After the Fire - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 - Will Hill - E-Book

After the Fire - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 E-Book

Will Hill

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Beschreibung

Der einzige Weg aus der Dunkelheit ist, ein Feuer zu entzünden Schwer verletzt liegt die 17-jährige Moonbeam im Krankenhaus und sieht sich einem Psychologen und einem FBI-Agenten gegenüber. Sie, die zu den wenigen Überlebenden nach der schrecklichen Brandkatastrophe gehört, soll erzählen, wie das Leben war auf der Farm der Gotteslegionäre. Wie ist es zu dem schrecklichen Feuer gekommen, wie zu der Schießerei zwischen den Gotteslegionären und der Polizei? So viele sind gestorben. Zögerlich öffnet sich Moonbeam, glaubt, dass man ihr helfen will, und fängt an zu erzählen, wie das Leben vor dem Feuer war und wie das Leben sich danach anfühlt. Eine Sache aber kann sie nicht erzählen. Doch sie muss aussprechen, was sie getan hat, will sie nicht daran zerbrechen.

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Seitenzahl: 595

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Über das Buch

Davor lebte sie mit ihrer Familie innerhalb des Zauns.

Danach ist sie in einer Einrichtung gefangen.

Davor durfte sie niemals das Anwesen verlassen, niemals mit Außenstehenden sprechen. Niemals durfte sie ihre Meinung sagen.

Danach stellen ihr viele Leute Fragen, wollen wissen, was mit ihr passiert ist, und versuchen herauszufinden, wer sie wirklich ist.

Davor dachte sie, sie würde vor etwas geschützt.

Danach erzählen die Leute ihr, dass sie jetzt endlich in Sicherheit sei.

Sie ist sich nicht sicher, was besser ist, davor oder danach.

Sie weiß nur, dass es Fragen gibt, die sie nicht beantworten kann. Und wenn alles, was man ihr davor erzählt hat, Lügen waren, wie kann sie wissen, wer jetzt die Wahrheit sagt?

 

 

 

 

Go tell that long tongue liar,

go and tell that midnight rider,

tell the rambler, the gambler, the backbiter,

tell ’em that God’s gonna cut ’em down.

Traditional

Mit tränenden Augen und wild klopfendem Herzen renne ich über den Hof.

Der Lärm der Schüsse ist immer noch ohrenbetäubend, und ich höre die Kugeln, höre sie buchstäblich an mir vorbeisausen mit dem überdrehten Summen von Turbo-Insekten, aber ich laufe nicht langsamer und ändere auch nicht die Richtung. Das Feuer in der Kapelle ist jetzt außer Kontrolle. Tosende Flammen hüllen das Dach ein, und eine gewaltige schwarze Rauchwolke steigt zum Himmel auf. Ununterbrochen dröhnt die Megafonstimme des Polizisten über das Gelände und wiederholt ihre Aufforderung.

»LEGEN SIE DIE WAFFEN NIEDER UND KOMMEN SIE LANGSAM UND MIT ERHOBENEN HÄNDEN RAUS!«

Niemand hört ihr zu, nicht die anderen Polizisten und erst recht nicht meine Brüder und Schwestern.

In einiger Entfernung vom Tor hat sich der Panzer rumpelnd in Bewegung gesetzt. Er wühlt den Wüstenboden auf und überrollt den dünnen Drahtzaun. Von irgendwo höre ich über dem Motorenlärm und dem endlosen Knattern der Schüsse Schmerzensschreie und verzweifelte Hilferufe. Ich zwinge mich, sie zu ignorieren, und laufe weiter, den Blick unverwandt auf die hölzernen Baracken am westlichen Ende der Basis gerichtet.

Ich stolpere über etwas.

Meine Füße bleiben hängen und ich schlage der Länge nach auf den rissigen Asphalt. Es tut höllisch weh, als ich mit der Schulter aufkomme, aber ich beiße die Zähne zusammen, rapple mich auf und sehe nach, über was ich gefallen bin.

Alice liegt auf dem Rücken und hält sich mit den Händen den Bauch.

Ihre Bluse hat sich rot verfärbt, und sie liegt in einer Blutlache, die so groß ist, dass ich nicht glauben kann, dass sie von einer Person stammt. Doch sie lebt noch. Ihr Blick ist trübe, aber er richtet sich auf mich. Sie sieht mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht beschreiben kann, einer Mischung aus Schmerzen, großen Schmerzen, Schock, Angst und einer Art Verwirrung, als wüsste sie gern, wie es so weit kommen konnte.

Ich erwidere ihren Blick und will bei ihr bleiben, ihr sagen, dass alles gut ist und es ihr bald wieder besser gehen wird, aber das stimmt nicht, nichts ist gut, und ich verstehe zwar nicht viel von Schusswunden, aber ich glaube nicht, dass es ihr noch einmal besser geht.

Ganz im Gegenteil, ich glaube, sie wird sterben.

Unverwandt blicke ich sie an, verschwende Sekunden damit, worüber der noch funktionierende Teil meines Gehirns schier verzweifelt, und renne dann weiter. Alice’ Augen werden größer, als ich mich abwende, aber ich sehe darin keinen Zorn. Ich glaube, sie versteht, was ich tun muss.

Zumindest rede ich es mir ein.

Aus den Rauchschwaden taucht eine Gestalt auf und ich bleibe rutschend stehen und hebe die Hände. Aber es ist kein Polizist mit schwarzem Helm, Schutzbrille und Gewehr, sondern Amos. Seine Augen sind gerötet und verquollen, ein Arm hängt schlaff an seiner Seite, mit der gesunden Hand hält er zitternd eine Pistole.

»Wo ist Father John?«, fragt er kurzatmig und heiser. »Hast du ihn gesehen?«

Ich schüttle den Kopf und will um ihn herumgehen, aber er packt mich am Arm und zieht mich zu sich.

»Wo ist er?«, keucht er. »Wo ist der Prophet?«

»Ich weiß es nicht!«, schreie ich, denn der Panzer hat den Rand des Hofes erreicht, die Schießerei ist noch heftiger geworden und das Feuer springt schneller von Gebäude zu Gebäude, als ich es verfolgen kann.

Ich stoße Amos mit aller Kraft von mir weg und er stolpert rückwärts. Er schwenkt die Pistole in meine Richtung, aber da renne ich schon weiter. Ich höre Schüsse hinter mir, sie treffen mich aber nicht, und ich tauche in den Rauch ein.

Sofort fällt mir das Atmen schwer. Ich halte mir mit der Hand Mund und Nase zu, aber der dicke, beißende Rauch dringt zwischen den Fingern hindurch und ich beginne zu husten. Im Weiterlaufen sehe ich überall Brüder und Schwestern liegen, dunkle Haufen, denen ich im Zickzack nach rechts und links ausweiche. Einige bewegen sich noch, ziehen sich über den Boden oder zucken krampfartig wie bei einem Anfall, aber die meisten nicht.

Die meisten liegen nur da.

Vor mir tauchen die westlichen Baracken auf. Auch ihre Wände und flachen Dächer sind in Rauch gehüllt. Hinter mir wird weiter geschossen, und es fliegen so viele Kugeln durch die Luft, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis das Unvermeidliche passiert. Aber solange mir noch Zeit bleibt, die Baracken aufzusperren, ist mir das egal.

Vollkommen egal.

Stolpernd tauche ich aus dem dicksten Rauch auf, nähere mich einer Baracke und fummle den Generalschlüssel aus der Tasche. Ich greife nach dem Schloss, das an der Tür hängt. Es zischt, und einen kurzen Moment lang kapiere ich nicht, was passiert ist – bis die Schmerzen in mir explodieren und ich die Hand zurückreiße und der größte Teil meiner Handinnenfläche an dem Metallschloss hängen bleibt. Ich falle auf die Knie und drücke die schwer verletzte linke Hand an den Bauch. Aus meinem Mund kommt ein Schrei, der nicht mehr menschlich klingt.

So unerträglich sind sie.

Die Schmerzen.

Sie fühlen sich an, als würde jemand meine Hand in ein Gefäß mit Säure drücken und dort festhalten, so unerträglich, dass ich nichts anderes mehr wahrnehme, nicht den stinkenden Rauch, die Hitze des Feuers und den Lärm der Schüsse. Um mich wird alles grau, als würden meine Sinne heruntergefahren. Dann bekomme ich einen Stoß in den Rücken und falle auf den Boden. Schlagartig kehrt meine Wahrnehmung zurück.

Über mir steht ein Polizist, das Gesicht hinter einer Maske verborgen. Das Mündungsloch seines Gewehrs zeigt auf die Stelle zwischen meinen Augen.

»Hände hoch, wo ich sie sehen kann!« Die Stimme gehört einem Mann. »Zeig mir deine Hände!«

Zitternd hebe ich sie hoch. »Bitte«, sage ich, die Stimme nur noch ein heiseres Krächzen. »Kinder. In den Baracken sind Kinder. Bitte.«

»Mund halten!«, brüllt er. »Kein Wort mehr!«

»Bitte«, wiederhole ich. »In den Baracken. Sie müssen ihnen helfen.«

Der Polizist blickt kurz zu den Baracken. Mir ist schwindlig und speiübel, und ich habe das Gefühl, dass ich vor Schmerzen gleich ohnmächtig werde, aber ich zwinge mich, die Augen offen zu halten und meine wirren Gedanken auf die schwarze Gestalt über mir zu konzentrieren.

