Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Act of Passion - Jane Christo

Als Maya nach Boston zog, hatte sie andere Pläne, als in einer Bar zu kellnern und gelegentlich als Aktmodel zu jobben. Ursprünglich wollte sie Kunst studieren und ihren Traum leben, anstatt ihn zu begraben. Dass sich der Hotshot-Anwalt Avery in sie verliebt, stand ebenfalls nicht auf ihrer Agenda. Durch die leidenschaftliche Affäre mit dem Staranwalt gerät jedoch nicht nur ihr Gefühlsleben in Aufruhr. Als Avery einen neuen Fall übernimmt, droht die Vergangenheit sie einzuholen und ihr den Rest zu geben. Averys Mandant ist jemand, der Maya regelmäßig in Albträumen heimsucht. Jemand, den sie lieber vergessen hätte ...

Meinungen über das E-Book Act of Passion - Jane Christo

E-Book-Leseprobe Act of Passion - Jane Christo

Jane Christo

Act of Passion

Jane Christo

© 2014 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

© 2014 Covergestaltung OrangeShell

ISBN Taschenbuch: 9783864434464

ISBN eBook-PDF: 9783864434471

ISBN eBook-epub: 9783864434488

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Act of Love - Jane Christo

Malibu Blues - Kim Henry

Für

Daisy Coleman

und jedes Mädchen,

das ihr Schicksal teilen musste

1

Normalerweise sind Mittwochabende in der Bar lau, doch heute ist eine Ausnahme, war ja klar. Ursprünglich hatte ich vor, früher Schluss zu machen, damit ich morgen fit für meinen Tagesjob bin, aber das kann ich vergessen. Eine Gruppe Verbindungsstudenten hat ihre Feier vom Campus hierher verlegt und die Nacht ist noch jung. Ich kann nicht mal auf üppige Trinkgelder hoffen, denn Studenten sind nicht gerade für ihre Großzügigkeit bekannt.

In diesem Punkt sollte ich mich allerdings irren. Nach der dritten Runde Zombies drückt mir einer der Jungs einen Fünfzigdollarschein in die Hand und hält sie länger als nötig fest. An der Kleidung hätte mir auffallen müssen, dass es sich um verwöhnte Söhnchen der Bostoner Oberschicht handelt. Die Hemden zu gut gebügelt, die Zähne zu weiß, das Lachen zu laut. Hab ich ein Glück.

Nicht, dass ich mich über die Extrakohle beschweren würde. Doch für gewöhnlich ist der Preis bei diesem verhätschelten Pack, dass es sich zu viel rausnimmt. Und tatsächlich werde ich bei Runde vier zwischen zwei Hünen eingeklemmt. Eine Hand landet auf meinem Po, während der Typ hinter mir einen Arm um meine Taille schlingt und mich gegen seine Brust drückt. Eine ziemlich muskulöse Brust. Er muss Sportler sein, vermutlich Basketball oder Football.

„Lass mich los, ich muss die nächste Bestellung abliefern“, sage ich ruhiger als ich mich fühle und versuche, mich aus seinem Griff zu befreien. Als er mich dichter an sich zieht, werfe ich einen Blick zur Bar. Gary Parker, mein Boss, steht hinterm Tresen und wirft mir einen fragenden Blick zu. Er toleriert es nicht,wenn jemand seine Angestellten belästigt, und schreitet normalerweise schnell ein.

Versteht mich nicht falsch, ich bin kein hilfloses Frauchen und ich hab auch nichts gegen einen Flirt. Aber eine Horde trinkender Jungs kann schnell aus dem Ruder laufen. Noch sind sie gutmütig, aber wenn sie sich weiterhin dieses Gift in diesem Tempo reinpfeifen, wird das nicht so bleiben.

Ein Zombie ist ein Klassiker und besteht im Kern aus weißem und braunem Rum auf Eis. Der Rest ist Verzierung, ein bisschen O- und A-Saft plus einem Spritzer Zitrone. In jedem Fall nichts für Anfänger.

Der Kerl vor mir folgt meinem Blick. Die Botschaft in Parkers Augen scheint anzukommen,denn er tritt einen Schritt zurück, undhält die Hände defensiv in die Höhe. Keine Überraschung, mein Boss ist nicht gerade subtil. Er sieht aus, als würde er jeden Moment über den Tresen springen und dem Typen den Kopf abreißen. Mr Schraubstock hinter mir dagegen kriegt nichts davon mit und denkt nicht daran, mich loszulassen.

Sein Kumpel hilft ihm auf die Sprünge.„He, Mann, lass die Kleine gehen, wir sind nicht die einzigen Gäste.“ Er nickt zur Bar, doch der Bursche hinter mir lässt sich nicht irritieren.

Er streicht mein Haar zurück, dann beugt er sich vor und küsst die freigelegte Wölbung zwischen Hals und Schulter. Es wäre eine zärtliche Geste, doch ich bin nicht seine Freundin. Genaugenommen kenne ich den Kerl nicht und ich befinde mich nicht freiwillig in seiner Umarmung. Und er weiß das.

Bevor er es zu weit treibt und Gary einschreitet, entscheide ich, selbst Hand anzulegen. Ich werfe den Kopf zurück und habe Glück, dass der er sich im selben Moment vorbeugt, um Küsse auf meine Schulter zu platzieren. Nur deswegen treffe ich bei seiner Körpergröße die Nase. Gleichzeitig stampfe ich mit dem Fuß auf seinen Vierhundertdollarslipper. Ich sage nur ein Wort: Pfennigabsätze! Hinter mir höre ich ihn aufjaulen undzögere keine Sekunde. Schnellwinde ich mich aus der Umarmung und bahne mir auf wackligen Beinen einen Weg zur Bar.

Mein Boss sieht aus, als stünde er kurz davor, einen Mord zu begehen.

„Alles im grünen Bereich“, sage ich rasch und berühre ihn an der Schulter.

„Du hättest mich das regeln lassen sollen“, knurrt er.

„Wie du siehst, bin ich gut allein zurechtgekommen.“

„Hey Maya, das war ein Volltreffer“, ruft Amy gut gelaunt und setzt ihr Tablett auf der Theke ab, damit Gary es wieder füllt.

Ich bin nicht stolz darauf, jemandem die Nase gebrochen zu haben. Ich mag es nur nicht bedrängt zu werden. An guten Tagen wehre ich mich, an schlechten verstecke ich mich schluchzend im Lager. Für gewöhnlich überwiegt Letzteres.

„Ich habe ihn freundlich gebeten, mich loszulassen“, sage ich leise und riskiere einen Blick über die Schulter. Der Mann, der mich festgehalten hat, wischt sich Blut von der Nase und hält meinen Blick gefangen. Endlich sehe ich ihn genauer und bin überrascht, wie gut er aussieht. Blondes Haar, grüne Augen, muskulöse Arme. Eher wie ein Westküsten-Surfer, nicht wie ein Ostküsten-Student.

Seltsamerweise wirkt er nicht sauer. Normalerweise nehmen Alphamännchen eine Abweisung nicht so locker, schon gar nicht, wenn sie im Rudel unterwegs sind. Fast macht es den Anschein, als würde er meinen Abgang als Herausforderung auffassen. Das muss mein Glückstag sein.

Amys Seufzen unterbricht mein Blickduell mit dem Surferboy.Sie starrt auf den TV-Monitor über der Bar, der die 7News Boston Nachrichten ausstrahlt. Ein Hottie im Designeranzug verlässt das Gerichtsgebäude. In seinem Kielwasser befindet sich eine kleine Entourage, diewie eine Horde Anwälte aussieht.Auf den Stufen zum Vorplatz werden sie von Reportern gestoppt und ich beobachte gebannt, wie er sie allein mit seinem Lächeln dazu bringt, respektvoll Abstand zu halten. Danach sieht esso aus, als würde er eine spontane Pressekonferenz geben. Der Fernseher ist stumm, darum kann ich ihn nicht hören. Unten am Rand steht: Avery Cunningham, Verteidiger von Jason Bishop.

