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Albert Knaus. Ein Freund nennt ihn liebevoll AKA, weil er gut aussieht wie eine Akanthusblüte, weil er aber auch unangenehm werden kann, wenn man ihn unerlaubterweise berührt. Er wird zufällig Zeuge eines Unfalls. Ein Unbekannter stürzt von einer Brücke in den Fluss, an seinen Füssen ein Strick mit einem Stein, an seinem Handgelenk eine Pistole. Albert rettet ihn. Im Gegensatz zu den Untersuchungsbehörden glaubt er nicht an einen Selbstmord. Mit Beharrlichkeit sucht und findet er immer weitere Teilchen zu seinem Puzzle. Hinweise führen ihn nach Amerika und nach Serbien, wo er eine gefährliche Frauenbande ausmacht, welche skrupellos und entschlossen an einer Zukunft ohne das starke Geschlecht arbeitet. Finanziert wird das Ganze durch undurchsichtige Geschäfte. Noch sollte die Arroganz und die Selbstüberschätzung der Männerwelt für das Projekt dienstbar gemacht werden. Der Frauenheld Albert scheint sich geradezu anzubieten, aber er dreht den Spieß um. Die Geschichte nimmt einen unerwarteten Ausgang!
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2016
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* Akanthos, griech. Der Dornige. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. distelartige Verzierung von (korinthischen) Kapitellen. Aber auch Ziermotiv auf Waffen. Hier: Verblendung und Verschleierung von Tatsachen. Aber: Disteln sind gezähnt und stachelig und können unangenehm sein, wenn man sie unvorsichtig berührt.
Der Flusslauf der Dinge
Krankenbesuch
Royome de Belgique
Auf den Schienen des Orient-Express und auf den Spuren der Neuen Schöpfung
Die Bienen und die Wespen von Belgrad
Wieder Älpler Makkaroni und Kafi Fertig
Belgrade, here I am again!
Der versäumte Hochzeiter
Gaston
Die Versuchung
Das Theater
Andrea und Andreas
Kein Theater
Übersee
Auf der Suche nach der verlorenen Würde
Die Weihnachtsparty
Ein grauer Schleier um Cedo
Die Schauspielerinnen
Love at first sight
Kroatien. Es muss ja nicht immer Zagreb sein.
Aston und die Identifikations-Parade
Die Geburtstags-Party
Es braucht so wenig!
Albert Knaus war im Grunde genommen eine unauffällige Erscheinung. Er besass wohl eine äusserst sportliche Figur, nicht kraftstrotzend aber stämmig, drahtig und athletisch. Beileibe, er wusste es, aber er stellte sich nicht zur Schau. Er konnte im Umgang mit Sportkollegen auffällig grosszügig sein. Vor nicht allzu langer Zeit beendete er einen Wettkampf auf dem undankbaren 2. Platz. Lange hatte er wie der sichere Sieger ausgesehen, aber dann nahm er heraus und wurde von einem Konkurrenten auf der Ziellinie abgefangen. Fachkundige, skeptische Beobachter wollten von ihm wissen, wie es zu dieser Wende kommen konnte. Erst ging Albert nicht auf diese Fragen ein, dann rühmte er die Endschnelligkeit des Siegers. Erst nachdem mehrere Fans insistiert hatten, weil sie die freundschaftliche Szene nach der Zieldurchfahrt beobachtet hatten, gab er dann doch nach:
»In meinem Alter braucht man Freunde, nicht Pokale…!«
Albert war nie gerne einsam und allein. In Gesellschaft seiner Freunde fühlte er sich geborgen, insbesondere dann, wenn der Anteil am anderen Geschlecht die 65% Marke überschritt. Es sprach schon deutlich für ihn und seine Lebensauffassung, dass er dazu stand und keinen Hehl daraus machte.
Dann gab es aber auch Momente, so wie heute, wo er ungezwungen seine eigenen Wege gehen konnte. Er war auf dem Heimweg vom Tessin nach Zürich, und er hatte bewusst die Ausfahrt Gisikon-Root genommen. Dort wollte er sich ein gemütliches Abendessen gönnen. Er mied die Autobahn-Restaurants wo er konnte. Auf dem Land, im Dorf, bei Fischer Müller und bei Müller Fischer fühlte er sich wohl. Kam noch dazu, dass ihn eben diese Gaststätte an einen romantischen Abend erinnerte. Mit einer Majorette de Lucerne, welche er damals, d.h. eine Woche zuvor, an einem Fest in Deutschland kennen gelernt hatte, verbrachte er einen unvergesslichen Abend – nicht eine Nacht, das kam erst später….
Er liess sich eine der besseren Flaschen öffnen und genoss den kostbaren Inhalt allein, bis auf den letzten Tropfen. Dies versetzte ihn in eine fröhliche Stimmung. Albert war aber ein Mann von Prinzipien; auch unter dem Einfluss verpackter Weintrauben blieb er stets verantwortungsbewusst. Was sollte ihn davon abhalten, dem Phänomen der biologischen Halbwertszeit eine Chance zu geben? Weshalb nicht auf demselben Reussweg, den er vor Jahren gewählt hatte, oder hatte sie ihn gewählt? Wen kümmerte es, jetzt wo er solche Einzelheiten selber entscheiden konnte?
Gleich um die Ecke beim Restaurant führte ein Weg zu einer modernen Gewerbezone. Zwischen dieser und dem nahen Ausstellungszentrum auf der andern Seite der Reuss liegt eine kleinere Brücke, parallel zu jener, die als Autobahnzubringer dient. Albert bog auf den kleinen, holprigen Sandweg ein und spazierte so ein Stück entlang des Flusslaufes. Die Beschilderung »Sins – Oberrüti – Rootkreuz« interessierte ihn wenig; soweit wollte er dann doch nicht gehen. An den Pfeilern der Brücke hatten sich Äste und Gestrüpp aufgebaut. Das Wasser stand recht tief und doch imponierte ein reissender Fluss.
