Agastos Auftrag - Tina Tannwald - E-Book

Agastos Auftrag E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Hinter dem Albtraum liegt eine uralte, lodernde Kraft - und eine unmögliche Liebe Kurz vor Weihnachten trifft die schüchterne Fia auf einen seltsamen Raben, der auf dem Recklinghäuser Weihnachtsmarkt sein Unwesen treibt. Tags darauf liegt ein hilfloser junger Mann ohne Erinnerung vor ihrer Tür, der unbedingt bleiben will. Von seinem geheimen Auftrag darf sie nichts erfahren. Doch ohne ihre Hilfe ist er verloren, denn ihm bleiben nur die zwölf magischen Raunächte, um seine Aufgabe zu erfüllen.  . 2.Auflage 2019 260 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm

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Seitenzahl: 355

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Tina Tannwald

Agastos Auftrag

Raunachtraben Teil 1

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Prolog

Es war ungewöhnlich kalt in dieser Dezembernacht und es lag ebenso ungewöhnlich viel Schnee. Durch die Fußgängerzone von Recklinghausen tappte gegen zwei Uhr morgens ein später Heimkehrer, dem es egal war, dass er an diesem Montagmorgen ganz sicher zu spät zur Schule kommen würde.

Leicht angeheitert versuchte er, sich durch den rutschigen, frisch gefallenen Schnee nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen und ließ seinen nebeligen Blick über die verrammelten Häuschen des Weihnachtsmarktes schweifen.

Leider war kein lohnendes Mitbringsel zu erkennen.

Der Gedanke, versuchsweise an einem der Holzläden zu rütteln, formte sich gerade in seinem Kopf, als er über sich ein merkwürdiges, flappendes Geräusch hörte. Unwillkürlich zog er den Kopf zwischen die Schultern und hob irritiert den Blick.

Später schwörte er Stein und Bein, dass er den Raben als Erster, nämlich schon in der Nacht zum einundzwanzigsten Dezember gesehen hatte, doch das würde ihm niemand glauben.

Was für ein Riesenvieh ging ihm durch den Kopf, als der Vogel mit einem eleganten Flugmanöver in der Weihnachtsbeleuchtung landete, die einige Schritte entfernt an einer Straßenlaterne befestigt worden war. Verblüfft sah er zu ihm auf, der in dem sternförmigen Leuchtgebilde saß und sich mit der Präzision eines Seiltänzers ausbalancierte. Dann fiel ihm auf, dass er auf ihn herabblickte, und er sah zu, dass er nach Hause kam.

 

Etwa zur selben Zeit fuhr eine Frau schweißgebadet und mit klopfendem Herzen aus dem Schlaf auf und kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Ohne darüber nachdenken zu müssen, begann sie ihre Atemzüge zu zählen.

Einatmen-eins-zwei. Ausatmen-eins-zwei-drei-vier.

Das Zählen half, das wusste sie.

Die Panik würde vergehen, sie war immer vergangen. Bisher zumindest; sie brauchte nur ein wenig Geduld.

Schließlich beruhigte sich ihr hämmerndes Herz tatsächlich.

Sie konnte wieder frei atmen und fuhr sich mit bebender Hand  durch das verschwitzte Haar.

Sie hatte wieder einmal vom Kirchplatz geträumt.

Entschlossen verscheuchte sie die aufsteigenden Bilder von dem uralten Kopfsteinpflaster und schwang die Beine aus dem Bett.

Auf dem Weg in die kleine Küche konzentrierte sie sich auf den Satz, der ihr für solche Situationen eingeimpft worden war. Es war ein harmloser alter Platz vor einer alten Kirche, sonst nichts.

Das änderte jedoch nichts daran, dass sie diesen Platz vor der Kirche St. Peter in der Innenstadt von Recklinghausen seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Und die üblen Träume vertrieb er auch nicht.

 

 

Kapitel 1 Fia

21. Dezember

 

Es war noch stockdunkel, als eine komplett unter Wollmütze, Steppmantel und Moonboots verborgene Gestalt aus der Tür des Hochhauses am Wallring trat. Die eiskalte Luft des frühen Morgen bohrte sich in ihre Lungen und sie zog mit behandschuhter Hand den Schal über die Nase. Dann warf sie sich den dunklen Rucksack über die Schulter und stapfte die wenigen Schritte bis zur Fußgängerampel.

Es waren kaum Autos unterwegs, doch sie wartete stoisch auf das Signal und warf einen Blick auf den Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ihr kleines Auto war nicht zu erkennen, wie alle anderen war es unter dem in der Nacht gefallen Schnee versunken. Sie packte den alten Handfeger fester und nahm sich vor, diesmal auf keinen Fall ein fremdes Auto frei zu fegen.

Ihre Arbeitskollegin Jutta hatte herzhaft gelacht, als sie ihr davon berichtet hatte, aber ihr war es eher peinlich. Jutta war ohnehin die Einzige, der sie so was erzählte, ging ihr durch den Kopf, als sie endlich die Straße überquerte. Und sie war die Einzige, bei der es ihr nichts ausmachte, wenn sie über ihre Dummheiten lachte.

Zumindest fast nichts.

Als sie den Parkplatz erreichte, breitete sich die verdammte Unsicherheit in ihr aus, doch sie war spät dran, um Punkt sieben musste sie bei Frau Kaiser sein, die auf ihr Frühstück wartete. Seufzend sah sie sich verstohlen um, dann fuhr sie mit dem Handfeger über die Kofferraumklappe des Autos, das sie sich ausgeguckt hatte.

Blau.

Erleichtert ließ sie den Rucksack von der Schulter gleiten und begann beherzt, ihren Kleinwagen freizulegen.

 

Sie hatte das Haus der alten Dame, die sie heute Morgen als Erste zu versorgen hatte, schon beinahe erreicht, als es endlich richtig warm wurde im Wagen, und sie sich an einer Ampel die Wollmütze vom Kopf zog. Den Blick in den Rückspiegel hielt sie eigentlich für überflüssig, aber sie streckte sich trotzdem und registrierte mit einem kurzen Blick ihr strubbeliges, fliegendes Haar und die müden, blauen Augen.

Sie sah sich nicht gerade gern im Spiegel an und so fuhr sie lediglich mit der Hand über die rotblonden Strähnen und richtete den Blick dann wieder auf die verschneite Straße. Frau Kaiser war es ohnehin egal wie sie aussah. Sie trug nie ihre Brille und sah in ihren uralten geblümten Kittelschürzen selbst aus wie ein Überbleibsel aus dem letzten Krieg. Doch sie war eine sehr nette und trotz aller Gebrechen fröhliche alte Dame. Die sie im Übrigen gern mit dem unseligen, verrückten Vornamen ansprach, den ihre Mutter ihr in einem Anfall von Wahnsinn verpasst hatte.

