Achterbahnfahrt der Gefühle - Marion Kluge - E-Book

Achterbahnfahrt der Gefühle E-Book

Marion Kluge

0,0
9,99 €

Beschreibung

Samantha Hall führt ein ruhiges, relativ uninteressantes Leben, lediglich ihre Arbeit in der Bibliothek, ihre Freundin Peggy und ein paar kurze Beziehungen bringen etwas Abwechslung. Das ändert sich jedoch als der smarte Schauspieler Robert West vor ein paar Fans in ihr Auto flüchtet, während sie bei einer roten Ampel hält. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung und Sam bekommt Einblick in das ruhmreiche Leben von Robert. Doch plötzlich wird Sam auf einer Feier der Filmcrew Zeugin eines Mords und das blieb vom Täter nicht unbemerkt. Dadurch gerät Sam selbst in Gefahr, wird jedoch immer wieder von einem mysteriösen Unbekannten gerettet. Zudem folgen merkwürdige Begegnungen, glücklose Missverständnisse und selbstgefällige Intrigen, die die junge Liebe von Sam und Robert immer wieder auf eine harte Probe stellen. "Achterbahnfahrt der Gefühle" ist der erste Teil der aufregenden Geschichte von Sam und Robert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 760




Inhaltsverzeichnis

Impressum

Einleitung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2014 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-567-8

ISBN e-book: 978-3-99038-568-5

Lektorat: Dr. Annette Debold

Umschlagfotos: Kydriashka, Prochasson Frederic | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Einleitung

Manchmal gleicht das Leben einer Achterbahnfahrt.

Wenn man nur mutig genug ist einzusteigen,

erlebt man Höhen und Tiefen,

nicht zu vergessen: die Loopings.

Trotz Angst vor der ersten Fahrt,

die man vielleicht auch nicht ganz unbeschadet überstanden hat,

steigt man wieder ein,

um das gerade in sich erwachte Leben zu spüren;

sucht und wächst an immer größeren, neuen Herausforderungen

und will nie mehr aussteigen.

1

„War ja klar!“ Ich steuerte auf die nächste rote Ampel zu. „Wieso gerate immerichin die rote Phase?“ Entnervt ließ ich mich an die Ampelkreuzung rollen, aber diese tat mir natürlich nicht den Gefallen, zwischenzeitlich auf Gelb-Grün zu wechseln.

Gelangweilt beobachtete ich die Fußgänger, die eilig oder, mit Handy am Ohr, unaufmerksam die Straße überquerten. Die Fußgängerampel zeigte jetzt Rot an und eine alte Dame, gestützt auf einen Krückstock, versuchte mit dem voraneilenden älteren Herrn – sicher ihr Ehemann – Schritt zu halten. Als sie nach ihm die andere Straßenseite erreicht hatte, bot er ihr am Bürgersteig seinen Arm als Hilfe an.

„Na, wie nett“, murmelte ich, richtete meinen Blick wieder auf die Ampel und nörgelte:„Nun mach schon!“

Sie reagierte endlich und wechselte auf Gelb.

Ich legte den Gang ein, wollte gerade losfahren, als neben mir die Beifahrertür aufgerissen wurde.

„Ah!“Erschrocken fuhr ich zusammen.

Ein Mann warf sich hastig auf den Beifahrersitz, knallte die Tür zu und forderte mich flehentlich auf loszufahren.

Bei so viel Dreistigkeit wollte ich ihn gerade zurechtweisen, schließlich bin ich ja kein Taxi, erfasste aber eine Sekunde später den Grund seiner Panik. Eine Traube Mädels rannte aufgeregt schnatternd auf mein Auto zu, mit Kameras und diverse Schreibutensilien in den erhoben winkenden Händen. Sie näherten sich bedrohlich meinem Fahrzeug, sodass ich befürchten musste, dass auch sie die Absicht hatten, mein Auto zu belagern.

Es war unvorstellbar, dass sie alle hineinpassen könnten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls die Flucht zu ergreifen, und fuhr vorsichtig an, da die Ampel inzwischen Grün zeigte. Sofort änderte sich auch die Marschrichtung der Traube – sie folgte mir. Glücklicherweise wechselte auch die nächste vor mir liegende Ampel auf Grün und ich gab Gas. Unsere Verfolger blieben frustriert und schimpfend zurück, wie ich befriedigt im Rückspiegel beobachten konnte.

„Danke für die Rettung!“ Noch atemlos, aber etwas entspannter, hielt mir mein ungebetener fremder Fahrgast seine Hand hin und stellte sich vor: „Hi, ich bin Robert. Tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe, aber …“

Inzwischen hatte ich meine Fassung wiedererlangt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, bot auch ich meine Hand an und unterbrach ihn: „Hi, ich bin Samantha – ähm, Sam. Na ja, eigentlich passiert es mir öfter, dass Leute einfach zu mir ins Auto springen; ist also nichts Besonderes“, fügte scherzhaft hinzu und winkte lässig mit der Hand, die er inzwischen wieder freigegeben hatte, ab.

„Wirklich?“ Zweifelnde Blicke trafen mich.

Oh Mann, wie blöd wardasdenn?

„Natürlich nicht!“ Verständnislos verdrehte ich die Augen. „Ich war zu Tode erschrocken und nur die Gefahr des Überfalls durch deine Nachhut hielt mich davon ab, dich sofort wieder rauszuwerfen. Mir blieb ja nur Belagerung oder Flucht“, machte ich ihm schulterzuckend klar und fragteRobert, so es denn sein richtiger Name war: „Wieso haben die dich eigentlich verfolgt? Du hast die doch nicht etwa beklaut oder so was?“ Argwöhnisch legte sich meine Stirn in Falten.

„Natürlich nicht!“, antwortete er entrüstet.

Na ja, wie ein Verbrecher sah er tatsächlich nicht aus, stellte ich mit einem flüchtigen Blick auf ihn erleichtert fest. Im Gegenteil, er war ausgesprochen attraktiv, etwa in meinem Alter, hatte ein markantes Gesicht mit faszinierend, aber im Moment müde wirkenden dunkelbraunen Augen, kurzes dunkles, verwuscheltes Haar und schmale Lippen, die sich jetzt schmollend zusammenzogen. Für das eine oder andere Mädel ganz sicher ein guter Grund ihm nachzulaufen, aber gleich eine ganze Horde?

Ich konzentrierte mich wieder auf den Verkehr, wartete – wie bei einem Navigationsgerät – auf ein Wort, eine Anweisung von ihm, wo ich ihn aussteigen lassen sollte.

Das Navi schwieg. Also musste ich ihn eben fragen: „Wo soll ich dich rauslassen?“

„Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht mal, wo ich hier bin“, gestand er deprimiert und betrachtete verwirrt die Landschaft, die an uns vorbeiflog.

Inzwischen hatten wir die Stadt verlassen und die vor uns liegende Landstraße sah aus wie jede andere auch: gesäumt von Obst- oder Laubbäumen, dahinter links und rechts Ackerfelder und vereinzelt ein, zwei Häuser.

„Du bist wohl nicht aus dieser Gegend“, mutmaßte ich.

„Nein.“

Nachdem wir ein paar Kilometer schweigend hinter uns gebracht hatten, er mir noch immer nicht gesagt hatte, wo er eigentlich hinwollte, wurde es mir zu dumm – ich fuhr rechts ran.

„Also gut! Du dürftest jetzt, vor wem oder was auch immer, in Sicherheit sein. Ich will dich ja nicht auf der Landstraße aussetzen, aber ohne Plan fahre ich nicht weiter“, drohte ich entschlossen und wandte mich ihm zu. Ich war mir nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hatte, denn seine Augen waren geschlossen und mir blieb ein kurzer Moment, um ihn zu betrachten. Das Gesicht kam mir bekannt vor, ich war mir sicher es schon mal irgendwo gesehen zu haben und kramte in meinem Gedächtnis – bemühte aber offenbar die falschen grauen Zellen. Er sah müde und abgekämpft aus.

Was um Himmels willen sollte ich jetzt mit ihm anstellen? So konnte ich ihn doch nicht auf der Landstraße zurücklassen. Ein Schmunzeln huschte über mein Gesicht.

An einem weniger stressigen Tag als dem, den ich gerade hinter mir lassen wollte, wären mir schon ein paar Ideen gekommen, denn er hatte wirklich was unglaublich Anziehendes.

Als er plötzlich die Augen öffnete, fühlte ich mich ertappt, weil mein Blick noch immer auf seinem Gesicht ruhte. Es war mir peinlich, und um meine Verlegenheit zu überspielen, fragte ich in leicht genervtem Ton: „Also, wieso bist du hier, wenn du nicht aus dieser Gegend stammst? Wo wolltest du hin, bevor du – offenbar unfreiwillig – belagert wurdest?“

„Tut mir echt leid, dass ich so viele Unannehmlichkeiten bereite“, entschuldigte er sich erschöpft. „Der Tag ist heute ziemlich mies gelaufen.“

Ichhatte auch keinen guten Tag, dachte ich, zeigte aber höfliches Interesse und forderte ihn auf: „Erzähl!“

„Na ja, erst hatte mein Flieger Verspätung, hab dadurch den Anschlusszug verpasst und – als Krönung – den richtigen Bahnhof, wo ich aussteigen musste. Es war nur eine Station und ich dachte, ich würde dasMerkur-Hotel auch von der anderen Seite der Stadt aus finden“, fasste er seinenmiesen Tagkurz zusammen. „Wie weit ich gekommen bin, weißt du ja; ich wurde plötzlich von denDamen(Verachtung lag bei diesem Wort in seiner Stimme) überrumpelt.Duwarst meine letzte Hoffnung.“

Merkur-Hotel? Oh Mann, das lag am anderen Ende der Stadt, die wir gerade verlassen hatten. Meine Begeisterung darüber, dass ich umkehre, eine halbe Stunde Fahrt zum Hotel und eine knappe Stunde Rückfahrt bis nach Hause vor mir hätte, hielt sich in Grenzen.