An vereinzelten Stellen verdeckten hochgewachsene Brombeersträuche die Sicht auf das Wasser. Eine Anzeigetafel auf hohen Stelzen verbot den Männern das Baden im Fluss. Eine Figur mit Bikini gab es da nicht. An einigen Stellen war die Böschung auffällig zurückgesetzt, wohl ausgespült durch die Kraft eines unvergleichlich höheren Wasserstandes. Das Wurzelwerk einer stattlichen Birke hing praktisch an der Luft. Albert erinnerte sich, wie die Reuss schon im Urnerland bei Gewittern innert Minuten zu einer tobenden Gefahr für die Anwohner werden konnte. Die Stelle war schwer zugänglich, aber Albert stieg hinunter. Gewaltige Steinblöcke zierten diese Einbuchtung. Ein Stein der besonderen Art weckte Alberts Interesse. Das war nicht ein Produkt der Natur, so wie alle anderen. Der Stein war bearbeitet, er wies distelartige Verzierungen auf und könnte zum Endstück einer Säule gehört haben. Wie mag er wohl dorthin gekommen sein, als Einzelstück?
Imposante Büsche ragten weit über das Ufer. Nahe beim Wasser stand ein senkrechter Holzpfahl mit rostigen Nägeln. Dort hatte wohl ein Anwohner seine private Messstation für den Wasserstand eingerichtet. An einem wirren Draht hing ein Stofffetzen. Albert setzte sich einen Augenblick auf einen der Steine und beobachtete eine düstere Wolke, welche sich weit hinter den Hochspannungsleitungen aufgebaut hatte. Trotzdem spiegelte sich eine verzerrte Sonne in der angeregten Strömung.
Allzulange würde sein Spaziergang wohl nicht dauern? Er stieg wieder auf zum Fussweg. Dort lag eine leere Dose Energiedrink. Etwas weiter unten hing ein weiterer schwarzer Stoff, der aber doch noch eher an ein Kleidungsstück erinnerte. Dann öffnete sich der Weg zu einem sandigen Rastplatz, Sand wie am Meer! Das war doch erstaunlich. Da gab es eine Feuerstelle, sogar einen Grillrost mit zwei Holzgriffen, aber es fehlte der Aufbau, eine Halterung über dem Feuer. Noch mehr leere Flaschen.
Drei Jugendliche streunten umher und bewarfen sich mit Getränkedosen. Weit über dem Wasser hing ein Triangel an einem Strick von einem massiven Ast herunter. Einer der Jungs erklärte in gebrochenem Schweizerdeutsch, dass man diesen mit einer langen Rute einfangen und an sich bringen müsse. Dies erlaube einen sensationellen Schwung weit hinaus ins Wasser. Albert richtete seinen Blick wieder auf die Feuerstelle. »Du kannst jetzt den Grill anzünden«, warf er einem der Jungs schalkhaft zu. Dieser war schlauer, als er aussah: »Hast du denn genügend Kohle?« – »Sehe ich aus wie einer der keine Kohle hat?« Damit war jener Dialog beendet. Der kleine Zigeuner zeigte Albert eine lange Zunge. Das durfte er, dafür ist er ein Lausebengel, der dem Schalk eines Klugscheissers gewachsen war. Albert grinste und führte seine Hand zur Stirne, zustimmend mit Offiziersgruss.
Am Stamm eines andern Baumes war ein kleines Standpodest etwas über Kopfhöhe mit krummen, verschlagenen Nägeln angefertigt. Darüber hing ein Strick, der tatsächlich aussah wie derjenige eines Henkers. Was das zu bedeuten hatte, wollte der Schlingel nicht wissen. Auf der entgegengesetzten Seite gab es einen afrikanisch anmutenden Unterstand auf vier Pfosten und einem Dach aus vermodertem Schilf. Daneben eine primitive Sitzbank auf zwei Holzklötzen, darauf eine Harasse aus Kunststoff aus dem Hause Feldschlösschen. Im Zentrum des Kultplatzes stand ein Tennistisch, der wohl eine Meisterschaft nicht mehr überleben würde. Darauf lag ein Rucksack, im Sand daneben ein schmutziges Badetuch und ein aufgerissener weisser Plastiksack.
Ein kleines Bächlein übertönte sogar die Reuss, nicht aber das Donnergrollen aus der Ferne. Albert machte sich mit geduckten Schultern auf den Weg zurück Richtung Restaurant. Vorsorglich führte er nach vorsichtigem Blick nach hinten und nach vorne noch eine Handlung aus, die eine Frau an jener Stelle nicht ausführen würde.
Als Albert abermals die bedrohenden Wolken verfolgte, bemerkte er auf der kleinen Brücke eine Gestalt. Das Zwielicht aus den letzten Sonnenstrahlen verhinderte eine klare Sicht. Da beugte sich doch jemand über das Geländer. Wollte der ins Wasser springen? Jetzt bäumte er sich aber auf und wich einige Schritte zur Seite. Albert atmete auf. Dann plötzlich wurde die Gestalt grösser, nein, sie kletterte auf das Geländer. Ein zweites Mal holte Albert tief Atem und füllte seine Backen als er die Luft mit einem Pfiff-ähnlichen Geräusch wieder ausstiess. Die Gestalt sprang nun tatsächlich – nein sie sprang nicht, sie fiel wie heruntergerissen, senkrecht, in den reissenden Fluss. Ein verzweifelter Schrei begleitete das Spektakel, dann ein Moment der bedrückenden Stille. Albert packte das Grauen! Reflexartig beschleunigte er jetzt seine Schritte, dann setzte er zu einem verzweifelten Spurt an, warf seine Jacke an den Rand der Böschung, streifte seine Schuhe ab und hechtete ins kalte Wasser. Dank der Strömung trieb die Gestalt in Alberts Richtung, aber schon weit unter der Oberfläche. Albert nahm tief Luft und tauchte ab. Dann kam die Hölle. Der Mann – es war ein Mann – wehrte sich verzweifelt gegen Alberts Versuche, seiner mächtig zu werden. Albert schlug ihn am Kopf, und es gelang ihm, den Mann von der hinteren Seite zu ergreifen. Nur mit Mühe gelangten sie beide gelegentlich an die Oberfläche, um Luft zu holen. Die Kräfte des Mannes schienen allmählich nachzulassen, er hatte wohl etwas Wasser in seine Lungen abbekommen. Nun näherte sich das Unglücksgespann jener seichten Stelle an der Böschung, und Albert konnte sich am dicken Ast festhalten. Durch die Wirkung der Strömung wurde das Opfer über einen Stein auf die kleine Plattform geschlingert. Dabei schlug ein durch die Luft gewirbeltes Metall heftig an Alberts Schläfe. Reglos, lautlos blieben dort beide liegen.
