Beschreibung

Gegen ihren Willen wird die junge Adriana in ein unsterbliches Schleierwesen verwandelt. Jahrhundertelang streift sie durch eine Zwischenwelt aus Nebel und Kälte und kämpft gegen die dunkle Magie in sich, die seit ihrer Wandlung versucht, die Übermacht zu gewinnen. Halt in diesem Strudel des Bösen gibt ihr nur die Erinnerung an Nathan, in den sie sich vor dreihundert Jahren unsterblich verliebt hat. Doch als Adriana ihn entgegen alle Wahrscheinlichkeit wiedertrifft, hat sich alles verändert: Nathan ist ein Venator Noctis und sein Schicksal ist es, Schleierwesen zu töten …

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Beliebtheit


Adriana zwischen den Welten

Katharina Seck

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-893-0

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Leserinnen und Leser,

für die Verrückten unter euch, für die Kreativen,

für die Stillen, für die Introvertierten,

für die Nerds und für all jene,

die ein bisschen anders sind.

Ihr seid toll, und für euch ist diese Geschichte.

Inhalt

Playlist

Erster Teil

Prolog

1. Als ich noch eine andere war

2. Als ich Liebe fand – und sie wieder verlor

3. Als ich für das Grauen keinen Namen fand

4. Als ich mich im Kreis drehte

5. Als ich dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen

6. Als ich zu sterben beschloss

7. Als das Leben zerrann

Zweiter Teil

8. Als er überall Gefahr sah

9. Als er auf die Jagd ging

Dritter Teil

10. Als ich der Vergangenheit ins Gesicht blickte

11. Als ich Beute war

12. Als ich von Wahrheiten und Lügen erfuhr

13. Als ich kein Zuhause fand

14. Als Worte leiser waren als die Stille selbst

15. Als ich vollends in Panik geriet

16. Als ich unerwartet Freundschaft schloss

17. Was ich zu geben gewillt war

18. Als ich nach Mut suchte

19. Was du zu geben gewillt warst … vielleicht

20. Als ihr Ruf im Nebel erklang

Vierter Teil

21. Was der Nebel zu geben gewillt war

22. Als ich ausgestoßen wurde

23. Als wir ziellos waren

24. Als meine Träume rabenschwarz wurden

25. Als ich berührt wurde

26. Als wir Außenseiter waren

27. Als ich berührt wurde – II

28. Als die Vergangenheit von vorne begann

29. Als ich ihn zum Schweigen brachte

30. Als die Wunden wieder aufrissen

31. Du oder ich oder vielleicht wir beide

32. Als ich nichts war

33. Als der Wind uns forttrug

Danksagung

Über den Autor

Playlist

1. Freya Ridings – Ultraviolet

2. Luxuslärm – Vergessen zu vergessen

3. The Cinematic Orchestra – To build a home

4. London Grammar – Hey now (acoustic)

5. Daughter – Still

6. Quails – High hopes

7. Raye – Alien

8. Lana del Rey – Love

9. Julia & Angus Stone – Santa Monica dream

10. Lord of the Rings – OST

11. Florence and the Machine – Cosmic love

Erster Teil

Der Schritt in die Zwischenwelt.

Dich, Schleierwesen, dich erschuf ich aus dem Nichts und aus Licht und aus Unwissen. Was ein Geschenk war, nahmst du mit Gier, und so verfluche ich dich. Mag meine Macht nun längst vergessen und zu gering sein, um dich zu zerstören, so ist sie noch stark genug für dies: Ich trage dir Regeln auf, damit du der Menschheit fernbleibst.

Ich gebe dir deine eigene Welt, in der du gefangen bist, ein Abbild der meinen.

Verweile in deiner Welt. Zeige dich nicht den Menschen. Berühre sie nicht, sprich nicht mit ihnen.

Nähre dich von ihren Emotionen, ihren Ängsten, ihren Träumen, nicht aber von ihrem Leben.

Einen Menschen darfst du wandeln, aber nur, wenn dies sein Wunsch ist.

Doch hüte dich, Schleierwesen! Brichst du eine dieser Regeln, mögest du vom Feuer geschlagen werden und auf ewig im Nebel wandeln, gestaltlos, unsichtbar und verdammt!

Prolog

Ich bin Adriana.

Ich bin Adriana, und ich wandere durch den Nebel. Ich bin mehr Schatten als Mensch, und mir sind in den letzten dreihundert Jahren nur drei Dinge geblieben, an die ich mich klar und deutlich erinnern kann. Drei Dinge, nach denen ich greifen kann, ohne dass sie im Nebel verschwinden:

Meinen Tod.

Meinen Namen.

Und Nathan.

Nathan – wie könnte ich ihn nur vergessen? Wie könnte ich das einzig Schöne, das mir in meinem menschlichen Leben widerfahren ist, jemals zurücklassen?

Selbst jetzt, dreihundert Jahre nach meinem Tod, könnte ich jedes Detail seines Gesichts nachzeichnen. Ich höre den Bariton seiner tiefen Stimme und sehe den spöttischen Blick seiner eisblauen Augen. Ich erinnere mich an die Wellen seines kinnlangen schwarzen Haars, das seine hohen Wangenknochen umschmeichelte und die harten Konturen seines Gesichts weicher aussehen ließ. Und ich erinnere mich an dieses schiefe, reumütige, sanfte Lächeln, das ich so geliebt habe. Für eine so kurze Weile nur, aber es war genug, um für ein ganzes Leben und darüber hinaus im Gedächtnis zu bleiben.

Die Zeit mit Nathan, sie erscheint mir jetzt wie ein Traum. Ein Traum voller Unerreichbarkeit, Verlust und Trauer. Aus einer Zeit, in der ich noch eine unerfahrene junge Frau gewesen war und dachte, dass alles, worum sich die Welt dreht, schlichtweg die Liebe zwischen zwei Menschen sei.

Es vergeht kein Tag, an dem ich sie nicht dafür verabscheue, was sie mir angetan, was sie mir genommen hat. Sie und Ihresgleichen haben mir nicht nur meine Sterblichkeit geraubt, sondern auch meine Zukunft an der Seite des einzigen Mannes, den ich jemals wollte.

An alles andere jenseits dieser drei Dinge erinnere ich mich kaum noch. Die Bilder, die durch mein tückisches Gedächtnis kriechen, sind schemenhaft und beinahe so durchsichtig wie der dunstige Nebel, der mich von der wirklichen Welt trennt. Einzig die Enttäuschung, die ich in meinem menschlichen Leben verspürt hatte, ist noch gegenwärtig. Ich war ausgestoßen und verraten worden. Von ihr. Von meiner Familie. Und am Ende von Nathan selbst. Daten und Fakten habe ich vergessen, nur zerfetzte Szenen meiner Kindheit sind übrig geblieben.

Das ist nun ohne Belang. Die wirkliche Welt ist für uns hier nicht mehr von Bedeutung. Verbliebene Erinnerungen verblassen mit der Zeit, die hier so viel langsamer voranschreitet als in der lebendigen Hektik der Menschen. Manchmal ziehen Wochen, gar Monate an mir vorbei, ohne dass ich es bemerke. Hier existiert kein Zeitgefühl, keine Eile, kein Leben, kein Klang. Niemand spricht oder singt oder lacht. Unsere Welt ist still. Wir sind Einzelgänger und ziehen allein unserer Wege.

Die unumstößlichen Regeln verbieten es uns, mit den Menschen in Kontakt zu treten. Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen, sie nicht berühren, uns ihnen nicht zeigen.

Das tun nur jene, die sich mit aller Macht daran klammern, den Tod zu umgehen und durch die Zwischenwelt zu wandern, immer auf der Suche nach neuen, leichtsinnigen Menschen, die sich nach etwas sehnen, das sie selbst nicht begreifen können. Deren Leichtgläubigkeit sie ausnutzen, um ihnen so viel Lebenskraft wie möglich zu rauben. So viel, dass die Menschen nicht mehr leben können, doch auch nicht mehr sterben. So, wie es mir einst widerfahren ist.

