Achtsamkeit in der Partnerschaft - Hans Jellouschek - E-Book

Achtsamkeit in der Partnerschaft E-Book

Hans Jellouschek

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12,99 €

Beschreibung

Wirklich bei mir sein und beim Anderen: Dieses Wechselspiel hält eine Partnerschaft lebendig und gibt ihr auf die Dauer Tiefe. Achtsamkeit in der Partnerschaft zu üben und zu pflegen bedeutet herauszufinden, was dem Anderen und mir selbst wichtig ist, ohne es gleich zu bewerten. Denn Hans Jellouschek weiß, dass Unachtsamkeit, Unaufmerksamkeit und Ablenkung auf Dauer eine Partnerschaft unterhöhlen. Achtsamkeit zu üben bedeutet, wieder im Fluss des gemeinsamen Lebens anzukommen. Hans Jellouschek hat dies für das partnerschaftliche Zusammenleben nutzbar gemacht. Mit vielen praktischen Übungsanleitungen und Beispielen aus der Beratungspraxis zeigt er, wie diese Kunst zu üben und zu pflegen ist. Ein völlig neuer Zugang, der in die tiefere Dimension der Beziehung führt.

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Seitenzahl: 205

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Hans Jellouschek
Achtsamkeit in der Partnerschaft
Was dem Zusammenleben Tiefe gibt
KREUZ

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH

ISBN (E-Book) 978-3-451-33680-5

ISBN (Buch) 978-3-451-61004-2

Vorwort

In den letzten Jahren beschäftigt mich bei meiner Arbeit als Paartherapeut immer wieder die Beobachtung, dass das meiste, womit Partner sich verletzen, nicht aus bösem Willen, oft auch nicht aus Mangel an Zuneigung geschieht, sondern einfach aus Unachtsamkeit. Man denkt nicht dran, man wird von der Situation überrumpelt und von irgendwelchen Impulsen gesteuert, über die man sich selbst keine Rechenschaft gibt – und schon ist es passiert: Der Partner ist getroffen, schlägt zurück oder verschließt sich gekränkt … Sicher steckt hinter solchen Unachtsamkeiten oft das, was wir »tiefere Probleme« nennen, die mit der Geschichte des Paares und auch mit der Geschichte der Partner zu tun haben. Aber zunächst geht es einfach um Unachtsamkeit. Würde ich in dem Augenblick des Zusammentreffens »bei mir sein«, wäre ich wirklich »da« im jetzigen Augenblick, und nicht mit meiner Aufmerksamkeit irgendwo anders, würde es wahrscheinlich nicht »passieren«. Es geht also schlicht um – Achtsamkeit!

Aber das sagt sicher leichter, als es getan ist. Und darum habe ich dieses Buch geschrieben: Wie gewinne ich, wie erhalte ich dem Partner, der Partnerin gegenüber solche Achtsamkeit? Die Idee dazu ist in Kursen entstanden, die ich seit mehreren Jahren am Benediktushof in Holzkirchen* gebe und an denen wohl schon mehrere hundert Paare teilgenommen haben. Ihnen danke ich dafür, dass Sie mir durch ihr Interesse und ihre Offenheit im Austausch gezeigt haben, was für sie an diesem Thema wichtig ist. Meine Leserinnen und Leser finden in diesem Buch einen Nachhall davon vor allem in den ganz praktischen Achtsamkeitsübungen, zu denen ich hier auch anrege. Die meisten von diesen habe ich in den genannten Seminaren mit den Teilnehmern/-innen durchgeführt. Meine Ausführungen in geschriebener Form sollen nicht nur das Verstehen unterstützen, sondern auch zum praktischen Tun anleiten!

Danken will ich auch meiner Frau Bettina: Wir haben miteinander häufig über die Achtsamkeit in unserer eigenen Beziehung und auch über unsere Erfahrungen damit in unseren Paartherapien diskutiert, und daraus habe ich ebenfalls viele wichtige Anregungen für dieses Buch gewonnen. Und schließlich danke ich auch dem Lektor des Herder-Verlages, Peter Raab, dass er mich immer wieder ermutigt hat, dieses Thema anzugehen, was ich nötig hatte, weil ich lange Zeit dazu recht unentschlossen war.