Weder der eine noch der andere sind Unbekannte. Man müsste blind und taub sein, um dem Namen des Bostoner Topanwalts zu entkommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht in den Nachrichten erscheint. Avery Cunningham, der einzige Sohn des verstorbenen Kongressabgeordneten Astor Cunningham, Protegévon Senator Edwards, der Avery eine Zukunft als jüngster Gouverneur in der Geschichte von Massachusetts prophezeit hat.

Politik. Gibt es ein schmutzigeres Geschäft?

„Wie kann der Kerl nur so gut aussehen?“, schwärmt Amy. „Hast du seine Wimpern gesehen? Totale Verschwendung bei einem Mann!“

Wie auf ein Stichwort erscheint Averys Close-up, während er anscheinend gerade eine Frage beantwortet. Er hat grau-blaue Augen, die aussehen, als könnten sie durch Stahl schneiden. Das dunkle Haar trägt er militärisch kurz. Im Licht der Kameras schimmert es golden, genau wie die Bartstoppeln, die andeuten, dass er einen langen Arbeitstag hinter sich hat.

Muss anstrengend sein, Verbrecher wie Jason Bishop aus dem Knast zu holen. Bishop hat wochenlang für Schlagzeilen gesorgt, nachdem er im Four Seasons von nicht weniger als vier Überwachungskameras bei der Übergabe von Schmiergeld gefilmt worden war. Die Korruptionsaffäre um einen Waffendeal istwie eine Bombe in Boston eingeschlagen. Niemand glaubte, dass Bishop sein Gesicht je wieder bei Tageslicht zeigen könnte.Doch sie haben nicht mit Cunningham gerechnet. Der hat aus einer klaren Bestechungsaffäre eine simple Provisionsübergabe gemacht, die, wie er betonte, versteuert worden sei. Das inzwischen sprach er zwar nicht aus, dennoch war es für den aufmerksamen Zuhörer unüberhörbar.

Keine Ahnung, wie er das gedeichselt hat. Bishop wurde zwar gerügt, darüber hinaus hat man ihn von allen Anklagepunkten freigesprochen. Sieg auf ganzer Linie.

Als Avery in diesem Moment lacht, seufzt Amy abermals. Jetzt wirkt er fast jungenhaft, nicht wie ein knallharter Staranwalt mit Ambitionen auf ein politisches Amt.

Während ich ein halbes Dutzend Aperol-Sour mixe, schwärmt Amy von Cunningham, den sie, wie sie betont, nicht von der Bettkante stoßen würde. Nachdem sie schwer beladen zurück zu ihren Gästen stakst, wende ich mich den nächsten Drinks zu. Meine Hände laufen auf Autopilot, während meine Gedanken Cunningham nachhängen.

Averys Glamour-Leben und meine Realität sind Lichtjahre voneinander entfernt. Während ich in Armut aufgewachsen bin, entstammt er dem Bostoner Geldadel, der seit Generationen Spitzenpolitiker hervorbringt. Averys Großvater war unter Lyndon B. Johnson sogar Verteidigungsminister. Davon abgesehen ist er stinkreich.

Es muss seltsam sein, in seiner Welt zu leben, ich kann mir das nicht mal vorstellen. Ständig im Scheinwerferlicht, immerzu lächeln und perfekt aussehen zu müssen. Mir reicht mein Tagesjob als Model. Sich ein paar Stunden im Zentrum der Kameras zu befinden, ist eine Sache. Aber jedes Mal präsentabel zu sein, sobald man einen Fuß vor die Tür setzt, sieben Tage die Woche? Das Fernsehen kennt weder Feiertage noch Urlaub. Es macht keinen Unterschied zwischen Geschäfts- oder Privatmann. Ließ sich ein Kind der Stadt scheiden, war die Schlagzeile genauso fett, als wenn man einen Börsendeal vermurkst hat.

Ich habe eine Menge in meinem Leben vermurkst. Angefangen von meiner fatalen Fehlentscheidung in der Highschool, bis zur Wahl meiner Krankenversicherung. Hätte ich meine Hausaufgaben gemacht, wäre ich heute an der Uni, statt mich mit zwei Jobs gerade so über Wasser zu halten.

Im Geiste schüttle ich den Kopf. Über die Vergangenheit zu jammern bringt mich keinen Schritt weiter. Heute bin ich keine Siebzehn mehr und sorge selbst für mich. Natürlich habe ich von einer anderen Zukunft geträumt, doch mit vierundzwanzig bin ich jung genug, noch einmal von vorn anzufangen. Obwohl ich mich im Moment nicht jung fühle, sondern erschöpft.

Mein Kühlschrank ist leer, die Miete seit einer Woche fällig und ich bin mit den Raten für die Krankenhausrechnungen im Rückstand. Schon wieder. Gott sei Dankhabe ich morgen einen Model-Job bei Logan, der Geld in die Kasse schwemmt. Kohle, die ich dringend zum Leben brauche. Als ich vor drei Jahren mit Mom nach Boston zog, hatte ich keine Ahnung, dass die Großstadt so ein teures Pflaster ist. Wie teuer wusste ich erst, als wir in unser Mini-Appartement gezogen warenund die erste Nebenkosten Abrechnung ins Haus flatterte.

Nachdem meine Mutter krank wurde, habe ich fast nur noch für die Miete gearbeitet, für Wasser und Strom. Selbst mit zwei Arbeitsstellen bleibtfast nichts übrig, wie sollte ich die Zahlungen an die Klinik aufbringen? Trotz der zwanzigtausend Dollar, die ich bereits getilgt habe, muss ich noch mal den gleichen Betrag aufbringen.

„Morgen wird das neue Sicherheitssystem installiert“, reißt Parker mich aus meinen Überlegungen.

„Warum so plötzlich?“

Parker verspricht uns seit Monaten mehr Sicherheit, aber getan hat sich nichts.

„Hab ein Angebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte“, brummt er und nimmt Amys Bestellung entgegen.

Seltsame Antwort.

Vor zwei Wochen wurdeMelanie, meine Kollegin, die am Wochenende kellnert, im Hinterhof überfallen, als sie den Müll rausbrachte. Das war der dritte Übergriff in einem Monat. Danach hat sie gekündigt und mit ihr Kathy, die zuvor auf dem Weg zum Parkplatz mit einem Messer bedroht worden war. Allmählich gehen Parker die Bedienungen aus, und männlichen Ersatz möchte er nicht einstellen. Attraktive Kellnerinnen ziehen deutlich mehr Gäste an als Männer, traurig aber wahr.

Wegen der zunehmenden Gewalt darf niemand, der die Spätschicht übernimmt, allein nach draußen. Amy, Heather, Susan und ich müssen von einem männlichen Kollegen begleitet werden, bis das neue Securitysystem installiert ist. Selbst wenn Heather bloß zum Qualmen in den Hof geht oder eine von uns einen leeren Getränkekasten rausstellt.

Parker ist kein Hüne, aber er ist durchtrainiert und hat einen gemeinen rechten Haken. Außerdem weiß er wie man mit einem Baseballschläger umgeht, der für alle Fälle unter der Theke deponiert ist. Kirk, unser Koch, ist wie Popeye gebaut. Er trägt sogar eine ähnliche Matrosenmütze wie sein Alter Ego – fehlt nur noch der Spinat. Kirk ist nicht sein richtiger Name, sondern etwas, das ihm seine Navy-Kameraden verpasst haben, als er noch Zwiebeln in U-Boot-Kombüsen gehackt hat. Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Kirk ist nicht unbeschadet aus seiner Militärzeit herausgegangen. Er ist launisch, schreckhaft und ein bisschen paranoid, was vermutlich der Grund dafür ist, warum er mit Ende dreißig den Dienst quittiert hat. Sowohl Amy als auch Heather haben Angst vor ihm, doch ich mag den schweigsamen Riesen. Er übt eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich aus. Außerdem kann ich seine Angst verstehen, die sich in gelegentlichen Wutausbrüchen äußert. Wenn er ausflippt, bin ich die Einzige, die ihn besänftigen kann, der Rest der Crew wagt sich nicht in seine Nähe. Manchmal wünschte ich, dass ich meine eigenen Ängste auch ausleben könnte, statt sie wie ein Bleigewicht mit mir rumzuschleppen.

