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Anfang der Siebzigerjahre trifft eine Altenpflegeschülerin in einem Café in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs einen Mann, der einen Instrumentenkoffer mit sich führt. Schnell fühlt sie sich zu dem mysteriösen Musiker hingezogen, aber gleichzeitig warnt sie eine innere Stimme vor ihm. Kurze Zeit später wird in einer Hütte bei Bad Vilbel eine übel zugerichtete Frauenleiche gefunden. Jahrelang macht ein psychopathischer Serienkiller im Rhein-Main-Gebiet Jagd auf Frauen. Der sadistisch veranlagte Mörder entnimmt seinen Opfern Organe und trennt Körperteile ab. Er liebt Leichen und schreckt auch nicht davor zurück, Teile seiner Opfer aufzuessen. Gleichzeitig spielt er den biederen Familienvater und jovialen Kumpel und wird so für die Polizei zum Phantom. Der Polizist Richard Jäger heftet sich an die Fersen des Killers. Seine Ermittlungen führen ihn ins Frankfurter Bahnhofsviertel und in einen Abgrund aus Drogenprostitution, Sadomasochismus und Mord. Als eine junge Frau entführt wird, bekommt Jäger die Chance den Killer endlich zu fassen. Der Thriller basiert auf einem wahren Fall aus dem Rhein-Main-Gebiet.
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2023
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© 2023 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-943-9Lektorat: Sandra JungenAusstattung: Stefanie ThurTitelgestaltung unter Verwendung von Bildern von J Walters/shutterstock.com und FotoDuets/shutterstock.com
ALASKA
Der Killer von nebenan
Ein Tatsachen-Thriller
Rhein-Mosel-Verlag
Für Maria de los Angeles
Der Modus Operandi (MO) ist das, was der Täter vornehmen muss, um sein Verbrechen begehen zu können. (…) Die sogenannte »persönliche Handschrift« zeigt sich dagegen in dem, was der Verbrecher tun muss, um seine emotionale Befriedigung aus der Tat zu ziehen.
John Douglas: »Mörder aus Besessenheit«
1971
Die Wintersonne schien blass durch das Schaufenster des Café Kannengießer auf die Auslagen mit Kuchen, Torten und Pralinen. Draußen hasteten Reisende in Richtung Hauptbahnhof. Rita hatte sich einen Kakao und ein Croissant gekauft und senkte den Kopf über ihre Bravo, als sie vor sich eine Bewegung wahrnahm. Sie sah von dem Magazin auf. An den Tisch gegenüber hatte sich ein Mann gestellt. Er war vielleicht Anfang zwanzig, schlank und trug einen Schnurrbart. Er rückte die Hornbrille auf seiner kurzen, nach oben gerichteten Nase zurecht und strich sich durchs Haar, das auf den Kragen seines Ledermantels hing. Seine eisblauen Augen wanderten im Raum umher, schweiften über die Rücken der Kunden, die an der Verkaufstheke anstanden, und blieben dann an einer Verkäuferin hängen, die gerade einen Kuchen aus der Kühltheke holte. Es war ein verträumter und trotzdem merkwürdig kalter Blick. Ein Künstlertyp!, dachte Rita. Und dazu gutaussehend! Rita wollte sich gerade wieder in ihr Heft vertiefen, als der Künstler den Kopf drehte, zu ihr hinübersah und sie anlächelte. Rita schlug die Augen nieder, dabei streifte ihr Blick den Instrumentenkoffer, der neben ihm auf dem Boden stand. Ein Musiker also. Sie ärgerte sich, dass sie ihn so auffällig beobachtet hatte, und versuchte, sich wieder auf den Artikel über Peter Maffay zu konzentrieren, aber der Duft nach Tabak und Aftershave, der vom Nebentisch zu ihr herüberströmte, lenkte sie ab. In den Geruch mischte sich etwas Unbestimmtes. Irgendetwas Seltsames, Süßliches. Vielleicht war es der Geruch von Drogen. Der Geruch stieß sie ab und zog sie gleichzeitig an. Wie unter Zwang sah sie wieder zu dem Mann. In diesem Moment glitt sein Blick über ihre Brüste, die sich unter ihrem Rollkragenpulli wölbten. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und hob das Heft an, um sich wieder dahinter zu verstecken.
»Ach, der Maffay, der spielt den Rocker, dabei ist das doch Schlager, was der macht!« Seine Stimme klang spöttisch.
Rita erstarrte. Offenbar hatte der Musiker ihre Neugierde bemerkt. Langsam ließ sie das Heft sinken und sah schüchtern zu ihm hinüber. Ihr schoss das Blut in den Kopf und ihr Gesicht glühte. Am liebsten wäre sie geflohen oder hätte nicht geantwortet. Aber sie traute sich nicht, so unhöflich zu sein.
Sie machte ein gleichmütiges Gesicht. »Wie bitte?« Sie musste all ihren Mut zusammennehmen, um einigermaßen laut zu sprechen.
»Ich sage, der Maffay ist ein Schlager-Fuzzi! Der hat doch keine Ahnung von Rock’n’Roll!« Der Musiker lehnte den Ellbogen auf den Stehtisch, wobei die Ärmel seines Ledermantels knirschten, und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.
»Ich steh auch eigentlich mehr auf die Stones«, stellte Rita klar. Ihre Stimme klang jetzt etwas sicherer.
Der Musiker hob die Augenbrauen und bewegte den Kopf, so dass das Licht der Wintersonne in einem anderen Winkel auf sein Gesicht fiel. Seine Haut schien irgendwie wächsern und grau.
»Und auf amerikanischen Blues«, schob sie hinterher. Sie schlug das Heft zu, legte es ab und sah auf das Cover des Magazins. Maffay trug zum halblangen Haar Koteletten, hatte ein Hemd mit schnörkeligen Stickereien und großem Kragen an und hielt eine Westerngitarre in den Händen.
»Auf amerikanischen Blues?« Neugierde lag in seinem Blick. »Auf wen zum Beispiel?«
»Na ja«, entgegnete sie zögerlich. »Auf B. B. und Albert King zum Beispiel.«
»Aha.«
»Wobei ich Albert King noch besser finde als B. B. King.« Rita fühlte sich immer selbstsicherer.
Der Musiker lächelte sie herausfordernd an. Er packte seinen Instrumentenkoffer und seine Kaffeetasse und kam zu ihr herüber, wobei die Absätze seiner Stiefel auf dem Fliesenboden klackten.
»Darf ich?«, murmelte er und stellte, ohne ihre Antwort abzuwarten, seine Tasse auf ihren Tisch. »Ich finde Albert King auch besser.« In seiner tiefen Stimme schwang Anerkennung. »Albert King hat viel mehr Drive und Power als B. B. King. Klar, B. B. King ist noch berühmter! Natürlich ist er auch spitze, aber ich glaube, dass Leute wie Albert King oder John Lee Hooker langfristig eine stärkere Wirkung auf die europäische Musik haben. Letztlich stehen doch Soulmusiker wie James Brown oder Rockgitarristen wie Chuck Berry für die neue Richtung. Gehst du öfter auf Konzerte?«, fragte er unvermittelt.
Rita schüttelte den Kopf. Vorsichtig biss sie in ihr Croissant und nahm einen Schluck Kakao.
