ob in den vergangenen Tagen jedoch schon jemand in der Wohnung war, wissen wir nicht. Es gibt jedenfalls keine Einbruchspuren, die KTU wird sicherheitshalber versuchen, Fingerabdrücke, die nicht von Mager stammen, zu finden.«

Er griff nach seiner Jacke und ging zur Tür. Nach dem heißen Wochenende zeigte sich der Juni jetzt von seiner regnerischen Seite, und es hatte deutlich abgekühlt.

»Bis wir Handy, PC, Notizbücher und Sonstiges aus Magers Besitz vorliegen haben, schlage ich vor, wir unterhalten uns einmal mit seiner Exfrau. Sie wohnt hier in Rottweil, wir können zu Fuß gehen.«

Mozers letzte Bemerkung veranlasste Riedlinger zu einem Stöhnen. Sein Kollege war eine regelrechte Sportskanone. Er wohnte in Zimmern, einer eigenständigen Gemeinde außerhalb Rottweils, und fuhr zu jeder Jahreszeit und bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad ins Präsidium. Nicht dass Mozer keinen Führerschein gehabt hätte, nein, er mochte es einfach, sich an der frischen Luft zu bewegen. Wann immer es seine Zeit erlaubte, joggte er und nahm an diversen Stadtläufen in der Umgebung teil. Jürgen Riedlinger ging zwar auch ab und zu am Sonntag mit seiner Frau spazieren – sofern die Arbeit ihm überhaupt einen freien Sonntag erlaubte –, und früher hatte er einmal ein wenig Fußball gespielt. Sonst jedoch hielt er es mit Winston Churchill: No sports. Dieser Bewegungsmangel und Riedlingers Vorliebe für geschmälzte Maultaschen und Kässpätzle – beides natürlich am liebsten ohne überflüssige Salatgarnitur – sorgten für einen kleinen Bauchansatz. Das kümmerte ihn jedoch wenig. Karin, seine Frau, kochte einfach zu gut, und er würde sie keinesfalls beleidigen wollen, indem er plötzlich ihre Hausmannskost verschmähte und wie sein Kollege Körner, Gemüse und Salat futterte.

Während Mozer zügig ausschritt, schlug Riedlinger den Kragen seiner Jacke hoch, denn der kühle Wind ließ ihn frösteln. Hoffentlich gab es nicht wieder so einen regnerischen Sommer wie im letzten Jahr. Vielleicht würde er Karins Wunsch nach einem Urlaub in der Türkei oder auf den Kanaren doch mal nachgeben. Wenn er nur nicht so ungern in ein Flugzeug steigen würde …

»Wir sind gleich da«, sagte Mozer und riss Riedlinger aus seinen Gedanken.

Es war wirklich nicht weit gewesen – von der Kaiserstraße aus, in der sich das Polizeipräsidium befand, hatten sie den Stadtgraben durchquert, waren ein Stück den schmalen Roßwasenweg entlanggegangen und dann die steilen Treppen in die Schramberger Straße hinaufgestiegen. Riedlinger geriet bei den vielen Stufen ins Schnaufen, dabei rauchte er seit Jahren nicht mehr, während sein zehn Jahre jüngerer Kollege wirkte, als wäre er gerade aus einem erholsamen Mittagsschlaf erwacht. Sie bogen nach links ab und fanden schnell das gesuchte Haus.

Mit gerunzelter Stirn sah Mozer erst auf die Klingelschilder neben der Eingangstür des Vierfamilienhauses, dann auf seinen Notizblock.

»Komisch, in der Akte steht diese Hausnummer, hier scheint aber keine Frau Mager zu wohnen.«

Kurz entschlossen drückte Riedlinger auf die Klingel mit dem Allerweltsnamen Maier, und kurz darauf ertönte das Surren des Türöffners. Im Hochparterre steckte ein älterer Mann in Jogginghosen und Unterhemd den Kopf aus seiner Wohnungstür.

»Was wollen Sie? Ich kaufe nichts«, blaffte er die beiden Kommissare unfreundlich an.

Riedlinger bemühte sich um sein freundlichstes Lächeln, als er sagte: »Wir suchen eine Frau Mager. Sie soll hier wohnen.«

»Mager? Kenne ich nicht. Wie sieht die denn aus?«

Mozer und Riedlinger tauschten einen Blick und zuckten die Schultern.