Ich bot es ihm trotzdem an.

„Nein!“, lehnte er ab. „Bring mich nur zum nächsten Telefon, ich rufe mir ein Taxi. Du hast echt schon genug für mich getan!“ Er sah mir direkt in die Augen, ein dankbares und schuldbewusstes Lächeln erschien auf seinem Gesicht – und es irritierte mich.

Zu meinem Ärger hatte ich noch immer nicht herausgefunden, woher ich dieses Gesicht kannte, und geriet in Zwiespalt. Einerseits wollte ich den langen Tag endlich abschließen und meine Ruhe haben, andererseits wusste ich, dass mich seine unerwartete Bekanntschaft nicht zur Ruhe kommen lassen würde, ohne dessen Identität gelüftet zu haben.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht sofort bemerkte, wie auch er mich jetzt mit unverhohlenem Interesse musterte. Unsere Blicke trafen sich erneut und mich erfasste eine unerklärliche Nervosität, wandte mich verlegen ab und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.

Das nächste Telefon, fiel mir ein, befand sich im nächsten Dorf, in dem ich wohnte. Der Weg dorthin war erheblich kürzer als zumMerkur-Hotel, also eine gute Alternative.

„Nun, ich würde vorschlagen, du kommst erst mal mit zu mir – und dem nächsten Telefon. Dort kannst du dann alles Weitere planen. Geht das in Ordnung?“

Ich hatte die Frage kaum ausgesprochen, als plötzlich Zweifel in mir aufkamen:

Sam, bist du irre? Lädst einen völlig Fremden zu dir ein? Der Typ hält dich doch für verrückt, oder denkt, du willst ihn abschleppen.

Unsicher versuchte ich seine Gedanken von seinem Gesicht abzulesen. Ein Fehler!

Er erwiderte meinen Blick, schüchterte mich erneut ein und senkte verlegen den Kopf.

Das schien ihn zu amüsieren, ich konnte seinen verschmitzt schmunzelnden Blick förmlich auf mir spüren. Aber schließlich stimmte er zu, worüber ich mich heimlich freute.

Ob er es wohl falsch auffassen würde, wenn ich ihm mein Gästezimmer heute Nacht zur Verfügung stellen würde?

Oh Mann, schon wieder so ein verrückter Gedanke!, schoss es mir durch den Kopf. Aber es wurde langsam dunkel und ein Taxi, so denn gleich eines bereitstand, bräuchte auch so seine Zeit bis zu mir; dann der Weg zum Hotel … und in seiner Verfassung …, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. Ich könnte ihn morgen früh auf dem Weg zur Arbeit wieder mit zurück in die Stadt nehmen, überlegte ich, behielt den Gedanken aber erst mal für mich und startete den Motor.

„Es ist angenehm ruhig hier“, stellte Robert fest, als ich vor meinem Haus hielt.

„Ist so, auf dem Lande!“

Jetzt, in voller Größe vor mir stehend – und er war groß –, stellte ich fest, dass er auch eine tolle Figur hatte. Sie war nicht protzig, aber doch muskulös. Leger in Jeans und Baumwollhemd gekleidet, hatte er seinen Rucksack, das einzige Gepäck, was er bei sich trug, lässig über die Schulter gelegt. Er sah wirklich unerhört gut aus, musste ich mir nochmals eingestehen, aber wo hatte ich ihn bloß schon mal gesehen? Model in einem Modemagazin? Musiker oder Schauspieler?, überlegte ich angestrengt. Aber wieso sollte sich jemand wie er in so eine kleine, unbekannte Stadt verirren?

Ich gab es auf – mein Gehirn arbeitete nur noch imEco-Modus, damit würde ich heute keine geheimnisvollen Entdeckungen mehr machen –, schloss die Tür auf, ließ ihn eintreten, legte Schlüssel, Tasche und Schuhe ab und schob Robert in Richtung Küche.

„Nett!“, stellte er beiläufig fest.

Am Küchentisch, der eher einem Bar-Tisch glich und auch mit Barhockern bestückt war, saß Jaqueline, meine fünf Jahre jüngere Schwester – die sich mal wieder wegen Streit mit ihrem Freund bei mir eingenistet hatte beziehungsweise ihr Wohnrecht kurzfristig geltend machte – und schaufelte gerade eine Schüssel Cornflakes in sich rein.

Beim Anblick meines Mitbringselsklappte ihr der Unterkiefer runter.

„Wow …! Hi …!“, stammelte sie fassungslos.

„Ups!“ Alsodaswar neu. Jacki, sonst ohne Punkt und Komma schnatternd, fast nie um eine Antwort verlegen, war sprachlos? Ob ich Robert adoptieren konnte, solange sie hier wohnte? Andererseits hielt ich das für Robert für zu gefährlich. Ich konnte ihn heute zwar vor einer weiblichen Horde retten, aber auch vor Jacki? Sollte es wirklich noch zu meinem Übernachtungsangebot kommen, musste ich unbedingt, zu seinem Schutz, den Schlüssel vom Gästezimmer suchen – der Glanz in ihren Augen war unmissverständlich.

Sie rutschte vom Barhocker und ich zog sie beiseite, bevor Robert sich in ihrer Reichweite befand.

„Lass ihn in Ruhe, er hatte heute schon genug Trouble!“, zischte ich sie an.

„Weißt du, wer das ist?“, schwärmte sie.

Sollte sich das Geheimnis heute doch noch lüften?

Meine Unwissenheit stand mir offenbar ins Gesicht geschrieben. Sie sah mich an, als wäre ich hirnamputiert, und verdrehte ungeduldig die Augen, als wäre es doch ganz offensichtlich.

„Das istRobert West“, flüsterte sie aufgeregt, „Aus dem Film:Victory!“

Also doch Schauspieler?, resümierte ich und mahnte leise: „Lass ihn trotzdem in Ruhe!“

Aber ebenso gut hätte ich ihr das Atmen verbieten können. Kokett tänzelte sie auf ihn zu.

„Hi, ich bin Jacki!“

„Hi, ich bin …“

„Ich weiß, wer du bist! Ich kenne alle deine Filme. Kann ich bitte ein Autogramm bekommen?“, himmelte sie Robert regelrecht an.

Das war ja nicht auszuhalten! Genervt verdrehte ich die Augen.

„Ich habe leider keine mehr bei mir“, bedauerte er aufrichtig.

Ich ahnte, wo sie geblieben waren: bei derTraube,vor der ich ihn vor Stunden rettete. Hoffentlich kam sie nicht auf den Gedanken, sich behelfsweise das Autogramm auf ihren Arm oder einen anderen Körperteil geben zu lassen; zuzutrauen wäre es ihr.

Ganz so schlimm war es dann doch nicht. Sie holte schnell ein unifarbenes T-Shirt und Textilmarker und reichte ihm beides. Bereitwillig gab er ihr das gewünschte Autogramm mit Widmung – und einem umwerfenden Lächeln.

„Danke!“, hauchte sie paralysiert.

Bevor sie noch auf andere dumme Gedanken kam, nutzte ich schnell ihre Benommenheit und schubste sie aus der Küche. Als ich sie wieder betrat, fiel mir nichts Besseres ein als: „Tut mir leid!“

Blödsinn!, dachte ich dann. Wieso und wofür entschuldigteichmich denn?

„So, du bist also Schauspieler?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass michhierjemand erkennt“, sinnierte er.

„Nun, auch in Kleinstädten und Dörfern soll es Kinos geben“, antwortete ich schnippisch, fühlte mich irgendwie als Hinterwäldler abgestempelt.

„Aberduhast mich nicht erkannt“, stellte er schmunzelnd fest.

Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr im Kino, daher war es nicht weiter verwunderlich.

Das Repertoire im Fernsehen reichte zum Einschlafen völlig. Endlich fiel der Groschen: Werbung und Filmtrailer waren ein störendesMussvor und zwischen den Filmen,daher kannte ich sein Gesicht. An den Inhalt des Trailers konnte ich mich jedoch nicht erinnern, da ich die unerwünschten Pausen für andere schnell zu erledigende Dinge nutzte, wenn ich nicht bereits in meinen Kissen versunken war.

„Hast du Hunger?“, versuchte ich abzulenken.

Bei meinem Angebot leuchteten seine Augen. Mein Kühlschrank wies in der Regel gähnende Leere auf, außer wenn Jacki da war. Aber auch dann hatte der Inhalt keine lange Lebensdauer. Keine Ahnung, wie sie das anstellte – der Kühlschrank war leer, hinterließ aber keinerlei Spuren an ihr. Ich betete, dass wenigstens der Gefrierschrank noch etwas hergab – meine Reservequelle für Notfälle –, hatte Glück und hoffte, dass er auf Pizza stand.

Er war nicht abgeneigt und so erweckte ich den Backofen zum Leben, der ihm sicher dankbar dafür war, nicht nur als überflüssiges Küchenutensil zu existieren, denn bei mir kam er kaum zum Einsatz. Die Mikrowelle wurde ganz klar von mir bevorzugt.

