Beschreibung

Zwei erotische Romane in einem Band! Man sollte Geschäftliches und Vergnügen immer trennen. Man sollte politische Entscheidungen nie im Schlafzimmer treffen. Und dennoch habe ich beides getan, als ich mich mit Jackson Rutledge einließ. Ich kann also nicht behaupten, ich wäre nicht gewarnt worden. Zwei Jahre später kam er einfach hereinspaziert und mischte sich in einen Deal ein, für den ich hart gearbeitet hatte. Unter der Anleitung von Lei Yeung, einer der erfolgreichsten Geschäftsfrauen in New York, hatte ich ein oder zwei Dinge dazugelernt seit Jax abgehauen war. Ich war nicht mehr das Mädchen von damals, aber er schien unverändert. Es war anders als das letzte Mal, denn nun wusste ich genau worauf ich mich einlasse … und wie schnell ich ihm wieder verfallen könnte. Jax bewegte sich ausschließlich in seinem exklusiven Universum voller Glamour, Sex und Privilegien - aber da kannte ich mich nun auch aus. In der kalten Geschäftsswelt gab es eine wichtige Regel: Halte deine Feinde nah bei dir, aber deine Ex-Lover noch näher …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 333


Sylvia Day

Afterburn – Ekstase

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

Aftershock – Erlösung

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2014 by MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH

Deutsche Erstveröffentlichungen

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

Afterburn

Copyright © 2013 by Sylvia Day LLC

erschienen bei: HQE Cosmo;

Cosmo and Cosmopolitan are registered trademarks of Hearst Communications, Inc.

Aftershock

Copyright © 2014 by Sylvia Day LLC

erschienen bei: HQE Cosmo;

Cosmo and Cosmopolitan are registered trademarks of Hearst Communications, Inc.

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Autorenfoto: © Ian Spanier Photography

ISBN eBook 978-3-95649-413-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Sylvia Day

Afterburn – Ekstase

Roman

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

1. KAPITEL

An einem windigen Herbstmorgen betrat ich den verspiegelten gläsernen Wolkenkratzer mitten in Manhattan und ließ in kühler Stille die Kakofonie aus gellenden Hupen und dem Stimmengewirr der Passanten hinter mir. Meine High Heels klackerten auf dem dunklen Marmorboden der imposanten Halle im Tempo meiner viel zu schnellen Herzschläge. Mit feuchten Händen zeigte ich meinen Ausweis am Empfang vor und nahm meine Besucherkarte entgegen. Als ich zum Lift ging, wuchs meine Nervosität.

Haben Sie sich jemals etwas so inständig gewünscht, dass Sie sich unmöglich vorstellen konnten, Sie würden es nicht bekommen?

In meinem Leben gab es zwei solche Wünsche – sie betrafen den Mann, in den ich mich dummerweise verliebt hatte, und den Job der persönlichen Assistentin, um den ich mich bewerben wollte.

Der Mann tat mir nicht gut, aber der Job würde mein Leben auf wunderbare Weise verändern. Undenkbar, dass ich ihn nicht kriegen würde. Ich hatte einfach dieses Gefühl, die Arbeit für Lei Yeung wäre genau das, was ich brauchte, um meine Flügel auszubreiten und zu fliegen.

Obwohl ich mir Mut zusprach, stockte mir der Atem, als ich im zehnten Stock aus dem Lift stieg und die Rauchglastür von Savor, Inc sah. In femininer Metallschrift zog sich der Firmenname quer über die beiden Türflügel und forderte mich dazu heraus, an meinen Traum zu glauben, jeden Moment des Bewerbungsgesprächs zu genießen.

Während ich wartete, musterte ich durch die Scheibe die gut gekleideten jungen Frauen, die im Empfangsbereich saßen. Im Gegensatz zu mir trugen sie nicht die Secondhandmode der letzten Saison. Und sicher hatte keine einzige drei Jobs gebraucht, um ihr Studium zu bezahlen. In fast allen Belangen war ich im Nachteil. Doch das hatte ich gewusst, und ich ließ mich nicht einschüchtern – nicht allzu sehr zumindest.

Es summte und ich konnte die Sicherheitstür öffnen. An milchkaffeebraunen Wänden sah ich Fotos von prominenten Köchen und angesagten Restaurants. Das schwache Aroma von süßen Keksen lag in der Luft, ein tröstlicher Duft aus meiner Kindheit. Nicht einmal das beruhigte mich.

Nach einem tiefen Atemzug meldete ich mich bei der Empfangsdame, einer hübschen Afroamerikanerin mit einem freundlichen Lächeln. Dann musste ich hinter anderen Bewerberinnen an einer Wand Schlange stehen. War mein vereinbarter Termin – ich hatte mich eine halbe Stunde zu früh eingefunden – ein Witz? Wie ich bald merkte, wurde jeder jungen Frau eine Audienz von fünf Minuten gewährt. Pünktlich passierten sie eine Tür und kamen wieder heraus.

Meine Nerven flatterten, auf meiner Stirn bildete sich ein Schweißfilm.

Als mein Name aufgerufen wurde, stieß ich mich so schnell von der Wand ab, dass ich auf meinen High Heels schwankte – ein Beweis für mein schwindendes Selbstvertrauen. Ich folgte einem attraktiven jungen Mann durch einen Korridor zu einem Büro mit einem offenen, unbesetzten Empfangsbereich und zu einer weiteren Doppeltür, die in Lei Yeungs Reich führte.

Lächelnd hielt mir der junge Mann die Tür auf. „Viel Glück.“

„Danke.“

Zuerst fiel mir der kühle, moderne Stil der Einrichtung auf, dann die Frau, die hinter dem wuchtigen Schreibtisch wie eine Zwergin aussah. In dem riesigen Raum mit der atemberaubenden Aussicht auf die Skyline von Manhattan hätte sie verloren gewirkt, wäre das nicht vom grellroten Gestell ihrer Lesebrille und dem perfekt darauf abgestimmten Lippenstift verhindert worden.

Während ich sie genauer betrachtete, bewunderte ich den kunstvollen Schwung einer silbergrauen Haarsträhne an ihrer rechten Schläfe. Lei Yeung war schlank, mit einem anmutigen Hals und langen Armen. Als sie von meinem Bewerbungsschreiben aufblickte und mich ansah, fühlte ich mich ausgeliefert und verletzlich. Sie nahm ihre Brille ab und lehnte sich zurück. „Setzen Sie sich, Gianna.“

Ich überquerte den cremefarbenen Teppich und sank in einen der Sessel aus Chrom und Leder, die vor dem Schreibtisch standen.

