Beschreibung

ePremiere - faster than print. "ePremiere" von Bastei Lübbe ist ein exklusives Angebot an E-Book Leser: Alle Titel der Reihe erscheinen in der Regel ein bis zwei Monate vor dem gedruckten Buch. Südafrika, 2026. Nach einem Vulkanausbruch zehn Jahre zuvor ist eine neue Eiszeit angebrochen. Doch neben dem täglichen Kampf ums Überleben gibt es noch eine weitere Bedrohung: Immer mehr Menschen verschwinden spurlos. Wurden sie etwa entführt und von einem tödlichen Parasiten befallen? Der 16-jährige Polizeischüler Adam wird mit seinen Freunden in eine Sondereinsatztruppe beordert, um mehr über die mögliche Invasion herauszufinden. Für die Jugendlichen beginnt eine gefährliche Reise ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339


Raimon Weber

Die letzte Chance

der Menschheit

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: © Maximilian Meinzold, München

Lektorat: Katharina Jacobi, Leipzig

Datenkonvertierung E-Book: Helmut Schaffer, Hofheim

ISBN 978-3-8387-4560-2

Sie finden uns im Internet unter:

www.luebbe.de

www.baumhaus-verlag.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Der Preis dieses Bandes versteht sich

einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Zeittafel

1815

Auf der indonesischen Insel Sumbawa bricht im April der Vulkan Tambora aus. Vor der Explosion war der Tambora mit etwa 4.300 Metern Höhe einer der höchsten Gipfel in der indonesischen Inselwelt. Nach der Explosion beträgt seine Höhe nur noch 2.851 Meter. Die Druckwellen sind bis in 15.000 Kilo­meter Entfernung spürbar.

Asche und Staubteilchen werden durch Luftströmungen um den gesamten Erdball verteilt und beeinträchtigen die Sonnen­einstrahlung. In Europa und Nordamerika sind Missernten und Hungersnöte die Folge. Das folgende Jahr 1816 geht als das berüchtigte »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein.

Die Schriftstellerin Mary Shelley schreibt unter dem Eindruck des düsteren Wetterphänomens ihren Roman Frankenstein.

1994

Nelson Mandela wird zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.

Die Zeit der Apartheid ist überwunden.

2010

Adam van Dyke wird in Kapstadt geboren.

Zehn Monate nach der Geburt kommen seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben.

2016

Januar

Im Nahen Osten kommt es zu einem begrenzten Atomkrieg. Mehrere Länder werden dabei nahezu völlig zerstört.

Die weltweite Ölversorgung steht vor einem Kollaps.

März

In Moskau werden die ersten Fälle einer bisher unbekannten Form von Lungenpest gemeldet. Zwischen der Ansteckung und dem Auftreten der ersten Krankheitssymptome vergehen maximal zehn Stunden. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 99 %.

Die Seuche breitet sich im Baltikum, Skandinavien, Polen und Deutschland aus.

April

Die Staaten Mittel- und Südamerikas weigern sich, den USA stark erhöhte und gleichzeitig günstigere Ölmengen zu liefern.

US-Truppen besetzen mexikanische Bohrinseln und landen auf dem See- und Luftweg in Südamerika.

Ein verlustreicher Krieg beginnt.

Mai

Der Vulkan Tambora bricht nach rund zweihundert Jahren erneut aus. Dieses Mal mit weitaus verheerenderen Folgen. ­Allein die Flutwelle fordert 500 Millionen Opfer.

Dezember

Der Dunstschleier des Vulkanausbruchs erreicht die nörd­liche Hemisphäre. Eine neue Eiszeit bricht an.

2017

Januar

Der Supervirus »Little Boy« lässt den Rest globaler Kommunikation zusammenbrechen.

Funkwellen werden auf allen Frequenzen gestört.

Die Verursacher bleiben unbekannt.

In Nordamerika und Europa setzt sich ein gigantischer Flüchtlingsstrom Richtung Süden in Bewegung.

Juni

Bei den letzten gescheiterten Versuchen, den Atlantik zu überqueren, berichten die wenigen Rückkehrer, dass sie monströse Meereswesen von der vielfachen Größe eines Blauwals gesichtet hätten.

September

Vor der libyschen Küste wird ein Frachter mit mehreren Tausend Flüchtlingen aus Europa versenkt. Augenzeugen wollen den Angriff eines mindestens hundert Meter langen amphi­bischen Lebewesens gesehen haben.

2018–2026

Die weltweite Situation verschlechtert sich weiter. Länder und Gesellschaften lösen sich auf.

Soweit bekannt ist, bestehen nur noch zwei funktionierende Staatswesen. Das von einer Militärdiktatur regierte Groß-Brasilien und Südafrika.

Das Interesse an alten Kulten steigt explosionsartig an. Ab 2025 wird an der Universität von Kapstadt »Weiße Magie« als offizielles Studienfach angeboten.

Südafrika im Jahre 2026

Kapitel 1

In der Unterwelt von Gugulethu

Ein Blitz zuckte über den Horizont.

So gleißend hell, dass Adam van Dyke unwillkürlich die ­Augen schloss.

Das Luftschiff schwebte tief über der Savanne, denn weiter oben lauerten plötzlich auftretende Luftströmungen von ungeheurer Kraft.

Es hatte in den letzten Wochen ungewöhnlich viel geregnet. Alles war mit Gras bedeckt. Die flachen Hügel folgten aufeinander wie Wellen eines grünen Meeres.

Adam van Dyke und sein Freund Delani blickten aus einem offenen Fenster in die Ferne.

Adam war sechzehn Jahre alt, schlank und nicht besonders groß für sein Alter. Der Wind wehte ihm eine blonde ­Haarsträhne in die Stirn und verdeckte so kurz sein linkes Auge. Die Pupille war von einem hellen Orange und bildete ­einen scharfen Kontrast zum rechten, intensiv grün leuchtenden Auge.

Als Sechsjähriger war Adam beim Spielen mit seinen Freunden versehentlich von einem Pfeil getroffen worden. Zum Glück war die Pfeilspitze stumpf gewesen und hatte das Auge nur gestreift. Es verheilte vollständig, nur die Farbe hatte sich verändert.

Unter ihnen warf der Zeppelin einen riesigen Schatten auf das Land.

Er war ein einfacher Lastentransporter. Die Fracht wurde im zigarrenförmigen Auftriebskörper mit den Gastanks verstaut. Die Passagiergondel an der Unterseite war klein und nur karg ausgestattet. Dreißig Polizeischüler drängten sich darin zusammen. Sie befanden sich auf dem Rückflug von einem Ausbildungscamp am Rand der Kalahari-Wüste.