Einige Zeit später kam Albert erstmals wieder so recht zu sich. Zwei bunte Männer waren gerade damit beschäftigt, die Räder einer metallenen Bahre einzuklappen und diese in einem Dü-Dä-Do auf Schiene zu führen. Ein weiterer Bunter verblieb bei Albert.
»Dem geht es nicht so gut«, meinte dieser, als er das Gefährt mit besorgtem Blick verfolgte. »Geht es mir besser«, fragte Albert und wischte feuchten Sand von seinem Unterschenkel. »Ein Glück, dass uns die drei jungen Kerle sofort alarmierten!« – »Taten sie das? Hmm, ich denke, sie müssen dann wohl zum Restaurant geeilt sein?« Der Pfleger legte eine weitere Decke auf Albert: »Schon mal was von Cellulartechnologie gehört?« Damit war auch diese Unterhaltung fürs erste beendet.
Beim Eingang zum Spital kam ein hochgewachsener, breitschultriger Mann direkt und entschlossen auf Albert zu. Die Einladung, dort einen Beamten der Polizei zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu treffen, erhielt er von einem Boten persönlich an seinem Wohnort ausgeliefert, oder war es eine Aufforderung? Albert war schon glücklich, dass er sich wieder ohne fremde Hilfe fortbewegen konnte. Eine Hirnerschütterung ist nicht gerade das, was man sich täglich zum Frühstück wünschen würde, aber es gibt Schlimmeres.
Der Besuch im Zimmer des Patienten dauerte nicht lange, er kam Albert fast eher vor wie eine unnötige Identifikation. Als er sich dann wieder verabschieden wollte, fragte ihn der Beamte: »Ist das der Mann, den Sie am Dienstag aus der Reuss fischten? – »Ich denke schon, das ergibt sich wohl aus den Umständen, oder sind mehrere Opfer hier eingeliefert worden? Ich hatte ihn ja kaum zu Gesicht bekommen.«
Albert blickte etwas fraglich auf den Kommissar. Dieser glättete seinen Schnurrbart zurecht und fuhr fort: »Haben Sie sein Gesicht also eben jetzt zum ersten Mal gesehen.« – »Der Mann war mir völlig unbekannt; ich hatte ihn vor dem Unfall nie gesehen und nie getroffen.« – »Herr Knaus, warum weichen Sie meiner Frage aus? Ich wiederhole: Haben sie das Gesicht dieses Mannes heute zum ersten Mal gesehen?« Albert fixierte jetzt genau die durchgewachsenen Augenbrauen über der Nase seines Vis-à-Vis.
»Wenn Sie so fragen, will ich Sie nicht belügen, weshalb sollte ich? Ich habe den Patienten gestern schon besucht.« – »Sie schienen aber geradezu ein Geheimnis daraus zu machen.« – »Gewisse Umstände um diesen Zwischenfall haben mich stutzig gemacht, und ich wollte mir ein Bild machen. Niemand hat mir den Zugang zu seinem Zimmer verwehrt, wäre das die Absicht gewesen?« – »Im Gegenteil, die Absicht war es tatsächlich, jedem Besucher freien Zugang zu gewähren, aber wir wollten wissen, wer denn da an einem Gespräch mit dem Opfer interessiert sein könnte.« – »Ich verstehe, und wie schaut Ihre Statistik aus?«
Der Kommissar hegte keine Absichten, diese Frage zu beantworten. Stattdessen legte er väterlich eine Hand auf Alberts linke Schulter. Dieser zuckte reflexartig zusammen.
»Oh Verzeihung, ich hätte ja nicht übersehen dürfen, dass Sie auch ein Opfer sind. Wie geht es ihrem Kopf?« Erneut führte Albert seine Hand zum Verband an seiner Schläfe und zuckte nur mit den Schultern. Behutsam wies nun der Kommissar seinen Begleiter Richtung Ausgang: »Ich hoffe, Sie haben einen Augenblick Zeit, mich aufs Revier zu begleiten. Paradoxerweise gibt es da einige Einzelheiten, die wir Ihnen erklären können.«
Draussen vor dem Spital stand der Dienstwagen des Herrn Kommissar. Was war es wohl, was einem Kommissar das Privileg einräumt, sich in einer noblen deutschen Limousine durch die Gegend chauffieren zu lassen? Sein Grad schlichtweg? Die Notwendigkeit, in gewissen Situationen die Allmacht eines höheren Beamten vorzuzeigen? Am plausibelsten schien Albert noch die Notwendigkeit eines Fahnders, sich jederzeit frei bewegen zu können. Wer ein Auto lenkt, dem begegnen auch zwangsläufig die Unannehmlichkeiten des Verkehrs. Er ist dem Stress ausgesetzt. Möge Allah ein so hochgradiges und dienstbeflissenes Mitglied der Heilsarmee davor bewahren! Dass sich der Herr Kommissar auf dem Rücksitz links neben Albert setzte, empfand dieser schon als eine nette Geste. Der Gastgeber schwenkte die Armlehne nach vorne und positionierte sich, als hätten sie eine lange, ermüdende Reise vor sich.
»Ich bitte höflichst um Nachsicht; unsere Bescheidenheit erlaubt es uns leider nicht, unseren Fahrgästen einen Drink anzubieten.« Albert drehte sich unbeeindruckt gegen die Schulter des Untröstlichen und meinte mit fast unanständig leiser Stimme: »Sind es die Steuergelder oder die Dienstvorschriften? Dies war keine Frage, nur so ein Blitz, der durch meine feuchten Nudeln schoss. Sie dürfen sich beruhigen, Herr Kommissar: meinem besorgten Arzt zuliebe müsste ich Ihre heilige Gastfreundschaft auch ausschlagen.« Es herrschte um einige Kurven herum Sendepause zwischen den Beiden. Dann plötzlich, wie von einer Biene gestochen, drehte der Kommissar seinen Kopf nach rechts, zog seine buschigen Augenbrauen hoch und versetzte Albert einen sanften Fausthieb an dessen Schulter. »Hallo Kumpel«, dachte Albert und setzte eine zustimmende Miene auf. Dann wieder Ruhe.
Albert schaute sich nochmals den virtuellen Film seines gestrigen Besuches an: Er war mit gesenktem Haupt und lustloser Miene entlang eines mächtigen Gebäudes gegangen, vorbei an der Anschrift NOTFALL-STATION und stand nun am Haupteingang. Er studierte die Namen der verschiedenen Abteilungen. Medizin war noch nie sein Gebiet gewesen, das war eine akzeptierte Tatsache. So beschloss er, sich an den Empfang zu begeben. Schon fast reflexartig griff er an seine linke Stirne, besser gesagt an den Verband, den er dort seit kurzem trug. Er wurde bald einem langen Korridor entlang geführt; letztes Zimmer rechts, Nr. C 13.