»Schlösser«, flüstere ich und halte den Generalschlüssel hoch. »Bitte …«

Meine Kräfte versagen. Der Polizist blickt zur nächsten Baracke, dann auf mich hinunter, dann wieder zur Baracke.

»Scheiße!«, ruft er, reißt mir den Schlüssel aus der Hand und rennt zur Tür. Ich sehe zu, wie er das Schloss mit seiner behandschuhten Hand packt und den Schlüssel hineinsteckt, und einen schrecklichen Moment lang überlege ich, ob alles Zeitverschwendung war, ob es Schlösser gibt, die nicht einmal ein Generalschlüssel öffnen kann. Doch dann dreht sich der Zylinder und der Bügel springt auf. Der Polizist zieht die Tür auf und meine Brüder und Schwestern drängen hustend und spuckend und mit roten, tränenden Augen nach draußen.

»Geht zum Tor«, krächze ich mühsam. »Bleibt zusammen. Nehmt die Hände hoch …«

Ganz hinten sehe ich Honey, und da spüre ich etwas in meiner Brust, das für einen Moment die Schmerzen in meiner Hand verdrängt. Ihre Augen sind verquollen und sie ist blass, aber sie hat die Lippen entschlossen zusammengepresst, wie ich es von ihr kenne, und sie lebt, wenigstens das.

Ich hatte schon dran gezweifelt.

Honey hilft den letzten, in Panik weinenden Kindern aus der Baracke und führt sie nach Süden, zum Tor. Der Polizist eilt zur nächsten Baracke und fordert aufgeregt über Funk Verstärkung an. Ich merke, wie sich etwas in mir löst, wie mich eine gewaltige, geradezu körperlich spürbare Erleichterung überkommt. Sie flößt meinen erschöpften Muskeln neue Kraft ein und ich richte mich in eine sitzende Haltung auf.

Die Kinder laufen über den Hof, die kleinen Hände über den Kopf erhoben zum Zeichen, dass sie sich ergeben. Der Rauch gerät in Bewegung und Polizisten tauchen daraus auf, nehmen meine Brüder und Schwestern auf die Arme und tragen sie durch Lücken im Zaun nach draußen. Ich höre sie verzweifelt nach ihren Eltern rufen, und es bricht mir das Herz, aber sie leben, sie leben noch, und nur das ist wichtig, nur das zählt in diesem Weltenbrand.

Ich höre einen Schrei, so laut und gellend, dass er durch die Schießerei und das tosende Inferno dringt, und ich drehe mich danach um. Neben den in Flammen stehenden Überresten der Kapelle haben zwei Polizisten Luke gepackt und heben ihn an Armen und Beinen hoch. Er wehrt sich wie von Sinnen und schreit, sie sollten ihn loslassen, damit er den anderen folgen und zum Himmel auffahren kann.

Seine Stimme voller rasendem Zorn, Verzweiflung und Panik ist das Letzte, was ich höre. Dann wird alles schwarz.

DANACH

… ich treibe dahin …

… meine Hand fühlt sich an wie in Flammen eingewickelt. Meine Augen gehen auf und alles ist weiß und etwas piept und ein gesichtsloses Etwas beugt sich über mich und ich will schreien, aber nichts kommt heraus, und ich kann vor Angst keinen Gedanken fassen und verdrehe die Augen nach oben …

… ein Mann blickt auf mich herunter und sein Gesicht besteht nur aus Augen über einem weißen Mundschutz und er zeigt mir eine riesige Nadel und ich starre sie nur an, weil ich mich vor Angst nicht rühren kann, und als er mich damit in den Arm sticht, spüre ich sie nicht einmal, weil die Schmerzen in meiner Hand immer noch so heftig sind, dass sie alles andere überlagern. Aus meiner Kindheit, als Fernsehen noch erlaubt war, weiß ich, was Ärzte sind, ich habe noch nie einen leibhaftig gesehen, und in meinem Kopf schreit der Prophet, dass die Ärzte Handlanger des STAATES sind, dass sie allesamt der SCHLANGE dienen, und seine Stimme geht mir unaufhörlich durch den Kopf, bis mir übel wird und ich vor Angst nicht mehr atmen kann, während der Arzt die Nadel, die in meinem Arm steckt, mit Klebeband an der Haut befestigt und mit einem Schlauch verbindet, der zu einem Beutel mit einer milchig weißen Flüssigkeit führt. Er sagt etwas, was ich nicht verstehe, und die Flüssigkeit beginnt zu fließen. Ich sehe zu, wie sie sich durch den Schlauch meinem Arm nähert, kann aber keinen einzigen Muskel bewegen. Trotz des Gebrülls von Father John in meinem Kopf kann ich aber einen Gedanken fassen. Ich frage mich, was passiert, wenn die weiße Flüssigkeit in mich hineinfließt, und ob ich noch ich selbst bin, wenn ich das nächste Mal aufwache …

… das Licht über mir ist gleißend hell und die Schmerzen haben deutlich nachgelassen und der Plastikbeutel am Ende des Schlauchs ist leer und ich kann den Kopf gerade so weit heben, dass ich den dicken Verband sehe, der wie ein Fausthandschuh an meiner linken Hand sitzt. Manchmal steht ein Arzt an meinem Bett und blickt auf mich herunter und manchmal höre ich in einiger Entfernung erhobene Stimmen und manchmal fange ich an zu weinen und kann nicht mehr aufhören. Mir ist zu warm und zu kalt und nichts passt und am liebsten möchte ich nach Hause, weil es selbst dort besser war als hier. Ein Mann mit einer Mütze und einer Uniform fragt mich nach meinem Namen, aber in meinem Kopf brüllt Father John und ich gebe keine Antwort. Er fragt wieder, und wieder antworte ich nicht, und da verdreht er die Augen und geht …

… eine Frau in einer Uniform sagt zu jemand, er solle mich aufsetzen, und Hände schieben sich unter mich und Finger drücken in meine Haut und ziehen mich auf dem Bett nach oben, bis ich gegen ein Kissen lehne. Die Frau in der Uniform sagt: »So ist es besser«, und da muss ich fast lachen, denn nichts ist besser, überhaupt nichts. »Kannst du mir sagen, wer das Feuer gelegt hat?«, fragt sie, und ich schüttle den Kopf. »Wer hat die Waffen verteilt?« Ich schüttle den Kopf. »Hast du John Parson noch gesehen, nachdem die Schießerei angefangen hat?« Ich schüttle den Kopf. »Was ist im Hauptgebäude passiert? Was hast du dort getan?« Ich schüttle den Kopf. Sie sieht mich an, und als sie wieder spricht, ist ihre Stimme kalt. »Es sind Menschen ums Leben gekommen, Kind«, sagt sie. »Viele Menschen. Du musst reden.« Sie beugt sich über mich, und ich weiß nicht, was sie vorhat, also drehe ich den Kopf weg, und da sehe ich ein goldenes Abzeichen an ihrem Gürtel mit der Aufschrift BÜRO DES SHERIFFS VON LAYTON COUNTY, und das Herz bleibt mir stehen und ich höre mich schreien und die Frau in der Uniform fährt zurück und reißt erschrocken die Augen auf. Ich höre hastige Schritte und mein Herz beginnt wieder zu schlagen und ich beginne auf dem Bett zu zappeln und schreie und schreie, bis Hände mich an Armen und Beinen festhalten und sich wieder ein Arzt mit einer Nadel über mich beugt und …

… aus dem Dunkel tauchen die Gesichter meiner Brüder und Schwestern auf, Menschen, die ich schon mein ganzes Leben kenne. Ihre Haare brennen, die Haut schmilzt von ihren Schädeln und sie schreien immer und immer wieder zwei Wörter: »DEINE SCHULD DEINE SCHULD DEINE SCHULD DEINE SCHULD DEINE SCHULD.« Ich wende mich ab und will weglaufen, aber der Boden unter meinen Füßen wird zu Treibsand. Ich sinke bis zu den Knöcheln ein und Fingerspitzen streifen meine Schultern und meinen Nacken und ich habe schreckliche Angst, kann aber nicht schreien, weil mein Mund nicht aufgeht. Ich kann nur durch tintenschwarze Nacht waten, mich weiterschleppen, zusehen, wie ich von hier wegkomme …

… ein Mann in einem schwarzen Anzug steht an meinem Bett, und ich bin schweißnass und meine Hand schmerzt heftig, wie mit Insekten bedeckt, die sie stechen, und ich war noch nie so müde. Mein Körper fühlt sich an, als bestehe er aus Blei und Beton, meine Lider sind unendlich schwer. Der Mann sagt, ich würde verlegt, und ich will ihn fragen, wohin, aber weil Father John in meinem Kopf tobt und schreit, dass man nie, unter keinen Umständen, mit Leuten von draußen spricht, kommt nur ein heiseres Flüstern heraus. Der Mann sagt, dass er es nicht weiß, und ich nehme meine ganze Kraft zusammen und frage ihn, wer es aus dem Feuer geschafft hat. Er verzieht das Gesicht und geht …