Im Laufe der Arbeit an diesem Buch ist in mir selber die Überzeugung gewachsen, dass »die Übung der Achtsamkeit« für die Qualität von Paarbeziehungen, besonders auch langjährigen, ein Potential enthält, das wir bisher in unserem Zusammenleben noch nicht annähernd ausgeschöpft haben. Es würde mich sehr freuen, wenn meine Leserinnen und Leser dies durch die Lektüre dieses Buches an sich erfahren!

Ammerbuch-Entringen,

im Januar 2011

Hans Jellouschek

* Benediktushof. Zentrum für spirituelle Wege

Klosterstraße 10, 97292 Holzkirchen/Unterfranken

[email protected]

www.benediktushof-holzkirchen.de

1. Kapitel - Was versteht man unter »Achtsamkeit«?

1. Kapitel
Was versteht man unter»Achtsamkeit«?

Die Praxis der Achtsamkeit als tägliche Übung spielt in der »gegenstandslosen« Meditation des Ostens, vor allem im Zen-Buddhismus und ähnlichen Richtungen, eine zentrale Rolle. Von dort sind in den letzten Jahrzehnten Begriff und Praxis der Achtsamkeit in den Westen gekommen, seit östliche Meditationsformen auch hier in größerem Umfang praktiziert werden. Aber nicht nur in der Spiritualität spielt Achtsamkeit eine große Rolle. Inzwischen begegnet man dem Begriff auch immer häufiger im Zusammenhang mit Psychotherapie und ganz allgemein mit »Lebenskunst«. 1979 hat der amerikanische Arzt Jon Kabat Zinn in den USA eine Anti-Stress-Klinik gegründet, in der das Erlernen und Praktizieren von Achtsamkeit für gute Stress-Bewältigung als Vorgehensweise und Übung eine zentrale Rolle spielt. Bei uns in Deutschland hat vor allem die Verhaltenstherapie Achtsamkeit als einen wichtigen Bestandteil der »kognitiven Verhaltenstherapie« in ihr Repertoire integriert (vgl. Andersen-Reuster 2007). Was ist darunter zu verstehen?

Ich lasse zunächst Kabat Zinn selbst zu Wort kommen: »Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen … Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss des Lebens zu integrieren, uns wieder mit unserer Weisheit und Vitalität in Berührung zu bringen.« (2007). Oder mit den Worten der deutschen Verhaltenstherapeutin U. Andersen Reuster in ihrem wertvollen Sammelband (2007, S. 1): »Achtsamkeit ist ein Prozess, bei dem die Aufmerksamkeit nicht-wertend auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist. Sie nimmt wahr, was ist, und nicht, was sein soll. Das heißt: Sie ist einerseits, nüchtern, real, desillusionierend, andererseits annehmend, integrierend.«

Diese Beschreibungen enthalten mehrere wichtige Elemente – und wenn wir uns im Folgenden diese bewusst machen, werfen wir dabei sogleich jeweils kurze Blicke auf unser Zusammenleben in der Partnerschaft, um einen ersten Eindruck von der Bedeutung dieser Haltung und Praxis gerade auch für die Paarbeziehung zu bekommen, dem Anliegen, dem ich mich in diesem Buch ausführlich widmen möchte.