»Ich hätte mich geweigert, mich in eine 13 abschieben zu lassen«, dachte sich Albert. »….oder vielleicht – doch nicht, an seiner Stelle…?«
Zum ersten Mal bekam er einen Mann zu Gesicht, mit dem zusammen er schon gegen den Dreizack des Teufels gekämpft hatte. Äusserlich war dem Patienten nichts Besonderes anzusehen. Er machte nicht gerade einen freundlichen, fotogenen Eindruck, aber dasselbe traf wohl auch für Albert zu. Dieser bemerkte schnell, dass der Patient nicht ansprechbar war und er zog sich nach kurzem Zögern zurück.
Ein Gehilfe des Kommissars hatte bereits heissen Kaffee aufgetischt, als sich die beiden setzten, der Breitschultrige hinter seinem Arbeitstisch und der mit dem Turban in den unbequemen Sessel, genau in der Blickrichtung des Ersteren. »Ich bin mir völlig darüber im Klaren, mein lieber Herr Knaus, dass Ihr Film einige Bildstörungen und Lücken aufweisen wird, aber ich würde ihn mir gerne ansehen.«
Albert setzte an zu seinem Bericht. Erst jetzt wurde ihm selber so richtig klar, dass es zum Hergang der Rettung nicht viel Zählbares zu berichten gab. Er versuchte immerhin, seine Erlebnisse nach dem Mittagessen im Restaurant möglichst lückenlos nachzuvollziehen.
»Etwas Klares zum Kaffee?« Dies fragte nicht etwa der Gehilfe, sondern Alberts Interview-Partner persönlich. Albert lehnte dankend ab: »Ein zu hoher BAK-Wert führt bei mir gerne zu Hirnleistungsstörungen. Das ist nicht exakt das was Sie sich jetzt wünschen, habe ich recht, Herr Kommissar?« - »Back?« – »Blutalkoholkonzentration! Ihnen wird die Widmark-Formel »g/kg« (Promille) geläufiger sein?« Der Kommissar nickte ein paar Mal mit dem Kopf und zupfte sich an der Nase. Albert wunderte sich, dass unter dem Schreibtisch nicht ein niedlicher Puddel in seinem Körbchen darauf wartete, zu Frauchen zurückgefahren zu werden. Fürst Bismark meinte einst: »Ich habe grosse Achtung vor der Menschenkenntnis meines Hundes; er ist schneller und gründlicher als ich!« Die Spanier gehen mitunter auch sehr kritisch mit ihren Politikern um: »Sie sind alle die gleichen Hunde, nur hat jeder ein andersfarbiges Halsband«. Solche und ähnliche ehrende Beifügungen wollte Albert dem lieben Kommissar nun doch nicht unterstellen.
»Ich kann mir mit dem besten Willen nicht erklären«, fuhr Albert fort, »weshalb der Mann in den Fluss gesprungen war, so mit Schuhen und Kleidern. Im Übrigen muss er offensichtlich Nichtschwimmer sein.« – »Ob er das ist oder nicht, können wir zur Zeit im besten Fall vermuten. Nach unseren Erkenntnissen, von denen ich Ihnen jetzt einige weitergeben möchte, könnte er durchaus ein Bademeister sein, der sich sogar einige Achselstücke zu seiner Uniform verdient hat. Ihre Annahme, er sei gesprungen, ist unter Umständen ein verhängnisvoller Irrtum. Hören Sie gut zu! Der Mann hatte an seinen Füssen einen Strick und an dem Strick hing ein Stein. Was sagen Sie dazu?«
Zum Erstaunen des Kommissars zeigte Albert keinerlei Emotionen. Er sagte: »Das würde immerhin seine Bewegungen vor dem Sprung und seine totale Hilflosigkeit erklären. Wie ich Ihnen gesagt habe, das Ganze kam mir im Nachhinein auch recht komisch vor. Daraufhin wollte ich auch mehr darüber erfahren.« Der Kommissar fuhr fort: »Das dicke Ende kommt aber erst: an seinem rechten Handgelenk hing eine Schnur und daran festgebunden eine Pistole.« – »Peng!« Das war die spontane Reaktion eines nunmehr doch verblüfften Zuhörers. – »Eben nicht peng! Er hatte die Waffe nicht benützt. Sie können den Kreis jetzt schliessen. Es war wohl diese Waffe, welche ihr Hirn erschütterte. Nun stellen sich aber einige Fragen, denken Sie nicht auch? War es ein Versuch zum Selbstmord? Dabei wäre der Stein ein Klassiker. Falls er sich das Erlebnis des Ersaufens – entschuldigen Sie mein Französisch – ersparen wollte, weshalb hat er die Waffe während des Sprungs nicht abgefeuert?
Wollte er einen Selbstmord nur vortäuschen, um bei seiner Erbtante Eindruck zu erwecken? Dazu wäre das Risiko angesichts des Steins zu gross gewesen; er konnte ja nicht mit Ihrer Anwesenheit rechnen, oder etwa doch?« Albert zuckte mit dem ganzen Oberkörper einige Zentimeter zurück und rümpfte seine Nase in Unverständnis. »Wie kommen Sie auf eine solche Idee? Was haben Sie getrunken, Herr Kommissar? Sie sind wohl beim Stammbaum verirrt? Andererseits, wenn ich so überlege…..doch, sehr scharfsinnig, muss ich schon sagen. Ja, natürlich, nicht selten bietet der die beste Problemlösung an, der das Problem geschaffen hat.« Dann fragte er in halblautem Ton: »Und wenn ihn jemand über das Geländer gestossen hat?« – »Weshalb ging das Ganze dann so lautlos vor sich, mindestens vor dem Sprung, wie Sie es geschildert haben? Und warum gab man ihm eine Pistole mit auf den Weg? Damit er seinen Begleiter noch schnell abknallen konnte? – Ja ja, ich weiss, Sie brauchen nicht zu fragen: die Waffe war absolut intakt, es besteht für die Ermittler vom technischen Dienst kein Zweifel, dass sie funktioniert hätte. Wollten Täter Tatsachen verwischen oder einen falschen Eindruck vermitteln, die Tat jemand anderem in die Schuhe schieben? Warum hat man ihn nicht abgeknallt und dann in den Fluss geworfen? Vielleicht wollte man ihn auf sicher versenken, gab ihm aber die Chance auf kurz und schmerzlos? Hat er davon nicht profitiert, in der Hoffnung, jemand könnte ihn retten, was dann ja auch geschah? Warum hat niemand die Rettung verhindert?« – »Ist eine Versicherung im Spiel, vielleicht hätte jemand profitiert, wenn er als Abgängiger oder gar als Verschollener gemeldet worden wäre«, wollte Albert wissen.