Auf meine Weise bin ich noch ein Teil der Welt, und doch gleichzeitig so weit von ihr entfernt wie die Erde von der Sonne. Zwischen diesen beiden Welten, die parallel zueinander existieren und deren Schicksale sich doch so oft miteinander verweben, hängt ein hauchzarter Schleier aus grauem Nebel. Er lässt die wirkliche Welt wie durch ein verzerrtes Glas erscheinen. Wie in Trance erleben wir, was dort passiert, ohne eingreifen zu dürfen.

Das ist der Fluch, der auf uns lastet. Die unumstößlichen Regeln, die uns binden, auf dass wir den Lauf der Welt nicht verändern. Niemals.

Wir sind immer allein an einem Ort des Schweigens, an einem Ort voll grauer Kälte, die mich tagtäglich aufs Neue klamm erschauern lässt. Die meisten von uns haben schon vergessen, was es heißt, zu leben, zu fühlen oder zu lachen. Sie spuken durch verlassene Häuser oder vertreiben sich ihre Langeweile damit, kleine Kinder zu erschrecken, ihnen die grausamsten Albträume zu bereiten, bis sie halb wahnsinnig vor Furcht erwachen. Die meisten haben vergessen, was es hieß, einst menschlich gewesen zu sein. Sie sind nur noch Geister.

Schleierwesen.

Aber ich … Ich trage noch einen Funken Hoffnung in mir. Die stetige Erinnerung an Nathan erhält meine Seele am Leben, trotz der Wunden, die sie immer wieder hinterlässt.

Denn obwohl ich nicht in die wirkliche Welt gehöre, gehöre ich auch nicht hierher. Ich möchte nicht unsterblich sein. Ich möchte nicht vergessen, wie eine frische Blumenwiese duftet oder wie sich eine weiche Daunendecke unter den Fingerspitzen anfühlt. Ich möchte wieder leben, trotz des Wissens, dass die unumstößlichen Regeln es schier unmöglich machen. Wer sie bricht, erleidet Qualen, von denen sich niemand eine Vorstellung zu machen vermag. Ich habe es bislang nicht selbst erlebt, weil ich die Regeln nie gebrochen, weil ich nie einen Menschen berührt habe, doch ich habe sehr wohl die wispernden Warnungen vernommen. Der Schmerz muss unerträglich sein.

Aber was, wenn es sich lohnt? Was, wenn es sich lohnt, diesem Schmerz entgegenzutreten und dafür den blanken Rachegelüsten einer höheren, uralten Macht zu entkommen?

Vielleicht gäbe es nach dem Schmerz einen Weg zurück.

Zurück zu Nathan …

Kapitel 1

Als ich noch eine andere war

Meine Finger brannten von den präzise gesetzten Schlägen. Ich unterdrückte die Tränen, die in meinen Augen schimmerten, denn ich wusste, dass Schwäche ihn nur noch mehr erzürnen würde. Außerdem wollte ich ihm die Genugtuung nicht geben.

»Wann lernst du endlich, dieses Instrument richtig zu spielen? Du sollst dem Zuhörer ein sehnsüchtiges Seufzen entlocken und ihn nicht von dannen jagen«, herrschte er mich an.

Ich senkte den Blick auf meine geschundenen Hände. Natürlich erwartete Mr Huston keine Antwort auf seine Frage. Früher hätte ich gegen seine Unterrichtsmethoden aufbegehrt, aber seit ich auf leidvolle Weise erfahren musste, dass meine Eltern ihm ihre vollste Unterstützung zugesichert hatten, hatte ich mich von jeglichem Widerstand distanziert. Mr Huston, oder Wheezely, wie ich ihn insgeheim auf zugegebenermaßen respektlose Art nannte, war mein Lehrer für Musik und Sprachen. Dazu muss ich ergänzen, dass er zeitlebens an einer seltenen Lungenkrankheit litt, die ihn angestrengt nach Luft japsen ließ. Er erinnerte ein wenig an ein Schwein, das aufgeregt versucht, dem Beil seines Metzgers zu entgehen.

Außer Musik prügelte Wheezely auch alle Sprachen in mich hinein, derer er mächtig war. Als ich vierzehn war, konnte ich neben meiner Muttersprache fließend Französisch sprechen, kurze Zeit später Italienisch. Ich war in der Lage, einfache Konversationen in Spanisch und Russisch zu führen und konnte viele vor Jahrhunderten überlieferte Texte von römischen und griechischen Dichtern übersetzen. Sogar Wheezely hatte nach vielen Jahren widerstrebend zugegeben, dass ich »den wankelmütigen und kaum merklichen Ansatz einer Begabung für Sprachen« besaß.

So spärlich er mit seinem Lob war, so großzügig war er mit Bestrafungen. Ich war nie ein künstlerisch begabtes Mädchen, dazu fehlte mir schlichtweg die nötige Fertigkeit. Mit Grauen ertrug ich die Musikstunden. Mein Vater war sehr verärgert darüber, wie ungeschickt ich mich anstellte. Er hielt mir ellenlange Vorträge, welche Vorzüge eine Frau seiner Meinung nach besitzen musste, wenn sie einmal einen wohlhabenden Mann ehelichen wollte. Nicht dass das mein Ziel war, aber das musste mein Vater nicht wissen. Zu jener Zeit war es so, dass die Eltern am besten wussten, was für ihre Kinder gut war, ganz gleich, was diese davon hielten. Eine Frau war dafür da, verheiratet zu werden und den Haushalt des Mannes zu führen, ihm Kinder zu gebären und auch sonst sein Schatten in allem, was er tat, zu sein.

Deswegen saß ich nun wieder an diesem Flügel, übte stundenlang und hörte mir das Gezeter und Gejapse meines Lehrers an, während ich mich fragte, ob das alles war, was ich vom Leben zu erwarten hatte. Meine langen Finger glitten über die kalten Klaviertasten, zitternd in der Erwartung der nächsten pochenden Hiebe.

Ich hatte in diesem Frühling das achtzehnte Lebensjahr vollendet und innerlich fühlte ich mich bereits doppelt so alt. Die langen Stunden, die ich gezwungenermaßen mit Wheezely verbrachte, machten mich mürbe und ließen mich oft schon zu früher Stunde erschöpft ins Bett fallen. Ich glaube, sein Lehrstil war auch einer der Gründe, warum ich ein kränkliches Kind war. Egal, wie viel ich an der frischen Luft war, ich war immer blass und mit einer ungesunden Hautfarbe geschlagen. Zudem war ich anfällig für Krankheiten und lag oft mit hohem Fieber im Bett. Doch manchmal, wenn ich noch ausreichend Kraft und Zeit neben dem Lernen hatte, steckte ich meine Nase in Bücher, die ich aus der riesigen Bibliothek meines Vaters stibitzte. Ich erlebte Abenteuer mit Aeneas und Odysseus, weinte mit Romeo und Julia und fieberte mit Macbeth. Immer wenn Wheezely für ein paar Wochen zur Kur in ein Heilbad fuhr und ich mit unserer Haushälterin allein im Anwesen zurückblieb, beschäftigte ich mich mit dem Studium von philosophischen Schriften. Manche von ihnen schenkten mir die Hoffnung, eines Tages aus meinem engen Leben, das nur von anderen bestimmt wurde, ausbrechen zu können. Doch ich machte mir keine Illusionen. Zu jenem Zeitpunkt war mein einziges Bestreben, meinen Eltern eine gute und würdige Tochter zu sein, auch wenn ich jeden Tag an ihren missbilligenden Mienen ablesen konnte, dass ich dabei auf ganzer Linie versagte.