Ich reichte ihm das Telefon, jedoch nicht ohne ihm mein Übernachtungsangebot im Gästezimmer zu unterbreiten. Meine Neugier war geweckt. Was wollte er in der Kleinstadt, wo er sich unerkannt wähnte? Urlaub machen? Aber hier und in der Umgebung gab es nicht das Geringste, was jemanden dazu bewegen könnte, die schönste Zeit des Jahres hier zu verbringen.

Jacki tauchte wieder in der Küche auf – natürlich mit dem Autogramm-Shirt.

„Ich geh dann mal!“, rief sie uns zu, konnte es kaum erwarten, ihren Freundinnen von unseren prominenten und – ihren Worten nach –heißenGast zu erzählen.

„Hey, du erwähnst nicht unseren Besucher! Ich bin nicht wild auf eine Belagerung. Und wenn du nicht alleine von der Disco nach Hause kommst, entziehe ich dir den Schlüssel“, warnte ich vorsorglich, denn in Punkt Privatsphäre machte ich keine Kompromisse.

„Spielverderber!“, murmelte sie beleidigt, hatte es aber offenbar begriffen.

Mein Vertrauen zu ihr war aber nicht grenzenlos. Also suchte ich, fand und übergabRobert den Schlüssel vom Gästezimmer, der das unerwartete Angebot dankend angenommen hatte. Skeptisch schaute er zuerst den Schlüssel, dann mich an.

„Glaub mir, den wirst du brauchen – und zu deinem Schutz auch benutzen“, mahnte ich, was ihn zu amüsieren schien. Moment mal! Er glaubte doch wohl nicht etwa, dassich …?

„Du hast ja Jacki vorhin erlebt …“, versuchte ich schnell seine Gedanken in die richtige Richtung zu lenken.

„Wegen deiner Schwester also?“

Die Falten auf seiner Stirn verschwanden, das Grinsen wurde dafür breiter und irritierte mich. Gerade rechtzeitig gab der Backofen durch Signal die Pizza frei. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber der Duft, den die Pizza jetzt verströmte, machte Appetit und ich beanspruchte ein kleines Stück für mich. Robert gab sich mit dem Rest vollauf zufrieden.

Anschließend machte ich mit ihm eine kurze Hausbesichtigung, damit er sich zurechtfand.

Im oberen Geschoss befanden sich das Bade-, Gäste-, Jackis und mein Schlafzimmer. Die untere Etage mit Flur, Küche, Bad und Wohnzimmer hatte er schon erkundet.

„Wohnt ihr alleine hier? Keine Eltern, Freund oder so?“, wollte er wissen.

„Jacki wohnt hier nur, wenn sie gerade Zoff mit ihren Freunden hat, was häufig vorkommt.“

„Und wenn sie nicht da ist, bist du hier allein?“

„Wieso fragst du das? Willst du mich ausrauben? Glaub mir, es lohnt nicht!“

„He! Ich würde doch deine Gastfreundschaft nicht missbrauchen!“, versicherte er etwas beleidigt über meine Unterstellung. „Es gibt aber einen Freund?“, hakte er nach und ließ interessiert seinen Blick über mich schweifen, was ein seltsames Kribbeln in meiner Magengegend verursachte. Ich ertappte mich bei der Frage, ob ich wohl seiner Prüfung standhalten würde, fand es aber gleichzeitig absurd, dass sich jemand wie er ernsthaft für mich interessieren könnte. Ich hatte keine Ahnung, wie erfolgreich er in seinem Job war, aber unabhängig davon hatte er sicher eine Menge attraktive Angebote. Wieso legte ich überhaupt Wert auf seine Meinung?, dachte ich verärgert, denn das war eigentlich so gar nicht meine Art. Ich war nicht der Typ, der sich Hals über Kopf verliebte oder gar auf etwas Langfristiges einließ. Diesen Beziehungsstress musste ich mir nicht antun.

Während Robert sich etwas erfrischte, machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich, um nach diesem verrückten Tag etwas Ruhe zu finden. Meinem überdimensionalen Fernsehbild hatte ich den Ton geraubt; stattdessen kam entspannende Musik aus den Lautsprechern meiner Musikanlage. Gedämpftes Licht, Kerzenschein und ein Glas Rotwein ließen den Tag entspannt ausklingen – so wie ich es mochte.

Allerdings erlebte ich das Ende eines Tages meist allein. Klar hatte ich die eine oder andere Beziehung, sie waren aber nie von langer Dauer.

Ich vereinte wohl zu viele widersprüchliche Charakterzüge in mir. Der Ausbruch der verschiedenen Eigenschaften wechselte abrupt und unerwartet. Ich konnte in einem Moment verträumt, glücklich und zufrieden – im nächsten ein hektisches Nervenbündel sein. Ein falsches Wort oder ein falscher Gedanke ließen mich – eben noch friedlich und unbeschwert – zickig, streitsüchtig und kampflustig werden. War ich gerade noch selbstsicher, übermütig und leichtsinnig, fand sich bestimmt ein Fettnäpfchen, in das ich treten konnte, oder ich geriet unerwartet in peinliche Situationen, die mich verstört und unbeholfen werden ließen – da blieb mein Selbstbewusstsein schon mal auf der Strecke. Hatte ich mir aber mal etwas in den Kopf gesetzt, verfolgte ich beharrlich und stur mein Ziel, war bereit, es mit allen Mitteln zu erreichen – an Ideen und Einfallsreichtum mangelte es mir dabei nicht.

Diese Stimmungswandlungen wurden meinenBeziehungenregelmäßig zum Verhängnis, da sie mit ihnen nicht Schritt halten konnten – oder wollten. Ich kann aber nicht behaupten ihnen lange nachgetrauert zu haben, war manchmal sogar dankbar für meine Eigenheiten, denn sie halfen mir gelegentlich auch dabei, unbequeme Beziehungenfür michzu beenden.

Heute Abend war ich jedenfalls nicht allein. Die Probleme der letzten Tage auf Arbeit konnten warten; sie würden mir nicht davonlaufen und sich auch ganz sicher nicht in Luft auflösen. Spätestens morgen hatten sie mich wieder eingeholt.

Nachdem Robert geduscht, sich in gleiche Jeans aber neues T-Shirt gekleidet hatte,ließ er sich neben mir auf dem Sofa nieder und strahlte Entspannung pur aus, welche sich sofort auf mich übertrug.

„Rotwein oder Bier?“, bot ich an.

„Was wäre denn mit weniger Aufwand verbunden?“

Blöde Frage, konstatierte ich. Rotwein und ein zweites Glas standen bereits auf dem Tisch, für Bier müsste ich das Sofa verlassen.

Offenbar erriet er meine Gedanken und entschied sich für den Wein. Wir ließen den stressigen Teil des Tages hinter uns, lehnten uns zurück und jeder hing seinen Gedanken nach. Obwohl, … ich dachte eigentlich an gar nichts, ließ einfach nur die Musik auf mich wirken und verlor mich in den sentimentalen Song, der gerade lief. Es war schön, einfach nur dazusitzen, an nichts zu denken, weitab von Problemen und Diskussionen. Mit geschlossenen Augen nahm ich Roberts betörenden Duft noch intensiver wahr. Ob es nun sein Duft oder der Wein war, ich hatte das Gefühl, tief und tiefer zu sinken.

„He, schläfst du?“, holte mich seine Stimme zurück an die Oberfläche.

„Nein“, antwortete ich, ließ die Bilder der letzten Stunden vor meinen geschlossenen Augen noch mal Revue passieren und fragte nachdenklich: „Wieso meinAuto?“

„Was meinst du?“

„Na ja, wieso bist du gerade inmeinAuto gesprungen?“, wollte ich wissen.

„Ach so! Du warst die Erste an der Ampel. Hätte ich das zweite oder dritte Auto gewählt, hätte ich mir die Aktion sparen können – ich wäre nicht rechtzeitig davongekommen.“

Okay, das hatte eine gewisse Logik.

„Ich hatte Glück, dass esdeinAuto war. Ein anderer hätte mich wahrscheinlich gleich wieder rausgeworfen und schon gar nicht bei sich aufgenommen. Nochmals danke dafür! Wann fährst du morgen in die Stadt?“

„Wenn ich dich imMerkur-Hotel absetzen soll, müssten wir viertel sieben fahren.“

„Du musst mich nicht zum Hotel fahren, wenn das ein Umweg ist. Setze mich einfach vor deiner Arbeitsstelle ab“, schlug er vor.

„Und wer rettet dich dann?“, fragte ich sarkastisch.

„In Kleinstädten und Dörfern gibt es außer Kinos sicher auch Taxis“, belehrte er mich in gleichem Tonfall.

„Wenn wir rechtzeitig losfahren, kann ich dich im Hotel absetzen. Sollte die Zeit knapp werden, bleibt dir immer noch die andere Option“, lenkte ich ein. „Was hast du morgen im Programm?“

„Ich bin für ungefähr eine Woche wegen Filmaufnahmen hier“, informierte er mich. „Sag mal, wäre es vielleicht möglich das Gästezimmer für die ganze Woche zu mieten? Es ist entspannender und ruhiger als das Hotelleben, wo ich mich eh nur verstecken müsste.“

Nun, das hatte sicher was Verlockendes und ich war geneigt zuzusagen – aber Ruhe?

