Acht Zimmer, Küche, Meer - Anna Rosendahl - E-Book

Acht Zimmer, Küche, Meer E-Book

Anna Rosendahl

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Beschreibung

Das Glück liegt in der Meeresbrise

Marina hat das alte Haus auf Rügen geerbt, von dem sie schon als Kind fasziniert war. Allerdings muss sie der alten Josefine lebenslanges Wohnrecht gewähren. Trotzdem nimmt Marina das Erbe an und baut das Gebäude gemeinsam mit ihrer Schwester zu einem Gästehaus um. Doch sie fragt sich, warum ausgerechnet sie das Haus geerbt hat. Als auch noch eine entfernte Verwandte auftaucht, die Erbansprüche stellt, beschließt sie, für Klarheit zu sorgen, und macht sich auf Spurensuche. Denn sie will um das Haus kämpfen …

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Seitenzahl: 455

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Zum Buch

Die ersten Lebensjahre hat die fast dreißigjährige Landschaftsgärtnerin Marina mit ihrer Familie auf Rügen verbracht. Damals ist sie aus Neugierde mit ihrer Schwester Katharina in das rätselhafte Haus geschlichen. Dabei wurden sie vom Hausherrn auf dem Dachboden erwischt, der die beiden Kinder postwendend wieder zu Hause ablieferte. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Und nun soll ausgerechnet sie in dem Reetdachhaus auf dem Hügel wohnen, das neben den acht Gästezimmern einen Kater, einen feuchten Keller, die ruppige Josefine und ein paar Flaschen selbst gebrauter Liköre beheimatet?

Atmosphärisch und berührend, leicht und humorvoll: für alle Leserinnen von Liz Balfour und Monika Peetz.

Zum Autor

Anna Rosendahl wurde im November 1968 in Bottrop geboren. Sie studierte Kunstpädagogik und arbeitet heute als Lehrerin in einer Förderschule. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide. Dort hat sie neben ihrer Liebe zur Kunst auch die zum Schreiben entdeckt.

ANNA ROSENDAHL

ACHT ZIMMER, KÜCHE, MEER

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Originalausgabe 04/2014

Copyright © 2014 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Redaktion: Eva Philippon

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik∙Design, München

Umschlagmotiv: © Henner Damke, Tilo G./shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-13009-1

www.heyne.de

Für meinen kleinen Bruder und meine große Schwester

Inhalt

1. Es hat alles einen Sinn

2. Das Haus kann dich nicht leiden

3. Ich wäre verrückt, wenn ich Nein sagen würde

4. Worauf wartest du noch?

5. Findus ist ein zähes Kerlchen

6. Der Alte hat überall Spuren hinterlassen

7. Hat es irgendwas mit Oma zu tun?

8. Es ist nicht deine Schuld

9. Als hättest du schon immer hier gewohnt

10. Ist die Hexe endlich weg?

11. Im Leben bekommt man nichts geschenkt

12. Ich werde hier nicht alleine sein

13. Schade, dass er dich nie kennengelernt hat

14. So glücklich habe ich dich lange nicht gesehen

15. Das nennt man praktische Genforschung

16. Ein Engel war Mutti aber auch nicht immer

17. Wenn das mal nicht ein gutes Zeichen ist!

18. Hast du Rasierapparat oder Haarbürste von ihm?

19. Hier ist der Ort, an dem ich glücklich bin

20. Warmer Apfelwein lähmt die Auffassungsgabe

21. Still und würdevoll steht er da

22. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn machen würde

23. Wie sich die Ereignisse manchmal überschlagen!

24. Fast so was wie Cousin und Cousine

25. Von oben sieht alles traumhaft schön aus

1.

Es hat alles einen Sinn

Das kannst du immer haben, jeden Tag, sage ich mir. Du musst nur Ja sagen.

Ich atme die feuchte, angenehm salzige Luft ein und spüre den immer stärker werdenden Wind über meine Wangen streichen. Es sind nur noch ein paar Meter, weiter den Hügel hinauf, am kleinen Waldstück vorbei, dann ist es endlich so weit. Ich kann das Haus sehen. Ich bleibe einen Moment stehen und lasse das Bild auf mich wirken. Vor zwanzig Jahren war ich das letzte Mal hier, und nun bin ich wieder da.

In meiner Erinnerung schien mir das Haus größer zu sein, aber damals war ich gerade mal acht. In diesem Alter hat man wahrscheinlich einen anderen Blick auf die Dinge.

Das grauschwarze Reetdach hebt sich hübsch von der weißen Fassade ab, die, genau wie früher, aussieht, als sei sie gerade frisch gestrichen worden. Vor dem Haus steht noch immer die Bank, auf dem der Alte gerne Pfeife rauchend gesessen hat. Den breiten Schotterweg, den ich nun entlanggehe, gab es allerdings noch nicht, die Hauszufahrt bestand nur aus platt getretener Erde.

Ich fasse in meine Jackentasche und greife nach dem Schlüssel. Dass der Alte mir das Haus vermachen will, kann ich einfach nicht glauben. Es könnte tatsächlich bald mir gehören; ich muss jetzt nur durch diese Tür hineingehen. Aber auf einmal macht sich ein mulmiges Gefühl in mir breit. Ich bin merkwürdig ergriffen. Was erwartet mich da drinnen?

Ich entschließe mich, den Schritt noch ein wenig hinauszuzögern, und werfe vorher lieber noch schnell einen Blick in den Garten. Er liegt hinter dem Haus und grenzt an den Steilhang, der direkt zum steinigen Ufer hinunterführt. Hier habe ich mich als Kind oft heimlich aufgehalten. Am liebsten bin ich auf den alten Apfelbaum geklettert, von wo aus ich das ganze Terrain gut im Blick hatte. Aber auch das Dach des Schuppens gleich neben dem alten Nussbaum war ein ideales Versteck. Wenn ich mich flach daraufgelegt habe, konnte man mich von unten nicht sehen.

In den zwanzig Jahren hat sich nicht viel verändert. Es sind lediglich ein paar Obstbäume gepflanzt worden, die dem knorrigen Apfelbaum Gesellschaft leisten.

Wir haben Anfang März. Die Buchen am Rande des Gartens, die nur in den Sommermonaten den Blick zum Meer versperren, sind noch immer blätterlos. Ich kann bis hinunter zum Wasser sehen, das die gleiche Farbe wie der Himmel hat. Der Horizont ist kaum auszumachen. Die Sonne hat sich hinter den Wolken versteckt, aber einige Strahlen finden doch den Weg durch das dichte Grau hindurch und lassen das Wasser einen Moment lang golden schimmern. Es scheint mir, als hätte ich nie etwas Schöneres gesehen. Ich schließe die Augen und versuche, meine Gefühle und Gedanken zu sortieren.

