Acedia - Alexandra Schmidt - E-Book

Acedia E-Book

Alexandra Schmidt

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Beschreibung

Carl ist verschwunden. Auf Robinie und im Bromedornhaus wurde der Notstand ausgerufen. Diesmal gilt es einmal mehr, dass die sich langsam annähernden Familien Audorn und Hederich Hand in Hand arbeiten. Während Edda mit der eifrigen Suche nach ihrem Onkel beschäftigt ist, trifft sie auf gute Freunde und alte Feinde, die ihr eine Spur aus Fährten und neuen Fragen legen. Wurde Carl wirklich entführt? Oder ist am Ende alles ganz anders? Und obendrein ist da immer noch diese Sache zwischen Edda und ihrem gewitzten Großvater, der ihr ein unwiderstehliches Angebot gemacht hat ...

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Seitenzahl: 207

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Carl ist verschwunden. Auf Robinie und im Bromedornhaus wurde der Notstand ausgerufen. Diesmal gilt es einmal mehr, dass die sich langsam annähernden Familien Audorn und Hederich Hand in Hand arbeiten.

Während Edda mit der eifrigen Suche nach ihrem Onkel beschäftigt ist, trifft sie auf gute Freunde und alte Feinde, die ihr eine Spur aus Fährten und neuen Fragen legen. Wurde Carl wirklich entführt? Oder ist am Ende alles ganz anders?

Und obendrein ist da immer noch diese Sache zwischen Edda und ihrem gewitzten Großvater, der ihr ein unwiderstehliches Angebot gemacht hat …

Alexandra Haber (geb. Schmidt) wurde 1990 geboren und studierte an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie lebt mit ihrer Familie im malerischen Sauerland.

Weitere Veröffentlichungen:

Die Betonys (Band I – VI)

Flanders Fluch

Banale Liebesgeschichten

Ein Winterspecial

Für meine geliebte Familie!

Inhaltsverzeichnis

Prolog 1987

27 Jahre später : Donnerstagabend Der Ringula zu Singrün

30 Minuten später Robinie zu Schotendorn

Vor vier Tagen Selve

Vor drei Tagen Robinie zu Schotendorn

Wenige Wochen zuvor auf Robinie zu Schotendorn

In Audorns Wintergarten

Vor zwei Tagen am Steinlinder Stausee

Gestern Heiliggeist-Klinikum zu Singrün

Heute Donnerstagmittag Selve

Zurück in Audorns Arbeitszimmer

Freitagmorgen Auf der Pferderennbahn von Zimis

Zwei Stunden später Der Pferdehof Greifenhorst

Samstag Das Laboratorium zu Selve

Sonntagnacht Zaucken bei Faldron 00.30

Einige Stunden zuvor

Eine Woche später : Sonntagnachmittag Robinie zu Schotendorn

Einige Wochen später

Epilog

Prolog 1987

Vortrefflich! Wirklich ganz außergewöhnlich!

Was für ein überaus gescheites Köpfchen dieser kleine Kerl doch auf seinen Schultern trägt. Seine Mutter hat ihn wirklich beispielhaft großgezogen, das kann man nicht leugnen.

Wie genau diese Unterlagen doch sind!

Er hat wirklich gewissenhaft gearbeitet und jedes noch so kleine Detail aufgeschrieben. Darüber hinaus äußerst stringent. Auch als Laie kann man die Vorgänge ziemlich gut nachvollziehen; zumindest solange, bis man an die Grenzen des eigenen Verständnisses stößt. Aber was macht das schon? Diesen Kopf hat er immerhin von ihm. Mag seine Mutter noch so gescheit und weltgewandt gewesen sein, die Raffinesse hat der Bursche jedenfalls von ihm. Und er ist ausnehmend stolz auf ihn. Was für ein prächtiger Bursche! Wenn seine anderen beiden Jungs nur einmal halb so viel erreichen wie dieser Kerl, will er schon zufrieden sein. Zumindest einer der von ihnen ist ein genauso pfiffiger Schlaukopf wie dieser hier und will Arzt werden.