»Schade.« Er machte eine kurze Pause und fuhr fort: »Die Engländer haben ja alles von den schwarzen Bluesmusikern übernommen und dann bisschen auf Rock getrimmt. An den Stones finde ich krass, dass die noch nicht mal den Takt halten können!« Er lachte auf. »Wobei … es stört ja offenbar keinen! Klar, Charlie Watts gibt das Tempo korrekt vor, aber keiner hört auf ihn, das ist echt schräg!« Während er weitersprach, nahm er ein Silberfläschchen aus der Innentasche seines Mantels, schraubte es auf und goss eine goldbraune Flüssigkeit in seine Kaffeetasse, vielleicht Cognac. Erstaunt sah Rita auf die Uhr, die hinter ihm an der Wand hing. 7 Uhr 29. Unfassbar, dass er um diese Uhrzeit schon Alkohol trinkt, fuhr es ihr durch den Kopf. Der Musiker bemerkte ihren Blick und drehte sich zu der Uhr um. Offenbar hatte er ihre Gedanken erraten, denn er wandte sich ihr wieder zu, zwinkerte verschwörerisch und raunte beschwichtigend: »Ich fahr ja mit dem Zug!« Er rieb sein Kinn und musterte ihren Körper von oben bis unten. Kurz darauf wanderten seine Augen zu einer Kundin in einem engen Rock. Rita sah verlegen auf die Tischplatte und beäugte insgeheim ihre Brüste. Sie waren rund und größer als die ihrer Freundinnen. Manchmal schämte sie sich dafür. Zum Glück habe ich mich heute Morgen geschminkt, dachte sie sich.
»Wie heißt du?«, fragte er.
»Rita.«
»Und wie mit Nachnamen?«
»Goldschmidt.«
»Was machst du beruflich?«
»Ich mache eine Ausbildung in einem Altersheim.« Sie wischte einen imaginären Krümel von der Tischplatte. Der Typ war ganz schön neugierig.
»Hast du Geschwister?«
»Sechs.«
»Oh, das ist ne Menge! Wie alt bist du?«
»Neunzehn.«
»Bist du für die BRAVO dann nicht schon bisschen alt?«
Wieder glühten ihre Wangen. Sie zuckte mit den Achseln und lächelte verlegen.
Er lachte und macht eine wegwerfende Handbewegung. »Na ja, steht wenigstens ab und zu was über Musik drin, wenn auch meistens über solche Typen wie den Maffay. Schöner Pulli übrigens.«
Wieder lächelte sie und murmelte: »Danke! Den hab ich mit meiner Schwester auf der Zeil gekauft.«
Während er sich mit einem Streichholz eine Zigarette ansteckte, wies sie mit dem Kopf in Richtung seines Koffers und fragte: »Was spielst du für ein Instrument?«
»Meistens Saxophon.« Er wiegte ernst den Kopf und rieb seine Nase. »Manchmal auch Klarinette oder Rhythmusgitarre. Eventuell würde ich gern ganz auf Gitarre umsteigen. Keyboard find ich aber auch super … In letzter Zeit haben wir viel Blues, Soul und Rock gespielt. Aber auch eigene Sachen. Am Wochenende proben wir wieder und demnächst wollen wir auch mal wieder ein Konzert geben in einem der Clubs hier in der Nähe von Frankfurt. Ab und zu kriegen wir sogar ein paar Mark. Oft versuchen die Clubbesitzer aber auch uns zu verscheißern.«
Er sagte verscheißern, nicht verarschen. Das klang merkwürdig. Seine Augen funkelten wütend.
»So nach dem Motto: Ihr könnt ja froh sein, dass ihr hier n bisschen Werbung für euch machen könnt. Manche von denen sind echte Arschlöcher, am liebsten würde ich die …!« Er ballte die Faust und sein Gesicht wurde rot. Dann beruhigte er sich offenbar wieder. »Manche von den Clubs auf dem Land sind gar nicht schlecht. Dort sind die Leute oft netter und die Mädchen manchmal sogar schöner.« Jetzt sah er Rita tief in die Augen und sie blickte sofort zu Boden.
»Zum Beispiel in Kelkheim und Schwalbach gibt es ’n paar gute Läden. Königstein kannste vergessen. Einfach zu versnobt! In der Wetterau sind komischerweise die besten Clubs. Da wohnen lauter nette Jungs und die Mädchen sehen da super aus! Ich frag mich manchmal, woran das liegt. In der Wetterau haben ja schon die Römer Weizen angebaut wegen dem guten Klima dort. Vielleicht haben die ’n paar vernünftige Gene mitgebracht.« Er lachte, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und zündete sich gleich die nächste an. Geistesabwesend nahm er ein Bündel Streichhölzer aus der Schachtel, zerbrach sie in der Mitte und warf sie in den Aschenbecher. Dann griff er sich das nächste Bündel und zerbrach auch das, bis die Schachtel leer war. Rita sah ihm zu und schüttelte kaum merklich den Kopf. Womit wollte er sich jetzt seine Zigaretten anzünden?
»Ich arbeite in ’ner Druckerei hier um die Ecke. Ich hab ’ne Lehre zum Klischeeätzer gemacht. Da haben der Maffay und ich noch was gemeinsam!« Wieder lachte der Musiker. Sein Lachen klang rau.
Rita blickte interessiert zu ihm auf. Wenn er in der Nähe arbeitete, würde sie ihn vielleicht öfter treffen.
»Aber eigentlich will ich mich demnächst für Kunst und Sozialgeschichte einschreiben«, fügte er mit gewichtiger Miene hinzu. »Deswegen mache ich momentan an der Abendschule mein Abi nach.« Er nahm seine Hornbrille ab und putzte die Gläser an seinem Flanellhemd. »Ich bin in Königstein und Kronberg aufgewachsen, wohne jetzt aber in Frankfurt. Bestimmt laufen wir uns hier in der Nähe vom Hauptbahnhof ab und zu über den Weg.«
»Wie heißt eure Band?«, fragte Rita.
»Big City Soul Brothers. Ich wollte sie Greenland Rock nennen, aber die Jungs waren dagegen. Möchtest du vielleicht mal zu einem unserer Konzerte kommen?«
»Vielleicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wo wohnst du in Frankfurt?« Rita sah den Musiker aufmerksam an.
»In Rödelheim.«
»Ach, ich auch!«
Der Rauch seiner Zigarette zog in einem bläulichen Band durch den Raum. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und beugte sich nach vorne. Amüsiert sah er ihr in die Augen. Sonnenlicht spiegelte sich in seiner Iris wie im Eis eines Gletschers. Einen Moment lang war Rita wie hypnotisiert. Dann stieg ihr wieder der eigenartige Geruch in die Nase, den der Musiker verströmte, und sie wandte ihren Blick ab. Es war ein Geruch nach Kräutern, aromatisch und süß. Vielleicht Marihuana? Ihr Bruder rauchte ab und zu irgendein merkwürdiges Zeug und roch danach ähnlich.