Möchte ich wirklich mein altes Leben gegen ein komplett neues eintauschen? Der Alte hat mir das Haus vermacht, aber die Bedingung gestellt, dass ich die nächsten fünf Jahre hier wohnen muss. Das heißt, ich müsste meinen Job in Frankfurt aufgeben, meine Wohnung, meine Freunde – und Philipp. Der wird wahrscheinlich nicht mit mir nach Rügen ziehen. Und schon gar nicht so weit abseits, in ein einsames, auf einem Hügel gelegenes Haus. Das nächste Dorf, Nardevitz, besteht nur aus ein paar Häusern. Meine Oma hat dort gewohnt. Und einen Großteil unserer Kindheit haben meine Schwester Katharina und ich bei ihr verbracht. Wir lebten damals nur etwa drei Kilometer entfernt, in Lohme. Nah genug, um Oma oft besuchen zu können. Und jetzt bietet sich mir auf einmal die Möglichkeit, für immer dorthin zurückzukehren.

Philipp liebt Frankfurt, braucht den Trubel der Großstadt. Aber was ist mit mir? Ich fühle tief in mich hinein. Und dann höre ich ihn plötzlich, den Klang des Meeres. Unten in der Bucht brechen die Wellen, wenn sie auf die Felsen treffen, im gleichmäßigen Rhythmus. Ich bleibe noch einen Moment stehen, um dem aufwühlend und zugleich beruhigend monotonen Geräusch zu lauschen, dann gehe ich zurück zum Haus.

Die dunkle Eichentür lässt sich leicht öffnen. Sie springt wie von selbst auf, obwohl sie aus schwerem Massivholz gearbeitet ist. Der Notar hat mir den Schlüssel offiziell ausgehändigt. Ich darf mich in aller Ruhe umschauen, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Genau eine Woche habe ich Zeit dazu, danach verfällt das Vermächtnis. Dennoch fühle ich mich, als hätte ich etwas Verbotenes vor. Mein Herz klopft laut, als ich den ersten Schritt in den dunklen Eingangsbereich setze. Grünbergers Wohnbereich liegt zur linken Seite. Rechts befindet sich eine kleine Einliegerwohnung, in der seine Haushälterin noch immer lebt. Allerdings hält die sich zurzeit in Stralsund bei Verwandten auf, wie mir der Notar mitgeteilt hat. Ich bin also ganz alleine hier. Trotzdem rufe ich vorsichtshalber laut: »Hallo, ist irgendjemand hier?« Erst als ich keine Antwort bekomme, setze ich meinen Erkundungsgang fort.

Das Wohnzimmer schaue ich mir zuerst an. Manchmal, wenn Grünberger unterwegs war, und ich mich als Kind besonders mutig fühlte, warf ich einen Blick durch eines der Fenster. Mir fallen plötzlich die vielen Bücher in den hohen Regalen wieder ein, aber ansonsten erinnere ich mich an nichts. Es ist wohl schon zu lange her …

Der Raum ist um die dreißig Quadratmeter groß und in L-Form geschnitten. Durch die drei kleinen Fenster fällt mit Sicherheit auch in den Sommermonaten nicht viel Licht. Die hohen Buchen vor dem Steilhang geben bei hohen Temperaturen zwar Schatten, was bestimmt ganz angenehm ist, wenn es draußen heiß ist. Aber ich mag es hell. Am besten wäre es, die Fensterfront durch einen schönen großen Wintergarten zu ersetzen. Das gäbe genug Licht – und in den kalten Monaten einen herrlichen Blick bis hinunter zum Meer. Wenn man dann die schweren orientalischen Teppiche entfernen und das Parkett darunter auf Vordermann bringen würde, wäre der Raum perfekt. Einige der Möbel, wie den alten Buffetschrank und den schönen schweren Eichentisch, könnte ich behalten, vielleicht auch das Bücherregal, das noch immer die komplette gegenüberliegende Wand einnimmt. Vor den Kamin in die Ecke könnte ich meinen gemütlichen Sessel und den massiven kleinen Tisch stellen, den ich mir vom Schreiner habe anfertigen lassen, aber bisher nur als Ablage für meinen Laptop und Papierkram benutzt habe. Hier würde er bestimmt gut zur Geltung kommen. Vor dem lodernden Feuer wäre der ideale Platz zum Lesen. Ob der alte Grünberger auch immer dort gesessen hat? Es ist verrückt: Vor gerade mal zwei Stunden habe ich von dem Vermächtnis erfahren, und jetzt richte ich mich gedanklich schon im Haus ein. Dabei weiß ich noch gar nicht, wie ich mich entscheiden soll. Ich weiß ja noch nicht mal, warum ich das Haus bekommen soll.

Ich trete ans reich bestückte Bücherregal und ziehe wahllos eines der Werke heraus: Liebesgedichte von Erich Fried. Ich habe mit Goethe, Lessing oder Schiller gerechnet, nicht aber mit einem Buch, das ich selbst zu Hause stehen habe. Ob er es geschenkt bekommen hat? Gespannt schlage ich die ersten Seiten auf, in der Hoffnung, vielleicht auf eine Widmung zu stoßen. Ich kann keine finden. Schnell klappe ich den Band wieder zu und stelle ihn in die Lücke zurück. Ich fühle mich wie ein Eindringling, der sich unerlaubt in die Privatsphäre eines ihm weitgehend unbekannten Menschen drängt. Im Raum liegt noch viel Persönliches herum. Auf dem Couchtisch stapeln sich alte Tageszeitungen, über einem Stuhl hängt eine graue, grob gestrickte Wolljacke …

Warum ausgerechnet ich?, frage ich mich wieder. Warum wollte er, dass ich sein Haus bekomme und hier wohnen soll? Er kannte mich doch kaum, hat mich als Kind nur ein paarmal gesehen.