Die nächsten beiden Stunden verstreichen erfreulich ereignislos. Die Collegejungs verschwinden, an ihrem Tisch nehmen zwei übergewichtige Typen mit Rauschebart platz, die wie die LeadsängervonZZ Top aussehen, fehlen nur noch die Sonnenbrillen. Ich bin in meiner üblichen Routine, räume Tische ab, nehme Bestellungen entgegen, mixe Drinks und kassiere ab.

Das Publikum im Parkers ist gemischt. Wir haben viel Laufkundschaft, ein Mix aus Banker und Büroangestellte, die ihren Arbeitstag bei uns ausklingen lassen. Darüber hinaus gibt es einen festen Kundenstamm, der im Kern aus Studenten und medizinischem Personal besteht. Tagsüber tauchen sie in ihren Gummiclogs auf und nutzten den Mittagstisch, um dem faden Kantinenfraß zu entkommen.

Die Bar liegt in der Parker Street, kein Scherz, zwischen dem Medical Center und der Northeastern Universität. Ich habe den Pub allerdings nicht wegen seiner Nähe zur Klinik gewählt, sondern weil er gegenüber vomMuseum of Fine Arts liegt. Vermutlich ist das ein masochistischer Zug von mir, doch wenn ich schon nicht Kunst studieren kann, möchte ich zumindest in der Nähe der Pinakothek arbeiten.

Als ich schon dachte, der Abend würde ruhig ausklingen, zetteln die ZZ-Top-Jungs einen Streit mit einem Typen im Nadelstreifenanzug an, der von einem anderen Gast angerempelt wurde und seinen Drink über die Zottelbrüder verschüttet hat.

Eine Schlägerei, zwei Rauswürfe und eine Anzeige später ist meine Schicht zu Endeund ich fahre in meinem zerbeulten Ford Pick-upnach Hause.

Nach einer brüllendheißen Dusche falle ich gegen halb zwei ins Bett und befinde mich im Tiefschlaf, bevor mein Kopf das Kissen berührt.

Kälte. Sie umgibt mich wie ein Kokon aus Eis. Hüllt mich ein, lähmt mich. Es kostet mich einige Anstrengung, die Augen zu öffnen, die mir gleich wieder zufallen. Ich versuche meinen Kopf zu bewegen, den Arm oder ein Bein – vergebens. Ich bin in einem Eisblock gefangen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen gelingt es mir, die Augen erneut zu öffnen und mache Schemen aus. Sie umringen mich und schlagen mit Äxten und Spitzhacken auf den Block ein. Ein Schrei formt sich in meinem Innern, doch er stirbt in meinem Hals, gefroren von der mich umgebenden Kälte. Mit wild pochendem Herzen nehme ich das Treiben um mich wahr, höre das Schlagen, Hacken, Knacken.

Wieder und wieder landen Spaten und Beile im Eis, das erste Risse zeigt. Plötzlich bin ich mir nicht sicher, ob ich aus dem Block befreit werden will, oder ob er mich vor den Angreifern schützt. Abgesehen von meinen Augen kann ich nichts bewegen, darum muss ich hilflos mitansehen, wie mein Schutzwall in Stücke geschlagen wird.

Erneut landet eine Axt im Eis, diesmal zielt sie auf meinen Kopf. Das Knacken klingt wie Eiswürfel, die in einem Drink landen und leise knistern. Doch das Knistern wird lauter, dehnt sich zu einem Rumoren aus.

Ein letztes Mal schlagen sie auf mich ein, dann explodiert der Block in eine Million Einzelteile und ich falle schreiend aus dem Bett.

2

Unsanft lande ich auf dem Boden und schnappe wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.

Meine Beine haben sich im Laken verheddert,darum strample ich mich frei und knie keuchend auf den Dielenboden. Langsam atme ich ein und aus, um mich zu beruhigen. Dann bemerke ich, dass mich nicht der Traum geweckt hat, sondern Woodkids I Love You, Amys Klingelton. Wie in Slomo krieche ich zum Nachttisch, doch als ich mein Handy erreiche, endet der Song und der Anruf wird auf die Mailbox geleitet. Auch gut, mir ist ohnehin nicht zum Quatschen zumute.

Ich stehe mit wackligen Beinen auf,und versuche die Reste des Albtraums abzuschütteln, als mein Blick auf die Uhr fällt. Fast Mittag.

Amy und ich sind mehr als Kolleginnen. Die Zeit nach Moms Tod hat uns zusammengeschweißt und wir sind Freundinnen geworden. Ihre Mutter starb bei einem Verkehrsunfall, als sie sechzehn war,deswegenwusstesie, durch welche Hölle ich gehe. Letzte Weihnacht hat sie mich ins Auto gepackt und zu ihrer Familie nach Newbury gekarrt, wo wir zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Dad die Feiertage verbracht haben. Es war ein trauriges Fest, zumindest für mich. Aber besser als die Alternative, allein in meiner Wohnung voller Erinnerungen. Ich habe nicht viele Freunde, darum weiß ich die wenigen, die mir geblieben sind, zu schätzen.

Logan Cooper, ein Dozent meiner ehemaligen Universität, ist einer davon. Ursprünglich bin ichwegen des Studiums nach Boston gezogen. Nachdem meine Mutter nicht mehr arbeiten konnte, musste ich mich nach einem zweiten Job umsehen. Das wiederum bedeutete, dass ich das Semester nicht beenden konnte. Am Ende hat Mom den Kampf verloren.

Damals waren Amy und Logan für mich da. Logan Cooper ist ein bekannter Fotokünstler in den Staaten und ist an der Uni als Gastprofessor tätig. Bereits nach der ersten Vorlesung hat er mich in sein Büro gerufen und mir einen Job als Model angeboten. Modeln ist eher nicht so mein Ding, darum habe ich abgelehnt. Später musste ich allerdings darauf zurückkommen,deswegen weiß Loganvon meinen finanziellen Problemen. Zumindest ahnt er, dass nur zwingende Gründe mich zurück in sein Büro gebracht haben konnten. Jedenfalls versucht er seitdem,mir so gut es geht zu helfen.

Das ist einer der Gründe, warum ich in die Gänge kommen muss.Aber zuerst braucheich eine Dusche.

Unter dem heißen Strahl verschwinden die letzten Reste des Traums, der meine Brust einschnürt und das Atmen erschwert. Also stelle ich mir vor, dass meine Angst zusammen mit dem Traum im Ausguss verschwindet, raus aus meinem Bad, meiner Wohnung, meinem Leben. Es funktioniert, und nach einer Weile kann ich wieder durchatmen.

Warum ich diesen Albtraum ausgerechnet heute Nacht hatte, ist mir ein Rätsel. Das letzte Mal muss Wochen, wenn nicht Monate her sein.

Um auf andere Gedanken zu kommen, konzentriere ich michauf die nächsten Schritte, immerhinsteht heute ein Fototermin an.

Entgegen der allgemeinen Vorstellung, dass Modeling aus Puder,Plunder und Posen besteht, ist das ein verdammt anstrengender Job. Um im sogenannten Nude-Look ungeschminkt, also natürlich auszusehen, braucht es unfassbar viele Schichten Concealer, Foundation und Make-up.Glücklicherweise ist Logan der Weniger-Ist-mehr-Typ, sonst bräuchte ich nach jedem Shooting einen Kärcher, um mich abzuschminken.

Von Posen hält er auch nicht viel. Logan hasst alles Aufgesetzte, darum kann ich im Grunde machen, wozu ich Lust habe. Er überlässt mir die Führung, folgt meinen Bewegungen und korrigiert lediglich Kleinigkeiten. Die Neigung des Kopfes, den Winkel meines Knies.