Im nächsten Moment drehte der Musiker sich wieder zur Uhr um und rief: »Oh, ich komme schon wieder zu spät!« Er wischte mit der Hand durch die Luft und sagte: »Egal!« Er drückte seine Zigarette aus, schnappte sich seinen Instrumentenkoffer und riss die Tür auf. In diesem Augenblick betrat eine Frau die Bäckerei. Sie war groß, schlank und rothaarig. Oh nein, Hilde! Der Musiker hielt ihr die Tür auf, drehte sich nochmal zu Rita um, rief: »Tschüss, mach’s gut bis bald!«, und stürmte dann nach draußen. Durch das Schaufenster sah Rita, wie sein Ledermantel im Wind schaukelte. Die rothaarige Hilde stand nun am Tresen an. Sie war eine Freundin ihrer Mutter, die sie nicht besonders mochte. Sie versteckte sich wieder hinter ihrer BRAVO, hatte aber das Gefühl, dass Hilde sie schon bemerkt hatte.
Nachdem Hilde den Laden wieder verlassen hatte, aß Rita ihr Croissant auf. Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Sie klemmte sie hinters Ohr und zog nachdenklich ihre Cordhose hoch. In letzter Zeit hatte sie abgenommen. Sie gähnte, wobei sie ihre Fäuste hochwarf und die Arme anspannte, bis ihre Gelenke knackten. Auch sie würde heute zu spät zur Arbeit kommen, aber es war ihr egal. Was für ein merkwürdiger Typ, dachte sie. Aber attraktiv. Und so ungeheuer selbstbewusst! Offenbar hatte er noch nie im Leben an sich selbst gezweifelt – ganz im Gegensatz zu ihr.Außerdem mochte sie musische Männer. Sie stand nicht auf diese Karrieretypen, die immer nur über ihre Arbeit sprachen und mit ihren Autos angaben.
Insgesamt war Rita zufrieden mit sich. Zum Glück hatte sie ihre Unsicherheit verborgen. Sie konnte nicht ewig den paar Männern, die sie beachteten, aus dem Weg gehen. Sie war es leid, sich von ihren Freundinnen, die teilweise jünger waren als sie, als alte Jungfer verspotten zu lassen.
Da fiel ihr ein: Sie hatte den Musiker gar nicht nach seinem Namen gefragt.
Jetzt, Mitte Januar, erschien Rödelheim noch schäbiger als sonst. Die Gründerzeithäuser links und rechts der engen Straßen wirkten, als kippten sie nach innen wie auf einem expressionistischen Gemälde. Die Sonne stand tief über der Stadt. Durch ein Loch in der Wolkendecke schien sie auf die verschachtelten Dächer und warf lange Schatten, in denen die Menschen verschwanden. Auf einem Plakat, das an einer Straßenlaterne befestigt war, warb die SPD mit dem Gesicht von Willy Brandt.
Trotz der Kälte setzte er sich auf eine Bank in eine Ecke des Bahnhofsvorplatzes. Dann rückte er seine Hornbrille zurecht, zog die Schiebermütze tief ins Gesicht und band den Schal fester um den Hals. Nachdenklich zündete er sich eine Zigarette an und nahm einen Schluck Cognac. Diese Rita war genau das, was er suchte: ein Mauerblümchen. Ihre Haut und ihre Lippen waren etwas blass, sie redete leise und bewegte sich vorsichtig. Ihre Ponyfrisur wirkte kindlich und bieder. Eine Frau, die von den meisten Männern übersehen wurde, weil sie zu zurückhaltend war. Ein typisches Aschenputtel. Aber natürlich war sie jung, schlank und schön. Mit diesem Typ Frau hatte er schon gute Erfahrungen gemacht. Klar, er war nicht der Hübscheste, er sah eher markant aus, aber das war okay bei einem Mann. Als Musiker kam man auch nicht bei allen Frauen gut an. Aber Rita gehörte nicht zu dem Typ Frau, dem es wichtig war, wie viel ein Mann verdiente. Das hatte er sofort erkannt. In der Bäckerei hatte er sich geschickt in ihrem Blickfeld positioniert, so dass sie ihn erstmal mustern konnte. Er strahlte Selbstbewusstsein aus. Das war das Wichtigste, das kam an bei den Frauen. Sie hatte ihm Blicke zugeworfen, also konnte er sie ansprechen. Er hatte sie ganz schön zugelabert, das war ihm klar. Ein bisschen Angeberei musste sein! Aber er hatte auch nicht zu dick aufgetragen.
Unter der Bank krabbelte trotz der winterlichen Kälte ein Käfer zwischen seine Füße. Er beobachtete ihn eine Weile, dann zertrat er ihn. Fasziniert studierte er den Matsch aus Beinen und Flügeln.
Die Begegnung in dem Café vor zwei Wochen war kein Zufall gewesen. Er hatte sie schon öfter gesehen und heimlich beobachtet. Zum ersten Mal, als sie an einem düsteren Freitagabend gedankenverloren aus dem Bahnhof Rödelheim geschlendert kam. Da war er ihr bis nach Hause gefolgt. Die Art, wie sie ging, der verträumte Gesichtsausdruck, ihre Schüchternheit, ihr Gesicht, das dunkle Haar, die Figur, biegsam und graziös wie eine Ballerina. Das passte alles! Damals hatte sie eine Freundin getroffen und kurz mit ihr geplaudert. Die Freundin sah auch nicht schlecht aus. Groß und irgendwie exotisch mit dunklem Teint. Eine sehr selbstbewusste Frau. An diesem Freitagabend hatte er am Bahnhof herumgelungert, um ein Bier zu trinken und ein bisschen nach den Frauen zu gucken. Er war nicht gut drauf, denn bei der Arbeit war wieder mal einiges schiefgegangen, aber Ritas Anblick hatte ihm wieder Auftrieb gegeben und er war ihr spontan gefolgt. Nach ihrer Begegnung im Café Kannengießer hatte er sie immer mal wieder im Zug von Rödelheim zum Hauptbahnhof gesehen – und jedes Mal unauffällig beobachtet.
Da war sie! Sie ging über den Bahnhofsvorplatz. Rita bemerkte ihn nicht, er saß in seinen Mantel gehüllt in seiner Ecke. Verträumt blickte sie in den Winterhimmel und der Wind fuhr durch ihr Haar. Bei jedem Schritt bewegte sich ihr runder Hintern unter ihrem engen Cordrock und ihre Wadenmuskeln zeichneten sich unter der Strumpfhose ab. Unter ihrem Arm klemmte eine Handtasche. Sollte er ihr folgen? Er beugte sich nach vorne und sah ihr nach. Schließlich entschied er sich dagegen, denn sie ging in Richtung ihrer Wohnung.
Ob sie heute nochmal losziehen würde? Wenn ja, konnte das wahrscheinlich dauern. Er würde einfach hier auf sie warten.
Er zog ein zerknittertes Exemplar des Rolling Stone aus seinem Ledermantel und las darin. Es fiel ihm nicht leicht, die Artikel in Englisch zu verstehen, aber er wollte sich verbessern. Obwohl er gern mit den Händen arbeitete, ödete ihn die Arbeit als Klischeeätzer an. Er zeichnete ab und zu gerne und betrachtete sich als kreativen, modernen Typ. Er ging mit der Zeit.
Nach einer Weile schaute er über den Rand des Heftes. Eine Blonde mit üppiger Figur flanierte über den Bahnhofsplatz. Sie warf einem entgegenkommenden Mann einen koketten Blick zu. Offenbar war sie heiß.