Gegenwärtiger Augenblick – »Hier und Jetzt«

Im gegenwärtigen Augenblick »da«, im Hier und Jetzt sein: Machen wir uns bewusst, wie häufig wir mit unserer Aufmerksamkeit im Alltag – auch im Alltag der Paarbeziehung – entweder in der Zukunft sind, bei dem, was uns bevorsteht, bei Zielen, die wir haben, bei Anliegen, die wir verfolgen, bei der Angst vor dem, was auf uns zukommt … Oder – was vielleicht noch häufiger geschieht – wie wir bei dem sind, was in der Vergangenheit geschehen ist, was nicht erledigt ist, was uns mit Sorge und anderen schlechten Gefühlen erfüllt. Natürlich müssen wir auch in die Zukunft schauen, planen und Vorsorge treffen, und natürlich ist es zuweilen auch wichtig, zurückzuschauen auf das, was war, um uns zu erinnern, daraus zu lernen oder es zu verstehen, zu »integrieren«. Aber oft werden wir von unseren Gedanken und Gefühlen dahin – in die Zukunft oder in die Vergangenheit – »gezogen« und darin »festgehalten«, und werden unachtsam für das, was gerade ist und was gerade geschieht. Da sitzt ein Paar zum Beispiel am Tisch, der Mann schaufelt das Essen in sich hinein und merkt gar nicht, dass dies sein Lieblingsgericht ist, das ihm die Frau extra gekocht hat, geschweige denn, dass er es freudig oder dankbar ansprechen würde. Er ist mit seinen Gedanken noch im Geschäft, wo er etwas Ärgerliches erlebt hat, das ihn immer noch gefangen hält, sodass er das »Jetzt« – damit aber auch die Liebe seiner Frau, die sich hier zeigt – einfach übersieht. Oder seine Gedanken sind schon wieder beim morgigen Tag, wo eine schwierige Aufgabe auf ihn wartet, ein Gespräch, das unangenehm ist, ein Projekt, das ihn zu überfordern droht. Natürlich kann man dafür Verständnis haben. Dennoch, für die Paarbeziehung geht ihm damit eine kleine Chance verloren: Seiner Frau in die Augen zu schauen, nach ihrer Hand zu greifen und zu sagen: »Oh, schmeckt das gut! Wie schön, dass du gerade an diesem anstrengenden Tag an meine Lieblingsspeise gedacht hast!« Wenn er nicht im »Dort« und »Dann« wäre, sondern im Hier und Jetzt, würde er diese Chance ergreifen. So aber sitzt seine Frau daneben und ist enttäuscht … Leben im Hier und Jetzt erschließt uns den Reichtum des Lebens! Und nur dieses Hier und Jetzt ist Realität! Denn die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft ist noch gar nicht da.

Wenn wir – um ein anderes Beispiel zu wählen – miteinander in den Bergen wandern, und der eine ist immer damit beschäftigt, auf das Ziel, die Hütte, zu starren, die man da oben schon manchmal auftauchen sieht, und sich mit dem Gedanken zu quälen, dass er ihr nicht und nicht näher zu kommen scheint, obwohl sie die im Wanderführer dafür vorgesehene Zeit schon überschritten haben, und der andere denkt die ganz Zeit an das, was in der nächsten Woche zu Hause alles zu tun ist, dann leben beide nicht im Hier und Jetzt. Der eine hängt an seinem Ziel »da oben«, der andere an den Aufgaben »da vorne«, in der nächsten Woche. So berauben sich beide vollständig des Genusses, miteinander jetzt und hier die herrliche Landschaft zu erleben und sich darüber auszutauschen. Sie leben vielmehr an der Gegenwart und damit auch aneinander vorbei. Der Reichtum des Lebens, auch des Zusammen-Lebens erschließt sich uns – wie Kabat Zinn in seiner Definition sagt – wenn wir den gegenwärtigen Augenblick wahrnehmen!

Offenheit und Realismus

Achtsamkeit heißt aber auch: Sich nichts vormachen. Die Dinge so nehmen, wie sie gerade sind, sie nicht schöner, aber auch nicht schlechter machen wollen als sie sind. Machen wir uns für einen Augenblick bewusst: Wie viele Konflikte entstehen in einer Beziehung durch Erwartungen, was sein »soll« und durch Nicht-Akzeptanz dessen, was gerade ist! Zum Beispiel ist heute Abend der Bus, mit dem er nachhause fährt, im Verkehrsstau stecken geblieben. Er ist darum spät dran. Sie überfällt ihn sofort: »Nie bist du pünktlich …!« Und schon ist der Krach da! Würde sie es zunächst einfach so nehmen, wie es ist: Er ist spät dran, so ist es! – dann würde sie zum Beispiel sogleich in den Blick bekommen, dass diese Tatsache die verschiedensten Ursachen haben kann, nicht bloß die eine, auf die sie sofort innerlich und äußerlich »abfährt« (»Er nimmt auf mich keine Rücksicht!«). Dann könnte sie ganz ruhig fragen: »Was war denn los, wie kommt es, dass du so spät dran bist?« Dann könnte der Abend trotz des Zu-Spät-Kommens noch ein schöner Abend werden!