„Guten Morgen.“ Zu spät bemerkte ich meinen Brooklyn-Akzent. So eifrig hatte ich geübt, um ihn zu unterdrücken. Doch sie schien ihn nicht wahrgenommen zu haben.

„Erzählen Sie mir etwas über sich.“

Ich räusperte mich. „Nun, in diesem Frühjahr machte ich meinen Abschluss mit ‚magna cum laude‘ an der University of Nevada in Las Vegas …“

„Das habe ich soeben in Ihrem Lebenslauf gelesen.“ Mit einem leichten Lächeln milderte sie die Schärfe ihrer Unterbrechung. „Erzählen Sie mir etwas, das ich noch nicht weiß. Warum haben Sie sich für die Restaurant-Branche entschieden? Sechzig Prozent der neuen Lokale werden innerhalb der ersten fünf Jahre geschlossen. Sicher ist Ihnen das nicht entgangen.“

„Davon ist unser Restaurant nicht betroffen. Seit drei Generationen betreibt meine Familie ein Lokal in Little Italy“, verkündete ich voller Stolz.

„Warum arbeiten Sie nicht dort?“

„Weil uns jemand wie Sie fehlt …“ Verlegen schluckte ich, das war zu persönlich. Der Fauxpas schien Lei Young nicht zu stören. Aber mir war er furchtbar peinlich. „Ich meine, wir haben nicht Ihre Magie“, fügte ich rasch hinzu.

„Wir …?“

„Ja.“ Um mich zu fassen, atmete ich tief durch. „Ich habe drei Brüder. Wenn unser Dad in den Ruhestand tritt, können nicht alle das Rossi’s übernehmen. Das steht dem Ältesten zu, die beiden anderen möchten ihre eigenen Rossi’s gründen.“

„Und Ihr Beitrag? Ein Master in Restaurant-Management und viel Enthusiasmus?“

„Ja, ich möchte ihnen helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ihnen und anderen Leuten.“

Sie nickte und griff nach ihrer Brille. „Danke für Ihren Besuch, Gianna.“

Wurde ich weggeschickt? Einfach so? Offenbar würde ich den Job nicht bekommen. Und sie hatte sich gar nicht angehört, was ich ihr erklären musste, um sie von meinen Qualitäten zu überzeugen.

Ich stand auf, meine Gedanken überschlugen sich. Konnte ich mein Ziel doch noch erreichen? „Ms Yeung, dieser Job wäre wirklich sehr wichtig für mich. Ich arbeite hart, bin niemals krank, stets bestrebt, Eigeninitiative zu zeigen, und zukunftsorientiert. Und ich werde vorausahnen, was Sie brauchen, noch bevor Sie es selber merken. Wenn Sie mich engagieren, werden Sie es sicher nicht bereuen.“

Prüfend schaute sie mich an. „Das alles glaube ich Ihnen. Während Ihrer Ausbildung hatten Sie immer ausgezeichnete Zensuren. Sie sind intelligent, entschlossen und Sie scheuen keine Mühe. Zweifellos würden Sie sich für den Job eignen. Aber ich wäre nicht der richtige Boss für Sie.“

„Ich verstehe nicht …“ Hatte ich meinen Traumjob endgültig verloren? Bittere Enttäuschung schnürte mir die Kehle zu.

„Das müssen Sie auch nicht verstehen“, erwiderte sie sanft. „Vertrauen Sie mir. Im New York gibt es hundert Restaurants, wo Sie die Erfahrungen sammeln können, die Sie brauchen.“

Ich hob mein Kinn. So stolz war ich immer auf mein Aussehen gewesen, auf meine Familie, meine Wurzeln. Musste ich das alles infrage stellen?

Impulsiv beschloss ich zu gestehen, warum ich unbedingt für Savor, Inc arbeiten wollte. „Bitte, Ms Yeung, hören Sie mir zu. Glauben Sie mir, wir beide haben viel gemeinsam. Ian Pembry hat Sie unterschätzt, nicht wahr?“

Plötzlich schienen Funken aus ihren Augen zu sprühen. Dass ich ihren ehemaligen Geschäftspartner erwähnte, der sie hintergangen hatte, traf sie völlig unvorbereitet. Sie antwortete nicht. Und ich hatte nichts zu verlieren.

„Auch in meinem Leben gab es einen Mann, der mich unterschätzte. Sie haben einige Leute Lügen gestraft, Ms Yeung. Genau das will ich ebenfalls.“

Sie legte den Kopf schief. „Hoffentlich gelingt es Ihnen.“

Da ich keine weiteren Argumente vorbringen konnte, dankte ich ihr für die Zeit, die sie mir geopfert hatte. So würdevoll wie möglich verließ ich ihr Büro. Das war einer der schlimmsten Montage meines Lebens.

„Glaub mir, das ist eine dumme Kuh“, sagte Angelo zum zweiten Mal. „Sei froh, dass du den Job nicht bekommen hast.“

Ich war das Baby in der Familie und er der Jüngste meiner drei großen Brüder. Trotz meines Kummers musste ich über seinen Eifer lächeln.

„Da hat er recht.“ Nico, der Älteste, ein unverbesserlicher Witzbold, schob ihn aus dem Weg und stellte einen gefüllten Teller vor mich hin.

Wie üblich war das Rossi’s gerammelt voll, und deshalb saß ich an der Bar. Wir hatten viele Stammgäste – auch Prominente besuchten uns, um hier inkognito und ungestört zu essen. Das bunt gemischte Publikum zeugte vom hervorragenden Ruf, den das Rossi’s dank des warmherzigen Services und der exzellenten Küche erworben hatte.

Die Stirn gerunzelt rammte Angelo seinen Ellbogen zwischen Nicos Rippen. „Ich habe immer recht.“

„Ha!“, rief Vincent verächtlich durch das Küchenfenster, stellte zwei dampfende Teller auf das Servierbrett und riss die beiden entsprechenden Bestellzettel vom Klemmbrett. „Nur wenn du wiederholst, was ich gesagt habe.“

Wider Willen lachte ich über die Hänselei. Dann spürte ich eine Hand auf meiner Taille, noch bevor ich das Lieblingsparfüm meiner Mutter roch – Elizabeth Arden.

Ihre Lippen berührten meine Wange. „Wie schön, dich lachen zu sehen! Nichts geschieht …“

„… ohne Grund“, vollendete ich den Satz. „Ja, ich weiß. Trotzdem ärgere ich mich.“

Ich war das einzige Kind der Rossis, das studiert hatte, von der ganzen Familie unterstützt. Nun bedrückte mich das Gefühl, ich hätte sie alle enttäuscht. Gewiss, es gab zahllose Gastronomen in New York. Aber Lei Yeung ver-half nicht nur unbekannten Köchen zum Starruhm, sie war eine Naturgewalt.