Ach, man macht ja doch so einiges verkehrt in seinem Leben, aber die Jungs sind allesamt ganz gut gelungen. Wenn sein kleines Kuckucksei bloß nicht so störrisch wäre!

Was könnten sie nicht noch alles gemeinsam erleben und erreichen! Aber dafür will er schon sorgen. Der Junge wird sich an ihn gewöhnen müssen, ob es ihm nun gefällt oder nicht.

Natürlich kann er ihn ja verstehen. Ihm ist vollkommen bewusst, wie tief er das Kind damals verletzt haben muss. Aber ein gutes Gedächtnis ist manchmal mehr ein Hindernis, statt sonderlich hilfreich. Sie sollten nach vorn blicken und nicht mehr an Gefühle von vor dreizehn Jahren denken.

Während der gutaussehende, edel gekleidete Mann Ende vierzig noch in dem Stapel sorgsam bereitliegender Notizbücher und Ordner blättert, wachsen sein väterlicher Stolz und seine eigene Selbstzufriedenheit über diesen prächtigen Knaben, den er eher beiläufig in diese Welt gesetzt hat. Er ist ganz vertieft darin und fragt sich heimlich, ob er all das auch dann noch so spannend finden würde, wenn es nicht zufällig sein eigenes Fleisch und Blut wäre, das diesen brillanten Hokuspokus verzapft hat.

Er hat ihn nicht kommen hören.

War er etwa die ganze Zeit über schon da?

Sein bitteres Kichern reißt den vermögenden Stifter aus seiner Lektüre hoch und lässt ihn über die Schulter blicken. Da steht er zwischen seinen Armaturen und Apparaturen, die Hände in die Hosentaschen geschoben, die Hornbrille auf das üppige Kraushaar gesetzt und die Augen seiner Mutter auf ihn geheftet.

»Haben Sie sich ernsthaft der Illusion hingegeben, ich würde Ihnen alles auf einem Präsentierteller hier liegen lassen? Ich hielt Sie wirklich für raffinierter.«

Sonderlich überrascht ist der Stifter nicht über diese Eröffnung. Er erhebt sich, legt das Notizbuch zur Seite und kommt dem Schlaukopf entgegen.

Dieser grinst düster und tippt sich mit dem Finger gegen die Stirn.

»Sie müssten doch am besten wissen, wo Geheimnisse am sichersten sind, hm? Da drin! Dort können Sie es mir nicht wegnehmen.«

»Wegnehmen?«, wiederholt der Stifter mit einem herablassenden Glucksen. »Du sprichst mit mir, als sei ich ein Dieb.«

Mit seinen Taubenaugen wandert der Knirps einmal an ihm herauf und herunter, als wolle er diese Eröffnung untermalen. Er will sich abwenden. Diese Attitüde provoziert den Älteren und er fasst den jungen Mann beim Ellbogen.

»Du entziehst dich mir bei jedem Gespräch, das Carl arrangiert, und ich habe dich bisher gelassen. Aber du scheinst zu vergessen, dass ich ein Anrecht darauf habe, von dir in deine Untersuchungen eingeweiht zu werden.«

»So?«, gibt der Junge kühl zurück und entzieht ihm seinen Arm. »Carl erstattet doch immer ganz musterhaft Bericht. Sind Sie auch mal zufrieden?«

Er kann ja so arrogant herüberkommen!

Von wem hat er das nur? »Was Carl zu erzählen hat, ist nicht halb so interessant wie das, was du da in deinem schlauen Köpfchen ausbrütest. Und ich verlange von dir, dass du darüber mit mir sprichst!« Mit der sanften Tour hat er es monatelang versucht. Wenn der Bursche zanken will, kann er das haben!

Der Junge will zur Tür gehen, aber da hat er sich gebissen! Der Stifter schiebt sich davor und sieht ihn warnend an. Wenn er eines nicht leiden kann, dann ist es, dass ihm jemand den Rücken zukehrt.