… ich halte einen Pinsel in der Hand, von dem kornblumenblaue Farbe tropft, und ich weiß, dass ich träume, aber es ist mir egal, denn ich will gar nicht aufwachen. Ich streiche die hölzerne Wand vor mir und höre, wie in der Ferne Wellen an den Fuß der Klippen schlagen, und rieche den Rauch, der aus dem Kamin aufsteigt, und weiß, wenn ich an mir hinunterblicke, sehe ich das Gras unter meinen Füßen, aber ich blicke nicht hinunter. Ich streiche das Brett vor mir an und dann ein zweites daneben und ein drittes …

… ein anderer Mann im gleichen schwarzen Anzug liest eine Liste von Namen von einem Blatt Papier ab. Ich höre die Namen Honey und Rainbow und Lucy und Jeremiah und breche vor Erleichterung in Tränen aus, und der Mann schenkt mir das erste Lächeln, seit ich in diesem Bett liege, und liest weiter Namen vor, aber nicht mehr lange, und meine Erleichterung wird zu Trauer und Schmerz und meine Tränen fließen weiter, weil die Liste so wahnsinnig kurz ist …

… die Decke gleitet über mir dahin, während zwei Ärzte mein Bett durch einen Gang schieben und dann in einen leeren Kasten aus Metall, der bebt und klappert, dass sich mir der Magen umdreht. Ich strecke die Arme nach den Wänden aus, um das Gleichgewicht zu halten, aber ein Arzt drückt sie wieder auf das Bett, und da tut meine linke Hand höllisch weh und ich schreie auf und er sagt »Entschuldigung«, aber sein Blick ist kalt und sein Mund hinter einem Mundschutz verborgen. Etwas piept und ruckelt, und ich spüre einen kalten Luftzug, dann bewege ich mich wieder und sehe ein Stück Himmel, so blau wie die Wand aus meinem Traum. Ich werde wieder hochgehoben und in einen anderen Kasten geschoben, der diesmal allerdings Regale mit Schachteln und Flaschen und Apparaturen hat, deren Zweck mir unbekannt ist. Ich spüre ein Rumpeln unter mir, als sei irgendwo in der Nähe ein Motor angegangen. Es klingt ein wenig wie der rote Pick-up, den Amos immer gefahren hat, nur lauter und aggressiver …

… eine Frau mit einem freundlichen Gesicht und einer weißen Tracht hilft mir, von dem Bett aufzustehen, auf dem ich seit dem Aufwachen liege, und bettet mich vorsichtig in ein anderes in einem rechteckigen weißen Zimmer mit einem Fenster hoch oben in der Wand. Sie sagt, wenn ich etwas bräuchte, solle ich auf einen orangefarbenen Knopf neben der Tür drücken, und ich spüre einen Kloß im Hals und bitte sie, nicht zu gehen, und sie umarmt mich und ich beginne wieder zu weinen, und die Stimme in meinem Kopf wird jetzt richtig wütend, weil ich nicht mehr so viel geweint habe, seit ich ein kleines Mädchen war. Aber ich kann nicht anders. Die Frau mit dem freundlichen Gesicht macht beruhigende Laute, streicht mir über die Haare und sagt, alles sei gut, alles würde gut werden und sie würde sofort kommen, wenn ich sie bräuchte. Dann macht sie sich behutsam von meinen Armen los, lächelt noch einmal, geht aus dem Zimmer und macht die Tür hinter sich zu, und als ich mich wieder hinlege, höre ich mit einem dumpfen metallischen Laut ein Schloss zuschnappen …

… ich treibe dahin …

DANACH

Man hat mich auf ein dunkelrotes Sofa gesetzt und meine Beine wollen nicht aufhören zu zittern und meine Hand tut richtig weh und ich versuche, keine Angst zu haben, aber es geht nicht, weil ich nicht weiß, was die mit mir vorhaben.

Ich weiß nicht mal, wo ich bin.

Das Zimmer, in dem ich sitze, ist größer als mein Zimmer in der Basis, aber trotzdem noch ziemlich klein. Es hat hellgraue Wände und einen dunkelgrauen Teppichboden, und in ihm stehen das dunkelrote Sofa und ein breiter Tisch mit zwei Stühlen, unter die von mir entfernte Seite des Tisches geschoben. Alles ist makellos sauber und auf dem Tisch steht ein Apparat und über der Tür hängt eine Kamera. Die Frau in der weißen Tracht mit dem freundlichen Gesicht – Schwester Harrow, flüstert die Stimme in meinem Kopf, sie hat gesagt, sie sei Schwester Harrow – hat mich vor fünf Minuten hergebracht, und als sie die Tür aufdrückte, habe ich gesehen, dass darauf GESPRÄCHSRAUM 1 stand.

Bevor sie ging, hat sie mich noch gefragt, ob ich etwas bräuchte. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte.

Ich höre, wie sich ein Schloss dreht, und halte die Luft an, als die Tür aufgeht und ein Mann das Zimmer betritt. Der Mann ist klein und hat einen dichten Bart und schütteres Haar und zwei freundlich blickende, von tiefen Falten gesäumte Augen. Er trägt ein weißes Hemd und eine Krawatte und über seiner Schulter hängt eine lederne Tasche. Jetzt zieht er einen Stuhl heraus, setzt sich, holt einen Stapel von Notizbüchern und Stiften aus seiner Tasche und breitet sie sorgfältig vor sich auf dem Tisch aus. Als alles so angeordnet ist, wie er es will, drückt er auf einen Knopf an dem Apparat und wartet, bis ein grünes Lämpchen aufleuchtet. Dann lächelt er mich an.

»Hallo«, sagt er.

Ich sage nichts.

Ich weiß, dass ich dem Mann im Anzug damals, als ich noch im Bett lag und nicht richtig bei Bewusstsein war, eine Frage gestellt habe. Aber jetzt ist mein Bewusstsein zurückgekehrt, und manche Dinge sind so tief in mir verwurzelt, dass ich mich nicht an eine Zeit erinnern kann, in der es sie nicht gegeben hätte, und deshalb komme ich auch jetzt, nach allem, was passiert ist, nicht gegen sie an.

Man spricht nicht mit Leuten von draußen. Niemals.

»Ich bin Doktor Robert Hernandez«, fährt der Mann fort, »Leiter der Kinderpsychiatrie an der Universitätsklinik von Texas in Austin. Weißt du, was das bedeutet?«

Ich schweige.

»Es bedeutet, dass ich auf das Wohl von Kindern spezialisiert bin«, sagt er. »Besonders von Kindern, die traumatische Erlebnisse gehabt haben. Ich höre ihnen zu und versuche ihnen zu helfen.«

In meinem Kopf schreit Father John, dass Leute von draußen mir nur wehtun wollen, dass sie mich foltern und töten wollen.

»Mir ist klar, dass diese Situation dir große Angst macht«, sagt Doktor Hernandez. »Du hast Schreckliches durchgemacht, und ich weiß, dass du starke Schmerzen hast. Aber ich bin nicht dein Feind, egal was man dir vielleicht gesagt hat, und ich versichere dir, dass ich dir nichts Böses tun will. Ich will dir helfen. Aber damit ich das kann, musst du mir vertrauen. Am Anfang zumindest ein wenig. Meinst du, dass du das kannst?«

Ich starre ihn an. Der erwartungsvolle Blick seiner Augen verrät mir, dass er nicht die geringste Ahnung hat, um was er mich da bittet.

»Wie wär’s, wenn wir mit etwas Einfachem anfangen?«, sagt er. »Sag mir doch, wie du heißt.«

Ich antworte nicht, sondern blicke ihn nur unverwandt an.

»Gut«, sagt er, »überhaupt kein Problem. Wie wär’s dann damit? Ich stelle dir eine Frage und du nickst nur oder schüttelst den Kopf. Du brauchst nichts zu sagen.«

Ich rühre mich nicht und unterdrücke sogar ein Augenzwinkern.

Doktor Hernandez’ Lächeln lässt ein wenig nach. »Nein?«, sagt er. »Du willst es nicht versuchen?«

Ich zwinkere genau ein Mal, weil meine Augen anfangen wehzutun, mehr nicht.

Er nickt und schreibt etwas in eins seiner Notizbücher. Ich höre, wie der Stift über das Papier kratzt, und will wissen, was er über mich schreibt, kann aber nicht fragen.

»Gut«, sagt er und legt den Stift weg. »Ich will dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise unter Druck setzen. Ich kann mir nur vorstellen, wie überwältigend das alles für dich ist, deshalb halte ich es zu diesem Zeitpunkt für das Beste, wenn du in dein Zimmer zurückkehrst und wir morgen einen neuen Versuch machen. Du musst nicht mit mir reden, und ich verspreche dir, dass niemand dich dazu zwingen wird, am allerwenigsten ich. Aber wenn ich nicht überzeugt wäre, dass es dir helfen würde, wäre ich nicht hier.«

Ich widerstehe dem Drang zu nicken, weil Father John in meinem Kopf tobt, mich als Ketzerin beschimpft und schreit, er hätte immer gewusst, dass ich einem Irrglauben anhänge.