Mit Jacki unter einem Dach und ihrer Reaktion auf Robert war das eher unwahrscheinlich. Wieso musste sie auch ausgerechnet jetzt mit ihrem Freund rumzicken? Ich hielt es für angebracht, ihn wenigstens zu warnen: „Dir ist aber schon klar, dass es nicht ruhig bleibt, wenn Jacki im Haus ist?“

„Alles Gute ist wohl nie beisammen!“, seufzte er, grinste dann breit und meinte gelassen: „Aber ich schätze, das bekomme ich schon irgendwie auf die Reihe. Notfalls bist ja du zur Rettung da.“

„Bestimmt nicht! Das musst du schon allein mit ihr klären!“, zog ich mich lachend aus der Verantwortung.

„Verdammt! Kann ich mal telefonieren? Hast du ein Telefonbuch? Ich sollte längst im Hotel sein. Die geben noch eine Vermisstenanzeige raus, wenn ich mich nicht melde!“, fiel ihm plötzlich ein.

Ich holte das Telefon, welches sich noch in der Küche befand. Ein Telefonbuch gab es sicher auch irgendwo im Haus, aber wo? Die Suche danach konnte ewig dauern – ohne Erfolgsgarantie.

„Ruf einfach dieAuskunft an und lass dich verbinden!“, schlug ich vor.

Er tippte eine Nummer ein, viel zu lang für die Auskunftszentrale,wartete kurz und legte dann einfach wieder auf.

Offenbar bemerkte er die Fragezeichen in meinem Gesicht.

„Mein Handy ist im Koffer auf dem Bahnhof, aber jetzt mit deiner Telefonnummer versehen. Du schickst sie doch mit, oder?“

Er kam sich wohl sehr clever vor, aber stimmt: Meine Nummer dürfte jetzt einenverpasstenAnrufauf seinem Handy hinterlassen haben.

„Wie lautet die Nummer der Auskunft?“, fragte er dann.

Oh Mann, seine Handynummer hatte er im Kopf, die der Auskunft fiel ihm nicht ein?

Wie war doch gleich die Werbung:Fußballmannschaft, Oma …?, grübelte ich.

„11 … 88 … 0?!“

„Danke!“, rief er und zog sich mit dem Telefon in die Küche zurück.

Mit schmunzelndem Gesicht, in sich hineinkichernd, tauchte er wieder auf.

„Sie haben sich wirklich schon Sorgen gemacht, wollten wissen, wo sie mich abholen sollen“, lachte er kopfschüttelnd. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich morgen pünktlich im Hotel bin. Natürlich wollten sie trotzdem wissen, wo ich bin.“

Ich hielt den Atem an.

„Hab aber nichts verraten“, beruhigte er mich und ich atmete erleichtert wieder aus.

„Also, wennich dich hier wohnen lasse, dann nur unter der Bedingung, dass du keinem erzählst, wo du wohnst; Team und Fanklub abschüttelst, bevor du hierherkommst!“, forderte ich bestimmt. Das fehlte noch, dass ich oder das Dorf belagert wurde.

„Wenn ich es jedem erzählen würde, könnte ich auch gleich im Hotel einchecken“, antwortete er ebenso ernst.

„Also gut, abgemacht!“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen und er schlug ein.

„Was schulde ich dir an Miete?“, wollte er wissen.

„Schweigen über deinen Aufenthaltsort!“

„Wenn das alles ist … Hab ich jetztall-inclusivegebucht?“, scherzte er.

„Ich koche nicht!“, stellte ich sofort klar. Dafür gab es schließlich Fast-Food-Restaurants und Mikrowelle.

Mal abgesehen davon, dass ich es nicht besonders gut konnte, hielt ich es für Zeitverschwendung – von den Strom- und anderen Nebenkosten ganz zu schweigen –, für mich alleine zu kochen oder gar zu backen. Jacki war ständig unterwegs, kam nur zum Kühlschrankplündern und Schlafen, und für das wenige, was ich aß, lohnte es sich nicht.

„Ich werde sicher nicht verhungern“, lächelte Robert.

„Also, ich verziehe mich jetzt, aber wenn du noch …“

„Nein, der Tag war lang genug“, fand er und erhob sich ebenfalls.

Die warme Dusche und das kuschlige Bett ließen mich schnell in den Schlaf fallen.

Kurz bevor ich ganz ins Reich der Träume abdriftete, hörte ich Jacki, die zwar wie erwartet nicht alleine nach Hause kam, aber die gackernden Mädels vor der Tür verabschiedete.

Ich hoffte nur, dass Robert vom Schlüssel Gebrauch machte … und schlief ein.

2

„Es ist fünf Uhr, hier sind die neuesten Nachrichten …“, plapperte fröhlich eine Frauenstimme aus dem Radio.

„Wie neu konnten die um fünf Uhr früh schon sein?“, grummelte ich, wartete noch den Verkehrs- und Wetterbericht ab – nichts Aufregendes – und quälte mich aus dem Bett.

Die heiße Dusche weckte meine Lebensgeister. Duschen, Zahnpflege, Anziehen; danach noch schnell Kamm, Mascara, etwas Rouge und dezenten Lippenstift auftragen; Deo und ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Bei mir war alles eingespielt und lief fast minutiös ab: in fünfzehn Minuten war ich fertig.

Unten in der Küche warteten laut Zeitplan jetzt Kaffeemaschine und Toaster auf mich.

Im Gästezimmer rührte sich noch nichts, also klopfte ich an. Keine Reaktion. Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten. Robert hatte den Schlüssel nicht benutzt, die Tür öffnete sich. Mutig war er ja – oder nur leichtsinnig?

Mit nacktem Oberkörper, auf dem Rücken liegend und völlig entspanntem Gesicht, schien er noch im Tiefschlaf zu sein.

„Na toll!“, stöhnte ich leise und betrachtete ihn einen Moment ungeniert. Er sah traumhaft aus; die Natur, oder seine Eltern, hatten ihn großzügig beschenkt, dachte ich. Auch wenn er nichts dafür konnte, ich fand das ungerecht.

„Mann, Sam, krieg dich wieder ein!“, befahl ich mir; ich musste mir was einfallen lassen, wie ich ihn wach bekam.

„Robert?“ Vorsichtig tippte ich seine Schulter an.

„Hmm?“, kam es verträumt zurück, jedoch ohne irgendeine Regung, die erkennen ließ, ob er wirklich wach war.

„Hey!“, rief ich leise, versuchte nochmals ihn, diesmal etwas derber, wach zu rütteln.

Dann ging alles ziemlich schnell, ich hatte keine Zeit zu reagieren. Seine linke Hand griff nach seiner rechten Schulter, wo sich das störendeEtwas,meine Hand, befand, hielt sie fest und drehte sich plötzlich auf die linke Seite, zog meinen Arm hinterher und platzierte meine Hand unter seiner Wange, als wäre sie ein Kopfkissen. Ich verlor die Balance und landete direkt auf ihm.

„Oh Gott!“, stöhnte ich und versuchte mich aufzurichten. Es war zwecklos: Hand und Arm waren unter ihm begraben. Wie ein Sack hing ich quer über seinem Körper.

Was blieb mir übrig? Ich ließ mich vorsichtig über ihn auf die andere Seite rollen, darauf bedacht mir nicht den Arm zu brechen. Gezwungenermaßen befand sich mein Gesicht ganz nah an seinem, als er die Augen öffnete und mich regelrecht anstrahlte.

„Guten Morgen“, flüsterte er lächelnd.

Ich hatte mich vom ersten Schock erholt und mein Puls beruhigte sich langsam wieder.

Daswar einfach nur peinlich.

„Kann ich jetzt bitte meinen Arm wieder haben?“, fragte ich betont lässig und versuchte ihn hervorzuziehen.

„Oh, … und ich hatte schon gehofft jeden Morgen so reizend geweckt zu werden“, feixte er, den Schalk in seinen Augen, unbeirrt zurück.

„Jacki hätte bestimmt nichts dagegen, dich jeden Morgen zu wecken, allerdings müsstest du dir eine spätere Weckzeit aussuchen“, konterte ich.

Inzwischen hatte ich Arm mit Hand zurückerobert, am Gleichgewicht musste ich noch arbeiten. Ich versuchte meine Unsicherheit zu überspielen, rappelte mich auf und hoffte den Raum mit etwas Würde verlassen zu haben.

Ich brauchte ganz dringend einen Kaffee, mein Grundnahrungsmittel.

„Kaffeejunkie!“, warf mir Jacki ständig an den Kopf, die diesem Getränk absolut gar nichts abgewinnen konnte, das für mich aber lebensnotwendig war. In der Küche hörte ich Robert gut gelaunt die Treppe runterpoltern. Ein richtiger Sonnenschein, dachte ich spöttisch.

„He, es gibt hier noch schlafende Personen im Haus!“, erinnerte ich ihn, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass Jacki sich von irgendwas im Schlaf stören ließ.

„Hm!“ Genüsslich sog er den Kaffeeduft ein und ich reichte ihm eine Tasse.

„Ich denke, du kochst nicht“, grinste er provokant.

„War die Maschine“, gab ich trocken zurück.

„Ich weiß nicht, wann ein Tag das letzte Malsogutbegonnen hat“, schwärmte er und spielte wahrscheinlich auf die Szene eben im Gästezimmer an.

„Sieh zu, dass du ein eigenes Fahrzeug unter den Hintern bekommst, ich fahre dich nämlich nicht jeden Morgen!“, antwortete ich mürrisch, womit ja wohl auch die Gefahr einer Wiederholung des heutigen Weckmalheurs gebannt war.