Ganz besonders setzte sie sich für die Frauen in der Restaurant-Branche ein und war häufig Gast in Talkshows. Ein Kind chinesischer Einwanderer, hatte sie ihr Studium mit Bravour absolviert und dann ihre eigenen geschäftlichen Erfolge erzielt, nachdem sie von ihrem Mentor und Partner betrogen worden war. Wenn ich für sie arbeiten könnte, wäre meine Karriere gesichert.

Zumindest hatte ich mir das eingeredet.

„Iss deine fettuccine, bevor sie kalt werden“, mahnte meine Mutter und ging davon, um neue Gäste zu begrüßen.

Während ich ihr nachschaute, schob ich eine Gabel voller Pasta mit sauce alfredo in den Mund. Meine Mutter Mona Rossi zog viele Blicke auf sich. Ihre fast sechzig Jahre sah man ihr nicht an. Noch immer war sie schön und sexy, mit dunkelrotem Haar, das halb hochgesteckt ihr klassisches Gesicht umrahmte, vollen Lippen und dunklen Augen. Ihre majestätische, kurvenreiche Erscheinung betonte sie mit einem Faible für goldenen Schmuck.

Männer und Frauen liebten sie gleichermaßen. Scheinbar stets unbeschwert, strahlte meine Mom Selbstbewusstsein und Lebensfreude aus. Nur wenige Leute wussten, welche Sorgen ihr meine Brüder bereitet hatten, als sie herangewachsen waren. Doch sie hatte alle Schwierigkeiten gemeistert und ihre drei Jungs großartig erzogen.

Nach einem tiefen Atemzug nahm ich die vertraute Atmosphäre ringsum in mir auf – das lebhafte Stimmengewirr, das Gelächter, die Düfte köstlicher, fachkundig zubereiteter Speisen, das Geräusch des Bestecks auf Porzellan, das Klirren von Gläsern, wenn die Gäste miteinander anstießen. Weil ich mir so viel von meinem Leben wünschte, vergaß ich manchmal, wie viel ich schon hatte.

Nico kam zu mir zurück und drückte meine Hand. „Rot oder weiß?“

Vor allem die weiblichen Gäste schätzten seine Anwesenheit an der Bar. Mit seinem widerspenstigen dunklen Haar und dem verführerischen Lächeln wirkte er überaus attraktiv, flirtete mit allen Frauen und verzauberte sie nicht nur mit seinen grandiosen Drinks.

„Wie wär’s mit Champagner?“ Lei glitt auf den Barhocker an meiner Seite. Soeben war er frei geworden, weil ein junges Paar zu dem reservierten, frisch eingedeckten Tisch geführt wurde, auf den es gewartet hatte.

Ich blinzelte, und Lei lächelte mich an.

Jetzt sah sie viel jünger aus als im Büro, in Jeans und einer rosa Seidenbluse. Ihr Haar fiel offen auf die Schultern, und sie trug kein Make-up.

„Über dieses Lokal liest man online zahllose Lobeshymnen.“

„Klar, hier finden Sie ja auch das beste italienische Essen, das es in New York jemals gab.“

„In den letzten Jahren wurde es angeblich immer besser. Hängt das mit den Kenntnissen zusammen, die Sie während Ihres Studiums erlangt haben?“

Nico stellte zwei Kelche vor uns hin und füllte sie mit prickelndem Champagner. „Oh ja, das stimmt“, mischte er sich ein.

Aber Lei beachtete ihn nicht. Sie umfasste den Stiel ihres Glases und hielt meinen Blick fest. Glücklicherweise wusste mein Bruder, wann er überflüssig war, und schlenderte zum anderen Ende der Theke.

„Um auf unser Gesprächsthema zurückzukommen …“, begann Lei Yeung, und ich zuckte zusammen. Dann straffte ich die Schultern, denn sie besuchte das Rossi’s sicher nicht, um mich abzukanzeln. „Ian hat mich unterschätzt, aber nicht übervorteilt. Wenn ich ihm Vorwürfe machte, würde ich ihn zu wichtig nehmen. Damals ließ ich einfach die Tür offen, und er ging hindurch.“

Ich nickte. Die näheren Umstände des Streits kannte ich nicht, die waren privat. Doch ich hatte einige Berichte in Wirtschaftsmagazinen gelesen. In Klatschkolumnen und Blogs war ich auf zusätzliche Informationen gestoßen. Die beiden hatten ein kulinarisches Imperium aufgebaut, dem mehrere Spitzenköche und Restaurantketten angehörten. Außerdem brachten sie Kochbücher und preiswerte Küchengeräte auf den Markt, die sich millionenfach verkauften. Dann hatte Pembry eine neue Restaurantkette geplant, für die bekannte Schauspieler und Schauspielerinnen werben sollten. Damit war Lei nicht einverstanden gewesen.

„Natürlich hat Ian mir viel beigebracht“, fuhr sie fort. „Aber er profitierte auch von meinen Ideen …“ Nachdenklich unterbrach sie sich. „Ich habe mich zu sehr an mich selbst gewöhnt, mich in meinen üblichen Methoden festgefahren. Nun will ich jemanden an meiner Seite haben, der die Dinge mit anderen Augen betrachtet, und den Enthusiasmus dieser Person nutzen.“

„Also brauchen Sie einen Protegé.“

„Genau.“ Sie lächelte wieder. „Das erkannte ich erst, als Sie mich darauf hinwiesen. Ich spürte, dass ich etwas suchte. Doch ich wusste nicht, was.“

Trotz meiner unbändigen Freude zwang ich mich zu einem professionellen Ton. „Falls Sie an mir interessiert sind – ich bin bereit.“

„Vergessen Sie normale Arbeitszeiten“, warnte sie mich, „das ist kein Nine-to-five-Job. Ich brauche Sie auch an den Wochenenden oder mitten in der Nacht. Weil ich immer arbeite.“

„Darüber werde ich mich nicht beklagen.“

„Aber ich .“ Angelo war hinter uns aufgetaucht. Natürlich hatten alle Rossi-Söhne gemerkt, mit wem ich sprach. Und schüchtern waren sie nie gewesen. „Ab und zu muss ich sie sehen.“

Ärgerlich stieß ich ihn mit dem Ellbogen an. Mit meinen Brüdern und Angelos Frau Denise teilte ich mir ein geräumiges, halb fertiges Loft-Apartment in Brooklyn. Meistens beschwerten wir uns, weil wir uns zu oft auf die Nerven gingen.