Die Dinge zunächst einmal so nehmen, wie sie sind – darin ist auch noch ein weiteres Element enthalten: Dem, was ist, dem was sich ereignet, mit Offenheit begegnen. Wie viel »Sich wehren gegen …« ist mit unserer Wahrnehmung oft verbunden – im Sinne von Christian Morgensterns treffender Formulierung: »Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf«. Damit leben wir an der Realität vorbei. Diese verändern zu wollen, kann in Ordnung oder auch notwendig sein, setzt aber voraus, dass wir zunächst einmal die Dinge so nehmen, wie sie sind, sonst beginnen wir, in einer illusionären Welt zu leben und einen Konflikt nach dem anderen zu inszenieren. Und abgesehen davon: Wenn wir immer in dem leben, was sein soll oder »eigentlich« nicht sein darf, wird unsere Energie in diese Illusionswelt abgezogen und sie fehlt uns dann, um tatsächliche konstruktive Veränderungen zu bewerkstelligen. Denken wir daran, wie oft, zum Beispiel auch in Paarbeziehungen, darüber geredet und fantasiert wird, was anders sein »sollte« oder, worunter ich »leide«, anstatt Veränderungen tatsächlich anzugehen!

Neugier

Offenheit enthält auch noch das Element der Neugier. Ich bin neugierig auf das, was sich mir als Realität zeigt. Manche sprechen von »Forschergeist«, und zwar gerade nicht nur dem hochinteressanten Thema gegenüber, auf das ich bei der Lektüre oder im Beruf gerade gestoßen bin, sondern Forschergeist, Neugier auch den alltäglichen Dingen gegenüber. Wenn ich frage: »Na, wie geht’s?« – wie oft ist diese Frage eine leere Formel. Ich will es gar nicht wissen! Es wäre aber auch möglich, dass es keine bloße und nichtssagende Formel wäre, nein, ich könnte, wenn ich so frage, mich auch wirklich für dich und dein Ergehen interessieren! Ich möchte tatsächlich wissen, wie es dir heute geht und ergangen ist. Ich kaschiere mit dieser Frage nicht mein Desinteresse und ich ordne dich nicht in ein schon vorhandenes Schema (»Wahrscheinlich geht es ihr eh wieder schlecht!«) ein, nein, ich stelle mich immer wieder neu und aufmerksam auf dich ein – und ich erfahre dabei, auch noch nach Jahren des Zusammenlebens, erstaunliche neue Dinge von dir!

Aber oft lassen meine Erwartungen gar nichts Neues mehr in mein Bewusstsein dringen. Ich bemerke zum Beispiel nicht, dass meine Frau ein neues Make-up verwendet, das sie frischer und lebendiger macht, vielmehr sehe ich sie genau so, wie sie vorher war – aufgrund meiner feststehenden Erwartung. Wieder verpasse ich eine Chance in der Beziehung! Forschergeist ist das Gegenteil von alltäglichem Trott, der mich gar nicht mehr merken lässt, was rund um mich passiert, und worin immer wieder neue Nuancen enthalten sind, die ich auf neue Weise nutzen oder an denen ich mich neu erfreuen könnte. Wenn wir der Realität immer wieder neu mit »Forschergeist«, mit Interesse und Neugier begegnen, entdecken wir in den alltäglichsten Dingen immer wieder erstaunlich Neues! Das macht das ganz alltägliche Leben spannend und interessant!