Nein, keine Versicherung, soviel durfte ihm der Kommissar verraten. »Was weiss man über die Identität des Opfers, ist er vermögend?« – »Empfehlen Sie sich für einen Job bei der Kriminalpolizei?« Albert winkte dankend ab. »Sie könnten mich nicht bezahlen! Beim Staat hat man übrigens noch nicht herausgefunden, dass die Teuersten die Rentabelsten sind – denken Sie an den Profi-Fussball! Könnten Sie dem zustimmen?« Der Kommissar schien scharf nachzudenken. »Da steckt möglicherweise ein Körnchen Wahrheit drin, sonst wäre ja mein Gehalt auch nicht dort, wo es ist.« Er drehte seinen Kopf leicht gegen Albert und machte eine unmissverständliche Faxe. Diese Übereinstimmung befreite den Kommissar dermassen, dass er sogar bereit war, weitere Teilchen seines unvollständigen Kaleidoskops aufzuzeigen: »Bislang keine nennenswerten Erkenntnisse. Er trug keinerlei Papiere oder Ähnliches auf sich«. Albert zuckte mit den Schultern.
Immerzu fühlte sich Albert vom Kommissar in seinen Reaktionen beobachtet. »Das nächste Mal stecke ich meine Fäuste in die Hosentaschen und spaziere gemütlich weiter«, dachte er sich, auf dem Rücksitz des Streifenwagens sitzend, den ihm der Kommissar grosszügigerweise für die Fahrt zu seiner Wohnung offeriert hatte.
Gleich am nächsten Tag fuhr Albert Knaus wieder zum Zimmer C 13. Die Etagenschwester kam sofort auf ihn zu. »Bitte Schwester….hmmm…. Schwester Anica, bitte Frau Lakovic, nur einen Augenblick, dann haben wir das hier hinter uns!« Sie schreckte fast zurück ob Alberts Entschlossenheit und öffnete ihm die Tür.
Der gesundheitliche Zustand des Patienten hatte sich zwar keineswegs verbessert, was die Besuchsrestriktionen mehr als rechtfertigte.
»War er schon hier gestern mit Kommissar von Polizei«, rechtfertigte die Schwester ihren Entscheid gegenüber einer verdutzten Kollegin. Albert hoffte nur, dass die »Statistiker« der Untersuchungsbehörden heute ihren freien Tag hatten.
Diesmal schien der Patient auf die Anwesenheit des Besuchers zu reagieren. Interessanterweise konnte er aber nicht sprechen. Auf jeden Fall schüttelte er nur den Kopf, in Zeitlupe, als ihn Albert fragte: »Wissen Sie, wer ich bin? Wasser, Fluss, schwimmen, wir waren zusammen im Fluss, in der Reuss. Root-Gisikon? Warum standen Sie auf der Brücke? Waren Sie allein? Wer war bei Ihnen? Ich habe Ihr Leben gerettet, Sie müssen mir vertrauen, ich will Ihnen helfen!«
Der Patient machte verzweifelte aber erfolglose Versuche, sich mitzuteilen. In diesem Moment meldete sich ein Anruf auf Alberts Mobiltelefon. Sofort stellte er auf »mute« und legte das Gerät vor sich auf das schwenkbare Tablar. Der Patient nickte unentwegt mit dem Kopf nach vorne und nach hinten und starrte unablässig auf das Handy. »Seien Sie beruhigt, die kann warten, es drängt nicht, ich möchte mich jetzt mit Ihnen unterhalten. Bitte nicken Sie für ein »Ja« und drehen Sie den Kopf auf beide Seiten für ein »Nein«! Waren Sie allein auf der Brücke?« Nach kurzem Zögern schien der Mann seinen Kopf seitlich abzudrehen, verblieb allerdings starr auf dem Winkel des Handy und rotierte wieder, noch nervöser als vorhin, mit dem Kopf.
»Hat Sie jemand reingeworfen?« Nun glaubte Albert, ein Nicken zu vernehmen, aber wieder dieses Magnetfeld zum Handy. Albert streckte seinen Arm aus in der Absicht, das Gerät wegzustecken, aber der Patient war ihm zuvorgekommen. Er war so versessen darauf, dieses zu verwenden, dass Albert ihn gewähren liess. Der Umgang mit so was schien ihm nicht ganz fremd. Immerhin öffnete er das App »Notizen« und schien krampfhaft etwas aufzuschreiben.
»Ihr Gast ist ja ein aufgewecktes Bürschchen. Ich sage immer: ein aufmerksamer Patient ist ein halber Arzt.« – »Ja, aber ein halber Arzt überleben kann er nicht! Es tut mir leid, Herr, aber ich muss bitten, Patient muss bleiben ruhig. Eigentlich Besuch ist unmöglich, aber für Polizei Ausnahme machte ich.« Albert griff jetzt seinerseits zum Handy, welches der Patient auf das Tablar zurückgelegt hatte. Winkend, aber ohne Worte, verabschiedete er sich und bedankte sich nochmals bei Anica – bei Schwester Anica – für das wertvolle Privileg. Draussen im Korridor warf er einen Blick auf den kleinen Bildschirm der noch immer auf »Notizen« offen stand. HZATT BELG.
Wenn sich Albert in einem europäischen Land nicht auskannte, war es Belgien. Welchen Bezug sollte das Opfer – er war ein Opfer, ohne Zweifel – zu Belgien machen? Und wer oder was steckte hinter dem Kürzel HZATT? Das müsste doch rauszufinden sein!