Lei schüttelte seine Hand und stellte sich vor, auch bei Nico und meiner Mom, die zur Bar kamen, um herauszufinden, was da los war. Durch das Servicefenster hießen mein Dad und Vincent den neuen Gast lautstark willkommen.

Dann legte Nico eine Speisekarte vor Lei auf die Theke und brachte ihr einen Korb mit frischem Brot und dem Olivenöl, das wir von einem kleinen toskanischen Bauernhof bekamen.

„Wie ist die panna cotta?“, fragte sie mich.

„Die beste, die Sie je probieren werden. Haben Sie noch nicht zu Abend gegessen?“

„Nein, noch nicht. Lektion Nummer eins – das Leben ist zu kurz, verschieben Sie die angenehmen Dinge nicht auf später.“

Um ein Grinsen zu unterdrücken, biss ich auf meine Lippen. „Heißt das, ich habe den Job?“

Sie nickte und hob ihr Champagnerglas. „Prost.“

2. KAPITEL

Ein Jahr später …

„Oh Gott, diese Hektik!“ Lei klopfte unter dem Dinnertisch mit ihrer Fußspitze auf den Boden. „Daran wird sich wohl nie etwas ändern.“

Lächelnd stimmte ich ihr zu. In den Monaten unserer Zusammenarbeit hatte sie mich mit ihrer Hektik angesteckt. Wir erlebten viele Höhepunkte – aber dieser wolkenlose Septembertag war etwas Besonderes. Nach wochenlangen intensiven, raffinierten, schmeichlerischen Werbeaktionen würden wir einen fabelhaften Deal an Land ziehen und Ian Pembry zwei seiner Superstars abspenstig machen. Die perfekte Rache für alles, was er Lei angetan hatte.

Unsere Kleidung entsprach dem Anlass. In einem signalroten Wickelkleid von Diane von Fürstenberg und schwarzen Stiefeletten sah Lei sensationell und sexy aus. Ich trug ein schickes Ensemble aus Donna Karans Herbstkollektion, ein dunkelgoldenes Top und eine hautenge Hose. Nun fühlte ich mich auch äußerlich wie die neue Gianna, die sich im letzten Jahr so viele wertvolle Erkenntnisse angeeignet hatte.

Ungeduldig spähte ich zum Eingang der Hotelbar und bekam einen heftigen Adrenalinschub, als die Williams-Zwillinge erschienen, als hätten sie nur auf das Stichwort gewartet – Bruder und Schwester, ein Traumpaar mit kastanienrotem Haar und grünen Augen. In der Küche waren sie ein grandioses Team. Den Ruhm verdankten sie ihrer himmlischen Südstaaten-Hausmannskost, die sie mit Gourmet-Zutaten verfeinerten. Außer den Speisen verkauften sie Luxuskochbücher und Gewürze in hübschen kleinen Dosen. Hinter den Kulissen hassten sie sich.

Und daraus resultierte der fatale Fehler, den Pembry in seinem Umgang mit dem dynamischen Duo begangen hatte. Er versuchte ihnen einzureden, sie müssten sich vertragen, weil sie mit ihrer Zwillingserfolgsstory Millionen scheffelten. Lei hatte ihnen angeboten, was sie wirklich wollten – die Trennung. Nun konnte jeder der beiden sein eigenes Ding machen und von einer für die Öffentlichkeit spielerisch wirkenden Rivalität profitieren. Sie plante eine Restaurantkette mit Küchenduellen in den weltberühmten Mondego-Casinos und -Ferienhotels.

„Chad, Stacy“, sagte Lei, als wir aufstanden. „Ihr beide seht fantastisch aus.“

Noch bevor Chad sie begrüßte, kam er zu mir und küsste mich auf die Wange. Schon seit einiger Zeit flirtete er mit mir, und das hatte auch eine gewisse Rolle bei unseren Verhandlungen gespielt.

Wie ich zugeben muss, war ich manchmal versucht gewesen, nicht nur mit ihm zu flirten. Doch der Gedanke an seine Schwester hatte mich zurückgehalten. Chad war keinesfalls ein Heiliger und überaus ambitioniert. Aber Stacy war noch ehrgeiziger und hasste mich noch mehr als ihren Bruder. Trotz meiner freundschaftlichen Avancen hatte sie eine tiefe Abneigung gegen mich entwickelt. Das hatte die ganze Prozedur behindert.

Ich nahm an, dass sie mit Ian Pembry schlief – oder geschlafen hatte – und ihn immer noch begehrte. Vielleicht war das der Grund, warum sie Lei nicht mochte. Oder sie gehörte einfach zu den Frauen, die alle Geschlechtsgenossinnen hassten.

„Hoffentlich sind eure Zimmer komfortabel“, bemerkte ich, obwohl ich das wusste. Nicht umsonst hatte das Four Seasons seinen Fünfsterneruhm erworben.

Mit einem Achselzucken warf Stacy ihr glänzendes Haar über eine Schulter. Sie hatte ein blasses Engelsgesicht voller hinreißender Sommersprossen. Immer wieder staunte ich, wie jemand, der so süß und unschuldig aussah und mit einem sirupartigen Südstaatenakzent sprach, so ein gemeines Biest sein konnte. „Ja, sie sind okay.“

Seufzend verdrehte Chad die Augen und rückte mir meinen Stuhl zurecht. „Die Zimmer sind großartig. Wie ein Stein habe ich geschlafen.“

„Ich nicht“, nörgelte seine Schwester und sank graziös auf ihren Stuhl. „Dauernd hat Ian angerufen. Er weiß, dass was im Busch ist.“ Als wollte sie die Wirkung ihrer Worte beobachten, warf sie Lei einen Seitenblick zu.

„Natürlich weiß er das“, stimmte Lei leichthin zu. „Er ist klug. Deshalb überrascht es mich, dass er nicht mehr getan hat, um euch zwei bei der Stange zu halten.“

Stacy schmollte, und Chad zwinkerte mir zu. Normalerweise fand ich so ein Zwinkern albern, aber bei ihm gefiel es mir. Es gehörte zu seinem jungenhaften Charme und betonte seine sexy Ausstrahlung. Irgendwie schien sein Grinsen anzudeuten, er würde einem mit seinem Kochlöffel genauso fachkundig den Hintern versohlen, wie er damit in den Töpfen rührte.