Mein Geburtsdatum habe ich heute vergessen. Ich glaube, ich wurde im frühen 18. Jahrhundert geboren, auch wenn ich für diese Vermutung keinen Beleg besitze. Meine Eltern waren schon vor meiner Geburt wohlhabend und konnten sich ein prächtiges Anwesen am Rande von Dover leisten, damit mein Vater Thomas es nicht weit zum nächsten Hafen hatte. Als Kaufmann war er den Großteil des Jahres nicht zu Hause, sondern segelte auf Schiffen quer über die ganze Erdkugel. Unsere Familie war von den schlimmen Auswirkungen des Bürgerkrieges verschont geblieben und hatte wundersamerweise nichts von ihrem angesammelten Reichtum eingebüßt. Geschwister hatte ich keine, jedenfalls keine legitimen. Meine Geburt war sehr schwer für meine Mutter gewesen, sie hatte lange, unzählige Stunden in den Wehen gelegen und wäre beinahe verblutet. Seitdem war sie unfruchtbar, und jede Chance auf einen männlichen Nachkommen, der einmal in die Fußstapfen meines Vaters treten konnte, war unwiederbringlich dahin. Für diesen Umstand muss sie mich gehasst haben. Das war die einzige Erklärung dafür, dass sie mir jeden Tag mit so viel kühler Verachtung begegnete und meine Erziehung anderen überließ: Ammen, Lehrern und Gesellschafterinnen. Sie hatte nie ein gutes Wort für mich, einzig im Schelten war sie unübertrefflich. Allein aus der verzweifelten Hoffnung heraus, ihre Liebe doch noch für mich gewinnen zu können, ließ ich die Jahre des Zwangs und der Schikanen über mich ergehen. Ich wollte geliebt werden, ich wollte ihr ein Lächeln auf die Lippen zaubern, wollte Zuneigung in ihren strengen Augen erkennen. Vielleicht wäre es mir sogar irgendwann mit viel Fleiß und Disziplin gelungen, hätte sie mir keinen Strich durch die Rechnung gemacht.

Als sie mich das erste Mal berührte, habe ich es nicht bewusst gemerkt. Mein Instinkt warnte mich, aber ich war noch jung, zu jung, um auf ihn zu hören. An diesem Tag war es Wheezely zu seinem eigenen Verdruss – natürlich nur aus Verärgerung über mein unkonzentriertes Verhalten – gelungen, mir einen so heftigen Schlag zu versetzen, dass meine Finger anschwollen und ich sie nur unter Schmerzen bewegen konnte. Unser Leibarzt verordnete mir Ruhe und befahl mir, meine Hände zu schonen. Ich hatte ein paar Tage Zeit für mich und kostete das laue Sommerwetter aus, indem ich mich mit einem Roman aus der Bibliothek an unseren Gartenteich setzte.

Später dachte ich oft, dass ich an diesem Tag den seltsamen Hauch, der mich streifte, nicht zum ersten Mal gespürt hatte. Für einen Sekundenbruchteil war es, als hätte ich ein Déjà-vu. Ich musste ihre Anwesenheit schon lange vorher bemerkt haben. Unterbewusst vielleicht, weil sie am Anfang nur federleicht gewesen war. Ein vorsichtiges Heranpirschen an die Beute. Ein Gefühl des Unwohlseins, das mich sowieso ständig begleitete.

Die Berührung war ein merkwürdiges Gefühl, für das ich keine passenden Worte fand. Ich saß in der Sonne, mit zurückgelegtem Kopf, damit ihre leuchtenden Strahlen mein Gesicht wärmen konnten. Und im gleichen Augenblick, in dem ich die Hitze genoss, die sich wohlig in meinem ganzen Körper ausbreitete, wehte plötzlich ein so kalter, so dunkler leiser Windhauch über meine Haut, dass ich zusammenzuckte und mich suchend nach seiner Quelle umblickte. Ich fand nichts als bunte Blüten, grüne Wiesen und reinen Sonnenschein. Nicht einmal eine zerfetzte Wolke, die den Himmel trübte. Und doch war ich mir sicher, in der Luft eine namenlose Bedrohung greifen zu können.

Etwas Böses ist in der Nähe, schoss es mir kurz durch den Kopf, ehe ich den Gedanken wieder verwarf. Das klang doch albern. Es war ein strahlender Sommertag, und ich hatte mir diese Kälte nur eingebildet.

Daher dachte ich nicht weiter darüber nach, lehnte mich nach den ersten Schrecksekunden im weichen Gras zurück und verbrachte den Tag auf die Weise, die mir die liebste war.

Als die Schwellungen abgeklungen waren, kehrte Wheezely in unser Anwesen zurück. Die Quälerei begann von Neuem und, wie mir schien, mit gestählter Härte.

Das Jahr neigte sich dem Ende zu, der flockige Schnee setzte kurz vor Weihnachten ein und bedeckte das Land unter einer weißen Schicht. Die Tage wurden kürzer, die Dunkelheit brach so früh ein, dass ich keine Gelegenheit mehr hatte, das Haus nach dem Unterricht zu verlassen. Diese mystische, geheimnisvolle Jahreszeit, die ich als Kind so geliebt hatte, war jetzt die schlimmste. Ich war gefangen zwischen den endlosen Litaneien meines Lehrers und den Vorwürfen meines Vaters, dessen Anforderungen ich einfach nicht gerecht werden konnte. Ich ersehnte mir einen geheimen Weg in die Freiheit, den ich irgendwo unter einer verborgenen Geheimtür finden wollte.

Hätte ich damals gewusst, was mir noch blühte, wäre ich bescheidener gewesen, vor allem aber klüger, und hätte damit begonnen, mich mit ganzem Herzen in Demut zu üben. Ich wäre zufrieden mit dem Leben gewesen, das mich damals so unglücklich machte. So aber wurde ich mit Voranschreiten der Zeit nur stiller und zurückgezogener. Ich mied die Gesellschaft unserer Bediensteten, obwohl sie die einzigen Menschen waren, die mir Respekt zollten und mir gelegentlich ein nettes Wort schenkten. Meine Eltern bekam ich ohnehin immer seltener zu Gesicht, da mein Vater häufig auf Reisen war und meine Mutter es sich nicht mehr nehmen ließ, ihn in ferne Länder zu begleiten. Vielleicht wollte sie ihn auch nur daran hindern, dass er auf fremden Kontinenten Bastarde mit anderen Frauen zeugte.

An dem Tag, an dem sie freudestrahlend aus London zurückkehrten und mir mitteilten, dass sie einen passenden Ehemann für mich gefunden hätten – zu diesem Zeitpunkt war ich gerade neunzehn Jahre alt geworden –, neigte sich auch Wheezelys Aufenthalt seinem Ende zu. Er hätte mir alles beigebracht, was er wusste, und wenn ich aufgrund meiner grenzenlosen Unfähigkeit nicht alles bis hin zur Perfektion erlernt hätte, wäre das nicht seine Schuld – das ließ er mich wissen, ehe er ohne einen Abschiedsgruß aus meinem Leben verschwand. Nicht dass ich ihm nachgetrauert hätte, aber auf eine seltsame Weise spürte ich, dass auch Gewohnheit zwei Menschen verbinden konnte.

Meine Hochzeit sollte in wenigen Wochen stattfinden. Es herrschte großer Trubel, dem ich so gut wie möglich aus dem Weg ging. Einladungen wurden geschrieben und in alle Welt verschickt. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nie bekannt gewesen, dass meine Familienbande und die geschäftlichen Kontakte meines Vaters sich über die halbe Erdkugel erstreckten. Jeden Tag strömten Antworten ein und meistens waren es zu meinem Leidwesen die Zusagen mir völlig fremder Menschen.