Ich legte ihm einen Zettel mit meiner Adresse und einen Hausschlüssel auf den Tisch. Mit einem Stadtplan konnte ich nicht dienen, aber er würde schon irgendwie den Weg hierher finden.

Ich versuchte mich jetzt ganz meinem Kaffee zu widmen, ertappte mich jedoch dabei, dass sich immer wieder heimliche Blicke von mir zu Robert verirrten.

DerSonnenscheinverschwand aus seinem Gesicht; er beobachtete mich stirnrunzelnd.

„Was?“, fragte ich leicht gereizt.

„Wieso bist du so sauer?“

„Liegt nicht an dir“, log ich etwas leiser.

„Kann ich irgendwie helfen?“

Ja, indem du mich nicht ständig aus der Fassung bringst mit so peinlichen Aktionen, wie vorhin zum Beispiel, und ich mir wie ein Idiot vorkomme, dachte ich, blieb ihm die Antwort aber schuldig und stellte fest, dass wir hinter meinem Zeitplan lagen. Ich durfte nicht schon wieder zu spät zur Arbeit kommen.

„Können wir dann los?“, fragte ich ungeduldig.

„Klar!“

Die Fahrt verlief ruhig, wir lauschten der Musik im Radio.

„Wann wirst du heute Abend ungefähr da sein?“, unterbrach ich das Schweigen.

Ich stand nicht auf Überraschungen und wollte deshalb vorbereitet sein.

„Keine Ahnung, ob wir heute nur den Ablauf besprechen, die Locations besichtigen oder schon drehen. Soll ich dich anrufen? Dann brauche ich aber noch deine Handynummer!“

„Nein!“, rief ich ungewollt bestürzt aus.Mein Gesicht würde wahrscheinlich hochrot anlaufen, wenn ich ihn plötzlich am anderen Ende der Leitung hätte.Außerdem wartelefonieren während der Arbeit fast genauso schlimm, wie zu spät zu kommen.

Zimmermann hatte mich einmal dabei erwischt und ich hatte noch seine Worte im Ohr:

„Ihre Privatangelegenheiten erledigen Sie gefälligst außerhalb der Arbeitszeit! Dafür werden Sie schließlich nicht bezahlt!“

„Ich habe mein Handy während der Arbeit nicht bei mir“, erklärte ich schnell und hielt jetzt am Eingang vor demMerkur-Hotel. Bevor er ausstieg, gab er mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Danke für den schönen Morgen; bis heute Abend.“

Verdattert schaute ich ihm hinterher, bis er durch die große Glastür verschwand.

„Sie können hier aber nicht parken!“, holte mich ein Mann in Hoteluniform in die Gegenwart zurück.

„Schon gut“, grummelte ich. Mir blieben noch zehn Minuten, um zur Bibliothek zu kommen.

Gott sei Dank war nicht viel Verkehr, die Ampeln mir wohlgesonnen und ich legte eine Rekordzeit hin; hastete die breite Treppe hinauf und verstaute meine Sachen im Schrank. Die Stechuhr mahnte mich zur Eile, mir blieben noch zwei Minuten, um in die erste Etage zu gelangen. Geschafft! Es war knapp, wie fast immer, aber trotzdem noch pünktlich.

„Oh, Fräulein Hall, wie nett!“, empfing mich unser neuer Chef, Herr Zimmermann.

Er hatte vor drei Monaten die Leitung der Bibliothek übernommen und war wenig begeistert davon, dass ich ständig auf denletztenDrückerkam; was einGrund war, weshalb ich ihn bereits – unangenehmerweise – in seinem Büro alleine besuchen durfte.

Demonstrativ schaute er zur Uhr und teilte mir mit: „DieInformationist noch unbesetzt …“

„So ’n Mist!“, murmelte ich und blendete ihn aus. Die langweiligste und am meisten gehasste Arbeit blieb mal wieder an mir hängen. Langweilig, weil es kaum etwas zu tun gab und die Zeit nicht verging; gehasst, weil ich mein letztes Hemd darauf verwettet hätte, dass ein spezieller Leser diesen Service in Anspruch nehmen würde, obwohl sich dieInformationin der Fachbuchabteilung befand,eraber nur an Romanen interessiert war.

„Gratuliere!“, flüsterte Peggy mir zu.

„Danke!“, erwiderte ich angesäuert. „Sehen wir uns nachher zum Mittag?“

„Klar, in der Kantine.“

Es gab noch ein paar Bücher vom Vortag, welche darauf warteten, zurück in die Regale zu gelangen, wobei mir Peggy morgens half, bevor sie sich in die Kinderabteilung verdrückte.

Sie griff sich den Wagen mit der Belletristik und ich rollte mit der Fachliteratur davon.

Mein Wagen parkte als Erster wieder an seinem Platz.

Peggy und ich machten es schon fast zum Wettkampf, wenn wir die Bücher einsortierten. Der Ausgang war vorhersehbar. Die Fachliteratur benötigte zwar mehr Zeit, um ihren Platz in den Regalen zu finden, war aber stückzahlmäßig der Belletristik unterlegen.

Ich schnappte mir ein paar Katalogkarten, um wenigstens etwas Arbeit amInfo-Schreibtisch zu haben. Da es keine sehr große Bibliothek war, wurde der Bestand nochaltmodischkatalogisiert. In den Großstadtbibliotheken wird sicher alles per Computer erfasst, aber hier fehlten offenbar die Mittel – oder der Aufwand lohnte einfach nicht für eine Modernisierung. Trotzdem wurde die Einrichtung für Kleinstadtverhältnisse gut besucht, was jedoch nicht weiter verwunderlich war, da es die einzige Bibliothek im Umkreis ist – von den beiden kleinen Schulbibliotheken abgesehen, denen wir bei Bedarf aushalfen, da deren Bestand sehr begrenzt war.

Die erste Benutzergruppe war mehr als überschaubar, als sich die Pforten um acht Uhr öffneten.

Ich verschanzte mich hinter den Karteikästen und ließ mir Zeit beim Einsortieren, indem ich mir auch die kurzen Inhaltsangaben der Bücher auf den Karteikarten reinzog. Wenn man informieren will, sollte man wenigstens einen kleinen Durchblick haben, dachte ich und begründete damit den höheren Zeitaufwand.

Die wenigen Anfragen bis zum Frühstück waren keine Herausforderung, die bis zum Mittag auch nicht unbedingt knifflig.

Zur Mittagspause wurde der Sachbereich von der Belletristik mit übernommen und umgekehrt. Peggys Kinderabteilung wurde vomSchreibstübchen, in dem unter anderem das Mahnwesen bearbeitete wurde, vertreten; die Verbuchung musste mit einem Mitarbeiter für die zwanzig Minuten auskommen.

Die Kantine befand sich in der unteren Etage und wurde auch von außenstehenden Personen genutzt. Peggy befand sich bereits mit einem Tablett in der Warteschlange am Selbstbedienungstresen und winkte mich zu sich. Ich ignorierte ein paar böse Blicke, welche mich als Vordrängler denunzierten, stellte eine Salatschüssel, Brötchen und natürlich einen Pott Kaffee auf ihrem Tablett ab.

„Und, dein neuer Verehrer schon da gewesen?“ Gemeiner Spott lag in ihrer Stimme.

Ich stöhnte auf. „Er kommt doch erst nachmittags. Vielleicht schafft er es ja heute nicht“, hoffte ich.

„Träum weiter!“

Sie hatte gut lachen! Ihre Verehrer waren höchstens vierzehn Jahre alt, denn alles, was älter war, zog es von der Kinderbibliothek in die Erwachsenenabteilung. Ich hatte ja schon einigeInteressenten, aber keiner nahm sich so häufig Zeit für Bibliotheksbesuche wie mein derzeitigerVerehrer –wie Peggy ihn nannte –, mit dem ich fast täglich rechnen konnte. Er fand mich auch jedes Mal, egal, in welcher Abteilung ich gerade Dienst schob, außer wenn ich mich imSchreibstübchenversteckte, wo ich säumige Leser ärgern und abmahnen konnte.

Mit Peggy war ich schon in der Schule befreundet, wir bestritten auch gemeinsam die Ausbildung zum Bibliotheksfacharbeiter. Wir unternahmen ab und zu was gemeinsam und ich ließ mich gerne auf ihre teilweise verrückten Ideen ein. Sie war neben Jacki der einzige Mensch, dem ich fast alles anvertraute, wie die Geschichte mit dem unerwünschtenVerehrer, was ihr aber sowieso aufgefallen wäre.

Da das Leben hier nicht so aufregend war und selten was Neues zu bieten hatte, über das man reden konnte, führten wir nur belanglose Gespräche über Arbeit und Familie. MeinVerehrerwar daher für sie eine willkommene Abwechslung, was inzwischen schon wieder langweilig wurde, sie jedoch nicht davon abhielt, mich täglich damit aufzuziehen.

Wenn es bei ihr mal etwas Neues gab, konnte sie ununterbrochen reden; ich hatte keine Chance, selbst zu Wort zu kommen. Gab es hingegen bei mir Neuigkeiten, musste ich behutsam mit der Eröffnung sein, da ich von ihr mit Fragen bombardiert wurde, die wären mir nicht im Traum eingefallen. Sie gab sich auch nicht etwa mit einer Kurzfassung zufrieden, jedes Detail war wichtig. Das konnte schon nerven, passierte aber Gott sei Dank sehr selten.