Als Albert das Hauptportal verliess, hörte er klar wie jemand – eine Frauenstimme – »Kommissar« rief. »Das hat mir gerade noch gefehlt«, flüsterte er und versteckte sich hinter einer Säule, an der in grossen Lettern für die nächste Blutspende geworben wurde. Er verweilte dort einen Augenblick und wartete auf eine stille Gelegenheit, um endgültig zu verschwinden. Dann plötzlich vernahm er Schritte, aber die konnten unmöglich vom Kommissar stammen. Sie kamen immer näher und mussten unmittelbar vor der Säule zum Stillstand gekommen sein. Dann guckte ein Mädchengesicht an der Rundung der Säule vorbei und lächelte Albert direkt ins Gesicht.
»Herr Kommissar, was machen Sie mit mir, Tom und Jerry?« Verlegen kam Albert jetzt hinter seinem Versteck hervor und zog die junge Frau zur Seite, hinter einen leeren Schreibtisch. Es war nicht Anica, sondern eine ihrer Kolleginnen.
»Setzen Sie sich – doch, bitte nur einen kurzen Augenblick, ich muss Ihnen etwas erzählen!« – »Das wollte ich auch«, erwiderte die Kleine, faltete aber die Hände über dem Kopf und schaute fast wissensbegierig auf Alberts Zeigefinger, den er mahnend über seine Lippen legte. »Ich bin kein Kommissar, ich war nur neulich hier zusammen mit einigen Leuten von der Polizei.« – »Kein Kommissar?« – »So etwas ähnliches, seien Sie unbesorgt, ich befasse mich mit der Aufklärung des Verbrechens, sozusagen für den Herrn Kommissar. Was wollten Sie uns sagen?«
Das Mädchen setzte zu einem Vortrag an, so wie damals in der Schule, selbstbewusst, dass sie den Text brav auswendig gelernt hatte:
»Die Sache ist nämlich so: Der Patient kann nicht sprechen, das haben Sie ja auch festgestellt, deshalb hat er Ihnen etwas ins Handy geschrieben. Ich habe kein so flottes Teil wie Sie, bei meinem Schnuggerli muss man noch die richtigen Tasten doppelt und dreifach klicken, um etwas zu schreiben. Nachdem ich den Patienten gefragt hatte, ob ich jemanden über seinen unfreiwilligen Aufenthalt informieren soll, bat er um mein Handy und drückte vier Tasten.« – »Sehr schön, und was hat er geschrieben?« – »Ich musste lange überlegen, kombinieren, verstehen Sie? Er drückte folgende Tasten, gewisse mehr als einmal, aber ich bin nicht mehr sicher, welche: Zwei, Sieben, Acht, Sechs und nochmals Sechs.« – »Dann hat er die 6 zweimal gedrückt?« – »Ja, doch, schon, aber nicht um zu wechseln, sondern zweimal unabhängig die Sechs. Der Reihe nach aufgelistet könnte das BRUNO bedeuten.« – »Mein liebes Kind, sprechen Sie mit niemandem über diese Erfahrung, auch nicht mit dem Herrn Kommissar, ich möchte ihn überraschen. Und versuchen Sie nicht, die Junior-Ermittlerin zu spielen, es kommt nichts Gutes dabei heraus. Sie waren aber sehr behilflich, und Sie werden von mir hören. So, und jetzt gehen Sie bitte zurück ins Zimmer und fragen den Patienten klar und deutlich: Soll ich BRUNO informieren? Dann achten Sie genau auf seine Reaktion! Haben Sie das verstanden?« – »Jawohl, Tom!«
Das Lausemädchen blinkte mit einem Auge und machte sich auf den Weg. Albert hielt es für ratsam, in seiner Ecke zu verbleiben. Die Kleine musste ihn ja wieder finden, und in der Tat war man nie sicher, wann einer seiner »Berufskollegen« auftauchen würde….oder sonst jemand mit »Interessennachweis«……
Schneller als erwartet war Jerry wieder zurück mit einer erstaunlichen Nachricht: »Er schüttelte ganz klar, aber sehr aufgeregt den Kopf! Leider nichts gewesen, kein Bruno!« Enttäuscht verabschiedete sie sich von ihrem neuen Bekannten. »Da bin ich mir noch nicht so sicher«, flüsterte Albert halblaut vor sich hin, als er endgültig das Gebäude verliess.
Leider hatte sich Albert schwer getäuscht. Keine Suchmaschine, kein Telefonbuch, kein Register konnte ihm weiterhelfen. Arbeitsverbände, Transportunternehmen, selbst öffentliche Verwaltungen schüttelten den Kopf. HZATT führte nirgendwo zu einem höheren Puls.
Seine Begegnung mit Jerry liess Albert keine ruhige Minute. Erstens musste er sie unter allen Kosten soweit bringen, dass sie allfällige neue Erkenntnisse mit ihm und nicht mit dem Kommissar besprechen würde. Zweitens könnte sie für weitere, aktive Ermittlungen von unsagbarem Nutzen sein. So rief er die Nummer an, welche sie ihm fast unaufgefordert anvertraut hatte und welche zum Schnuggerli passte. »Der Teilnehmer, den sie angerufen haben, ist momentan nicht erreichbar, hinterlassen Sie nach dem Ton eine Mitteilung oder rufen Sie später nochmals an!« – »Niemals! Jerry ist so gutgläubig und naiv, dass sie irgend so einen Eierhändler ihre Combox abhören lässt.« Stattdessen griff er in seine Westentasche, nahm eine Schachtel Kaugummi hervor und angelte mit der Feuchtigkeit seiner Zungenspitze gleich drei Plätzchen heraus.
Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr ging er über die Strasse zur nächsten Bar. Dort bestellte er sich eine Stange Panachée und setzte sich in eine Ecke. Aus der Zeitung war wieder einmal nicht viel Neues zu vernehmen. Zum Glück gab es im Hause EU Mitbewohner, die ihre Mieten nicht rechtzeitig bezahlen konnten. In Nordafrika gab es welche, die ihre Mieten sehr wohl bezahlen konnten, aber gewisse minderbemittelten Zimmernachbarn wollten den Unterschied in der »Kaufkraft« nicht mehr untätig hinnehmen. Wenn es einen allmächtigen Schöpfer gibt, dann gibt es auch ein Abendgebet, welches Journalisten sprechen, auf dass irgendwo in der Welt jemand seine Jauche falsch ausbringe und man darüber eine Story machen könne. Zuviele Antworten – zuwenig Fragen! Seine Gedanken wurden brüsk durch sein Handy unterbrochen: »Hier Jerry, bitte Tom, melden Sie Ihre Position!« – »Sie Strolch, Sie Lausebengel, hören Sie gut zu: ich bin Ihnen einen Drink schuldig, Sie haben mir sehr geholfen.« – »Wooowh, sitzen Sie im Tram neben BRUNO?« – »Nein, das nicht gerade, aber wie Sie beobachteten, wie Sie geistesgegenwärtig reagierten, das ist schon ein Asbach Uralt wert, wann können wir uns sehen?« – »Das darf ich niemals annehmen. Ich habe meine Pflicht getan und das war es dann!« – »Gratuliere! Jerry Mousy wird erwachsen!«
Jerry kam pünktlich zum vereinbarten Ort. In ihrem Jeanskostüm sah sie noch viel jugendlicher aus als im weissen Frack. Darüber hinaus hatte sie sich ganz ordentlich zurechtgemacht, die dunkelvioletten Lippen standen ihr ganz gut. Albert würde schon herausfinden, ob sie mehr am Schicksal des Opfers oder an ihm interessiert war. Er bestellte einen Gin Tonic und für sich einen CC & Ginger.