Frau Kaiser hatte ihn bemerkt, als sie ganz zu Anfang ihren Rucksack durchwühlt und ihren Personalausweis inspiziert hatte. Man konnte ja nie wissen, wen man sich da als alte Frau ins Haus holte. Fia, das war der Name, den sie allen nannte, die danach fragten. Und das waren nicht viele.

 

Die alte Dame stand bereits in der Tür, als sie die Treppe hinauf eilte. »Agafia, meine Liebe, du kommst spät heute!«, schalt sie liebevoll mit rauer Stimme.

Zu viele Zigaretten und zu viel Persiko, wie sie Fia inzwischen verraten hatte. Die alte Dame, die sich mühsam auf einen Gehstock stütze, entlockte ihr ein entschuldigendes Lächeln.

»Ich hatte eine schlechte Nacht, Frau Kaiser, und hab mich vertrödelt.«

»Ach du armes Kind, schon wieder?«

Die alte Frau musterte sie mit ehrlicher Anteilnahme, während Fia sanft ihren Arm ergriff und sie in die Wohnung führte. Dabei registrierte sie aufmerksam den verrutschten Verband an ihrem Unterschenkel, die zerknautschte Kittelschürze und das zerwühlte Haar.

Also hatte gestern Abend niemand mehr nach ihr gesehen, und sie war nicht nur ungewaschen und in Kittelschürze und Wollstrumpfhosen auf dem Sofa eingeschlafen, sondern vermutlich auch hungrig. Die Neigung der Familie, ihre alte Großmutter schon mal zu vergessen, jagte Fia einen zornigen Schauer über die kalten Wangen. Sie würde mit Sohn und Tochter noch einmal ein ernstes Wort reden müssen. Aber vielleicht konnte sie Jutta bitten, das zu tun, denn es fiel ihr schwer, ausreichend energisch aufzutreten.

 

In der nächsten dreiviertel Stunde war sie damit beschäftigt, die alte Frau zu waschen, mit frischer Kleidung, einem neuen Verband und einem Frühstück zu versorgen.

Schließlich sah sie lächelnd auf sie herab. »Ich komme heute Nachmittag noch einmal vorbei, dann trinken wir einen Kaffee zusammen, ja?«

Frau Kaiser blitzte sie lächelnd an und nickte hochzufrieden. Fia hatte ihr nie gesagt, dass sie das außerhalb ihrer Arbeitszeit tat.

In Windeseile schlüpfte sie wieder in ihren Mantel, zog sich die Mütze über die Ohren und eilte die Treppe hinab.

Ihre Zeit war wie immer knapp bemessen, und ihr nächster Kunde, wie die Kolleginnen die alten Leute nannten, musste heute zum Arzt. Arztbesuche waren insgesamt eine erfreuliche Sache, denn im Wartezimmer konnte man verschnaufen und den Termindruck vergessen, der ansonsten den Arbeitsalltag bestimmte. Alle rissen sich darum, nur nicht, wenn es um Herrn Horstkotte ging. Und da Fia nicht gerade viel Talent besaß, sich gegen ihre Kolleginnen durchzusetzen, war es eigentlich immer sie, die ihn begleitete.

 

Es begann heller zu werden, und während sie sich langsam durch den nun dichten morgendlichen Verkehr schob, ließ sie ihren Blick in die Runde schweifen.

Die Viertel im Süden von Recklinghausen waren nicht wirklich schön, aber seit die Stadthäuser zumindest neue Anstriche erhalten hatten, strahlten sie den morbiden Charme alter Arbeiterhäuser aus, der das Ruhrgebiet geprägt und berühmt gemacht hatte. Heute lebten hier Menschen, die man positiv betrachtet als bunte Mischung verschiedener Nationalitäten mit ungeahntem Potenzial betrachten konnte, oder aber als arm und sozial schwach. Je nachdem, wen man fragte.

Die meisten alten Leute, die Fia hier betreute, wohnten seit Jahrzehnten im Viertel und oft ebenso so lange in ihren Wohnungen, die vollgestopft waren mit Erinnerungen an die Zeit, als sich alles in Recklinghausen noch um Zechen und Bergarbeiter gedreht hatte. Fia liebte es, bei den alten Leuten zu sitzen, sich von der guten alten Zeit berichten zu lassen und vergilbte Fotografien anzusehen.

Sie selbst war nicht von hier, das Gefühl, zwischen Förder- und Kühltürmen aufzuwachsen und sich darauf verlassen zu können, dass jedermann auch sagte, was er dachte, war ihr eher fremd.

Sie war eines Tages nach Recklinghausen gekommen, wie andere Leute blind auf eine Landkarte tippten, um dann nachzusehen, wo ihr Finger gelandet war. Damals hatte sie lediglich von zu Hause fort gewollt, möglichst weit weg.

Das Bild ihrer Mutter in wallenden Gewändern, mit grellrot gefärbtem Haar tauchte vor ihr auf, wie sie eines dieser erstickenden Räucherstäbchen in ihr Kinderzimmer trug, um die negativen Energien darin zu vertreiben, und sie schüttelte sich.

Ein kurzes Hupen hinter ihr ließ sie zusammenzucken und sie stellte fest, dass die Ampel längst auf Grün umgeschaltet hatte. Ärgerlich trat sie zu heftig aufs Gas und der kleine Wagen holperte vorwärts. Sie hatte nicht die geringste Lust, in Erinnerungen an ihre verrückte Mutter zu versinken. Immerhin hatte sie es geschafft, rund dreihundert Kilometer weit wegzuziehen und nur noch einmal im Monat mit ihr zu telefonieren. Und das war gut so.

 

Vor der Arztpraxis war Fia noch damit beschäftigt, ihren Rucksack aus dem Auto zu zerren, als der spitze Aufschrei einer Frau sie herumfahren ließ. Eine ältere Dame deutete entrüstet auf Herrn Horstkotte, der Fia den Rücken zudrehte und neben dem Schaufenster einer Bäckerei stand; die Knie leicht nach vorn und den Oberkörper nach hinten gebeugt.

In Windeseile rutschte sie um das Auto herum. Sie kannte diese Haltung, es war nicht das erste Mal, dass er mitten auf der Straße an eine Hauswand pinkelte.

»Noch nie `nen Männersterz gesehen, oder wie?«, blaffte er gerade die schwer betroffene Dame an, die es vorzog, kopfschüttelnd ihren Weg fortzusetzen.

Ohne zu zögern, ergriff Fia seinen Ellenbogen und zerrte ihn von der Hausmauer weg. »Herr Horstkotte, in der Praxis ist eine Toilette! Was soll das denn?«

Der alte Mann grinste und machte keine Anstalten, sein bestes Stück wieder einzupacken. Fia hatte bereits so viele alte Männer gewaschen, gewickelt und gecremt, dass sie unerschütterlich nachhalf und den Sterz, wie er es nannte, kurzerhand in seiner Hose verstaute.