»Das wissen wir nicht, aber sie muss so etwa Mitte dreißig sein und …«

»… hat zwei kleinere Kinder«, vollendete Mozer den Satz seines Chefs.

Ein Erkennen zeigte sich auf dem Gesicht des Mannes. Er deutete nach oben.

»Meinen Sie vielleicht die Frau Häfele? Die wohnt im ersten Stock.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er die Tür hinter sich zu.

»Netter Zeitgenosse«, murmelte Riedlinger, als sie die Treppe hinaufstiegen.

Das Treppenhaus war zwar sauber, der Wandputz bröckelte an einigen Stellen jedoch ab, und die Stufen waren fast alle angeschlagen. Riedlinger wusste, dass diese Häuser im vorderen Abschnitt der Schramberger Straße alle zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut worden waren. Manche waren sehr liebevoll restauriert worden und die Mieten waren recht hoch. Dieses Haus gehörte offenbar nicht dazu. Wahrscheinlich hatte der Besitzer das Haus aus steuerlichen Gründen gekauft, kassierte die Mieten und kümmerte sich aber sonst kaum um das Gebäude.

An der Wohnungstür mit dem grauen Pappschild Häfele klingelte Riedlinger.

Die Tür öffnete sich einen Spalt und wurde dann von einer Kette aufgehalten. Eine hübsche blonde Frau um die dreißig schaute die beiden Fremden skeptisch an.

»Was wollen Sie?«

Riedlinger zückte seinen Polizeiausweis und hielt ihn der Frau vor die Nase.

»Kriminalhauptkommissar Riedlinger und mein Kollege Kriminaloberkommissar Mozer. Wir sind auf der Suche nach Frau Mager, der geschiedenen Frau von Robert Mager …«

Ein Schatten fiel über das Gesicht der Frau. »Einen Moment bitte.«

Die Tür schloss sich, und die Kommissare hörten die Kette rasseln. Die Tür öffnete sich und die Frau bat die beiden Männer hinein.

»Ich habe Ihren Kollegen doch schon alles erzählt«, sagte sie, während sie ins Wohnzimmer vorausging.

»Sind Sie Frau Mager?«, fragte Mozer und sah sich mit kundigem Blick um.

Binnen weniger Sekunden hatte er sich ein Bild gemacht – die Wohnung war klein, drei Zimmer höchstens, aufgeräumt und sauber, aber frei von jeglichem Luxus. Der Fernseher war schon einige Jahre alt, der Stoff der Couchgarnitur war an den Sitzstellen abgeschabt, die übrigen Möbel stammten von einem schwedischen Discounter und das Wohnzimmer hätte eine neue Tapete nötig gehabt.

»Nach der Scheidung habe ich meinen Mädchennamen wieder angenommen«, sagte Sybille Häfele und blieb mit vor der Brust verschränkten Armen im Zimmer stehen.

»Hören Sie, natürlich bin ich über den Tod meines Mannes … meines geschiedenen Mannes erschüttert, aber ich weine ihm keine Träne nach. Wir hatten nichts mehr miteinander zu tun, außer wenn er die Kinder am Wochenende geholt hat. Was jedoch eher selten war, Robert war lieber mit dem Bus irgendwo unterwegs.«

Ohne dazu aufgefordert zu sein, setzte Riedlinger sich in einen Sessel.

»Ich glaube, es ist besser, Sie setzen sich, Frau Ma… äh, Frau Häfele. Unsere Kollegen von der Streife haben Sie über den Unfall Ihres Mannes informiert, mein Kollege und ich sind jedoch von der Mordkommission.«

»Mordkommission?«

Alles Blut wich aus ihrem Gesicht und sie setzte sich schnell auf die Ecke der Couchgarnitur.

»Aber es war doch ein Unfall … Der Bus war alt, und die Bremsen …«

»… sind manipuliert worden«, vollendete Mozer den Satz.