»Du gehst erst, wenn ich es dir erlauben!«

Das findet er lustig und lacht.

»Wollen Sie mir drohen?«

»Ich will dich daran erinnern, Edo, dass ich das Kuddelmuddel in deinem Kopf bezahle und endlich einmal wissen will, ob sich das auch lohnt. Woher weiß ich, dass das, was du in deinem Köpfchen hast, auch wirklich etwas taugt? In der Theorie können du und Carl mir viel erzählen. Habt ihr bisher jemals einen Taaffeit hergestellt, hm?«

Das Grinsen auf dem jungen Gesicht welkt und einen Moment lang scheint der Kerl zu überlegen.

Schon besser. Er hat ihn aus der Fassung gebracht und so hat es der Stifter am Liebsten.

Der Angesprochene schiebt die Hand in die Innentasche seines Jacketts und zieht ein kleines, weiches Etui hervor. Er öffnet es und nimmt einen kleinen glänzenden Stein heraus.

Ahnungsvoll hebt der Sponsor die buschigen Augenbrauen und lächelt zufrieden.

»Sieh einer an. Und der ist in der Tat selbst hergestellt?

Oder hast du dir einen besorgt, den du mir jetzt als deinen eigenen …«

»Wenn Sie mir nicht glauben, bitte sehr«, grunzt der Junge spöttisch und steckt den Stein zurück in das Etui. »Kaufen könnte ich ihn mir jedenfalls nicht.«

»Nun sei doch nicht gleich beleidigt. Gib mal her!«

»Sie haben ihn gesehen und das genügt völlig. Er gehört meiner Frau. Ich habe ihn ihr geschenkt.«

»Ich will ihn dir doch nicht wegnehmen, Junge«, sagt der Stifter und ist langsam genervt. »Ich will ihn untersuchen und gegebenenfalls auch noch ein paar Fachleute hinzuziehen. Danach gebe ich ihn dir zurück.«

Der Doktorand zieht die Augenbrauen über der Nase zusammen, die der Stifter als seine eigene erkennt. Wenngleich nicht so groß wie er, ist er ihm doch ähnlicher als er es in Wahrheit wohl akzeptieren will. Und starrsinnig obendrein! Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. »Ich habe Ihnen den Stein gezeigt und meine Unterlagen haben Sie gesehen. Den entscheidenden Formelteil, den man für die Herstellung benötigt, habe ich im Kopf. Sobald wir damit an die Öffentlichkeit gehen, rücke ich ihn heraus.«

»Solange will ich aber nicht warten«, sagt der Stifter ungeduldig. »Du wirst mir diesen ganzen Vorgang jetzt einmal säuberlich demonstrieren!«

»Wozu? Sie wollen sich bloß wieder mit mir beschäftigen. Um den Stein scheren Sie sich doch einen Dreck.« »Kind, was ist denn nur dein Problem?«, wird er ärgerlich und versperrt ihm noch immer den Weg zur Tür.

»War ich nicht immer freundlich zu dir?«

Das belächelt der Junge kopfschüttelnd.

»Wir haben unterschiedliche Auffassungen von freundlich.«

»Habe ich dein kleines Herzchen damals verletzt, Edo, ist es das?«, fragt der Stifter kühl und muss schmunzeln, als der Junge kurz die Augen niederschlägt. »Nun, du bist doch auch ohne mich zurechtgekommen und hast dich gemacht. Ich bin stolz auf dich. Jetzt hat uns das Schicksal doch noch zusammengeführt. Das hattest du dir doch gewünscht.«

»Hören Sie sich nur an!«, ruft der Doktorand. »Sie drehen sich die Wahrheit immer so wie sie Ihnen gerade passt, nicht wahr? Ich wollte vor langer Zeit meinen Vater kennenlernen, aber dieser Mann hat sich geweigert. Natürlich tat das weh, aber ich habe die Entscheidung akzeptiert und mein weiteres Leben an ihr ausgerichtet. Und jetzt kommen Sie daher und werfen alles einfach wieder über den Haufen? Stehen Sie endlich zu Ihren Entscheidungen, Herr Audorn! Man kann im Leben nicht ständig hin- und herspringen.«

Der Angesprochene lacht.