»Sie sind ja so was von pünktlich, das gibt’s ja gar nicht«, waren die ersten Worte, die die Kleine hervorbrachte. »Es gibt nur ein Motiv für einen Gentleman, verspätet zu einem Rendezvous mit einer Dame zu erscheinen: aus Furcht, er könnte vor den Blumen ankommen.
Wissen Sie mehr über den Gesundheitszustand des Patienten«, wollte Albert jetzt wissen. Dabei spielte er verlegen mit seinem Ring an der rechten Hand. An der linken Hand trug er keinen, das hatte Jerry sofort festgestellt.
»Besorgniserregend, mehr kann ich dazu nicht sagen. Er muss sehr viel Wasser in die Lunge abbekommen haben. Es sieht so aus, als hätte er zu viel getrunken und wäre dann über die Reussbrücke gestolpert. Dort zog ihn jemand in letzter Sekunde aus dem Wasser. Ich bezweifle sehr, dass er das Ganz überstehen wird; seine Werte haben sich heute nochmals wesentlich verschlechtert.«
Albert lehnte sich weiter gegen Jerry und kam ihr jetzt sehr nahe. Sie wich nicht zurück. »Haben die Ärzte von Alkohol gesprochen, sind Sie da sicher?« – »Ja, es besteht kein Zweifel, beim Eingriff mussten sie darauf besonders Rücksicht nehmen. Es hat deswegen Komplikationen mit dem Blut gegeben.« – »Interessant! Sagen Sie, hat er seit seiner Einlieferung Besuch bekommen, ausser natürlich den Herren um Kommissar Lehner?«
Jerry überlegte einen Augenblick, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und meinte:
»Ich bin natürlich nicht 24 Stunden da, aber soweit ich das beurteilen kann: nein, niemand.«
Die beiden sassen noch eine ganze Weile zusammen in der Bar. Albert erachtete es als notwendig, Jerry über die genauen Umstände zu informieren. Seine Nachforschungen unter Ausschluss des Kommissars wären der Kleinen mit der Zeit zu suspekt geworden. Sie sicherte ihm auch volle Diskretion und Hilfe zu, soweit sie das verantworten könne. Die beiden verliessen das Lokal getrennt, Albert durch die Hintertür.
Am nächsten Tag war wieder eine Sitzung im Polizeirevier angesagt. Man empfing Albert wie einen alten Bekannten und überhäufte ihn auch gleich mit Kaffee und Willisauer Ringli. »Es ist uns gelungen, die Identität des Patienten festzustellen«, zauderte der Kommissär nicht lange. »Er besitzt sowohl die amerikanische als auch die serbische Staatsbürgerschaft, eine nicht gerade alltägliche Kombination. Er muss während der Kriegswirren ausgewandert sein. In den Staaten arbeitete er erst als Kurier, baute dann aber sein eigenes Geschäft auf. Nach anfänglichen Erfolgen stürzte die Sache dann aber ab, und er geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Für jemanden, der sich einen aufwendigen Lebensstil angeeignet hatte, kein gütiges Schicksal. Der Champagner wurde warm. Es gab auf dieser Welt auch keine Arbeit mehr für ihn. Er nahm dann auch die falsche Abzweigung und machte mit einigen schillernden Figuren Bekanntschaft – und natürlich auch mit den Behörden. Für die Klatschpresse war er ein willkommener Zulieferer von Rohmaterial. Bis er schlussendlich untertauchte. Erst viel später tauchte er wieder auf und zwar in dieser Gegend, unbescholten, wie es schien. Dann lernte er ein Mädchen kennen, welches bei einer hiesigen Aufzugsfirma als Sekretärin und Übersetzerin für serbokroatisch tätig war.« – »Serbin?« – »Jaja, natürlich!«
Albert war ein dankbarer Zuhörer. Einmal mehr würgte er einen Anruf auf seinem Mobiltelefon ab. »Er wusste offenbar zu viel über eine gewisse Schülerreise oder so ähnlich?« – »Möglich, aber dann bleibt die Frage offen, weshalb man das Reuss-Unternehmen nicht weiter begleitete.« – »Scheint stimmig! Und weshalb besuchte ihn niemand im Spital?«
Nicht entsetzt aber doch erstaunt fragte nun der Kommissar: »Woher wollen Sie das wissen?«
Albert überlegte nicht lange und schoss zurück: »Oh, ich ging mal davon aus, sonst hätten Sie wohl darüber gesprochen.«
Eher um das peinliche Parkett zu verlassen, als aus Neugierde, wollte Albert nun wissen: »Das ging aber schnell mit der Identifikation, wie haben Sie das geschafft?« – »Computer sei Dank! Wir verwenden ihn nicht nur für Unterhaltungsspiele. Tatsächlich, zu meinen Anfangszeiten wäre sowas nicht möglich gewesen.«- »Die Welt verändert sich, Herr Kommissar! Im 19. Jahrhundert war keine Kirche rollstuhlgängig. Computer, Computer, bringt mir den Kopf desjenigen, der dieses Wort zum ersten Mal in den Mund genommen hat!«
»Freude sieht tatsächlich anders aus«, dachte sich der Kommissar. Dann stimmte er mit einem beipflichtenden Nicken und einem verlegenen Lächeln zu. Natürlich in Unkenntnis der Hintergründe. »Wie heisst denn mein neuer Freund?« – »Nicht erheblich, na ja, Sie verstehen, im Moment möchten wir mit solchen und ähnlichen Informationen noch zurückhalten und erst einmal wieder Ordnung in den Tierpark bringen. Ein Fehler auf diesem Gebiet könnte die schon recht fortgeschrittenen Ermittlungen beeinträchtigen. Allem Anschein zum Trotz werden wir bald abschliessen können.« - »Wenn der Teufel nicht wieder seinen Schwanz dazwischen hält«, dachte sich Albert, aber er traute sich nicht, seiner Skepsis Ausdruck zu verleihen.