Es waren für alle zwei harte Wochen gewesen, aber dennoch hatte es Adam in der Einsamkeit besser gefallen als in Kapstadt. Die Stadt mit ihren geschätzten sechs Millionen Einwohnern drohte außer Kontrolle zu geraten. Täglich gab es Aufstände, Überfälle und Plünderungen. Adam und seine Mitschüler gehörten zu jenen, die das zukünftig verhindern sollten.

Übermorgen würde er wieder in den Straßen von Kapstadt unterwegs sein. An der Seite erfahrener Polizisten.

Es schien so, als hätte Delani die Gedanken seines Freundes erraten. »Du machst dir Sorgen«, stellte er fest.

Delani gehörte der Volksgruppe der Zulu an. Er war noch ein paar Zentimeter kleiner als Adam, dafür aber muskulös und stämmig. Bei den Ringkämpfen im Ausbildungscamp hatte er jeden anderen mit Leichtigkeit besiegt. Auch Adam. Dabei hatte sich Delani zunächst geweigert, gegen seinen besten Freund anzutreten. Doch die Ausbilder ließen keine Ausnahmen zu.

Adam hätte Delanis Frage beinahe überhört, so laut dröhnten die Motoren des Zeppelins.

»Ich mache mir ständig Sorgen«, antwortete Adam und blickte starr zum Horizont. »Und manchmal habe ich Angst vor dem, was kommt.«

»Das ist ganz normal.« Delani legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte dann so leise, dass es die anderen nicht ­hören konnten: »Geht mir genauso.«

Das Luftschiff wurde von einer Windböe gepackt. Adam verlor den Halt, stolperte rückwärts und prallte gegen eine Schülerin.

»Pass auf, wo du hinfällst!« Sie funkelte ihn aus dunklen Augen an. »Aber ich schätze, da du so viel Angst hast, ist das wohl zu viel verlangt.«

Das Mädchen hieß Shawi und besaß ärgerlicherweise ein besonderes Gespür dafür, ob jemand nervös, traurig oder wütend war. Oder Angst hatte. Auch wenn man es noch so gut zu verbergen versuchte.

Adam ignorierte ihre bissige Bemerkung und tastete sich zu seinem Platz zurück.

Es tauchten in den letzten Jahren immer mehr Menschen auf, die besondere Fähigkeiten wie die Polizeischülerin Shawi entwickelten. Sie konnten Geschehnisse voraussagen, verfügten über ein perfektes Gedächtnis und vergaßen nicht das kleinste Detail, oder sie heilten Krankheiten durch ihre bloße Anwesenheit. Niemand hatte dafür eine Erklärung.

In manchen Nächten lag Adam wach, horchte in sich hinein und konzentrierte seine Gedanken in der Hoffnung, etwas Ähnliches bei sich zu entdecken. Aber da war nichts. Er musste sich wohl damit abfinden, dass er ein ganz normaler sechzehnjähriger weißer Südafrikaner war. Zwei verschiedenfarbige ­Augen waren nichts im Vergleich zu den besonderen Begabungen von Shawi und einigen anderen.

Der Zeppelin erzitterte, als der Pilot die Schubkraft der Motoren erhöhte, um dem aufziehenden Sturm zu entkommen.

In der Ferne zeichneten sich Blitze wie ein grelles Ader­geflecht am Himmel ab.

***

Es war heiß.

Die Uniform kratzte auf Adams Haut.

Mit seinen Begleitern durchschritt er langsam und nach allen Seiten sichernd die schmale Straße. Staub wirbelte bei jedem Schritt unter seinen Stiefeln auf.

Die Menschen wichen ihnen aus. Ein alter Mann murmelte im Vorbeigehen eine Verwünschung.

Sie waren zu dritt.

Sergeant Lakota, Constable Frey und er selbst. Ein junger Polizeischüler, der erst seit zwei Wochen eine Dienstwaffe tragen durfte.

Sie waren eine der wenigen Polizeipatrouillen in Gugulethu, einem der größten Townships Kapstadts: im Zentrum ein schachbrettartiges Muster aus winzigen Häusern und Hütten, an den Rändern ausufernd zu einem Labyrinth aus Zelten, erbärmlichen Behausungen aus Plastikplanen und Pappe.

Gugulethu war überfüllt, überlagert vom Gedröhn zu vieler Stimmen, durchdrungen vom Geruch nach Müll und zusammengedrängten Körpern.

Die Bevölkerung der Wohnsiedlung hatte sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Man schätzte sie mittler­weile auf über eine Million. Viele waren Flüchtlinge aus den Nachbarländern. Einige stammten aus dem untergegangenen Europa. Sie blieben häufig unter sich und steckten in dem ­Chaos ihr eigenes Territorium ab, das sie gegen Fremde auch mit Gewalt verteidigten. Die Polizei war dagegen machtlos.

Adam betrachtete die armseligen Verkaufsstände am Straßenrand. Männer und Frauen boten Schüsseln und Eimer aus Plastik an, deren Farben von der Sonne fast völlig verblichen waren. Zerschlissene Kleidung und angeschlagenes Geschirr. Etwas Obst und Gemüse und ein paar gerupfte Hühner.

Und gehäutete Ratten. Viele Leute konnten heutzutage nicht mehr zimperlich sein, wenn sie auch nur halbwegs satt werden wollten.

Adam stieg über eine blinde Bettlerin, die in der Lücke zwischen zwei Ständen im Müll hockte und ihm einen zerbeulten Becher aus Blech entgegenstreckte.

Wenige Meter weiter hatte sich eine Menschenmenge vor einem kleinwüchsigen Mann mit auffallend heller Hautfarbe versammelt. Er war kaum einen Meter groß und starrte die Leute durchdringend an, auch wenn er dazu den Kopf in den Nacken legen musste. Er trug einen Zylinder. Vermutlich, um ein wenig größer zu erscheinen. Der Zylinder mochte ehemals schneeweiß gewesen sein, jetzt wies er zahllose Schmutzflecke auf.

Als der bleiche Mann die Polizisten entdeckte, verzog sich sein Mund zu einem schmalen Lächeln, das Adam nicht deuten konnte.

Der kleine Mann spreizte die Hände und streckte die Arme aus. Er schloss die Augen, sein Gesicht verzerrte sich wie unter starken Schmerzen.

So verharrte er einige Sekunden.

Dann geschah etwas, das Adam nie zuvor gesehen hatte. Wohl deswegen weigerte sich sein Verstand zunächst, zu akzeptieren, was sich vor seinen Augen abspielte.

Der Mann hob vom Boden ab. Unendlich langsam. Wie in extremer Zeitlupe.

Die Menge stieß erstaunte Laute aus.

Nun schwebten die nackten Füße des Mannes mindestens drei Handbreit über der Erde.

Adam warf Sergeant Lakota einen hektischen Blick zu. Der Polizist beobachtete das Geschehen mit unberührter Miene.