»Willst du mich jetzt mit deiner Lebenserfahrung belehren, Junge? Du hast mit Sicherheit viel erreicht und ich zweifle nicht daran, dass dein Weg durch mein Fehlen erschwert war. Aber unsere Wege haben sich erneut gekreuzt und von Zufällen halte ich nichts. Ich biete dir meine Hand noch einmal an. Lass uns endlich die Vergangenheit begraben und nach vorn blicken. Wir können eine Familie sein.« Der Junge schaut ihn an, als habe er etwas Peinliches gesagt. Die graublauen Taubenaugen wandern etwas hektisch hin und her, als überlege ihr Besitzer kurz, ob er seine noch unausgesprochene Entscheidung verwerfen solle.

»Ich habe meine Arbeit und meine Frau. Mir fehlt nichts«, sagt er nun kalt. »Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, trennen sich unsere Wege. Falls ich damit Ihrem Herzchen Schmerz zufüge, tut es mir aufrichtig leid. Aber dann wissen Sie ja endlich einmal wie das ist. Mit Ihrem ganzen Geld können Sie mich nicht kaufen. Der einzige Mensch, der mich an sich binden kann, ist dieser hier.« Er hält seinen Ehering hoch. »Und zwar ganz ohne Zwang.«

Gänzlich unerschüttert schaut der Stifter sein Gegenüber an. Der Junge kann noch so selbstbewusst auftreten, für ihn ist das Ganze nur eine Befriedigung seiner verletzten Gefühle. Nun gut, dann wollen sie doch mal andere Saiten aufziehen! Manchmal bietet es sich an, die Rangfolge zu klären. Das macht die Zukunft einfacher.

»Wenn dir an deinem Frauenzimmer so viel liegt, dann sei jetzt endlich ein braver Junge und rück den Stein heraus. Danach zeigst du mir deine Arbeit.«

Der junge Mann erblasst und sieht ihn ungläubig an.

Dann will er sich entschlossen an ihm vorbeidrängen.

»Es reicht, Herr Audorn. Ich werde jetzt gehen.«

»Du gehst nirgendwo hin!«, knurrt der Stifter und hält ihn am Arm fest; als der Junge sich lösen will, packt er fester zu und merkt sehr wohl, dass er ihm wehtut, aber das ist ihm egal. »Du tust jetzt, was ich dir sage, hörst du!«

Kränkung und Trotz schimmern in den Kristallaugen, ganz wie damals, als sie noch zu der Frau gehörten, die er sein Leben lang nicht vergessen kann: Edda Betony, diese Schönheit an Geist und Leib.

»Schau mich nicht so an mit deinen Taubenaugen!«, schnaubt der Stifter unbarmherzig und will den Jungen zu seinen Apparaturen ziehen. Gleichzeitig versucht er, ihm das Etui abzunehmen.

»Lass mich los!«, faucht der Doktorand und wehrt sich.

»Ich hasse dich! Du hast kein Recht dazu …«

»Ich habe hier jedes Recht und du spielst jetzt nach meinen Regeln!« Mit einem Ruck entzieht der Kerl sich ihm und sträubt sein Gefieder. Er wendet sich nicht etwa wieder der Tür zu, sondern geht in Kampfhaltung über.

Diese Sprache versteht der Stifter und grinst. Für ihn ist dieses Kräftemessen ein Spiel; etwas mehr, denn sie wollen jetzt endlich einmal klarstellen, nach wessen Pfeife sie hier tanzen.