Er war kein Freund langer Worte. »Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass es sich um einen gezielten Anschlag gehandelt hat. Jemand wollte Ihren Mann töten.«

»Meinen geschiedenen Mann«, wiederholte Sybille Häfele mechanisch und seufzte. »Ich habe ihn zwar gehasst, den Tod habe ich ihm aber nicht gewünscht.« Sie stand auf und sah die Kommissare fragend an. »Ich brauche jetzt etwas zu trinken. Darf ich Ihnen auch etwas anbieten, oder dürfen Sie im Dienst nichts trinken? Man sieht das ja immer im Fernsehen.«

Riedlinger lächelte freundlich. »Glauben Sie bloß nicht alles, was in den Krimis im Fernsehen gezeigt wird. Nein danke, mein Kollege und ich möchten nichts trinken. Wir haben nur einige Fragen an Sie.«

Sybille Häfele holte sich eine Flasche Apfelsaftschorle aus der Küche, nahm einen Schluck direkt aus der Flasche, dann setzte sie sich und sagte: »Fragen Sie, aber ich fürchte, ich werde Ihnen nicht viel sagen können.«

Mozer sah sich um. »Wo sind eigentlich Ihre Kinder? Es wäre besser, wenn sie von unserem Gespräch nichts mitbekommen.«

»Sie sind in der Schule beziehungsweise im Kindergarten.« Sie sah auf ihre Armbanduhr. »In einer Stunde muss ich den Kleinen aus dem Hort holen.«

Riedlinger lehnte sich ein Stück vor und taxierte Sybille Häfele von oben bis unten. »Ihr Jüngster geht noch in den Kindergarten? Sie sind doch seit über drei Jahren geschieden.«

Mit einer anmutigen Bewegung warf Sybille Häfele ihr schulterlanges Haar zurück und lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Sie können gut rechnen. Max ist knapp fünf. Mein Exmann hatte keine Skrupel, mit anderen Frauen ins Bett zu steigen, während ich hochschwanger war. Nun, warum auch? Er hat mich von Anfang an betrogen, doch als ich ihn geheiratet habe – übrigens weil ich mit Kevin schwanger war –, habe ich geglaubt, er würde sich ändern, wenn er erst einmal Familienvater ist und Verantwortung zu tragen hat. Ich habe mich geirrt, wie ich bald schmerzhaft feststellen musste.« Sie blickte von Mozer zu Riedlinger und sagte offen: »Bevor Sie mich jetzt fragen, ob ich nicht versucht habe, meine Ehe den Kindern zuliebe zu retten, muss ich Ihnen sagen, dass ich es zwar probiert habe, aber irgendwann war das Maß voll. Ich stamme selbst aus einer Familie, in der sich die Eltern nichts mehr zu sagen hatten. Manche denken, Kinder bekämen nicht mit, wenn sich ihre Eltern nicht mehr lieben, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ständige Streitereien einer Kinderseele viel mehr Schaden zufügen als eine schnelle und saubere Scheidung.«

»Sie sind sehr ehrlich«, stellte Riedlinger verblüfft fest.

Die meisten Leute, die er in den drei Jahrzehnten seines Berufes befragt hatte, zeigten sich der Polizei gegenüber eher zugeknöpft, und er musste ihnen die Informationen regelrecht aus der Nase ziehen.

Ein Blick aus ihren blaugrauen Augen traf ihn, als Sybille Häfele mit einem Schulterzucken bemerkte: »Ich habe nichts zu verbergen.«

»Vorhin haben Sie gesagt, Sie hassen Ihren Mann «, warf Mozer ein und verfolgte aufmerksam jede Reaktion der jungen Frau. »Das wäre ein starkes Motiv. Ich könnte verstehen, wenn Sie sich an Ihrem Mann rächen wollten.«

Sybille Häfele lachte laut auf und machte eine raumgreifende Handbewegung. »Sie können nicht im Ernst glauben, dass ich etwas mit dem Tod meines Ex zu tun habe? Das ist lächerlich! Schauen Sie sich hier um – meine Jungs und ich kommen gerade mal so über die Runden. An drei Abenden in der Woche, wenn mein Bruder auf die Kinder aufpassen kann, jobbe ich in einem Schnellrestaurant in Zimmern. Sie können sich bestimmt denken, dass damit keine Reichtümer zu verdienen sind. Mag Robert auch, was Treue betrifft, ein Schwein gewesen sein und sich nur unregelmäßig um seine Söhne gekümmert haben – den Unterhalt hat er bezahlt. Robert hatte einen guten Job, auch wenn er nicht viel verdient hat. Manchmal hat er ›vergessen‹, den Unterhalt pünktlich zum Ersten zu überweisen, aber etwas Geld kam immer. Warum also, meine Herren, sollte ich diesem Mann etwas antun? Mal davon abgesehen, dass ich von Autos und Motoren, Bremsen und dem ganzen Zeug keine Ahnung habe. Von Bussen noch viel weniger. Ich habe nicht einmal einen Führerschein.«

Riedlinger hatte sie reden lassen, ohne zu unterbrechen. Auf ihn wirkte Sybille Häfele völlig sicher, und er glaubte der jungen Frau. Dies sagte ihm sein Instinkt. Da Instinkt allein bei seiner Arbeit nicht ausreichte, musste er jedoch nachhaken.