Er stellte sich die Blonde nackt vor. Stellte sich vor, er sei ein Polizist, habe sie verhaftet und in eine enge Zelle eingesperrt. Sofort regte sich sein Glied. Nachdem die Blonde einen Augenblick später aus seinem Blickfeld verschwunden war und sich seine Gedanken wieder beruhigt hatten, wurde ihm kalt.
Er nahm einen Schluck Cognac und zündete sich die letzte Zigarette an. Er rauchte zu Ende, stand auf, steckte das Heft in die Manteltasche und ging zum Kiosk am Anfang der Radilostraße. Dort kaufte er sich eine Packung Rothändle, ein Fläschchen Asbach Uralt und eine Frankfurter Rundschau. Langsam bummelte er zurück zu seiner Bank in der Ecke des Bahnhofsplatzes. Aus einer Kneipe trat ein Herr im Lodenmantel, setzte sich einen Filzhut auf, zündete sich eine Pfeife an und ging leicht schwankend die Straße hinunter. Ein richtiger Spießer!, dachte er. Die Kneipe hieß Bembel-Eckund lag in einem Fachwerkhaus mit Fenstern aus Butzenscheiben. Dort hatte sein Onkel ihm an seinem sechzehnten Geburtstag ein Bier ausgegeben.
Er beobachtete die Tauben, die sich vor seiner Bank um Krümel stritten, und erinnerte sich: Als Kind war er einmal für eine Woche zu seinem Onkel nach Rödelheim geflohen. Er hatte damals nach der Schule einer Klassenkameradin an die Brust und an den Hintern gefasst. Obwohl ihr dasselbe einen Tag vorher noch gefallen hatte, war sie direkt zum Direktor gelaufen. Von seinem Vater bekam er einige saftige Ohrfeigen, seine Mutter sperrte ihn drei Tage in seinem Zimmer ein. Direkt nachdem sie ihn wieder rausgelassen hatte, haute er zu seinem Onkel ab. Der versuchte, seine Eltern zu beschwichtigen, nach dem Motto: Das ist doch alles Teil der normalen Entwicklung. Seitdem war er vorsichtiger mit Frauen. Kurze Zeit nach dem Vorfall hatte ihm sein Vater das Jagdmesser mit der Hasen-Gravur in der Klinge geschenkt. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen wegen der Ohrfeigen.
Er verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Hinter ihm ratterte ein Zug in den Bahnhof, die Bremsen kreischten und eine Durchsage, die er nicht verstand, hallte zu ihm herüber. Im nächsten Moment ergoss sich ein Strom Reisender über den Platz, die sich in alle Himmelsrichtungen verteilten.
Gleichzeitig tauchte eine schmale Gestalt aus einer Seitenstraße auf, bewegte sich auf ihn zu und bog in die Radilostraße. Er richtete sich ein Stück auf. Das war sie! Er hatte Glück, sie ging nochmal aus. Hastig faltete er die Zeitung zusammen und steckte sie in die Manteltasche. Er stand auf und folgte ihr. Eine junge Frau kam Rita entgegen, lachte, winkte ihr zu und umarmte sie. Das war nicht die große Exotische, die er schon kannte. Jetzt zogen die beiden Frauen Richtung Lorscher Straße. Er stand auf und folgte ihnen in weitem Abstand. Die andere Frau war blond, etwas kleiner als Rita und ihre Hüften wirkten etwas breiter. Sie trug eine enge Hose und eine kurze Jacke. Während sie neben Rita herlief, gestikulierte sie lebhaft, berührte Rita am Arm und lachte immer wieder auf.
Die beiden verschwanden jetzt in einem Blumenladen, während ihm gleichzeitig ein Bekannter entgegenkam. Schnell senkte er den Kopf, verlangsamte seine Schritte, wechselte die Straßenseite und blieb vor einem Antiquariat unweit des Blumenladens stehen. Davor stand unter einer Markise ein Tisch mit Bücherkisten. Gelangweilt stöberte er in einer Kiste und zog ein Buch heraus. Es war ein Krimi. Er durchsuchte eine andere Kiste, wobei er den Eingang des Blumenladens nicht aus den Augen ließ. Jetzt holte er ein weiteres Buch heraus. Es war Sigmund Freud: »Das Ich und das Es«, das er aufschlug. Nun tat er so, als überflöge er den Text, wobei er immer wieder zu dem Blumenladen lugte. Sollte er das Buch mitgehen lassen? Er blickte sich um. Hier waren nur wenige Passanten unterwegs, obwohl der Himmel etwas aufgeklart hatte.
Im nächsten Augenblick gingen die Straßenlaternen an und Rita und ihre Freundin traten aus dem Laden auf die Straße. Rita trug einen kleinen Blumenstrauß, der an ihrem rechten Arm nach unten baumelte, während sie sich mit dem linken Arm wieder bei der Blonden unterhakte.
Kurz darauf erreichten sie den Kiosk am Rande des Solms-Parks am Ufer der Nidda und die Blonde verabschiedete sich von Rita. Mit gesenktem Kopf ging Rita weiter in den Park. Wo will sie bloß hin?, grübelte er. Oder geht sie einfach nur spazieren? Aber mit einem Blumenstrauß? Sie bog nach rechts ab, dann nach links und erreichte den Spielplatz am Nidda-Ufer. Hinter dem Platz, der menschenleer dalag, plätscherte ein Bach in den Fluss. Rita folgte der Uferpromenade und hob kurz den Blumenstrauß.Eine Radfahrerin – eingehüllt in Mantel und Schal – kam ihnen mit wehendem Haar entgegen. Das Schutzblech klapperte und er hörte sie keuchen, als sie erst Rita und danach ihn passierte. Kurz sah er dem Fahrrad hinterher, dessen Rückleuchte in der Dämmerung verschwand. Die Radfahrerin bremste plötzlich, schlidderte mit einem kratzenden Geräusch über den Kies und fluchte. Hinter ihr verschwand ein Schatten in der Hecke. Vielleicht eine Katze oder ein Igel.
Als er sich wieder nach vorne wandte, war Rita verschwunden. Entsetzt blieb er stehen. Wo war sie hin?! Hektisch rannte er den Uferweg entlang bis zum Ende einer Hecke und schaute nach rechts in eine Straße. Undeutlich erkannte er eine Silhouette. Vielleicht war sie auch schnell geradeaus gerannt? Aber hätte sie so schnell rennen können? Und warum hätte sie rennen sollen? Hatte sie vielleicht bemerkt, dass sie verfolgt wurde? Er beschloss der Silhouette zu folgen, die sich stadteinwärts einer Straßenlaterne näherte, die sie schwach beleuchtete. Schneller gehend erkannte er im Lichtkegel der Laterne jedoch eine unförmige Person, die einen Hund an einer Leine führte. Mist! An der Kreuzung blieb er stehen. Ratlos blickte er nach links, nach rechts und schließlich zurück zum Fluss. Nichts. Angestrengt lauschte er und meinte auf der linken Seite Schritte zu hören. Er trabte in die Richtung, aus der die Schritte kamen, und starrte angestrengt in die Dämmerung. Undeutlich erkannte er jetzt eine schmale Gestalt. Da war sie! Weit vor ihm, aber zu erkennen an dem Blumenstrauß. In diesem Moment bog sie nach rechts. Hastig nahm er die Verfolgung wieder auf. Rita durchquerte jetzt einen kleinen Park. Sie strebte auf eine hohe Mauer mit einem Tor zu. Hinter der Mauer ragten Bäume in den Abendhimmel. Das war der Friedhof.