Die Hochzeit war in Dover als ein großes gesellschaftliches Ereignis geplant. Mein Verlobter war der Sohn irgendeines einflussreichen Mannes, der sich wie mein Vater als Kaufmann auf einen Handel mit den Ureinwohnern von Englands Kolonien eingelassen hatte. Daraus hatte er Profit geschlagen, der andere vor Neid erblassen ließ. So machte meine Mutter es sich zur Aufgabe, bis zur Hochzeit eine annehmbar hübsche Frau aus mir zu machen. Mit Hilfe eines weißen Puders verwandelte sie meine ungesund bleiche Haut in eine aristokratische, vornehme Blässe. Meine stichroten Haare, die mir bis zur Hüfte reichten, formte sie mit einem Brenneisen zu Locken. Und zu guter Letzt umrundete sie meine grauen Augen mit einem schwarzen Kohlestift, was mich älter wirken ließ.

Diese Veränderungen gefielen mir überhaupt nicht, ebenso wenig wie der ganze Aufwand, der um diese Heirat gemacht wurde. Ich wollte nicht heiraten, schon gar nicht einen Mann, den ich noch nie in meinem Leben zu Gesicht bekommen hatte und der vermutlich ein arroganter Jüngling vom Schlage meines Vaters war. Aber mein Wille war unwichtig. Ich, als fügsame Tochter, hatte stillschweigend Gehorsam zu leisten.

Wieder einmal störte sich niemand daran, dass ich todunglücklich war. Ich sprach kaum mehr ein Wort, aß und trank nur das Nötigste. Diejenigen, die meinen Zustand erkannten, sahen weg, wie man es zur damaligen Zeit eben tat, wenn etwas nicht seinen gewohnten Lauf nahm.

Doch so ungenau ich von diesen Jahren meiner Jugend erzählen kann, so genau erinnere ich mich an meinen Verlobungsball. An diesem Tag sollte ich meinem zukünftigen Ehemann zum ersten Mal begegnen. Ich erinnere mich an die Angst, die meinen Körper immer wieder unkontrolliert erbeben ließ. Ich erinnere mich an die vielen Fluchtpläne, die ich mir ausgedacht hatte, die auszuführen ich aber niemals mutig genug gewesen wäre. Ich erinnere mich an die langatmige Prozedur, bei der meine Zofe mich in ein viel zu elegantes Kleid mit einem viel zu engen Mieder steckte. Ich erinnere mich sogar noch an den blumigen Duft nach Veilchen und Zimt, den das Öl auf meiner Haut verströmte.

Und am allerstärksten erinnere ich mich an jenen bedeutenden Augenblick, in dem wir uns gegenüberstanden und einander vorgestellt wurden; in dem ich diesem dunkel gekleideten, geheimnisvollen Mann in die eisblauen Augen sah, die einem bis in den Grund der Seele blicken konnten.

Ich hörte nicht, was meine Mutter neben mir aufgeregt plapperte, denn plötzlich gab es für mich in diesem überfüllten Ballsaal nur noch einen Menschen: Nathan, der meine Hand ergriff und mich mit einem kaum merklichen, beinahe schon entschuldigenden Lächeln zum Tanz aufforderte. Ihm schien all das Aufheben genauso unangenehm zu sein wie mir, und vielleicht war das der Grund, warum meine Abwehr gegen ihn sofort bröckelte.

All meine Bedenken, all mein Kummer, alles, was sich in mir aufgestaut hatte, war wie weggewischt, als ich ihm wie im Traum auf die Tanzfläche folgte. Während er mich davonzog, trat ich auf den Saum meines unhandlichen Kleids und wäre ins Straucheln geraten, hätte er nicht geistesgegenwärtig seinen Arm ausgestreckt und mich sicher aufgefangen. Ich lief rot an und stammelte eine halbherzige Entschuldigung, die er mit einer wegwerfenden Geste und einem schiefen Lächeln annahm. Und dieses Lächeln war es, das ein ungeahntes, alles niederbrennendes Feuer in mir entfachte. Nathan zog mich an sich, gerade so eng, wie es der Anstand erlaubte, und beugte seinen Kopf zu mir herunter.

»Ich hoffe, ich habe Euch auf den ersten Blick nun nicht enttäuscht. Dann wäre ich mit unserem Kennenlernen zufrieden«, sagte er so leise, dass niemand sonst es hören konnte.

»Wieso solltet Ihr mich enttäuscht haben?«, entgegnete ich zurückhaltend. Ich war nicht in der Lage, einen einzigen mütterlichen Vorschlag, was gesellschaftliche Konversation anging, aufzugreifen.

»Eure Miene scheint mir schockiert. Manche Damen Eures Standes wehren sich heutzutage dagegen, ohne die Berücksichtigung der eigenen Wünsche verheiratet zu werden.«

»Ich fürchte, ich kann mich nicht mit anderen Damen meines Standes vergleichen, Sir.« Und damit sprach ich aus vollstem Herzen. »Und das möchte ich auch gar nicht.«

Zu meinen herausragenden Eigenschaften zählten weder Schönheit noch Gewandtheit oder gar ein gewisses Maß an weiblichem Charme. Diese Tatsache wurde mir von meiner Familie jeden Tag aufs Neue vor Augen geführt. Deshalb konnte ich es auch nicht begreifen, dass dieser charismatische Mann nicht schon längst die Flucht ergriffen hatte. Sein Pflichtbewusstsein gegenüber seiner Familie musste noch größer sein als meins.

Trotzdem spürte ich einen Stich. Ich wollte keinen Mann, der mich aus reiner Loyalität ehelichte. Ich wollte das, was sich jede Frau tief in ihrem Inneren erhoffte: geliebt werden. Nicht mehr, nicht weniger.

»Und warum möchtet Ihr das nicht?«, erkundigte sich Nathan und half mir behutsam durch eine komplizierte Drehung. Tanzen zählte übrigens auch nicht zu meinen Talenten.

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Ich möchte nicht Eure kostbare Zeit damit vergeuden, darauf einzugehen«, murmelte ich und starrte meine Schuhspitzen an, die unter meinem Kleid hervorlugten.

»Wir haben den ganzen Abend und die nächsten Tage Zeit, uns kennenzulernen. Warum sollten wir nicht jetzt damit beginnen?«, fragte er schlicht und legte seine Finger hauchzart unter mein Kinn, um es anzuheben.

»Weil ich Euch nicht langweilen möchte. Das wäre nicht im Interesse meiner Familie.«

Nathan zog eine Augenbraue hoch, und ich bemerkte in diesem Moment, wie weit wir von den anderen Tanzpaaren abgekommen waren. Niemand beachtete uns, wenn man von meiner Mutter absah, deren aufdringliche Blicke in meinen Rücken stachen.

»Findet Ihr es nicht etwas überheblich, in meinem Namen Entscheidungen treffen?«

Ich blinzelte erschrocken, unfähig, etwas zu entgegnen.

»Glaubt mir, ich bin durchaus alt genug, mir selbst ein Urteil zu bilden, ob mich etwas langweilt oder nicht.«

»Verzeiht mir, Sir«, flüsterte ich errötend, ehe er leise lachte.

»Ihr führt mich in Versuchung, Scherze mit Euch zu treiben, also müsst Ihr mir verzeihen. Nennt mich bitte Nathan.«

Er hob meine Hand und hauchte einen höflichen Kuss auf meine in seidene Handschuhe verhüllten Fingerknöchel. Der Tanz war vorüber.

Nathan blickte mir verstörend lange in die Augen, ehe ein erneutes Lächeln sein auf den ersten Eindruck unnahbares Gesicht erhellte. »Schert Euch nicht um das Interesse Eurer Familie, Adriana. Zu mir könnt Ihr offen sein. Das verlange ich sogar, denn ich möchte jeden Teil Eures Wesens kennenlernen. Nicht nur die Maske, die Ihr tragt … Die wir, wenn wir ehrlich sind, doch alle tragen.«

Als die Mehrheit der Gäste den festlich geschmückten Saal verlassen hatte und das bestellte Orchester auf dem Podium zu seinen letzten Klängen ansetzte, benötigte ich endlich eine Atempause. Meine Füße waren bleiern schwer vom ausschweifenden Tanzen und meine Wangen vor Hitze gerötet. Ich schob die Tür zum angrenzenden Balkon auf und trat hinaus ins Freie. Die Nacht war kühl und frisch, und ich atmete die klare Luft dankbar ein, während ich mich auf das Geländer stützte und den friedlichen Ausblick über den dekadent angelegten Garten genoss. Ich hatte nie an dieses seltsame Phänomen der Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Natürlich wünscht sich jede Frau insgeheim, sich zu irren. Aber ich hatte in meinem Leben nie viel Liebe oder Zuneigung erfahren, und ich machte mir keine Illusionen. Sollte ich nun also Glück haben? Sollte ich ein einziges Mal in meinem Leben etwas Gutes geschenkt bekommen?