»Können Sie sich vorstellen, wer einen Grund gehabt hätte, Ihren Mann zu töten?«, fragte er direkt.

Sybille Häfele lächelte grimmig. »Och, da gibt es sicher einige. Wenn er wollte, konnte Robert Frauen gegenüber sehr charmant sein. Wenn er eine ins Bett bekommen wollte, dann hat er ihr das Gefühl gegeben, für ihn die Einzige auf der Welt zu sein. Diese Aufmerksamkeit hat aber immer nur so lange angehalten, bis er gehabt hatte, was er wollte. Dann ließ er seine Eroberungen fallen wie eine heiße Kartoffel und hat sich auf die Suche nach dem nächsten Kick gemacht. Ich kann mir vorstellen, dass so manche dieser Frauen noch eine Rechnung mit ihm offen haben.«

»Können Sie uns Namen nennen?«, fragte Mozer gespannt.

Der grimmige Zug um Sybilles Mundwinkel vertiefte sich. »Tut mir leid, aber mit Roberts Weibergeschichten habe ich seit unserer Trennung nichts mehr am Hut. Es hat mich nicht interessiert, in wessen Betten er sich herumtreibt.« Sie stand auf und sah die beiden Kommissare eindringlich an. »Ich möchte nicht unhöflich sein, meine Herren, aber ich muss Max abholen. Ich will nicht, dass er warten muss, er fürchtet sich immer so schnell.«

Riedlinger und Mozer erhoben sich gleichzeitig, und Riedlinger zog eine Visitenkarte aus der Jackentasche.

»Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an, Frau Häfele. Auch wenn es Ihnen unwichtig erscheint, uns interessiert alles, was sich im Leben von Robert Mager ereignet hat, besonders in den letzten Wochen oder Monaten.«

Die beiden Kommissare waren bereits an der Tür und Mozer legte eine Hand auf die Klinke, als Sybille Häfele plötzlich die Stirn runzelte und sagte: »Warten Sie, mir fällt tatsächlich noch etwas ein.«

Erwartungsvoll sah Riedlinger sie an, doch dann schüttelte sie den Kopf und lächelte.

»Es ist wahrscheinlich völliger Blödsinn und Sie werden wieder sagen, ich schaue zu viele Krimis im Fernsehen.«

»Ganz bestimmt nicht, reden Sie«, forderte Riedlinger sie auf.

»Es war an Ostern, als Robert den Jungen Geschenke vorbeibrachte. Ich wollte nicht unhöflich sein und habe ihm einen Kaffee und ein Stück Kuchen angeboten. Dabei sind wir ein wenig ins Plaudern gekommen, und er erzählte von seiner Arbeit. Es hat mich nicht sonderlich interessiert, aber ich erinnere mich, dass Robert etwas von Schwierigkeiten in der Firma gesagt hat.«

»Schwierigkeiten?«, wiederholte Riedlinger. »Hat er Angst um seinen Job haben müssen?«

Sybille schüttelte den Kopf. »Nein, diesbezüglich gab es keine Probleme. Im Gegenteil, Franke-Reisen in Balingen ist eines der größten Busunternehmen im Umkreis, auch hier in Rottweil. Robert hat vielmehr von den zwei Firmenchefs gesprochen, irgendwie schien es da Streit gegeben zu haben. Und, ach ja, ich erinnere mich, Robert hat gesagt, die Firma hätte gerade ein Busunternehmen aus Albstadt übernommen, weil dessen ehemaliger Eigentümer Insolvenz anmelden musste. Offenbar war der stinksauer und hat den Frankes die Schuld für seine Pleite gegeben.«

Während Riedlinger aufmerksam zuhörte, hatte sich Mozer nebenbei eifrig Notizen gemacht.