„Ian hat so viel für uns getan“, jammerte Stacy. „Nun fühle ich mich wie eine Verräterin.“

„Das solltest du nicht“, erwiderte ich. „Noch hast du nichts unterschrieben.“ Wie ich herausgefunden hatte, funktionierte eine umgekehrte Psychologie bei Stacy wegen ihres rebellischen Wesens am mega-besten. Man musste ihr einfach das Gegenteil von dem empfehlen, was man wollte. „Falls du glaubst, deine Identität des Williams-Zwillings hätte ein größeres Potenzial, wenn du als Stacy Williams agierst, musst du deinem Bauchgefühl vertrauen. Immerhin hat dich deine bisherige Rolle sehr weit gebracht.“

Aus dem Augenwinkel sah ich Leis Lippen zucken. Offenbar bekämpfte sie ihren Lachreiz, und ich freute mich, weil sie mit mir zufrieden war. Sie hatte mir beigebracht, wie man ausgeprägte Egos dorthin steuerte, wo man sie haben wollte.

„Sei nicht so dumm, Stace“, murmelte Chad. „Dieser Casino-Deal ist eine Megachance. Das weißt du.“

„Ja, aber vielleicht nicht die einzige Chance“, argumentierte sie. „Ian sagt, wir müssten ihm eine Gelegenheit geben, uns was anzubieten.“

„Hast du ihm alles erzählt?“, fauchte ihr Bruder. „Verdammt, die Entscheidung liegt nicht nur bei dir. Da geht’s auch um meine Karriere.“

Besorgt wandte ich mich zu Lei. Aber sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Unglaublich, wie cool und gleichmütig sie wirkte, obwohl sie mit diesem Deal ihrem einstigen Mentor, der sich in ihren Erzfeind verwandelt hatte, den Betrug effektvoll heimzahlen konnte.

Die Restaurants in Hollywood, die Ian ohne Leis Wissen eröffnet hatte, waren pleitegegangen. Denn die berühmten Investoren hatten das Interesse verloren, als der Reiz des Neuen verblasst war, und andere Möglichkeiten gesucht, um Steuern zu sparen, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Zudem waren zwei seiner prominentesten Köche in ihre Heimatländer zurückgekehrt, was den Williams-Zwillingen eine schwere Last aufgebürdet hatte.

„Selbstverständlich geht der Mondego-Deal exklusiv an Savor“, erklärte Lei. „Welches Angebot hat Ian euch gemacht?“

Was zum Teufel war schiefgelaufen? Ich musterte die Zwillinge und meinen Boss. In meiner Tasche unter dem Tisch steckten die Verträge. Wir waren schon beinahe am Ziel. Und plötzlich erhoben sich neue Hürden.

Später sollte ich das Prickeln meiner Haut richtig deuten. Aber in diesem Moment hielt ich es nur für eine böse Ahnung, eine Nachricht meiner Instinkte, die mir sagten, der Coup wäre bereits gescheitert, bevor wir uns an den Tisch gesetzt hatten.

Und dann sah ich ihn.

Ich erstarrte so vollkommen, als müsste ich mich vor einem Raubtier verstecken, indem ich mich nicht rührte. Mit lässigen Schritten schlenderte er in die Bar, und sein Anblick bewog mich, unter dem Tisch die Hände zu Fäusten zu ballen. Allein schon sein Gang zeugte von unerschütterlichem Selbstvertrauen. Und irgendetwas signalisierte meinem weiblichen Gehirn trotz der coolen Gelassenheit, dass sich zwischen diesen langen, starken Beinen ein Vulkan verbarg.

Und den wusste er sicher auch zu nutzen.

In einem grauen Pullover mit V-Ausschnitt und einer dunklen Hose sah er aus wie ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich einen Tag freinahm. Doch ich wusste es besser – Jackson Rutledge kannte keine freien Tage. Er arbeitete hart, und er spielte und fickte auf die harte Tour.

Mit einer zitternden Hand griff ich nach meinem Wasserglas und hoffte, er würde in mir nicht das Mädchen erkennen, das sich einmal rettungslos in ihn verliebt hatte. So wie damals sah ich nicht mehr aus. Und ich war nicht mehr dieselbe.

Auch Jax hatte sich verändert. Schlanker. Härter. Mit den neuen kantigen Zügen um das Kinn und die Wangenknochen wirkte sein Gesicht noch attraktiver. Ich holte tief Luft und reagierte auf seine Nähe, als hätte ein Fausthieb meine Magengrube getroffen.

Dass Ian Pembry ihn begleitete, merkte ich erst, als die beiden vor unserem Tisch stehen blieben.

„Glaubst du, Jackson Rutledge ist mit Senator Rutledge verwandt?“, fragte Lei beiläufig, als wir im Fond ihrer Limousine saßen. „Oder mit einem anderen Rutledge? Wäre das möglich?“

Der Chauffeur lenkte den Wagen aus der Parklücke, und ich befasste mich mit meinem Tablet, weil ich einen Vorwand brauchte, um meinen Blick abzuwenden. Ich fürchtete, ich würde zu viel verraten und Lei könnte mir meine Verwirrung anmerken. „Zu hundert Prozent“, antwortete ich und starrte den Bildschirm an – das faszinierende Gesicht, das ich nie wiederzusehen gehofft hatte. „Jackson und der Senator sind Brüder.“

„Was zum Teufel hat Ian mit einem Rutledge zu schaffen?“

Das fragte ich mich auch, seit der Deal, für den ich so hart gearbeitet hatte, den Bach runtergegangen war. Mit Verträgen und einem Füllfederhalter hatten wir die Bar betreten und sie wenig später mit leeren Händen verlassen. Unglücklicherweise war mir die Konversation entgangen, nachdem Stacy einen leidenschaftlichen Kuss auf Jax’ Wange gedrückt hatte. Viel zu laut hatte das Blut in meinen Ohren gerauscht und alles andere übertönt.

Lei trommelte mit ihren purpurrot lackierten Fingernägeln auf den stoffbezogenen Griff der Autotür. Ringsum vibrierte Manhattan mit seinen Straßen voller langsam dahinkriechender Fahrzeuge und Gehsteigen voller Passanten. Aus den U-Bahnstationen quoll Dampf, Schatten fielen auf uns herab, hohe Wolkenkratzer versperrten der Sonne die Sicht.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte ich, von der Energie eingeschüchtert, die Lei ausstrahlte. In diesem Moment erschien sie mir wie eine Tigerin auf der Jagd. Wusste Jax, worauf er sich einließ, als er ihre Pläne durchkreuzte? „Jackson ist der einzige Rutledge im ganzen Land, der keine politische Position anstrebt. Stattdessen leitet er Rutledge Capital, eine Wagniskapitalgesellschaft.“

„Ist er verheiratet? Hat er Kinder?“

Zu meinem Leidwesen wusste ich die Antwort und musste sie nicht googeln. „Nein, er bevorzugt häufig wechselnde Partnerinnen, zumeist elitäre Blondinen. Aber notfalls wälzt er sich auch mit Sexbomben im Heu.“

Widerwillig erinnerte ich mich, wie Jax’ angeheiratete Cousine Allison mich einmal beschrieben hatte: Du bist sexy, Gianna. So was ficken die Jungs gern. Da haben sie das Gefühl, sie würden es mit einem Pornostar treiben. Genieße es, solange es dauert.