Ich konnte noch nicht recht daran glauben. Das Glück hatte die trotzige Angewohnheit, vor mir davonzulaufen. Wie konnte so jemand wie er jemals etwas so Bruchstückhaftes wie mich lieben? Auf mich wirkte er irgendwie vollkommen. So vollkommen, dass es mich schmerzte und ich mich kaum wagte, ihn anzusehen.

Dennoch war da etwas zwischen uns. Eine seltsame Vertrautheit, die ich nicht erklären konnte. Ich konnte mich nicht erklären. Vielleicht bildete ich mir diese eigenartige Anziehungskraft nur ein, und dieser Ruck, der bei seinem Anblick durch meinen Körper gefahren war, war nichts weiter als die naive Verliebtheit einer jungen Frau.

So in grüblerischen Gedanken versunken, bemerkte ich nicht, wie jemand lautlos hinter mich getreten war. Als ich mich umdrehte, stand Nathan so dicht vor mir, dass es mir den Atem verschlug. Alle logischen Erklärungsversuche lösten sich in Wohlgefallen auf.

Er neigte den Kopf. Seine Augen strahlten selbst in der Dunkelheit so intensiv, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte, in ihnen zu versinken.

Mühsam kratzte ich die Reste meines Verstandes zusammen. »Hattet Ihr … Hattet Ihr einen angenehmen Abend?«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem schwer zu deutenden Lächeln. »Der Zwischenpart ohne Euch hat mir nicht so gut gefallen wie der Anfang, als wir miteinander getanzt haben, muss ich gestehen. Ich hoffe, das Ende wird es aufwiegen.«

»Dabei möchte man meinen, dass die meisten nur um des Dinners willen zu solchen Festen kommen«, murmelte ich, worauf Nathan schallend lachte.

»Da habt Ihr nicht ganz unrecht. Möchtet Ihr mir nun erklären, warum Ihr Euch nicht mit anderen Frauen vergleichen mögt?«, schlug er vor und lehnte sich neben mich ans Geländer, die Arme vor der Brust verschränkt.

Wollte er wirklich die Auflistung von Gründen, warum er mich nicht heiraten sollte, von mir selbst hören? Ich seufzte innerlich. In solch eine Lage konnte auch nur ich mich bringen.

»Ich bin sicher nicht die perfekte Ehefrau, die Ihr erwartet, Nathan. Die wollte ich auch eigentlich nie sein. Ich möchte nicht, dass Ihr etwas eingeht, was Ihr mit Sicherheit schon bald bereuen werdet.«

Selbst schockiert über meine schonungslose Ehrlichkeit, warf ich Nathan einen zögerlichen Seitenblick zu. Er sagte nichts, sondern beobachtete die satten Bäume, die sich sanft im Spiel des Windes wiegten.

»Warum habt Ihr solch ein verzerrtes Bild Eurer selbst?«, fragte er unvermittelt.

»Verzerrt?«, wiederholte ich leise. »Was wollt Ihr damit sagen?«

Nathan stieß sich heftig von der Brüstung ab, die unter seinem Griff erzitterte und vernehmlich knackte. Ich fragte mich für einen flüchtigen Moment, woher er diese ungeheure Kraft nahm. Aber jeder Gedanke verschwand aus meinem Bewusstsein, als er mein Gesicht in seine warmen Hände nahm.

»Es kommt nicht darauf an, was wir uns wünschen oder was wir erwarten. Vielmehr kommt es darauf an, was wir hier …« Seine rechte Hand wanderte endlos langsam von meinem Kinn über meinen Hals hinab zu der Stelle über meinem schnell pochenden Herzen und blieb schwer dort liegen. »… empfinden. Und ich fühle eine unerklärliche Verbindung zu dir.«

Mit seinem Blick nahm er meinen gefangen, hypnotisierte mich, bis ich reglos in seinen Armen lag und sein Muskelspiel unter meinen Fingerspitzen spüren konnte.

»Also bitte, wünsche dir nicht, anders oder besser zu sein, denn anders will ich dich nicht.«

Als seine Lippen dunkel und voller Verheißung auf meine trafen, fühlte ich alles. Da war Vertrauen. Da war Traurigkeit. Da war Verzweiflung. Da war Unerschütterlichkeit.

Da war Hoffnung.

Kapitel 2

Als ich Liebe fand – und sie wieder verlor

Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne, die durch mein Fenster schien und meine Nase kitzelte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich ausgeruht. Nicht nur ausgeschlafen, sondern wirklich lebendig. Während die Zofe mich für den Tag herrichtete, bemerkte ich, dass mir ein anderes Spiegelbild als sonst entgegenblickte. Die Wangen der Frau im Glas waren mit rosigem Schimmer bedeckt und ihre grauen Augen erinnerten mich an ebendie Frau, die zu sein ich immer geträumt hatte. Voller pulsierendem Leben, voller Freiheit und Tatendrang. Vor allem aber voller Zuversicht. Es war, als hätte meine Seele nur einen Stoß in die richtige Richtung benötigt, um sich entfalten zu können. Endlich war ich so weit, dass ich der Zeit, die vor mir lag, mit Freude, Magenkribbeln und erhobenem Haupt entgegensehen wollte.

Nach dem Frühstück unternahm ich einen ausgedehnten Spaziergang im Garten, ein Buch unter den Arm geklemmt, mit dem ich mir ein schattiges Plätzchen suchen wollte, denn die Mittagshitze begann sich bereits über das Land zu legen. Für den frühen Abend hatten meine Eltern für Nathan ein kleines Bankett im privaten Rahmen anberaumt. Ich konnte es kaum erwarten, ihn bei dieser Gelegenheit wiederzusehen, auch wenn wir unter strenger Aufsicht stehen würden. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mehr über ihn herauszufinden. Was er mochte, welche Bücher er las, welche Musik er bevorzugte … Da waren so viele Fragen, die auf meiner Zunge brannten, dass ich gar nicht wusste, mit welcher ich beginnen sollte, sobald sich die Gelegenheit bot. Ja, ein Teil von mir, ein viel größerer, als ich mir eingestehen wollte, war Nathan zu jenem Zeitpunkt längst verfallen.

Unter den weitläufigen Ästen des Baumes, zu dem ich mich schon von Kindesbeinen an geflüchtet hatte, streckte ich mich aus. Das Buch landete ungelesen in den Grashalmen, die sich im trockenen Sommerwind bogen. Ich verschränkte die Hände hinter meinem Kopf und genoss die herrliche Stille, die nur von Vogelgezwitscher und dem fernen Trappeln von Pferdehufen durchbrochen wurde.

»Ich hoffe, ich störe nicht, Adriana.«

Ich riss die Augen auf, als die tiefe, melodische Stimme mir durch Mark und Bein fuhr. Sie war mir schon jetzt so verstörend vertraut, dass ich mich erst sammeln musste und mir hastig über den langen Haarschopf strich, darum betend, dass sich kein Gras darin verfangen hatte. Im Stillen wunderte es mich, dass es ihm gelungen war, sich klammheimlich anzuschleichen, ohne dass ich es bemerkt hatte, denn mein Gehör hätte Schritte und knackende Grashalme normalerweise problemlos enttarnt.