Doktor Hernandez nickt noch einmal, lächelt breit und verstaut seine Notizbücher und Stifte in der ledernen Tasche. »So weit, so gut«, sagt er. »Ruh dich aus. Wir sehen uns morgen wieder.«

Schwester Harrow begleitet mich in mein Zimmer. Auf dem Weg durch die grauen Flure sage ich nichts, aber sie lächelt mich trotzdem an, bevor sie die Tür schließt und absperrt.

Ich sehe mich in dem Zimmer um, das offenbar mein neues Zuhause ist. Es ist keineswegs groß, aber auch nicht wirklich klein. In der Basis gab es viele kleinere Zimmer, und das hier hat immerhin ein Waschbecken, eine Toilette, einen Tisch und einen Stuhl.

Man kann es auch von außen absperren, darin sind die Zimmer sich gleich.

Auf dem Tisch lag ein Stapel Kleider, als Schwester Harrow mich gestern Abend herbrachte, und daneben ein dicker Stapel Papier und eine Schachtel mit Bleistiften, Kulis und Buntstiften. Graue Hosen, Unterwäsche und Socken, T-Shirts, Pullis und Schuhe. Das meiste davon noch in Plastik eingewickelt und alles noch mit Preisschild. Einiges davon trage ich jetzt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es die ersten neuen Kleider sind, die ich je getragen habe.

An der Wand über der Tür hängt eine Digitaluhr. Laut den Leuchtziffern ist es 10 :17 Uhr. Schwester Harrow hat gesagt, sie würde mir immer um neun das Frühstück und um halb eins das Mittagessen bringen, aber ich habe keine Ahnung, was ich mit der Zeit dazwischen anfangen soll.

Ich lege mich auf das Bett und starre eine Weile an die Decke, dann stehe ich auf und gehe hin und her, bis die Muskeln in meinen Beinen anfangen wehzutun und die Hand unter dem Verband zu brennen beginnt und ich mich an den Tisch setze.

Abgesehen von der Bibel waren in der Basis nach der Säuberung keine Bücher mehr erlaubt und auch Papier oder Stifte gab es kaum noch, aber ich hatte einen einfachen Skizzenblock, den Father Patrick mir geschenkt hat, als ich noch klein war. Obwohl die Zenturios davon gewusst haben müssen, weil ich ihn nie versteckt habe, haben sie ihn mir nicht weggenommen. Ich habe auf jede Seite Dutzende Male gezeichnet, bis das Papier von dem Bleistift, den ich immer wieder ausradiert habe, mit tiefen Rillen übersät war. Der Block befand sich bei Ausbruch des Feuers in meinem Zimmer, er ist also vermutlich verbrannt.

Ich nehme ein Blatt vom Stapel und streiche mit den Fingern über die Oberfläche. Sie ist glatt, weil sie noch nie verwendet wurde. Das Papier ist ganz neu.

Es hat keine Geschichte.

Ich starre auf die weiße Wand vor mir, bis mein Kopf leer ist, dann nehme ich einen Bleistift aus dem Plastikbehälter und beginne zu zeichnen.

Seit Langem scheine ich keinen Einfluss mehr darauf zu haben, was auf dem Blatt entsteht. Ich will etwa einen Hund zeichnen oder ein Raumschiff oder eine einsame Insel, aber am Ende kommt immer dasselbe heraus. Es ist, als würde der Stift in meinen Fingern zum Leben erwachen, als würde er meine eigentliche Absicht besser kennen als ich selbst. Ich weiß von damals, als wir noch fernsehen und Bücher lesen durften, noch in etwa, was ein Psychiater ist, auch wenn ich nichts gesagt habe, als Doktor Hernandez mich danach fragte, und er würde bestimmt sagen, die Zeichnungen seien Ausdruck meines Unterbewusstseins. Wahrscheinlich hätte er auch recht, aber da ich sie ihm nicht zeigen werde, ist es im Grunde egal.

Ich zeichne die ersten Linien und fast sofort nimmt das vertraute Bild aus meinem Kopf auf dem Papier Gestalt an. Anschließend nehme ich Buntstifte und überlasse mich den eintönigen Bewegungen des Ausmalens, bei denen meine Hände wie von selbst arbeiten, während mir bruchstückhafte Erinnerungen durch den Kopf gehen …

… an meinen Vater, obwohl ich weiß, dass nicht wirklich er es ist, sondern eine Version, die meine Fantasie aus einem alten Foto erschaffen hat. Er lächelt mich an, und ich überlege, ob er wirklich so ausgesehen hat, wenn er gelächelt hat. Die Menschen sehen so anders aus, wenn sie sich bewegen und nicht zu einem Bild erstarrt sind …

… an das Feuer, das durch die Fenster der Kapelle schlägt und sich rasend schnell über den Wüstenboden ausbreitet wie ein wildes Tier auf der Jagd, knisternd vor wilder Freude …

… an Honeys Gesicht, als sie Father John widersprach, als sie ihn trotzig ansah und absichtlich ketzerische Dinge sagte …

… an meine Mutter, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hinten im roten Pick-up, die Plastiktüte mit ihrer gesamten Habe an sich gedrückt und den Blick unverwandt auf mich gerichtet ….

… an Nate, wie er sich im Dunkeln über mich beugt, die Augen groß, die Stimme besorgt und die Hände voller verbotener Dinge …

… an die abgesperrte Tür im Keller des Großen Hauses …

… an Father John, nachdem seine Prophezeiungen sich endlich erfüllt hatten und die Diener der Schlange vor unseren Toren standen. Ich suche in seinem Gesicht nach der Gewissheit, die die Legion getragen und meine Brüder und Schwestern – und lange auch mich – überzeugt hat, dass nämlich der Herr über sie wachen und ihnen zu einem glorreichen Sieg verhelfen würde, und finde nichts …

… Alice, aus deren Bauch die Gedärme quellen …

… den Panzer, der auf uns zurollt …

… Blut …

… leere Patronenhülsen …

… so viel Blut …

… meine Welt in den letzten Momenten vor ihrem Ende …

Ein Schauer überläuft mich und ich erzittere. Dann blicke ich auf das Blatt Papier und sehe dasselbe Bild wie immer.

Wasser füllt den größten Teil aus, hellblau mit weißen Flecken. Ich weiß nicht genau, um was es sich handelt – einen See, ein Meer, einen Fluss oder noch etwas anderes –, denn das größte Gewässer, das ich je mit eigenen Augen gesehen habe, ist der Brunnen auf dem Marktplatz von Layfield. Ich zeichne jedenfalls nicht aus der Erinnerung.

Am Rand des Wassers ragen braun gezackte Klippen auf. Sie führen zu einer flachen, mit üppig grünem Gras bewachsenen Landzunge, die so ganz anders aussieht als die Wüste mit ihrer zusammengebackenen orangefarbenen Erde. Auf der Landzunge steht vom Rand der Klippen zurückgesetzt ein kleines Haus mit hellblauen Mauern und einem weißen Dach und einem Kamin, aus dem eine zart gekräuselte graue Rauchwolke zu einem Himmel aufsteigt, der fast dieselbe Farbe hat wie das Wasser.

Neben dem Haus stehen zwei kleine Gestalten, nicht viel mehr als Strichmännchen, aber ich weiß genau, wer sie sind.

Die eine bin ich.

Die andere ist meine Mutter.

DANACH

Beim Aufwachen sind meine Laken schweißnass und ein Schrei steigt in mir auf.

Schlechte Träume. Der Brand und Luke und Father John.

Ich blicke auf die Uhr über der Tür.

08:57.

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie so lange geschlafen. Höchstens wenn ich krank war. Es dauert nur noch drei Minuten, dann kommt Schwester Harrow mit dem Frühstück, wenn sie gestern die Wahrheit gesagt hat.

NATÜRLICH HAT SIE DAS NICHT!, dröhnt Father Johns gewaltige Stimme durch meinen Kopf. SIE IST EINE VON DENEN DRAUßEN! UND DIE LÜGEN! DIE TUN NICHTS ANDERES ALS LÜGEN!

Ich bekomme eine Gänsehaut auf den Armen. Die Macht, die der Stimme des Propheten innewohnt, versetzt mich trotz allem, was passiert ist, immer noch in Angst und Schrecken: ihre absolute Gewissheit und Autorität, die keinerlei Einwand duldet. Ich mache die Augen fest zu und konzentriere mich mit aller Kraft auf das Wasser und die Klippen und das blaue Haus, und allmählich vergeht die Stimme, obwohl ich weiß, dass ich sie wohl nie ganz loswerde.

Ich öffne die Augen und setze mich auf die Bettkante. Die Schmerzen in meiner Hand sind schlimmer denn je. Horizon sagte immer, wenn etwas besonders wehtut, sei es auf dem Weg der Besserung, und ich hoffe inständig, dass er recht hat. Denn meine Hand fühlt sich an, als hätte jemand einen Flammenstrahl auf meine Finger gerichtet, und wenn ich sie durch den dicken Verband berühre, fühlt es sich an wie das Ende der Welt.