Ich lasse einen flüchtigen Blick über die vielen Buchrücken schweifen und fühle mich ganz plötzlich irgendwie einsam. Schade, dass Katharina jetzt nicht bei mir ist. Ich habe vorhin versucht, sie zu erreichen, aber es ging nur ihre Mailbox an. Sie ist heute beruflich zu irgendeinem wichtigen Kongress unterwegs, über den sie berichten muss. Wenn sie gewusst hätte, dass ich das Grünberger-Haus bekommen soll, hätte sie den Termin ganz sicher abgesagt und wäre mit auf die Insel gekommen. Aber in dem Brief des Rügener Notars stand nur, dass ich im Testament eines Verstorbenen bedacht wurde und ich mich umgehend melden soll. Am Telefon hat er mir dann mitgeteilt, es handele sich um einen verschlossenen Brief, den er mir gemäß dem Letzten Willen des Verstorbenen persönlich übergeben müsse. Ich bin davon ausgegangen, es könne nur ein schlechter Scherz sein. Katharina konnte sich bei meinem ersten Anruf auch keinen Reim darauf machen, hat aber irgendeinen entfernten Verwandten dahinter vermutet. Immerhin sind wir auf Rügen aufgewachsen. Allerdings hätten wir dann eigentlich beide einen Brief bekommen müssen. Also entschied ich mich dazu, der Sache auf den Grund zu gehen. Und ich staunte vorhin nicht schlecht, als ich vom Notar erfuhr, dass es sich bei dem Verstorbenen um Curt Grünberger handelt – und dass er mir sein herrschaftliches Haus vermacht hat.

Katharina jetzt noch einmal anzurufen macht keinen Sinn. Sie sieht ja, dass ich es vorhin schon versucht habe, und ruft zurück, sobald sie Zeit dazu findet. Aber vielleicht kann ich die ganze Sache doch etwas beschleunigen, indem ich ihr schon mal einen kleinen Ausblick auf mein Vermächtnis schicke.

Ich öffne eines der Fenster, schieße mit dem Handy ein Foto und schicke es per Textnachricht meiner Schwester.

Es dauert keine Minute, da ruft sie mich an.

»Ich bin wieder zu Hause, Marina. Tut mir total leid, dass ich mich jetzt erst melde, aber ich hatte wirklich Stress. Was ist passiert? Warum bist du nicht gefahren?«

»Wieso, wie kommst du denn darauf?«

»Na, wegen des Fotos. Also, was ist passiert? Welches Grundstück sollst du da verschönern?«

Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, was Katharina meint. Sie hat den Garten unserer Kindheit nicht wiedererkannt! Ich arbeite als Landschaftsgärtnerin, und jetzt denkt sie tatsächlich, ich sei in Frankfurt geblieben, weil ich kurzfristig einen Auftrag angenommen habe und sie darüber in Kenntnis setzen wollte.

»Nein, nein, ich bin hier, auf Rügen. Kannst du dich noch an das alte Haus erinnern, nicht weit von Großmutters entfernt, oben auf dem Hügel?«, frage ich.

»Das große weiße mit dem Reetdach und den grünen Fenstern? Na klar! Wie könnte ich das jemals vergessen? Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie wir uns damals auf dem Dachboden versteckt haben. Du wärst fast gestorben vor Angst, als der Alte uns erwischt hat.«

Das ist wieder mal typisch meine große Schwester! Sie war diejenige, die sich vor Aufregung beinahe in die Hose gemacht hat. Außerdem war es definitiv ihre Schuld, dass wir entdeckt wurden. Wäre sie einfach still geblieben, hätte uns Grünberger mit Sicherheit nicht bemerkt.

Katharina war damals zwölf, ich acht Jahre alt, als wir beschlossen, uns heimlich auf seinem Dachboden umzusehen. Wie jeden Tag hatten wir erst stundenlang am Strand in den angeschwemmten Algen herumgewühlt, in der Hoffnung, wenigstens einmal ein kleines Stückchen Bernstein darin zu finden. Dann waren wir durch das angrenzende Waldstück am Bach entlang hoch zu unserem Beobachtungsposten gestiegen, den wir einige Tage vorher errichtet hatten. Unser Versteck bestand aus dicken Ästen, die wir so um eine alte Buche drapiert hatten, dass es aussah wie ein Wigwam. Von dort aus hatten wir einen guten Blick auf das Haus, dessen Tür meistens offen stand.

Der Alte war mit seinem Fahrrad in Richtung Dorf gefahren. Ich erkannte die günstige Gelegenheit und überredete Katharina, sich mit mir ins Haus zu schleichen. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie die Treppenstufen knarrten, als wir Schritt für Schritt nach oben stiegen. Ich versuchte Katharina davon zu überzeugen, dass wir ruhig Krach machen könnten, weil uns ja sowieso niemand hören würde. Ich trampelte extra laut vor ihr die Stufen hoch und redete beschwörend auf sie ein, dass uns keiner erwischen würde. Grünberger fuhr regelmäßig zur gleichen Uhrzeit ins Dorf und kam etwa zwei Stunden später wieder zurück. Dann setzte er sich auf die Bank vor das Haus, paffte seine Pfeife und las die Zeitung. Ich hatte genau Buch geführt und die Dauer seiner Ausflüge notiert.

Vom oberen Geschoss aus konnte man über eine Holzleiter den Dachboden erreichen. Katharina war schon immer etwas ungeschickt und als Kind nicht gerade sportlich. Es kostete mich einiges an Überredungskunst, sie auf die wackelige Leiter zu kriegen.

Doch dann stellte sich heraus, dass ich mich irrte und meine akribischen Notizen leider keinen Pfennig wert waren. Wir hatten gerade erst unsere Erkundungstour auf dem Dachboden begonnen, als unten plötzlich die Tür ins Schloss fiel. Aus irgendeinem Grund war Grünberger unerwartet früh wieder zurückgekommen. Nur wenig später hörten wir, wie die Holzleiter, über die wir kurz davor selbst nach oben geklettert waren, gegen die Dachbodenluke polterte. Katharina blieb wie angewurzelt stehen, und ich zog sie geistesgegenwärtig hinter einen hoch aufgetürmten Stapel Kartons. Der Dielenboden knackte bedrohlich bei jedem Schritt, den der Alte auf uns zu machte. Ich lugte hinter den Kartons hervor und konnte genau sein grimmiges Gesicht mit den buschigen schwarzen Augenbrauen erkennen. Ich griff nach Katharinas Hand, hielt vor Aufregung die Luft an und schloss die Augen, aber dann entfernten sich auf einmal die Schritte. Der Alte war nur gekommen, um eine Luftpumpe aus einem Wandregal zu holen. Erleichtert atmete ich aus – so auch Katharina, sie allerdings wie ein vorlautes Ferkel.