»Haben Sie so etwas jemals erlebt?«, fragte Adam atemlos.

Lakota nickte. »Das und noch ganz andere Dinge, Junge.«

Der Schwebende sank nicht wieder langsam hinab, sondern fiel mit einem so heftigen Ruck nach unten, dass er in den ­Knien einknickte.

Die Zuschauer applaudierten, ein paar warfen ihm Münzen zu.

»Wie hat er das gemacht?«, fragte Adam seine Begleiter.

Constable Frey zuckt mit den Schultern, und Lakota sagte nur: »Das geht uns nichts an. Gehen wir weiter.«

Hinter ihnen stimmte der Kleinwüchsige ein Lied an. Mit kraftvoller und schöner Stimme. Es handelte vom Frieden.

Plötzlich hörte Adam einen Schrei. Hell und panisch stach er aus der Menge heraus.

»Das kam von dort vorn.« Sergeant Lakota deutete mit dem ausgestreckten Arm auf eine Hütte aus Wellblech. Die Tür stand einen Spalt weit auf. Dahinter war es dunkel. Beinahe so, als bliebe dem Tageslicht der Zutritt ins Innere verwehrt.

Ein Junge in zerrissenen Shorts taumelte aus der Hütte ins Freie. Adam schätzte sein Alter auf sieben oder acht Jahre.

»Hast du geschrien?«, fragte Lakota den Jungen. Seine Stimme klang ruhig und beherrscht.

Die Augen des Jungen waren ganz groß und verweint. Er schüttelte den Kopf. »Nombeko! Nombeko!«, stammelte er völlig aufgelöst. »Nombeko, meine Schwester! Sie hat geschrien. Da war was! Etwas Böses! Dabei wollte sie doch nur die lila Lichter suchen.« Der Junge schluchzte laut auf und zitterte.

»Was war da? Was hast du gesehen?«, wollte Constable Frey wissen. Der Junge schluchzte nur noch lauter und verbarg das Gesicht in den Händen.

Sergeant Lakota entsicherte sein Gewehr und ging zum Eingang der Wellblechhütte. Mit der Waffe im Anschlag spähte er hinein.

»Da geht es abwärts«, sagte er.

»Abwärts?« Adam sah den Constable verwundert an.

»Dort ist ein Einstieg in den Untergrund.« Constable Frey, von weißer Hautfarbe wie Adam, sprach leise. Im Gegensatz zu Sergeant Lakota hörte er sich nervös an. »Im Laufe der Zeit haben die ganz Gugulethu untertunnelt. Verstecken Schmuggelware und Diebesgut. Stellen dort illegal Schnaps und Schlimme­res her. Hier wimmelt es doch nur so von Verbrechern.«

Lakota warf Frey einen scharfen Blick zu. »Die meisten wohnen einfach nur da unten. Weil oben kein Platz mehr ist.«

»Wie Sie meinen, Sergeant.« Frey nahm halbherzig Haltung an, aber in seinen Augen konnte Adam lesen, dass er Lakotas Ansicht nicht im Geringsten teilte.

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wer weiß, was mit dem Mädchen geschehen ist. Wir gehen rein«, befahl Lakota. »Adam, du forderst Verstärkung an. Erinnerst du dich noch daran, wo das letzte Telefon stand?«

Adam nickte.

Vor einer Viertelstunde waren sie an einem der grauen verriegelten Metallkästen vorbeigekommen. Darin befand sich ein Telefon, das über ein unterirdisches Kabel mit der nächsten Polizeistation verbunden war.

Früher hatte es Funkgeräte gegeben. Aber seit Jahren war drahtlose Kommunikation unmöglich geworden. Bisher hatte niemand dafür eine logische Erklärung gefunden. Der gigantische Vulkanausbruch vor einem Jahrzehnt konnte daran nicht allein schuld sein, darin waren sich die meisten Wissenschaftler einig.

Sergeant Lakota warf einen Blick auf seinen Stadtplan. Auch wenn sich Orte wie Gugulethu täglich veränderten, bot er wenigstens eine ungefähre Orientierungshilfe.

»Unser Standort ist C 17 F 28. Präge es dir gut ein.«

Adam lief los. Wenn er sich beeilte, konnte er das Telefon in fünf Minuten erreichen.

Erstaunte und hasserfüllte Blicke folgten ihm, als er durch die engen Gassen rannte. Die Polizei war in der Gegend nicht gerade beliebt. Ihre Anwesenheit störte die Hehler, Diebe und Schmuggler bei der Ausführung ihrer illegalen Geschäfte. Wer über genügend Geld oder begehrte Tauschobjekte verfügte, konnte fast alles bekommen. Seien es Drogen, Medikamente oder einfach nur ein frisches Brot aus den staatlichen Depots, wo es von bestechlichen Angestellten entwendet wurde.

Der Telefonkasten wies einige Beulen und Kratzer auf, schien aber ansonsten unversehrt.

Adam zog seinen Schlüssel aus der Uniformtasche. Jeder Polizeischüler bekam einen solchen Universalschlüssel zu Beginn seiner Ausbildung ausgehändigt. Er bot Zugriff auf jedes amtliche Telefon in Kapstadt.

Als Adam die Klappe öffnete, kam dahinter ein Telefon mit einer einfachen Tastatur zum Vorschein. An der Rückwand klebte ein Zettel mit zwei dreistelligen Nummern. Eine für die nächste Polizeistation in der Umgebung, eine für die Zentrale in der Innenstadt.

Adam nahm den Hörer von der Gabel.

Kein Freizeichen.

Er wählte die Nummer der Polizeistation von Gugulethu.

Die Leitung blieb stumm. Er versuchte es mit der Zentrale. Ebenfalls ohne Erfolg.

»Verdammt!«, fluchte er laut.

Eine alte Frau näherte sich. Auf ihrem Rücken trug sie einen Wasserkanister aus Plastik.

»Junge«, sagte sie mit heiserer Stimme und deutete mit ihrem Krückstock auf den lehmigen Boden hinter dem Telefon. »Das wird nicht funktionieren.«

Sie war eine Weiße mit einem so faltigen Gesicht, dass es beinahe wie ein altes Ölgemälde aussah. Ihrem Akzent zufolge stammte sie nicht von hier. Bestimmt war sie aus Europa geflohen.

Mit der Spitze ihres Stocks folgte sie einem kleinen Graben, der direkt hinter dem Sockel des Telefons begann. Jemand hatte dort das Kabel gekappt und auf mehrere Meter ausgegraben. Für den isolierten Draht würde man auf dem Schwarzmarkt eine Menge Geld bekommen.

»Ein paar Idioten haben es letzte Nacht geklaut«, sagte die Frau.