Wohlwollend, liebevoll

Offenheit, Realismus, die Dinge so nehmen, wie sie sind: Das legt Nüchternheit nahe. Vielleicht sogar stoischen Gleichmut? Nein, denn schon im Element »Neugier« klingt etwas anderes an, und das ist hier gemeint: Eine grundsätzlich positive Haltung zur Realität, so wie sie mir begegnet. In der Tradition wird Achtsamkeit immer verbunden mit dieser positiven, akzeptierenden Haltung. Annehmen, was ist und so wie es ist. Nicht dagegen kämpfen, nicht es anders haben wollen. So ist es, und so akzeptiere ich es – jedenfalls zunächst und als erstes. Der Mann kommt heim, bemerkt nicht, dass die Frau ihm sein Lieblingsessen gekocht hat. Sie merkt bei sich: Sie ist enttäuscht und auch ärgerlich. Sie verdrängt das nicht. Sie nimmt es durchaus deutlich wahr, sagt gleichsam zu sich selbst: »Ja, so ist es, ich bin enttäuscht«. Und: Sie hat zunächst Verständnis für dieses ihr Gefühl: Kein Wunder, dass ich so enttäuscht, oder auch so wütend oder … bin, denn ich habe mich ja angestrengt, habe an ihn gedacht, wollte ihm etwas Gutes tun!« Was sie dann von diesem Gefühl dem Mann gegenüber herauslässt, wie sie dann mit ihm umgeht – verständnisvoll, weil sie realisiert, in welch schwieriger Situation er gerade ist, oder klar konfrontierend, indem sie ihre Trauer oder ihren Ärger offen äußert, und wann sie das macht, jetzt in der Situation oder später, wenn er dann zu Hause wirklich »angekommen« ist, das kann sie dann entscheiden. Es bricht dann nicht irgendetwas aus ihr heraus, worüber sie keine Kontrolle mehr hat, und die Chance, dass die Episode nicht in einem endlosen Konflikt endet, sondern in neuem wechselseitigem Verständnis füreinander, erhöht sich damit erheblich.

Eine akzeptierende, wohlwollende Haltung dem gegenüber, was gerade in mir und um mich ist, führt zu einem bewussteren und gelassenen Umgehen mit der Situation – und damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Element, das in der Achtsamkeit steckt: Sie ist eine Voraussetzung für angemessene Veränderung.

Voraussetzung für Veränderung

Wenn die Frau mit dem unachtsamen Mann in unserem Beispiel aus ihrem Frust-Gefühl heraus und ohne es deutlich wahrzunehmen, sofort reagiert und ihre Enttäuschung über ihn einfach ausschüttet, will sie einerseits, dass er sich verändert, aber andererseits macht sie damit sehr wahrscheinlich, dass Veränderung nicht geschieht. Denn es liegt sehr nahe, dass der Mann – aus der Position des Angeklagten heraus – anfängt, sich zu verteidigen: »Hatte doch so viel zu tun!« – und zum Gegenangriff übergeht: »Hast überhaupt kein Verständnis für meine Lage, die interessiert dich offenbar überhaupt nicht!« Würde sie ihr Gefühl deutlich wahrnehmen, bevor sie »automatisch« ihn angreift, könnte sie entscheiden, es auch anders zu machen: zum Beispiel eine ruhige Minute abwarten, in der er »ganz da« ist, und die Situation mit ihm noch mal aufgreifen, mit ihm besprechen und sagen, wie es ihr vorhin ergangen ist. Das wäre eine viel bessere Voraussetzung dafür, dass er sein Verhalten ändern und seinerseits in Zukunft mit dieser Situation achtsamer umgehen würde: Weil er sich nicht verteidigen müsste, weil er so besser verstehen und zugeben könnte, dass er sich da nicht sehr einfühlsam verhalten hat. Mit einem Wort: Auf der Basis von Akzeptanz der Dinge, so wie sie sind, statt auf der Basis von » mich oder den anderen zu etwas zwingen wollen«, ist Veränderung bedeutend leichter zu erreichen.