Mit seinen Bildern versucht erden Moment einzufangen, eine Stimmung. Meine Stimmung. Deswegen reden wir vor dem eigentlichen Shooting fast eine Stunde,besprechen meinen Tag, was ich gemacht habe, wie es mir geht. Strenggenommen ist Logan so etwas wie mein Therapeut. Vor jedem Fototermin öffnet er mich und ich muss zugeben, dass mir das Reden hilft. Manchmal glaube ich, dass er mich besser kennt, als ich.

Ich vertraue ihm. Wäre das anders, hätte ich mich nie auf diese Art Fotos eingelassen, Akte.

Nicht, dass ich prüde bin oder so, aber mich vor Fremden auszuziehen ist … seltsam. Es hat meinen ganzen Mut erfordert und wochenlanges Zureden von Logan. Keine Ahnung, woher er die Geduld genommen hat,doch am Ende hat es sich für ihn ausgezahlt – buchstäblich. Obwohl er die Bilderan ausgewählte Sammler verkauft, sind sie sehr erfolgreich.

Trotz meiner Nacktheit kann man keine privaten Körperteile sehen. Meistens benutzt er dazu Licht und Schatten oder dreht mich so, dass alles recht vage bleibt. In jedem Fall sind die Bilder sehr ästhetisch.

Logan geht sogar so weit und lässt michmit entscheiden, welche Fotos in die engere Wahl kommen, etwas, worauf ein Model normalerweise keinen Einfluss hat. Danach bearbeitet er sie in Photoshop, legt Filter drüber und verleiht ihnen einen metallischen Touch.

Ich liebe seine Arbeiten, das war auch der Grund, warum ich mich für seinen Kurs eingeschrieben habe. Er hat mir angeboten, dass ich als Gasthörerin an seinen Vorlesungen teilnehmen kann, aber das schaffe ich nicht. Also, emotional. Das ist, als würde ich in einer Konditorei arbeiten und dürfte nie ein Stück Kuchen probieren, nicht mal die Verzierung. Ich meine, ich wollte Kunst studieren, das war mein Traum. Es tut einfach zu weh, an der Uni zu sein und zu wissen, dass mich dasnirgendwohin führen wird. Nennt mich stur, aber ich will alles oder nichts. Und bevor ich mich nicht wieder einschreiben kann, setze ich keinen Fuß auf den Campus.

Für das Shooting ziehe ich bequeme Sachen an, dunkelblaue Jeans, rotes Shirt, flache Slipper. Meine rabenschwarze Mähne bändige ich in einem Zopf, keine Schminke. Danach schnappe ich mir Tasche und Trenchcoat und mach mich auf den Weg in Logans Studio im North End von Boston.

Sein Haus liegt in der Moon Street, in der Nähe vomPaul Revere House. Es ist ein typisches Bostoner Stadthaus aus rotem Backstein. Ich habe mich immer gefragt, warum das Atelier im Keller liegt, und nicht unterm Dach. Von wegen Licht und so. Vielleicht ist oben sein privates Studio oder ein Atelier.

Megan, seine Sekretärin, bereitet mir einen gewohnt eisigen Empfang. Aus mir unbekannten Gründen hasst sie mich. Okay, vielleicht ist Hass ein zu starkes Wort. Dennoch macht sie keinen Hehl aus der Tatsache, dass sie mich nicht mag.

Dass mich die anderen Models schneiden, kann ich zumindest nachvollziehen. Für sie bin ichKonkurrenz, die ihnenpotenzielleAufträge wegschnappen kann. Aber Megan? Welches Problem sie auch immer mit mir hat, sie genießt ihre Rolle als Oberzicke und badet darin, bis ihre Finger runzlig sind.

„Logan ist am Telefon“, sagt sie mit ihrer Eispickel-Stimme,„du kannst in zehn Minuten zu ihm.“

Das Spiel kenne ich. Sie liebt es, mich vor dem Studio warten zu lassen, doch darauf falle ich nicht mehr rein. Das letzte Mal war Loganstinksauer, weil er dachte, ich wäre zu spät. Und wenn er etwas hasst, ist esUnpünktlichkeit. Hier ist das Wort Hass angebracht. Das einzige Mal, dass ich meinen Boss neben der Spur erlebt habe, war, nachdem sich ein Lieferant um zwei Stunden verspätet hatte und deswegen das ganze Shooting verschoben werden musste. Damals kam er mir wie Kirk vor, wenn er einen seiner cholerischen Anfälle hat.

Aus diesem Grund ignoriere ich Megans Kommentar, schenke ihr ein, wie ich hoffe, freundliches Lächeln und nehme ohne anzuhalten die Treppeins Studio. Unten angekommen klopfe ich nicht, da er mich sowieso nicht hören würde, falls er in einen Job vertieft ist. Außerdem schließt er ab, wenn er arbeitet. Fehlte noch, dass jemand ins Set platzt, während sich die Models splitterfasernackt vor der Kamera rekeln.

Wie immer erwartet er mich mit einem Karamell-Latteund Chocolate Chips Cookies, meinenLieblingsplätzchen. Und wie jedes Mal kommt er mir entgegen und nimmt mich in den Arm. Ach ja, und er telefoniert nicht, besten Dank auch Megan.

Eigentlich bin ich nicht der Knuddel-Typ, aber in den letzten Monaten hat Logan mich mehr und mehr weichgeklopft, bis ich mich von ihm habe drücken lassen. Seitdem macht er daraus ein Prinzip. Ein bisschen seltsam ist das schon, da er die anderen Mädchen nicht so begrüßt. Amy ist davon überzeugt, dass er mehr von mir will als ein Foto, doch das glaube ich nicht. Egal wie heiß die Shootings sind, Logan bewahrt stets einen kühlen Kopf und bleibt professionell. Davon abgesehen hat er mich noch nie zu einem Drink eingeladen geschweige denn zu einem Date.

Er drückt mich kurz undküsst meine Wange. Dann nimmt er meine Hand und führt mich zur speckigen braunen Ledercouch. Logan ist ein oder zwei Zentimeter größer als ich, schätzungsweise eins achtzig. Er ist wie ein Sprinter gebaut, drahtig und muskulös. Aber auf eine Marathon-Läufer-Art, nicht wie ein Bodybuilder. Das kurze dunkle Haar steht leichtnach vorn ab. Im Studiolicht wirkt es manchmal schwarz, ein anderes Mal dunkelbraun. Seine Haut ist pockennarbig, als hätte er als Kind starke Akne gehabt. Er versucht, die Narben mit einem Dreitagebart zu verdecken. Ich finde allerdings nicht, dass sie ihn entstellen, sondern interessanter machen. Ich mag keine Männer mit Babyface und könnte nie mit jemandem zusammen sein, der mehr Kosmetik benutzt als ich.

Nachdem ich Platz genommen habe, wandern seine dunklen Augen über meine Züge. Ihm entgeht selten etwas, deswegen wundert mich sein nächster Kommentar nicht.

„Du siehst erschöpft aus, Liebes, was fehlt dir?“

Liebes. So hat mich meine Muttergenannt. Natürlich weiß er das nicht und ich kann mich nicht dazu überwinden, es ihm zu sagen. Außerdem tut es gut, wieder Liebes genannt zu werden. Wann hat er damit begonnen?

Erneut ergreifter meine Hände, legt sie in seine und rubbelt sie leicht.„Eiskalt bist du auch, sag mir, was los ist.“

Ich schenke ihm ein schwaches Lächeln.„Ich bin okay, nur ein bisschen müde.“

„Hattest du wieder einen Traum?“

Ich schüttle den Kopf. „Es geht mir gut, ehrlich.“

„Bullshit!“

Ich möchte nicht über den Albtraum reden, er macht mir Angst. Davon abgesehen will ich mich weder schwach noch hilflos fühlen, und genau das sind die Auswirkungen des Traums.