Sie öffnete das Eisengitter und trat durchs Tor. Er eilte ihr hinterher und schob sich vorsichtig durch den Torbogen.
Rechts stand ein Steinengel flankiert von zwei Rosenbüschen. Nicht weit dahinter stand eine Garage. Durch das offene Tor konnte er im Vorbeigehen trotz der Dämmerung Gartengeräte darin ausmachen. Er roch Moder und Fäulnis. Tief sog er den Geruch ein, blickte zur Seite und erkannte im Halbdunkel einen Komposthaufen. Er mochte Friedhöfe. Während er seinen Blick über die Gräber schweifen ließ, stellte er sich vor, wie sich die Toten in ihren Gräbern zersetzten. Wie die Organe zerflossen und von Maden und Würmern gefressen wurden.
Rita ging vor ihm durch die Pappelallee, die mitten durch den Friedhof führte. Unter ihren Stiefeln knirschte der Kies. Er wich auf den grasbewachsenen Wegesrand aus. Nun wurde sie langsamer, bog ab und blieb an einem Grab stehen. Er verbarg sich hinter einem Mausoleum und blickte kurz nach oben zu dem Tempelgiebel, dann hinter sich, um sicherzustellen, dass ihn niemand beobachtete, aber der Friedhof war leer. Rita hatte den Kopf gesenkt. So stand sie eine Weile regungslos da. Auch hier roch es irgendwie modrig. Nicht nach Verwesung, sondern nur nach faulendem Laub. Gierig sog er den Geruch ein, denn er mochte ihn. Wieder stellte er sich Rita nackt vor. Wie er sie auszog. Wie er sie fesselte. Er stellte sie sich auf einer Grabplatte liegend vor. Der Gedanke erregte ihn, sein Atem ging schneller, am liebsten hätte er sich eine Zigarette angesteckt, aber das hätte ihn wohl verraten. Er bemerkte, dass seine Hand leicht zitterte.
Rita hustete. Langsam beugte sie sich nach vorn und legte den Blumenstrauß auf das Grab. Dann richtete sie sich auf und ging weiter.
So leise wie möglich setzte er zur Verfolgung an. An dem Grab blieb er kurz stehen, beugte sich tief nach unten. Im Halbdunkel entzifferte er die Schrift auf dem schwarzen Granit:
Anton Goldschmidt 13.6.1969 – 14.8.1970.
Er richtete sich auf und spähte in die Dunkelheit. Am Ende des Weges nahm er undeutlich eine Bewegung wahr und hörte Geräusche. Mit großen Schritten eilte er ihr hinterher, stolperte über einen Gegenstand, der laut klappernd weggeschleudert wurde, und fiel zu Boden. Sein Knie und seine Handgelenke schmerzten. Fluchend stand er auf, da hörte er eine Stimme rufen: »Hallo, Hallo, ist da wer?« Hastig humpelte er hinter einen Grabstein und kauerte sich auf den Boden.
Die ganze Woche war er bei der Arbeit unkonzentriert gewesen, aber auch voller Vorfreude. Am Bahnhof Rödelheim hatte er Rita getroffen. Sie hatte eingewilligt, ihn zum Konzert zu begleiten. Zerstreut bediente er die Ätzmaschinen. Als er mit einem Kanister hantierte, spritzte ihm etwas Salpetersäure ins Gesicht. Zum Glück hatte er die Schutzbrille aufgesetzt. Während er die Zinkplatten in der Fräserei mit der Hackschere zerteilt hatte, hätte er beinahe einige Platten verschnitten. Das Problem mit der Verabredung war, dass er zwar in einer Band spielte, aber gar kein Konzert geplant war. Manchmal log er, ohne eigentlich genau zu wissen, warum. Das geschah ganz automatisch, aber oft gelang es ihm anschließend, einen Vorteil aus der Lüge zu ziehen. Er wusste nur, dass er gerne mit Rita allein sein würde, und zwar an einem möglichst einsamen und abgelegenen Ort. Was er dann mit ihr machen würde, war ihm selbst noch nicht ganz klar, aber er hatte ja noch ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken.
In seiner Dachwohnung in Schwalbach war es warm. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr. Das Plakat über dem Herd, das eine splitternackte Frau zeigte, die sich auf einem Nilpferd räkelte, war mit Fettspritzern übersät. Die Wohnung roch etwas muffig. Er öffnete das Dachfenster und ging hinüber ins Schlafzimmer. Auf dem zerwühlten Bett lag aufgeschlagen das Anatomiebuch.
Er öffnete die Schranktür, schloss mit einem Schlüssel an seinem Schlüsselbund eine Schublade auf und zog ein Pornoheft hervor. Obwohl er allein lebte, schloss er es sicherheitshalber immer ein.
Er legte das Heft neben das Anatomiebuch und ließ sich aufs Bett fallen. Die geöffnete Seite in dem Buch zeigte das Bild eines weiblichen Beckens mit Knochen, Muskeln und Organen. Zwischen den Beckenknochen drängten sich Darmschlingen, die Blase und der Uterus mit den Eileitern. Das Bild erinnerte ihn ans Kaninchenschlachten in Königstein. Sein Vater hatte die Kaninchen bei einem Bauern aus dem Dorf gekauft, sie lebend mit nach Hause gebracht und mit einem Schlag in den Nacken getötet. Das tote Kaninchen übergab sein Vater an seine Mutter. Daraufhin befahl sie ihm, ihrem Jungen, dem Tier das Fell über die Ohren zu ziehen. Erst schnitt sie das Fell mit einem Küchenmesser in der Mitte ringsum auf. Anschließend zogen sie an beiden Enden und es löste sich ganz leicht, als zöge man einem Kind einen Schlafanzug aus. Das nackte, vom Fell befreite Kaninchen wirkte merkwürdig und gruselig. Wie ein Monster, voller Blut.
Anschließend schnitt die Mutter dem Tier den Bauchraum auf und riss die Organe raus.
Manchmal griff auch er in die warme, blutige Masse.
Das Knacken der Gelenke beim Aushebeln der Beine spürte er auch heute noch in seinen Händen, wenn er nur daran dachte. Ein wohliger Schauer durchlief seinen Körper.
Er griff nach dem Anatomiebuch und studierte das Bild genau. Die Anatomie der weiblichen Genitalien war wirklich kompliziert. Auch die Texte, die sie beschrieben, las er ab und zu. Der Uterus auf dem Bild sah aus wie eine Birne. Ein hohler Muskel, der in der Scheide endete.
Wie es wohl wäre, den Uterus mit einem Skalpell herauszuschneiden? Die feinen Eileiter und Ovarien zu entfernen, wäre bestimmt schwieriger, als einem Karnickel die Innereien herauszureißen. Er blätterte eine Seite weiter. Fasziniert betrachtete er die Abbildung einer Vaginalöffnung, der Schamlippen und der Klitoris.