Deshalb wird Achtsamkeit auch immer wieder als eine Voraussetzung und Grundlage für nötige oder nützliche Veränderung angesehen: »Der verständliche Wunsch nach Heilung oder einer positiven Veränderung wirkt leider oft eher hemmend als förderlich, weil dabei der augenblickliche Zustand abgelehnt wird, ohne dass man sich seiner wirklichen Bedeutung bewusst geworden wäre … Heilung, Veränderung und Wachstum entstehen … durch Annehmen des sich jetzt, im Augenblick entfaltenden Lebens, wie schmerzlich oder erschreckend es sich auch darbieten mag, denn in der Realität des Augenblicks sind alle Möglichkeiten enthalten« (Kabat Zinn, 2009 S. 94/95).

Vereinfachung

Ein weiteres Element habe ich in der Literatur bisher nicht gefunden, erfahre es aber immer wieder in der eigenen Übung der Achtsamkeit: Der Druck, den ich oft bei mir verspüre, alles, was gerade auf mich einströmt, möglichst auf einmal zu erledigen, nimmt ab. Achtsamkeit hilft zur »Komplexitätsreduzierung«.Man kann nicht achtsam sein und gleichzeitig fünf Dinge gleichzeitig tun wollen. Denn dies ist notwendigerweise damit verbunden, dass ich meine Aufmerksamkeit »streue« und damit zer-streue. Dabei kommt heraus, dass ich nichts richtig mache, auch wenn es noch so dringlich ist und alle fünf Dinge gleichzeitig an mich herandrängen und erledigt sein wollen. Wenn ich alles auf einmal erledigen will, merke ich außerdem nicht, wie es mir gerade geht, geschweige denn, dass ich merken würde, was in meinem Gegenüber gerade vorgeht, und die Gefahr ist sehr groß, dass ich sowohl über mich wie über die anderen, die mit mir zu tun haben, rücksichtslos hinweggehe.

Der Anspruch, vieles oder sogar möglichst alles gleichzeitig zu bewältigen, ist typisch für unsere Zeit. Wir nähern uns immer mehr einem »Zeitalter der Gleichzeitigkeit«: Es muss alles möglichst auf einmal und im selben Moment passieren. Die ohnehin immer mehr wachsende Komplexität des heutigen Lebens soll dazu noch auf einmal bewältigt sein. Multitasking ist »in«! Das hat oft auch für das Privatleben typische Folgen: Im Fernseher laufen die Nachrichten, gleichzeitig arbeite ich am Laptop, das Handy klingelt und ich meine, meiner Frau gerade auch noch ein paar gute Ratschläge geben zu müssen … Was kommt dabei heraus? Was meine Aufgaben angeht, sind die Ergebnisse oft fehlerhaft, ich bin ineffektiv, und auf der Beziehungsebene verärgere ich dazu noch meine Partnerin oder auch meine Mitarbeiter und Vorgesetzten, weil ich bei meinem hastigen Tun deren momentane Situation überhaupt nicht berücksichtige und sie damit brüskiere.

Der Anspruch, die gesamte Komplexität der Wirklichkeit auf einmal zu bewältigen, führt zudem zu einer allgemeinen Temposteigerung, zu Hast und Hetze, und dies geht immer häufiger auch zu Lasten von Beziehungs- und Leistungsqualität: in den Betrieben, wie ich in meiner Coaching-Tätigkeit immer wieder erfahre, aber auch im Freundeskreis und in der Paarbeziehung. Ich hetze durch die Gegend und bin nie da, wo ich bin, weil ich mit meiner Aufmerksamkeit schon wieder bei der nächsten noch zu erledigenden Aufgabe bin. Achtsamkeit heißt dem gegenüber: Da wo ich gerade bin, bin ich ganz. Ich mache die Dinge, die anstehen deshalb hintereinander. Das bedeutet Ausrichtung meiner ganzen Achtsamkeit auf das eine, das ich gerade tue. Und das andere kommt danach.