Ich saß wieder hinter meinem Schreibtisch und hoffte, dasserheute nicht auftauchte.

Sein Lesedrang ließ ihn regelmäßig zwischen drei und vier Uhr nachmittags in der Bibliothek erscheinen. Ein Blick zur großen Wanduhr gab ihm noch eine viertel Stunde undichgab die Hoffnung nicht auf.

Umsonst – er hatte mich gefunden; ich saß ja praktisch wie auf dem Präsentierteller.

Er war nicht obszön oder zudringlich, eher zurückhaltend, schüchtern und anhänglich wie ein Hund. Aber die Art, wie er mich ständig beobachtete, ansah oder ansprach, brachte mich beinahe auf die Palme. Er wollte mir immer mit einem kleinen Mitbringsel imponieren: einer Tafel Schokolade oder der kalorienreicheren Ausführung in Form von Pralinenschachteln; einer Piccolo-Sekt- oder Weinflasche. Heute war es eine Rose, die genauso aussah wie die in den Vorgärten des Bibliotheksgebäudes – bildete ich mir zumindest ein.

Strahlend hielt er sie mir mit einem gehauchten „Hallo!“ entgegen.

Um diese Zeit waren Arbeit und Schule bei den meisten beendet und der Raum füllte sich mit Lesern, von denen einige das Szenarium neugierig beobachteten.

Da Höflichkeit eine Tugend und in meinen Beruf Voraussetzung war, nahm ich das Geschenk widerwillig an und versuchte meine Frage freundlich rüberzubringen:

„Was suchen Sie denn heute?“

„Was Nettes, vielleicht eine Liebesgeschichte?“, flüsterte er mir verlegen zu.

Was sonst?, dachte ich. Mein Chef stand plötzlich neben mir und ich musste mich zu mehr Höflichkeit zwingen. Ihm wäre der genervte Ton sicher nicht entgangen.

„Möchten Sie eine klassische, oder eher eine moderne?“ Das WortLiebesgeschichteging mir nicht über die Lippen.

„Was würdenSielesen?“

Wollte er jetzt etwa meine Vorlieben erkunden? Bei klassischer Lektüre musste ich womöglich bei seinem nächsten Besuch mit einem Kniefall oder Ähnlichem rechnen.

Nun, die endeten in der Regel tragisch mit dem Tod und ich war nicht ganz abgeneigt, wenn ich so seiner täglichen Präsenz entkommen könnte. Aber er würde dem Schreibstil von Shakespeare und Co sowieso nicht folgen können.

„Hm, mal sehen.“ Ich lockte ihn in die Belletristikabteilung am anderen Ende des Raumes und weg von den wachsamen Augen meines Chefs, erblickte die Taschenbuchauslagen auf einem kleinen Tisch und griff nach einem mit Liebespaar auf dem Cover. Es sah schnulzig aus, sicher versprach der Inhalt dasselbe.

„Ist das gut?“, fragte er.

„Das kann ich nicht sagen, ich konnte es noch nicht lesen, weil es ganz neu ist“, redete ich mich raus und zeigte auf das über dem Tisch hängende Schild mit der Aufschrift:Neuheiten.

„Dann kann ich esIhnenja erzählen!“, schlug er begeistert vor.

Offenbar wollte er meine Hand gleich mit ausleihen, denn er hielt sie samt Buch fest, was meinem Chef dummerweise nicht entging.

„Entschuldigung, aber ich müsste dann mal wieder …“

Am Informationstisch drehten sich bereits mehrere Personen Hilfe suchend um.

Herr Zimmermann konnte nur eine Person aushilfsweise beraten, also eilte ich zurück, um einem Pärchen bei der Familienplanung behilflich zu sein oder wenigstens zu zeigen, in welchem Regal sie Hilfe fanden.

Sie war hochschwanger und konnte sich nur langsam bewegen, was mir etwas Aufschub gewährte und nur recht sein konnte, denn Zimmermännchen wartete bereits am Tisch auf mich und sah mich nicht gerade wohlgesonnen an.

„Fräulein Hall, ich dachte, das wäre geklärt“, empfing er mich. „Wenn Sie Freunde oder Bekannte als Leser für unsere Einrichtung gewinnen können, begrüße ich das natürlich. Ihre Privatangelegenheiten erledigen Sie aber bitte nach Feierabend.“ Sein Ton wurde schärfer. „Sie können nicht wegen ihres Freundes alle anderen Nutzer ignorieren!“

„Er ist nicht mein Freund!“, reagierte ich bockig. „Geben Sie ihm doch Hausverweis!“

Ich nahm die Rose, die noch auf dem Tisch lag, und warf sie wütend in den Papierkorb. Nachdenklich sah er mich an.

„Belästigt er Sie etwa?“

„Ist harmlos“, winkte ich ab.

„Sollte es Schwierigkeiten geben, sagen Sie Bescheid, da käme ein Hausverbot unter Umständen in Betracht.“

Er bot mir tatsächlich Hilfe an? Ich war perplex.

„Nun schauen Sie nicht so überrascht, ich bin schließlich auch für meine Mitarbeiter verantwortlich.“ Mit gönnerhaftem Lächeln ließ er mich sprachlos zurück.

„Hey, willst du Überstunden machen …?“, Peggy stand vor mir, „… oder warteterdraußen auf dich?“

„Male mal nicht den Teufel an die Wand“, stöhnte ich.

So weit war es bisher nicht gekommen und ich schüttelte mich bei dem Gedanken, er könnte doch mal auf die Idee kommen und mich hier abfangen.

„Seinetwegen hatte ich heute wieder Ärger mit Zimmermännchen, aber stell dir vor, der hat mir tatsächlich Hilfe angeboten, falls er mich belästigen sollte!“

„Red keinen Quatsch!“, meinte sie ungläubig. „Gehen wir noch insMini, da kannst du mir alles erzählen“, schlug sie vor.

DieMini-Barbefand sich gleich um die Ecke. Sie war gemütlich eingerichtet, vereinte sowohl Kaffee als auch Bar und war unser bevorzugtes Ziel nach Feierabend.

„Wird heute leider nichts“, bedauerte ich, was gleichermaßen für die nächsten Tage galt.

Peggy würde mir sicher eine Erklärung abverlangen, wenn ich mich eine ganze Woche unserem regelmäßigen Feierabendritual entzog. Ich sollte mir was einfallen lassen, wenn ich nicht mit der Wahrheit rausrücken wollte. Unddaswollte ich in diesem speziellen Fall ganz sicher nicht.

„Na dann bis morgen!“ Sie winkte mir zu und wir verschwanden in unseren fahrbaren Untersätzen.

Nach ein paar Metern leuchtete meine Tankanzeige auf und bettelte um Benzin. Spätestens morgen früh müsste ich der Bitte nachkommen. Aber in Anbetracht der Zeitnot, welcher ich mich jeden Morgen aussetzte, war es ratsamer, gleich eine Tanksäule aufzusuchen.

Auf der Strecke befand sich eine kleine, gerade neu eröffnete Tankstelle, was mir sehr entgegenkam. Weniger dagegen die Preise. Ist der Sprit etwa vergoldet? Auf die Dauer könnte ich mir das nicht leisten. Selbst mit dem Umweg zur alten Tankstelle würde ich günstiger fahren. Sollten das etwa noch Angebotspreise zur Eröffnung sein?

Ich tankte nur so viel, dass es für die nächsten drei Tage reichen musste, und wühlte in meiner Handtasche nach der Geldbörse, während ich den kleinen, sicher auch überteuerten Laden betrat. Als ich an der Kasse den Kopf hob, blieb mirSäule 2im Hals stecken. Vor mir stand mein Verehrer aus der Bibliothek, der sich wahnsinnig freute, mich an diesem Tag ein zweites Mal zu sehen. Alsodaswar heutedefinitivder letzte Besuch an dieser Tankstelle, war ich mir jetzt ganz sicher.

„Säule 2“, bekam ich dann trocken heraus und vermied es, ihn anzusehen.

„20 Euro“, strahlte er mich an und legte mir eine Marzipanrose auf den Tisch. „Zur Neueröffnung“, kommentierte er.

Ich legte das Geld passend auf den Tresen und schob die Rose zurück.

„Mache gerade eine Diät!Die …“, ich nickte zur Rose, „… wäre da nicht sehr hilfreich.“

Ups, spätestens jetzt müsste er sich fragen, was ich dann wohl mit seinen geschenkten Süßigkeiten anstellte, schoss es mir durch den Kopf.

„Sie müssen sie ja nicht essen“, beharrte er und schob sie wieder zu mir.

Um das Hin und Her zu beenden, nahm ich sie und zog meine Mundwinkel nach oben, was einem Lächeln wahrscheinlich nicht mal nahekam.

„Also danke … und viel Glück fürs Geschäft“, wünschte ich, denn das würde der Laden bei diesen Preisen ganz sicher brauchen. Ich sah zu, dass ich rauskam.

Wie viele Überraschungen hatte der Tag wohl heute noch zu bieten?

Ein fremder, knallroter BMW parkte vor meinem Haus.

Also noch auffälliger ging es ja wohl nicht. Wie zur Bestätigung glotzten vorbeiziehende Radfahrer und Passanten das Auto an.

„Derübernachtet heute auf jeden Fall auf dem Hof“, legte ich sofort fest.

Polternd ließ ich den Schlüssel auf die Glasablage im Flur fallen, hängte meine Jacke auf und warf meine Schuhe in die Ecke.