»Wie heißt der Busunternehmer?«, fragte Riedlinger gespannt, aber Sybille Häfele schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung. Wie gesagt, die Sache hat mich nicht sonderlich interessiert.«

Mozer steckte Notizblock und Kugelschreiber in seine Jackentasche, dann öffnete er die Tür.

»Danke, Frau Häfele. Sie werden verstehen, dass wir wahrscheinlich noch mehr Fragen haben. Daher bitten wir Sie, die Stadt vorerst nicht zu verlassen.«

Sie lachte hell auf. »Keine Sorge, ich habe nicht vor zu verreisen. Wovon auch? Schlagen Sie es sich jedoch aus dem Kopf, ich könnte etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun haben. Ich weine ihm zwar keine Träne nach, aber ich habe ihn nicht umgebracht.«

Auf der Straße atmete Riedlinger tief ein und aus, und Mozer bedachte ihn mit einem nachdenklichen Seitenblick.

»Eine attraktive Frau, nicht wahr? Schwer vorstellbar, dass man eine solche Frau betrügt.«

Riedlinger lachte und zwinkerte seinem Kollegen scherzhaft zu. »Du kannst dein Glück ja bei ihr versuchen. Allerdings erst, wenn der Fall abgeschlossen und ihre Unschuld bewiesen ist.«

»He, Riedl, was denkst du von mir?« Entrüstet knuffte Mozer seinen Kollegen in die Seite. »Ich bin nicht erst seit gestern bei dem Laden, und weiß, dass wir bei einem Fall sämtliche Emotionen außen vor lassen müssen. Allerdings glaube ich nicht, dass Frau Häfele etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat.«

Riedlinger grinste. »Ich habe gleich gespürt, dass Sybille Häfele Eindruck auf dich gemacht hat, Motzi. Trotzdem solltest du ihr nicht alles glauben. Für mich zählt sie zum Kreis der Verdächtigen, denn Rache ist ein starkes Motiv.«

»Was ist mit dem Busunternehmen?«, wechselte Wolfgang Mozer das Thema. »Franke-Reisen, nicht wahr? Wurde mit dem Unternehmer bereits gesprochen?«

»Die Streife hat die Inhaber natürlich über das Unglück informiert, aber ich glaube nicht, dass die schon wissen, dass es gar kein Unfall war«, antwortete Riedlinger. »Ich weiß nicht, ob an irgendwelchen Schwierigkeiten was dran ist, aber wir sollten der Sache nachgehen. Im Moment haben wir noch keine richtige Spur, also müssen wir die geringste Kleinigkeit verfolgen. Finde bitte heraus, welches Unternehmen von Franke übernommen wurde.«

Mozer nickte. »Mach ich gleich, wenn wir im Büro sind. Das müsste im Internet recht schnell zu recherchieren sein.«

»Wir fahren nach dem Mittagessen mal nach Oberlautern raus und schauen uns das Unternehmen an.« Riedlinger verharrte vor einer Bäckerei. »Ich hole mir einen Leberkäswecken. Soll ich dir auch einen mitbringen?«

Wolfgang Mozers Blick glitt über Riedlingers nicht vorhandene Taille und er grinste. »Nein danke, ich habe mir von zu Hause einen Gemüseauflauf mitgebracht, den ich in der Mikrowelle aufwärmen kann. Du solltest es auch mal mit etwas mehr Gemüse und Salat versuchen …«

»Ja, ja, aber nicht heute«, unterbrach Riedlinger und ließ den Kollegen stehen.

Sein Magen knurrte vernehmlich, und beim Gedanken an ein Laugenweckle mit einer dicken Scheibe Leberkäse und ordentlich Senf darauf lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er würde sich den Appetit nicht durch seinen gesundheitsfanatischen Kollegen verderben lassen.

2

»Junge, du musst etwas essen.«

Liebevoll strich Martha Franke ihrem Sohn über das Haar, und Matthias grinste. Obwohl er bald seinen zweiundvierzigsten Geburtstag feiern konnte, war er für seine Mutter nach wie vor ein Junge und würde es wohl immer bleiben. Da er selbst Vater von vier Kindern war, konnte er seine Mutter verstehen, die ihrerseits drei Söhne großgezogen hatte.