Auf Alberts Landkarte war Belgien wie gesagt ein schwarzer Punkt. Ein Grund mehr, seinem Freund einen Besuch abzustatten. Dieser führte in Brüssel ein feudales Hotel. Ausserdem wartete dort noch eine Hängepartie auf Albert. So wie er Werner kannte, könnte er ihm bei einigen schwierigen Zügen behilflich sein. Wenn er die Königin nicht kannte, dann mindestens einige Bauern, die man opfern konnte.
Albert bemühte sich, neben den Vorzügen des Hotels auch an sein Projekt zu denken. Manchmal fragte er sich auch, weshalb er alle diese Unannehmlichkeiten auf sich nehmen würde. Die finanzielle Seite spielte durchaus keine Rolle. Albert hatte Geld für einen Dom Pérignon zu jedem Frühstück und für eine wohlriechende Blume zu jeder Nocturne, wenn er wollte. In einem gewissen Sinn – und mit etwas karikativer Fantasie - würde er den materiellen Teil seines Unterfangens auf dem Konto »gemeinnützige Zuwendungen« abbuchen können. Wie die Steuerbehörden darüber denken würden, bleibe dahingestellt. Allein, nach zwei Nächten reiste Albert zurück in die Schweiz, enttäuscht und abgespannt. Er legte sich zuhause auf die Liege und schlief auch prompt ein.
Wie lange sein Traum gedauert hätte, konnte niemand wissen. Denn er wurde durch den schrillen Ton seines Haustelefons geweckt. »Sie, Herr Kommissar? Was gibt es Neues zu berichten?« – »Alles zu seiner Zeit! Ich versuchte Sie mehrmals auf dieser Linie zu erreichen, wo haben Sie gesteckt?« – »Alles zu seiner Zeit, Herr Kommissar! Alles zu seiner Zeit!« – »Einverstanden, wie hat Ihnen neulich unser Kaffee geschmeckt?« – »Sagen wir…. in 45 Minuten?«
Es dauerte dann doch ein bisschen länger, bis Albert seine Telefonate erledigt und sich im Präsidium eingefunden hatte. Zu seinem grossen Erstaunen empfing ihn heute nur der Kommissar. Keine Adjunkte wie üblich, nicht einmal ein Schreiberling, der über die Gespräche Protokoll führte. Die einzige Person, die er zu Gesicht bekam, war der Wirbelwind von einer Assistentin, die wieder für das leibliche Wohl der beiden zuständig war. Wenn die Neuigkeiten über den Zustand des Patienten so rosig sein würden wie deren Kleid, dann war die Welt wenigstens für eine Person in Ordnung.
»Sind Sie kommenden Freitag Nachmittag verfügbar«, fragte der Kommissar, nachdem das Lottchen mit den Zöpfchen die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Das müsste sich einrichten lassen, worum geht es, womit kann ich dienen.« - »Mir schwant, was ich Ihnen zu berichten habe, ist nicht besonders magenfreundlich. Am Freitag findet die Bestattung Ihres ‚neuen Freundes‘ statt, wie Sie ihn nennen.« Albert schaute entsetzt und sichtlich betroffen in die Augen des Kommissars. Dann führte er seinen Blick zur Decke, atmete tief ein und verbarg dann sein Gesicht in seinen Händen. Wieder blickte er zur Decke, diesmal mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht. Dann zuckte er mit beiden Schultern. »Was kann ich dazu sagen?« Und nach einigen Augenblicken der Stille: »Mein neuer Freund! Wie soll ich ihn sonst nennen? Ich darf aber doch davon ausgehen, dass man ein provisorisches Kreuz setzen wird, würde da nicht sein Name stehen?« – »Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht. Da wird der Name DARKO MEDAKOVIC stehen.« – »Ashes to ashes – dust to dust!« – »Wie meinen Sie?« – »Nein, nein, nichts von Bedeutung…..«
Es graute der Morgen, der Freitag kam und mit ihm eine überraschend hohe Anzahl von Trauergästen. Dass da alle in redlicher Absicht von einem geliebten Bruder Abschied nehmen wollten, erachtete Albert für nicht hinreichend belegt. Aber wer geht schon zu einer Bestattung eines Unbekannten?
Nach dem Gottesdienst reihte sich Albert ein in die sich bewegende Menschenmasse. Plötzlich fiel ihm eine junge Frau auf, die ihn einen kurzen Augenblick fixiert hatte und sich dann aber auffällig davon machte. Albert musste reagieren! Es kam ihm vor wie Sequenzen eines alten, schlechten Films. Da sah er sie mal wieder, dann verlor er sie wieder aus den Augen. Schwarz in schwarz, das ist bei solchen Anlässen nicht nur Pflicht, sondern Kult. Die roten Haare, die Zöpfe, welche diskret unter dem ebenfalls schwarzen Hut hervor freilagen, waren ihm die einzige Referenz, aber er musste seine Verfolgung bald aufgeben. Zu sehr fühlten sich viele Leute durch das Rempeln und Zwängen eines rücksichtslosen Verrückten belästigt.
Enttäuscht und in Gedanken vertieft reihte er sich weiter vorne wieder ein und bewegte sich in gemächlichem Rhythmus der Trauergemeinde Richtung Friedhof. Da war ein Funke bedrohlich nahe beim Pulverfass. Aber woher sollte sie ihn kennen? Er jedenfalls hatte dieses Gesicht noch nie zuvor gesehen. Es bestand für ihn indessen kein Zweifel, dass das Mädchen in panischer Angst Leine zog, als wäre sie vom Teufel beritten. Warum? Und wo konnte sie so schnell untertauchen? Komplizenschaft, nein das wäre in dem Getümmel reiner Zufall gewesen.
Die Welt hatte nun also Abschied genommen von Bruder Darko, und für viele war damit ein Kapitel der Geschichte abgeschlossen – nicht für alle, dessen war sich Albert im Klaren. Auch nicht für ihn, ein neuer Zeitraum konnte beginnen!