»Wenn Sie das nächste Mal zum Arzt müssen, hole ich die Jungs vom Krankentransport. Die sind nicht so nett zu ihnen, wenn sie solchen Unfug machen!«

Sie funkelte ihn so böse an wie es ihr möglich war, aber der Alte grinste schelmisch.

»Du brauchst einen Freund, Mädchen! Immer nur so alte Sterze anfassen, das ist doch nichts für ein junges Ding!«

Fia errötete ganz gegen ihren Willen, holte tief Luft und schob ihn voran.

»Ich bin kein junges Ding mehr, Herr Horstkotte«, erwiderte sie matt. Zu der Sache mit dem Freund wollte sie lieber nichts sagen.

»Ich tu`s nicht mehr, Fia, versprochen«, erwiderte der alte Herr treuherzig und lächelte sie nun ganz liebevoll an. »Aber es wird wirklich Zeit, dass du dich mal schön machst und dir einen Mann suchst!«

»Ja sicher. Aber jetzt gehen wir zum Arzt.«

Manchmal waren ihr die Leute hier etwas zu ehrlich, ging ihr durch den Kopf, während sie die Tür aufstieß und den alten Mann unterhakte, um ihn hinein zu bugsieren.

 

Mehr als zwei Stunden später hatte sie Herrn Horstkotte zurück in seine Wohnung gebracht und machte sich wieder auf den Weg. Inzwischen war die Sonne herausgekommen und gab den schneematschigen Straßen und verschneiten Wohnhäusern etwas Vorweihnachtliches.

Nicht, dass sie Weihnachten mochte. Es war die Zeit, in der ihre Mutter öfter anrief und sie mit weinerlicher Stimme bat, zum Fest nach Hause zu kommen. In der Vorweihnachtszeit wurde aus ihrer Mutter, die die Kirche so gern für alle Übel der Welt verantwortlich machte, so etwas wie eine Christin, die ihr geliebtes Kind bei sich haben wollte, zumindest am Heiligen Abend. Aber daraus würde auch in diesem Jahr nichts werden, denn Fia hatte den Feiertags- und den Bereitschaftsdienst übernommen, wie in jedem Jahr. Ihre Kolleginnen liebten sie dafür, und ihr war es allemal lieber als ihrer Mutter keine Ausrede mehr präsentieren zu können.

Der Verkehr floss immer noch zäh über die Hauptverkehrsstraße, die sie zurück in die Innenstadt brachte, und sie schaltete das Radio ein.

»Er soll einer Dame auf dem Weihnachtsmarkt die Mütze vom Kopf gestohlen und wieder zurückgebracht haben«, berichtete die Sprecherin des Regionalsenders gerade.

»Und außerdem scheint er eine Vorliebe für die Recklinghäuser Weihnachtsbeleuchtung zu haben«, ergänzte ihr Kollege. »Wie uns berichtet wurde, sitzt er in den Leuchtgirlanden und Figuren, seit der Weihnachtsmarkt heute Morgen geöffnet wurde.«

»Ja, Raben sollen ja bekanntlich sehr schlaue Vögel sein und so wie es aussieht, hat der Recklinghäuser Weihnachtsmarkt seit heute Morgen eine neue Attraktion.«

Ein Rabe, der den Weihnachtsmarkt unsicher machte, dachte Fia mäßig erstaunt. Ihre Mutter würde das für ein ganz und gar mythisches Omen halten. Ihr selbst waren Raben eher unheimlich, zu groß und zu schwarz.

 

»Meine Güte, du siehst aber mal wieder müde aus, Fia!«

Jutta war gerade dabei, sich einen Kaffee einzugießen, als Fia zur Mittagspause den kleinen Aufenthaltsraum der mobilen Pflegeagentur betrat. Sie zog sich mit einem entschuldigenden Lächeln die Mütze vom Kopf und ließ den Rucksack von der Schulter gleiten.

»Ich weiß Jutta. Herr Horstkotte hat wieder sein komplettes Programm aufgeführt.«

Sie schlüpfte aus Mantel und Schal und ließ sich auf einen der Klappstühle fallen, die an einem einfachen Küchentisch standen.

Jutta, eine kompakte Mittvierzigerin mit sehr kurzem, blondem Haar und wachen braunen Augen beobachtete sie dabei; dann setzte sie sich zu ihr.

»Was war denn los?« fragte sie sanft.

Fia hob den Blick und wusste sehr wohl, dass sich die Frage nicht nur auf den alten Herrn Horstkotte bezog. Aus Gründen, die sie sich nicht vorstellen konnte, hatte Jutta schon bald, nachdem sie hier angefangen hatte, beschlossen, sie unter ihre Fittiche zu nehmen. Was die Arbeit anging, war ihr Fia äußerst dankbar dafür, und sie mochte die resolute und warmherzige Frau. Doch ihre Bemühungen, Fias Feierabende und Wochenenden ein wenig aufzupeppen, waren ihr unangenehm, und sie erfand immer neue Ausreden, warum sie ihren Einladungen nicht folgen konnte.

Fia seufzte innerlich und berichtete der Kollegin von dem Arztbesuch und dem vernachlässigten Eindruck, den Frau Kaiser mal wieder abgegeben hatte. Dann schwieg sie.

»Und?« wollte Jutta wissen und zog eine Augenbraue fragend in die Höhe.

Fia zögerte, doch die braunen Augen würden nicht locker lassen. »Und ich hab nicht gut geschlafen, aber das macht nichts. Ich gehe heute Abend eben früher ins Bett.«

Ihre Kollegin seufzte und sah sie mitfühlend an. »Du solltest endlich mal zum Arzt gehen damit.«

»Ja, du hast recht«, erwiderte Fia automatisch und versuchte es mit dem so lange geübten reumütig zustimmenden Lächeln.

Sie war längst in ärztlicher Behandlung damit, und nicht nur dort, doch das würde sie Jutta ganz sicher nicht erzählen.

Es war zwar inzwischen Monate her, dass sie zum letzten Mal bei ihrer Ärztin gesessen hatte, doch die würde ihr ohnehin nur ein Schlafmittel geben, und den guten Rat, sich einen neuen Termin bei ihrer Therapeutin zu holen.

Das kannte sie alles schon. Und sie hatte sich vorgenommen, es allein zu schaffen. Ohne Medikamente und ohne die zermürbenden Gespräche über ihre geliebte Großmutter, die viel zu früh gestorben war, weil ihre verrückte Mutter … .