Da sich Logan nicht so leicht abwimmeln lässt, greife ich nach Strohhalmen. „Es ist nur …“ Ich schüttle den Kopf. Es bereitet mir keine Freude, ihn anzulügen. „Jedes Mal, wenn ich hierher komme, werde ich daran erinnert, was ich alles verpasse.“

Er runzelt die Stirn.

„Ein abgeschlossenes Studium“, ich mache eine ausholende Geste, die das Studio einschließt, „ich meine, sieh dich an, du hast es geschafft, während ich … kellnere.“ Das belastet mich tatsächlich, ist aber nicht der Grund dafür, dass ich mich wie überfahren fühle.

„Ich bin zehn Jahre älter als du, ich muss erfolgreicher sein“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Außerdem habe ich dir einen Assistenten-Job angeboten. Du musst für niemanden die Kellnerin spielen.“

„Du hast Megan.“

„Megan ist meine Sekretärin. Eine persönliche Assistentin wäre ständig an meiner Seite, würde mir während der Shootings zur Hand gehen und könnte von mir lernen.“

Er betont das letzte Wort, als wäre ich schwer von Begriff. Ich weiß, was er meint, aber daraus wird nichts. Als seine Assistentin müsste ich den Job in der Bar kündigen und wäre finanziell von ihm abhängig. Falls er genug von mir als Model haben sollte, wäre das Loch auf meinem Konto riesig, aber ich hätte immer noch den Job in der Bar. Sollte er dagegen von mir die Nase voll haben, wäre ich nicht nur einen Job los, sondern pleite. Lieber bewahre ich meine Unabhängigkeit und bin mit meinen Ratenzahlungen im Verzug, als alles auf eine Karte zu setzen, und am Ende den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das hatte ich schon.„Ich überleg’s mir.“

Wie zu erwarten durchschaut er mich. Kopfschüttelnd lehnt er sich zurück und kreuzt die Arme vor der Brust.„Maya, Maya, Maya, ich werde dich wohl nie verstehen. Aber vielleicht ist das ja dein Geheimnis.“

Da ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll, nehme ich einen Schluck Latte und knabbere an einem Cookie.

Erbeobachtet mich,wahrscheinlichhat er bereits ein Setting im Sinn. Meine Vermutung bestätigt sich, als er aufsteht und mit der Kamera zurückkommt.

„Zieh dich aus“, sagt er leise. Mit der Nikon im Gesicht hockt er sich vor mich.

Ich lege den Keks zur Seite und folge seiner Anweisung. Es kommt selten genug vor, dass er mir sagt, was ich tun soll, und dann auch noch so bestimmt. Normalerweise ziehe ich mich nebenan im Bad um und komme im Seidenmantel zum Set.

Während ich mich aus den Klamotten schäle, steht er auf und schließt die Tür ab. Danach lässt er die Jalousien runterfahren, kommt mit zwei großen Scheinwerfern zurück, und leuchtet das abgewetzte Wildledersofa aus, auf dem ich eben noch meinen Macchiato geschlürft habe.

Mittlerweile fühle ich mich ihm gegenüber nicht mehr so befangen, da wir im vergangenen Jahr eine solide Vertrauensbasis aufgebaut haben. Was gut ist, denn von einem transparenten String-Tanga abgesehen trage ich nichts. Die dünnen Bänder des Strings werden später aus den Fotos retuschiert, damit es aussieht, als wäre ich nackt.

Logans ruhige, sachliche Art hilft mir jedes Mal, mich zu entspannen. Also setze ich mich zurück an meinen Platz, nehme den Keks und beiße ein Stück ab. Krümel verteilen sich auf Dekolletee und Brust. Ich mag meine Brüste. Sie sind nicht üppig, dafür rund und fest mit Brustwarzen, die aussehen, als würden sie das Kinn nach oben recken. Seit ich für ihn arbeite, muss ich die Bikinizone komplett waxen lassen. Anfangs war das ungewohnt. Ich meine, ich habe kein Problem mit Nacktheit, aber so ganz ohne Haare hab ich mich nicht nackt, sondern entblößt gefühlt. Inzwischenhabe ich mich nicht nur daran gewöhnt, sondern möchte es nicht mehr anders haben.

Logan schiebt den Beistelltisch zur Seite, darum schnappe ich mir die Schüssel mit den Keksen und stelle sie neben mich auf die Couch. Mein langes schwarzes Haar ist offen und fällt in Wellen über meine Brust. Ich beuge mich vor, sehe in die Kamera und beiße in den Keks. Logan sagt nichts, doch am Klicken der Kamera höre ich, dass ihm diese direkte Art gefällt.

Mir dagegen gefällt das Gefühl der Faszination, die ich während der Jobs auf ihn auszuüben scheine. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber vor seiner Linse blühe ich regelrecht auf. Meine Anspannung löst sich, hier bin ich der Boss. Logan gibt mir das Gefühl attraktiv,etwas Besonderes zu sein. Das hat bisher kein Mensch geschafft, erst recht kein Mann.

Abermals beiße ich in den Keks und mehr Krümel verteilen sich über meinen nackten Körper.

Dass Logan gefällt was er sieht, erkenne ich an der Art, wie er mit geübten Handgriffen das Objektiv wechselt und erneutdie Linse auf mich richtet.

Plötzlich habe ich Lust, ihn zu provozieren. Ich bin nicht in einen Eisblock gesperrt, ich bin stark und habe es nicht nötig, mich zu verstecken. Nach einem tiefen Atemzug stelle ich den Fuß auf die Couch,ziehe das Knie zu mir und stützte das Kinn darauf, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Dadurch öffne ich die Beine und gewähreihm vollen Blick auf … nun ja, alles.

Für einen Moment ist es mucksmäuschenstill, ich höre ihn nicht mal atmen.

Das Gefühl der Macht ist überwältigend und überschwemmt mich wie eine warme Welle. Im nächsten Moment überschlägt sich der Auslöser geradezu.

Innerlich wird mir ganz warm und ich genieße die Tatsache, dass ich das Set beherrsche. Mein Leben ist ein einziges Chaos, vielleicht erdet mich deswegen der Gedanke, dass ich wenigstens etwas im Griff habe. Oder jemanden.

Langsam stelle ich den Fuß zurück auf den Boden, spreize die Beine und lehne mich zurück, während ich den Cookie esse und Bauch und Brüste vollkrümle. Währenddessensehe ich in die Linse, halte den Kontakt mit Logan, der kein Wort spricht.

Doch ich möchte, dass er etwas sagt, dass er wie ich aus der Rolle fällt. Ich will, dass er sich öffnet, mir zeigt, wer er wirklich ist. So, wie ich mich ihm in diesem Augenblick zeige. Also lege ich diefreie Hand zwischen meine Beine, biege den Kopf zurück, und schließe für einen Moment die Augen.

Jetzt bekomme ich meine Reaktion. Logan stößt den Atem aus, er ist geschockt, das gefällt mir. Sehr sogar.Ich will schockieren, möchte keine Schuldnerin sein, die mit ihren Raten im Rückstand ist. Ich will auch keine Kellnerin sein, die von den Gästen angemacht wird.

Ich will kein Opfer mehr sein.

Wie von selbst gleitet meine Handunter das transparente Dreieck meines Strings, dann blende ich Logan aus und gebe mich der Faszination der Berührung hin. Die Scheinwerfer wärmen mich, oder kommt die Hitze von innen? Das muss es wohl sein, denn ich spüre die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen, bevor ich sie mit den Fingerspitzen verreibe.

Das ist eigentlich nicht die Art Bilder, die Logan ausstellt, aber solang er mich nicht stoppt, habe ich keinen Anlass, aufzuhören. Ich möchte nicht aufhören.

Mit geschlossenen Augen zerbrösle ich den Keks in meiner freien Hand und verteile die Krümel samt Schokolade über meinen nackten Körper. Mit trägen Bewegungen fahre ich über die Brustwarzen, währenddie Finger zwischen meinen Schenkeln über meine Klitoris streichen.