Adam wusste nicht, was er tun sollte. Er war das erste Mal in Gugulethu. Das nächste Polizeirevier war mindestens eine halbe Stunde entfernt. Es gab keine Fortbewegungsmittel. Er entdeckte noch nicht einmal ein Fahrrad, das er ausleihen konnte.

Eine halbe Stunde Weg in Gugulethu konnte für einen unerfahrenen Polizeischüler sehr gefährlich werden. Einige Leute waren zu allem fähig, um an seine Dienstwaffe zu gelangen. Auf dem Schwarzmarkt würde sie einen so enormen Preis erzielen, dass sich eine mehrköpfige Familie mit dem Geld mindestens ein halbes Jahr ernähren könnte.

Er beschloss zurückzukehren. Vielleicht war schon wieder alles in Ordnung, und Lakota und Frey hatten das Mädchen längst in Sicherheit gebracht. Vermutlich warteten sie bereits auf ihn.

***

Als Adam die Wellblechhütte erreichte, fehlte von den Polizisten jede Spur. Auch der kleine Junge war verschwunden. Die ganze Umgebung schien wie ausgestorben.

Adam bemerkte einen Mann, der sich eilig in eine Seitengasse zurückzog.

»Hey!«, rief ihm Adam nach. »Warten Sie!«

Der Mann reagierte nicht.

Die Tür zur Hütte stand jetzt weit auf. Adam versuchte, in den Raum zu sehen.

»Sergeant?«

Keine Antwort.

Adam trat in die Hütte. Trotz der weit geöffneten Tür reichte das Tageslicht kaum aus, um dem Inneren Konturen zu ver­leihen.

Etwas huschte über Adams rechten Fuß. Er zuckte zusammen und versuchte sich einzureden, er habe nur ein loses ­Kabel, ein herumliegendes Seil berührt.

Als er einen weiteren Schritt machte, trat er ins Leere.

Hastig sprang er zurück und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten.

Schemenhaft konnte er die Umrisse eines kreisrunden Lochs im Boden ausmachen.

Erst jetzt erinnerte sich Adam an die kleine Akku-Lampe, die zu seiner Ausrüstung gehörte. Als er sie einschaltete, war ihr Licht schwach und gelblich. Adam hatte vergessen, sie am Vortag aufzuladen. Er ging in die Hocke, leuchtete in das Loch und musste feststellen, dass ihr Schein noch nicht einmal bis zum Boden reichte. Eine wackelige Leiter führte in die Tiefe.

»Sergeant Lakota!«, rief er noch einmal. »Constable Frey!«

Die Dunkelheit schwieg.

Sie konnten nur dort unten stecken. Vielleicht waren sie in Gefahr. Vielleicht war das alles nur eine Falle. Aber Sergeant Lakota hätte nicht anders handeln dürfen. Ein Kind war möglicherweise in Gefahr.

Adam schloss für eine Sekunde die Augen und atmete tief ein.

Er griff nach der Leiter.

Unten angekommen, sanken seine Stiefel einige Zentimeter weit ein. Hier unten war es feucht. Es stank nach Schimmel und etwas Säuerlichem, das Adam nie zuvor gerochen hatte. Er unterdrückte ein Würgen.

In dem Moment vernahm er ein Geräusch.

Ein Schaben. So, als würde sich etwas Lebendiges durch die Gänge bewegen.

Adam zog seine Pistole.

Der Gang war keine zwei Meter breit, außerdem so niedrig, dass Adam den Kopf einziehen musste. Und stockfinster. Der Strahl seiner Lampe konnte die Dunkelheit nicht zurück­drängen, sondern nur einen kreisrunden Lichtstrahl auf lehmige Wände und den mit Pfützen bedeckten Boden werfen.

Der Gang machte eine Biegung und verengte sich. Adam hatte mit einem Mal das Gefühl, erdrückt zu werden. Sein Atem beschleunigte sich, auch wenn er angestrengt versuchte sich zusammenzureißen.

Konzentrier dich auf deine Schritte! Einfach nur auf deine Schritte!

Er gelangte in eine unterirdische Kammer. Quadratisch. Unge­fähr fünf mal fünf Meter. Die Decke wurde von Holz­balken gestützt. Überall waren Kisten und Fässer gestapelt. Zwei Gänge zweigten ab und führten weiter in undurchdringliche Schwärze.

Adam wusste nicht, für welchen Gang er sich entscheiden sollte.

Dann erlosch die Lampe.

Adams Herzschlag raste so heftig, dass ihm das Blut in den Ohren sauste.

Von überallher drangen Geräusche aus dem Dunkel auf ihn ein. Ein stetiges Knistern und Knacken. Irgendwo tropfte Wasser in einem langsamen und monotonen Rhythmus.

Adam versuchte, die Lampe wieder in Gang zu bringen. Dazu musste er die Waffe zurück in den Holster stecken, aber er zwang sich zur Ruhe. Wenn er die Lampe eine Weile ausgeschaltet ließ, erholte sich der Akku vielleicht ein wenig.

Adam begann, die Sekunden zu zählen. Dreißig mussten genügen, sagte er sich.

Zehn, elf, zwölf …

Er glaubte, in der Schwärze vor seinen Augen Bewegung auszumachen. Aber das war sicher nur Einbildung. Die Umgebung war absolut lichtlos.

Achtzehn, neunzehn …

Bei vierundzwanzig hielt Adam es nicht mehr aus. Er schob mit dem Daumen den Schalter nach vorn.

Ein trübes Glimmen, eher wie von einem Streichholz, zu mehr reichte die Energie des Akkus nicht.

Das Geräusch, dieses Schaben, war wieder da.

Irgendwo direkt vor ihm.

Er wechselte die Lampe in die linke Hand und zog seine ­Waffe.

»Polizei! Wer sind Sie?«

Der Lauf der Pistole zitterte in seiner Rechten, seine Stimme klang vor Furcht wie ein heiseres Krächzen. Egal wer oder was da direkt vor ihm lauerte, würde sich wenig beeindruckt fühlen.

Dass es sich womöglich um gar keinen Menschen handelte, erschreckte ihn mehr als alles andere.

Stille.

So allumfassend, dass sie in seinem Kopf dröhnte.

Adam spürte, wie erst die Handfläche und dann der Pistolen­griff darin glitschig vor Schweiß wurden.

Ein Schnaufen.

Ganz nah.

Rasselnd und feucht.

Jetzt war auch wieder der ekelhaft säuerliche Geruch da, den Adam schon beim Abstieg in den Untergrund bemerkt hatte. Nur viel intensiver.

»Ich kann Sie sehen«, log er in seiner Angst. »Ich trage ein Nachtsichtgerät. Wenn Sie sich nicht sofort zu erkennen geben, schieße ich.«

Adam hatte davon gehört, dass es so etwas wie Nachtsichtgeräte gab. Sie waren den Eliteeinheiten vorbehalten, nicht der einfachen Polizei.