»Fia? Alles in Ordnung?«

Jutta hatte ihr besorgt die Hand auf den Arm gelegt und Fia fuhr beinahe schuldbewusst aus ihren Gedanken auf.

 »Ja klar, ich bin nur müde.« Wieder das eingeübte Lächeln, in der Hoffnung, dass es half.

Ihre Kollegin schien nicht ganz überzeugt, doch sie konnte ihr ansehen, dass sie es dabei bewenden lassen würde.

»Komm, trink erst mal einen Kaffee! Die Angehörigengespräche können wir gern gemeinsam machen, wenn du möchtest.«

Jutta erhob sich, um ihr eine Tasse von dem starken Gebräu zu holen, und Fia sah ihr erleichtert zu, nun mit ehrlichem Lächeln.

 »Das ist super, danke Jutta.«

»Da nich’ für, Fia.«

Es kehrte Stille ein und für einen Moment fühlte sich Fia merkwürdig unwohl, schuldig.

»Hast du schon von diesem verrückten Raben auf dem Weihnachtsmarkt gehört?« wollte Jutta betont fröhlich wissen und reichte ihr die Tasse,

»Ja, im Radio, ganz kurz«, gab Fia zurück und war ihr dankbar, dass sie das Thema wechselte.

»Ich hab' schon überlegt, ob ich heute nach der Arbeit hingehe, um mir das Kerlchen mal anzusehen, er soll ziemlich gewitzt sein und ziemlich groß,«, plauderte Jutta drauf los. »Im Radio hatten sie so einen Typen vom Naturschutz, der meinte, dass Raben sehr intelligent sind, und der auf dem Weihnachtsmarkt vielleicht von Menschen aufgezogen wurde. Er hat nämlich gar keine Angst, läuft einfach zwischen den Leuten rum und einem hat er tatsächlich den Hamburger aus der Hand geklaut! Scheint auf ungesunde Sachen zu stehen, der Guteste!«

»Ich finde Raben eher unheimlich«, bemerkte Fia versonnen und blickte in ihre Tasse, als wäre der Vogel dort zu sehen. »In den Märchen sind sie immer Unglücksboten oder gehören zu den Hexen.«

Kaum war der Satz heraus, fiel ihr auf, dass sie mal wieder etwas sehr Unpassendes von sich gegeben hatte, und spürte sogleich, wie ihr die Röte in die Wangen kroch. Als sie aufsah, begegnete sie Juttas verblüfftem Blick und ihr Kopf begann zu glühen.

Doch die lachte herzhaft auf. »Du hast recht, ich erinnere mich daran! Irgendjemand sollte beim Radio anrufen und die Leute auf dem Weihnachtsmarkt warnen. Wer weiß, aus welchem Märchen das Vieh entsprungen ist!!«

Erleichtert stimmte Fia ein und ignorierte das merkwürdig mulmige Gefühl, das sich in ihr bemerkbar machen wollte. Das Lachen ihrer Arbeitskollegin verebbte und sie begann zu grinsen.

»Weißt du was? Du kannst dir den Raben heute noch ansehen! Du hast ja versprochen, das Geburtstagsgeschenk für Claudia zu besorgen und das brauchen wir morgen!«

Das hätte sie glatt vergessen, also würde das Kaffeetrinken bei Frau Kaiser heute ausfallen. Und um den Raben würde sie ganz sicher einen großen Bogen machen.

 

Es begann bereits wieder zu dämmern, als Fia ihr Auto auf dem üblichen Parkplatz vor ihrem Wohnhaus abstellte, und sich auf den Weg in die Innenstadt machte. Nach dem langen Tag war sie unglaublich müde und wollte diese Geschenkgeschichte so schnell wie möglich hinter sich bringen. Dann würde sie sich in die geliebte alte Wolldecke kuscheln, die ihre Großmutter für sie gestrickt hatte, und sich irgendetwas im Fernsehen anschauen, bis ihr die Augen zufielen. Vielleicht sollte sie sich vom Weihnachtsmarkt etwas Leckeres für das Abendessen mitnehmen, Spießbraten oder ... .

Abrupt blieb sie stehen, denn ihr war der Rabe eingefallen, der sich dort herumtrieb. Das merkwürdig mulmige Gefühl kehrte zurück, und sie beschloss, auf den Spießbraten zu verzichten. Sie musste allerdings wohl oder übel den Markt überqueren, um zum größten Kaufhaus am Platze zu gelangen.

Als sie zu überlegen begann, wo sie die Latte-Macchiato-Gläser dieser speziellen Firma wohl noch bekommen konnte, schüttelte sie den Kopf und setzte sich ruckartig wieder in Bewegung.

Ihre Therapeutin hatte ihr oft genug gesagt, dass sie es sich zu schwer machte, weil sie Ausweichmanöver für Probleme erfand, die gar keine waren. Und es konnte ja wohl nicht sein, dass sie darüber nachdachte, einem Raben auszuweichen, der sicher längst wieder fort war. Grimmig entschlossen bog sie in die Seitenstraße ein, die sie zum Weihnachtsmarkt führen würde, und zum Haupteingang des Kaufhauses.

 

Fia begann gerade, sich durch die Menschenmenge zu drängen, als die Leute ihr mit einem erstaunten Laut entgegen wogten. Vor ihr wichen sie aus, und plötzlich fiel ihr Blick auf einen großen, schwarzen Vogel, der auf dem Boden stand und sich mit schräg gestelltem Kopf irgendwie keck umsah.

Sie erstarrte, als der Blick aus den schwarzen Knopfaugen sie erfasste. Ganz unbewusst führte sie die Handbewegung aus, die sie schon als kleines Mädchen von ihrer Mutter gelernt hatte, um Böses abzuwehren. Sie zeichnete das kleine Pentagramm so schnell und verstohlen in die Luft, dass es den Menschen sicher nicht weiter auffiel. Aber der Vogel vor ihr starrte auf ihre Hand, dann hob er den dunklen Blick und fixierte sie als sei sie ihm eben erst aufgefallen.

Die Menschen um sie herum bemerkten nun, wen der Rabe da ins Visier genommen hatte, während Fia zwischen Erstarrung und Fluchtimpuls gefangen war, und nichts tat, außer viel zu hektisch zu atmen.

»Keine Sorge«, meldete sich eine ruhige, ältere Männerstimme neben ihr. »Er tut ihnen nichts, gehen sie einfach weiter.«

Das wollte sie ja gern, doch ihre Beine schienen momentan gar nicht zu ihr zu gehören.

»Kommen Sie, ich bringe Sie an ihm vorbei«, sprach die Stimme und sie ließ sich widerstandslos mitnehmen.