Ich weiß nicht, wann ich gestern eingeschlafen bin. Ich habe zu Ende gezeichnet und dann eine Weile geweint, bis Schwester Harrow mit einem Kunststofftablett kam, auf dem ein Teller mit Würstchen und Kartoffelpuffer stand. Und weil sie wieder so freundlich war, habe ich noch etwas geweint, als sie ging, und beim Essen sind mir die Tränen über die Wangen gelaufen.

Ich weiß nicht, wann genau, aber irgendwann nach dem Essen habe ich mich hingelegt und die Augen zugemacht. Wenn ich es im Kopf überschlage, muss ich mit Unterbrechungen an die achtzehn Stunden geschlafen haben. Aber ich fühle mich nicht ausgeruht, sondern ausgelaugt und erschöpft, als sei nicht mehr genug von mir da, um Kraft für irgendetwas zu haben.

Ich fühle mich leer.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, und jemand klopft an die Tür, die anschließend aufgeht. Das Klopfen kommt mir unsinnig vor, weil ich doch wohl sowieso nicht verhindern könnte, dass der Betreffende hereinkommt, aber es ist vermutlich höflich.

Schwester Harrow erscheint, wieder mit einem Tablett in den Händen. Diesmal stehen darauf ein dampfender Teller mit Rührei, Speck und Bratkartoffeln, ein Fruchtsalat und ein Plastikbecher mit Orangensaft. Mein erster Gedanke – der mir praktisch sofort kommt – ist, dass ich das unmöglich essen kann, weil das Obst zwar in einer kleinen Schale ist, aber doch Teil derselben Mahlzeit wie die Kartoffeln, und Obst und Gemüse in derselben Mahlzeit sind absolut verboten. Die Gebote der Legion, die Father John direkt von Gott an uns übermittelt hat, sind in mein Gehirn eingeschnitten wie mit einem Skalpell.

Mein Magen knurrt, aber ich versuche stillzuhalten und bringe sogar ein kleines Lächeln zustande, als Schwester Harrow das Tablett auf den Tisch stellt. Sie sieht das Bild, das ich gestern nach der Begegnung mit Doktor Hernandez gemalt habe, und mein Herz beginnt schneller zu schlagen, weil ich das nicht will. Es fühlt sich an, als würde sie mich nackt sehen.

»Das ist sehr schön«, sagt sie, und ihr Lächeln wird breiter. »Wo steht das Haus denn?«

»Nicht anfassen«, sage ich. Es sind die ersten Worte, die ich sage, seit ich hier bin, wo immer das ist, und meine Stimme ist nur ein Krächzen. In meinem Kopf schimpft Father John, ich sei dumm, unnütz und schwach. »Bitte.«

Schwester Harrow nickt und tritt vom Tisch zurück. »Ich fasse es nicht an«, sagt sie, »keine Sorge. In zwanzig Minuten komme ich wieder. Ich will noch den Verband wechseln, bevor du zu Doktor Hernandez gehst. Einverstanden?«

Ich nicke. Sie lächelt noch einmal, verschwindet durch die Tür und schließt hinter sich ab. Ich warte, bis ich sicher bin, dass sie wirklich gegangen ist, dann nehme ich die Zeichnung, falte sie zusammen und drücke sie an die Brust, während ich mich im Zimmer nach einem Versteck umsehe.

Es gibt keins.

Natürlich nicht. Zimmer mit dicken Türen, die man absperren kann, und Fenstern, an die man nicht kommt, haben keine Verstecke. Ich denke an das lose Brett unter meinem Bett in der Basis und das dunkle Fach darunter. Der Boden, auf dem ich jetzt stehe, besteht dagegen aus glatten Kunststofffliesen und auch die Wände um mich sind langweilig eben.

Am einfachsten wäre es, das Blatt einfach zu zerreißen – schließlich kann ich das Haus und die Klippen und das Wasser jederzeit wieder zeichnen –, aber ich will das nicht. Nein. Die Zeichnung ist das Einzige in diesem Zimmer, das wirklich mir gehört.

Stattdessen knöpfe ich den Kopfkissenbezug auf, stecke das zusammengefaltete Blatt hinein und drehe das Kissen um, damit das deutlich sichtbare Rechteck gegen die Matratze gedrückt wird. Es ist so ziemlich das schlechteste Versteck aller Zeiten, und obwohl ich nicht glaube, dass in meinem Zimmer Kameras sind – jedenfalls sehe ich keine –, würde Schwester Harrow oder sonst jemand höchstens fünf Sekunden brauchen, um die Zeichnung zu finden, wenn sie sie suchen würden.

Aber ich habe kein besseres.

»Ich möchte dir einen Vorschlag machen«, sagt Doktor Hernandez. »Wenn es dir recht ist.«

Ich sitze wieder auf dem Sofa im GESPRÄCHSRAUM 1. Der Psychiater sitzt hinter dem Schreibtisch, vor sich Notizbücher und Stifte ordentlich aufgereiht, und das grüne Lämpchen des Apparats daneben leuchtet. Beim Hereinkommen hat er mich gefragt, wie es mir heute Morgen geht. Ich habe nicht geantwortet, obwohl es mir tatsächlich ein wenig besser geht – zumindest körperlich –, nachdem Schwester Harrow den Verband gewechselt und eine fettige weiße Salbe auf die verbrannte Haut meiner Hand geschmiert hat.

Auch auf diese Frage antworte ich nicht.

»Ich nehme das als Ja«, sagt er. »Ich schlage dir einen Tausch vor. Du stellst eine Frage und ich beantworte sie. Dann frage ich und du antwortest. Wie klingt das?«

In meinem Kopf warnt Father John mich davor, auf einen so offensichtlichen Trick hereinzufallen. Ich solle nicht dumm und naiv sein und den rechten Glauben verraten. Ich versuche seine Stimme nach Kräften zu ignorieren, aber es ist wirklich schwer – sie dröhnt und schimpft in einem fort, und diese Stimme war jahrelang die einzige, die zählte, die einzige Quelle der Wahrheit in einer Welt voller Lügen. Trotzdem versuche ich es, denn obwohl ich Angst habe, mit Doktor Hernandez – oder auch sonst jemandem – zu sprechen, und auch keine Fragen beantworten will, muss ich doch zwei Dinge wissen. Ich ertrage die Ungewissheit nicht länger.

Trau dich, flüstert die Stimme in meinem Kopf. Sie gehört diesmal nicht Father John, sondern klingt mehr wie ich, nur dass sie Dinge sagt, die ich nie zu sagen wagen würde.

»Also gut«, sage ich. Doktor Hernandez lächelt. Ich frage mich, ob er schon geglaubt hat, ich würde nie mehr sprechen. »Aber nur, wenn ich anfangen kann.«

»Natürlich«, sagt er. »Schieß los. Alles, was du willst.«

Ich hole tief Luft. »Wo ist meine Mutter?«

Sein Lächeln wird dünner, und ich sehe das Mitleid auf seinem Gesicht und will nicht, dass ich ihm leidtue, kann ihm das aber nicht sagen, weil ich wegen seines Gesichts eine solche Angst davor habe, was er gleich sagen wird, dass mein Hals wie zugeschnürt ist und ich keine Luft bekomme.

»Es tut mir leid«, sagt er, »aber über deine Mutter habe ich leider keine Informationen.«

Ich entspanne mich ein wenig. Mit dieser Antwort – oder genau genommen Nicht-Antwort – habe ich so ziemlich gerechnet, auch wenn es wehtut, die Worte laut zu hören.

Es könnte schlimmer sein, flüstert die Stimme in meinem Kopf. Er hätte sagen können, sie sei tot.

Stimmt, das wäre schlimmer gewesen. Ich weiß allerdings nicht, wie viel schlimmer, weil Nichtwissen trotz der vielen Zeit, die inzwischen vergangen ist, auch schlimm ist.

»Es tut mir leid«, sagt er noch einmal.

»Sie ist nicht hier?« Meine Stimme ist immer noch ein leises Krächzen.

»Nein«, sagt er. »Nein.«

»Lebt sie noch?«

»Ich weiß es nicht.«

Ich starre ihn an. »Sie wissen es nicht?«

»Leider nein. Ich wollte, ich könnte dir die Antwort geben, die du hören willst, oder dich anlügen, damit du dich besser fühlst, aber ich bin überzeugt, dass für den Prozess, den wir hier durchlaufen, Ehrlichkeit entscheidend wichtig ist. Wenn du bereit bist, möchten auch noch andere mit dir reden, und sie wissen womöglich mehr zum Thema als ich.«

Zum Thema! Du sprichst von meiner Mutter, Arschloch.

Ich werde wegen des anstößigen Wortes rot, obwohl ich die Einzige bin, die es gehört hat. Doktor Hernandez runzelt die Stirn.

»Alles in Ordnung?«

»Wann?«

»Wie bitte?«

»Wann möchten diese Leute mit mir reden?«

»Wenn der Zeitpunkt gekommen ist«, sagt er.