Sein Gegenüber reagierte mit einem erneuten Schnaufen und kam noch näher. Dabei streifte es eine der gestapelten Kisten. Mit lautem Poltern fiel sie zu Boden.

Kein Mensch!, durchfuhr es Adam. Es muss irgendein Tier sein.

Der Gestank war nun unerträglich.

Sein Zeigerfinger krümmte sich um den Abzug seiner ­Pistole.

Das Ding bewegte sich nicht mehr. Da war nur ein leises, zischelndes Atmen.

Adam zuckte erschrocken zusammen, als er eine Berührung verspürte. Lauernd, tastend. An seinem rechten Bein. Er schrie auf, wich zurück, und gleichzeitig drückte er ab.

Der Schuss hallte von den Wänden der Kammer. Im Auf­blitzen des Mündungsfeuers konnte er die Umrisse seines ­Gegenübers ausmachen.

Ein länglicher, fast schlangenartiger Körper. Glühende ­Augen starrten Adam entgegen, der immer weiter rückwärts taumelte, ein Hindernis spürte – eine Kiste – und fiel.

Wie in Zeitlupe registrierte er, dass er in der Dunkelheit das Gleichgewicht verlor und ihm dabei die Pistole aus der Hand glitt.

Ich will nicht sterben, dachte er verzweifelt. Nicht hier unten!

Der Aufprall war hart. Ein kurzer, stechender Schmerz.

Und dann nichts mehr.

Kapitel 2

Quinton, der Medizinmann

Als Adam das erste Mal für wenige Minuten erwacht war, hatte er durch das Fenster auf einen düstergrauen Himmel blicken können. Er wusste nicht, wie viel Zeit seitdem vergangen war, aber jetzt tobte da draußen ein Sturm. Heftige Windböen rüttelten an den Scheiben.

Adam versuchte sich aufzurichten. Augenblicklich wurde ihm schwindlig, und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

Stöhnend ließ er sich ins Kissen zurücksinken.

Er war offensichtlich in einem Krankenhaus.

Der Himmel war jetzt nicht mehr grau, sondern glühte in einem dunklen Purpur. Immer wieder leuchteten darin grünliche und gelbe Wolkengebilde auf.

Ein bedrohlich anzusehendes Farbenspiel. Unterbrochen vom Gleißen der Blitze.

Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora befand sich das Wetter noch immer in ständigem Aufruhr.

Im Zimmer standen drei weitere, unbenutzte Betten. Das war sehr ungewöhnlich, denn normalerweise konnten die Kliniken die Versorgung der Kranken und Verletzten kaum noch bewältigen. Für die meisten gab es überhaupt keine Plätze. Sie lagen, nur mit den Notwendigsten versorgt, auf den Fluren und sogar in zugigen Lagerräumen.

Adam betastete vorsichtig den Verband an seinem Kopf und fragte sich, wie er hierhergekommen war.

Er erinnerte sich an das Labyrinth unterhalb von Gugulethu. Die Kammer mit den Kisten und Fässern. Und an das widerliche Etwas, das direkt vor ihm gelauert hatte. Adam glaubte, den säuerlichen Gestank noch immer riechen zu ­können.

Die Tür öffnete sich. Zwei Männer, die von ihrem Aussehen her nicht unterschiedlicher sein konnten, traten ins Zimmer.

Der eine musste nahezu zwei Meter groß sein, hatte ein schmales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und war asiatischer Abstammung. Der Mittelscheitel in seinem pechschwarzen Haar schien wie mit einem Lineal gezogen. Er trug einen makellosen weißen Anzug.

Der zweite Mann mochte kleiner als Adam sein. Sogar noch kleiner als sein bester Freund Delani. Und ebenso dunkelhäutig. Neben dem Asiaten wirkte er wie ein Zwerg. Die geringe Größe machte er aber durch seinen Leibesumfang wieder wett. Unter einem violetten Umhang, der Adam eher an ein Zelt erinnerte, wölbte sich der Bauch wie eine enorme Kugel. Kugelrund war auch der kahle Schädel des Mannes.

Während der Asiat mit ausdrucksloser Miene am Bettende Stellung bezog, trat der Schwarze direkt neben Adam.

Er grinste breit und entblößte dabei makellose Zähne.

»Hallo, Adam van Dyke«, dröhnte er mit einer Bassstimme, die irgendwo aus den Tiefen seines enormen Bauchs zu dringen schien. »Mein Name ist Quinton.« Er deutete mit den kurzen und fleischigen Fingern seiner rechten Hand auf den Riesen im weißen Anzug. »Und das ist Mister Miller.«

Adam warf »Mister Miller« einen skeptischen Blick zu und fand, dass der Name unpassend und erfunden klang. Obendrein sehr schlecht erfunden.

»Wir kommen im Auftrag des Innenministeriums und wollen …«, sagte Miller.

»Nun, zunächst einmal sind wir froh, dass es dir gut geht«, unterbrach ihn Quinton.

»Was ist mit Sergeant Lakota und Constable Frey?« Adam hatte seine Verwirrung über das plötzliche Auftauchen der beiden eigenartigen Männer beinahe überwunden. »Geht es dem Mädchen gut?«

Quinton zog sich den einzigen Stuhl im Zimmer heran und setzte sich mit einem erleichterten Ächzen. »Allen geht es gut. Lakota und Frey haben das Mädchen in den Gängen gefunden. Es hat sich dort versteckt gehalten. Sie waren gerade auf dem Rückweg zur Oberfläche, als sie deinen Schuss hörten.«

Quinton holte ein riesiges Taschentuch aus den Tiefen seines Umhangs und tupfte sich damit das Gesicht ab. Der Asiat beobachtete ihn mit wachsender Ungeduld.

»So haben sie dich dann gefunden«, fuhr Quinton fort. Unter ihm knarrte der Stuhl.

»Hier stellt sich nun die Frage, auf was du geschossen hast, Adam van Dyke«, mischte sich Miller ein. Die Worte drangen schnell und abgehackt aus seiner Kehle. Für Adam ähnelte es dem Bellen eines Hundes.

»Ich konnte es nur ganz kurz im Mündungsfeuer sehen«, erwiderte Adam. Er stockte. Die Erinnerung an die Geräusche, den Gestank und dieses … dieses Ding in der Dunkelheit ließ ihn erzittern.

»Ruhig, mein Junge.« Quinton legte sanft eine Hand auf Adams Schulter. »Hier bist du in Sicherheit. Lass dir Zeit.«

Augenblicklich ließ das Zittern nach. Adam entspannte sich. Er sah zu Quinton und entdeckte in dessen klugen ­Augen ehrliche Anteilnahme, Güte – und zu seiner Überraschung ­Humor.