Das hat in der Regel zur Folge, dass ich mein Arbeitstempo verlangsame. In manchen Fällen aber kann auch das Gegenteil die Folge sein: Ich handle rasch und entschieden. Zum Beispiel merke ich: Meiner Frau geht es gerade schlecht. Ich habe noch eine Menge zu tun. Aber das ist mir jetzt weniger wichtig. Ich stelle darum nicht irgendeine Floskel-Frage und renne dann weiter, sondern bin da – bei ihr – und befasse mich jetzt mit dem, was sie gerade braucht. Das andere soll nachher kommen. Achtsamkeit kann also auch bedeuten: Ich erkenne blitzschnell: Das – und nichts anderes – ist jetzt wichtig. Darum beschäftige ich mich nicht mehr zur gleichen Zeit mit tausend anderen Dingen, sondern packe sofort zu, und dann bin ich frei für das nächste.

Dies kann auch manchmal klare Stellungnahme und klare Abgrenzung nötig machen: In unserem kurzen Beispiel der unerledigten Arbeit gegenüber: Die soll jetzt warten, kommt nachher dran! Oder auch Menschen gegenüber, zum Beispiel ein »Moment, bitte!« und »Jetzt nicht, sondern später«. Das heißt aber zugleich: Durch Achtsamkeit gewinne ich auch Freiheit: Was ist jetzt für mich wirklich dran, wofür entscheide ich mich, statt einem Druck von außen zu gehorchen!

Darin erfahre ich häufig nicht nur eine Steigerung der Qualität meiner Arbeit, sondern auch meiner eigenen Lebensqualität. Das Leben wird insgesamt ruhiger, klarer und intensiver. Schon Kleinigkeiten, die wir sonst gar nicht bemerken, weil wir darüber hinweggehen, können dadurch beglückend werden, zum Beispiel wenn ich das Essen nicht hinunterschlinge, sondern erst den einen Bissen Fleisch wirklich kaue und den Geschmack auf der Zunge spüre, dann die Beilage in den Mund nehme und wieder deren Geschmack spüre und schließlich einen Schluck Wein nachtrinke und spüre, wie dieser sich über meine Zunge ausbreitet und seinen wunderbaren Geschmack entfaltet … Oder wenn ich nicht davonstürze und bereits bei den Aufgaben bin, die es im Büro zu erledigen gilt, sondern mir einen Augenblick Zeit nehme, meiner Partnerin beim Abschied in die Augen zu schauen, ihren Blick in mich aufnehme und mich bei der Umarmung ihren Körper an meinem spüren lasse. Eine wunderbare kleine und tiefe Begegnung mitten im Alltag kann das sein, die mich (und sie) beglückt und mich ganz anders an die Arbeit gehen lässt, als wenn ich einfach mit einer Floskel auf den Lippen davonrenne.

Mit dem bisher Gesagten, gerade auch mit dem letzten Punkt, ist wohl deutlich geworden, dass Achtsamkeit keineswegs etwas Hoch-Spirituelles darstellt, geschweige denn etwas ausgefallen Esoterisches. Auch handelt es sich dabei keineswegs »nur« um eine therapeutische Methode. Vor allem und ganz allgemein gesprochen handelt es sich auch um ein Stück Lebenskunst. Wir schöpfen den Reichtum des Lebens nur aus durch Achtsamkeit im Umgang damit. Allerdings: Diese Kunst beherrschen wir nicht einfach. Sicher gibt es manche Lebenssituationen, die uns so intensiv betreffen, dass wir mit einem Mal achtsam ganz und gar »dabei« sind: Verliebtheit ist eine solche Situation, oder auch der Tod eines nahe stehenden Menschen. Sicher können wir Achtsamkeit zeitweilig an Kindern beobachten, wenn sie zum Beispiel ganz und gar im Spiel versunken sind oder fasziniert Tiere beobachten. Aber diese Kunst im Alltag zu beherrschen, das verlernen die meisten im Laufe ihrer Entwicklung zum Erwachsenen. In den Anforderungen des Alltags geht sie mit Sicherheit unter – außer wir üben sie, nicht nur einmal, nicht nur ein für allemal, sondern wenn wir dies täglich immer wieder tun: Achtsamkeit als tägliche Übung!