»Ich habe keinen Hunger, Mama.«

Seufzend lehnte Matthias sich auf der bequemen Eckbank zurück. Hier hatte er schon als Kind gerne gesessen. Obwohl er mit seiner Familie seit Jahren ein großes, modernes Haus auf dem Firmengelände bewohnte, kam er immer gerne in sein Elternhaus und ließ sich bemuttern.

Martha Franke zog sorgenvoll die Stirn in Falten. »Es ist furchtbar, was geschehen ist. Der arme Robert wird jedoch nicht wieder lebendig, wenn du krank wirst. Gerade jetzt musst du für die Firma fit sein.«

»In der ganzen langen Unternehmensgeschichte ist noch nie ein Unfall geschehen, bei dem jemand ums Leben gekommen ist.« Matthias strich sich über die schweißnasse Stirn. In dem Raum war es sehr warm, und die Sonne malte bunte Kringel auf die weiß-rot-karierte Tischdecke.

Martha Franke, eine kleine, zierliche und zugleich energische Frau Ende sechzig, setzte sich neben ihren Sohn und nahm seine Hand.

»Deinem Vater und mir raubt der Unfall ebenfalls den Schlaf. Letzte Nacht hat Vater die ganze Zeit wach gelegen und hat darüber nachgegrübelt, warum die Bremsen versagt haben. Der Bus war in einem einwandfreien Zustand, und Andreas hat ihn doch erst zwei Tage zuvor gründlich gewartet und an diesem Vormittag nochmals überprüft.«

Matthias schob den Teller mit dem Wiener Schnitzel, von dem er mit Mühe und Not gerade mal drei Bissen gegessen hatte, von sich. Er schaute durch die Glasfront, die den Raum von drei Seiten umschloss und das Esszimmer fast in einen Wintergarten verwandelte, auf das Nachbarhaus – ein altes, restauriertes Fachwerkhaus mit einem heruntergezogenen Dach und einem über die gesamte Stirnseite verlaufenden Balkon mit üppig blühenden Geranien.

»Hast du schon drüben die Blumen gegossen?«, wechselte er das Thema.

»Heute noch nicht, ich warte, ob es noch stärker regnet«, entgegnete Martha Franke. »Wenn es nach Andreas ginge, würden die Blumen verdorren, aber so ist er nun mal. Dein Bruder hatte noch nie Zeit, sich um das Haus zu kümmern.«

Das Haus war von Matthias’ Urgroßvater im Jahr 1910 erbaut worden, und bis vor drei Jahren hatte Matthias mit seiner Familie dort gewohnt. Dann hatten sie neu gebaut und seitdem wohnte sein jüngerer Bruder Andreas in dem Haus, das mit seinen acht Zimmern für ihn allein eigentlich viel zu groß war.

»Andreas war mit den Nerven am Ende, als er von dem Unfall erfahren hat«, sagte Matthias. »Ich hoffe, auf seiner Fahrt passiert nichts. Leider hat er sich nicht überzeugen lassen, jemand anderen fahren zu lassen. Jeder hätte es verstanden, wenn er sich ein paar Tage freigenommen hätte.«

»Andreas ist routiniert genug, um sich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren«, beruhigte Martha Franke ihren Sohn. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es wird ihm nichts geschehen. Nur dumm, dass wir ihn per Handy nicht erreichen können.«

»Er hat gestern Abend vom Hotel in Paris aus angerufen«, erwiderte Matthias, und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. »Dass sein Handy weg ist, macht Andreas beinahe ebenso zu schaffen wie der kaputte Bus. Du weißt ja, dass er nie ohne das Ding aus dem Haus geht. Da er jedoch am Montagmorgen gleich nach Paris fahren musste, konnte er sich so schnell kein neues besorgen.«

Martha begann, den Tisch abzuräumen. »Das Handy kann man ersetzen, den Bus auch. Ein Menschenleben allerdings nicht. Natürlich weiß ich, dass Roberts Tod Andreas sehr getroffen hat, doch manchmal wünsche ich mir, der Junge könnte mehr Gefühle zeigen. Er ist immer so verschlossen, ich weiß oft nicht, was in seinem Kopf vor sich geht.«

»Ja, seit der Sache mit Claudia ist Andreas noch stiller geworden«, deutete Matthias an, wollte dann jedoch das Thema mit der Exfreundin seines Bruders nicht weiter vertiefen. Es lag ihm eine andere Sache auf dem Herzen. »Mama, ich weiß nicht, was wir mit dem Sommerfest machen sollen.«