»Du hast gegrunzt«, sage ich vorwurfsvoll in den Hörer, »wie ein kleines Schwein! Deswegen hat er uns auch entdeckt. Er konnte ja gar nicht wissen, dass wir da waren.«

»Ich hab nicht gegrunzt! Ich hab nur etwas lauter geschnauft, weil ich Heuschnupfen hatte und meine Nase verstopft war«, stellt meine Schwester mit Nachdruck klar. »Das wusstest du ganz genau. Und trotzdem hast du behauptet, ich hätte das mit Absicht gemacht! Dafür hätte mir jedoch der Mumm gefehlt. Ich hatte viel zu viel Angst vor dem unheimlichen Kerl. Du hast das Ganze ausgeheckt! Ich weiß es noch genau, du hast mir erzählt, Grünberger würde oben auf seinem Speicher kleine Kätzchen gefangen halten. Und ich habe dir geglaubt! Oma war stinksauer auf mich. So wütend hatte ich sie noch nie erlebt. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, dass wir uns nie wieder auch nur einen Schritt in die Nähe des Grundstückes wagen. Ständig musste ich als Ältere die Verantwortung für alles übernehmen. Oma hat mir immer aufgetragen, auf dich aufzupassen. Das war gar nicht so einfach. Du warst aus irgendeinem Grund total fasziniert von dem Ort, wie gebannt, wolltest nur noch hoch auf den Hügel und den Alten beobachten.«

»Er hatte wirklich einen Korb voller Katzenbabys. Ich habe ganz genau gesehen, wie er sie aus der Scheune ins Haus getragen hat!«, verteidige ich mich. »Das habe ich mir ganz bestimmt nicht eingebildet.«

»Marina, du hattest damals schon jede Menge Fantasie. Und zwar eine so lebendige, dass du wirklich an die Dinge geglaubt hast, die du dir eingeredet hast. Kannst du dich noch an deinen imaginären Freund, die Eiche, erinnern? Du hast dich damals tatsächlich mit dem Baum unterhalten. Du meintest, er fühle sich nicht wohl so ganz allein unter all den Buchen …«

»Katharina … Katta! Jetzt hör mir mal zu.« Meine Schwester kann es nicht leiden, wenn man sie unterbricht. Und sie mag es auch nicht, wenn ich ihren Namen abkürze, aber es ist der beste Weg, sie zum Schweigen zu bringen. Geschichten aus unserer Kindheit können wir uns ein anderes Mal erzählen. Jetzt brauche ich erst einmal ihren Rat.

»Die Fenster sind jetzt nicht mehr grün, sie sind weiß, so wie die Hausfassade. Es sieht schön aus, sehr schlicht und irgendwie doch edel. Und es passt unheimlich gut zu dem dunklen Reetdach.«

»Ja, und?«, hakt Katharina nach. »Du machst doch nicht so einen Wind nur wegen einer anderen Fensterfarbe! Es ist Ewigkeiten her, da ist es ganz normal, dass sich was verändert. Sag mal …« Katharina stutzt. »Marina, du bist da, nicht wahr? Du hast seinen Garten fotografiert. Ich fasse es nicht!«

»Du wirst mir das jetzt wahrscheinlich nicht glauben …« Ich lege eine bedeutungsvolle Pause ein, bevor ich weiterrede. »Ich glaube ja irgendwie selbst noch nicht daran, aber ich habe das Haus – geerbt. Ich muss nur noch unterschreiben.«

Katharina schweigt. Wahrscheinlich überlegt sie gerade, ob an der Sache was dran sein könnte oder ob ich mir einen Scherz mit ihr erlaube.

»Veräppelst du mich?« Ich kann ganz deutlich hören, wie sie aufgeregt im Raum umherläuft.

»Wie gesagt: Ich habe es geerbt. Oder besser gesagt, er hat es mir vermacht. Das heißt, er hat in seinem Testament bestimmt, dass ich es bekommen soll. Frag mich nicht, warum. Ich habe nämlich absolut keine Ahnung. Fakt ist, dass der alte Grünberger gestorben ist und ich das Haus bekommen soll.«

»Hm …«

»Glaubst du mir nicht?«

»Doch, natürlich. Es ist nur …«

»Was?« Ich sehe Katharina ganz deutlich vor mir. Bestimmt hat sie den Hörer unters Kinn geklemmt und ihre Daumen in den Gürtelschlaufen ihrer Jeans stecken. Und ganz sicher wippt sie jetzt mit den Fersen auf und ab, ein Zeichen dafür, dass es in ihrem Gehirn vor Fragen nur so rattert. Und dann geht es auch schon los.

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Du erbst einfach so sein Haus? So etwas passiert doch nicht so ohne Weiteres. Außer vielleicht in irgendwelchen schnulzigen Filmen. Also, erzähl schon!«

»Genaugenommen habe ich es nicht geerbt. Alleinerbe ist sein Sohn, das heißt, ihm steht es zumindest erst einmal rechtlich zu. Von ihm kann ich aber die Erfüllung des Vermächtnisses fordern – vorausgesetzt, ich will es. Der Alte muss steinreich gewesen sein, der Sohn erbt wohl ein beträchtliches Vermögen.«

»Ich wusste gar nicht, dass er einen Sohn hat. Und du meinst, der ist damit einverstanden und überlässt dir einfach so das Haus?«

»Keine Ahnung, einfach so bestimmt nicht, er muss aber. Es war der Letzte Wille seines Vaters.«

»Und du hast keinen blassen Schimmer, warum ausgerechnet du das Haus bekommen sollst? Wann ist er denn gestorben? Er war doch damals schon steinalt. Zumindest habe ich ihn so in Erinnerung.«

»Vor sechs Wochen. Er ist sechsundsiebzig Jahre alt geworden. Das heißt, er war damals sechsundfünfzig, als er uns auf dem Dachboden erwischt hat. Hätte ich nicht gedacht, aber als Kind denkt man doch über jeden, der jenseits der fünfzig ist, er sei so gut wie scheintot.«

»Okay, da ist was dran. Weißt du noch, wie du Mutti mit ihrer ersten grauen Strähne geschockt hast? Sie war gerade mal neununddreißig, als du sie gefragt hast, ob sie nun auch eine Oma sei. Gleich am nächsten Tag hat sie sich die Haare getönt.«

»Das weiß ich gar nicht mehr.« Ich kann mich an viele Dinge aus unserer Kindheit nur ganz grob erinnern. Katharina jedoch kennt auch kleinste Details. Sie hat ein wahnsinnig gutes Gedächtnis. Und sie wollte immer schon alles ganz genau verstehen. Dass sie Journalistin geworden ist, passt also wie die Faust aufs Auge zu ihr. Jetzt kann sie ungezwungen ihren Drang ausleben, den Dingen auf den Grund zu gehen.