»Gib den Stein her!«, befiehlt er ruhig und will danach greifen. »Deine Frau kriegt ihn zurück.«

»Nein! Du wirst dir nichts von mir nehmen und mich endlich in Ruhe lassen. Ich will mit dir nichts zu tun haben, begreif das endlich!«

Der Stifter packt ihn beim Handgelenk, um ihm den Stein wegzunehmen und raunt ihm in wütendem Spott zu: »Mein Junge, du kannst dich noch so wehren und strampeln, mich wirst du nicht mehr los. Wir gehören jetzt zusammen und am besten gewöhnst du dich langsam daran. Ich wollte behutsam vorgehen, aber das willst du ja offensichtlich nicht. Du rückst jetzt den Stein heraus und zeigst mir deine Arbeit. Danach schauen wir uns mein Schwiegertöchterchen an. Wie heißt sie noch? Elinor? Ich gebe ihr den Stein gern persönlich zurück. Wie sieht es denn inzwischen aus? Ist in ihrem Bäuchlein vielleicht schon etwas drin?«

Jetzt wird der Junge blass wie die Wand, woraus der Stifter schließt, dass er ins Schwarze getroffen hat. Ist Elinor schwanger mit seinem ersten Enkelkind? Oh, wenn sie erst diese lächerlichen Streitigkeiten im Keim erstickt haben, blicken sie ja doch noch schönen Zeiten entgegen! Aber der Bursche will einfach nicht.

Er wehrt sich, will sein Handgelenk lösen und beginnt, gegen den Stifter anzukämpfen. Was für eine Kraft der kleine Kerl doch hat! Langsam macht dem Sponsor das Ganze doch noch Spaß.

Allerdings nicht mehr lange. Für den Jungen ist es nämlich überhaupt kein Spaß; vielmehr bitterer Ernst.

Sie ringen miteinander.

Erst zurückhaltend, dann heftiger.

Der Stifter will dem Doktoranden den Stein wegnehmen und dreht sein Handgelenk herum, dass er spüren kann, wie weh ihm das tut. Endlich schlägt der Knirps zu.

»Lass mich in Ruhe!« Wieso klingt er jetzt so verzweifelt? Die blauen Augen lodern nicht mehr vor Hass. Sie sehen anders aus. Ist es Angst? Er soll sich mal nicht so anstellen.

Den Stein soll er herausrücken und dann …

»Was machst du denn da? Du tust mir weh!«

Er will ihn ja loslassen, aber vorher muss er gehorchen.

Wieso zappelt er nur so heftig? Er will ihm doch gar nichts tun, aber er zwingt ihn dazu.

Der Stifter kann die Spannung der jungen Sehnen unter seinem Griff fühlen, die Hitze der Angst, die durch den Stoff seines Jacketts dringt. Das selbstbewusste Gesicht schaut ihm ungläubig entgegen.

»Was hast du vor? Lass mich los! Bitte lass mich los!«

»Du – sollst – tun, – was – ich – sage!«

Wieso lässt er diesen vermaledeiten Stein nicht endlich los? Der Ältere packt noch härter zu und merkt gar nicht, dass der Junge den Stein gar nicht loslassen kann, so fest quetscht er ihm die Hand.

Ruft er jetzt ernsthaft um Hilfe?

Was soll dieser Blödsinn? Er will ihm doch nichts tun, sondern nur …

Der Junge schreit lauter. Was soll denn dieses Theater?

Will er sämtliche Studenten als Zuschauer herlocken?

Der Stifter versucht, ihm den Mund zuzuhalten, aber der Kerl wehrt sich mit der Kraft der Verzweiflung.

»Papa!«

Er soll doch nur still sein und ihm den Stein …

Die Wucht in seiner eigenen Hand erstaunt ihn einen Moment lang, auf den stumpfen Knall folgt das Splittern von Gläsern und dann herrscht Stille.

Der Sponsor kann sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hören und sein Herz trommelt hart gegen die Rippen. Der Junge ist nun still. Er liegt am Boden zwischen den Scherben und …

»Edo?«, hört er sich selbst sagen und tritt zögernd einen Schritt vor. »Junge? Nun stell dich nicht so an und steh auf. Hast du nicht gehört? Du sollst aufstehen! Na los!« Noch während er das sagt, spürt der Stifter, dass ihn etwas verlässt. Als weiche eine unbestimmte Essenz aus seinem Körper. Langsam schleicht sich Panik näher und er geht neben dem jungen Mann in die Knie.