Martha Franke runzelte die Stirn und sagte: »Du denkst doch nicht daran, das Fest abzusagen?« Als sie genau diese Antwort im Gesicht ihres Sohnes las, schüttelte sie energisch den Kopf. »Matthias, Roberts Tod ist tragisch, aber unser jährliches Sommerfest können wir deswegen nicht ausfallen lassen. Es findet bereits in zwei Wochen statt. Die Plakate hängen überall aus, die Handzettel sind verteilt, die Zeitungen haben die Vorankündigungen gebracht und unsere Stammkunden sind informiert. Du weißt ebenso wie ich, dass uns das Fest jedes Mal neue Kunden beschert.«

»Ich finde es irgendwie pietätlos«, wandte Matthias ein.

»The show must go on«, zitierte Martha, die gut Englisch sprach, ebenso wie Französisch, Italienisch und ein wenig Spanisch, was das jahrzehntelange Reisen zusammen mit ihrem Mann mit sich gebracht hatte. »So ist das Business eben. Du kannst bei der Eröffnungsrede eine Gedenkminute für Robert abhalten. Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Kunden ihr Vertrauen in unser Unternehmen nicht verlieren.«

Bevor Matthias etwas erwidern konnte, läutete das Telefon in der Diele. Martha hob ab, sprach ein paar Worte und kehrte dann ins Esszimmer zurück. »Das war deine Sekretärin. Zwei Herren von der Polizei sind in der Firma und wollen dich sprechen.«

Matthias Franke stand auf, umarmte liebevoll seine kleine und zierliche Mutter und küsste sie auf die Wange.

»Dann gehe ich wieder hin. Danke für das Essen, Mama, und grüß Vater, wenn er vom Arzt heimkommt. Ich hoffe, sein Blut ist in Ordnung. Mal sehen, ob die Polizei neue Erkenntnisse hat und wann wir den Bus wiederbekommen können. Andreas möchte ihn so schnell wie möglich reparieren, du weißt, wie sehr sein Herz an dem Oldie hängt.«

»Wenn er sein Herz nur mal wieder an eine Frau verschenken würde«, murmelte Martha beim Hinausgehen.

Matthias achtete nicht auf die Worte seiner Mutter. Er hatte andere Probleme, als sich mit dem Liebesleben seines Bruders zu beschäftigen.

Während Jürgen Riedlinger und sein Kollege Mozer in der modernen Ledersitzgruppe in dem hellen Empfangsbereich der Firma Franke-Reisen Platz nahmen, ging Riedlinger durch den Kopf, was sie in der letzten Stunde über das Busunternehmen herausgefunden hatten. Die Firma verfügte über eine informative Website, auf der nicht nur das ausführliche Reiseprogramm des Jahres stand, sondern auch Angaben zur Geschichte gemacht wurden. Anfang des letzten Jahrhunderts war ein Wilhelm Franke aus Brandenburg bei Berlin in die kleine Gemeinde Oberlautern im Zollernalbkreis gekommen. Warum und wieso – darüber standen keine Informationen auf der Website, es erklärte allerdings den Namen, der im Schwabenländle eher unüblich war. Im Jahr 1920 hatte Wilhelm Franke mit dem Omnibusbetrieb begonnen und unterhielt den ersten Linienverkehr zwischen Oberlautern und den Städten Balingen und Hechingen. Seitdem befand sich das Unternehmen im Familienbesitz und war der größte Arbeitgeber in Oberlautern: Zweiundvierzig Busse mit fünfunddreißig Fahrern waren regelmäßig im Einsatz, dazu kamen Büroangestellte, Kfz-Mechaniker – die Frankes reparierten und warteten alle ihre Busse selbst – und eine achtköpfige Putzkolonne. Franke-Reisen beschäftigte regelmäßig etwa fünfzig Personen. Als Geschäftsführer war Matthias Franke eingetragen, der die Firma vor zwei Jahren von seinem Vater Horst übernommen hatte. Zweiter Inhaber war Andreas Franke, wohl ein Bruder, mutmaßte Riedlinger.