»Das ist ja echt der Hammer, dass er dir das Haus vermachen will. Und du hattest nie wieder etwas mit ihm zu tun? Oder hattet ihr zwischenzeitlich Kontakt miteinander? Warst du etwa irgendwann mal wieder auf Rügen und hast ihn getroffen? Aber das hättest du mir doch erzählt! Ich verstehe das nicht. Und warum hat er so ein Geheimnis daraus gemacht? Was sollte das mit dem Brief? Warum musstest du erst nach Rügen zu diesem Notar fahren, um davon zu erfahren? Das ist doch merkwürdig. Stand in dem Brief noch irgendwas drin?«

»Nein, nur das Vermächtnis, keine Erklärung. Glaub mir, ich verstehe es auch nicht. Ich war seit unserer Kindheit nie wieder hier und hab auch nichts von ihm gehört. Ich hab ihn vor zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen, genau wie du. Ich bin selbst ganz überrascht. Ich habe die letzten Monate immer mal wieder an Rügen gedacht, an Oma, an Mutti, auch an das Haus. Und wie wir uns hier herumgetrieben haben. Aber das war’s auch schon. Wieso sollte ich Kontakt zu ihm gehabt haben? Wir hatten doch gar nichts miteinander zu tun.«

»Und der Notar hat sich auch nicht weiter darüber ausgelassen?« Dass Katharina die ganze Sache nicht einfach so hinnehmen würde, war mir klar.

»Nein, gar nicht! Er hat mir vorhin den Brief ausgehändigt mit den Worten, ich müsse ihn gleich lesen, damit wir danach ein paar Einzelheiten besprechen können. Als ich den Inhalt endlich begriffen habe, habe ich den Notar erst einmal nur fassungslos angestarrt. Meine erste Frage war dann einfach nur »Warum ich?«, doch darauf hatte er keine Antwort. Katharina, ehrlich, ich hab mir den Kopf zerbrochen, aber ich finde keine Erklärung dafür. Und der Notar weiß entweder wirklich nichts oder er wollte mir nichts sagen, wobei ich vermute, er ist wirklich nicht eingeweiht. Der Kerl machte jedenfalls nicht den Eindruck, als wollte er mir was verschweigen.«

»Aber du bist dir sicher, dass alles mit rechten Dingen zugeht? Nicht dass du am Ende noch draufzahlen musst!«

»Ich müsste Erbschaftssteuer zahlen, und zwar eine ganze Menge. Der Wert des Hauses muss noch ermittelt werden. Da ich nicht verwandt bin, wird nur ein kleiner Freibetrag abgezogen. Den Rest müsste ich bei einem Steuersatz von dreißig Prozent versteuern, so viel steht auf jeden Fall fest. Das wird teuer! Wahrscheinlich kann ich mir die ganze Sache sowieso nicht leisten. Aber darüber mache ich mir momentan noch keine Gedanken. Ich muss das Ganze erst einmal sacken lassen. Stell dir vor, ich stehe gerade in Grünbergers Wohnzimmer und schaue runter aufs Meer. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich wirklich wieder hier bin. Und diesmal auch noch ganz legal. Der Notar hat mir den Schlüssel gegeben, damit ich mich umschauen kann.« Ich klimpere mit dem Bund vor dem Hörer herum. »Mach dir keine Sorgen. Ich würde nie unterschreiben, ohne vorher die Bausubstanz überprüfen zu lassen. Und rechtlich werde ich mir natürlich auch einen Berater suchen.«

Mein Nachsatz scheint Katharina zu beruhigen. »Eine verrückte Geschichte. Aber wenn alles korrekt abläuft, dann freue ich mich für dich, ehrlich! Du hattest schon immer eine eigenartige Verbindung zu dem Haus. Es hat alles einen Sinn. Ganz sicher gibt es einen guten Grund dafür. Warte ab, es klärt sich bestimmt alles auf.«

Wir haben eine sehr innige, vertraute Beziehung zueinander, obwohl wir vom Wesen her sehr verschieden sind. Katharina war früher immer die Vernünftigere von uns beiden. Sie hat schon früh Verantwortung übernehmen müssen, nachdem unsere Eltern sich trennten. Zu diesem Zeitpunkt war ich sechs Jahre alt. Mutter arbeitete in einem kleinen Lebensmittelladen, und unser Vater hat sich nur unregelmäßig zu Hause blicken lassen. Er war als LKW-Fahrer viel unterwegs, was wohl auch der Grund für die Trennung der beiden war. Meine Eltern haben damals viel gestritten, weil er es anscheinend mit der Treue nicht so genau nahm. Als sie sich dann scheiden ließen, dachte ich zuerst, meine Welt würde zusammenbrechen. Aber ich stellte sehr schnell fest, dass das Leben angenehmer war ohne die vielen Streitereien und Spannungen. Dass es mir damals rasch wieder gut ging, habe ich in erster Linie meiner Schwester zu verdanken. Damals hat Katharina nicht einfach nur auf mich aufgepasst, wenn unsere Mutter bei der Arbeit war. Sie hat auch Hausaufgaben mit mir gemacht, für Klassenarbeiten mit mir geübt – und hat mich zum Arzt begleitet, wenn ich krank war. Natürlich hat sich auch Oma um uns gekümmert, sie wohnte ja ganz in der Nähe. Die Schulferien haben wir immer komplett bei ihr verbracht. Aber auch unter der Woche waren wir oft bei ihr.

»Ich bin mir sowieso noch nicht ganz sicher, ob ich das Erbe annehmen soll«, sage ich. »Es gibt nämlich Bedingungen. Das Haus gehört mir, wenn ich mich verpflichte, die nächsten fünf Jahre darin zu wohnen. Aber das ist noch nicht alles. Die Sache hat noch einen Haken …« Ich habe es noch nicht ausgesprochen, als plötzlich ein Windstoß die Tür des Wohnzimmers zuknallen lässt und ich vor Schreck fast das Handy fallen lasse. Irgendjemand muss die Haustüre aufgemacht haben, sonst hätte es keinen Durchzug gegeben. Ich habe sie jedenfalls ganz sicher geschlossen. Ob die Haushälterin aus Stralsund zurückgekommen ist? Und wenn es jemand anders ist? Instinktiv suche ich mit den Augen nach einem Versteck, das ich zur Not aufsuchen kann. Ich bin ganz alleine hier im Haus, das einsam oben auf dem Hügel steht. Das Fenster ist noch geöffnet, mit einem Satz könnte ich ganz einfach nach draußen verschwinden. Aber ich beschließe, genau dort stehen zu bleiben, wo ich bin, denn ich habe das Recht dazu. Der Notar hat mir den Schlüssel gegeben, damit ich mich in aller Ruhe umschauen kann. Ich unterdrücke also meinen aufkeimenden Fluchtinstinkt. Trotzdem ist es irgendwie beruhigend, Katharina am anderen Ende der Leitung zu wissen.