Der Rabe war tatsächlich ziemlich groß, sein Gefieder leuchtete bläulich auf, als er den Kopf wandte. Er ließ Fia nicht aus den Augen, als sie an ihm vorbei tappte, und sie fühlte sich von seinen schwarzen Augen so gebannt, dass sie nicht wegschauen konnte. Schließlich versperrten ihr die Leute die Sicht auf ihn, und sie drehte endlich den Kopf, um nach vorn zu schauen.

 

Als sie den Eingang des Kaufhauses erreicht hatten, bemerkte sie das unbändige Hämmern ihres Herzens. Sogar ihre Knie zitterten, und die Erkenntnis, dass sie mit ihrer unseligen, völlig überflüssigen Angst mal wieder aufgefallen war, lies sie vor Scham beinahe in Tränen ausbrechen.

»Alles in Ordnung? Kann ich Sie nun allein lassen?«, wollte der Mann wissen und Fia sah ihm zum ersten Mal ins Gesicht.

Ein älterer Herr mit schlohweißem Haar, um die siebzig vielleicht. Spontan entspannte sie sich ein wenig und konnte ihm mit einem zaghaften Lächeln zunicken.

»Ja ... Ja klar. Ich mag Raben nicht«, erwiderte sie stockend.

Der Mann lächelte. »Er ist ziemlich groß, aber er ist wirklich harmlos, das können Sie mir glauben. Ich habe mal einen aufgezogen, sie sind sehr zutraulich und neugierig, das ist alles. Er wird ihnen nichts tun.«

Fia nickte zustimmend, obwohl sie nicht überzeugt war. Ein Schaudern kroch ihr über den Rücken, dann stürzte sie ruckartig durch die Tür ins Kaufhaus.

 

 

 

Kapitel 2 der Rabe

21. Dezember

 

Ihre Knie bebten immer noch, als sie auf die Rolltreppe stieg und das Gefühl zu verdrängen versuchte, dass jeder um sie herum ihren Zustand bemerkte. Und sie hatte auch noch das Zeichen gemacht, dieses bescheuerte Schutzzeichen, das ihr beigebracht worden war, bevor sie auch nur ansatzweise begriffen hatte, was es bedeutete.

In der Glaswarenabteilung irrte sie eine ganze Weile umher, bis sie schließlich eine Verkäuferin ansprach und um Hilfe bat.

Wenig später war sie mit einer Geschenkverpackung im Arm wieder auf dem Weg zum Ausgang.

Einige Meter vor der großen Eingangstür blieb sie stehen und versuchte durch die Glasscheiben zu erkennen, was draußen vor sich ging.

Die Menschen schoben sich über den Weihnachtsmarkt oder hasteten vorüber. Es sah alles ganz normal aus und von dem Raben war nichts zu sehen, zumindest von ihrem Standort aus. Spontan machte Fia kehrt, lief mit großen Schritten an der Rolltreppe vorbei in den hinteren Teil des Erdgeschosses, und öffnete eine sperrige Eisentür. Sie führte in ein nacktes, von Neonlicht beleuchtetes Treppenhaus und zum eher versteckt gelegenen Hinterausgang, der wenig benutzt wurde.

Als sie ins Freie trat, war es bereits dunkel geworden.

Sie ließ ihren Blick über die kleine Seitenstraße hinweggleiten, dann machte sie sich eilig auf den Weg, oder besser auf den Umweg, den sie nun nahm, um nach Hause zu kommen. Den Gedanken, dass sie gerade genau das tat, was sie sich unbedingt abgewöhnen sollte, verdrängte sie, so gut es ging.

 

Erst als die Tür zu ihrer kleinen Wohnung hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sich Fia sicher. Sie warf den Rucksack achtlos unter die Garderobe, stellte das Geschenk auf die kleine Kommode und befreite sich von Mantel, Schal und Mütze. Dann lief sie in die kleine Küche und griff nach dem Wasserkocher, um sich eine Tasse Pulvercappuccino zu machen. Es war ihr abendliches Ritual, um den Arbeitstag hinter sich zu lassen und die Gedanken abzuschalten, die sich immerzu um die alten Leute drehen wollten.

Heute allerdings stieg das Bild des Raben vor ihr auf, während sie mit verschränkten Armen darauf wartete, dass das Wasser zu kochen begann. Hatte er sie wirklich so eindringlich und voller Intelligenz angeschaut, oder hatte sie sich das eingebildet? Und warum hatte ihr das so viel Angst gemacht?

Sie reagierte allerdings auch auf Hunde sehr ängstlich, also hatte der Rabe mit seiner Größe wohl einen ähnlichen Effekt ausgelöst. Aber es war auch nicht weiter wichtig, immerhin war es insgesamt einfacher, einem Raben auszuweichen als Hunden, die von ihren Herrchen und Frauchen überall hin mitgenommen wurden.

Das Telefon klingelte und holte sie aus ihren Gedanken.

Mit einem kurzen Blick auf den Anrufbeantworter, der wie das Telefon im Flur stand, stellte sie fest, dass es Aufzeichnungen gab, und wusste sofort, wer es da schon einige Male versucht hatte. Einen Moment zauderte sie, dann schaltete sie den Wasserkocher aus und griff seufzend nach dem Telefon.

»Hallo Mama.«

Ihre Mutter war daran gewöhnt, dass Fia sie offenbar bereits am Klingelton erkannte, obwohl sie sorgsam darauf achtete, niemals ihre Nummer anzeigen zu lassen.

»Hallo mein Küken«, ertönte ihre rauchige Stimme in der Leitung. »Wie geht es dir?«

Fia verdrehte die Augen, denn dies war nur der kaum ernst gemeinte Auftakt für den nächsten Überredungsangriff.

»Gut«, log sie, wie immer. »Ich habe viel Arbeit, in der Weihnachtszeit geht es den meisten alten Leuten nicht so gut.«

In der Leitung herrschte einen Moment Stille.

»Musst du über Weihnachten wieder arbeiten?«

Fia runzelte die Stirn und begann langsam auf und ab zu gehen. Sie wusste doch, dass sie jedes Jahr über die Feiertage arbeitete.

»Ja«, erwiderte sie und ihre Stimme bekam einen trotzigen Unterton. »Meine Kolleginnen haben alle Familie und Kinder, und da wir mit Weihnachten sowieso nichts am Hut haben, übernehme ich halt die Dienste. Das weißt du doch, Mama!«

»Sicher, mir geht’s ja auch gar nicht um Weihnachten, Fia. Aber es ist von alters her eine heilige Zeit und schon die Familien unserer Ahnen trafen sich, um sie zu feiern und gemeinsam die dunklen Wesen fernzuhalten, Kind.«

Da war es wieder, dieses verdrehte, magische Weltbild, das ihr selbst den Kopf verdreht hatte, und ihr die Albträume einbrachte und die Ängste und all das.

»Du weißt, dass ich damit auch nichts am Hut habe, Mama«, bemerkte Fia trocken und ihre Stimme war nun endgültig angespannt.