„Sam?“

Die männliche Stimme kam aus der Küche und etwas folgte ihr: ein himmlischer Duft, der meine Wut sofort in Erstaunen verwandelte. War ich im richtigen Haus?

Der BMW vor der Tür, der köstliche Duft, der mich benebelte … – aber der Schlüssel hatte gepasst.

Jackis Stimme löste dann alle meine Bedenken auf.

„Wird ja Zeit, mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen“, beschwerte sie sich.

Wann war das mal nicht so?, dachte ich und betrat vorsichtig die Küche.

Der Tisch war für drei Personen gedeckt, eine Kerze brannte und der unwiderstehliche Duft, der mich empfing, gehörte zu einer Lasagne, die Robert gerade auf den Tisch stellte.

Er begrüßte mich lächelnd, sah die Rose in meiner Hand und das Lächeln wich einem spitzbübischen Schmunzeln.

„Ein Verehrer?“

Ich trat den Mülleimerdeckel auf und wollte die Blume darin versenken, doch seine Hand hielt mich ab.

„Das ist aber nicht sehr nett!“ Spott lag in seiner Stimme.

„Also gut, bedient euch, ich will sie nicht!“

Sie flog lieblos auf die Arbeitsfläche der Küche, ein Rosenblatt bröckelte ab.

Jacki wollte sich gerade mit den Fingern bedienen, allerdings nicht bei der Rose, sondern an der oberen Käseschicht der Lasagne, als Roberts Hand – er hatte sie wohl überall – neckend daraufschlug. Kichernd zog sie diese weg und verbarg sie hinter dem Rücken.

„Das riecht ja traumhaft“, musste ich gestehen.

„Na ja, ich wollte mich eigentlich nur für die Rettung gestern bedanken und dein Angebot, hier wohnen zu können.“ Er freute sich aufrichtig, dass ihm die Überraschung gelungen war.

„Können wir endlich anfangen?“, jammerte Jacki.

„Sorry, aber bevor sich hier irgendjemand an den Tisch setzt, verschwindet der BMW auf dem Hof!“, forderte ich nachdrücklich.

„Wieso?“ Die Frage kam in Stereo.

„Hast du dirdenmal angesehen?“, schwärmte Jacki.

„Ja! Und nicht nur ich; auch das halbe Dorf. Er wirkt wie ’ne Leuchtreklame und der Fahrer bleibt sicher nicht lange unentdeckt. Die Neugier der Nachbarn wird ja geradezu herausgefordert.“

„Ist ein Leihwagen. Ich tausche ihn morgen gegen einen unauffälligeren“, lenkte Robert bedauernd ein.

Ich gab mich zufrieden, bestand aber dennoch darauf, dass dieLeuchtreklamediese Nacht hinter dem Hoftor verschwand, und warf ihm den Hofschlüssel zu.

„Dukommst mit mir!“, befahl er Jacki. „… sonst ist von der Lasagne nichts mehr da, wenn ich zurück bin.“

„Wie gemein“, schmollte sie und fühlte sich ertappt.

Ich nutzte die Zeit, um in etwas Bequemes zu schlüpfen.

Die Lasagne schmeckte lecker und wir mussten uns ranhalten; Jacki hatte einen gesunden Appetit.

„Wieso gibt es das nicht öfter in diesem Haus; ich meine, selbst zubereitetes Essen?“, fragte sie kauend. Der Wink mit dem Zaunpfahl.

„Im Regal da oben stehen ein paar Kochbücher, du kannst dich gerne ausprobieren“, konterte ich in herausforderndem Ton, wandte mich dann Robert zu: „Danke, das war wirklich gut. Wieso kannst du so gut kochen? Machst du so was öfter?“, und dachte: Ja, daran könnte ich mich gewöhnen.

„Nur wenn Zeit und Gelegenheit sich bieten“, beantwortete er den letzten Teil meiner Frage. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, kam das wohl nicht sehr häufig vor. Ich räumte Teller, Besteck und Auflaufform in den Geschirrspüler, was Robert mir reichte. Jacki hatte sich natürlich verzogen – wie immer, wenn es um Hausarbeit ging.

„Habe ich da vorhin einen Swimmingpool im Garten gesehen?“, fragte Robert nebenbei.

„Ja?!“

„Darf ich?“

„Klar!“ Ich öffnete die Terrassentür der Küche und deutete mit einer Handbewegung an, dass er sich keinen Zwang antun sollte.

Es war schon fast dunkel. Solarlampen beleuchteten den Garten, eine im Pool schwimmende Solarkugel ließ das Wasser glitzern.

„Hier sind Handtücher!“ Ich zeigte auf ein kleines Regal neben der Tür.

Wo er stand, entblößte er seinen Oberkörper, ließ die Jeans fallen und stand nur noch in Shorts bekleidet da. Perplex kniff ich kurz die Augen zusammen, öffnete sie wieder und erstarrte zur Salzsäule.

„Kommst du mit?“ Ein schelmischer Ausdruck lag in seinem Blick.

„Ganz sichernicht“,hauchte ich mit der mir verbliebenen Luft.

Er schnappte sich ein Handtuch und rannte los, ließ es kurz vor dem Pool fallen und sprang klatschend hinein. Ich stand noch immer mit offenem Mund da, fasziniert von dem Anblick, der sich mir bot, als ich erschreckt aus meiner Lethargie gerissen wurde.

„Wie kann man so ein Angebot ablehnen?“ Jacki lief in leuchtend pinkem Bikini – war das Neonfarbe? – an mir vorbei und sprang ebenfalls ins Wasser.

Prustend und lachend tauchte sie wieder auf.

Im Gegensatz zu mir hatte sie offenbar keine Hemmungen in Roberts Gegenwart, was mich seltsamerweise ärgerte. Das Schauspiel musste ich mir nicht ansehen.

Ich schnappte mir die Weinflasche und mein Weinglas, drehte das Radio in der Wohnstube etwas lauter, um das Gekicher aus dem Garten zu übertönen, und ließ mich auf die Wohnlandschaft fallen, legte meine Beine auf einem Hocker ab und hing beim Leeren der Weinflasche meinen Gedanken nach.

Müdigkeit überkam mich, also kramte ich ein paar Sofakissen zusammen und machte es mir gemütlich. Mir fielen die Augen zu und entschwand ins Reich der Träume.

Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte, doch im Halbschlaf bemerkte ich, wie mir eine Decke übergelegt wurde und Finger, die mir behutsam die Haare aus dem Gesicht strichen. Ruhige Klavierklänge ertönten aus dem Radio.

Ich wollte die Augen nicht öffnen, den Frieden, den ich gerade empfand, nicht aufgeben.

Das Klavierstück war zu Ende, es folgte ein zweites. Was war das für ein Sender?

Ich kuschelte mich in die Decke und verfolgte fasziniert die Musik.

„Jacki, sei bitte etwas leiser, Sam schläft“, flüsterte Robert, als sie bibbernd das Wohnzimmer betrat.

„Willst du sie etwahierliegen lassen?“

„Wieso nicht?“

„Dann bin ich morgen nicht zu Hause. Immer wenn sie auf der Couch übernachtet, ist sie am nächsten Tag – weil ihr wohl alle Körperteile wehtun – ungenießbar. Ich ziehe mich um und verschwinde noch mal. Vielleicht kann ich ja bei meiner Freundin Asyl beantragen. Viel Spaß morgen!“, bemitleidete sie ihn wohl jetzt schon.

Ich tauchte langsam wieder ab, hörte gerade noch die Tür zuklappen, als Jacki das Haus verließ, bevor ich in den Tiefschlaf zurückfiel.

3

„Es ist fünf Uhr, hier sind die …“

Weiter kam die Stimme nicht, meine Hand flog aufs Radio und ertastete denAus-Knopf.

Spielen die jeden Morgen ein Tonband ab? Und wiesofünfUhr?

Da fiel mir ein, dass ich noch die Weckzeit vom Vortag gespeichert hatte, weil ich wegen Robert früher aufstehen musste. Aber heute brauchte ich nicht Taxi spielen, warum hatte ich die Zeit nicht neu programmiert? Weil ich gar nicht ins Bett gegangen war, gab ich mir die Antwort selbst. Aber ich lag definitiv in meinem Bett, wie also bin ich hierhergekommen? Mit meinem Magen konnte auch etwas nicht stimmen und ich hatte einen schalen Geschmack im Mund.

Ich warf die Bettdecke beiseite, stieg schwerfällig aus dem Bett und stellte fest, dass ich noch Slip und BH vom Vortag trug.

Wenn ich mich selbst ins Bettgeschleppthätte, würde ich jetzt hier im Nachthemd stehen, dachte ich. Da hineinzuschlüpfen schaffte ich immer, selbst im Halbschlaf, darin hatte ich Übung. Es musste also eine andere Erklärung geben.

Ich schlich unter die Dusche, die Zahnpflege erledigte ich gleich mit, um den furchtbaren Geschmack loszuwerden. Das heiße Wasser weckte mich, wie jeden Morgen.

Um den Genuss zu verlängern, bezog ich noch eine Haarwäsche mit ein. Wegen des Fehlalarms hatte ich ja heute genügend Zeit.

Die Haare leicht angeföhnt und das übliche Ritual vor dem Spiegel waren schnell erledigt, daher konnte ich auch das Frühstück etwas ausdehnen. Ich schaltete das Radio ein, aber es gab keinen Ton von sich. Erstaunt blickte ich auf das Display. Irgendjemand hatte auf CD umgestellt.