»Wann wird das sein?«

»Wenn du bereit bist.«

»Wer bestimmt das?«

»Ich«, sagt er, »in Abstimmung mit meinen Kollegen. Ich kann dir kein genaues Datum nennen, nicht in diesem frühen Stadium, aber ich verspreche dir etwas. Nach unserem Gespräch heute werde ich die anderen Behörden, die mit diesem Fall befasst sind, nach Informationen über deine Mutter fragen und ihre Antwort an dich weitergeben. Einverstanden?«

Ich zucke mit den Schultern. Ich weiß, dass ich jetzt Ja sagen soll, aber das tue ich nicht.

Doktor Hernandez sieht mich einen langen Augenblick an, dann schreibt er etwas in eins seiner Notizbücher. Er hat vier davon, alle verschieden groß, und außerdem noch drei Blöcke. Ich verstehe nicht, wozu er so viele braucht.

»Gut«, sagt er, legt seinen Stift hin und lächelt mich an. »Jetzt bin ich mit einer Frage dran. Immer noch einverstanden?«

Das ist nur fair, flüstert die Stimme in meinem Kopf.

Ich zucke wieder mit den Schultern.

»Okay«, sagt er, »prima. Wie heißt du?«

»Moonbeam«, sage ich.

Sein Lächeln wird breiter. »Das ist aber ein schöner Name.«

Ich sage nichts.

»Hast du noch andere?«, fragt er.

»Andere was?«

»Namen.«

»Brauche ich mehr als einen?«

»Die meisten Leute haben mindestens zwei.«

»Ein paar von meinen Brüdern und Schwestern hatten sechs oder sieben. Ich habe nur einen.«

»Gut«, sagt er. »Kein Problem.«

Ich starre ihn an. Offenbar soll jetzt wieder ich etwas sagen, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was.

»Wenn du sagst, dass du nur einen Namen hast, glaube ich dir«, sagt er.

Tust du nicht, das spüre ich doch. Obwohl ich nicht weiß, warum du glaubst, ich würde wegen meines Namens lügen.

»Okay«, sage ich.

»Und wie hat John Parson dich genannt?«, fragt er.

»Father John hat mich Moonbeam genannt.«

»Hat er …«

Ich schüttle den Kopf. »Ich will nicht über ihn reden.«

»Kein Problem.« Doktor Hernandez hebt die Hände. Ganz ruhig, soll das wohl heißen, aber ich würde am liebsten seinen Kopf auf die Tischplatte knallen. »Überhaupt kein Problem. Wir brauchen nicht über ihn zu reden und auch sonst über nichts, was dir unangenehm ist. Erst, wenn du dazu bereit bist. Okay?«

Ich nicke, aber so, dass man es kaum sieht.

Er wirkt erleichtert. »Prima«, sagt er. »Du bist dran.«

»Was haben Sie mit meinem Brief gemacht?«, frage ich.

Er runzelt die Stirn. »Entschuldigung?«

»Ich hatte einen Brief in der Tasche«, sage ich. »Während des Brandes. Wo ist er?«

»Davon weiß ich leider nichts«, sagt er. »War er wichtig?«

Das Allerwichtigste auf der Welt.

Ich betrachte sein Gesicht in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, dass er lügt. Ich war schon immer ziemlich gut im Gesichterlesen, vor allem, nachdem das mit meiner Mutter passiert ist, aber auf dem Gesicht von Doktor Hernandez sehe ich nur Mitgefühl, also schüttle ich den Kopf. »Egal.«

Er nickt, scheint aber nicht ganz überzeugt. »Na gut«, sagt er. »Dann frag mich doch etwas anderes. Die Frage hat nicht wirklich gezählt.«

»Ich habe keine weiteren Fragen.«

»Gar keine?«

Die Fragen, die ich hatte, hast du ja nicht beantwortet.

»Nein.«

»Dann schlage ich vor, ich erzähle ein wenig davon, wo du hier bist. Vielleicht hast du dazu ja Fragen und vielleicht fühlst du dich in deiner neuen Umgebung dann ein wenig mehr zu Hause.«

Das bezweifle ich zwar sehr, aber ich zucke mit den Schultern. »Okay.«

»Prima«, sagt er. Mir fällt auf, dass er das ziemlich oft sagt. »Also das Gebäude, in dem wir uns hier befinden, heißt George W. Bush Municipal Center. Es liegt in Odessa, ungefähr achtzig Kilometer von dort entfernt, wo du gewohnt hast. Weißt du, wer George W. Bush ist?«

Ich schüttle den Kopf.

»Er war Präsident der Vereinigten Staaten«, sagt Doktor Hernandez. »Weißt du, was das bedeutet?«

»Er war der Regierungschef.«

»Stimmt genau«, sagt Doktor Hernandez. »George W. Bush war acht Jahre lang Präsident, bis 2009, und dieses Gebäude wurde nach ihm benannt, als er aus dem Amt ausschied. Der Bereich, in dem wir uns befinden, gehört zu einer sogenannten geschlossenen Abteilung. Dort können Menschen betreut werden und es kann ihnen nichts passieren. Weißt du, wo du warst, bevor man dich hierherbrachte?«

»Krankenhaus.«

»Stimmt«, sagt er. »Du warst im Mercy Memorial Hospital, zehn Kilometer westlich von hier. Du warst dort vier Tage.«

Mir wird ganz schwindlig. Ich habe das Gefühl, als hätte ich Monate in meinem Bett gelegen.

Vier Tage? Wirklich nur so kurz? Kann das stimmen?

»Ich weiß, dass jemand mit dir gesprochen hat, als du dort warst«, fährt Doktor Hernandez fort. »Ich weiß, dass man dir Fragen gestellt hat, als du noch gar nicht in der Lage warst, sie zu beantworten, und ich bedaure das sehr. Es hätte nicht passieren dürfen. Ab jetzt wird dir niemand mehr Fragen stellen, ohne dass ich dich vorher frage, ob du damit einverstanden bist, versprochen.«

Ich nicke zum ungefähr hundertsten Mal. Zwar habe ich das Gefühl, dass ein Nicken nicht ausreicht, dass er als Antwort mehr erwartet, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun sollte. Ich könnte ein Lächeln versuchen, aber ich glaube nicht, dass es überzeugend wirken würde.

»Du bist keine Gefangene«, sagt er, »und es ist wichtig, dass du das auch nicht glaubst. Zwar kann man die Türen abschließen und du bekommst gesagt, was du tun und wohin du gehen sollst, und natürlich bist du mit deiner Situation überhaupt nicht zufrieden. Aber du musst mir glauben, wenn ich sage, dass das alles in erster Linie deiner Sicherheit und deinem Wohl dient. Du hast nichts zu befürchten.«

Ich muss fast laut lachen.

Du hast ja keine Ahnung, denke ich. Nicht die leiseste Ahnung.

»Dann kann ich gehen?«, frage ich.

»Siehst du«, sagt er, und sein Lächeln kehrt zurück. »Du hast doch noch eine Frage.«

Ich starre ihn an.

»Die Antwort lautet Ja«, sagt er, als er merkt, dass ich nicht auf seine Bemerkung eingehe, die offenbar als Witz gemeint war. »Ich bin nur deshalb hier, um dir zu helfen, so schnell wie möglich in dein Leben zurückzufinden.«

»Aber kann ich jetzt gleich gehen?«

Er runzelt die Stirn. »Äh, nein«, sagt er. »Also nicht jetzt gleich.«

»Warum bin ich dann keine Gefangene?«

Er muss offenbar kurz überlegen. »Das ist mehr eine Frage der Wahrnehmung«, sagt er schließlich. »Du musst das hier als Prozess verstehen, den wir gemeinsam durchlaufen, und akzeptieren, dass wir dafür bestimmte Grenzen brauchen. Wir müssen an einem Ort arbeiten, an dem du dich sicher fühlst, an dem wir uns mit den Dingen, die du durchgemacht hast, beschäftigen und anschließend überlegen können, wie man damit umgeht. Wenn wir damit fertig sind und ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass es dir gut geht und du bereit bist, kannst du jederzeit gehen.«

Das glaube ich nicht, keine Sekunde. Aber ich halte es für sinnlos, das laut zu sagen.

»Wann wird das sein?«, frage ich.

»Je früher wir anfangen, desto früher sind wir fertig.«

»Okay.«

»Prima«, sagt Doktor Hernandez und schlägt ein Notizbuch auf. »Wie alt bist du, Moonbeam?«

Es ist nur fair.

»Siebzehn«, sage ich.

»Wann hast du Geburtstag?«

»Ich werde im November achtzehn. Am einundzwanzigsten.«

»Ich schicke dir eine Karte«, sagt er.

Noch ein Witz. Ich starre ihn wieder an.

Er hat den Blick gesenkt und schreibt etwas. Ich warte. Dann blickt er auf. »Gibt es etwas, über das du heute gerne sprechen würdest?«, fragt er. »Egal was, vollkommen egal.«

»Nein.«

»Bist du sicher?«

»Ich lüge nicht«, lüge ich.