»Ich weiß ja, meine Süße. Ich mein' ja nur…. . Ich hab dich so lange nicht mehr gesehen!«

Nun musste Fia schlucken, denn dieser Teil war der Schwierigste für sie. Wenn ihre Mutter sie traurig darum bat, sie endlich wieder einmal zu besuchen, drohte etwas in ihr unverzüglich nachzugeben. Zögernd suchte sie nach der richtigen Formulierung und lenkte ihre unruhigen Schritte zur Balkontür.

Dort erstarrte sie und vergaß, dass sie gerade telefonierte.

In der schwach von den Straßenlaternen weit unten beleuchteten Dunkelheit auf ihrem Balkon saß der Rabe auf der Brüstung, das Gefieder leicht aufgeplustert und musterte sie interessiert.

Er hatte sie gefunden?! Er hatte sie verfolgt!

Augenblicklich begann ihr Herz wie rasend zu klopfen und ihr wurde viel zu heiß. Atemlos beobachtete sie, wie der Vogel seine Schwingen ausbreitete, ohne seine schwarzen Augen von ihr abzuwenden. Nahm er jetzt Anlauf, um die Balkontür einzuschlagen?

Ihre Hand war schneller als sie denken konnte, diesmal führte sie das Pentagramm in weitem Bogen aus, damit er es verdammt noch mal auch sehen und es ihn vertreiben konnte. Der Rabe folgte der Bewegung ihrer Hand aufmerksam, legte die Schwingen eng an den Körper und ließ sich nach hinten fallen, kippte über die Brüstung und war verschwunden.

Ein ersticktes Keuchen entrang sich Fias Kehle und der Gedanke, dass das Zeichen ihn tatsächlich vertrieben hatte, kam ihr so absurd wie wunderbar vor. Jetzt erst nahm sie die leise Stimme aus dem Telefon wieder wahr. Ohne den Blick von der nun leeren Balkonbrüstung abzuwenden, hielt sie sich den Hörer wieder ans Ohr.

»…….Fia? Fia! Was ist denn los, verdammt noch mal, wo bist du denn? Bist du umgefallen? Ist was passiert?«

»In der Küche sind die Nudeln übergekocht«, log sie automatisch und hatte das Gefühl, direkt neben sich zu stehen. »Entschuldige Mama, ich musste in die Küche rennen.«

Ließen sich Raben eigentlich einfach so in die Tiefe fallen, überlegte sie, und hörte gar nicht, was die aufgebrachte Stimme ihrer Mutter ihr zu sagen hatte. Vögel öffneten doch ihre Schwingen, um zu fliegen.

»Tut mir leid Mama, dass ich arbeiten muss«, sagte sie schließlich. »Ich komme nach Weihnachten und besuche dich, ja?«

Das wollte sie eigentlich nicht versprechen, aber es war das beste Mittel, ihre Mutter so schnell wie möglich abzuwimmeln und auflegen zu können.

In ihr regte sich der verblüffend mutige Gedanke, auf den Balkon hinauszugehen und sich davon zu überzeugen, dass der Rabe tatsächlich fort war. Vielleicht lag er ja sogar tot unten auf der Straße? Das wäre irgendwie beruhigend.

»Mama, ich muss mich um meine Nudeln kümmern, ich ruf dann noch mal an, ja?«

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit wartete sie die Antwort nicht ab, sondern legte auf. Das würde ihre Mutter sehr misstrauisch machen, doch das war momentan nicht so wichtig. Langsam stellte sie das Telefon zurück an seinen Platz und ließ die Balkontür nicht aus den Augen. Der Drang, hinauszugehen und sich davon zu überzeugen, dass der schwarze Vogel wirklich fort war, rang mit der aufsteigenden Angst.

Vielleicht kam er zurück, während sie draußen war.

Unwillkürlich ballte sie die Fäuste und holte tief Luft. Diesmal würde sie der Angst nicht nachgeben. Ihr Blick huschte durch das Wohnzimmer, dann in den Flur und blieb an der Garderobe hängen. Mit wenigen Schritten war sie dort, ergriff einen der hölzernen Bügel, und ging entschlossen auf die Balkontür zu. Sollte der Rabe zurückkommen, würde sie ihm eins mit dem Kleiderbügel verpassen.

Die improvisierte Waffe in der erhobenen Hand öffnete sie die Tür und hielt den Atem an, als ein Schwall eiskalter Luft hereinströmte. Dann tat sie einen Schritt und war draußen.

Ihr Balkon besaß eine Außenleuchte und sie beugte sich mit fliegenden Fingern zurück ins Wohnzimmer, um nach dem Schalter zu tasten.

Im aufflammenden Licht sah sie sofort die Spuren der Vogelfüße auf der verschneiten Balkonbrüstung, er war von einem Ende zum anderen gelaufen. Weihnachtsmusik und leise Stimmen drangen von der Straße herauf, aber ansonsten war nichts zu sehen oder zu hören. Kalte Nässe breitete sich unter ihren Fußsohlen aus, und ein Blick nach unten offenbarte ihr, dass sie in ihren Hausschuhen aus Plüsch knöcheltief im Schnee stand.

Und direkt vor ihr lag etwas Kleines, Rotes.

Sie bückte sich danach und hielt gleich darauf einen kleinen Engel in der Hand, das rote Kleidchen aus Filz gearbeitet, der Kopf eine offensichtlich handbemalte Holzkugel mit wollenem, gelben Haar. Für einen Moment vergaß sie, dass ihr gerade ernsthaft kalt wurde, denn es sah beinahe so aus als habe der Rabe ihr ein Geschenk dagelassen.

 

Der Rabe fing seinen Sturz ab und öffnete die Schwingen.

Knapp über den dunklen, leicht nebligen Baumwipfeln ließ er sich von einem Aufwind mittragen und senkte seinen Blick nach unten. An den Stämmen der mächtigen Bäume huschten Gestalten verstohlen durch das Unterholz; erhoben sich einige gehörnte Köpfe, um nach ihm zu sehen.

Hier oben musste er sie nicht wirklich fürchten, aber es war trotzdem nicht ungefährlich, ihr Gebiet zu überfliegen. Einige von ihnen konnten mit Bögen umgehen und hätten sicher große Freude daran, ihn als Trophäe nach Hause zu tragen. Dies war ihr Reich, das Land der Perchten. Der Rabe zog sich ein wenig höher hinauf in den Himmel und beschleunigte seinen Flug, denn seine Zeit war knapp bemessen.

Wenig später überflog er das im Mondlicht schimmernde, silberne Band eines breiten Flusses und ließ sich tiefer sinken.