Adam konnte nicht anders. Er lächelte den rundlichen Mann an. Quinton nickte kaum wahrnehmbar und zwinkerte Adam zu.

Es war für Adam ein eigentümlich angenehmer Moment der Vertrautheit. Als würde er den Mann schon seit Ewig­keiten kennen.

Miller hatte davon nichts mitbekommen. »Was ist in Gugulethu vorgefallen?«, bellte er.

Adam ließ Quinton nicht aus den Augen, als er zögernd antwortete: »Ein Tier. Es muss ein Tier gewesen sein.«

»Kannst du es vielleicht beschreiben?«, fragte Quinton.

»Nein.« Adam bereitete das angestrengte Nachdenken Kopfschmerzen. »Es war groß. Zumindest hat es sich so angehört.«

»Angehört?«, hakte Miller nach.

»Es atmete sehr laut. Es schnaufte eben wie ein großes Tier. Bei kleinen Tieren hört man das Atmen nicht. Oder haben Sie schon mal eine Maus laut atmen hören?«

Quinton kicherte. »Da hast du recht.«

»Es stank säuerlich. Ich konnte nur kurz einen dunklen, länglichen Körper erkennen.«

»Eine Schlange, ein Reptil?«, wollte Miller wissen.

»Keine Ahnung. Auf jeden Fall hat es mich berührt. Dann habe ich abgedrückt.«

Zum ersten Mal zeigte der Asiat eine Regung. Er war überrascht. »Der Angreifer hat dich also nur berührt und dir nichts getan?«

»Dazu hatte er auch gar keine Gelegenheit«, sagte Adam. »Auch wenn ihn die Kugel nicht getroffen hat, so hat sie ihn zumindest vertrieben.«

Miller und Quinton sahen sich kurz an. Adam konnte ihre Blicke nicht deuten.

»Habe ich getroffen?«, fragte Adam aufgeregt. »Haben Sie das Ding gefunden?«

»Nein«, sagte Quinton nur.

Miller beugte sich über das Gitter am Ende des Krankenbetts. »Du musst über die Vorgänge in Gugulethu und dieses Gespräch Stillschweigen bewahren. Das ist ein dienstlicher Befehl. Hast du das verstanden, Adam van Dyke?«

Adam nickte. »Ja, Sir.«

Quinton klopfte ihm noch einmal auf die Schulter. »In zwei Tagen bist du wieder ganz der Alte. Wir sehen uns.«

Als die Männer das Krankenzimmer verließen, sah Adam, dass ein uniformierter Polizist vor der Tür Wache hielt.

Eine Sturmböe ließ das Krankenhaus in seinen Fundamenten erbeben. Abermillionen Sandkörner schlugen gegen die Glasscheibe und erzeugten dabei ein unheimliches Knistern.

***

Quinton sollte recht behalten. Nach zwei Tagen konnte Adam entlassen werden.

Am Vormittag wurde er von seiner Tante Vanessa abgeholt, einer kleinen, beinahe zerbrechlich wirkenden Frau. Obwohl sie fast vierzig Jahre alt war, wirkte sie noch immer wie ein junges Mädchen. Ihr von langem blondem Haar umrahmtes Gesicht zeigte nicht eine einzige Falte, und ihre Augen strahlten wie Adams rechtes Auge in einem intensiven Grün. So hatten auch die Augen seiner Mutter ausgesehen.

Adam besaß keinerlei Erinnerung an sie. Er kannte seine Mutter nur von den Fotos, die ihm Tante Vanessa gezeigt hatte. Sie besaß ein Album mit Hunderten von Fotos, die sie allesamt selbst geknipst und sorgfältig nach Datum geordnet hatte. Manche hatte sie noch mit einer Bemerkung versehen. Da standen dann in ihrer geschwungenen Handschrift Kommentare wie Ein besonders schöner Tag am Strand oder Der Kuchen war mir leider misslungen.

Das letzte Foto von seiner Mutter war auf Weihnachten 2010 datiert. Sie hielt den damals neun Monate alten Adam auf ihrem Arm und lächelte. Adam hatte den Blick von der Kamera abgewandt und versuchte, eine der goldenen Christbaum­kugeln zu ergreifen, die hinter ihm am festlich geschmückten Weihnachtsbaum hingen.

Obwohl Adams Vater direkt neben ihnen stand, war von ihm nur ein Teil der Schulter und das linke Ohr zu sehen. Er war fast zehn Jahre älter als seine Frau gewesen. Das Foto hatte natürlich Tante Vanessa gemacht. Sie war schon immer eine ebenso begeisterte wie grauenhafte Fotografin gewesen. Die Hälfte ihrer Schnappschüsse war verwackelt, beim Rest fehlten häufig die Köpfe der Leute. Nur Fotos von Kuchen oder Blumen­sträußen gelangen ihr perfekt.

Zwei Wochen nach dieser letzten Aufnahme vom Weihnachtsfest kamen Adams Eltern bei einem Autounfall auf einer Küstenstraße ums Leben.

Von da an hatte sich Vanessa, die drei Jahre ältere Schwester seiner Mutter, um ihn gekümmert.

Sie war Adams ganze Familie. Die Großeltern waren bereits vor seiner Geburt gestorben. Tante Vanessa hatte aus Gründen, über die sie beharrlich schwieg, niemals geheiratet.

Jetzt stürmte sie ins Krankenzimmer, drückte Adam an ihre schmale Brust und strich ihm übers Haar.

»Was ist passiert?«, fragte sie. Er spürte ihren warmen Atem an seinem Ohr. »Sie wollten mich nicht zu dir lassen. Obwohl es nur ein kleiner Unfall gewesen sein soll.«

Tante Vanessa sah ihn an und hielt sein Gesicht mit beiden Händen fest. »Sag schon!«

Adam räusperte sich. »Ich … ich bin gestolpert. Bei einem Einsatz in Gugulethu.«

Er spürte, dass er ein wenig errötete. Nie zuvor hatte er seine Tante angelogen. Aber sie schien es nicht zu bemerken, schüttelte nur verständnislos den Kopf und wiederholte, was er schon so oft von ihr gehört hatte: »Du hättest niemals zur Polizei gehen dürfen. Du musst nicht so sein wie dein Vater.«

***

Sie bewohnten die obere Etage eines kleinen Zweifamilien­hauses. Von seinem Zimmer aus sah Adam die mächtigen Beton­pfeiler einer Brücke, die den Black River überquerte.

Er konnte sich noch daran erinnern, wie auf ihr früher die Blechlawinen der Autos und Lastwagen träge dahinkrochen. Stoßstange an Stoßstange. Der Gestank der Abgase war damals so intensiv gewesen, dass man im ganzen Haus die Fenster geschlossen halten musste.