»Natürlich nicht.« Er macht wieder die beruhigende Handbewegung. Diesmal würde ich ihm am liebsten die Handgelenke brechen, weil ich finde, dass ich angesichts der Umstände unglaublich ruhig bin. »Wenn das so ist, erzähl mir doch einfach irgendwas. Egal was, es muss nichts Wichtiges sein, nur etwas über dein Leben.«

»Was denn zum Beispiel?«, frage ich.

»Das liegt ganz bei dir«, sagt er. »Was dir gerade einfällt.«

Ich überlege. Ich weiß schon, über was ich seiner Meinung nach reden soll – über das, was mich auch die uniformierte Frau im Krankenhaus gefragt hat –, aber das will ich nicht, nicht mit ihm und auch mit sonst niemandem, niemals, denn ich will nicht den Rest meines Lebens in einer Zelle verbringen, wenn ich es irgendwie vermeiden kann.

Andererseits, ich bin nicht dumm. Er glaubt es vielleicht, aber das bin ich nicht.

Ich weiß, dass er mich nie hier herauslässt, wenn ich ihm nicht zumindest irgendwas erzähle.

Betrachte das hier als Prozess, flüstert die Stimme in meinem Kopf.

Ich hole tief Luft und beginne zu sprechen.

DAVOR

Die Staubwolke, die von der Piste vor dem Tor der Basis aufsteigt, ist zu klein für ein näher kommendes Auto, aber trotzdem eilen alle vier Zenturios mit dem Gewehr in der Hand zum Tor. Wir bekommen nicht oft Besuch und die meisten Besucher sind nicht willkommen.

Am Zaun hängen Schilder mit der Aufschrift PRIVATGELÄNDE, aber das genügt nicht immer, um die Leute abzuschrecken. Ein paar Jahre lang hatten wir immer im Herbst Probleme, wenn die College-Erstsemester aus Midland und Odessa von ihren Kommilitonen in der Verbindung den Auftrag bekamen, auf der Basis etwas zu klauen und nach Hause zu bringen. Ich glaube nicht, dass sie dabei je Erfolg hatten – die Zenturios hatten sie gewöhnlich eingeholt, bevor sie am Zaun waren, und beförderten sie mit Gebrüll nach draußen in die Wüste. Aber bei mindestens zwei Gelegenheiten musste ein betrunkener, halb nackter Teenager aus den Maschendrahtringen auf dem Zaun herausgeschnitten werden. Wir wickelten die Jungs, die weinten und bluteten und vor Schreck kreideweiß waren, dann in Decken, und Amos fuhr sie auf der Ladefläche des roten Pick-ups nach Layfield, damit sie versorgt werden konnten. Irgendwann hörte es auf. Vermutlich wurde es den Leuten langweilig, jedes Jahr dasselbe zu machen, keine Ahnung.

Aber ich glaube nicht, dass wir uns wegen dieses Besuchers Sorgen machen müssen, denn es ist helllichter Tag, und wer immer die Staubwolke aufwirbelt, geht mitten auf der Straße. Die Jungs vom College kamen gewöhnlich durch die Wüste im Westen, wo sie ihre Autos in der Kurve des Highways parkten, wie Horizon vermutete, und sie kamen ausnahmslos nachts.

Zusammen mit einer wachsenden Schar von Brüdern und Schwestern, darunter Iris, Alice, Luke, Martin, Agavé und ein halbes Dutzend weitere, eile ich in Richtung Tor. Ich spüre ein Kribbeln im Bauch, als wir uns dem Tor nähern, an dem die Zenturios angehalten und sich aufgestellt haben, Horizon ein wenig vor den anderen. Nicht weil ich glaube, dass gleich etwas Schlimmes passiert, sondern weil ein Tag, der bisher so ereignislos verlaufen ist, jetzt womöglich doch noch interessant wird.

Die Zenturios haben die Tür zu meinem Zimmer kurz nach der Morgendämmerung aufgeschlossen, und ich habe in der Legionärshalle dasselbe gefrühstückt wie immer: zwei Grapefruithälften, zwei harte Eier – Eier sind kein Gemüse, ich verstoße also nicht gegen ein Gebot – und eine Schüssel Müsli mit Rosinen. Dann habe ich ein paar Stunden im Gemüsegarten hinter dem Großen Haus gearbeitet. Ich wollte gerade meine Geräte in den Schuppen zurückbringen, da bemerkte Iris die Staubwolke und rief den nächsten Zenturio.

Ich zwänge mich zwischen die breiten Schultern von Bear und Horizon und spähe durch die Metallstäbe des Eingangstors. Meine Haut fühlt sich plötzlich ganz heiß an, als wäre ich zu lange in der Sonne gewesen.

Auf der Piste nähert sich ein Mann. Die Wüstenluft weht ihm die langen blonden Haare ins Gesicht, und sein T-Shirt sieht aus wie auf die Muskeln gesprayt, die so ausgeprägt sind, dass ich sie ziemlich sicher sogar aus der Ferne zählen könnte. Er trägt ausgebleichte Jeans und staubige Stiefel, über seine Schulter hängt eine Reisetasche und auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln, bei dem meine Knie sich anfühlen, als wollten sie unter mir nachgeben.

»Nein!«, flüstert Alice. »Führe mich nicht in Versuchung, Herr.«

Das macht mich plötzlich so wütend, dass ich ganz verwirrt bin. Alice ist zwanzig, fünf Jahre älter als ich, und hat zwei Töchter, und ein kindischer Teil von mir, von dessen Existenz ich bis vor fünf Sekunden noch nichts wusste, würde am liebsten rufen: »ICH HABE IHN ZUERST GESEHEN!« Aber natürlich tue ich das nicht, es wäre lächerlich. Stattdessen beobachte ich mit klopfendem Herzen, wie der Mann in einiger Entfernung vor den Zenturios mit ihren Gewehren stehen bleibt und zum Zeichen seiner friedlichen Absicht die Hände hebt.

»Keine Panik«, sagt er. »Ganz ruhig. Ich komme in Frieden.«

Seine tiefe, ein wenig schleppende Stimme weckt in mir das dringende Bedürfnis, das Tor aufzureißen, die Piste entlangzulaufen und mich an ihn zu werfen, obwohl er doch von außen kommt und womöglich gefährlich ist und viel älter aussieht als ich und obwohl die Dritte Verkündigung unmissverständlich klarstellt, dass ich so etwas nicht einmal denken darf.

»Ich denke, das entscheiden wir«, sagt Horizon. Er klingt bestimmt, aber nicht unfreundlich. »Was führt dich her?«

»Es gibt Fragen, die mich umtreiben«, sagt der Mann. »Und ich habe gehört, dass ich hier vielleicht die Antworten finde.«

»Vielleicht«, sagt Horizon. »Vielleicht aber auch nicht. Wie heißt du, Freund?«

»Nate. Nate Childress.«

»Wo kommst du her, Nate Childress?«

»Aus Lubbock«, antwortet der Mann – Nate, er hat gesagt, er heißt Nate – und zeigt mit einer Kopfbewegung in die Richtung der Straße, auf der er gekommen ist. »Also ursprünglich. Aktuell komme ich aus Abilene.«

»Wer hat gesagt, du würdest hier vielleicht Antworten finden?«, fragt Horizon.

»Eine Kellnerin vom Diner unten in Layfield. Bethany hieß sie. Wir kamen ins Gespräch, und sie meinte, ich sollte mir das hier ansehen.«

Danke, Bethany, tausend Dank!

»Das kommt mir unwahrscheinlich vor«, sagt Horizon. »Wir haben mit den Leuten aus dem Ort nicht viel zu tun.«

»Das sagte sie aber. Sie sagte, sie hätte mit Kindern von hier gesprochen, als sie selbst noch ein Kind war, und es sei schade, dass die Kinder nicht mehr kämen.«

Horizon nickt. Die anderen drei Zenturios stehen stumm daneben. Sie haben ganz offensichtlich beschlossen, ihm das Reden zu überlassen.

»Also gut«, sagt Horizon. »Wenn du nach Antworten suchst, gibt es hier einen Mann, mit dem du sprechen solltest. Aber ich warne dich jetzt, wo wir noch im Guten miteinander sprechen, wenn dein Herz falsch ist, wird er das sehen. Man kann ihn nicht anlügen und erst recht nicht hinters Licht führen, wenn du also das vorhast, drehst du am besten gleich wieder um und kehrst dorthin zurück, wo du hergekommen bist.«

»Danke für die Warnung«, sagt Nate. »Aber ich denke, ich gehe das Risiko ein.«

»Dann sei es so.« Horizon öffnet das Vorhängeschloss am Tor. »Willkommen in der Heiligen Kirche der Legion Gottes. Wenn du den rechten Weg gefunden hast, möge dein Aufenthalt hier lang und fruchtbar sein. Doch das entscheide nicht ich.«

Er zieht das Tor auf und wir anderen weichen zurück. Nate geht langsam hindurch und nickt meinen Brüdern und Schwestern zu. Als er bei mir ankommt, lächelt er, und ich spüre, wie mein Gesicht rot wird und brennt wie die Sonne, und ich will etwas sagen, etwas Kluges und Witziges und Originelles, aber mein Kopf ist vollkommen leer, deshalb starre ich ihn nur an, während er weitergeht.