Ich kannLogans Nähe spüren, bemerke, dass sich die Atmosphäre geändert hat. Abermals ist es totenstill. Als ich die Augen öffne, hat Logandie Kamera gesenkt und sieht mir in die Augen. Ich erwidere seinen Blick unter halb geschlossenen Lidern und verliere jedes Zeitgefühl.

Schließlich, wie in Slow Motion, hebt er die Nikon wiederund knipst mich. Mein Gesicht, und nur mein Gesicht. Auf Knien kommt ernäher, bis er unmittelbar vor der Couch ist.

Doch er berührt mich nicht. „Leg dich auf den Rücken“, sagt er mit rauer Stimme.

Ich folge seiner Anweisung, ohne den Blickkontakt mit der Kamera zu brechen.

„Eine Hand unter den Kopf, mit der anderen berühre dich.“

Ich mach Anstalten, auch dieser Aufforderung nachzukommen, doch er stoppt mich.

„Nein, nicht die, die andere.“

Und dann bricht er seineeiserne Regel. Die Hand, die eben noch zwischen meinen Schenkeln lag, ist nun in seiner. Im nächsten Moment beugt er sich vor, öffnet die Lippen und saugt an meinen Fingern. Ich spüre seine Zunge, die sanft über meine Fingerspitzen gleitet, tief in meinem Kern und muss für einen Moment die Augen schließen. Das Herz hämmert in meiner Brust, ich bin erregt, wie noch nie zuvor, kann mich nicht bewegen.

Behutsam legt er meine Handzurück an die Stelle, an der sich meine Schenkel berühren. An seinem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass er mehr tun möchte. Stattdessen lehnt er sich auf den Hacken zurück, hebt die Kamera und fällt für den Rest des Shootings in sein übliches Schweigen.

Dass ich so weit gegangen bin, ist eine Zäsur und beweist, dass ich dringend flachgelegt werden muss. Wann hatte ich das letzte Mal Sex? Dass ich mich nicht erinnern kann, werte ich alsschlechtes Zeichen.

Dennoch ebbt das Hochgefühlnicht ab, selbst als Logan nach einer gefühlten Ewigkeit aufsteht und meinen Bademantel holt. Ich fühle mich, als hätte ich zu viel getrunken. Liegt wahrscheinlich am Adrenalin.

Logan hilft mir in den Seidenmantel, schließt den Kragen und bindet den Gürtel vorn zusammen. Dann setzt er sich auf die Couch und zieht mich auf seinen Schoß.

Auch das ist ein erstes Mal.

Seine Arme schließen sichum mich, er lehnt seine Stirn gegen meine.„Was mach ich nur mit dir?“, flüstert er.

Da das offensichtlich eine rhetorische Frage ist, schweige ich.

„Das waren fantastische Fotos“, er lehnt sich zurück und sieht mir in die Augen,„die werden aber nicht in die Ausstellung fließen, Liebes, die kommen in mein Privatarchiv.“

Darauf muss ichlächeln.

„Okay“, wispere ich.

Sein Daumen fährtüber meine Lippen, dann beugt er sich vor und gibt mir einen sanften Kuss auf den Mund.

„Was mach ich nur mit dir?“, wiederholt er und seufzt.

Eine Weile bleiben wir so sitzen, schließlichsteht er auf und hilft mir auf die Beine.

Plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. Die Sanftheit ist verschwunden, und er ist wieder ganz Profi.

„Du ziehst dich am besten an, deine Sachen habe ich ins Bad gelegt.“

Nickend wende ich mich ab.

„Den Fototermin werden wir wiederholen müssen. Die Bilder sindnicht das, was ich geplant habe.“

An der Tür zum Bad bleibe ich stehen und wende mich um.

„Hast du morgen Zeit?“

„Da muss ich arbeiten.“

„Dieser verdammte Barjob“, murmelt er und schüttelt den Kopf.

„Dann also nach der Ausstellung. Du kommst doch am Samstag?“

Mist, ich hatte gehofft, dass dieser Kelch an mir vorübergeht.„Ist das wirklich notwendig?“

Er wirkt enttäuscht.

„Entschuldige, aber ich möchte keinem deiner Kunden begegnen“, ergänze ich schnell, „das ist mir …“

„Keine Sorge, Liebes, sie sind nicht eingeladen“,sagt er mit unerwartet weicher Stimme und kommt zu mir.„Diese Ausstellung ist für neue Sammler,niemandwird dich anstarren oder brüskieren, darauf hast du mein Wort. Davon abgesehen hast du keine Vorstellung davon, wie hoch du im Kurs meiner Kunden stehst. Sie wollen dich kennenlernen, weil sie dich schätzen.“

Etwas verlegen lege ich die Arme um meinen Körper. Das Hoch von eben ist fort, ich bin wieder Maya Alvarez, die in wenigen Stunden ihre Schicht im Parkers antritt.

Es wäre respektlos, seine Einladung zu ignorieren, darum nicke ich und versuche ein Lächeln.

„Wie viel Uhr?“

„Halb acht, ich lasse dich abholen.“

Abermals nicke ichund schließedie Tür zum Bad.

3

Weil ich vergessen habe, Amys Nachricht abzuhören, weiß ich nicht, dass sich meine Schicht verschoben hat. Das neue Sicherheitssystem wird heute installiert, deswegen öffnet die Bar später.

Zurück nach Hause will ich nicht, also gehe ich in Garys Büro, um meine Tasche zu verstauen. Jemand hat die Spinde verschoben, wahrscheinlich die Handwerker. Als ich die Metalltür öffne, fliegen mir die Unterlagen des Boston College of Fine Arts entgegen. Du liebe Zeit, wo kommen die denn her? Ich zögere einen Moment, dann lege ich die Broschüren auf den Schreibtisch und lasse mich in den Sessel dahinter fallen. Das Heft ist auf der Seite aufgeschlagen, auf der ein Fernstudium angeboten wird.

Es ist nicht so, als hätte ich noch nie darüber nachgedacht, aber das ist nicht, was ich möchte. Ich will dabei sein, mittendrin. Möchte den Geruch der muffigen Bücher in der Bibliothek einatmen, die Atmosphäre des Campus spüren, die Aufgeregtheit vor Klausuren. Doch das muss warten. Ich meine, wie kann das in meiner Situation gehen? Wann soll ich für den Stoff lernen? Ich arbeite an drei bis vier Abenden in der Bar und schlafe bis mittags, weil ich selten vor zwei nach Hause komme. Tagsüber bin ich oft bei Logan, danach fühle ich mich erschöpft.

Beim Gedanken an das Shooting überzieht eine Gänsehaut meine Arme. So wie heute war es noch nie. Ich meine, meistens bin ich froh, wenn ich loslassen und mich öffnen kann. Oft genug bin ich unnahbar, blicke aus großer innerer Distanz in die Kamera. Normalerweise liebt Logandiese Distanziertheit, aber wie ich seit heute weiß, macht ihn meine Offenheit an.

Hat Amy am Ende rechtund Logan fühlt sich zu mir hingezogen? Aber warum sollte er plötzlich Gefühle für mich entwickeln, wir sehen uns seit fast zwei Jahren?

Ohne Vorwarnung öffnet sich die Bürotür und ein Mann füllt den Rahmen aus. Das mit dem Ausfüllen meine ich wörtlich. Der Typ ist gebaut wie ein Linebacker der New England Patriots. Groß, breitschultrig und muskulös. Sein Gesicht liegt im Schatten, doch ich kann sehen, wie sich bei meinem Anblick seine Schultern straffen. Scheint überrascht zu sein, jemanden hier anzutreffen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, frage ich und setze mich auf.

Er rührt sich nicht. Während er mich beobachtet, spüre ich die Anspannung, die von ihm ausgeht.