In meinem Gehirn hallten Allisons melodische Stimme und ihre grausamen Worte wider. Danach hatte ich meine schwarzen Naturlocken geglättet und auf die künstlichen Fingernägel verzichtet, mit denen ich mich immer sexy gefühlt hatte. Gegen meinen runden Hintern und die üppigen Brüste konnte ich nichts machen. Aber davon abgesehen hatte ich mich dezenter gestylt. Nicht mehr auffällig, sondern elegant.

Lei warf mir einen scharfen Blick zu. „Das alles weißt du nach einem fünfminütigen Check?“

„Nein“, seufzte ich, „nach fünf Wochen in seinem Bett.“

„Ah.“ Ihre dunklen Augen glitzerten. „Also ist er ein Verflossener. Jetzt wird’s interessant.“

Während der restlichen Rückfahrt zum Büro wappnete ich mich gegen Leis Behauptung, der Interessenkonflikt sei ein Problem. Das würde ich herunterspielen.

„Es war nichts Ernstes“, betonte ich, als wir im Lift nach oben fuhren. Zumindest nicht für ihn. „Nur ein verlängerter One-Night-Stand. Heute hat er mich nicht einmal wiedererkannt.“ Und wie schmerzlich war das gewesen. Kein einziges Mal hatte er mich angeschaut.

„Du gehörst nicht zu den Frauen, die ein Mann vergisst, Gianna.“ Nachdenklich starrte Lei vor sich hin. „Ich glaube, da lässt sich was machen. Wärst du dazu bereit? Darüber müssten wir reden. Oder ist es zu persönlich für dich? Du sollst dich nicht unbehaglich fühlen. Aber ich möchte auch kein Risiko eingehen.“

Aus einem ersten Impuls heraus wollte ich lügen. Ich wünschte, Jax würde mir genauso wenig bedeuten wie ich ihm. Aber weil ich Lei respektierte und großen Wert auf meinen Job legte, beschloss ich, die Wahrheit zu gestehen. „Er ist mir nicht gleichgültig.“

Sie nickte. „Das sehe ich. Freut mich, dass du ehrlich bist. Mach dich an Rutledge ran, bring ihn aus dem Konzept. Das ist wichtig. Und du musst Chad Williams rumkriegen, der ist scharf auf dich.“

Erleichtert seufzte ich. Wenn sie glaubte, ich würde bei Jax Erfolg haben, täuschte sie sich. Doch das behielt ich für mich, denn ich wollte mir meine Chancen nicht von vornherein verderben. „Okay.“

Wir stiegen aus dem Lift, und LaConnie, die Empfangsdame, hob die Brauen. Offenbar spürte sie unsere Nervosität. Wir hätten triumphal, nicht frustriert zurückkehren müssen.

„Kannst du dir vorstellen, warum Rutledge sich plötzlich für die Restaurant-Branche interessiert?“, fragte Lei auf dem Weg zu ihrem Büro.

„Nun, ich würde vermuten, einer der Rutledges ist Pembry einen Gefallen schuldig.“ Auf diese Weise agierte die Familie Rutledge, alle arbeiteten eng zusammen. Und obwohl Jax kein Politiker war, beteiligte er sich an diesen Aktivitäten.

Lei setzte sich hinter ihren Schreibtisch. „Erst mal müssen wir rausfinden, was bei diesem Deal für Rutledge rausspringt.“

Nur zu gut verstand ich den Groll, der in ihrer Stimme mitschwang. Jahrelang hatte Pembry seine Partnerin betrogen. Aber Lei hatte sich für ihre Rache Zeit genommen und zugegeben, sie sei dank seiner Manipulationen eine bessere Geschäftsfrau geworden. Jetzt wollte sie beweisen, dass sie ihre Lektion gelernt hatte. Dabei würde ich ihr helfen.

„Alles klar.“ Meine Affäre mit Jax ärgerte mich immer noch. Wer er war und in welchem Ruf er stand, hatte ich gewusst – aber dennoch geglaubt, ich könnte es mit ihm aufnehmen.

Schlimmer noch, ich hatte mir eingebildet, ich würde ihm etwas bedeuten. Damals hatte er in D. C. gelebt, ich in Vegas. Fünf Wochen lang war er an jedem Wochenende, manchmal auch an Werktagen, zu mir geflogen. Deshalb hatte ich mir eingeredet, ein attraktiver Mann wie Jax würde nicht so viel Zeit und Geld opfern, nur um zu bumsen.

Wie reich er war, hatte ich nicht bedacht. Reich genug, um es amüsant zu finden, wegen einer Frau quer durchs Land zu reisen – zu einer nicht standesgemäßen Geliebten, die praktischerweise weit entfernt von seiner Familie lebte und nicht unter öffentlicher Beobachtung stand.

Auf meinem Schreibtisch läutete das Telefon, und ich lief in mein Büro hinüber, das direkt neben dem Chefbüro lag. Wer Lei besuchen wollte, musste zuerst an mir vorbeikommen.

„Gianna“, drang LaConnies geschäftsmäßige Stimme aus dem Hörer, „Jackson Rutledge ist in der Halle, er will Lei sehen.“

Ich hasste mein Herz, weil es viel zu schnell pochte. „Was, er ist hier?“

„Genau das habe ich soeben gesagt“, spöttelte sie.

„Lass ihn raufschicken, ich führe ihn in den Konferenzraum.“ Mit einer bebenden Hand legte ich den Hörer auf die Gabel und kehrte in Leis Büro zurück. „In ein paar Minuten wird Rutledge dich im Konferenzraum erwarten.“

„Ist Ian bei ihm?“, fragte Lei, die Stirn gerunzelt.

„Das hat LaConnie nicht erwähnt.“

„Interessant.“ Sie schaute auf ihre kostbare, mit Diamanten besetzte Armbanduhr. „Fast fünf. Entweder bist du bei der Besprechung dabei, oder du gehst nach Hause.“

Wahrscheinlich sollte ich hierbleiben. Ich fühlte mich bereits auf verlorenem Posten. Im Four Seasons hatte Jax’ unerwartetes Auftauchen mich schockiert, und ich war unfähig gewesen, herauszufinden, auf welche Weise sich die Situation bezüglich der Williams-Zwillinge geändert hatte. Leider befand ich mich jetzt in keiner besseren Verfassung.