»Ich begleite dich zur Kapelle«, sagt Horizon und gibt Bear das Vorhängeschloss, damit er wieder abschließt. »Dort kannst du auf Father John warten.«

Nate nickt. »Dann geh voraus.«

Horizon hängt sich das Gewehr über die Schulter und geht mit Nate auf das Gebäude zu, das im Zentrum der Basis aufragt. Wir anderen folgen den beiden bis zum asphaltierten Hof. Dort zweigt Amos in Richtung des Großen Hauses ab. Er blickt noch einmal über die Schulter. Horizon führt Nate die Treppe hinauf und in die Kapelle und macht die Tür zu, sodass wir anderen draußen bleiben müssen.

»Oh Gott«, sagt Alice mit einem Blick so voller Lust, dass ich fast einen Schritt zurückweiche. »Mein Herz! Ich halte das nicht mehr aus. Wenn der Prophet ihn nicht bleiben lässt, geh ich mit ihm mit.«

»Pass auf, was du sagst, Alice«, sagt Jacob.

»Warum sollte Father John ihn nicht bleiben lassen?«, frage ich, ohne ihn zu beachten.

»Warum sollte er?«, fragt Luke. »Hier kommt niemand aus heiterem Himmel hereingeschneit. Er will wahrscheinlich nur Unfrieden stiften.«

»Still, Luke«, sagt Alice. »Du weißt nicht, von was du redest.«

Luke zuckt mit den Schultern. »Wir werden ja sehen.«

»Genau«, sagt Alice, »das werden wir.«

Am Nordrand des Hofes tritt Father John auf die Veranda des Großen Hauses und geht in unsere Richtung, dicht gefolgt von Amos. Wir verstummen und er steigt die Treppe hinunter. Seine langen schwarzen Haare wehen um seinen Kopf. Er trägt ein graues Hemd und staubige Bluejeans und blickt ernst und streng, nimmt sich aber trotzdem einen Moment Zeit und nickt in unsere Richtung, bevor er zur Kapelle weitergeht und darin verschwindet. Amos bleibt bei uns stehen. Er hat die wettergegerbte Stirn gerunzelt.

»Was hat der Prophet gesagt?«, fragt Luke.

»Father John bespricht so etwas nicht mit Leuten wie mir«, sagt Amos. »Er wird mit dem Mann reden und sich dann mit Gott besprechen, und dann wird er uns mitteilen, was dabei herausgekommen ist.«

»Ich finde, wir sollten ihn bleiben lassen«, sagt Alice.

»Aha«, sagt Amos. »Ich glaube, ich weiß, welcher Teil von dir das will.«

Alice kneift die Augen zusammen. »Sprich nicht so mit mir, Amos. Dazu besteht kein Anlass.«

Amos zuckt mit den Schultern und kehrt ihr den Rücken zu. Wir anderen stehen bewegungslos und stumm da und warten darauf, dass Father John uns das Wort des Herrn zu Nate Childress mitteilt. Die Minuten vergehen und die Sonne brennt auf uns nieder, während meine Brüder und Schwestern und ich angestrengt auf Geräusche aus der Kapelle lauschen.

Dann endlich, gefühlte Stunden später, geht die hohe Holztür auf und Father John tritt heraus. Sein Gesicht ist unbewegt und ausdruckslos. Horizon und Nate steigen hinter ihm die Treppe zum Hof hinunter, und als der Prophet stehen bleibt und sich an uns wendet, tun sie das auch.

»Ein Mensch wurde in unsere Mitte geführt«, sagt Father John. Kraftvoll und gebieterisch tönt seine Stimme über den Hof. »Es wird sich zeigen, ob er das Zeug dazu hat, ein wahrer Bruder der Gotteslegion zu sein, oder ob er als Diener der Schlange von hier vertrieben werden muss. Es wird sich zeigen, aber nicht einer der hier Versammelten wird darüber befinden. Der Mann mag deshalb die Nacht innerhalb unserer Mauern verbringen, während wir alle in dieser Sache beten. Bis zum Morgengrauen wird Gott uns gewiss seinen Willen kundtun. Der Herr ist freundlich.«

»Der Herr ist freundlich«, wiederholen alle, die auf dem Hof stehen, darunter auch ich.

Father John nickt Nate zu und wendet sich an Horizon. »In Haus Zwölf ist noch ein Bett frei. Gib ihm eine Decke und sorge dafür, dass er etwas zu essen bekommt.«

»Ja, Father«, sagt Horizon.

Der Prophet nickt und kehrt ohne ein weiteres Wort zum Großen Haus zurück. Nate lässt den Blick über die auf dem Hof Versammelten wandern. Auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln, das – zumindest auf mich – ziemlich unbehaglich wirkt.

»Ihr habt Father John gehört«, sagt Horizon. »Wer zeigt dem Mann …«

»Ich«, sage ich. »Ich bringe ihn zu Haus Zwölf.«

Horizon lächelt und nickt. Nate sieht mit erhobenen Augenbrauen in meine Richtung und ich spüre Alice’ wütenden Blick im Rücken.

»Einverstanden«, sagt Horizon. »Nate, Moonbeam wird dir zeigen, wo du deine Sachen abstellen kannst. Das lange Gebäude im Osten der Kapelle ist die Legionärshalle. Dort treffen wir uns in einer halben Stunde zum Mittagessen.«

Die Menge zerstreut sich mit aufgeregtem Getuschel. Das überrascht mich nicht. Es ist über zwei Jahre her, dass jemand auf anderem Weg als durch Geburt der Legion beigetreten ist. Nate schwingt seine Tasche auf die Schulter und kommt mit einem breiten Lächeln zu mir.

»Moonbeam«, sagt er. »Was für ein schöner Name.«

Mein Gott, lass mich sterben. Lass mich jetzt gleich zum Himmel auffahren, denn nichts kann je schöner sein als dieser Moment.

»Danke«, bringe ich heraus, und schlagartig wird mir siedend heiß bewusst, wie albern meine Stimme klingt, so hoch und wacklig und piepsig wie die einer Katze, und ich verstehe nicht, warum mir das bisher noch niemand gesagt hat. Ich überlege schon, ob ich vielleicht nie wieder den Mund aufmache, da meint die Stimme in meinem Kopf – und sie klingt belustigt –, ich solle mich beruhigen. Ich hole tief Luft und zeige nach Norden. »In diese Richtung.«

»Geh voraus«, sagt Nate. »Das Zimmer hat auch einen Whirlpool, ja?«

Ich sehe ihn stirnrunzelnd an. »Es hat vier hölzerne Wände«, sage ich. »Und ein Bett und vielleicht auch ein Regal.«

Er lacht und in mir wird alles zu Lava. »Wir zwei werden uns gut verstehen«, sagt er. »Das spüre ich.«

DANACH

»Wann ist Nate Childress im Lager der Legion eingetroffen?«, fragt Doktor Hernandez.

Ich verziehe das Gesicht. »Ich mag dieses Wort nicht.«

»Lager?«

Ich nicke.

»Entschuldige«, sagt er. »Ich werde es nicht mehr verwenden.«

»Danke«, sage ich.

Er schreibt etwas in ein Notizbuch. »Also, wann ist er gekommen?«

»Vorletzten Sommer.«

Er notiert wieder etwas, dann lehnt er sich zurück und lächelt mich an. »Warum erzählst du mir das, Moonbeam?«

»Ich dachte, es sei egal, was ich erzähle.«

»Ist es auch«, sagt er. »Ich frage mich nur, ob es vielleicht eine besonders schöne Erinnerung ist.«

Ich überlege. Alles ist durch das in Mitleidenschaft gezogen, was später passierte. Meine Erinnerungen sind geschwärzt, verzerrt und verdorben, aber ich versuche mich zu erinnern, wie ich mich an dem Tag, an dem Nate kam, gefühlt habe, also wirklich gefühlt habe, und wie sehr ich mich gefreut habe, als Father John verkündete, er dürfe bleiben.

»Ja«, sage ich schließlich. »Es ist eine schöne Erinnerung.«

»Warum?«, fragt er.

»Weil Nate mein Freund war.«

Wir sitzen lange Zeit schweigend da. Doktor Hernandez sieht mich an, den Anflug eines Lächelns auf den Lippen, und ich habe keine Ahnung, ob ich ihm etwas erzählt habe, was ihn interessiert, und ob es reicht, was ich erzählt habe – zumindest vorerst. In meinem Kopf tobt Father John und beschimpft mich, weil ich mit einem von draußen spreche und auch noch mit einem Psychiater. Doktor Hernandez sieht mich ruhig an und sein Lächeln wirkt echt, und es fällt mir wirklich schwer, sein Gesicht zu lesen, was von seiner Seite vermutlich beabsichtigt ist, aber deshalb nicht weniger frustrierend. Endlich, nach gefühlten Stunden eines Schweigens, das nicht entspannt ist, aber auch nicht wirklich angespannt, blickt er auf die Uhr.

»Es ist noch ein wenig früh, aber ich denke, wir beenden die Sitzung hier«, sagt er. »Wenn du nichts dagegen hast.«