»Edo? Edo! «

Die Taubenaugen sind geschlossen.

Erst jetzt sieht er die hässliche Wunde unter dem schönen, dunklen Haar und eine dunkelrote Spur zeichnet sich an seiner Schläfe ab, bildet einen breiter werdenden Farbkontrast auf dem sterilen, hellen Fußboden.

Namenloses Entsetzen schwillt in seinem Hals an. Der Finanzier schaut in seine rechte Hand und entdeckt einen unförmigen Gegenstand, der schwerer ist als er es beim Aufnehmen empfunden hat. Als habe man ihm einen elektrischen Schlag versetzt, lässt er ihn fallen.

»Edo!« Jetzt ruft er. »Wach auf! Mein Junge, komm schon! Bitte mach die Augen auf!« Der Junge hört nicht. Mit zitternder Hand berührt der Stifter das Gesicht, das mit einem Male nicht mehr das Gesicht eines erwachsenen Mannes ist, sondern das einen Kindes. Blass und verletzlich. Sein Kind.

»Nein!«, keucht der Stifter ungläubig und vor seinen Augen flimmern Lichter, als er seine roten Finger sieht. »Das ist alles nicht wahr! Das passiert nicht wirklich!«

Er packt den Jungen und schüttelt ihn, verpasst ihm einen Klaps gegen die Wange; noch einen und noch einen. »Bitte! Edo, wach auf! Es tut mir leid! Bitte wach doch auf!«

Er zieht den Mann in seinen Arm und rüttelt ihn, presst sein Ohr an seine Brust, horcht nach einem Lebenszeichen, schmeckt Blut und Salz auf seiner Zunge.

»Was habe ich getan! Oh, gütiger Himmel! Hilf mir!«

Er spürt, dass er ihn ruft und beim Namen nennt, aber er hört seine eigene Stimme nicht mehr.

Sein Hals wird heiser und doch kommen seine eigenen Worte aus weiter Ferne. Die Taubenaugen sind zu. Seine Lippen pressen sich verzweifelt auf den jungen Mund und versuchen, ihm den Lebenshauch zurückzugeben, aber der Geschmack des Todes raubt ihm die eigene Luft.

Von irgendwoher dringt eine weitere Stimme, die näherkommt. Die Tür zum Labor wird aufgestoßen und der dunkle Schopf von Dr. Carl Hederich schiebt sich hinein. In stummem Entsetzen schaut er auf die beiden herab, rekonstruiert rudimentär, anhand des dargebotenen Bildes, was geschehen ist.

»Leo, was hast du getan?«, ruft er fassungslos und geht neben Edo in die Knie. »Du hast ihn umgebracht!«

Wenige Augenblicke herrscht stummes Grauen.

Hederich fängt sich als Erster und der Stifter fühlt sich auf seine Füße gezogen.

»Hau ab, Leo! Schnell! Ich erledige das.«

Benommen deutet der Stifter auf den klobigen Briefbeschwerer und Carl greift nach einer Tüte, stülpt sie darüber und nickt ihm zu. »Geh endlich! Ich lasse ihn verschwinden. Keiner wird ihn wiederfinden.«

Der Stifter flieht.

Er flieht in die späte Abendstunde, hinaus in die spätsommerliche Luft und hinein in eine Zukunft, in der er nie wieder frei sein wird.

Niemals soll er den verängstigten Ausdruck dieser Taubenaugen vergessen, kurz bevor sie sich für immer schlossen …

27 Jahre später

Donnerstagabend Der Ringula zu Singrün

Das Ende des Winters ist unberechenbar in Steinlind und Umgebung. Es kann bis zum Wonnemonat auf sich warten lassen oder schleichend über Nacht eintreten; wie ein Dieb, der nicht ertappt werden will.

Dieses Jahr kommt sein Ende sehr spät, es scheint ewig auf sich warten lassen zu wollen. Der Februar ist frischgeboren, dunkel und grau. Die Temperaturen bleiben konstant um null Grad, Eis taut, um sogleich wieder zu gefrieren. Blitzeis lässt viele Autos stehenbleiben.