„Statt hier herumzuhängen, sollte ich die Zeit vielleicht nutzen und mit Chad reden“, schlug ich vor. „Ich wüsste gern, wie er die neue Entwicklung beurteilt. Klar, wir wollen die Zwillinge zusammen haben. Aber wenn wir nur einen kriegen, wird Pembry sich genauso ärgern.“

„Gute Idee“, sagte Lei lächelnd. „Sicher wird es Rutledge guttun, mich besser kennenzulernen, nicht wahr? Falls Ian ihm eingeredet hat, ich sei leicht zu übertrumpfen, möchte ich das Gegenteil beweisen.“

Beinahe musste ich lachen, als ich mir vorstellte, wie Jax und Lei sich die Köpfe einschlagen würden. Viel zu sehr war er an Frauen gewöhnt, die ihm zu Füßen lagen, weil er umwerfend aussah und einer Familie entstammte, die in Amerika königlichen Hoheiten gleichkam.

„Wenn ich mit Chad geredet habe, versuche ich irgendwas über die Verbindung zwischen Pembry und den Rutledges rauszukriegen.“

„Gut.“ Lei legte die Fingerspitzen aneinander, stützte ihr Kinn darauf und musterte mich. „Verzeih mir die Frage, Gianna – hast du Jackson geliebt?“

„Ich dachte, wir hätten einander geliebt.“

Seufzend zuckte sie die Achseln. „Oh, ich wünschte, wir Frauen müssten diese Lektion nicht auf die harte Tour lernen.“

3. KAPITEL

Ich nahm meine Handtasche aus der Schreibtischschublade und presste sie auf dem Weg zum Empfang wie einen Talisman an mich, der mich vor Jax schützen sollte, bevor er mich womöglich erkennen würde. Noch nie war mir der Weg durch den Korridor, der nach vorn führte, so schwergefallen.

Es war bitter zu spüren, welch große Anziehungskraft Jax immer noch auf mich ausübte … Nur für fünf kurze Wochen war er ein Teil meines Lebens gewesen. Seither hatte ich mit zwei Männern geschlafen und geglaubt, ich wäre schon längst über Jax hinweg.

Ich bog um die Ecke, sah ihn vor dem Regal mit unseren Bestseller-Kochbüchern stehen … und mir stockte der Atem. Ein maßgeschneiderter Anzug betonte seine imposante, hochgewachsene Gestalt. Er hatte ihn bestimmt aus Respekt vor Lei angezogen, und das wusste ich zu schätzen. Noch nie war er mir so förmlich gekleidet begegnet. Wir hatten uns in einer Bar kennengelernt – er war dort wegen eines Klassentreffens, ich wegen eines Junggesellenabschieds.

Damals hätte ich schon wissen müssen, dass unsere Affäre ein schlimmes Ende nehmen würde …

Oh Gott, wie traumhaft er aussah! Sein dunkles Haar war im Nacken und an den Seiten kurz geschnitten, am Oberkopf etwas länger. Von dichten Wimpern umrahmt, schimmerten seine Augen in unbarmherziger Intensität. Hatte ich sie wirklich für warm und sanft gehalten? Ich musste von seinem sinnlichen Mund und den reizvollen Grübchen geblendet gewesen sein. An Jackson Rutledge war gar nichts sanft. Dieser Mann war aus härterem Holz geschnitzt …

Langsam musterte er mich von Kopf bis Fuß, als ich zu ihm ging. Sein Blick machte mich ganz kribbelig. Wie alle Welt wusste, war er ein Womanizer, und ich redete mir ein, er würde jede Frau so anschauen. Aber das beruhigte meine Nerven nicht, denn mein Körper erinnerte sich noch viel zu gut an ihn – an seine Bewegungen, seinen Geruch, das Gefühl seiner Haut auf meiner …

„Hallo, Mr Rutledge“, begrüßte ich ihn förmlich, denn er ließ sich immer noch nicht anmerken, ob er wusste, wer ich war. Ich sprach mit sorgsam kontrollierter Stimme. Normalerweise musste ich nicht mehr so sehr aufpassen, um meinen Brooklyn-Akzent zu unterdrücken. Aber in Jax’ verwirrender Nähe fiel es mir schwer, das nicht zu vergessen.

Bei seinem Anblick wollte ich alles vergessen.

„Bitte, folgen Sie mir zum Konferenzraum“, fuhr ich fort. „In ein paar Minuten wird Ms Yeung zu Ihnen kommen. Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen? Kaffee? Tee?“

Er holte tief Luft. „Nichts, danke.“

„Hier entlang.“ Als ich an LaConnie vorbeiging, zwang ich mich, sie anzulächeln. Jax’ Duft stieg mir in die Nase, eine subtile Mischung aus Bergamotte und Gewürzen. Plötzlich empfand ich eine fast verzweifelte Sehnsucht, den Wunsch, ihn so zu berühren wie früher, als ich dazu berechtigt gewesen war. Kaum zu glauben, dass er jemals in meinem Bett gelegen hatte, dass er je in mich eingedrungen war. Woher hatte ich den Mut genommen, mich mit einem solchen Mann einzulassen? Ich war erleichtert, als wir den Konferenzraum erreichten; die Türklinke fühlte sich angenehm kühl an.

Jax’ Atem streifte mein Ohr. „Wie lange willst du noch so tun, als würdest du mich nicht kennen, Gia?“

Sobald er den Namen aussprach, mit dem nur er mich angeredet hatte, schloss ich sekundenlang die Augen. Ich überquerte die Schwelle, ohne die Klinke loszulassen, womit ich ihm verdeutlichen wollte, dass ich nicht hierbleiben würde. Aber Jax versperrte mir den Weg, ehe ich den Raum verlassen konnte. Obwohl ich High Heels trug, war er über einen Kopf größer als ich. Die Hände in den Hosentaschen, neigte er sich zu mir herab. Zu intim, zu vertraut.

„Bitte, lass mich vorbei“, sagte ich leise.

Er hob seine rechte Hand, strich über meinen Arm, vom Ellbogen bis zum Handgelenk. Durch die Seide meiner Bluse spürte ich die Berührung, dankbar für den langen Ärmel, der meine Gänsehaut verbarg.

„Du hast dich so sehr verändert“, murmelte Jax.