»Nein, tust du nicht«, entschlüpfte es mir, ehe sich auch nur ein einziges Rädchen in meinem Kopf in Bewegung gesetzt hatte. Sofort verwandelte sich mein Gesicht in das Abbild eines reifen Apfels. Der perfekte Beginn einer geistreichen Konversation.

Ein sanftes Lächeln umspielte seine Züge und machte sie zugänglicher. Ich handelte fast schon wie ein Kind, so bereitwillig strömte mein Vertrauen zu ihm aus mir heraus. Ich hätte es nicht aufhalten können, selbst wenn ich noch gewollt hätte. Ich fühlte mich in einen Strom mitgerissen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Ich erwiderte sein Lächeln instinktiv und kam zur Ruhe. Seine Anwesenheit war verstörend, aufregend und dennoch brachte sie mich dazu, zu mir selbst zu finden.

»Bist du hier aufgewachsen?«, fragte er und betrachtete mich, als wäre meine Antwort auf diese banale Frage das Interessanteste, was Dover zu bieten hatte.

Ich nickte. »Ja. Manchmal bin ich mit meinen Eltern in andere Teile des Landes gereist, wenn es das Geschäft erforderte, aber irgendwann habe ich sie nicht mehr begleitet.«

Auch er nickte, sein Blick schweifte für einen Augenblick an mir vorbei und verlor sich. Ein überraschend kühler Windstoß bauschte mein Kleid auf und fuhr mir drängend unter den Stoff. Irritiert hob ich den Kopf, während die Brise, die so gar nicht zu dem heißen Wetter passen wollte, wieder abflaute.

»Bist du glücklich hier?«, fragte er weiter. Beinahe widerstrebend sah er mir ins Gesicht. In seinen Augen las ich eine plötzliche Vorsicht, die eben noch nicht da gewesen war. Oder war ich nach all den Jahren mit Wheezely schlichtweg zu misstrauisch geworden und interpretierte Gesten falsch, weil ich nicht mehr gesellschaftstauglich war?

Da ich ihn nicht anlügen, mich aber gleichzeitig um die Wahrheit herummogeln wollte, wich ich aus. »Wer ist das schon? Glücklich? Ich fürchte, es gibt nur eine Handvoll Menschen, die das von sich behaupten können.«

Seine Augen blitzten auf und erinnerten mich an das ewige Eis, von dem mein Vater früher manchmal erzählt hatte, als ich noch zu klein war, ihn zu enttäuschen. Das ewige, schlafende Eis. Eine gefährliche, tückische Schönheit.

»Ist es nicht eher so, dass viele ihr Glück gar nicht erkennen? Man zieht durch das Leben, streift durch die Jahre, höher, weiter. Ohne Grenze nach oben. Ohne zu begreifen, dass man das Glück vielleicht schon längst in den Händen hält?«

»Ja«, antworte ich leise. »Aber nicht jeder hat das Glück, überhaupt etwas zu finden, das sich festzuhalten lohnt.«

»Hast du etwas zum Festhalten?« Er neigte den Kopf und seine Miene war nun lauernd, als würde das Überleben der Welt von meiner Antwort abhängen.

»Ich habe alles, was man zum Leben braucht«, wich ich wieder aus.

»Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf«, entgegnete er lakonisch und rückte zu mir, bis sich unsere Knie beinahe berührten. Dessen war ich mir mehr als bewusst. Ich riskierte es nicht, mich zu bewegen.

»Wie ist es bei dir?« Ich drehte nun den Spieß um, um mich nicht weiter von Fragen quälen zu lassen, deren ehrliche Antworten mich armselig erscheinen ließen.

Einen Wimpernschlag lang verfinsterte sich sein Gesicht, und die gefährliche Schönheit trat erneut zum Vorschein. Beinahe hätte ich die Hand nach ihm ausgestreckt, um ihm die Schärfe zu nehmen, den bitteren Ernst, der nicht zu dieser vertraulichen Atmosphäre passte. Ich wollte nicht, dass er den wachsenden Keim zwischen uns mit etwas, das ich nicht fassen konnte, erstickte.

Dann lächelte er und der unheimliche Schatten zog von dannen. »Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf.« Er lachte kurz. »Einen Beruf, der mich ausfüllt. Keine große Familie, aber dafür einen Bruder, mit dem ich mich sehr verbunden fühle.«

Ich wollte mehr von seiner Familie erfahren und setzte an, ihn nach ihr zu fragen, aber er ließ mich nicht aussprechen, sondern rückte noch näher und drückte mich sanft hinab, bis ich mit dem Rücken im weichen Grasbett ruhte. Die Sonne blendete mich, sodass ich nur seine Umrisse ausmachen konnte, als er sich über mich beugte und seinen Mund auf meinen senkte. Seine Hand glitt hinter mich und tauchte in mein flammendes Haar. Seine Lippen strichen erst zart über meine, ehe sie fordernder wurden.

»Bleib bei mir«, raunte er heiser in mein Ohr.

Ich verstand nicht, wieder nicht.

»Immer«, sagte ich, was ihm ein abstraktes, gequältes Stöhnen entlockte, bevor er meinen Mund, nein, meine gesamte Seele in Besitz nahm.

Die Welt hörte auf, sich um uns zu drehen. Ich verlor die Orientierung, als Nathan schließlich von mir abließ.

»Alles in Ordnung? Bist du noch anwesend?«, fragte er schelmisch grinsend, und ich musste lachen.

»Ich bin hier. Ganz genau hier. Und kein Gerstenkorn daneben.«

Und ich dachte, so müsste sich das pure Glück anfühlen.

»Was hältst du von einem Ausflug?«, fragte Nathan, nachdem die Bediensteten die Reste des abendlichen Mahls in die Küche getragen und uns mit unseren Familien und einer Reihe anderer Menschen, die ich allesamt nicht oder nur flüchtig kannte, allein gelassen hatten.

Ich hob den Kopf. Egal, wohin der Ausflug gehen sollte, ich war bereits restlos begeistert von der Idee, der Horde Schaulustiger, die jeden Blick, den wir wechselten, argwöhnisch begutachtete, für eine Weile zu entkommen.

»Wohin?«, fragte ich.

»Vielleicht ins Theater? Ich habe gehört, dass heute ein Stück von Shakespeare aufgeführt werden soll.«

»Klingt hervorragend.« Ich versuchte, meine Vorfreude zu unterdrücken, damit man sie mir nicht allzu deutlich vom Gesicht ablesen konnte.

Die Kutsche wartete bereits auf uns, und ich ließ erleichtert den angehaltenen Atem zwischen meinen Lippen entweichen, als sich die rettende Kutschtür hinter uns schloss und sich das Fuhrwerk in Bewegung setzte. Mein Zuhause verschwand aus meinem Sichtfeld, und es fühlte sich gut an.

Ich ordnete die Falten meines samtenen Rocks und warf einen Blick zu Nathan, der still neben mir saß und einen Punkt jenseits des Fensters fixierte.

»Magst du Shakespeare?«, fragte ich nach einer Weile.

»Ich mag Theater im Allgemeinen«, sagte er. »Vor allem mit einer so hübschen Begleitung.« Obwohl er schmal lächelte, wirkte er abgelenkt. Etwas in der Abenddämmerung hatte sein Interesse geweckt und auch wenn ich mich bemühte, einen Blick darauf zu erhaschen, bekam ich nichts als die bekannten Straßen von Dover zu Gesicht. Ich wusste nicht, was ihn derart fesselte, dass er das Gesicht von mir abgewandt hielt. Beunruhigt schaute ich an mir hinunter, um auszuschließen, dass irgendetwas mit meiner Kleidung nicht in Ordnung war. Doch da war nichts. Alles war sauber und ordentlich.

Die Minuten zogen sich dahin, und die Kutsche ratterte über den Asphalt. Immer wieder wurden wir durch tiefe Löcher unsanft durchgeschüttelt.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. »Gefällt dir die Stadt, dass du sie so sehr bewundern musst?«, fragte ich.