Heute ist der erste Tag, an dem sich ein wenig Sonnenlicht am Himmel gezeigt hat; nun neigt sich der ohnehin kurze Tag dem Abend zu.

Wenige Strahlen der unterkühlten Sonne brechen durch eine lachsfarbene Wolkendecke und stechen in ein paar gletschergraue Augen, die, je nach Lichteinfall, die Farbe verblasster Veilchenblüten annehmen; manches Mal gleichen sie dem graublauen Gefieder zarter Tauben.

Edda blinzelt und schirmt diese Augen mit ihrer Hand ein wenig gegen das Abendlicht ab. Sie geht an der Singrüner Uferanlage des Ringulas entlang, eines breiten Flusses, der knapp hinter Schotendorn entspringt und sich bis weit hinter Selve schlängelt. Während sie sich eine Zigarette zwischen die Zähne schiebt, merkt Edda, dass ihre Hände unruhig sind.

Kein Wunder.

Im Hause Hederich ist der Ausnahmezustand erklärt worden. Eddas Tante Astrid hängt in den Seilen und Edda selbst hat das Gefühl, eine Faust hielte ihr Herz umklammert. Wie ein nervöser Puma rennt sie an der gefrorenen Uferanlage auf und ab. Menschen tummeln sich, schieben Kinderwagen, telefonieren, halten Händchen oder rücken ihre Mützen zurecht, um sich gegen den eisigen Wind zu schützen.

Edda nimmt sie alle kaum wahr.

Sie wartet auf einen Anruf, der jeden Augenblick bei ihr eingehen wird.

Doch ein paar Sekunden lang hält sie nun inne, hebt die kleine Himmelfahrtsnase in die Luft und atmet den kaum merklichen Geschmack von sich wandelnden Zeiten ein. Die Welt dümpelt in der Flaute des Winterschlafs und man könnte glauben, die Unschuld des junggeborenen Jahres müsse weiter andauern.

Da bimmelt Eddas Handy forsch. Sie seufzt ahnungsvoll und schaut gar nicht erst nach der Nummer. Es ist ihr völlig klar, wer anruft.

»Sag mir, dass es sich hier um einen gewaltigen Irrtum handelt, Edda Betony!«, dringt die altvertraute Stimme des Stifters an ihr Ohr; eine Stimme wie flüssiges Benzin unter ihrer glimmenden Zigarettenglut. »Oder gar ein Scherz?«

»Weder noch«, sagt Edda und wünschte, sie könnte anders antworten. »Ich hatte ja inständig gehofft, du seist dafür verantwortlich, aber René versicherte mir bereits mit Nachdruck, dass …«

»Wieso eigentlich immer ich?«, schnaubt Leonard Audorn ungehalten. »Nein, ich höre erst jetzt davon. Wie lange ist das her, Edda? Sag schon!«

Edda schnippt Asche von ihrer Zigarette und setzt an:

»Ich glaube, Astrid sprach bereits von über dreißig Stunden, als sie mich kontaktierte und …«

» … und das ist schon viel zu lang!«, fällt ihr Großvater ihr ins Wort. »Schwing dich hierher, Mädchen! Und zwar zackig!«

30 Minuten später Robinie zu Schotendorn

Mit knirschenden Reifen parkt Edda ihren grünen Geländewagen in der weitläufigen spiegelglatten Einfahrt vor dem großen Herrenhaus aus Gründerzeit. Es liegt vor einem aschegrauen Himmel und wirkt bedrohlich und beruhigend zugleich auf Edda.

Sie hastet die Stufen zur Eingangstür hinauf und zückt ihren Schlüsselbund, doch da wird ihr aufgetan und sie blickt Frau Mewes ins Gesicht, die ihre Jacke nur halb angezogen hat und ins Freie flüchtet.