„Natürlich – so sehr, dass du mich jetzt erst erkannt hast.“

„Großer Gott, glaubst du, ich hätte nicht sofort gewusst, wer du bist?“ Er ging an mir vorbei in den Konferenzraum. Statt die Gelegenheit zu nutzen und wegzulaufen, blieb ich wie gebannt stehen und starrte Jax’ breiten Rücken an. „Nirgendwo könntest du dich vor mir verstecken, Gia, überall würde ich dich erkennen. Sogar mit verbundenen Augen.“

Ein paar Sekunden lang verschlug es mir die Sprache. Viel zu schnell war das unpersönliche Gespräch privat geworden. „Was machst du hier, Jax?“

Er trat ans Fenster und sah hinaus auf New York. Nicht weit entfernt begann sich das Grün des Central Parks herbstlich rot und orangegelb zu färben, ein faszinierendes Farbenspiel im Betondschungel. „Ich möchte Lei Yeung etwas anbieten, das sie veranlassen wird, die Seiten zu wechseln.“

„Damit wirst du kein Glück haben. Es geht um was Persönliches.“

„Niemals sollte man geschäftliche Dinge mit persönlichen verquicken.“

Ich wollte fliehen. Aber ich konnte mich nicht rühren. An einer Seite des großen, luftigen Konferenzraums reichten die Fenster vom Boden bis zur Decke, die Wand gegenüber bestand aus Glas. Die seitlichen Wände waren in beruhigendem Hellblau gestrichen. Zur Rechten stand eine gut bestückte Bar, links schimmerte ein riesiger Flachbildschirm. Sogar in dieser imposanten Umgebung spürte ich Jax’ unglaublich dominante Ausstrahlung, und ich fühlte mich gefangen.

„Nichts ist persönlich, oder?“, fragte ich und erinnerte mich, wie er eines Tages verschwunden und nie mehr zurückgekommen war.

„Zwischen uns schon.“ Seine tiefe Stimme klang heiser. „Damals.“

„Wohl kaum.“ Nicht für dich zumindest.

Abrupt drehte er sich um, und ich wich instinktiv einen Schritt zurück, obwohl er immer noch weit entfernt war. „Du bist nicht mehr sauer, Gia? Das ist gut. Vielleicht sollten wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Meine Besprechung mit Lei Yeung wird nicht lange dauern. Danach könnten wir in mein Hotel gehen und unsere Bekanntschaft erneuern.“

„Fick dich“, fauchte ich.

Sein Lächeln betonte seine hinreißenden Grübchen, die ihn völlig veränderten und verbargen, wie gefährlich er hinter der Fassade seines jungenhaften Charmes war. Diese Grübchen hasste ich, trotz oder wegen ihrer verführerischen Wirkung.

„Ah, da bist du wieder“, sagte er triumphierend. „Beinahe hättest du mir vorgegaukelt, die Gia, die ich kannte, wäre verschwunden.“

„Spiel nicht mit mir, Jax, das ist unter deiner Würde.“

„Unter mir will ich dich haben.“

Dass er so reagieren würde, hatte ich geahnt. Wenn es um Sex ging, war er immer sehr direkt, sinnlich und ganz natürlich – wie ein wildes Tier. Das liebte ich, denn genauso war ich auch gewesen, zusammen mit ihm.

Gierig, unersättlich. Bei niemandem hatte ich mich je so großartig gefühlt wie bei Jax.

„Ich bin vergeben“, log ich.

Obwohl er nicht mit der Wimper zuckte, gewann ich den Eindruck, ich hätte einen Nerv getroffen. „Ist es dieser Williams?“, fragte er, etwas zu beiläufig.

„Hallo, Mr Rutledge!“, rief Lei in diesem Moment und schlenderte auf ihren mörderischen Jimmy-Choo-Slingbacks herein. „Ich hoffe, Sie haben eine freudige Überraschung für mich.“

„Das wäre möglich.“ Sofort schenkte er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit, und ich fühlte mich überflüssig.

„Dann will ich euch beide nicht stören.“ Bevor ich mich zur Tür wandte, nickte Lei mir zu, und ich verstand ihre unausgesprochene Botschaft. Wir reden bald miteinander.

Ich schaute Jax nicht mehr an. Aber ich spürte, dass er mir eine ähnliche stumme Nachricht schickte.

Sobald ich das Drehkreuz in der Halle passiert hatte, rief ich Chad an. „Hey“, sagte ich, als ich seinen gedehnten, aalglatten Südstaatenakzent hörte. „Hier ist Gianna.“

„Ich hatte gehofft, du würdest dich melden.“

„Hast du Dinnerpläne für heute Abend?“

„Äh – die kann ich ändern.“

Ich lächelte und fühlte mich ein bisschen schuldig, weil er meinetwegen jemanden versetzen würde. Aber es schmeichelte meinem Ego. Das Wiedersehen mit Jax hatte meinem Selbstvertrauen ein wenig geschadet.

Niemals würde ich vergessen, wie er damals gewesen war. Übermütig, verspielt, zärtlich. Wenn ich die Augen schloss, fühlte ich immer noch, wie er hinter mich getreten war, mein Haar beiseitegeschoben und seine Lippen auf meinen Hals gepresst hatte. Und ich hörte ihn immer noch meinen Namen stöhnen, wenn er mit mir verschmolzen war. Als hätte er die übermächtige Ekstase kaum ertragen …

„Bist du noch da, Gianna?“

„Ja, tut mir leid“, entschuldigte ich mich und zog die Nadeln aus meinem Chignon. „Ich kenne ein charmantes italienisches Lokal. Gemütlich. Lässig. Fantastisches Essen.“

„Klingt verlockend, du hast ein Date.“

„Ich bestelle ein Taxi und hole dich in etwa fünfzehn Minuten ab, okay?“

„Alles klar.“

Als der Wagen hielt, stand Chad bereits auf dem Gehsteig. Er trug locker geschnittene schwarze Jeans, Stiefel und ein dunkelgrünes Henley-Hemd, das gut zu seinen Augen passte. Genau der richtige Mann für ein Date.

Er ging zum Taxi, dann sprang er fluchend zurück, als ein Fahrradbote vorbeiraste.

„Heiliger Himmel“, murmelte Chad, sank neben mir auf den Rücksitz und schaute mich an, während der Chauffeur das Auto wieder in den Rushhour-Verkehr einordnete. „Mit offenem Haar gefällst du mir noch besser.“

„Danke.“ Ich hatte einige Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, mein Haar hochzustecken. Weil es so dicht und schwer war, bekam ich von dieser Frisur manchmal Kopfschmerzen. So wie vorhin.

„Also, ich muss gestehen …“, begann ich.

„Hoffentlich etwas Sündiges.“