Auch für die Qualität der Paarbeziehung – wie aus meinen knappen Andeutungen wohl schon deutlich geworden ist – spielt Achtsamkeit eine zentrale Rolle. Wie aber übt man Achtsamkeit im Alltag mit dem Partner? Dies möchte ich in den folgenden Kapiteln Schritt für Schritt entfalten. Auch werde ich im Anschluss an jedes Kapitel Übungen vorschlagen, die ich in meinen Kursen zu diesem Thema erprobt habe und die man für sich und/oder zusammen mit dem Partner durchführen kann, um das Gesagte Realität werden zu lassen. Die erste solcher Übungen, eine Art Grundlagen-Übung, folgt nun hier:

Achtsamkeitsübung

Die erste von mir vorgeschlagene Übung hat noch nicht unmittelbar mit der Beziehung zu tun, ist aber als Grundlage für alle weiteren nützlich. Wir reagieren im Alltag in vielen Situationen gewohnheitsmäßig und oft mehr oder weniger »automatisch«. Dies ist als Routine, über die ich nicht eigens nachdenken muss, für die Alltagsbewältigung auch ganz nützlich, ja zum Teil auch notwendig. Aber dieses »automatische« Agieren und Reagieren kann sehr schädlich sein, vor allem in Beziehungen: Wie oft rutscht uns ein Wort über die Lippen, das wir im Nachhinein lieber nicht gesagt hätten! Wie oft vergessen wir etwas, das unserem Partner wichtig ist, weil wir mit allem Möglichen beschäftigt, aber nicht im gegenwärtigen Augenblick sind! Die Achtsamkeitsübung, zu der ich hier anleite, ist eine Übung für den Einzelnen und wird in verschiedenen Formen als Grund-Übung auch in der Spiritualität und neuerdings auch in der Therapie durchgeführt und sie ist zudem ein wichtiger Teil dessen, was wir »Lebenskunst« genannt haben. Sie lässt sich überall und nahezu in jeder Situation durchführen. Anfangs ist es allerdings leichter, sich dafür am Tag bewusst eine kurze Zeit zu nehmen:

1. Ich wähle zunächst eine Haltung, die ich weder anstrengend finde, noch in der ich sofort wegdöse, sondern hellwach sein kann, also Sitzen, Liegen, Stehen oder auch entspanntes Gehen.

2. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Der Atem geht ganz von selber, ich ändere ihn nicht bewusst, ich begleite ihn nur, wie er ausströmt und einströmt. Wenn sich meine Gedanken davon lösen und anderswohin wandern, hole ich sie behutsam zurück und gehe wieder mit dem Rhythmus des Atems.

3. Dann beginne ich, meinen Körper wahrzunehmen, ich suche im Rhythmus des Atems gleichsam meine Körperteile auf: meine Füße wie sie den Boden berühren, mein Gewicht auf der Sitzfläche (wenn ich sitze), meine Schultern, meine Arme, nehme wahr, wo sie sich befinden, wie und wo sie zum Beispiel aufliegen, meinen Hals und meinen Kopf. Ich nehme nur wahr, werde mir so meines ganzen Körpers bewusst, spüre körperliches Wohlgefühl, oder auch Stellen, wo ich verspannt bin oder wo es weh tut. Ich brauche nichts zu ändern, ich nehme mich nur wahr – in meinem Körper im Hier und Jetzt. Nichts verändern wollen, nur wahrnehmen!

4. Immer wieder werden sich meine Gedanken anderswo hin bewegen, Gefühle werden aufsteigen, Erinnerungen, was gestern war und Fantasien darüber, was gleich nachher sein wird. Wenn ich das merke, löse ich mich davon, gehe wieder zum Atem zurück und an die Stelle des Körpers, bei der ich zuletzt verweilt habe.

Das Ganze kann nur wenige Minuten oder sogar nur Augenblicke dauern, aber wenn ich es tue, zum Beispiel