Er hatte nun die alte Grenze überschritten und war zu Hause. Nur zu gern würde er sich den Weg zurück über das Land der Frau Perchta und ihrer Sippschaft ersparen, aber er hatte einen Auftrag zu erfüllen, und seine Rückkehr war nur ein kurzer Ausflug, um seinem Vater Bericht zu erstatten.

Er konnte den alten Raben, den Rìg seiner Sippe, bereits spüren und zu seinem Erstaunen auch seinen älteren Bruder. Sie saßen also beieinander in der uralten Ulme. In einer engen Schleife ließ er sich tiefer sinken und steuerte zielsicher einen der oberen Äste des mächtigen Baumes an. Beinahe lautlos landete er auf dem Ast und schmiegte die Flügel an den Leib.

Die beiden Raben, die dort saßen, wandten sich ihm stumm zu.

Wie es sich gehörte, hüpfte er nah an sie heran und berührte zuerst den Schnabel seines Vaters mit dem eigenen, dann den seines Bruders.

»Du kommst spät Agasto«, sprach ihn sein Vater mit seiner dunklen, rauen Stimme an und sah ihn erwartungsvoll an. »Gab es Schwierigkeiten?«

Agasto beugte respektvoll den Kopf, dann hob er ihn und warf seinem Bruder einen skeptischen Blick zu.

»Nein«, gab er sparsam Auskunft und wartete darauf, zu erfahren, warum Roux bei ihnen war.

»Nun«, fuhr sein Vater gemessen fort. »Wie steht es dann mit den Menschen, hast du schon gefunden, was wir suchen?«

»Nein«, antwortete Agasto mit aufkommendem Zorn. »Die Menschen, die ich gesehen habe, hielten mich für einen possierlichen Narren, mehr nicht. Keiner von ihnen hatte Respekt! Und alle scheinen mir dumm und unwissend zu sein! Viel zu dumm, um uns zu geben, was wir brauchen!«

»Siehst du?«, fiel Roux ein. »Du musst zur Perchta gehen und dich mit ihr verbünden!«

»Schweig!« fuhr der alte Rabe ihn an und es wurde schlagartig still auf dem Ast.

Über ihnen jedoch war ein Flattern von Schwingen zu hören, und Agasto wusste ohne hinsehen zu müssen, dass dort oben die Leibwache seines Vaters saß. Zwölf Raben mit scharf geschliffenen Schnäbeln, vor denen auch sein Bruder Roux Respekt hatte, denn sie waren unter anderem darauf trainiert, einer Perchte mit einem Hieb den Hals aufzureißen.

Der alte Ahasver betrachtete seinen zweitgeborenen Sohn aufmerksam.

»Ich weiß, dass du die Menschen verachtest, Agasto. Genau deshalb habe ich dir den Auftrag gegeben.«

Sein Blick fiel auf Roux, während Agasto ihn nicht zum ersten Mal verständnislos ansah.

»Lass mich mit ihm gehen, Vater«, warf Roux ein. »Ich werde den Auftrag sehr viel schneller erfüllen als Agasto!«

Der Alte musterte ihn eingehend. »Nein Roux. Du wirst warten müssen, bis sich deine Wünsche erfüllen.«

Die beiden Raben maßen sich stumm mit ihren schwarzen Augen, bis Roux schließlich den Kopf beugte. Dann flog er auf und Agasto sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckte.

»Du wirst erkennen, wer der Richtige ist.«, sagte sein Vater leise und Agasto wandte sich ihm wieder zu. »Bist du dir sicher, dass sie alle so dumm und respektlos sind, wie du mir berichtest?«

Still bohrte sich der Blick des alten Rìg in die wachen, klaren Augen seines Sohnes und Agasto fühlte sich sofort durchschaut. »Vielleicht nicht alle«, gab er zu und dachte an diesen einen, ein Weibchen, das gleich zweimal das alte Zeichen vor ihm geschlagen hatte. Sie war vielleicht etwas weniger dumm und respektlos als der Rest von ihnen.

»Nun, dann flieg zurück, finde den einen, und bring ihn her«, erwiderte Ahasver bestimmt. »Wie du weißt, haben wir nicht viel Zeit und du hast noch weniger, mein Sohn.«

Agasto beugte gehorsam den Kopf; einem Befehl des Rìg durfte kein Rabe widersprechen. Dass Roux so lange gezögert hatte, sich ihm zu beugen, hätte ihm eigentlich einen scharfen Hieb einbringen müssen. Doch er war der Erstgeborene und konnte sich damit einiges an Ungehorsam leisten. Und er war heißblütig und ungeduldig.

»Geh«, forderte ihn sein Vater auf.

Agasto gehorchte sofort und schwang sich von dem Ast in den dunklen Himmel hinauf.

 

Weniger schnell als auf dem Hinweg und äußerst vorsichtig überflog er das Land der Perchten, denn der Frieden mit ihnen war inzwischen allzu brüchig.

Zu lange schon hatte niemand mehr ihre Herrin gesehen, und Gerüchte machten die Runde; dass sie fortgegangen war. Es war das Unglück der Raben, dass die Grenze zur Welt der Menschen auf dem Gebiet der Perchten lag. Ihr Vorteil war allerdings, dass sie sie früher überwinden konnten als die wilden Mischwesen; in den uralten Raunächten zwischen den Jahreskreisläufen von Mond und Sonne.

Agastos feines Gehör nahm unter sich ein mehr als übliches Geraschel wahr und er ließ seinen Blick aufmerksam über die Lücken zwischen den dichten Baumkronen schweifen. Mehrere gehörnte Gestalten schienen sich dort unten herumzudrücken. Sie warteten bereits.

Der Rabe beschleunigte seinen Flug, stieg in den dunklen Himmel hinauf, dann legte er die Flügel an den Körper und ließ sich in die Tiefe fallen.

Nur Sekunden später hatte sich die Landschaft unter ihm völlig verändert. Helle Lichtpunkte überzogen den Grund, soweit er blicken konnte. Nur wenige dunkle Flecken waren darin zu erkennen und er hoffte, dass es Wälder waren, denn er würde einen Zufluchtsort brauchen, wenn er nun länger bleiben musste.

Die Siedlung, die er ansteuerte, war ebenso hell erleuchtet wie die anderen, aber inzwischen war es still in den Straßen, denn die tiefe Nacht war hereingebrochen.

Agastos Orientierungssinn brachte ihn mühelos zurück zu dem hohen Nest, das zumindest entfernte Ähnlichkeit mit den Behausungen der alten Krieger hatte, und in dem dieses Menschenweibchen zu leben schien.

Er bremste seinen Flug ab und schwebte mit einer eiskalten Luftströmung auf das steinerne Gebilde hinab, auf dem er früher an diesem Abend schon einmal gesessen hatte.