Ich drückte aufPlayund Klaviermusik ertönte, die gleiche, die ich gestern Abend wahrgenommen hatte. Ich ließ die CD aus dem Fach gleiten. Sie war nicht beschriftet und gehörte offensichtlich auch nicht mir. Egal, ich schob sie wieder rein und drückte erneut diePlay-Taste. Es wurde ein entspannendes Frühstück.

Dann kritzelte ich noch schnell eine Nachricht für Robert auf einen Zettel, stellte Thermoskanne und eine abgedeckte Schale mit gekochten Eiern hin, die mitwwie weich undhfür hartbeschriftet waren.

Wie auf Kommando erschien Robert auf der Treppe, mit verschlafenen Augen und wüsten Haaren, in gestreiftem Pyjama. Es sah irgendwie niedlich, aber auch irre komisch aus. Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Verlegen griff er sich mit einer Hand in die Haare und verwuschelte sie noch mehr.

Jetzt konnte ich mich nicht mehr beherrschen und lachte los.

Dasfand er offenbar gar nicht witzig, grüßte zwar: „Guten Morgen! Wie geht’s deinem Kopf?“, doch in seiner Stimme lag etwas Hinterhältiges. Schadenfreude spiegelte sich in seinem Gesicht und ich brachte meinen Lachanfall unter Kontrolle.

„Wieso?“, fragte ich vorsichtig.

Er schob nun seinerseits schmunzelnd die Lippen nach vorn und legte eine nachdenkliche Miene auf, als könne er sich nicht an den Grund seiner Frage erinnern.

Meinem Kopf fehlte nichts. Eine kleine Beule am Hinterkopf vielleicht, die ich beim Haarewaschen bemerkt hatte. Aber sie war nicht von Bedeutung – oder doch? Er würde sicher nicht ohne Grund diese Anspielung machen.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich zu der – wenn auch kleinen – Beule kam.

„Sag schon, was ist passiert?“, forderte ich nervös.

„Du weißt wirklichgarnichtsmehr?“ Sein ungläubiger Blick ließ ganz langsam Panik in mir aufkommen. „Du musst los, sonst kommst du zu spät!“ Er ließ mich einfach stehen und ging grinsend in die Küche.

„Verdammt!“ Unser Gespräch hatte meinen Zeitvorteil aufgebraucht.

„Wir sprechen noch heute Abend darüber“, drohte ich, wie eine Mutter, die gerade eine Klassenarbeit mit Note sechs von ihrem Kind unterschreiben musste, welche vorsorglich erst kurz vor Aufbruch vorgelegt wurde, damit keine Zeit mehr blieb für Auswertung und Strafmaßverkündung. Roberts Kichern aus der Küche war die einzige Antwort.

Während der ganzen Autofahrt grübelte ich, was ich wohl verpasst hätte. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, jedoch ohne Erfolg. Ich fand keine Antwort. Mein Fuß auf dem Gaspedal musste genauso gekämpft haben, denn als ich auf dem Parkplatz ankam, hatte ich den Zeitverlust wieder aufgeholt – und war die Erste.

„Hey! Wer hat dich denn aus dem Haus geworfen?“ Peggy konnte es nicht fassen, dass ich noch vor ihr da war. Wie oft kam das schon vor? Eigentlich überhaupt nicht.

Wir waren zwei-, dreimal gleichzeitig angekommen, abervorihr? Das war eine Premiere … und verdächtig.

Um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, würde ich wohl mit ihr heute insMinigehen. Die Antwort heute Abend, so ich denn von Robert eine bekam, würde eine Stunde später dieselbe sein. Vielleicht machte ich ja bis dahin doch noch ein paar Entdeckungen zwischen den Gehirnwindungen. Ich hoffte inständig auf ein paar Geistesblitze; auch für ganz kleine wäre ich dankbar.

Herr Zimmermann war genauso erstaunt mich schon zu sehen. Wahrscheinlich glaubte er, dass ich Besserung gelobte, wegen unseres Gespräches und seinersohilfreichenArt. Aber, auch wenn der Glaube angeblich Berge versetzen können soll, spätestens morgen, wenn mein Wecker umgestellt war, würde ihn die Realität eines Besseren belehren.Doch es war eine neue, angenehme Erfahrung, dass ich mir meinen Arbeitsbereich heute aussuchen konnte.

Unter normalen Umständen hätte ich mich mit den Mahnschreiben an säumige Leser im Schreibstübchen versteckt, aber heute brauchte ich Ablenkung, etwas was KopfundHände beschäftigte. Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag über das Gespräch mit Robert zu grübeln. Also wählte ich die Buchung der Benutzer: Annahme und Ausgabe der Bücher und Tonträger. Geistesblitze konnten mich auch da ereilen und mein täglicher Besucher würde mich nicht lange belästigen können, ohne den Zorn der Benutzer hinter sich in der Reihe auf sich zu ziehen.

Peggy liebte Kinder und zog sich wie immer in die Kinderbibliothek zurück, welche sich, wegen des Lärms, den die Kids verursachten, in einen separaten Raum befand.

Carola, Sven, Doris und Mario – gleichermaßen über mein verfrühtes Erscheinen erstaunt – teilten unter sich die Mahn-, Musik-, Belletristik- und Info-/Fachabteilungen auf. Doris freute sich, mal wieder mit mir zusammen in der Verbuchung arbeiten zu können.

„Wenn du regelmäßiger so früh kommen würdest, könnten wir auch öfter mal zusammenarbeiten. Dann müsste ich nicht immer mitMiesmuschelMario hier stehen“, flüsterte sie mir zu. „Wieso bist du heute schon so früh dran gewesen?“, wollte sie wissen.

„Wecker falsch gestellt“, sagte ich kurz angebunden, denn die ersten Leser waren schon da und einige wurden ungeduldig.

Der Tag lief wie erhofft, es war Hochbetrieb. Ich hatte kaum Zeit, über das Rätsel heute Morgen nachzudenken; ein Geistesblitz hatte es allerdings auch noch nicht auf mich abgesehen.

Natürlich war auch meinFreundwieder da, heute allerdings schon am Vormittag.

Ein Vorteil in diesem Aufgabenbereich war, dass man anhand der Benutzerausweise die Namen der Leser erfuhr.

Steven Müller, mein Verehrer, wurde von Herrn Zimmermann nicht aus den Augen gelassen, was jedoch wegen des Andrangs gar nicht nötig war. Er hatte nicht die Zeit, mir den Inhalt des Romans von gestern, den er gerade zurückgeben wollte, zu erzählen, aber ich war mir sicher, er würde es bei passender Gelegenheit nachholen. Auch das Buch, welches er sich neu ausgesucht hatte, ließ keinen Zweifel an seinem Inhalt zu.

In der Mittagspause fragte auch Peggy, wie es zum verfrühten Arbeitsbeginn kam.

Ich erzählte ihr das Gleiche wie Doris. Als ich dasMinierwähnte, sagte sie bedauerlicherweise ab. „Wichtiger Termin“, begründete sie, sagte aber nicht, was es für einer war. Ich fragte auch nicht nach. Mir fiel nur ein, dass sich die Geistesblitze beeilen mussten, sie hatten jetzt noch weniger Zeit, mich zu treffen.

Dann war der Feierabend da und mit ihm auch die Gedanken an Robert, die ich bisher, mehr oder weniger, erfolgreich verdrängen konnte. Der erste Gedanke an ihn ließ mich allerdings schmunzeln. Ich hatte das Bild von heute Morgen, wie er verschlafen auf der Treppe stand, wieder vor mir. Noch völlig verträumt und gedankenverloren hatte es etwas Unschuldiges. Doch sein Bild und mein Blick änderten sich schlagartig, als er mirdie eine Fragean den Kopf warf und mein Erinnerungsvermögen strapazierte.

„Los, denk nach!“, befahl ich mir.

Also, offensichtlich bin ich nicht alleine ins Bett gegangen, dagegen sprach mein Outfit, in dem ich erwacht war. Jacki? Nein, sie hatte sich bereits verabschiedet, als ich noch auf dem Sofa lag, so viel gab mir meine Erinnerung noch preis. Folglich blieb nur Robert, der mich hochgebracht haben könnte.

„Oh Gott, wie peinlich“, stöhnte ich. Aber die Beule am Kopf …? Wieso konnte ich mich nicht erinnern, so tief konnte ich doch nicht geschlafen haben? Na ja, die Rotweinflasche hatte ich immerhin fast allein ausgetrunken. Die Erklärung für meinen Filmriss, den schalen Geschmack im Mund und den verdrehten Magen hatte ich offenbar gefunden. Aber, wenn ich soweggetreten war, dass ich es noch nicht mal in mein Nachthemd geschafft hatte, wer hat mich dann aus meinen Jeans und …?

Mir stockte der Atem, trat so kräftig auf die Bremse, dass ich nach vorne flog und vom Gurt in meinen Sitz zurückgerissen wurde.Erhat doch wohl nicht etwa …? Und wenn doch, war das alles? Sollte das heute Morgen eine Anspielung auf irgendwas Bestimmtes sein?

Nach Antworten suchend sog ich ganz tief die Luft durch die Nase ein, in der Hoffnung, der Sauerstoff würde auch die kleinsten Gehirnzellen erreichen und aktivieren. Außerdem half es mir, mich zu beruhigen. Mir war mulmig in der Magengegend, aber es half nichts, ich musste da durch. Wir waren schließlich erwachsen! … und sollten eigentlich wissen, was wir tun, führte ich meinen Gedanken resignierend zu Ende.