Er hatte keinen Bock mehr auf Zurückweisungen, er würde sich einfach nehmen, was er brauchte! Er hatte keinen Bock mehr auf Frust, er wollte endlich Spaß haben! Natürlich hörte er ständig eine innere Stimme, die ihm sagte: »Lass das, arbeite härter, benimm dich!« Es war eine tiefe, scharfe, autoritäre Stimme. Aber ihm fiel es nicht schwer, diese Stimme zu ignorieren. Er hörte sie, aber sie ließ ihn kalt. Natürlich kannte er Mitgefühl, aber auch das war eher theoretisch. Er wusste, was Mitgefühl war, aber er empfand es nicht. Vielleicht war das überhaupt das Problem. Außer Wut, Frust und Hass empfand er wenig. Nur wenn er etwas ganz Krasses erlebte oder tat, regte sich etwas in seinem Inneren.
Er konzentrierte sich wieder auf das Anatomiebuch. Bei der Betrachtung der Abbildungen dachte er an Rita. Ob sie innen auch so aussah? Aber die Bilder waren nur sterile Illustrationen. Ritas Organe waren warm und ihr Herz pumpte Blut durch sie hindurch. Ihre Schleimhäute waren feucht und voller Leben.
Er zog das Pornoheft näher heran, blätterte, bis er das Foto einer Brünetten vor sich hatte. Dann schob er die Hand in seine Hose, atmete tief durch. Er malte sich aus, wie er Rita küsste, ihre Taille, ihre Schenkel. Wie er an ihren Brustwarzen saugte und schließlich tief in sie eindrang. Er stellte sich ihre Brüste vor. Organe. Blut. Seine Hand bewegte sich schneller.
Bald war er so weit.
Vor seinen Augen zuckten Blitze und tanzten Sterne.
Erschöpft ließ er sich auf das Bett zurückfallen und starrte durch das Dachfenster in den Himmel. Ein Flugzeug zog einen Kondensstreifen. Eine Taube flog vorbei. Die Leere in seinem Inneren war grenzenlos. Er atmete tief durch, sein Herzschlag beruhigte sich. Er fühlte nichts. Wie so oft. Die heraufbeschworenen Bilder waren verblasst. Er erkannte nur noch eine Art Nebel.
Auch in den Wäldern des Taunus, die er als Kind durchstreift hatte, war es oft neblig. Verschwommen tauchten zwischen den Nebelschwaden die Fichten und Eichen auf, die Königstein umgaben. Dann lichtete sich der Nebel und er sah sich selbst als Junge, Pilze sammeln und eine Hütte bauen. Auf einer Lichtung entzündete er ein Lagerfeuer. Das war natürlich verboten. Er dachte an die Eichhörnchen, die er zu füttern versuchte. Wie sie die Eichenstämme rauf und runter rannten. Die Viecher waren wirklich putzig. Einmal hatte er eines mit seiner Steinschleuder getroffen und danach mit einem Stock erschlagen. Er hatte Igeln den Bauch aufgeschlitzt, Mäuse zerquetscht und eine Katze geköpft. Die Tierkadaver hatte er nachts in Vorgärten drapiert. Später hatte er die Gespräche der Nachbarn darüber belauscht und ihr Entsetzen genossen. Besonders entsetzt war die hübsche Tochter, die gleich um die Ecke wohnte. Gerade weil er so auf sie stand, ergötzte er sich an ihrer Reaktion. Wehmütig dachte er an sie.
Bei der letzten Frau hatte er ewig baggern müssen, bis sie so weit war. Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie zu fragen, ob er sie ans Bett fesseln dürfte. Er hatte es dann doch lieber sein lassen. Später hatte sie gemeckert, weil er sich drei Tage nicht gemeldet hatte. Immer das Gleiche! Ätzend! Immerhin, ihr Körper war geil gewesen.
Vielleicht sollte er doch mal eine Nutte probieren? Er hatte ein bisschen Geld gespart. Eine Nutte war ein Profi. Man sagte, was man machen wollte, und zahlte. So einer konnte man sicher auch Handschellen anlegen. Wahrscheinlich kostete das extra. Andererseits sollte man sein Geld vielleicht besser behalten. Eine Frau wie Rita war jedenfalls etwas ganz anderes. Sie war eher eine Heilige. Eine Heilige ans Bett zu fesseln, das war eine großartige Vorstellung! Im Grunde widerstrebte es ihm, eine Frau für Sex zu bezahlen. Ihm war selbst nicht ganz klar, ob aus moralischen Gründen? War Prostitution wirklich unmoralisch? Er hatte dazu keine Meinung. Vielleicht bin ich einfach zu geizig, dachte er. Seine Eltern hatten ihn zu Sparsamkeit erzogen. Das war unvermeidlich, denn sie hatten wenig Geld. Er empfand nicht viel, wenn er an sie dachte. Vielleicht ein bisschen Melancholie. Sie taten ihm nicht wirklich leid. Letztlich war jeder für sich selbst verantwortlich, jeder seines Glückes Schmied.
Sie stieg aus der Badewanne und griff nach dem Handtuch. Es war hart und rau und mindestens genauso alt wie das gesamte Badezimmer. Badekammer würde diesen engen Raum treffender beschreiben, dachte sie und zog schnell die Sachen an, die sie auf dem Stuhl zurechtgelegt hatte. Mit dem Handtuch wischte Rita den beschlagenen Spiegel ab und betrachtete ihr Gesicht.
Sie war so bleich wie immer und trug etwas mehr Lidschatten und Wimperntusche als sonst auf. Sie wandte sich zum Badezimmerschrank, öffnete eine Schublade und kramte nach dem Lippenstift, den ihre ältere Schwester Susanne ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, und den sie vor ihrem Vater tief unten in der vollgestopften Schublade verbarg. Vorsichtig bemalte sie ihre Lippen. Der Farbton des Lippenstifts war zartrosa, was gut zu ihr passte. Sie hörte, wie draußen vor der Tür Susanne mit ihrem neuen Freund sprach und zu ihm ins Auto stieg. Fast hätte Rita ihr erzählt, dass sie einen Mann kennengelernt hatte, mit dem sie ein Konzert besuchen wollte, entschied sich aber dagegen. Obwohl sie nur selten etwas vor ihrer Schwester verbarg, sollte das Rendezvous ihr Geheimnis bleiben. Sie war noch nie mit einem Mann ausgegangen. Es reichte aus, wenn sie Susanne danach davon berichtete. Kritisch betrachtete sie den Ausschnitt ihres Kleides. Der BH blitzte hervor. Vorsichtig zog sie den Stoff des Kleides mit beiden Händen nach oben. Jetzt konnte man ihren Brustansatz nur noch erahnen.
Sie hatte den Musiker zufällig am Hauptbahnhof getroffen und er lud er sie zu einem Konzert seiner Band ein in einen Club, der Black Crow hieß.
Zögernd hatte sie Ja gesagt.