Hinter der gläsernen Wand brannte ein einzelnes, kleines Licht, aber es bewegte sich nichts. Erstaunt bemerkte er, dass die kleine bunte Figur, die er ihr mitgebracht hatte, nicht mehr im Schnee lag. Sie hatte also sein Geschenk akzeptiert und hieß ihn damit willkommen. Das war höchst erstaunlich, angesichts der nackten Angst, die in ihrem Gesicht gestanden hatte. Aber vielleicht war dies ja ihre Art, ihren Respekt auszudrücken. Und vielleicht lohnte es sich tatsächlich, sie zu prüfen

Leise hüpfte er auf den Boden hinab und trat nah an die gläserne Wand heran, die ihm den Eintritt verwehrte. Sie lag schlafend auf einem sehr langen gepolsterten Stuhl, eingerollt in eine Art weichen Flaum wie ein frisch geschlüpftes Küken. Und mehr waren sie eigentlich auch nicht, diese Menschen, dumm und hilflos wie Küken.

Das Menschenweibchen bewegte sich im Schlaf, sie schien unruhig zu sein. Abrupt fuhr sie sich mit der Hand über den Kopf als wolle sie etwas abstreifen, und zog sich etliche Strähnen rotblonden Haares über das Gesicht. Rötliches Haar … . Das war ein gutes Zeichen.

Eine Weile beobachtete der Rabe sie reglos, dann sprang er wieder auf den steinernen Vorbau und schwang sich in die Luft. Er musste sich einen Unterschlupf suchen in dieser kalten, unwirtlichen Gegend, denn selbst ein fitheach an bhfios, ein wissender Rabe wie er, brauchte Schlaf.

In geringer Höhe segelte er über die steinernen Häuser unterschiedlicher Größe hinweg und registrierte aufmerksam, dass viele von ihnen, die früher am Abend noch geleuchtet hatten, nun dunkel und still waren. Sein Blick fiel auf zwei Gestalten, die aus einem der Häuser heraustorkelten, während hinter ihnen der Eingang verschlossen wurde und das Licht erlosch. Augenblicklich begannen sie, sich anzubrüllen und der eine schlug dem anderen vor die Brust, dass er nach rückwärts taumelte.

Der Rabe hatte schon viele betrunkene Krieger erlebt, die im Rausch aufeinander einprügelten. Aber worum kämpften diese beiden?

Neugierig glitt er näher und nahm auf einem lang gestreckten, leuchtenden Kasten Platz, der an einem ihrer Häuser hing und ihm augenblicklich das Geläuf[1] wärmte. Angenehm überrascht sah er hinab und konnte wie bei all den anderen leuchtenden Gebilden, die es hier gab, nicht erkennen, wo die Quelle für das Licht und die Wärme verborgen war.

»Gets krisse auffe Fresse, Mann«, brüllte einer der Männer, die knapp unter ihm ihren Kampf ausfochten und er sah wieder hinab.

Sie trugen keine Waffen und schienen viel zu betrunken zu sein, um ernsthaft gegeneinander antreten zu können. Der Schreihals packte seinen Gegner und versuchte, ihn herum zu schleudern, doch der andere hielt dagegen. Plötzlich hielt er inne und starrte verdattert zu ihm hinauf. Der Angegriffene wollte seine Chance nutzen, doch der Schreihals ließ ihn los und deutete hinauf zu Agasto.

»Ey watte ma’, watte ma’«, lallte er und begann zu grinsen. »Dat is’ dat Rabenvieh!«

Der Zweite hielt inne und folge seinem ausgestreckten Arm mit den Augen.

»Ey, ich schwör, dat is deer, ey! Vonn’ Weihnachtsssmaakt, weisse? »Ey du Viech!« brüllte er, holte aus und warf etwas in seine Richtung.

Agasto wich lässig aus und das kleine offensichtlich aus Eisen gefertigte Ding schlug scheppernd hinter ihm auf. Der Mensch hatte ihn angegriffen? Zorn wallte in ihm auf. Brauchte es noch mehr Beweise dafür, dass die Menschen dumm waren und ohne jeden Respekt?

Ob die armseligen Gestalten da unten wohl ahnten, dass er mehr als genug Kraft in seinen Krallen hatte, um ihnen ihre bleichen, hässlichen Köpfe auf den Rücken zu drehen? Dies war die einzige Möglichkeit, eine Perchte zu töten, wenn man nicht das Privileg besaß, sich den Schnabel zu schärfen, wie die Leibwache des Rìg.

Der Zorn und der Wunsch, ihnen zu zeigen, wie schwach und hilflos sie in Wahrheit waren, kochten in ihm hoch, während die beiden Menschen nun schreiend mit den Armen ruderten, als könnten sie ihn damit erschrecken.

Leise breitete er die Schwingen aus und stieß auf die verblüfften Männer hinab. Blitzschnell krallte er sich im Haarschopf des einen fest, stieß sich ab und schwang sich in den Himmel hinauf. Das Schmerzgebrüll unter ihm gab ihm eine gewisse Befriedigung, aber er bedauerte es, dass er den Menschen nicht als das auffallen durfte, was er eigentlich war.

Er folgte einem Aufwind, stieg höher und steuerte einen dunklen Flecken außerhalb der Stadt an. Dort, das spürte er, waren Bäume.

 

 

 

[1]                      naturkundlich: Vogelfüße

 

Kapitel 3 Verzweiflung

22. Dezember

 

Auch in dieser Nacht träumte Fia vom Kirchplatz, doch das Bild hatte sich verändert. Sie stand am Rande des Platzes, während der Rabe über das Kopfsteinpflaster hüpfte und sich immer wieder auffordernd nach ihr umsah. Und dann zog ihr jemand einen stinkenden Sack über den Kopf.

Keuchend und um sich schlagend wachte sie auf, und es dauerte einen Moment, bis ihr Bewusstsein spürte, dass ihr nichts geschehen und sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Ihr Blick fiel auf den kleinen Holzengel, der auf dem niedrigen Wohnzimmertisch lag. Erst brachte er ihr ein Geschenk und dann wollte er sie auf diesen verdammten Kirchplatz locken. Sie schüttelte den Kopf und hielt plötzlich inne.

Etwas fehlte ganz und gar. Wo war die Angst?

Überrascht hörte sie sich selbst ganz ruhig und gleichmäßig atmen und war nun vollends verwirrt. Mit gerunzelter Stirn griff sie nach der Figur und betrachtete sie aufmerksam. Er war nichts Besonderes, eine vermutlich überteuerte kleine Bastelei vom Weihnachtsmarkt, dazu gedacht, an einem Tannenbaum zu hängen. Und doch….

War es vielleicht so etwas wie ein Talisman, der die Angst ferngehalten hatte? Ertappt ließ sie den Engel fallen und war augenblicklich wütend auf sich selbst.