Nun fuhr sein Kopf schlagartig herum und die tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen trug nicht besonders zu meiner Besänftigung bei. Etwas beschäftigte ihn, dessen war ich mir sicher.

»Ja«, antwortete er knapp, und ich rutschte unbehaglich auf dem Sitz herum. Wieder wandte er sein Antlitz von mir ab und verbarg es im Schatten der Ecke, in der er saß. Ich lehnte den Kopf an das Polster in meinem Rücken und beschloss, zu schweigen. Was immer gerade in Nathan vorging, er war nicht geneigt, es mit mir zu teilen. Das weckte wiederum Zweifel in mir. Hatte ich mich in ihm geirrt? Hatte ich nicht bereits mehrmals in Erwägung gezogen, dass ich mir diese Verbindung, die zwischen uns bestand, nur einbildete?

Um das herauszufinden, brach ich prompt mit dem eben gefassten Entschluss. »Nathan?«, fragte ich zaghaft.

»Ja?«

»Geht es dir gut?« Zögernd legte ich meine Finger auf seine Hand, die in Handschuhen steckte. In dem Augenblick, in dem wir uns berührten, riss ich aufkeuchend meine Hand zurück. »Autsch«, rief ich empört und verwirrt zugleich. Ich hatte mich verbrannt. Woran hatte ich mich verbrannt? Doch nicht an seiner Hand?

Ich rieb über die schmerzende Stelle und starrte Nathan entgeistert an. »Was war das?«, fragte ich. Mein Blick glitt an seinem Ärmel hinab, der kurz unter dem Handgelenk endete. Ich fand nichts Ungewöhnliches. Nichts, was so glühend heiß sein konnte. Unter den Handschuhen zeichnete sich ein Ring ab, doch der war durch den Stoff sorgsam geschützt.

»Was war das?«, wiederholte ich, als er keine Antwort gab.

Er vollzog eine Bewegung, die mich zusammenzucken ließ, und beförderte ein Steinschlossfeuerzeug ans Tageslicht. Mit einem nachsichtigen Lachen hielt er es in mein Blickfeld.

»Siehst du«, sagte er sanft. »Das habe ich in der Hand gehalten. Du hast mich überrascht, und ich konnte es nicht rechtzeitig wegziehen.«

Sofort fühlte ich mich schlecht. Was hatte ich erwartet? Ich schluckte ein hysterisches Lachen hinunter und nickte schwach. Er legte das Feuerzeug auf den gegenüberliegenden Sitz und streichelte mit den Fingerkuppen zärtlich über meine roten Fingerkuppen.

»Wir kehren um«, sagte er. »Das muss behandelt werden.«

Ich öffnete den Mund, um lautstarken Protest kundzutun, aber er legte einen Finger bestimmt auf meine Lippen. Seine Miene war unerbittlich und die Vorsicht, die mir gestern schon aufgefallen war, kehrte zurück.

»Wir fahren nach Hause«, sagte er nachdrücklich und versiegelte meinen Mund mit einem Kuss, der bewirkte, dass ich nicht mehr wusste, wogegen ich eigentlich rebellieren wollte.

Nathan blickte nach draußen in die Finsternis, und obwohl er sich Mühe gab, Konversation zu führen, spürte ich, dass er immer noch abgelenkt war. Was immer in der Dunkelheit lauerte, schien mit unserem Umkehren nicht verschwunden zu sein.

Die Wochen, die Nathan in unserem Haus verweilte, würden immer zu den schönsten meines Lebens zählen. Nathan und ich verbrachten viel Zeit miteinander, fuhren hinaus aufs Land, lasen uns die Bücher vor, die wir am liebsten mochten, besuchten Theaterstücke oder redeten einfach. Wir lernten uns mit jeder Stunde, in der wir beieinander waren, besser kennen. Manchmal schwiegen wir auch. Er war immer sehr aufmerksam, und ich hatte den untrüglichen Eindruck, dass er auf mich aufpasste. Nie hatte ich mich sicherer gefühlt.

Ich dachte, ich würde ihn heiraten und all das Schlechte, das mich vorher begleitet hatte, würde sich damit in Luft auflösen. Wir würden fortziehen oder die Welt bereisen, und ich müsste nicht mehr nach Hause zurückkehren. Ich dachte, es würde mich nie wieder schlimm treffen.

Wie sehr ich mich doch getäuscht hatte.

Eine Woche vor der geplanten Hochzeit geschah es: Die Nacht, die mein Leben veränderte, auf eine so bizarre, unnatürliche und finstere Weise, wie ich sie mir selbst in meinen Albträumen nicht hätte vorstellen können. Und das, obwohl sie gerade mit einem solchen begann.

Ich wachte auf, schreiend und schluchzend, was in diesem unendlich großen Haus nie jemand bemerkte oder bemerken wollte, und schlug die Augen auf, froh, dem Grauen des Traumes endlich entkommen zu können. Und in jenem Augenblick sah ich sie das erste Mal.

Mit eisigem Blick hockte sie am Ende meines Bettes und starrte mich unverhohlen an. Ich blinzelte, in der Erwartung, sie würde als Nachwirkung des Traumes einfach verschwinden. Aber sie verschwand nicht. Sie verschwand nie wieder.

Sie saß da wie eine Fata Morgana, wie ein böses Omen. Verschwommen und als sei sie durch einen dünnen Schleier von mir getrennt. Undeutlich und beängstigend still. Die gleiche Stille, die sich über einen Friedhof senkte, hing nun schwer in meinem Zimmer und schnürte mir die Kehle zu.

Sie trug ein graues Hemd, das ihr bis zu den Knien reichte, und ihr hellblondes Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Ihre Augen waren tief in den Höhlen versunken, als hätte sie schon tagelang keinen Schlaf mehr gefunden. Die schwarzen Ringe darunter standen in ungesundem Kontrast zu ihrer Haut, die totenbleich war.

Ich öffnete den Mund und schrie und schrie und schrie, und doch blieb sie standhaft auf meinem Bett sitzen. Ich schrie Stunden hindurch, bis meine Stimmbänder wund waren und ich nur noch heisere Wortfetzen herausbrachte.

Die Nacht kroch dahin, unendlich schleppend und zäh. Ich kauerte mich in der hintersten Ecke meines Zimmers zusammen, am ganzen Körper schlotternd. Meine Bettdecke zog ich hoch bis zur Nasenspitze, um mir wenigstens die Illusion von Schutz zu beschaffen. Ich betete darum, dass der Sonnenaufgang diese fremde Gestalt vertreiben würde, aber ich irrte. Sie blieb bei mir und folgte mir, wohin ich ging.

Voller Panik und Verzweiflung rief ich nach den Dienern, damit sie jemand packen und aus dem Haus zerren würde, doch überall begegneten mir erst pikierte, dann mitleidige und irgendwann ängstliche Blicke. Ich begriff nicht, dass niemand von ihnen die Frau sehen konnte. Niemand außer mir.

Ich verlangte nach Nathan, doch der war für einige Tage abgereist, um Angelegenheiten für die Hochzeitsreise zu regeln, die in weite Ferne führen sollte. In den nächsten Tagen gab es niemanden, der mich beruhigen, und keinen Ort, an den ich fliehen konnte, ohne dass die geisterhafte Frau mir auf dem Fuß folgte. Sie wurde meine zweite Haut, und ihr kalter Atem klebte in meinem Nacken. Sie blieb beharrlich an meiner Seite, und weil nicht ein Einziger außer mir diese Gestalt sehen konnte, mussten meine Eltern einen Arzt rufen lassen, der mich sedierte. Es wurde trotzdem nicht besser: Jedes Mal, wenn ich aufwachte, saß sie da und wartete darauf, mich mit ihrer bloßen Anwesenheit an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Ich wurde in mein Zimmer eingesperrt und damit gab es kein Entrinnen mehr, kein Davonlaufen.