»Oh, Frau Betony, ich weiß ja nicht, ob Sie ihn beruhigen können, aber er hat eine entsetzliche Laune! Ich weiß nicht, was er heute …«

Beschwichtigend klopft Edda ihr auf die kräftige Schulter, obgleich sie selbst gern mit Frau Mewes das Weite suchen würde.

»Schon in Ordnung«, seufzt sie. »Ob ich ihn beruhigen kann, bezweifle ich zwar, aber zumindest verschaffe ich ihm Beschäftigung. Fahren Sie vorsichtig, es ist sehr glatt.«

Edda betritt den altertümlichen Korridor und erklimmt die Stufen in den ersten Stock. Sie erreicht die Tür zum Arbeitszimmer und atmet einmal tief durch. Gerade will sie anklopfen, da wird die Tür schon aufgerissen und ihr Großvater steht groß und mit funkelnden Augen vor ihr, schnappt sie beim Arm und zieht sie herein, als bestünde die Gefahr ihrer Flucht.

»Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für solch ein Durcheinander, das kann ich dir sagen«, begrüßt er sie und platziert Edda bestimmt auf dem Stuhl gegenüber von seinem Schreibtisch. Er selbst lässt sich auf der Kante des Tisches nieder und schaut Edda drängend an.

»Erzähle mir alles, was geschehen ist, Kind! Wo ist Carl?«

»Das«, sagt Edda gedehnt. »ist die Frage, die wir uns alle stellen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.«

Audorn zieht die buschigen Augenbrauen über der Nase zusammen. »So gänzlich aus heiterem Himmel?«

»Gänzlich«, nickt Edda und steht auf, weil seine Aufregung auf sie übergeht. Sie stellt sich ans Fenster und schiebt sich mit nervösen Fingern eine Zigarette zwischen die Lippen.

»Nun lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!«, stöhnt Audorn ungeduldig und trommelt mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte herum. »Du weißt, dass ich ihn mehr brauche, denn je! In wenigen Tagen ist die Prämiere und wir veröffentlichen die Formel deines Vaters. Edos Taaffeit-Formel, Himmel noch eins!«

»Ja, doch, ich weiß.«

»Dann heraus mit der Sprache! Seit wann ist Carl verschwunden? Seid ihr euch auch ganz sicher, dass er nicht in irgendeinem Winkel eingedöst ist?«

Edda räuspert sich und holt tief Luft: »Zuletzt sah ich ihn zu Hause, als ich ihn um etwas bat. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Nun steht auch Audorn auf, der nicht mehr ruhig sitzen kann.

»Hat ihn deine Bitte etwa aus der Fassung gebracht und verjagt?«

»Wohl kaum.«

»Worum ging es? Nun mach doch endlich mal den Mund auf, Kind, das ist ja unerträglich!«

Aus dem Augenwinkel wirft Edda ihm einen missmutigen Blick zu.

»Er sollte mir zeigen, wie ich dich besiegen kann.«

Kurzes Schweigen.

»Sieh einer an«, nimmt ihr Großvater dies zur Kenntnis und ein herausforderndes Grinsen zuckt durch seinen Bart. Einen Augenblick lang verdrängt seine Eitelkeit die Aufregung und er schlägt vor: »Wieso fängst du nicht ganz von vorn in deiner Geschichte an, Edda?«

Also gut.

Dann von Anfang an …

Vor vier Tagen Selve

»Was soll das heißen, du weißt es?«, schnaubt Edda grimmig und sieht Tewes nicht in die Augen. »Wieso kommt er damit ausgerechnet zu dir?«

Tewes lehnt an seinem Motorrad, die mit Öl befleckten Hände putzt er sich an einem Lappen ab, der kaum noch seinen Zweck erfüllt. Sie haben sich weiter nach hinten in die Werkstatt zurückgezogen, denn Tewes‘ Kollegen müssen nicht jedes Detail brühwarm aufschnappen. Sie spicken ohnehin viel zu neugierig mit riesigen Lauschlappen zu ihnen herüber.

»Ich schätze,«, antwortet Tewes mit hochmütiger Miene. »weil er wusste, dass man mit mir vernünftig reden kann.«