Jetzt fuhren dort nur noch vereinzelte Militärtransporter oder die Fahrzeuge der wenigen Wichtigen und Wohlhabenden. Benzin und Diesel waren streng rationiert und fast ausschließlich der Regierung und dem Militär vorbehalten. Seit Jahren waren die Verbindungen zu den Erdöl fördernden Staaten unterbrochen – wie zu eigentlich allen Ländern. Lediglich die Nachbarn Simbabwe und Namibia wurden von den Luftschiffen angeflogen.

Eine Ausnahme bildete Brasilien. Das Land hatte die Auswirkungen des Vulkanausbruchs nahezu ohne größere Schäden überstanden. Die dortige Militärregierung beherrschte mittlerweile nach ihren eigenen Angaben fast ganz Südamerika. Ihre U-Boote waren schon mehrmals im Hafen von Kapstadt eingelaufen.

U-Boote galten als einzige sichere Möglichkeit, die Meere zu durchqueren. Wie in den höheren Luftschichten der Atmosphäre tobten auf dem Wasser verheerende Stürme. Gigantische Wellen tauchten aus dem Nichts auf und verschlangen in der Vergangenheit selbst die größten Schiffe.

Längst trauten sich die südafrikanischen Fischfangflotten nicht mehr aufs offene Meer, sondern hielten sich in Küstennähe. Angeblich gab es sogar monströse Kreaturen, die Boote in die Tiefe rissen, wenn sie zu weit hinausfuhren.

Adam hatte davon gehört, aber es war schwer, diese Dinge auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Doch nun war ihm selbst etwas sehr Seltsames widerfahren. Je länger er über die unheimliche Begegnung in der Unterwelt von Gugulethu nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt, dass es sich um kein bisher bekanntes Lebewesen handeln konnte.

Und er durfte mit niemandem darüber sprechen.

Adam versuchte sich abzulenken und schaltete das Radio ein.

Radioempfang war noch längst nicht wieder für alle Südafrikaner möglich. Wie das Telefon funktionierte das Radio ausschließlich über isolierte Kabel. Nur in den großen Städten wie Kapstadt oder Johannesburg machte deren Verlegung langsam Fortschritte.

Musik drang aus dem kleinen Lautsprecher. Das Lied war eine Mischung aus afrikanischen Rhythmen und Reggae. Eine Frauenstimme sang von der Zukunft.

»Alles, alles wird besser! Und schließlich gut!«, lautete der endlose Refrain.

Adam legte sich aufs Bett und starrte zur Decke. Dort hing das Modell eines Zeppelins mit der südafrikanischen Flagge am Bug. Es drehte sich langsam im Kreis.

Er nahm sein Lieblingsbuch aus dem Regal. Ein großer Atlas. Er stammte aus dem Jahr 2007 und hatte einst seinem Vater gehört. Adam konnte von diesen detaillierten Karten nie genug kriegen. Er folgte mit dem Finger den Flüssen und Küsten­linien. Die Namen der Länder und Städte hatte er sich genau eingeprägt. Kanada, Norwegen, Deutschland, China, Boston, Glasgow, Berlin, Moskau, Neu-Delhi …

Seit Jahren hatte man von dort nichts mehr gehört. Er fragte sich, ob es noch Leben an diesen Orten gab. Vielleicht würde irgendwann jemand nachsehen können. Manche Wissenschaftler vertraten die Meinung, das Weltklima würde sich wieder normalisieren. Aber wann?

Adam blätterte zu den letzten Seiten des Atlas. Dort gab es eine Reihe ganzseitiger Fotos von den Metropolen der Welt. Sie wurden alle im Sonnenschein fotografiert. Heute waren sie unter Eismassen begraben oder von Stürmen verwüstet.

»Alles, alles wird besser! Und schließlich gut!«, sang die Frau im Radio noch einmal, und der letzte Akkord des Liedes verklang.

***

Am nächsten Morgen musste Adam um halb acht zum Unterricht erscheinen.

Die praktische Polizeiarbeit wurde während der fünfzehnmonatigen Ausbildungszeit alle drei Wochen von einer Woche Schule unterbrochen.

Früher, so hatte Adam von Tante Vanessa erfahren, hatte es wesentlich länger als fünfzehn Monate gedauert, um ein Polizist zu werden. Und als Sechzehnjähriger durfte man die Ausbildung noch gar nicht beginnen. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Nichts benötigte das Land mehr als Leute, die versuchten, die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Schule war in einem alten Gebäude aus rotbraunen Ziegel­steinen untergebracht. An den verrosteten Ziffern über dem Eingangsportal ließ sich erkennen, dass die Schule vor über hundert Jahren erbaut worden war: 1922.

Adam schwitzte. Obwohl es noch früher Morgen war, fühlte sich die Luft feucht und stickig an. Dampfig nannten sie solche Tage in Kapstadt. Wenn es besonders schlimm wurde, war es, als würde man sich in einer Sauna bewegen.

Die Schule stand auf einer Anhöhe in einem nördlichen Außen­bezirk. Von hier oben konnte man weit sehen, es war wie im Ausguck eines Schiffs. Adam entdeckte eine dichte Dunstglocke über der Innenstadt. Nur die Spitzen der höheren Gebäude ragten aus ihrem Silbergrau hervor. Am Rand zerfaserte der Dunst zu einzelnen Nebelfetzen, die an die Fangarme eines Kraken erinnerten. Begierig darauf, auch den Rest der Stadt an sich zu ziehen.

»Hey, Adam!« Delani hockte auf den Treppenstufen des Eingangs. Adam und sein Freund trafen immer eine Viertelstunde zu früh ein. Es war für sie eine Zeit der Ruhe und des Austauschs. Bevor die anderen Schüler kamen und es kaum noch eine Gelegenheit gab, ungestört ein paar Worte zu wechseln. An manchen Morgen schwiegen Adam und Delani auch nur gemeinsam. Sie begrüßten sich und hingen den eigenen Gedanken nach, um dann, Minuten später, wenn einer von beiden wieder zu sprechen begann, festzustellen, dass sie über dieselben Dinge gegrübelt hatten.

Doch heute blickte Delani seinem Freund gespannt ent­gegen.

Adam setzte sich neben ihn. Delani hielt ihm eine zerknitterte Papiertüte hin. Ihr Inhalt bestand aus kandierten Pekannüssen.

»Von meiner Großmutter«, kommentierte Delani kauend.

Adam fischte aus Höflichkeit einen der Kerne heraus. Delani liebte alles Süße, und die Pekannüsse seiner Großmutter waren extrem süß und so klebrig, dass sie sich unerbittlich an den Zähnen festsetzten.