»Meine Herren, Herr Franke ist jetzt hier.«

Die freundliche Sekretärin namens Haaser trat zu Riedlinger und Mozer, und die beiden Kommissare erhoben sich. Ein mittelgroßer Mann trat ein, und Riedlinger musste ihm neidlos eine gewisse Ähnlichkeit mit George Clooney zugestehen, wenngleich Matthias Franke einige Jahre jünger als der amerikanische Frauenschwarm war. Frankes dunkles Haar war an den Schläfen ergraut, was ihn aber nicht älter, sondern interessant wirken ließ, und seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und gut proportioniert.

Riedlinger zückte seinen Ausweis. »Riedlinger, Kripo Rottweil, und das ist mein Kollege Mozer. Herr Franke, wir hätten einige Fragen an Sie.«

Matthias nickte und bat die Herren in sein Büro, das im Erdgeschoss neben der Empfangshalle lag.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte er, und bevor Riedlinger ablehnen konnte, sagte Mozer schnell: »Ein Glas Wasser bitte.«

Matthias Franke bat Frau Haaser, eine Flasche Mineralwasser und Gläser zu bringen. Dann lud er die Kommissare ein, an einem runden Tisch Platz zu nehmen.

Riedlinger sah sich mit einem raschen und geschulten Blick um. Eine Angewohnheit von ihm war, immer zuerst die Umgebung der Menschen, mit denen er es zu tun hatte, zu erfassen, denn die Gestaltung und die Einrichtung von Räumen ließ Rückschlüsse auf den Charakter der jeweiligen Person zu. Das Büro war, wie das ganze zweistöckige Firmengebäude, hell und luftig und mit modernen Holzmöbeln eingerichtet. Eine breite und hohe Fensterfront gab den Blick frei auf das Tal der Lauter und auf die Randausläufer der Schwäbischen Alb bis hin zur imposanten Burg Hohenzollern.

»Schön haben Sie es hier«, entfuhr es Riedlinger unwillkürlich, der sich eine solche Aussicht gerne vor seinem Bürofenster gewünscht hätte.

»Der neue Betriebshof wurde erst vor zwei Jahren eröffnet.« Stolz schwang in Matthias Frankes Stimme mit. »Vorher waren wir direkt im Ort, aber die Hallen sind für unseren Fuhrpark zu klein geworden, also haben wir uns zu einem Neubau entschlossen.« Er lehnte sich vor und fixierte Riedlinger mit einem Blick aus seinen dunkelbraunen Augen. »Sind Sie gekommen, um mir zu sagen, wann wir unseren Bus wieder haben können? Ihre Ermittlungen sind inzwischen sicher abgeschlossen, nicht wahr?«

Riedlinger schüttelte den Kopf und kam gleich zur Sache. »Es tut mir leid, aber wir müssen Ihnen mitteilen, dass der Bus ein einziger Schrotthaufen ist. Ich kenne mich damit zwar nicht aus, denke aber, dass selbst ein versierter Mechaniker nichts mehr an diesem Bus reparieren kann.«

»Oh, nein!« Matthias stöhnte. »Das wird Andreas hart treffen!«

Mozer runzelte die Stirn. »Andreas?«, fragte er.

Matthias nickte. »Mein jüngerer Bruder und Mitinhaber der Firma. Während ich mich um alle geschäftlichen und wirtschaftlichen Belange kümmere, ist Andreas für das Praktische zuständig. Er ist unser bester Fahrer, überwacht unsere Mechaniker und schraubt selbst an den Bussen herum. Der Oldie … ich meine der Oldtimerbus ist ihm regelrecht ans Herz gewachsen. Vor vier Jahren hat unser Vater den Bus zufällig auf einem privaten Gelände irgendwo auf der Ostalb entdeckt, den Besitzer ausfindig gemacht und hat ihn kaufen können. Danach hat mein Bruder über ein Jahr in jeder freien Minute an dem Bus gearbeitet, bis die Reparaturen abgeschlossen waren und das Fahrzeug für den Straßenverkehr zugelassen werden konnte. Bis heute lässt Andreas niemand anderen an den Bus und hält ihn selbst instand.«

»Ach, dann hat Ihr Bruder den technischen Zustand des Busses überprüft?«, warf Riedlinger ein. »In diesem Fall wäre es sinnvoll, mit ihm zu sprechen.«

Matthias zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Es tut mir leid, aber mein Bruder befindet sich in Paris. Er musste am Montagmorgen, zwei Tage nach dem Unfall, mit einer Reisegruppe nach Frankreich fahren. Die Reise war seit Monaten fest gebucht.«