»Bleib kurz dran«, sage ich. »Leg bloß nicht auf, ja? Ich glaube, da ist jemand gekommen.«

»Es regnet!« Die zierliche alte Frau steht in Grünbergers Wohnzimmer und sieht mich vorwurfsvoll an. Sie schiebt sich eine ihrer nassen grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht und steckt sie mit einer roten Blümchenhaarspange zur Seite. Ihr Gesicht ist faltig, aber durch die kleinmädchenhafte Frisur wirkt sie fast jugendlich. Sie trägt eine dunkelrote dicke Strickjacke über einem beige geblümten Kittel. Ihre Beine stecken in braunen Cordhosen, die Füße in gelben Gummistiefeln.

Erleichtert atme ich auf. Es ist bestimmt die Haushälterin, die hier noch wohnen soll. Natürlich hat sie einen Schlüssel für das Haus. Aber sie sieht nicht so aus, als wäre sie gerade von einer Reise zurückgekehrt, eher so, als hätte sie draußen gearbeitet. Aber eigentlich hätte ich sie dann doch sehen müssen. Auf jeden Fall habe ich nicht damit gerechnet, ihr zu begegnen. Sie hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.

Ich zwinge mich zu einem freundlichen Lächeln und strecke ihr meine Hand entgegen.

»Sie sind bestimmt Frau Hartwig. Ich bin Marina, Marina Beckmann.«

Die alte Frau lässt ihre Hände unverrichteter Dinge in den Taschen ihrer Strickjacke verschwinden. So viel zu unserer Begrüßung.

»Es regnet!«, wiederholt sie barsch. Dabei deutet sie mit dem Kopf zum Fenster.

»Schon wieder? Ach herrje, das habe ich gar nicht mitbekommen.« Herrje? Wann sage ich denn so was? Jetzt rede ich schon wie Oma. Herrje hat sie auch ganz oft gesagt.

Tatsächlich fallen dicke Tropfen vom verhangenen Himmel, noch vereinzelt, aber das wird sich gleich ändern. Schnell drücke ich das Fenster zu, doch der Griff lässt sich nicht mehr drehen.

»Das Ding klemmt.«

»Das Haus kann dich nicht leiden«, sagt die Frau, von der ich immer noch nicht hundertprozentig weiß, ob sie wirklich Frau Hartwig ist.

Dann tritt sie ans Fenster und schließt es ohne Probleme mit einer einzigen kantigen Bewegung. Als sie wieder langsam in Richtung Tür geht, sehe ich, dass ihr linkes Bein etwas kürzer zu sein scheint als das rechte, denn sie kippt bei jedem Schritt leicht zur Seite. Im Türrahmen bleibt sie noch einmal stehen. »Ich bin Josefine«, sagt sie. Dann dreht sie sich um und geht.

Ich schließe die Tür hinter ihr.

»Was war das denn?«, höre ich Katharina sagen. Die ganze Zeit über blieb die Telefonverbindung bestehen, und meine Schwester war Zeugin der Unterhaltung geworden.

»Das? Das war der eigentliche Haken an der Sache. Sie heißt Josefine, war Grünbergers Haushaltshilfe und hat lebenslanges Wohnrecht hier im Haus. Und so, wie ich das verstanden habe, hat sie ihn bis zu seinem Tod gepflegt. Bestimmt ist sie sauer auf mich, weil er nicht ihr das Haus vermacht hat.«

»Das heißt, du musst, wenn du das Erbe annimmst, fünf Jahre lang gemeinsam mit ihr unter einem Dach wohnen?«

»Ja, aber wir wären sozusagen nur Nachbarn. Sie wohnt in der Einliegerwohnung unten im Haus. Wir hätten allerdings zwei voneinander getrennte Eingangsbereiche.«

»Nur ist gut. Überleg dir das ganz genau, Marina. Wie alt ist sie denn?«

»Anfang, Mitte siebzig? Ich weiß es nicht genau. Der Notar hat ihr Geburtsdatum erwähnt, aber ich habe es in der ganzen Aufregung wieder vergessen.«

»Ein Haus, in dem jemand lebenslanges Wohnrecht hat, bekommst du so schnell nicht verkauft. So was tut sich in der Regel niemand freiwillig an. Ich bezweifle außerdem, dass du die fünf Jahre mit ihr aushältst. Du regst dich doch schon über deine Nachbarin auf, weil sie dir ständig in der Waschküche auflauert, um mit dir zu quatschen. Die Alte wird locker noch über zehn Jahre leben – wenn du Pech hast, sogar zwanzig.«

»Katharina!«

»Ach, komm schon. Du weißt doch, dass ich das nicht böse meine. Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, schon gar nicht irgendwelchen alten Damen. Aber du solltest unbedingt realistisch an die ganze Sache rangehen. Dreißig Prozent Erbschaftssteuer, das ist ja Wahnsinn! Wenn du das Haus verkaufen könntest, wäre das kein Problem. Aber so? Wo willst du das Geld denn hernehmen? Außerdem ist das Haus uralt; soweit ich mich erinnere, wurde es Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gebaut. Da sind eventuell eine ganze Menge Kostenfaktoren, die du zusätzlich berücksichtigen musst. Guck dir auf jeden Fall das Dach und die Heizung an. Dass die Fenster klemmen, ist kein gutes Zeichen. Es wird teuer, wenn du sie auswechseln musst. Am besten holst du dir einen Fachmann, der das Ganze begutachtet. Und lass vor allen Dingen die Bausubstanz überprüfen!«

»Woher weißt du so genau, wie alt das Haus ist?« Ich bin überrascht, denn Katharina hat recht. Das Haus wurde im Jahr 1813 erbaut. Ich habe es vorhin im Vermächtnis gelesen.