»Was war eigentlich los?«, begann Delani. »Ich war bei deiner Tante. Die sagte, du wärst im Krankenhaus. Da bin ich natürlich sofort hin. Die haben mich aber nicht zu dir gelassen. Von Sergeant Lakota konnte ich auch nichts Konkretes erfahren. Der faselte was von Dienstunfall.« Er beugte sich vor und musterte Adam eindringlich. »Du siehst eigentlich ganz gut aus. So schlimm kann es ja nicht gewesen sein.« Delani stopfte sich drei der großen Kerne auf einmal in den Mund und wartete auf Adams Antwort.

Adam zögerte. »Es war tatsächlich … ein Dienstunfall. Wir waren in einem unterirdischen Labyrinth in Gugulethu.«

Delani nickte eifrig. »Davon habe ich gehört. Die soll es mittlerweile in jedem Township geben.«

Adam erzählte die Ereignisse wahrheitsgemäß bis zu dem Zusammentreffen mit dem … Ding. Er wählte für sich bewusst keine andere Bezeichnung. Ding klang nichtssagend, fast ­bedeutungslos …

»Du bist über eine Kiste gestolpert, na toll.« Delani hörte sich enttäuscht an. »Das ist alles? Ich hatte schon etwas mehr erwartet.«

Adam versuchte, dem skeptischen Blick seines Freundes standzuhalten.

Er war erleichtert, als sich genau in diesem Moment die ersten Mitschüler näherten.

Shawi Bengu, mit der er im Luftschiff zusammengestoßen war, führte eine Gruppe junger Frauen an. Normalerweise übersah sie Adam. Bestenfalls hatte sie einen verächtlichen Seitenblick für ihn übrig. Adam wusste nicht, was der Grund für ihre Missachtung war. Vielleicht störte sie seine Hautfarbe.

Heute widmete sie Adam im Vorbeigehen jedoch mindestens zwei Sekunden ihrer Aufmerksamkeit. Zwei ihrer Begleiterinnen winkten ihm sogar zu. Nia, eine groß gewachsene Asiatin mit einem schwarzen Haarzopf, verlangsamte ihre Schritte und öffnete den Mund, als wollte sie Adam eine Frage stellen.

Shawi wandte sich zu Nia um und rief in einem scharfen Befehlston: »Kommst du?!«

Nia beeilte sich, ihre Gruppe einzuholen.

»Habe ich das geträumt?«, staunte Adam. »Shawi und ihre Truppe haben mich nicht ignoriert.«

Delani faltete die leere Tüte für den weiteren Gebrauch sorgfältig zusammen und verstaute sie in seinem Rucksack. Jeden Gegenstand, und sei es auch nur eine Papiertüte, versuchte man so lange wie nur eben möglich zu benutzen. »Ich habe allen davon erzählt, wie ich dich im Krankenhaus besuchen wollte.«

»Und? Was ist daran so besonders?«

»Vor deiner Tür stand ein Polizist und ließ niemanden ins Zimmer. Mit Gewehr! Ich dachte schon, du hättest etwas ganz Schlimmes ausgefressen.« Delani reckte sich und stand auf. »Kannst du dir das erklären? Ein schwer bewaffneter Wächter? Nur für Adam van Dyke?«

»Keine Ahnung.« Adam schüttelte den Kopf. »Lass uns reingehen. Der Unterricht fängt gleich an.«

***

Die Klasse bestand aus dreiundzwanzig Polizeischülern und neun Schülerinnen. Adam und Delani saßen gemeinsam an einem Pult in der vorletzten Reihe. In den ersten beiden Stunden stand Rechtskunde auf dem Lehrplan.

Dr. van Heerden, ein alter Mann mit einem schlohweißen Haarkranz, der seinen ansonsten kahlen Schädel wie Zuckerwatte umrahmte, versuchte vergeblich, eine Diskussion über die menschenwürdige Behandlung von potenziellen Straf­tätern während ihrer Vernehmung in Gang zu bringen.

Lediglich Yera, ein Muskelprotz aus der ersten Reihe, der, wie Adam vermutete, seine Freizeit ausschließlich mit dem Stemmen von Gewichten verbrachte, machte ungefragt den Mund auf.

»Wenn ich mal ein Verhör leite, wird es nur ein paar Minuten dauern.« Yera reckte seine mächtige Faust in die Höhe.

Der Lehrer stand unter dem Porträt des Präsidenten, der sich schon seit vielen Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Auf dem Foto sah er noch älter und ausgezehrter als van Heerden aus, fand Adam.

Dr. van Heerden stützte beide Arme auf Yeras Pult und wies den Schüler mit ein paar kurzen Worten zurecht.

Obwohl Adam nur Yeras rasierten Stiernacken sehen konnte, war er sich sicher, dass der darauf wie immer mit einem hämischen Grinsen reagierte. Yera suchte gern Streit. Nicht gerade die beste Voraussetzung, um ausgerechnet Polizist zu werden.

Adams Blick wanderte zu dem zweiten Porträt an der Wand. Es zeigte Innenministerin Masuku. Eine schlanke, asketische Frau. Ihre langen grauen Haare hatte sie zu einer traditionellen Frisur aus winzigen Zöpfen geflochten. Ein mildes Lächeln lag auf ihren Lippen. Es sah so aus, als würde sie Adams Blick erwidern.

Nach der ersten Stunde packte Dr. van Heerden zur Über­raschung der Klasse seine Unterlagen zusammen.

»Es gibt eine Änderung im Stundenplan«, verkündete er. »Ab heute werdet ihr in einem neuen …« Er zögerte und legte die Stirn in Falten. Dann räusperte er sich und fuhr fort: »Also, ihr bekommt ein zusätzliches Fach.« Er nahm die Brille ab, ließ sie in einer der zahllosen Taschen seiner Weste verschwinden und hatte es mit einem Mal sehr eilig, den Klassenraum zu verlassen.

Auf der Türschwelle stieß er mit einem kahlköpfigen Schwarzen zusammen. Oder besser, er prallte vom Kugelbauch des Mannes ab.

Adam stupste seinen Freund Delani an. Beinahe hätte er erzählt, dass ihn der Mann im Krankenhaus aufgesucht hatte. Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er darüber kein Wort verlieren durfte.

Auch heute trug Quinton einen Umhang von enormen Ausmaßen. Allerdings war er dieses Mal nicht violett, sondern dunkelblau.

Die Schüler verfolgten tuschelnd Quintons Weg bis zum Pult. Yera kicherte.

Quinton ließ sich schnaufend auf den Stuhl fallen und sah mit einem Grinsen in die Runde. Er musterte jeden Einzelnen. In seinem Mienenspiel gab es kein Anzeichen dafür, dass er Adam erkannte.

»Ich bin Quinton«, sagte mit seiner tiefen Stimme. »Wie ihr vielleicht wisst, existiert seit dem letzten Jahr an der Universität Kapstadt ein neues Studienfach. Weiß jemand darüber Bescheid?«