Sie trat einen Schritt vom Spiegel zurück und betrachtete sich in dem engen Kleid. Dann sprühte sie etwas von dem Parfum, das ihre Mutter ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, auf den Hals. Es roch nach Maiglöckchen. Vielleicht sollte sie sich mal ein anderes kaufen, das eher zu einer erwachsenen Frau passte, überlegte sie. Hoffentlich würde er sie nicht bedrängen! Ein Kuss zum Abschied, mehr wollte sie auf keinen Fall. Trotzdem stellte sie sich vor, er würde seine Hand in ihren Ausschnitt schieben. Ihr wurde heiß und kalt bei dem Gedanken. Natürlich musste sie jetzt mit 19 bald mal ihre Jungfräulichkeit loswerden. Schließlich lebte man nicht mehr in den muffigen Fünzigern. Na ja, ihre Eltern vielleicht noch, aber sie nicht mehr. Rita ging zwar ab und zu noch ganz gern sonntags mit in die Kirche und betete auch manchmal, aber mittlerweile kamen ihr Zweifel. Gott, die unsterbliche Seele, das ewige Leben, das Paradies und die Hölle – das schien ihr doch alles ziemlich unwahrscheinlich. Ihre ältere Schwester sprach viel von der Psyche, Psychoanalyse, dem Unterbewussten und Verdrängung. Sie hatte da irgendein Buch gelesen. Rita verstand nicht alles, was sie erzählte, fand aber diese ganzen Theorien interessant.
Wie fühlte es sich an, entjungfert zu werden? Manche Freundinnen sagten, es tue weh. Die anderen meinten, das sei nicht so schlimm und sie hätten schon beim dritten Mal einen Wahnsinnsorgasmus gehabt. Was damit genau gemeint war, konnte sie sich auch nicht wirklich vorstellen. Es klopfte an der Badezimmertür, im selben Moment rief ihr kleiner Bruder: »Lass mich rein! Ich muss mal.«
»Augenblick! Ich bin ja schon fertig!«, antwortete sie.
Gedankenverloren schloss sie die Tür auf. Ihr Bruder verdrehte die Augen, stöhnte, rief genervt: »Weiber!« und eilte ins Bad. Aus dem Zimmer ihres älteren Bruders drang Rockmusik. Jimmi Hendrix spielte All along the Watchtower. Seine Gitarre wimmerte und jaulte und er sang:
There must be some kind of way outta here
Said the joker to the thief
There’s too much confusion
I can’t get no relief.
Rita kannte den Text und sang leise mit. Auch sie mochte Hendrix. Es war noch nicht lange her, dass er in einem Hotel in London gestorben war. Ihr Vater hasste diese Negermusik, wie er immer sagte.Selbst Elvis bezeichnete er als Negermusik. Im Flur roch es nach Bratkartoffeln. Sie warf einen Blick in die Küche. Ihr Vater saß im Unterhemd am Küchentisch, trank ein Bier aus der Flasche und rauchte eine Zigarette. Ihre Mutter spülte ab. Wie immer trug sie einen geblümten Kittel. Neben ihr schleckte die Katze gierig Milch aus einer Schüssel. »Tschüss Mama, tschüss Papa«, rief sie. »Ich bin bald wieder da.« Ihr Vater blickte auf und runzelte die Stirn. Ihre Mutter drehte sich um, in der Hand hielt sie die Spülbürste und einen Teller. Sie lächelte und sagte: »Viel Spaß, mein Engel!«
Am 31. Januar 1971 stand Rita wie vereinbart in Rödelheim am Bahnhof. Freudestrahlend ging er auf sie zu. Er hielt ihr die Tür seines Ford Taunus auf und starrte auf ihren hübschen Hintern, während sie einstieg. Sie lächelte schüchtern und wurde rot. Vielleicht hatte sie seinen Blick bemerkt. Er sog den Maiglöckchen-Duft, der Rita entströmte, durch die Nase ein. Sie war stärker als sonst geschminkt und ihre Haut schimmerte rosig. Ihre Augenlider leuchteten in einem intensiven Blau. Ihre Beine steckten in leuchtendroten Strumpfhosen.
Über Praunheim, Eschersheim und Berkersheim fuhren sie die Nidda entlang Richtung Bad Vilbel. Bald lag die Stadt hinter ihnen. Auch im Winter war die Wetterau schön. Die Landschaft lag wie erstarrt unter einer dünnen Schneedecke. Bäume und Dörfer hoben sich schwarz von ihr ab. Hier und da war die Straße glatt. Er steuerte sportlich durch eine Kurve und das Heck des Ford brach aus. Er fing den Wagen ab, sah in Ritas erschrockenes Gesicht, lachte und beruhigte sie: »Keine Angst, ich hab grad frische Winterreifen aufgezogen! Bei diesen Temperaturen ist das besser.« Er steckte sich eine Gauloises an. Er war gut gelaunt, fast ein bisschen aufgekratzt.
»Unsere Band ist echt nicht schlecht. Das wirst du ja gleich selbst hören«, schwärmte er. »Die Jungs sind sehr gute Musiker und echte Kumpels. Mit unserem Schlagzeuger, bin ich schon in Königstein und Oberursel zur Schule gegangen.«
»Big City Soul Brothers, sagtest du, richtig?«
Er nickte.
»Ich habe noch nie von euch gehört. Was spielt ihr so?«
»Na ja, wie der Name schon sagt: Soul, aber auch zum Beispiel Bluesrock.«
Als sie eine lange gerade Allee erreichten, beschleunigte er, um ein Moped zu überholen. Danach lugte er wieder zu Rita hinüber. »Du sieht toll aus heute!«
»Danke«, murmelte sie, zog die Jacke aus und richtete ihren langen Pferdeschwanz. Er schielte zu ihr hinüber, erhaschte einen Blick auf ihre Brüste. Auch Rita schien verstohlen darauf zu gucken.
»Wen findest du besser: Lennon oder Jagger?«, fragte er unvermittelt.
»Oh, ich weiß nicht. Und du?« Sie schien etwas verlegen.
»Lennon natürlich«, antwortete er. »Natürlich kann sich Jagger nicht mit Lennon messen. Lennon ist viel innovativer und ein echter Intellektueller.« Er war ein Kenner, ein Experte. »Musikalisch ist natürlich auch Brian Wilson von den Beach Boys einer der Größten. Unser Drummer meint, der mehrstimmige Gesang von den Mamas and Papas sei noch besser als der der Beachboys, aber das ist natürlich Quatsch! Ist halt ’n Schlagzeuger, hat keine Ahnung von Harmonien! – Mach doch mal das Handschuhfach auf!«
Rita öffnete es, lugte hinein und sah ihn dann mit unsicherem Blick an.
»Nimm sie raus«, forderte er sie auf.
Zögernd zog sie die Flasche Eierlikör aus dem Handschuhfach.
»Nimm doch mal nen Schluck! Schmeckt echt gut!«, drängte er.
Sie guckte ihn fragend an.
»Komm schon! Es ist kalt! Ich nehm’ nachher auch einen.«
Sie reagierte noch immer nicht.
»Den hab ich extra besorgt!« Tatsächlich trank er lieber Asbach oder Obstler. Er hatte das süße Zeug gekauft, weil er annahm, dass sie Weinbrand oder Schnaps nicht trinken würde. »Jetzt mach schon!« Er blickte sie ungeduldig an.
Sie schraubte die Flasche auf uns setzte sie an die Lippen. Als sie die Flasche absetzte und das Gesicht verzog, grinste er.
»Na, also!«
»Warst du eigentlich neulich auch bei der Anti-Vietnam-Demo?«
»Nein.« Sie schlug die Augen nieder.