»Keine Ahnung, warum ich mir das gemerkt habe, das hab ich bestimmt mal irgendwo aufgeschnappt. Ich glaube, Oma hat mal darüber gesprochen. Ist doch auch unwichtig. Sag mal, überlegst du wirklich ernsthaft, nach Rügen zu ziehen? Wenn du Pech hast, ist Jahrzehnte über nichts am Haus gemacht worden, und dann wird es wirklich teuer. Außerdem, wie stellst du dir das vor, auf der Insel einen Job zu finden? Du weißt doch, wie die Rüganer sind. Die akzeptieren so schnell keine Zugezogenen. Und so, wie ich sie einschätze, erst recht niemanden, der die Insel vor so langer Zeit verlassen hat. Die lassen dich bestimmt nicht in ihren Parks und Gartenanlagen rumwerkeln. Und ohne Job schaffst du das finanziell nicht. Wir sollten unbedingt ausführlich über alles reden, bevor du irgendwas unterschreibst. Mach mir bloß keinen Blödsinn, ja? Wie lange willst du denn noch bleiben?«

»Ich nehme heute auf jeden Fall wieder wie geplant den Zug zurück nach Frankfurt. Morgen habe ich einen wichtigen Termin bei einem potenziellen Auftraggeber. Es geht um eine riesige Dachterrassenbegrünung am südlichen Stadtrand, vielleicht ist aber auch noch mehr drin. Mein Chef verlässt sich auf mich. Ich muss also auf jeden Fall morgen wieder arbeiten. Mein Zug fährt um zwei, gegen zehn Uhr abends bin ich wieder da. Was ist mit morgen? Sollen wir uns zum Frühstücken treffen?«

»Ja, gute Idee. Was hast du jetzt noch vor? Geh auf jeden Fall noch in den Keller, und sieh nach, ob die Mauern feucht sind.«

»Ja, ich wollte mir noch alles in Ruhe ansehen. Vielleicht kann ich auch noch mal mit der Haushälterin sprechen. Bestimmt weiß sie ja was. Immerhin hat sie all die Jahre hier mit ihm Tür an Tür gelebt. Und dann wollte ich noch einen Abstecher zum Hofgut in der Nähe von Nardevitz machen. In der Pension hat mir eine Frau erzählt, dass das Gut seit einiger Zeit ökologisch bewirtschaftet wird. Es gibt dort einen Hofladen mit Bioprodukten, den ich mir gerne mal ansehen würde. Die Frau hat voller Begeisterung von der Stutenmilch dort geschwärmt. Die würde ich mir gerne holen. Aber nur, wenn ich es zeitlich noch schaffe. Ich habe nur noch eine Stunde, dann muss ich mir ein Taxi rufen, das mich nach Sassnitz zum Bahnhof bringt.«

»Stutenmilch? Bah!«

»Nicht zum Trinken, als Badezusatz! Sie soll seidenweiche Haut machen.«

»Ach so, okay – dann bring mir auch welche mit, ja? Und pass bloß auf dich auf!«

»Mach ich immer – du kennst mich doch.«

»Eben! Deswegen weiß ich auch seit damals, dass dein Gehirn komischerweise nicht ganz richtig tickt, wenn es um dieses Haus geht. Was sagt eigentlich Philipp zu dem Ganzen?«

»Ehrlich gesagt, der hat noch keine Ahnung.«

»Du hast ein Haus geerbt und es ihm noch gar nicht erzählt?«

»Ich sag es ihm heute Abend. Wieso machst du denn jetzt deswegen so die Welle? Ich muss das alles doch erst einmal selbst verdauen, bevor ich mit ihm spreche. Ich weiß ja noch gar nicht, was ich machen soll. Ein Teil von mir will sofort hierbleiben, der andere will nicht aufgeben, was wir uns in Frankfurt aufgebaut haben.«

»Und was will dein Herz?«

»Das ist ja mein Problem. Du weißt, ich höre meistens auf meinen Bauch. Aber der will momentan beides. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Philipp mitkommt. So wie es aussieht, werde ich mich entscheiden müssen. Und ganz egal, wie ich mich entscheide – ich werde es auf jeden Fall bereuen, das weiß ich jetzt schon.«

»Wie lange hast du denn Zeit? Bist du an irgendwelche Fristen gebunden?«

»Ich habe genau eine Woche. Und wenn ich mich dafür entscheiden sollte, habe ich drei Monate Zeit, um hier einzuziehen, bis zum Ersten des Folgemonats.«

»Dann wärst du spätestens ab dem ersten Juli auf der Insel; ist ja irre! Eine Woche zum Überlegen ist nicht lang, aber Zeit genug, um alles ganz genau überprüfen zu lassen. Soll ich Heike fragen, ob sie dir dabei hilft? Mit Erbgeschichten kennt sie sich bestimmt aus.«

»Gute Idee.« Heike ist Katharinas beste Freundin. Sie hat gerade mit Bravour ihr zweites Staatsexamen in Jura bestanden und wurde sofort von der Kanzlei übernommen, in der sie ihr Referendariat absolviert hat. Es würde mich nicht wundern, wenn sie mal, zielstrebig, wie sie ist, Richterin werden würde.

»Aber jetzt komm erst einmal wohlbehalten zurück. Und pass auf dich auf!«, sagt sie noch mal.

»Katta!«

Katharina seufzt. »Du bist und bleibst eben meine kleine Schwester. Manchmal vergesse ich, dass du für dich selbst verantwortlich bist.«

»Ich hab dich auch lieb.« Mit einem Lächeln im Gesicht beende ich das Gespräch.

2.

Das Haus kann dich nicht leiden

Unentschlossen bleibe ich am Fenster stehen. Der Regen wird von Minute zu Minute kräftiger. Schließlich prasselt er so laut gegen die Fensterbank, dass ich den aufgepeitschten Wellengang zwar sehen, aber nicht mehr hören kann. Der Himmel hat sich noch weiter zugezogen. Es ist richtiggehend dunkel geworden, obwohl es erst Mittagszeit ist. Ich schalte das Licht an und schaue mich noch einmal eingehend in dem Raum um.

Die dunklen Eichenmöbel und die weinroten Orientteppiche erinnern mich an den Stil meiner Großmutter. Sie war ähnlich eingerichtet. Ob sie etwas mit der ganzen Sache zu tun hat? Immerhin waren die beiden mehr oder weniger Nachbarn – und etwa im gleichen Alter. Wie gerne würde ich sie fragen, aber das geht nicht mehr. Meine Oma hatte Diabetes, und ich war neun, als sie in ein Zuckerkoma fiel, das sie nicht überlebt hat. Da war sie gerade mal achtundfünfzig Jahre alt. Damals habe ich nicht viel davon mitbekommen. Meine Mutter hat immer versucht, uns Kinder, so gut es ging, von schlimmen Angelegenheiten fernzuhalten. Und so weiß ich nur, dass es nach Omas Tod einen bitterbösen Streit mit dem Rest der Verwandtschaft gegeben hat – es ging wohl um Geld – und ihr Haus umgehend verscherbelt wurde. An Mutters Schwestern Ingrid, Rosie und deren Kinder, also unsere Cousins und Cousinen, kann ich mich kaum erinnern, da wir damals von Rügen weg in den Westen, und zwar in die Nähe von Frankfurt, gezogen sind, wo eine Freundin unserer Oma damals lebte. Die hat uns auch in den ersten Monaten geholfen, Fuß zu fassen. Der Kontakt zur Familie ist daraufhin ganz abgebrochen. Wenn wir nachgefragt haben, wollte Mutter nicht darüber reden. Ihre – und somit auch unsere – Familie war zum Tabuthema geworden.