Als kurz vor Nathans Rückkehr zwei Männer kamen, um mich zu holen, gab es keine Tränen mehr, die ich vergießen konnte. Meine Eltern standen mit ineinander verschlungenen Händen vor der Haustür, während die Männer mich packten und mir ein Tuch auf den Mund drückten, das mich seltsam schlaff werden ließ. Ein einziges Mal habe ich nach ihnen gerufen. Sie haben mich angesehen, als seien sie von einer schweren Last befreit. Ich habe es kein zweites Mal versucht. Tagelang wurde ich in einer Kutsche von einem Ort zum nächsten gebracht, und ich sprach in all der Zeit kein Wort mehr. Nicht einmal, als das dunkle Gebäude mit einer Mauer, die in den Himmel zu reichen schien, in Sichtweite kam.

Ich formte das Bild von Nathan, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte, in meinem Kopf und ließ das Unheil seinen Lauf nehmen. Damals dachte ich noch, er würde kommen.

Er würde kommen, um mich zu retten.

Kapitel 3

Als ich für das Grauen keinen Namen fand

»Wenn du dich ruhig verhältst, binden wir dich los. Hast du mich verstanden, Gör?«

Die schneidende Stimme der Schwester drang durch den schweren Nebel des Dämmerzustandes, in den man mich mit süßlich riechenden Medikamenten versetzt hatte.

»Ob du mich verstanden hast, frage ich! Das Zimmer muss frei werden. Jetzt ist Schluss mit der faulen Schlaferei. Du magst ja Besseres gewohnt sein, aber hier herrschen andere Sitten!«

Ein unsanftes Rütteln brachte mich dazu, vorsichtig zu blinzeln. Ich wollte die Augen nicht öffnen. Ich wollte sie nicht sehen. Meine Glieder schmerzten von den stramm sitzenden Fesseln, mit denen sie mich ans Bett gebunden hatten. Die Fesseln verhinderten, dass ich mich regen konnte, also nickte ich nur schwach.

Die festen Stricke lösten sich von meinen Hand- und Fußgelenken und fielen dumpf zu Boden. Hände griffen nach mir und zerrten mich in eine aufrechte Position. Schwindel erfasste mich, hatte ich doch tagelang ruhiggestellt im Bett verbracht. Ich griff nach der Schwester, um mich an ihr festzuhalten, doch eine harte Ohrfeige ließ mich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen zurück aufs Bett fallen.

»Fass mich nicht an«, fuhr die Schwester mich an und riss mich auf die Beine. Ich taumelte, als der Raum sich um mich herum zu drehen begann. Unbarmherzig schleiften sie mich zur Tür hinaus und durch einen langen, schmucklosen Flur ohne Fenster.

Der sterile Gang schien mir endlos. Die Türen, deren ursprünglich weiße Farbe längst zu einem schmutzigen Grau verblichen war, flogen an meinem Sichtfeld vorbei. An ihnen waren keine Klinken angebracht, lediglich ein Haltegriff und ein massiver Riegel an der Außenseite waren vorhanden, sodass man die Tür nur von außen verschließen konnte. Wer sich im Raum befand, hatte keine Möglichkeit, von selbst nach draußen zu gelangen. Die schwarzen Riegel, die als bereitwillige Werkzeuge anderen Menschen die Freiheit nahmen, lachten mir ins Gesicht wie höhnische Fratzen, die mich verspotten wollten.

Als sich eine kleine Menschentraube in unsere Richtung bewegte, kamen wir für einige Augenblicke zum Stehen. Zwei Schwestern und ein Pfleger, die allesamt von sehr stämmiger Natur waren, bemühten sich, einen hysterisch brüllenden Mann unter Kontrolle zu bekommen. Er schlug um sich und rollte wild mit den Augen.

»Lasst mich in Ruhe, ihr Ausgeburten der Hölle«, schrie er.

Ich verspürte den starken Drang, mir die Hände auf die Ohren zu pressen, um seine Worte, die unnatürlich schrill im Korridor widerhallten, auszublenden – um die ganze kranke Situation auszublenden.

Eine der Schwestern, die ihr Haar im Nacken zusammengebunden hatte, hob plötzlich das Knie und rammte es dem Patienten in die Magengegend. Seine Glieder erschlafften und er jaulte vor Schmerz auf, dann fiel er nach vorne auf den Boden, um sich zusammenzukrümmen.

Die zweite Schwester zückte mit einem ekelhaften Grinsen, das ich als schonungslose Schadenfreude deuten konnte, einen schmalen Schlauch aus der Tasche ihres Kittels.

»Harry, Harry«, tadelte sie so bittersüß, dass es mir eiskalt den Rücken hinunterlief und ich mich kraftlos an die Wand hinter mir lehnte. »Habe ich dich nicht immer wieder davor gewarnt, aufmüpfig zu werden? Ich habe dir versprochen, dass du nicht mehr ins Strafzimmer musst, wenn du dich benimmst, aber du lässt mir keine andere Wahl. Henriette?«

Die Erste kniete sich hinter ihn und bog Harrys Kopf zurück. Ich keuchte erschrocken auf. Meine Begleiter, die mich rechts und links flankierten, stießen mich warnend in die Seite.

»Halt ja die Klappe, sonst kannst du ihm Gesellschaft leisten«, zischten sie mir ins Ohr.

Hilflos sah ich zu, wie sie Harry den Schlauch in den Hals steckten, ohne sich um seine gurgelnden Würgegeräusche zu scheren. Aus einer Flasche schütteten sie eine süßliche Flüssigkeit in seinen Rachen, bis seine Lider zu zucken begannen und Harry in sich zusammensackte. Mir wurde schlecht und ich senkte den Blick, weil ich diese Szene nicht mehr länger ertragen konnte. Meine Benommenheit war angesichts der harten Realität, in die man mich so gnadenlos gestoßen hatte, gänzlich verflogen. Während der letzten Tage, die ich in einem seichten Dämmerzustand verbracht hatte, dachte ich in den wenigen klaren Momenten, alles wäre nur ein Traum gewesen. Ich war der Auffassung gewesen, das könnte nur Halluzinationen der Arzneien meines Hausarztes entspringen, die gegen mein so leicht ausbrechendes Fieber wirken sollten, und die letzten Ereignisse wären niemals geschehen. Diese Frau wäre nicht aufgetaucht, ich hätte keinen hysterischen Anfall erlitten und meine Eltern hätten mich niemals in eine dieser gefürchteten Anstalten einweisen lassen. Ich hatte während dieser Zeit wirklich gedacht, es gäbe einen anderen Grund für die Fesseln an Hand- und Fußgelenken, die mir in die Haut schnitten, und für die fremden Stimmen, die verwirrend nah um mich herumschwirrten.

Als ich begriff, dass ich mich irrte, zerbrach etwas in mir. Sie hatten mich nicht nur in eine Anstalt geschafft, nein, sie hatten mich gar nach Schottland bringen lassen, in eine Anstalt in den Highlands, fernab jeglicher Zivilisation und Hilfe. Der letzte Funke Hoffnung, die letzte Illusion von Sicherheit, all das verschwand unter der erdrückenden Decke der Realität. Wie sollte Nathan mich hier finden?

»Los, los, Adriana. Beeil dich, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Der unbarmherzige Griff um meine Oberarme zwang mich dazu, mich in Bewegung zu setzen und einen Fuß vor den anderen zu schieben. Mechanisch tat ich, was sie von mir verlangten, auch wenn ich mich furchtbar erschöpft fühlte. Ich atmete angestrengt ein, denn der erschreckende Zwischenfall hatte mich müde gemacht, noch viel müder, als ich es ohnehin war. Als der Korridor sich gabelte, bogen wir nach rechts ab und erreichten einen Raum, aus dem mir Totenstille entgegenschlug, obwohl er mindestens zwanzig Leute beherbergte.