»Am Ende haben wir ’n Sit-in vor der Univerwaltung gemacht und haben dabei getrommelt. Du hättest sehen müssen, wie dumm der Rektor und die anderen Profs geguckt haben, als sie nicht in ihre Büros kamen. Nimm doch noch ’nen Schluck!«, ermunterte er sie wieder.
Zögernd trank Rita. Für ein Mädchen war sie ziemlich schweigsam. Irgendwie gefiel ihm das. Aber sie sollte ruhig auch mal was sagen! »Neulich bei ’ner andren Aktion an der Uni haben die ganzen Studentinnen ihre BHs ausgezogen – da haben die Profs noch dümmer aus der Wäsche geguckt.« Er lachte. Rita schwieg. Während er im dritten Gang eine Steigung hinauffuhr, brummte der Motor des Wagens so laut, dass er eine Antwort ohnehin nicht verstanden hätte. Er musste um jeden Preis eine Unterhaltung in Gang bringen, damit sie mal etwas lockerer würde. Die paar Schluck Eierlikör würden das nicht schaffen.
»Eigentlich mache ich mir nichts aus Prominenten und Schauspielern«, erklärte er. »Außer natürlich den ganz großen. Wen findest du schöner: Brigitte Bardot oder Jane Fonda?« Er wusste, dass seine Vergleiche ziemlich willkürlich waren.
»Beide sind toll«, antwortete sie nachdenklich. »Die Bardot ist vielleicht noch schöner. Aber die Fonda ist eine Bürgerrechtlerin.«
»Da hast du recht.«
»Wusstest du, dass die Bardot mit dem Ehemann von der Fonda verheiratet war?«, fragte Rita.
»Nein! Tatsächlich?!«
»Gib mir doch auch mal ’nen Schluck!«
Sie reichte ihm stirnrunzelnd die Flasche.
Er trank daraus. Der Eierlikör schmeckte wirklich scheußlich! »Wie verstehst du dich eigentlich mit deinen Geschwistern?«
»Sehr gut«, antwortete Rita. »Besonders mit meiner älteren Schwester Susanne. Natürlich mag ich auch meine jüngeren Brüder. Ich musste oft auf sie aufpassen.«
Er schwieg einen Augenblick. Dann nahm er noch einen Schluck und gab ihr die Flasche wieder zurück, um in die nächste Kurve zu biegen. »Ich habe gar keine Geschwister«, sagte er nachdenklich. Er starrte auf die Straße und kurz kamen die Bilder aus dem Anatomiebuch ihm in den Sinn. Wieder sog er Ritas Duft ein und meinte ihr Herz pochen zu hören. Während er auf die Straße sah, versuchte er sich vorzustellen, wie sich ihr Gesäß an den Autositz schmiegte und wie ihre Organe in ihrem Becken lagen. Sofort war er erregt. Die Straße führte weiter auf und ab durch die Wetterau. Das Auto schaukelte sanft hin und her. Er fuhr absichtlich einen längeren Weg.
»Meine Familie ist aus Siebenbürgen eingewandert«, erzählte Rita. »Am Anfang haben wir alle zusammen in einer Notunterkunft in einer Turnhalle gelebt, dann kurz in einer besetzten Villa im Westend. Später, als mein Vater die Arbeit in der Eisengießerei gefunden hat, haben wir die Wohnung in Rödelheim bekommen.«
Er schwieg eine Weile, dann fragte er unvermittelt: »Kann es sein, dass ein kleiner Bruder von dir gestorben ist?«
Entsetzt schaute sie zu ihm rüber: »Woher weißt du das?«
»Du heißt doch Goldschmidt mit Nachnahmen. Da gibt es so einen Grabstein auf dem Friedhof in Rödelheim.«
»Ja, da liegt mein Bruder. Er ist an Meningitis gestorben.« Ihre Stimme klang traurig.
»Sag mal, hast du von dem Vorfall mit dem Spanner am Unischwimmbad gehört?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Da gibt’s so perverse Säue, die Frauen beim Duschen beobachten.« Forschend blickte er zu ihr rüber.
Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und machte ein fragendes Gesicht.
Großartig!, fuhr es ihm durch den Kopf. Das Ganze fing jetzt an ihm wirklich Spaß zu machen.
Mit quietschenden Reifen bog er an einer Kreuzung rechts ab. Sie näherten sich einem Traktor. Ohne zu zögern scherte er auf die Gegenfahrbahn aus und gab Vollgas. Plötzlich tauchte in der Kurve vor ihnen ein Lastwagen auf.
»Vorsicht!«, schrie Rita und krallte sich am Sitz und dem Türgriff fest.
Ungerührt steuerte er mit durchgedrücktem Gaspedal direkt auf den Laster zu. Der Motor dröhnte. Jetzt waren sie auf der Höhe des Traktors. Einen Augenblick später hatten sie ihn passiert und er riss das Steuer nach rechts. Beinahe wären sie im Straßengraben gelandet. Dann donnerte der Lastwagen an ihnen vorbei.
Kurz sah er zu Rita hinüber, die ziemlich bleich wirkte und sich immer noch in den Sitz presste.
»Das war knapp.« Er grinste und fuhr unbekümmert weiter.
»Wir müssen noch schnell das Schlagzeug holen«, erklärte er kurz darauf. »Zu Hause hat unser Drummer keinen Platz. Deswegen hat er sein Schlagzeug in dieser Hütte untergestellt. Außerdem kann er zu Hause nicht üben. Das ist einfach zu laut. Der übt einfach da drin.« Er lachte. »Mir ist auch nicht ganz klar, wie er das macht. Ist saueng und kalt. Unser Drummer ist echt ’n irrer Typ.«
Schwungvoll bog er nach einiger Zeit von der Landstraße nach rechts in einen Feldweg ein. Die Hütte lag weithin sichtbar in einem flachen, menschenleeren Tal, das von Hecken, Wiesen und Feldern bedeckt war, die der Schnee weiß gefärbt hatte. Zudem hatte hier Raureif die Bäume und Büsche mit Eiskristallen überzogen, was die Landschaft märchenhaft erscheinen ließ. Auch der Himmel war weiß und jetzt am Nachmittag breitete Frost sich aus. Er bog wieder nach rechts ab. Der Ford Taunus ratterte den Feldweg entlang und streifte die Eiskristalle von den langen Gräsern. Er drehte das Radio lauter und lächelte ihr zu. Ihr Gesicht war immer noch bleich. Offenbar saß ihr sein Überholmanöver in den Knochen. Die verzerrten Gitarren der Kinks dröhnten aus den Lautsprechern. Sie machten reißende Geräusche wie eine Säge.
You and me were free
We do as we please, yeah,
From morning, till the end of the day
Till the end of the day!
»Der Onkel von unserem Drummer ist Landwirt und hat hier einen kleinen Garten. Die Hütte gehört dazu«, sagte er. In Wirklichkeit wurde die winzige Hütte nur ab und zu von Jägern genutzt. Sie war aus Holzbrettern gezimmert, hatte ein kleines Fenster und eine große Tür. Daneben befand sich ein verwilderter Garten mit Obstbäumen und Beeten.
»Du könntest mir helfen, ein paar Becken zu tragen«, sagte er zu Rita, während er den Wagen vor der Hütte stoppte.