Schließlich scheint er eine Entscheidung getroffen zu haben. Seine Körperhaltung ändert sich, die Spannung fällt von ihm ab.„Entschuldigung“, sagt er und kratzt sich den Nacken. „Ich würde gern hier weitermachen.“

Seine Stimme ist ein tiefer Bariton, der mir durch Mark und Bein geht.

„Ähm, hier?“ In Garys Büro?

Er nickt. „Die Bilder der Kameras werden in die Zentrale übermittelt, aber Mr Parker möchte zur Sicherheit auch hier ein paar Monitore haben, damit er im Notfall selbst einschreiten kann. Das geht schneller.“

„Kameras? Ich dachte, es werden nur Scheinwerfer mit Bewegungsmeldern installiert.“

„Das Angebot schließt beides ein, mehr Sicherheit und Gebäudeüberwachung.“ Er betritt das Büro.

Im Licht der Schreibtischlampe kann ich seine Züge immer noch nicht richtig sehen. Jetzt, da er vor mir steht, wirkt er sogar noch größer. Sein Haar ist dunkelbraun oder schwarz und gerade lang genug, dass er es hinters Ohr streichen kann. Seine Augen sind … seltsam. Cognacfarben, aber irgendwie auch … gelb? Wie bei einem Wolf.

„Okay …“ Hastig stehe ich auf und schiebe die Unterlagen zusammen. „Gibt es einen Platz, an dem ich nicht störe?“

„An der Bar?“, schlägt er vor und lächelt.

Bei diesem Anblick macht mein Herz einen Satz. Der Typ hat ein Killerlächeln. Endlichkann ich sein Gesicht besser sehen,und das ist einfach … wow! Er könnte der jüngere Bruder von Joe Manganiello sein. Ihr wisst schon, der Schauspieler, der den Werwolf Alcide in True Blood gespielt hat. Sein Blick ist ohne Zweifel der eines Wolfes. Und wie jedes Raubtier, scheint er meine Unsicherheit zu spüren, denn er kommt einen Schritt auf mich zu und nimmt mir die Broschüren ab.

„Du studierst?“

„Äh …“, sage ich wie ein Trottel.

„Maya, was machst du hier? Hat Amy dich nicht erreicht?“ Mein Boss steht in der Tür und runzelt die Stirn als er mich und den Alcide-Typen sieht.

In jedem Fall ist der Banngebrochen und mein Hirn funktioniert wieder auf Normaltemperatur.

„Sie hat angerufen, aber ich habe vergessen, die Mailbox abzuhören.“

„Wir sollten in einer Stunde mit dem Gröbsten fertig sein, dann können wir öffnen. Warum machst du es dir nicht an der Bar bequem?“

Ich werfe einen schnellen Blick zu dem Typen, der das Gleiche vorgeschlagen hat. Ihn anzusehen ist allerdings ein Fehler. Sein Blick ruht immer noch auf mir und, O Mann, er ist heiß. Tatsächlich wirken seine Augen gelbgold und irgendwie hungrig. Seine Mundwinkel sind leicht nach oben gebogen, als würde ihn etwas amüsieren. Ich, um präzise zu sein. Dabei fällt mir auf, dass seine Unterlippe voller ist, als die obere und in der Mitte eine leichte Einkerbung hat. Irgendwie rührt mich das. Was würde ich darum geben, meinen Finger daraufzulegen, um zu sehen, wie sich das anfühlt.

„Maya?“ Das kommtvon Gary.

Mein Blick wandert von den Lippen zu den Augen des Mannes, die aussehen, als würden sie lachen.Das bringt mich zurück in die Gegenwart. Etwas verlegen räuspere ich mich. „Klar, Boss, die Bar klingt toll. Ichsetze Kaffee auf, möchte jemand welchen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, werfe ich die Unterlagen zurück in den Spind und marschiere aus dem Raum.

Vermutlich bin ich knallrot im Gesicht, mein Kopf fühlt sichan, als würde er jeden Augenblick platzen. Aus diesem Grundverschwinde ich kurz im Bad und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Jetzt ist es amtlich, mein letzter Sex ist zu lange her. Wenn Amy mich diesmal fragt, ob wir am Wochenende zusammen ausgehen, sage ich nicht Nein. Die Kosten sind mir egal. Ich muss wieder raus und ein bisschen Spaß haben.

Das muss ich dem Sicherheitsteam lassen, die Jungs arbeiten schnell und sauber. Die haben Maschinen, die während des Bohrens den Schmutz ansaugen und in einen Staubsack befördern, der seitlich an dem Gerät angebracht ist, kein Scherz. Schweigend beobachte ich das muntere Treiben, sehe ihnen dabei zu, wie sie Kabel verlegen und Kameras so installieren, dass man sie fast nicht sehen kann. Garys Büro wird zum Zentrum, hier laufen die Kabelstränge zusammen. Am Ende sind wir nicht nur überwacht, sondern haben W-LAN. Letzteres wird unsere Kunden freuen, besonders die Studenten. Die Kameras funktionieren über Wi-Fi und übertragen die Bilder nicht nur in Garys Büro, sondern in die Zentrale von Lawson Security, die Downtown liegt.

„Werdet ihr heute fertig?“, frage ich den Wolf.

Er hat sich zu mir an die Bar gestellt und sieht aus, als könnte er einen Kaffee vertragen. Oder etwas Stärkeres.

„So gut wie. Den Rest erledigen wir morgen Vormittag, dadurch wird der Betriebsablauf hier aber nicht mehr als nötig gestört.“

„Kaffee?“, frage ich und nicke zur Kanne.

„Mach einen Espresso daraus und wir sind im Geschäft.“

Schmunzelnd bereite ich ihmdas Gebräu, froh einen Grund zu haben, hinter die Theke zu fliehen. Seine Nähe macht mich nervös, auch wenn ich nicht sagen kann, warum. Sein Blick ist freundlich und dennoch wachsam. Wann immer ich zu ihm sehe, erwische ich ihn dabei, wie er michbetrachtet. Aber nicht, als wäre er an einem Date interessiert, sondern als würde er mich studieren.

„Warum verlegt ihr Kabel, wenn die Bilder der Kameras per W-LAN übertragen werden?“, frage ich, um mein Unbehagen zu überspielen. Wieso er bei dieser Frage lächelt, weiß ich nicht, aber die Wirkung, die dieses Lächeln auf mich hat, gefällt mir nicht. Als ich ihm den Espresso reiche,zittern meine Hände ein wenig, sodassdie Tasse auf dem Unterteller leise klirrt.

„Jemand könnte einen Jammer benutzen, um die Übertragung zu stören“, sagt erund nimmt mir die Tasse ab. Dass seine Finger dabei meine streifen,könnte ein Zufall sein, doch irgendwie bezweifle ich das.

„Ein Jammer?“ Was zur Hölle soll das sein?

„Das ist ein Störsender, der elektromagnetische Wellen aussendet, um Funkfrequenzen zu blockieren. Für diesen Fall haben wir ein Backup-System, und das Signal sucht sich einen anderen Weg.“

„Die Leitung.“

Er nickt.

„Und was passiert bei Stromausfall?“

Darauf lacht er. Es ist ein schönes Lachen, voll und tief, und berührt mich in Gegenden, in denen ich schon lange nicht mehr berührt worden bin. Bei dem Gedanken schießt Hitze in meine Wangen. Was zur Hölle ist seit dem Fototermin mit mir los?

„Dafür gibt es Generatoren. Aber um ehrlich zu sein, entspricht dieses Objekt nicht der Sicherheitskategorie, die eine zusätzliche Stromquelle erfordert.“

„Hey Carter!“, ruft Amy, die in diesem Moment die Bar durch den Personaleingang betritt. „Schön dich zu wiederzusehen.“

„Amy“, er nickt ihr zu.

Endlich kenne ich seinen Namen. Carter passt gut, kurz und kraftvoll.

„Ich dachte, mich erwartet ein Riesenchaos, aber hier sieht es so ordentlich aus. Habt ihr schon aufgeräumt?“

„Die arbeiten sauber, wie die Ameisen. Du wirst keinen Krümel finden.“

Carter versteckt sein Lächeln hinter der Espressotasse.