Und dann ist im Dezember letzten Jahres das Unfassbare passiert. Mutti machte einen Kurzurlaub an der Ostsee. Sie hat das Meer immer geliebt, auch in den kühleren Monaten. Auf dem Heimweg kam sie spät am Abend bei Dunkelheit und Aquaplaning von der Fahrbahn ab und landete mit dem Wagen im Graben. Von der Straße aus war die Unfallstelle gut einsehbar, doch da die Gegend recht einsam war und um diese Uhrzeit nicht viel befahren, hat es zwei Stunden gedauert, bis jemand anhielt, um ihr zu helfen. Aber da war es schon zu spät. Katharina war die Erste, die es erfuhr. Sie hielt sich zu diesem Zeitpunkt beruflich in München auf und versuchte verzweifelt, mich telefonisch zu erreichen. Aber wir haben keinen Festnetzanschluss, und mein Handy hatte ich in der Nacht ausgeschaltet, weil ich seit einiger Zeit zu den unmöglichsten Uhrzeiten irgendwelche dubiosen Werbeanrufe bekam. Also rief sie Heike an, die sich dann sofort auf den Weg zu mir machte und mich aus dem Bett klingelte. Ich dachte im ersten Moment, Katharina sei etwas passiert, als Heike völlig verheult vor unserer Tür stand. »Marina, eure Mutter …«, stammelte sie. »Es tut mir so wahnsinnig leid …«

Wochenlang habe ich mich wie in Trance gefühlt und sehr viel geweint. Auch die kleinsten Arbeiten fielen mir unheimlich schwer und kosteten mich viel Kraft. Ich war ständig müde und hätte am liebsten den ganzen Tag nur geschlafen.

Es ist jetzt drei Monate her, und ich kann es immer noch nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist. Ganz oft habe ich das Gefühl, sie würde jeden Moment an der Tür klingeln und in unsere Wohnung kommen. Sie fehlt mir, die Gespräche mit ihr fehlen mir. Und gerade jetzt im Moment wünschte ich, sie könnte bei mir sein. Vielleicht könnte sie mir das alles erklären oder mir wenigstens raten, was ich tun soll.

Zu ihrer Beerdigung ist keine ihrer Schwestern erschienen, obwohl wir sie in Kenntnis gesetzt haben. Seitdem ist die Verwandtschaft ganz aus unserem Leben gestrichen. Es gibt nur noch Katharina und mich – und unseren Vater, der mit seiner zweiten Frau in der Nähe von Lübeck lebt und nach wie vor wenig Kontakt zu uns pflegt. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie Katharina immer zu sagen pflegt, wenn es um Vati geht. Er hat eine neue Familie gegründet und seine alte dabei weitgehend vergessen. Seine Frau hat einen Sohn aus erster Ehe, der bei ihnen aufgewachsen ist und ihm anscheinend nähersteht als wir. Ich habe mich oft gefragt, wie es passieren konnte, dass wir uns so sehr voneinander entfernt haben. Katharina meint, dass seine Frau dahintersteckt. Sie war zwar immer freundlich zu uns, aber es wirkte aufgesetzt, richtig herzlich war sie nie. Und so haben wir uns, wenn wir unseren Vater in den Ferien besucht haben, dort nicht willkommen gefühlt, nur geduldet. Vielleicht ist an der Vermutung was dran, dass sie immer eifersüchtig war, und zwar nicht nur auf Mutti, sondern auch auf uns. So wurden unsere Besuche immer seltener, und irgendwann haben wir nur noch telefoniert. Zu seiner angeheirateten Verwandtschaft hatte Vater sowieso nie ein gutes Verhältnis. »Hört mir bloß auf mit diesen engstirnigen Insulanern«, hat er geantwortet, als wir ihn fragten, ob er wüsste, warum alle untereinander schon so lange zerstritten sind. Vati ist in Stralsund aufgewachsen. Er ist Mutti zuliebe damals nach Rügen gezogen, hat sich dort aber niemals richtig eingelebt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich mit meiner Schwester mal so streiten werde, dass wir nicht mehr miteinander reden. Katharina ist der liebste Mensch, den ich kenne. Sie ist total fürsorglich, denkt immer erst an andere, bevor sie auch mal an sich denkt. Sie freut sich wirklich über meine überraschende Erbschaft, das weiß ich sicher.

Ich versuche die Traurigkeit zu verdrängen, die sich in mir breitmachen will, und rufe mir die Worte meiner Schwester in Erinnerung: Es hat alles einen Sinn. Ganz sicher gibt es einen guten Grund dafür. Aus irgendeinem Grund hat der alte Grünberger mir nicht nur sein Haus und das komplette Inventar vermacht – sein Letzter Wille war es auch, dass ich hier wohnen soll.

Ich könnte mich durchs Dorf fragen, denn es lassen sich sicher noch einige ältere Bewohner finden, die unsere Familie kennen. Der Name Tögel war zumindest damals hier sehr bekannt, unsere Oma hatte viele Freundinnen. Erschwerend ist nur, dass es so schüttet. Ich bin mit dem Taxi gekommen; das Haus liegt eineinhalb Kilometer von Nardevitz entfernt. Zu Fuß ist man eine Viertelstunde bis dorthin unterwegs, bis nach Lohme braucht man eine gute halbe Stunde. Bei dem Regen jedoch bin ich innerhalb einer Minute durchgeweicht. Ich sollte die Zeit also lieber nutzen, um mich vor Ort noch ein wenig umzuschauen.

Mein Blick bleibt an dem Kamin hängen, und das Thema Heizung fällt mir wieder ein. Ob der Ofen ausreicht, den ganzen Raum zu beheizen? Er ist bis unter die Decke mit türkisfarbenen Kacheln gefliest. Das trifft zwar nicht unbedingt meinen Geschmack, aber irgendwie passt es zu dem Raum, der ganz funktionell und ohne viel Schnickschnack eingerichtet ist. Man merkt, dass hier ein Mann gelebt hat. Interessiert schaue ich mich weiter um. Unter einem der Fenster befindet sich ein klobiger Heizkörper, der nicht gerade modern aussieht. Er könnte zumindest einen neuen Anstrich gebrauchen. Und als ich ihn aufdrehe und meine Hand eine Weile auf den Metallrippen ruhen lasse, stelle ich fest, dass er nicht warm wird. Ob Josefine den Heizkessel abgestellt hat?

ENDE DER LESEPROBE