„Und wie die aussehen, yummi! Stellt deine Firma nur Hotties ein oder wie muss ich mir das vorstellen?“

Jetzt bin ich diejenige, die versucht, ihr Grinsen zu verstecken. Es stimmt, die Jungs machen den Eindruck, als würden sie sich bereits vor dem Frühstück am Boxsack austoben.

„Meine Männer müssen sich fit halten“, ist alles, was er dazu sagt.

„Deine Männer?“ Soll das heißen, er ist der Boss?

Als Antwort stellt er die Tasse ab und hält mir die Hand entgegen.

„Carter Lawson. Und du bist …?“

Ähm …

„Maya Alvarez“, antwortet Amy an meiner Stelle. Sie leistet mir hinter der Theke Gesellschaft und stupst mich mit der Hüfte an.„Alles klar bei dir?“, fragt sie und wirft ihre Tasche auf den Tresen.

„Ich bin okay.“ Als ich ihrem skeptischen Blick begegne,ergänze ich: „Vielleicht ein bisschen müde.“

„Stimmt, du hattest ja heute einen Fot… ugh!“

Mein Ellbogen trifft sie in die Seite. Keine Ahnung, warum, aber ich möchte nicht, dass Carter von meinem Nebenjob weiß. Von wegen Aktfotos und so. Die Atmosphäre zwischen uns ist so schon geladen, für einen Tag hatte ich genug Aufregung. Also schnappe ich mir Amys Hand und ziehe sie durch den Gang ins Büro.

„Wir sehen uns!“, rufe ich über die Schulter und atme erst wieder, als die Tür hinter uns ins Schloss fällt.

„Was war denn das?“ Sie sieht mich mit großen Augen an. Amy ist einen halben Kopf kleiner als ich, wie allemeine Kolleginnen in der Bar. Sie hat grün-graue Augen, eine Stupsnase und einen kleinen rosa Kussmund. Ihren kurzen dunklen Pixieschnitt frisiert sie normalerweise so, dass ihre Haare leicht nach vorn abstehen.

„Nichts“, gebe ich zurück und krame meine Barkluft aus der Tasche. Anders als in anderen Klubs zwängt unser Boss uns nicht in Miniröcke und Bustiers, die mehr zeigen als verbergen. Im Winter tragen wir dunkelblaue Skinny Jeans und enge schwarze T-Shirts. Im Sommer Jeanshorts und schwarze Tops. Um an der Trinkgeldfront zu punkten, haben sich Heather und Amy für ausgeschnittene Shirts entschieden, die die Spitze ihres Push-up-BHs freilegen. Ich dagegen habe nicht den Wunsch, meine, ähm,Vorzüge außerhalb des Fotostudios zu präsentieren.

„Der Typ ist supernett und sieht zudem aus wie dieser … wie heißt der noch, Jim Manchello?“

„Joe Manganiello?“

„Genau!“

Sie hält die Luft an und quetscht sich in die hautenge Jeans.

Als ich das Shirt über den Kopf streife verhakt sich meine Haarspange mit dem Stoff.

„Verdammt!“, fluche ich, und versuche blind die Spange von dem Oberteil zu trennen.„Kannst du mir helfen?“ Einen Moment später spüre ich warme Finger an meinem Zopf unddie Spange öffnet sich. Ich ziehe das Shirt über den Kopf, gleichzeitig ergießt sich mein offenes Haar über die Schultern. Dann sehe ich, wer mir geholfen hat und schnappe nach Luft.

Carter steht im Büro. In der Hand hält erAmys Tasche, die sie auf der Theke vergessen hat.

Da ich im Slip dastehe, schnappe ich mir die Jeans mit dem Barlogo und ziehe sie hastig an.„Schon mal was von Anklopfen gehört?“

„Gern geschehen“, erwidert er und verlässt kopfschüttelnd das Büro.

Amy stößt einen Seufzer aus. „Himmel, hast du seinen Blick gesehen? Ich würde ja sagen, dass er dich mit den Augen ausgezogen hat, aber die Arbeit hast du ihm abgenommen.“

„Klappe!“, motze ich halbherzig und muss gegen meinen Willen lächeln.

„Maya“, Amy dreht mich so, dass ich sie ansehen muss. „Du und ich, Samstagabend im Goodlife. Da ist Twerk Fest. Wenn wir da keine Typen aufreißen, gibt es keine Hoffnung für uns!“

„Samstag muss ich zu Logans Vernissage.“

Amy wirkt enttäuscht. Zu Recht, ich habe immer eine Ausrede nicht mitzukommen. Doch an diesem Wochenende will ich auf die Piste.

„Was ist mit Sonntag? Montag müssen wir nicht arbeiten, oder hast du eine Schicht bei GAP?“

Amy strahlt, als hätte ich ein Licht angeknipst.

„Sonntag ist sogar noch besser, da ist die Dirty Laundry-Party im Estate!“

Dirty Laundry, echt jetzt?

„Woher weißt du eigentlich immer solche Sachen?“

„Na, ich hab das Out&About-App für Boston“, sagt sie, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.

„Ich frage Heather und Susan, ob sie mitkommen, oder hast du was dagegen?“

„Je mehr desto besser.“ Ausnahmsweise meine ich es auch so.

~ * ~

Nachdem Carter die Bürotür geöffnet hatte, musste er zweimal hinsehen, beinah hätte er sie nicht erkannt. Logans Model, das dieser wie ein eifersüchtiger Ehemann vor der Öffentlichkeit verbirgt, aus Angst, ein anderer könnte ihm seinen Schatz vor der Nase wegschnappen. Jemand mit Eiern, die ihm offensichtlich fehlten.

In Jeans und Zopf sah sie eher wie das Mädchen von nebenan aus, nicht wie ein vierundzwanzigjähriges Aktmodell, das mehr erlebt hatte, als gut für sie war.

Ein Teil von ihm wollte sie beschützen. Der andere plante, den Job zu erledigen und das Mädchen zu vergessen. Das war es doch, ein Job wie jeder andere, oder? Wenn er sich das lange genug einredete, glaubte er es am Ende selbst.

Sein Auftraggeber war besessen von Maya, jagte ihr seit Monaten hinterher. Sie war wie Rauch, den man nicht zu fassen bekam und Logan Cooper war keine große Hilfe. Selbst seinen Kunden stellte der Fotograf sie nicht vor. Also wurde er, Carter,beauftragt, sie aufzuspüren und ihren Hintergrund zu überprüfen.

Je mehr er über sie erfuhr, desto weniger wollte er preisgeben. Sie war wie ein Geheimnis, das er entschlüsselte, sein Geheimnis, das er mit niemandem teilen wollte. Er würde sich gut überlegen, welche Informationen er weiterleitete und welche er für sich behielt.

Bevor er sie unterbrochen hatte, war sie dabei gewesen, sich Uni-Prospekte anzusehen. Interessant. Es würde ihr guttun, das Studium wieder aufzunehmen. Sie sollte der Klinik den Stinkefinger zeigen, die Ratenzahlungen aussetzen, und zur Abwechslung an sich denken. Kein Mensch hatte sich je um sie gekümmert, weder um ihren Schutz noch ihre Zukunft.

Wie von selbst ballte sich seine Hand zur Faust, die er öffnete und ausschüttelte.

Es war nur ein Job, dachte er zum hundertsten Mal in dieser Woche. Ja, klar.

4

Alsich Freitagabend meine Schicht antrete ist das Sicherheitssystem installiert und Carters Team hat die Bar verlassen, ohne ein Staubkorn zu hinterlassen.Dassich ihn nicht mehr zu Gesichtbekomme, bedaure ich mehr als ich mir eingestehen will.

Samstagabend habe ich einen kleinen Fashion-Notfall. Ich war noch nie auf einer Vernissage, also was zum Henker ziehe ich an? Etwas Boheme